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35 Jahre Volksrepublik



Dieses Kapitel möchte ich all den nicht selbstverständlichen Aspekten einer Gesellschaftsordnung widmen, welche das Leben der Menschen in der Volksrepublik prägten. "Volksrepublik" - schon das Wort mit seiner Überzeichnung der "Macht des Volkes" scheint symptomatisch für die Verzerrung der damaligen Gegebenheiten zu sein. Dies brauchten die Machthaber, weil doch die sozialistische Realität des Alltags, die Menschen vom Gegenteil überzeugte. Spezifisch bekamen es jene zu spüren, die nominal zum polnischen Volk gehörten, aber durch bestimmte Merkmale doch irgendwie daneben standen. So u.a. die "nicht vorhandenen" ethnischen Minderheiten, zu welchen auch die Deutschen gehörten. Und diese blieben bei vielen Gelegenheiten, gewollt oder ungewollt, immer benachteiligt. Wenn es um mich geht, waren es keine gravierenden oder gar lebensbedrohlichen Geschichten. Ich hatte (fast) nichts mit dem Staatssicherheitsdienst zu tun, und saß auch nicht im Gefängnis. Trotzdem, mehr oder weniger, ungewollt 35 Jahre in Polen. Dieses Schicksal aber teilten mit mir Hunderttausende...
Und das war eine spezifische Eigenschaft eines sozialistischen Staates. Deswegen auch kann ich meine Lebensverhältnisse dort nicht als normal abtun, obwohl ich vom materiellen Standpunkt, und auch in anderer Hinsicht, nicht schlechter gestellt war, als der Durchschnitt der Bürger. Trotzdem behielt mein "Experiment Volksrepublik" den Status eines etwas anderen Beobachters. Hier also werde ich meine Erfahrungen mit dieser vergangenen Gesellschaftsordnung, aber auch mit Menschen dieses Staates schildern.

Inhaltsverzeichnis:

1. Sprache I                  -   Grundsätzliche Probleme

2. Sprache II                -   Ein sehr konkreter Fall

3. Der Staat                  -    ... und seine Eigenheiten




   

Die Sprache auf dem Index



Für mich fing das "Anderssein" im Juni 1945 an. Eigentlich hatte ich schon während der Rückkehr von der Flucht, und später Zuhause während der Rekonvaleszenz, die Möglichkeit mich mit den neuen Umständen meines Lebens vertraut zu machen. Doch wirklich kam es mir erst dann zu Bewußtsein, als auch meine Mutter, mit Harald und Maria, von der Flucht zurückkamen. Denn ihr Weg hatte sie über das, damals wohl schon effektiver von Polen verwaltete, Niederschlesien zurückgeführt. Ihre Erzählungen, der erste Gang auf die Straße, die andere Umgebung (Ruinen), andere Gesichter - jedoch vor allem die andere Sprache - brachten mir die endgültige Erkenntnis, daß ich jetzt in einer anderen, neuen Welt zu leben habe.

Die ersten polnischen Wörter, welche in meinem Gedächtnis Fuß fassten, waren Schimpfwörter. „Hitlers“ und „Schwabe“. Fürs erste Wort brauchte ich keine Erklärungen, es war für mich verständlich. Trotzdem ich nur ein Deutscher war, der das Polnische nicht kannte. Mit dem zweiten hatte ich so meine Schwierigkeiten. Einerseits verband ich es mit den Bewohnern eines deutschen Landes, welche für ihre Arbeitsamkeit und ihre Pfiffigkeit bekannt sind, anderseits löste es Verbindungen mit dem unappetitlichem Insekt, der Schabe aus. Doch blieb mir die endgültige Lösung dieses Rätsels bis heute verwehrt. Denn auch die in späteren Jahren befragte Polen, wußten auch keine eindeutige Erklärung zur Ethymologie dieses Wortes. Womöglich hängt es mit einer der vielen kleinen "Völkerwanderungen" ab, als Polen mit Schwaben zusammentrafen.
Jedoch nicht das war mein Problem, sondern die mit diesem Worte verbundene mentale, (manchmal auch reale), Einstufung zur Kategorie der, für den Krieg und für alle Leiden verantwortlichen - und deswegen schuldigen Menschen. Das bekam ich in den ersten Nachkriegsjahren auf Schritt und Tritt zu spüren. Meine Kommunikationsmöglichkeiten waren, wegen fehlender Sprachkenntnisse, stark eingeschränkt. Ein unbedacht ausgeprochenes, deutsches Wort zog gewöhnlich irgendwelche Repressionen nach sich. Gut, wenn es nur "wörtliche" blieben. Wobei ich hier von meinem jugendlichen Umfeld spreche. Im Falle von Erwachsenen verliefen solche "Fehltritte" anders. Doch da mein Vater, und auch meine Mutter, das Polnische wenigstens rudimentär beherrschten, gab es in unserer Familie keine größeren Probleme.  (Bei dieser Gelegenheit: Vater arbeitete schon einige Tage nach dem Durchgang der Front wieder auf dem Stellwerk, erst für die Sowjets, dann für die polnischen Staatsbahnen).
Die Situation rund um die Sprache verbesserte sich für mich verhältnismäßig schnell, nämlich mit den sich einstellenden Kenntnissen der polnischen Sprache. Trotzdem blieben verschiedene Episoden aus jener Zeit in mir wach.

So kleine und größere Übergriffe übereifriger Milizionäre, oder eben solcher Neubürger, welche mit fanatischem Eifer alles Deutsche auszurotten versuchten. Von der barbarisch anmutenden Räumung der Stadtbücherei auf Lastwagen (aus der wir, Jugendliche, einzelne Bücher "retten" konnten) über die Ausmerzung aller deutschen Inschriften auf Denkmälern, Kanaldeckeln, Informationsträgern und Friedhöfen, bis hin zu Kontrollen der Taschen der Autochthonen. Das war besonders beliebt unter den polnischen Jugendlichen, welche ab 1946 schon in der deutlichen Mehrzahl waren. Meinem Leseeifer (beschrieben in "Die Geisterstunde" ) mußte ich mit besonderer Vorsicht frönen, und jegliche deutsche Bücher immer unter der Kleidung, oder auch im Finsteren transportieren.

Auch Helene, jetzt schon seit 53 Jahren meine Frau, hatte ihre Erfahrungen. Sie kam erst gegen Ende 1946 nach Polen zurück, und hatte deswegen noch größere Schwierigkeiten mit der polnischen Sprache. Als Leseratte war sie auf deutsche Bücher angewiesen. So lag sie irgendwann im Sommer 1947 auf der Wiese vor ihrem Haus, Tarnowitzer Landstraße 30, und verband ein Sonnenbad mit der Lektüre eines wahrscheinlich interessanten Buches. Denn erst, als plötzlich ein Schatten auf sie fiel, wurde sie in die Gegenwart zurückgeholt. Und erblickte einen Milizionär, welcher sich für ihr Buch interessierte. Sich daran erinnern, daß es ein deutsches, dazu geliehenes, Buch war und sich blitzschnell dem eventuellen Zugriff zu entziehen, waren eins. Die Decke ihrem Schicksal überlassend floh sie, natürlich nach Haus. Hinter ihr der weniger flinke Hüter des Gesetzes. Trotzdem schnell genug um zu hören, in welcher Wohnung sie verschwand. Dort fand er sich auch einige Augenblicke später ein, um nach dem jetzt schon verschwundenen Buch zu fahnden. Was sich natürlich, wegen mangelnder Verständigungsschwierigkeiten als beinahe unlösbar herausstellte. So hatte er einen anderen Gedanken: Er drohte die ganze Familie einsperren zu lassen. Oder, seine andere Lösung, Helenes ältere Schwester - könnte mit einem abendlichen Treffen dieses Vergehen aus der Welt schaffen. Nun, so weit ich diese Angelegenheit kenne, hatte er auch dabei kein Glück ...

Von der Verbohrtheit der Vertreter der damaligen Macht, eigentlich der ganzen politischen Klasse der Volksrepublik, möge ihr Streben zeugen, welches entgegen der Realität, auf die Repolonisierung von Schlesien, der "ewig" polnischen Gebiete ausgerichtet war. Also eine Eliminierung jeglicher, deutschsprachiger Geschichte. Dieses Wirken beinhaltete tragische, traurige aber manchmal auch humoristische Momente.
Die Aktion der Degermanisierung war in erster Linie gegen das deutsche Wort gerichtet, welches die neuen Herren, in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens, ins Gesicht stach. Da gab es doch in Gleiwitz einen solchen Eiferer, welcher das herausmeißeln deutsch klingender Namen und Bezeichnungen aus den gußeisernen Kanaldeckeln auf den Straßen befahl. Eine immense Handarbeit damals, gab es doch wohl Hunderte Deckel, auf denen u.a. das Wort "Königshütte" stand! Und die vielen anderen...
Doch trauriger war die Anweisung der Entfernung aller deutschen Inschriften, oder deutscher Namen, von Grabmälern. Das konnte man nur durch Meißeln der Granit- oder Marmorsteine erreichen. So gab es bald auf jedem Friedhof eine Menge verschandelter Platten, Tafeln oder ganzer Denkmäler. Sogar Doppelbuchstaben in Namen wurden um jeweils einen reduziert - weil es diese in der polnischen Sprache fast nicht gibt. Die Gedenksteine von Gräbern, welche schon keine Betreuer mehr hatten, (ein Großteil der Menschen hat doch Gleiwitz mehr oder weniger gutwillig verlassen), wurden einfach umgestürzt. Ob vom Mob oder von den Staatsvertretern, kann ich nicht sagen. Aber es kam ja auf das Gleiche raus.
So jedenfalls kam es dazu, daß die Stadt bald über große Vorräte an Mamor- und Granitplatten verfügte. Diese wurden natürlich wiederverwertet, im schlechtesten Fall als Schutt beim Straßenbau. So hat die zur Grube "Gleiwitz" führende Straße in Teilen einen Unterbau aus eben dieser Quelle. Wenige, sehr wenige deutsche Grabmäler haben die Nachkriegszeit überstanden, davon jedes durch jene pietätlose Vorgehensweise gezeichnet. So z.B. kann man heute im Lapidarium (geschaffen in den Zeiten nach der Volksrepublik), auf dem ehemaligen (alten) Friedhof an der Coseler Straße, das Grabmal, der für Gleiwitz des XIX Jahrhunderts verdienten Familie Hegenscheidt, sehen.
Weiteren Ärger hatten die linientreuen Stadtväter mit den Aufschriften, welche als Reklame oder Firmensitzbezeichnung, die vielen blinden, mehrstöckigen Hauswände in der Stadt zierten. Die manchmal metergroßen Buchstaben kündeten mit deutschen Worten von der Vergangenheit der Stadt. Das war etwas absolut Unzulässiges, deswegen wurden diese Flächen einfach übermalt. Doch die neue, sozialistische Farbe konnte der Witterung nicht so recht trotzen, deswegen konnte man sich schon nach ein paar Regengüssen von der besseren, "Vorkriegsqualität" der deutschen Farbe überzeugen, und erneut den Beruf oder die Firmenbezeichnung des ehemaligen Eigentümers erfahren. So schaute ich auf meinem täglichen Weg zum Polytechnikum, schon in den späten fünfziger Jahren, mit einer inneren Belustigung, nach jedem gutem Regen aus der richtigen Richtung, auf die Wörter: "Spedition und Umzüge...
Ähnlich ging es mir mit einem kleinen emaillierten Schild mit der Straßennummer der Ausfallstraße in Richtung Kieferstädtel. Es hang da noch Anfang der siebziger Jahre an dem, die Fahrdrähte der Straßenbahn haltenden Mast, und verkündete ehemalige Straßenordnungen. Unaktuell seit 1945, versah es noch Anfang der siebziger Jahre (ob auch noch später, das weiß ich nicht) seinen Dienst. Und niemand von der Stadtverwaltung, oder den Verkehrsbetrieben, war kompetent genug um dieses, von der Vergangenheit zeugende, Schild zu entfernen.
Obwohl wir schon das Jahr 2007 schreiben, gibt es in und um Gleiwitz noch viele, ungewollte Zeugen der Vergangenheit. Einige davon möchte ich hier in Erinnerung rufen. So gab es auf der Oberwallstraße das Fürsorgeamt, welches sich heute - zwar nur von der Inschrift her - wieder zu Worte meldet. Die Geschichte des Gleiwitzer Polytechnikums baut (aber nur wörtlich) auf der ehemaligen "Maschinenbau und Hüttenschule", an der Ecke der Breslauer- und Markgrafenstraße. Über ehemalige Eisenbahnverbindungen informiert diese Inschrift in der Unterführung in Beuthen.

Das Merkmal, welches die Hiesigen, die Autochthonen von den "normalen" Polen unterschied, war die Kenntnis der deutschen Sprache. So weit, daß man, nicht nur in Gleiwitz, von den (einfachen) Neusiedlern als Deutscher betrachtet wurde, nein wahrscheinlich hatte das Kriterium auch in anderen Teilen Polens seine Gültigkeit. Denn ich wurde mit so einer Einstufung auch später noch an vielen Orten, manchmal demütigend oder schmerzlich konfrontiert, und in der Überzeugung meiner Andersartigkeit gefestigt.

Ein Beispiel, welches mir bis heute noch lebendig ist, möchte ich hier erzählen:
Ungarn, 1959.  -  Das Steckenpferd unseres damaligen Dekans hatte mir einen Ausflug nach Paris torpediert, dafür aber zwei Wochen Ferien in Ungarn beschert. So fand ich mich an einem bestimmten Tag in Warschau ein, um dort mit einer bunt gewürfelten Studentengruppe aus ganz Polen zusammenzutreffen. Mit dieser kam ich dann in ein internationales Jugenddorf an der Donau, in welchem sich Gruppen aus allen Satellitenländern der Sowjetunion, trafen. Außer aus der Sowjetunion selbst. Denn das war nach der sowjetischen Intervention im Jahre 1956 ziemlich verständlich. So kam es auch für uns öfters zu Mißverständnissen, wenn die Einheimischen die polnische Sprache als Russisch verstanden, wobei das jedoch gewöhnlich schnell geklärt werden konnte. Aber nicht davon wollte ich hier erzählen.
In der polnischen Gruppe, neben der grauen Alltäglichkeit, befand sich ein nettes, "dunkeläugiges Wesen". Ein Mädchen, Studentin der Medizin aus Krakau. Das erfuhr ich noch in Warschau, denn wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. Sie kam aus einer gut situierten Arztfamilie, und meine Gesellschaft sagte ihr zu. Von mir wußte sie nur, daß ich aus Oberschlesien kam, und etwas mit dem Bergbau zu tun hatte. Das alles, bevor wir noch in Ungarn waren. So betrachtete ich sie als eine gute "Kumpanin", mit der ich später viel Zeit verbrachte und von der ich überzeugt war, daß auch sie mich als solchen sieht.
In dieser, aus vielen Nationalitäten bestehenden Gesellschaft, kam es auch dazu, daß ich mich zuweilen der deutschen Sprache bediente. Z.B. bei Kontakten mit einigen Mitgliedern der rumänischen Gruppe, welche Deutsch sprachen. Denn hier erfuhr ich zum ersten Mal, daß es in anderen, nichtdeutschen Ländern durchaus möglich ist, in deutsche Schulen zu gehen, deutsche Zeitungen und Bücher zu lesen. Für mich ein kleiner Schock. War ich doch durch die polnischen Verhältnisse eines einheitlichen, polnischen Volkes, die strikte Ablehnung alles Deutschen, der Meinung, daß dies die Normalität sei - und weitete diese Überzeugung, naiv und unbewußt, auf andere Länder aus. Meine Sichtweise der volksrepublikanischen Politik bekam ihren ersten Sprung. Doch wiederum, nicht davon wollte ich schreiben.
Unsere "Gruppe" war immer in Aktion. Wanderungen, die Puszta, Budapest, Besuche von Sehenswürdigkeiten und volkstümlichen Lokalen, waren an der Tagesordnung. So lernte ich dort auch die Sitte des Weintrinkens kennen, welcher anstatt Wasser, während der Mahlzeit in Krügen auf dem Tisch, bereit stand. Nach so einer, leicht feuchtfröhlichen Mahlzeit, waren wir mit der ziemlich besetzten Fähre auf dem Plattensee unterwegs. Ich stand eingekeilt an der Reeling, während etwas weiter einige unserer Leute, schräg hinter mir, eine Gruppe bildeten. War es der Wein, der sie zu einer etwas lauteren Unterhaltung veranlaßte? Jedenfalls hörte ich, in der eher schweigenden Umgebung der vielen Menschen, die polnische Unterhaltung ungewollt mit. Man sprach über die Umgebung, über Menschen und gemachte Erfahrungen. So auch über die vielen deutschen Touristen, und deren freundiche Aufnahme durch die Einheimischen. Das gefiel dem einen oder anderen nicht besonders, und so kam es auch zu mißbilligenden und abwertenden Äußerungen zum Thema der Deutschen. In diesem Augenblick schaltete sich meine Schwarzäugige ein: "Leiser, sonst hört es womöglich noch der Karl. Er ist doch auch ein Deutscher."
Ich fiel aus allen Wolken. Die heitere und unbeschwerte Atmosphäre der letzten Tage war plötzlich vorbei. Es hat mich wieder erreicht! Du wirst niemals ein Pole, niemals ein Oberschlesier sein. Und niemals eine nationale Identität haben. Weil deine Kenntnis der deutschen Sprache Dich zu einem Deutschen abstempelt. Obwohl du in Polen lebst, obwohl Oberschlesien deine Heimat von Geburt an ist, in welcher du doch weiterhin leben mußt. In mir wurde der Verdacht wach: Nicht nur die Regierung, auch die Allgemeinheit hat ein spezifisches Verhältnis zu den Menschen aus diesem Lande. Ein Verdacht, der später, in meinem Berufsleben zur Gewißheit wurde: Polen schielte immer auf Oberschlesien, sah es zwar als bequemen Erbringer von Leistungen, aber unbequemen wegen der besonderen Eigenschaften der dort heimischen und arbeitenden Menschen. Diese hatten nämlich ihren eigenen Charakter, hatten ihre Sprache, konnten mit womöglich besseren geistigen Eigenschaften aufwarten, und das wohl Wichtigste war ihre größere Nähe zu Deutschland. Z.B. eben durch solche Menschen wie mich, deutschsprechende.
Doch diese Überlegungen waren damals für mich bedeutungslos, hatte ich doch von der unerwartesten Seite wieder eine Lektion bekommen, von jemandem, dem ich einen solch primitiven Standpunkt nicht zugetraut hätte. Mein Menschenverständnis hatte sich nicht bewiesen. Nun, ich war damals erst 25 Jahre alt...

(Erinnert im Jahre 2007)

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Etwas über Kollegen, Vertrauen und die deutsche Sprache

Die Probleme mit der Sprache reichten auch tief ins private Umfeld. Hier bringe ich den Versuch einer Rechtfertigung, einer Erklärung meines Verhaltens in den fünfziger Jahren, im Zusammenhang mit dem, damals nicht geäußerten, Mißtrauen meines besten Kommilitonen.



Die Nachkriegspolitik des polnischen Staates, der Volksrepublik Polen im Verhältnis zu den Einheimischen in Oberschlesien endete nicht bei administrativen Aufgaben, Verordnungen oder Bekanntmachungen. Die Art des Umgangs mit dem Bürger, vor allem dem jungen - ich spreche hier von meinen Erfahrungen - hinterließ ein undefiniertes Gefühl der Abhängigkeit, und zugleich Unsicherheit, man vermißte jegliche Stütze und war eigentlich immer auf der Hut vor unbekannten Repressionen: Es war eine Leere ohne Anhaltspunkte.
Gekommen aus einem verängstigten Heim, das eigentlich immer mit Problemen des täglichen Überlebens beschäftigt war, brachte ich außer einigen moralischen Richtlinien wenig mit, als ich mich in der Schule, später mit 15 Jahren auf meiner ersten Arbeitsstelle, und nach knapp drei Jahren schon in fremder Umgebung selbst behaupten mußte.
Überall da mußte ich auch mit dem Merkmal meiner Abstammung leben:  Oberschlesier?   Nein, Deutscher !!!   Man erkannte das z.B. schon an der schlechteren Kenntnis der polnischen Sprache. Das änderte sich zwar mit der Zeit und später, mit dem Eintritt in ein selbstständiges Leben, begann ich die deutsche Sprache zu meiden. Anfangs war das nicht einmal besonders notwendig, denn wer interessierte sich schon für einen Jungen und seine sprachlichen Fähigkeiten? Doch erst im Internat, als einziger Oberschlesier unter Polen, kam es zu einer kompletten Konspiration meines Andersseins. Bei meinen Kollegen und wohl auch der Lehrerschaft mit eher begrenztem Wissen um geschichtlich-territoriale Zusammenhänge, war es für mich nicht schwierig, als "normaler" Pole zu gelten. Das ging so weit, daß ich mich im letzten Schuljahr dem Zwang meiner Kollegen - welche durch die Bank (weil älter als ich) der polnischen Arbeiterpartei (PZPR) angehörten - beugen mußte und als Kandidat der Partei beitrat. Diese Kandidatur blieb zum Glück nur eine Episode, denn im folgenden Jahr, 1956, in einem kurzzeitig anderen politischen Klima, konnte ich dieses Unternehmen schmerzlos verlassen.
Auf der Hochschule, in der Gesellschaft vieler oberschlesischer Kommilitonen von beiden Seiten der Vorkriegsgrenze, waren meine Deutschkenntnisse kaum ein Thema. Spätestens aber nach dem zweiten Studienjahr, nachdem ich eine Deutschprüfung abgelegt hatte, bestimmt nicht mehr. (Hier sollte man noch wissen, daß es in Oberschlesien nur auf den Hochschulen das Fach "Deutsch" gab).

Ja warum eigentlich gebrauchte ich diese Sprache nicht in der Öffentlichkeit? Einfach zu erklären: Ich wollte in dem, in der Volksrepublik herrschenden Klima, mögliche Unannehmlichkeiten und Überraschungen vermeiden, welche mir zwar auch so nicht erspart blieben. Im privaten Leben, in der Arbeit und der Hochschule, wie auch später bei verschiedenen Gelegenheiten. Denn eigentlich wollte ich mich dieses Males entledigen, ich wollte kein "ewiger" Feind Polens sein, wie mehr oder minder alle Deutschen. (Nun, später wurden es die "guten" Deutschen aus der DDR, per Definition, weniger). Ich hatte kein ausreichendes Rückgrat und auch keine Grundlagen um den Anschuldigungen gegen Deutschland, und zwangsläufig auch der deutschen Sprache, etwas gegenüber zu setzen. Und die sozialistische Propaganda - denn nur die erreichte in all den Nachkriegsjahren mein Bewußtsein - hatte alle Möglichkeiten eines kritischen Gesichtspunktes auf die Geschichte der Nachbarstaaten effektiv beseitigt. Außerdem kannte ich diese Geschichte kaum...

Unter diesen Gesichtspunkten sollten wir meine, durch meinen guten Kollegen vermutete, Unehrlichkeit bei der Bekenntnis zur deutschen Sprache sehen. Denn das eine oder andere Mal begann ich in seiner Anwesenheit kein Gespräch in dieser Sprache, oder unterbrach es womöglich gar, wenn er auf der Bildfläche erschien. Das meinte er.  Nun es ist nicht ausgeschlossen, daß es solche Situationen gab, in denen er dann jedoch meine Motive nicht erkannte: Erstens all die mich belastenden Hintergründe der volksrepublikanischen Politik und der Meinungslage eines Großteils der Bevölkerung. Und zweitens seine Verlegenheit, durch eine eventuelle Demonstration meines Könnens, welches ihm damals nicht gegeben war.
Keinesfalls also kann ich die Gedankengänge meines Freundes akzeptieren, und finde die Vermutung der Geheimhaltung, wie auch des daraus folgenden Verlustes seines Vertrauens, als nicht haltbar.

Es ist schade, und hier gebe ich meinem Freunde Recht, daß es damals zu keiner Aussprache zwischen uns kam. Wobei der Ausgang eines solchen Gespräches nicht unbedingt gewiß gewesen wäre...
Beide waren wir damals noch sehr unreif, und das war vielleicht der Grund, warum wir ein Gespräch, zu einem gesellschaftlich eher verfemten Thema, scheuten. Mich, weil ich die über all die Jahre angesammelte Erfahrung nicht einfach wegstecken konnte. Mein (womöglich sogar weltoffenerer) Freund aber, weil er durch mein nicht einsehbares Verhalten in dieser Angelegenheit verunsichert war.

So würde ich das heute sehen - und beide hätten wir auf die Angelegenheit damals unter einem anderen Blickwinkel schauen können.
Wahrscheinlich würde das heute, schon unter Einbezug der Weisheit des Alters, und den anderen politischen Gegebenheiten zu einem zufriedenstellenderen Ergebnis führen?

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Die Äquilibristik des Staates


Wenn ich heute in die Vergangenheit schaue, auf die damaligen Autoritäten, verkörpert durch Menschen oder die "Macht", auf all das was mein Leben, Lebensstil und die moralischen Werte bestimmte - sehe ich eine lange Kette sich verzahnender Ereignisse. Wobei die Kindheit, aus meiner damaligen Perspektive, die einzig richtige, ordentliche, und verständliche Weltordnung darstellte. Ich erinnere mich an den Krieg und die Nachkriegsjahre, an die Nuancen der  verschiedenen Gesellschaftsordnungen und Einstellungen der Menschen, bis hin zu der heutigen Zeit, mit ihrem unüberschaubaren Reichtum an Informationen.
Dies alles sollte mir ein objektives Urteil, und eine ebensolche Einschätzung der Vergangenheit gestatten - besonders aber jener Fragmente, welche sich auf mein Leben ausgewirkt, und es mitgestaltet haben.



So werde ich hier natürlich nur über einen Teil der die Gesellschaft prägenden Ereignisse berichten können. Vor allem über die, mit welchen ich in den langen Nachkriegsjahren konfrontiert wurde, welche meine Horizonte bestimmt haben - anders gesagt: in mein Bewußtsein vorgedrungen sind. Denn damit, wie es sich später herausstellen sollte, war es nicht am besten bestellt, (und das nicht nur bei mir). Weil hier die ausgefeilte selektive Informationspolitik der Herrschenden voll zur Geltung kam. Alle Informationen, welche die Überzeugung von einem sich korrekt entwickelnden sozialistischem Staatswesen, dem steigenden Wohlstand der Bevölkerung, hätten ins Wanken bringen können, wurden sehr effektiv unterbunden. Ebenso wie eventuelle Unmutsbezeugungen von Gruppierungen oder bestimmter Bevölkerungsschichten.
So wußte ich auch über die damaligen Studenten- oder Arbeiterbewegungen in der Volksrepublik sehr wenig, oder nichts. Diese Angelegenheiten gingen an mir vorüber - vielleicht deswegen so deutlich, weil ich von solchen Kreisen, in welchen man darüber kritisch sprach, vollkommen isoliert war. Hierbei schlug wieder mein Status, der des Autochthonen, zu Buche.
Sogar später, in den Jahren mit schon eigenen Überzeugungen und Beobachtungen, hatte ich keine Gesprächspartner für "staatsfeindliche" Themen. Deswegen wohl wurde mein Unterbewußtsein weiterhin durch die gängigen Klischees eines sozialistischen Staates geprägt. Fast so, wie in meiner Kindheit die Idee des III Reiches, mit allen seinen Auswüchsen, so selbstverständlich positiv und einmalig war.
In dem Licht meiner "zurückgebliebenen politischen Entwicklung", bei gleichzeitig unvollkommener Wahrnehmung gesellschaftlicher Probleme, möge man mir den Titel dieses Abschnittes verzeihen. Denn viele damalige Entscheidungen und Anordnungen des Staates, welche der Bezwingung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme dienen sollten, erinnern mich heute an die Anstrengungen eines Seiltänzers, welcher auf dem Seil um das Gleichgewicht ringt.

In loser Reihenfolge möchte ich hier einen Teil der Probleme jener Zeiten in Erinnerung rufen.

               Die Themen:

Büro   -   Industrie   -   Schulen   -   Vom Gesundheitswesen   -   "Staat"   -   Bürgererziehung   -  
Verschlungene Pfade   -   Mängel   -   Anzeichen der Normalität   



Büro.  Hier, gleich am Anfang, kommt doch auch sofort der Staat zur Sprache, denn er bestimmte - vor allem in diesen jungen Jahren - die Lebensart und die Weltanschauung.
Denn eigentlich startete ich in diese 35 Jahre mit dem Wissen um eine normal funktionierende Welt. Eine solche, wie ich sie von zu Hause mitbekommen habe, und in welcher die Politik eine für mich nicht bemerkbare Stellung einnahm. Dafür Gehorsam, die 10 Gebote, eine bestimmte Religiosität, die Achtung gegenüber "Gottes Gaben" und der Natur - das waren die Pfeiler meiner Persönlichkeit in jener Übergangszeit. Natürlich hatte der Krieg und seine gravierenden Folgen einige Auswirkungen auf meine Gesichtsweise der Welt, jedoch blieb diese noch über eine längere Zeit identisch mit der meiner Kindheit.
So verlebte ich die polnische Volksschule hauptsächlich mit der Gewöhnung an die polnische Sprache. Politische Ereignisse, so das Referendum: "3 x ja", welches die kommunistische Vorherrschaft legalisieren sollte, nahm ich nur als unerhebliches, fast nebensächliches, Ereignis wahr. Deswegen befand ich mich 1948 urplötzlich schon in der Erwachsenenwelt, welche durch die frühen Formen der sozialistischen Planwirtschaft gekennzeichnet war.
Gleich zum Anfang meiner Arbeit, in der großen Handelszentrale der chemischen Industrie, mußte ich einen umfangreichen, vielseitigen Fragebogen ausfüllen. Das erwies sich als erste Lehrstunde der realen Geschichte - und die Erkenntnis, daß auch ein sozialistischer Staat mit Methoden arbeitet, welche ich später als die eines Polizeistaates kennenlernen sollte. Stunden saß ich über dem Fragebogen und vertiefte mein Wissen um Politik und die Sprache. Zu Hause hatte ich niemanden, welcher mir dabei hätte helfen können - dafür fand ich an meinem Arbeitsplatz die eine oder andere mir freundlich gesinnte Seele, die mich mit ihrem Rat unterstützte. Welche der vielen Rubriken - von denen keine leer bleiben durfte - ich mit "nein", "betrifft nicht" oder einer anderen Floskel füllen konnte. PPR, PPS, Stronnictwo Ludowe, AK, AL - das ist nur ein Teil der Abkürzungen für verschiedene Organisationen mit denen ich mich wenigstens vorübergehend vertraut machen mußte. Um nicht nur mein Verhältnis zu ihnen darstellen zu können, sondern auch das meines Vaters, Bruders oder anderer Verwandter. Jetzt und in der Vergangenheit. Weiterhin die Auskünfte über familiäre Verhältnisse. Wer war oder ist im Ausland, aus welchen Gründen und für welche Zeit. Welche Kontakte mit Personen im Ausland unterhalten werden. Und nicht zuletzt natürlich die wichtige Frage nach der Volksliste und Gefängnisaufenthalten. Und weitere, wohl -zig Fragen. Alles zusammen geeignet, ein möglichst präzises Profil des Befragten zu erstellen.
Irgendwie schaffte ich diese Arbeit mit nur kleinen Verschweigungen bestimmter Fakten (ich erkannte schon die dafür ausgelegten Fragen), und der Fragebogen wurde in der Personalabteilung entgegengenommen.
Doch von diesem Zeitpunkt an wußte ich schon, daß mich der "Große Bruder" beobachtet (wie man heute sagen würde). Jeden Morgen, vor acht Uhr kam ich zur Arbeit, schrieb die Ankunftszeit in eine durch die Personalabteilung ausgelegte Anwesenheitsliste, und bestätigte dies mit meiner Unterschrift. Pünktlich um 8 Uhr wurde die Liste eingezogen und die später Angekommenen mußten ihre Unterschrift schon in der Personalabteilung leisten. Um 16 Uhr (Samstags um 14:00) die gleiche Prozedur - bei einem etwas größeren Gedränge. Diese Vorgehensweise stellte die ersten Anzeichen für die etwas später durch einen Rechtsakt eingeführte "Sozialistische Arbeitsdisziplin".
Nun, die Anwesenheitslisten erfüllten ihren Zweck auch bei dem Aufmarsch, und der Kundgebung zum 1. Mai 1949. ...

Die Organisation eines großen Unternehmens im Rahmen einer neuen Ideologie, so aus dem Nichts, war bestimmt keine leichte Aufgabe. Deswegen wohl verband man sozialistische Ideen mit gewachsenem Wissen des Kapitalismus, (da gab es damals sogar eine Abteilung für Reklame). Im konkreten Fall unserer Handelszentrale wurde ein kapitalistisches Handelsunternehmen um eine sozialistische, zentrale Planung ergänzt. Denn was schien einfacher, als alle Handelstransaktionen der gesamten chemischen Industrie in Gleiwitz zu bündeln, den Betrieben jegliche individuelle Vertriebsmöglichkeiten zu entziehen, und ihnen nur die zentralistisch geplante Produktion zu überlassen? Zentral geplant waren also alle Bedürfnisse der Industrie und der privaten Verbraucher - eine der großen Probleme der Wirtschaft, wie es sich in den folgenden Jahren (Jahrzehnten) herausstellen sollte. Es ist auch kaum verwunderlich, wenn wir uns z.B. nur die damaligen technischen Möglichkeiten der Kommunikation vor Augen führen: die Briefpost und archaische Telefonie. Ein Brief war auch zwei oder drei Tage unterwegs und alle Ferngespräche wurden von Hand vermittelt. Den Gipfel der Technik stellte eine, jeden Tag für eine Stunde hergestellte, Fernschreiberverbindung mit der Industrievereinigung in Warschau dar.
Alle Transaktionen: Bestellungen, Bestätigungen, Anweisungen, Rechnungen, wurden in vervielfältigter Form festgehalten und verschickt. Paus- und Kohlepapier hatten Hochkonjunktur. In der Praxis mußten dann fast alle Dokumente den Schreibtisch einer der Direktoren passieren. Ich, der Laufbursche der Direktoren, hatte somit einige Arbeit beim Bringen und Wegtragen der Schreiben - in speziellen Mappen "Zur Unterschrift".
In unserem Büro, einem Teil der Handelszentrale, gab es neben mir noch einen zweiten Bediensteten, welcher auch für die Kommunikation im Büro zuständig war. Mit ihm saß ich in der Halle des Büros, immer bereit zur Arbeit, zu welcher wir durch einen Summer, und die sich in einer Vitrine zeigende Zimmernummer, gerufen wurden.

Die Direktoren in unserem Büro waren sehr wichtig, besonders der Hauptdirektor. Das konnte man an den zwei Telefonen erkennen, welche auf seinem Schreibtisch standen. Eins war ein ganz normales, aber das andere hatte verschiedene Lämpchen, Schalter und einen direkten Zugang zum Amt. Denn alle anderen Telefone im Gebäude wurden von zwei Telefonistinnen geschaltet. Diese saßen vor jeweils einem großen Kasten mit sehr vielen Steckern, Schnüren und Lämpchen, welche signalisierten, daß irgendwo ein Hörer abgehoben wurde und eine Verbindung mit einem anderen Apparat hergestellt werden sollte.
Ja, und der Direktor hatte auch ein großes Zimmer, welches Ernst und Wichtigkeit ausstrahlte. Besonders nach dem Einbau einer doppelten, gepolsterten Tür und einem zweifarbigen grün/rotem Lämpchen darüber. Das zeigte dann an, wann er für andere Menschen erreichbar war.
Wenn ich mich jetzt an diese Zeit - meinen ersten Kontakt mit dem Berufsleben erinnere, muß ich feststellen, daß in diesem nicht ganzem Jahr in dem ich dort arbeitete, vieles geschehen ist. So vom geschichtlichen Standpunkt der Vereinigungskongress der beiden größten Parteien Polens: PPS und PPR. Ich habe da aktiv mitgewirkt, aber zwar nur bei der Saalvorbereitung für eine Versammlung, Vorstellung und das Tanzvergnügen.
Obwohl auch danach, oder gar früher, die Idee der Handelszentrale als nicht die beste erkannt wurde, ließ man über dem Hauseingang noch ein Betonrelief, mit den Symbolen der chemischen Industrie, anbringen. Es hat jedoch schnell ausgedient, denn noch im gleichen Jahr fing der Umzug der Zentrale nach Warschau an...

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Industrie.    So gab es jetzt in Gleiwitz keine Handelszentrale mehr. Es war wohl einer der ersten Schritte, welche die Bedeutung Schlesiens in Polen herabstufen sollte. Ich jedenfalls fand mich zu jener Zeit (1949) schon in einer anderen Firma wieder, den "Vereinigten Werken für technische Gase", welche fast zeitgleich, mit dem Umzug der Handelszentrale, aus Ostoberschlesien nach Gleiwitz verlegt wurde. Und zwar in ein repräsentatives, nach der Abfacklung durch die sowjetische Armee, wiederaufgebautes Haus, direkt gegenüber der St. Peter und Paul Kirche.
Auch diese Industrievereinigung hatte ihren entsprechenden Rahmen: Ein vornehmes Haus, drei Direktoren mit drei PKWs samt den dazugehörigen Fahrern, wie auch einem Personalchef mit Auto und Fahrer. Aber nur einem Skoda Tudor. Dann war da noch ein Rechtsanwalt und ungefähr 100 Mitarbeiter, welche sich in erster Linie hauptsächlich mit sich selbst befassten. Erst dann kamen die Dienste für die, der Industrievereinigung unterstellten Betriebe. Denn laut der sozialistischen Doktrin über die zentrale Verwaltung, waren die Betriebe so ziemlich aller Funktionen - außer der Produktion - beraubt. Diese fielen unter die Zuständigkeit der "Zentrale", also unseres Büros, so z.B. die gesamte Buchhaltung. Hier wurde sogar ein zentrales Lager für technische Teile unterhalten, welches den Betrieben in ganz Polen die Versorgung mit (nicht nur in den direkten Nachkriegsjahren) schwierig zu erhaltendem Material erleichtern sollte. Aber die Arbeit dieses Lagers, wie auch anderer Aktivitäten der Zentrale, wurde ab 1951 langsam gedrosselt. Man hatte erkannt, daß eine solche Organisation wenig gewinnbringend ist. Und versuchte, den einzelnen Betrieben mehr Aufgaben zuzuweisen und sie dafür personell zu stärken. So kam auch ich damals nach Breslau.

In einen typischen, eher kleinen Industriebetrieb. Dessen Aufgabe war die Versorgung der Region mit allem, was technische Gase betrifft. Anfänglich war es nur ein Betrieb zur Erzeugung von Kohlensäure, aber der war dann schon um zwei weitere, kleine Betriebe aus der näheren Umgebung ergänzt worden: Einen zur Herstellung von Azetylen und der andere ein Befüllungsbetrieb für technischen und medizinischen Sauerstoff. Das alles wurde von einem einzelnen Menschen, mit einfacher Berufsausbildung, geleitet und in Schuß gehalten. Dementsprechend einfach und konservativ ging es auch in dem Betrieb zu.
So z.B. die Umfüllung des Sauerstoffes. Primitives Verdichten des wiederverdampften Sauerstoffes, welcher in einer Eisenbahnzisterne aus Oberschlesien, in flüssigem Zustand, angeliefert wurde. Wegen der fatalen Verkehrsverbindung, war die Zisterne eine unbestimmte Zeit unterwegs, und ein Großteil des Sauerstoffes ging während dieser Zeit schon verloren, ein anderer Teil wieder im Betrieb, und nur der Rest gelangte in die Stahlflaschen. Ein sehr unproduktives Verfahren also.
Ähnlich primitiv ging es bei der Umfüllung von Azeton zu: mit einem Handkarren, Fässern und Eimern gelangte der Stoff mit entsprechenden Verlusten von der Bahnzisterne in den Behälter im Betrieb. Dann war noch das Problem der Instandhaltung aller Maschinen und der doch unterschiedlichsten Anlagen ...

Der Schwerindustrie in Polen war die absolute Priorität sicher. Ihr wurden regelmäßig die Bedürfnisse vieler Sparten der Wirtschaft untergeordnet, leider aber auch die der Menschen. Am deutlichsten war das bei den Löhnen sichtbar, wo die Betriebe in 5 oder 6 Kategorien aufgeteilt waren und die gleiche Arbeit mit den gleichen Qualifikationen sehr unterschiedlich behandelt wurden.
So gab es auch einen Pflicht-"Arbeitsdienst" in dem jeder junge Mann einige Monate dienen mußte. Aber auch dieser mußte sich der Priorität des Bergbaus unterordnen. Für mich hatte es den Vorteil, daß ich nach 2 Wochen Schaufelns eines Kanals, diese Organisation verlassen konnte.

Zu dieser Arbeit eine kleine Episode, welche auch einen Aufschluß über wichtige und weniger wichtige Dinge im Sozialismus gibt.
Bei entsprechendem Wetter wurden die Arbeitspausen zum Waschen oder Schwimmen in der Weichsel genutzt. Für mich bis zu dem Tag, an welchem ich mich schwimmend, plötzlich Auge in Auge, mit einem gewichtigen Stück menschlichen Kots wiederfand. So schnell wie damals, kam ich wohl selten aus dem Wasser. Doch seit jener Zeit wußte ich auch, daß die Abwassersäuberung in der Planwirtschaft eine deutlich geringere Priorität genießt, als der Kanal, bei dem ich arbeitete.

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Etwas zum Schulwesen    Für mich wurde die Schule ein wesentliches Ziel, nachdem ich 1948 ins Berufsleben eingetaucht bin. Und das sogar unabhängig von den guten Ratschlägen zu Hause. Denn mit dem besseren Überblick, welchen ich in meiner Arbeit gewann, erkannte ich die Notwendigkeit einer regulären Ausbildung immer deutlicher.
Die Volksschule hatte ich noch ohne jegliche Emotionen hinter mich gebracht. Vielleicht deswegen (was mir erst in den späteren Jahren zu Bewußtsein kam), weil die Lehrerschaft mit einem überdurchschnittlich niedrigem Wissensniveau und ebensolchen pädagogischen Eigenschaften glänzte. Mit einer Ausnahme, aber die bestätigt doch nur die Regel. Danach kamen für mich zwei Anläufe, in Schulen mit deutlich besseren Voraussetzungen: das Gymnasium und das Technikum. Leider blieben das nur Episoden, mir blieb eine andere Laufbahn vorbestimmt.
Doch hier, im Technikum, machte ich mit Verwunderung eine Erfahrung, welche den mir bisher bekannten Rahmen der sozialistisch-weltlichen Ordnung sprengte. Da war doch zu jener Zeit (1950/1951) ein Lehrer, wahrscheinlich Kombattant, mit einer Prothese des rechten Unterarmes. Wenn er, das Klassenbuch unter den Arm geklemmt, zum Unterrichtsanfang die Klasse betrat, blieb er neben dem Katheder stehen, und sagte diese zwei Worte: "Zum Gebet!" Darauf sprach die ganze Klasse stehend ein kurzes, noch an den Geist der Vorkriegszeit anbindendes, Gebet. Wonach der Unterricht begann. Wenn dann der Plan eine politische Stunde vorsah, wurde aus diesem Lehrer ein Vorleser, welchen das, was in der Klasse vorging, überhaupt nicht interessierte. Die Schüler hatten schnell begriffen, daß es eine freie Stunde zum Abschreiben fehlender Hausaufgaben, zum leisen Gespräch oder einfach Faulenzen war. Natürlich war der Effekt dieses Lehrens fast Null, jedoch ließ der Lehrer seine Schäfchen zum Jahresende nicht im Regen stehen: jeder hatte eine positive Note in seinem Zeugnis.
Dieser Lehrer blieb für mich einer der wenigen Menschen, welcher seine negative Einstellung zum System, aktiv demonstrierte. Der allergrößte Teil der Menschen, mit welchen ich im Laufe meines "sozialistischen" Lebens kennenlernte, realisierten folgsam alles, was von "oben" kam. In den seltneren Fällen nur konnte ich eine verdeckte, womöglich, Kritik oder Widerstand gegen den offiziellen Kurs erkennen. Erst später sprach man schon etwas offener über die Mängel des Systems, aber auch das nur im privaten Umfeld.

Eine Randbemerkung: Den Gipfel dieses Verhältnisses zum sozialistischen System erklomm unweigerlich einer der Direktoren des Schlesischen Zentrums für Medizintechnik, dessen Mitarbeiter ich zu jener Zeit war. Auf einer Propagandaversammlung der ganzen Belegschaft, widersprach ich den dort verkündeten Sloganen über Fortschritte bei der Entwicklung bestimmter Geräte, und dem Entschluß, diese Geräte auf der nächsten Messe in Mailand auszustellen. Ich sprach von noch nicht durchgeführten Probeläufen und qualitativ nicht vertrauenswürdigen, integrierten Schaltungen, welche in dieser Serie zur Anwendung kamen, sowie der damit verbundenen Gefahr, sich mit diesem Schritt den italienischen Markt zu verschließen. Doch der Direktor zerpflückte wortreich meine damaligen Einwände. Nach der Versammlung aber, trat er an mich heran, und sagte: "Ich weiß, daß Deine Einwände begründet sind - aber das Stadtkommitee der Partei erwartet, das unsere Geräte dort gezeigt werden". Und es geschah wie es geschehen mußte. Ein Teil der Geräte versagte schon während der Messe ihren Dienst, der Rest ging während der klinischen Proben kaputt.

Jedoch zurück zur Schule, besser zu einem negativen Beispiel einer solchen. Ich vermute, es war nicht die einzige mit diesen negativen Merkmalen. Das sozialistische Polen strebte damals die 100-Millionen-Tonnen-Marke an. Um dieses Ziel zu realisieren, suchte man an die jungen Menschen in ganz Polen zu gelangen, man umwarb sie und lockte mit den höchsten Verdiensten, wie auch zusätzlichen Privilegien. So die Bergmannskarte, Bezugsscheine u.a. Den "Vorbereitungsschulen" zum Beruf des Bergmannes fehlten wohl kaum Kandidaten. Die "Lehre" stand dann zum größten Teil nur auf dem Papier, was ich in der Schule in Dąbrowa Górnicza am eigenen Leibe erfahren konnte. Vier Monate, um den Jahreswechsel 1951/1952, war ich deren Schüler. Drei Tage in der Woche Unterricht, drei Tage Praktikum unter Tage. Dieses jedoch bestand, schon vom ersten Tag an, aus normaler Arbeit unter der Aufsicht eines beliebigen Bergmanns, welchem es gewöhnlich an Wissen und Ambitionen mangelte, um einen jungen Menschen in diesen schwierigen Beruf einzuführen. Also keine Erklärungen zu Flözen, den Abbaumethoden, oder der Kohle selbst. Natürlich gab es vor der ersten Einfahrt einige kurze Hinweise zu Verhaltensweisen und der Sicherheit - das war aber schon alles. Denn da unten war das einzig Wichtige zu tun: Fördern und den Plan erfüllen, die allererste und allergrößte Aufgabe eines jeden Kumpels. Und das wurde uns richtig eingebleut!
Ja und die Theorie, der Unterricht in der Schule? Die Ergänzung, oder besser Grundlage unserer Arbeit unter Tage? Das blieb eine Fiktion. Weil doch die Schulleitung "objektive" Schwierigkeiten, entweder mit dem Lehrerkorps, oder der Beheizung der Klassenzimmer hatte, fiel der Unterricht regelmäßig aus. Während der viermonatigen Schulzeit kamen so weniger als 20 Unterrichtsstunden zusammen.
Doch die Gepflogenheiten in dieser schullosen Schule krönten die wirklich verwunderlichen, fiktiven Abschlußprüfungen. Mit Noten aus fiktiv gelehrten Fächern - aber auf doch realen Zeugnissen. Zeugnissen, die die Erlangung des Grades eines qualifizierten Untertagearbeiters bescheinigten!
Alles im Namen und unter der Schirmherrschaft des Ministeriums für Bergbau.

Das war meine erste Erfahrung aus dem Bereich der Fiktionen in einer, den Sozialismus bauenden, Gesellschaft. Die nächste Etappe sollte das Bergbautechnikum werden. Schon als Bergmann unter Tage arbeitend, kam ich in dieses, für "herausragende" Bergleute, Absolventen des durch mich besuchten Schultyps, geschaffene Lehrinstitut. Das "Technikum Górnicze Nr. 2" in Hindenburg bot seinen Zöglingen die Unterbringung im Internat, Kleidung, Essen und ein kleines Taschengeld. All das finanziert durch das Ministerium für Bergbau, dem kleinen Staat im Staat.
Schnell aber wurde mir auch hier klar, daß diese Schule mit ähnlichen Eigenschaften glänzte, wie die vorherige. Nur hier gab es doch noch wirklichen Unterricht, zwar auf einem sehr bescheidenen Niveau, aber immerhin. Dabei blieb die Schulleitung ihrem Geldgeber treu: Sobald eine der umliegenden Gruben Engpässe signalisierte, war ihr Hilfe sicher. Der Direktor verkündete eine Lehrpause und die benötigte Anzahl von helfenden Händen ausgebildeter Bergleute stand der Grube zur Verfügung. Uns, den Schülern, war das gewöhnlich recht, denn bekamen wir doch für die Arbeit einen Lohn, die Aufbesserung des Taschengeldes.
So beendete ich zwar diese Schule mit einem "sehr gut"-em Zeugnis und einem Diplom - beides Voraussetzungen für den Studienanfang - hatte aber da, in der Hochschule, große Schwierigkeiten. Alles im Zusammenhang mit dem fehlenden Wissen aus dieser "Schule".

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Vom Gesundheitswesen.    In den direkten Nachkriegszeiten war es wohl dem ähnlich, welches heute in Nichtindustriestaaten vorherrscht. Doch damals nahm man diese Zustände eigentlich als selbstverständlich an. Das Verhalten der Ärzte, die Behandlungsmethoden und die Bürokratie rundherum. Von einigen, meinen Erfahrungen wollte ich hier sprechen.

Damals, in den Nachkriegsjahren, war die Tuberkulose, eine gesellschaftlich ganz ernst zu nehmende Krankheit. So wurden in der Bevölkerung, vor allem der jungen, Reihenuntersuchungen gestartet, welche die Erkrankung an Schwindsucht aufdecken sollten. Aber die Untersuchungen hatten es in sich. Die Gefährlichkeit der Strahlung wurde massiv unterschätzt, überhaupt kein Vergleich zu den heutigen Bestimmungen. So erinnere ich mich an die einzige, mich damals betreffende "Bestrahlung". Unsere Klasse wurde in den Untersuchungsvorraum beordert, aus welchem der Arzt eine jeweils kleinere Gruppe, wohl fünf Mann, ins Zimmer mit der Apparatur nahm. Ich war hochinteressiert und wollte möglichst viel sehen. Und der Arzt kam meinem Wissensdurst entgegen. Er saß breitbeinig, wohl mit einer Bleischürze versehen, vor dem beweglichen und mit Blenden versehenen Bildschirm. Dahinter stand jeweils einer der zu untersuchenden "Patienten". Der Arzt griff hinter den Bildschirm und dirigierte den Dahinterstehenden (hinter welchem der eigentliche Röntgenapparat war) in die richtigte Position und erklärte uns dabei das zu Sehende. Das dauerte ein paar gute Sekunden, bei den Erklärungen natürlich länger. Und die ganze, sich im Raum befindende Gruppe, schaute fasziniert auf das sich bewegende Knochengerüst.  -   Über die Strahlungsdosis, die der Arzt, die Patienten und Umherstehenden abbekamen, wußte man damals bestimmt nicht allzu viel. Das alles in der heutigen, onkologischen Klinik, unweit des Stadtparks.
Doch auch dann noch später, in den sechziger Jahren, gab es mobile Untersuchungspunkte für die Bevölkerung, in denen Massenuntersuchungen schon moderner, weil mit Phototechnik - und deswegen schneller - durchgeführt wurden. Trotzdem durfte sich jeder, unkontrolliert, also auch vielmals, seine "Strahlungsdosis" abholen.

In den späten vierziger Jahren war die Gesundheitshilfe ziemlich zentral organisiert. So eine zentrale Gesundheitseinrichtung auf der Tauchertstraße / ul. Zygmunta Starego, schräg gegenüber dem damaligen Kreisverwaltungsamt, welche alle Bedürfnisse der gleiwitzer Bevölkerung in Sachen Laboruntersuchungen abdecken sollte.
So bekam auch ich damals, als ziemlich schwächlicher Junge, eine Überweisung zu einer Blutuntersuchung. Was man da damals untersuchte, auf was ich untersucht werden sollte, das weiß ich natürlich nimmer. Jedenfalls befand ich mich, nach der Aushändigung meiner Überweisung in der Registratur, in einem großen Zimmer (Saal) wieder, in dem viele Menschen, in Schlangen aufgestellt, warteten. Dann sah ich auch die am Ende jeder Schlange sitzende Schwester, welche dem vor ihr sitzenden Patienten das Blut abzapfte.
Jetzt weiß ich es nicht, was der Grund für das sich bei mir einstellende Schwächegefühl war. Waren es die vielen Menschen, die schlechte Luft, meine Konstitution oder der Anblick der Prozedur da vorn, jedenfalls wurde mir schlecht. Zum Glück bemerkte eine der vorbei gehenden Schwestern meinen nicht so optimalen Zustand, ergriff mich am Arm und führte mich zu einem Stuhl da vorn. Dann sprach sie mit der blutabnehmenden Schwester, und ich war plötzlich dran. Dann ging es ganz schnell, denn ehe ich mich versah, war ich an der frischen Luft.  -  Es war mein erstes Erlebnis in dieser Richtung.

Bis in die Jahre meiner Studienzeit, also 1955, hatte ich keinen Kontakt zu zahnheilenden Ärzten. Was aber dringend notwendig gewesen wäre. Die Mangelernährung jener Zeiten hatte sich natürlich auf meine Zähne negativ ausgewirkt. Zahnschmerzen war ein nur gelinder Ausdruck für das, was ich jetzt öfters spürte. Endlich, es war während meiner polnischen Volksschulzeit, bekam ich irgendein Papier, daß mich zum Zahnarztbesuch ermächtigte.
Natürlich hatte ich eine solide Portion Angst, als ich mich zu ihm begab. Es war eine Praxis im Stadtwaldviertel, ein paar Kilometer von zu Hause entfernt. Im Kabinett sah es für mich entsprechend gruselig aus. Das Hauptutensil war die, auf einem hohen Ständer tronende, Bohrmaschine, welche über ein Riemensystem von einem großen, mit Fußkraft betätigtem, Rad angetrieben, das heißt in Umdrehungen versetzt, wurde. Auf dem Tischchen daneben lag eine Anzahl von chirurgischen (so schien es mir) Instrumenten und Zangen.
Das Interesse des Zahnarztes an meiner Person, besser meinen Zähnen, war moderat. Ob das an dem damaligen Niveau der Zahnarztkunde, oder meinen schlechten Polnischkenntnissen lag, mag ich nicht beurteilen. Jedenfalls verkündete er mir lakonisch, daß zwei Zähne defekt seien und er sie ziehen müßte. Von der Bohrmaschine war also keine Rede und ich stimmte ihm erleichtert zu. Denn ich wußte nicht, was auf mich zukommt...
Er nahm eine Zange und zog. Nein, so war es nicht. Es wurde eine Mordsarbeit. Mit einer Hand drückte er meinen Kopf an seine Brust, mit der anderen, in der die Zange war, vergang er sich an diesem Zahn. Er bewegte ihn hin und her, es knisterte in meinem Schädel, der Zahn wollte nicht raus. Bis endlich seine Bemühungen doch Erfolg hatten. Fast euphorisch verkündete er seinen Sieg und zeigte mir den Zahn in der Zange. - Für mich sah er gut aus, aber ich mußte dem Arzt zustimmen, eine gute Lösung gefunden zu haben. Sogar einen neuen Termin für das Ziehen des zweiten, kranken Zahnes vereinbaren, denn, neben den Schmerzen hatte ich jetzt viel Blut im Mund und bekam da einiges reingestopft. Müßig zu sagen, daß es bei dem nächsten Mal nicht viel anders war.
Erst in den fünfziger Jahren, hatte ich wieder mit den Zähnen zu tun. Aber es waren schon geregeltere Verhältnisse und die Zahnärztin, welche bei der Hochschule angestellt war, verfügte über ein elektrisch angetriebenes Bohrgerät. Sie reparierte alle meine schadhaften Zähne, die dann mit gelegentlichen Nachbesserungen bis heute halten. Nein doch, im vorigen Jahr mußte ich einen von ihnen ziehen lassen. Er ist mit mir 78 Jahre alt geworden.

Noch eine Begebenheit möchte ich hier schildern. Es war im Jahr 1952 und ich Junghäuer auf der Gleiwitzer Grube. Die hatte einen Betriebsarzt im eigenen Medizinzentrum, der eigentlich nur auf das Ausstellen der Krankheitsbescheinigungen spezialisiert war. Hohe Körpertemperatur? Einen, zwei oder sogar drei Tage konnte man bekommen. Oder verarztet werden, wie ich nach einem kleinen Unfall.
Aber nicht davon wollte ich schreiben. Als ich mal mit einem kleinen Hautausschlag, den ich mir wohl in der Waschkaue eingehandelt habe, zu ihm kam, wurde ich direkt weitergeleitet. Eine Hautärztin, welche im städtischen Krankenhaus residierte, sollte sich der Sache annehmen. Aber alles (leider) in meiner so raren Freizeit!
Sie saß auf ihrem Hocker, während ich ihr mein Mißgeschick schilderte. "Ausziehen" war ihre kurze Weisung. Als ich mich darauf, nur mit Turnhosen bekleidet, vor ihr aufpflanzte, kam die nächste lakonische Anweisung welche mich fast in Ratlosigkeit stürzte: "Die Hosen runter!" Das aber war für mich eine Zumutung. Hatte mich, den Erwachsenen, doch noch keine Frau nackt gesehen! Sogar in meinen intimen, privaten Kontakten, war das eine eher schamhafte Angelegenheit, also unüblich. Und hier, vor einer fremden Frau, nackt stehen? Meiner Unschlüssigkeit wurde durch ihren strengen und verwundert erscheinenden Blick ein schnelles Ende gesetzt: Ich zog meine Hosen über die Knie und wurde dabei wohl recht rot. Die Ärztin taxierte meinen Körper, strich mit der behandschuhten Hand über die befallenen Areale und ... oh Schande, hob sogar die Einzelteile meiner Männlichkeit an um deren Unterseite zu betrachten. Ich hatte keine Zeit um in den Boden zu versinken, denn die Diagnose wurde sofort erstellt: "Nichts Ernstes, sie bekommen eine Salbe und in paar Tagen sollte es vorbei sein". Das war alles. Aber ich hatte ja in dieser Stressituation sowieso kein Verlangen nach einem Gespräch.  -   Ja, und mein Ausschlag war wirklich in einem oder zwei Tagen vorbei.
Diese "gesundheitlichen" Erinnerungen habe ich später, im Jahr 2011, eingefügt.

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Die Macht    Im Alltag blieb es die Bürgermiliz, manche sagen Volksmiliz (MO). Obwohl im Unterbewußtsein das Wissen um andere Personen oder Ämter, welche die "Aufsicht" über die Bürger wahrnahmen, allgegenwärtig war. Und der durchschnittliche Bürger weniger, oder keinen Kontakt mit ihnen hatte. Die endgültige Definition dieser Macht blieb also verschwommen, und für mich schwierig zu definieren.

So z.B. die ganze Angelegenheit rund um meine erste Auslandsreise in den Westen. 1977, nach mehrmaligen früheren ergebnislosen Anläufen, wurde mir der Paß für eine Deutschlandsreise bewilligt. Das Visum in Warschau hatte ich schnell erledigt, und dann ging's für einige Wochen gen Westen. Nach meiner Rückkehr begab ich mich am nächsten Tag zur Paßstelle, auf der ehemaligen Kreidelstraße (ul. Barlickiego) in Gleiwitz, um da, in Einklang mit den Vorschriften, den Paß wieder abzuliefern. Als ich die entsprechende Schlange abgestanden hatte, kam ich vor das Antlitz eines sehr bürokratisch waltenden Beamten, welcher den Paß, meine Aussagen und irgendwelche eigene Notizen miteinander verglich, um mir mitzuteilen, daß ich noch etwas warten müßte.
Wirklich kam etwas später ein zweiter, zivil gekleideter Mensch ins Wartezimmer, rief meinen Namen auf, und entführte mich ins Obergeschoß. In einem Zimmer, welches ich nicht als sein Arbeitszimmer einschätzte, fing er das Gespräch an. Er bemühte sich eindeutig um eine lockere Atmosphäre, und sprach garnicht so, wie man es von den Bediensteten der Bürgermiliz gewohnt war. Beim Wetter fing es an, ging dann weiter über die angenehmen Seiten einer Reise in den Westen, um dann bei meinen Tätigkeiten im Schlesischen Zentrum für Medizintechnik zu landen. Hier, angesichts der Vielzahl von Gesprächsthemen, schlug er mir ein Treffen vor, wo wir mehr Zeit dafür hätten. Und er hatte sofort auch einen Treffpunkt parat: eine Wohnung in Hindenburg, unweit meiner Arbeitstelle. Unter diesen Umständen, an diesem strengen Ort, konnte ich ihm ein weiteres Gespräch nicht versagen, umso mehr, weil auch ich neugierig wurde. So ließ er sich nur noch die Telefonnummer bestätigen, und entließ mich mit der Versicherung, daß er sich in den nächsten Tagen melden werde. In meinem Kopf hatte ich ein Galimathias nicht zu Ende entwickelter Gedanken.
Als man mich zu dem Gespräch im Paßbüro einlud, war ich überzeugt, daß man sich für meinen Aufenthalt da "drüben" interessieren würde. Ich war sogar darauf vorbereitet, mit einer - meine wirklichen Tätigkeiten maskierenden - Geschichte aufzuwarten, welche die Überweisung des Geldes an das polnische Außenhandelsunternehmen PeKaO, für einen neuen Fiat 125p rechtfertigen würde. Doch das Interesse an meinen Tätigkeiten und Kontakten in Polen selbst, hat mich überrascht, wenigstens bis zum nächsten Treffen.

Denn schon einige Tage danach läutete mein Telefon, und auf der anderen Seite meldete sich mein "Bekannter von der Kreidelstraße". "Ob ich denn morgen, um 10:00 Uhr, zu einem Treffen bereit wäre?" Was zwar noch wie eine Frage klang, ich aber schon als eindeutige Aufforderung verstand, mich zu dieser Zeit in einem nicht weit entfernten Hochhaus einzufinden, in der Wohnung Nr. soundso im 5. Stockwerk. An der Tür dieser Wohnung war ein normales Namensschild, daneben die Glocke. Mein "Bekannter" öffnete mir die Tür, und ich fand mich in einer eher normal, aber spartanisch ausgestatteten Wohnung wieder. "Kaffee?" - "Ja natürlich", denn das heiße Wasser wartete schon, um in das Glas, mit zwei Löffeln gemahlenem Kaffee gegossen zu werden. Dann saßen wir beim Tisch, und mein Gegenüber sorgte fürs Gespräch. Erst drehte es sich um die Technik, dann aber wurden immer öfter auch Personen einbezogen. Worauf wieder die Bedeutung unserer Arbeit hervorgehoben wurde. Es gab so viel Gesprächsstoff, daß er am Ende ein zweites Treffen für sinnvoll hielt. Doch diesmal frug er schon nicht mehr, ob es mir paßt, sondern meinte, in einer Woche um die gleiche Zeit wäre doch ein guter Termin? Und bei dieser Gelegenheit überzeugte er mich auch von der Notwendigkeit, unser doch so interessantes Gespräch, wenigstens in Punkten schriftlich festhalten zu müssen. Damit es aber nicht nach einer Niederschrift seiner Phantasie aussähe, sollte ich es doch bitte unterschreiben. "Nein, nicht unbedingt, sondern sogar besser, nicht mit meinem Namen, sondern einem Pseudonym" meinte er auf mein befangenes Verhalten. So hatte ich schnell einen Namen aus dem Tierreich parat und unterschrieb diese seine kurzen Notizen, welche er während des Gespräches auf das Papier gekritzelt hatte. Dann war ich entlassen und verließ das Haus mit sehr gemischten Gefühlen. Denn erfahren hatte ich bei diesem ersten Gespräch fast nichts, außer der durch mich gewonnenen Einsicht über den Zweck dieser Unterhaltung.
Erst bei den nächsten Treffen (denn derer gab es noch einige) kam ich zu dem Schluß, daß ich aus den Reihen der, in diesem Betrieb Beschäftigten, nicht der einzige bin, welcher über innerbetriebliche und zwischenmenschliche Verhältnisse plaudern sollte. Es war eine kleine psychische Erleichterung für mich, welche jedoch größer wurde, als plötzlich die "Einladungen" ausblieben.
Ich kann es nicht präzisieren, ob der Grund dafür in meiner ziemlich beschränkten (kann man durchaus auch zweideutig verstehen) Informationsbereitschaft lag, oder auch mit unserem erneut gestellten Antrag auf die Genehmigung der Ausreise nach Deutschland lag. Womöglich eins und das andere, denn jedenfalls erhielt meine Frau später, während meiner Abwesenheit, den Besuch eines Herren, welcher sich als Mitarbeiter der Paßbehörde ausgab, und ihr viele Fragen stellte. Allgemeine, meine Person und Arbeit betreffend, und letztendlich den Vorschlag, doch eventuell mit mir zu reden, ob ich, nach der schon genehmigten Ausreise, nicht gewillt wäre, weiterhin mit polnischen Behörden zusammen zu arbeiten.
Wahrscheinlich verlief das Gespräch nicht nach seinen Vorstellungen, womöglich auch stellte sich Leni so glaubwürdig beschränkt dar, daß dieser letzte Kontaktversuch, der näher nicht präzisierten Behörde, auch nur ein Versuch blieb.

Jetzt weiter wirklich schon über die Bürgermiliz (MO).   Diese Institution gelangte erstmals im Jahre 1946 oder 1947 in mein Bewußtsein. Nämlich an dem Tag, an welchem mein Vater ziemlich aufgeregt und entrüstet aus der Stadt zurückkehrte, wo ein Angehöriger der Miliz von ihm ein Verwarnungsgeld kassiert hatte. Zu jener Zeit, wo uns jeder Zloty viel wert war. Und für was? Für das schräge Überqueren der verkehrsreichen Wilhelmstraße, der Gleiwitzer Hauptstraße! Verkehrsreich deswegen, weil sie im Laufe einer Stunde von 4 Straßenbahnen, 10 bis 20 Fuhrwerken, einigen Lanz-Traktoren und manchmal sogar PKWs benutzt wurde. Daraus erkennt man, daß die Sorge um die Einhaltung der Verkehrsordnung schon damals eine wichtige Aufgabe der MO war.
So wie in den späteren Jahren die Verkehrskontrollen überhaupt. Diese waren ein solches Feld ihrer Aktivitäten, auf dem sich verschiedene Individuen ausleben konnten. So war die "Fahrer- und Fahrzeugkontrolle" an den unmöglichsten Stellen eine beliebte Möglichkeit, dem Autobesitzer zu beweisen, wie unendlich klein er eigentlich ist. Diese Kontrollen fanden in den sechziger und siebziger Jahren so oft statt, daß ich während eines Monates manchmal fünf- bis sechsmal angehalten wurde. Und während meiner 20-jährigen Karriere als Fahrer in der Volksrepublik nur zweimal auf "normale" Ordnungshüter gestoßen bin, welche ihre Rolle als Vertreter der Staatsgewalt nicht zum piesacken des Autofahrers ausgespielt haben.

Eine Begründung für die zahlreichen Verkehrskontrollen könnte man in der Bestrebung um einen sicheren Straßenverkehr vermuten. Dem jedoch widersprach die Tatsache, daß die "Kontrolleure" fast niemals mit irgendwelchen Hilfsmitteln zur Feststellung der Geschwindigkeit, der Fahrernüchternheit oder des Fahrzeugzustandes ausgestattet waren. So blieb jede Kontrolle erstrangig einfach eine Demonstration der Macht gegenüber dem Normalbürger.
Denn sogar die amtliche Fahrzeugkontrolle bei der Zulassungsstelle (welche die Funktionen des TÜV wahrnahm), prüfte im Jahre 1966 die Funktionstüchtigkeit der Bremsen meines Trabanten anhand der Spuren, welche der Wagen bei einer Vollbremsung auf dem Ascheboden hinterließ.


Einen anderen Schwerpunkt bei der Behütung der Bürger vor Unbill, bildete die allgegenwärtige Sorge der "Macht", daß dieser nicht mit unpassenden, (d.h. der sozialistischen Doktrin widersprechenden oder kritisch betrachtenden), Druckerzeugnissen in Berührung kam. So widmete man allen technischen Geräten zur Erstellung von Druckerzeugnissen eine besondere Aufmerksamkeit, sprich: Überwachung. Jeder Betrieb mußte den Verbrauch von Druckmatrizen dokumentieren, die Schreibmaschinen wurden nach den Bürostunden eingeschlossen oder schreibunfähig gemacht. Die in den siebziger Jahren auftauchenden riesigen und umständlichen Xerographiegeräte stellten für die Hüter eine große Herausforderung da. Nur wirklich vertrauenswürdige Personen wurden für ihren Gebrauch abgestellt.
So war es für mich in diesen Verhältnissen nicht leicht, meine Diplomarbeit zu Papier zu bringen. Diese in Auftrag zu geben entfiel aus finanziellen Gründen, außerdem wäre dabei vieles nicht nach meinen Vorstellungen gelaufen. Da ich zu jener Zeit schon im Walzwerk für Nichteisenmetalle angestellt war, und dort auf einen verständigen Direktor traf, konnte ich die Schreibmaschine in seinem Sekretariat - nach den Arbeitsstunden - gebrauchen und meine Arbeit mühselig abtippen: 1 Original mit drei Kopien! Was das bedeutete, kann heute kaum jemand einschätzen, denn jeder Tippfehler wollte gleich 4x radiert werden!

Und dann war noch die nach außen kaum bemerkbare Sorge des Staates um den Meinungsaustausch zwischen den Bürgern, also jeglicher Art von Versammlungen, angefangen bei der Kirche bis hin zu Vereinen. Überall da. wo unter Umständen Meinungen auftauchen könnten, welche nicht mit denen der Publikatoren übereinstimmten. Vereine konnten allgemein dann existieren, wenn ihr Wirkungsfeld mit der Staatsdoktrin im Einklang stand, also immer da, wo vertrauenswürdige Menschen das Sagen hatten.
Anders, wenn es um einen Verein ging, welcher nicht zentral gesteuert werden konnte, welcher sozusagen die Interessen von Bürgern vertreten sollte. Ganz schlimm, wenn dann auch die Gründungsinitiative von unten kam. Das erfuhr ich hautnah, als ich in den sechziger Jahren so etwas versuchte. Aus Überzeugung ein Anhänger der Antinikotinbewegung, war ich (und bin es bis heute), ein Gegner des Tabakrauches. Als ich erfuhr, daß sich in Kattowitz ein "Verein zur Bekämpfung des Rauchens" konstituiert hatte, nahm ich mit ihm Kontakt auf und versuchte, etwas ähnliches in Gleiwitz zu gründen. Ich sprach mit vielen Menschen, sammelte Unterstützungsunterschriften und reichte letztendlich alle notwendigen Dokumente (dabei eine Liste mit den Profilen der Unterstützer) beim Stadtrat ein. Das, auch das Austreten einiger Treppen bei vermuteten Helfern, hat nicht viel geholfen. Nach mehreren Monaten hatte ich die endgültige Absage für eine Vereinsgründung in der Hand. Das, was die Leute in Kattowitz geschafft hatten, war in Gleiwitz nicht möglich. Mehr, gerade dieser Kattowitzer Verein diente als Argument: Man könnte doch in dem 30 Kilometer entfernten Kattowitz Mitglied werden! Nur keinen Ärger mit eventuellen Versammlungen hier vor Ort, das könnte wohl der Grund gewesen sein. - Oder gab es keinen unsichtbaren Überwacher für unsere Initiative?
Eigentlich hätte ich es schon nach meinen Hindenburger Erfahrungen wissen sollen: Der Staat muß jegliche Versammlungen überwachen können, so z.B. die Predigten verdächtiger Geistlicher. In Hindenburg funktionierten wir, die (erwachsenen) Schüler des linientreuen Technikums bei solchen Aufgaben. Damit die Kanzel nicht für Worte gebraucht wurde, welche die Arbeiterschaft für die nächsten, anstehenden "Wahlen" demotiviert hätte. Oder schlimmer noch, sie die Staatsmacht, die Partei, in einem schlechten Licht dargestellt hätten.
Das all das damals bitterer Ernst für die Hüter des Systems war, erfuhr ich bei dieser, hier beschriebenen Gelegenheit.

1953 hatten wir, die Schüler des Technikums, wieder mal eine kleine Pause im Unterricht - galt es doch der Grube Zabrze Wschód bei der Erfüllung des Produktionsplanes zu helfen. Am 24. Februar hatte ich es nach der Ausfahrt besonders eilig. Ich stand noch unter der Dusche, aber im Geiste war ich schon beim Mittagessen im Internat, und dann im sauberen Hemd auf der Fahrt nach Gleiwitz. Denn da feierte Leni ihren 20. Geburtstag.
Doch die Realität hatte mich schnell wieder. Denn an der Straßenbahnhaltestelle war es dicht, sehr dicht. Die Gefahr, daß ich in die, gewöhnlich schon volle, Bahn nicht hinein komme, sehr realistisch. Als dann die Bahn wirklich da war, gab es an allen Türen einen richtigen Rummel, doch glücklicherweise hatte ich meinen Fuß schon auf dem Trittbrett und die Hand am Griff als die Bahn anfuhr. Während der Fahrt schüttelten sich die Menschen im Inneren des Wagens etwas zusammen, und ich konnte schon bequem mit beiden Füßen auf dem Trittbrett stehen, und mich mit beiden Händen halten. Diese Art von Fahrt war man schon gewöhnt und deswegen machte es mir nichts aus, daß der halbe Körper außerhalb des Wagens blieb.
Bis zu dem Augenblick, in dem ich einen Lkw bedenklich nahe auf mich zukommen sah. (Die Straße lief neben dem Schienenbett der Bahn.) Wahrscheinlich versuchte ich mich doch tiefer in die Bahn zu drücken, doch davon wußte ich später nichts mehr. Denn der Lkw hat mich aus der Bahn gezogen und auf die Straße befördert - zum Glück so, daß ich weder unter seine, noch die der Straßenbahnanhänger kam. Jedenfalls war das der Anfang einer fast 20-stündigen Pause in meinem Lebenslauf. Ich fand mich am nächsten Tag mit mächtigem Kopfweh und einigen, schon verarzteten, Wunden in einem Gemeinschaftssaal des Krankenhauses wieder. Die Einzelheiten des Aufwachens und die Rekonstruktion der vergangenen Ereignisse, bei welchen mir mein Bettnachbar auf die Sprünge verhalf, übergehe ich hier. Denn schon kurz darauf hatte ich Besuch. Mein Schulkamerad, Czesiek Lekki, kam mich nach der Arbeit besuchen. Natürlich war meine erste Bitte die Benachrichtigung Lenis über mein Mißgeschick, und meine Abwesenheit bei ihrem Geburtstag. Doch wollte ich nicht, daß er in Erklärungsschwierigkeiten kommt, und damit es auch persönlicher wird, beschloß ich einige Zeilen für Leni zu schreiben. Czesiek besorgte bei den Schwestern ein Stück Papier und einen Bleistift und ich versuchte ein paar möglichst unverfängliche (damit sich niemand Sorgen um mein Wohlergehen macht) Zeilen zu Papier zu bringen. Es wurde verdammt schwierig und womöglich waren das die Umstände, daß man diese Zeilen auch zweideutig verstehen konnte. Denn ich bat da noch um Bewahrung des Geheimnisses. (Denn warum sollte meine Mutter sich unnötige Gedanken machen?)
Czesiek hat sich seiner Aufgabe pünktlich entledigt, hat wahrscheinlich auch meinen Geburtstagskuchen gegessen - und damit hätte die Angelegenheit eigentlich zu Ende sein können.
Wenn nicht die Schusseligkeit von Leni. Welche diesen Zettel mit sich herumtrug. In die Arbeit und in die Schule. Ob sie ihn verloren hat oder sich jemand, dem ihre, dem Zettel gewidmete Aufmerksamkeit verdächtig erschien, sich seiner bemächtigt hat, blieb ungeklärt. Und so gab es in Lenis Elternhaus ein kleines Durcheinander und drei Frauen wurden in helle Aufregung versetzt. Erschien doch da plötzlich ein strenger Mensch, welcher die Bewohner im amtlichen Ton nach den Lebensumständen, Arbeit und persönlichen Bekanntschaften befragte. Die Sache entspannte sich, als er den verdächtigen Zettel, meinen Brief, aus der Tasche zog und sich jetzt konkret nach seiner Herkunft und dem "geheimnisvollen" Inhalt erkundigte. Hierbei erlitt er das wohl kaum erwartete Fiasko. Denn die Überprüfung der zu Tage gekommenen Fakten, war auch für den damaligen Sicherheitsdienst eine schon zu bewältigende Aufgabe.
Doch die arme Leni mußte jetzt als Blitzableiter herhalten: Für ihre Zerstreutheit und für diesen, konspirative Briefe schreibenden, Karl.

Ja, und zu dieser Zeit hatte der Staat seine Methoden zur Machterhaltung schon so weit perfektioniert, daß keine, wie auch immer ausgeartete Opposition, ihm gefährlich werden konnte. Denn als am 26. Oktober 1952, die zweiten Wahlen zum Parlament anstanden, waren sie natürlich allgemein, frei und geheim. Der Pferdefuß: Es gab nur eine, eine einzige Liste zur Wahl, die mit den Kandidaten der nationalen Einheitsfront. Deren Anzahl wiederum mit genau der zu wählenden Abgeordneten übereinstimmte.

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Die Erziehung der Bürger    So könnte man wohl die - mehr oder weniger lästigen - Bestrebungen des Staates zur Gestaltung seiner Menschen, den Bürgern einer Volksrepublik nennen. Schon in den ersten Nachkriegsjahren war man an der Formung eines "sozialistischen" Menschens interessiert. Leider führten die Methoden zu einer (eher unsichtbaren) Polarisierung der Bevölkerung in verschiedenen Ebenen. Die erhabenen Parolen von Gleichheit behielten ihre Gültigkeit alsbald nur auf dem Papier, oder blieben der Funktionärssprache vorbehalten.

Um die "Wahrheiten" der sozialistischen Realität möglicht vielen Menschen zugänglich zu machen, wurde die Radiofizierung des Landes erdacht - besser, vom großen Bruder kopiert. Bis in die fünfziger Jahre war das Radio ein schwierig zu erlangender Artikel, wobei ich nicht behaupten könnte, daß dies nur eine Folge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten war. Eher war es die Gefahr der Erlangung unabhängiger Informationen, sogar durch polnischsprachige, westliche Sender, wie BBC oder "Freies Europa".
Viel sicherer war also die Radiofizierung, denn die hier verbreiteten Informationen und gesendete Unterhaltung waren bestimmt staatskonform. Alle, in dieses System integrierte Menschen, konnten gegen eine sehr geringe Gebühr, über 24 Stunden versorgt werden. Die wirtschaftliche Seite des Unterfangens spielte damals wohl eine untergeordnete Rolle, obwohl der Aufwand für die Einführung, Betreuung, und Instandhaltung eher immens war. Ein Spinnennetz aus Eisendrähten und Masten umspannte bald die Städte. In den Häusern wurden Durchbrüche durch Decken und Wände geschaffen - nur um den "Kolchoznik", wie der Lautsprecher, mit einem vierstufigen Lautstärkenschalter, abwertend genannt wurde, in jeder Wohnung anschließen zu können. Nicht alle Menschen machten davon Gebrauch, aber die Verschandlung der Landschaft und Treppenhäuser war eine Tatsache. Diese Details verschwanden erst langsam in den nächsten Jahrzehnten, ...obwohl? Jetzt noch, im XXI Jahrhundert, findet man Spuren dieses Wahnwitzes. So auf meinem Elternhaus auf der Schmiedestraße.

Auch der Handel stand wohl in der Pflicht sein Scherflein bei der Erziehung des sozialistischen Menschen beizutragen. Da der Alkoholismus ein nur zu bekanntes Übel war, kam man auf die Idee, für alkoholische Getränke (von denen es damals praktisch nur Wodka und Spiritus gab) einige "spezialisierte" Geschäfte einzurichten. Es waren die sogenannten Monopolläden.
Da gab es dann den Wodka in Viertel-, Halb- und Literflaschen, mit dem weißen Etikett auf dem das Symbol des polnisches Spiritusmonopoles den Hauptakzent setzte. Ja und der Flaschenverschluß: ein kurzer Korken umhüllt von rotbraunem Siegellack, auf dem auch der Prägestempel des Spiritusmonopoles prangte. Die Flaschen wurden in, ihrer Größe entsprechenden, Holzkisten transportiert.
Die Art des Flaschenverschlusses: der kurze Korken in dem sich erweiternden Flaschenhals, eignete sich nur schlecht für das Öffnen mit dem Korkenzieher. Außerdem: Wer von den Hauptkunden hatte diesen schon parat? So setzte sich bald ein einfacheres, und schnelleres Verfahren des Flaschenöffnens durch: Der mit dem Verschluß nach unten gehaltenen Flasche wurde mit der flachen Hand ein Schlag auf den Boden versetzt, welcher dann auch gewöhnlich den Korken samt Lack aus seinem Sitz nach außen beförderte. Dieser Bewegungsablauf des Flaschenöffnens hat wohl als Geste bis heute überdauert, und diente als Einladung zu einem Gelage, oder einer verschleierten Andeutung für die "Bezahlung" eines rechtlich nicht immer einwandfreien Dienstes.
Diese Monopolläden sind mir wohl deswegen im Gedächtnis geblieben, weil ich des öfteren vor so einem stand. In Mathesdorf/Hindenburg, wartend auf die Straßenbahn. Das Schaufenster war prosaisch einfach dekoriert: Auf rotem Kreppapier standen ein paar (gefüllte) Wodkaflaschen, welche die Spezialisierung des Ladens eindeutig zur Schau trugen. Ich war natürlich davon überzeugt, daß der Inhalt der Flaschen auch wirklich der war, den das Etikett versprach. Bis ich eines frostigen Morgens eines besseren belehrt wurde. Die Flaschen waren gesprungen, aber der gefrorene Inhalt mit Korken und Lackkrone stand auf seinem Platz.
Es waren also nur Imitationen gewesen! Wahrscheinlich glaubte das Ladenpersonal nicht der Scheibe - oder hatte es sogar schon entsprechende negative Erfahrungen?

GUKPPiW - "Glówny Urzad Kontroli Prasy, Publikacji i Widowisk" zu deutsch in ungefähr "Hauptamt zur Kontrolle der Presse, Veröffentlichungen und Veranstaltungen". Das war eine Institution, welche offiziell 1946 ins Leben berufen wurde, aber ihre Wurzeln schon in entsprechenden Zellen der Kriegszeit hatte. Hier wie da war er zum Schutz des Informationsmonopols des Staates berufen. Ein gewöhnlicher Sterblicher wußte gewöhnlich nicht einmal, das sie existierte. Obwohl sie ein grundsätzliche Funktion bei der Meinungsgestaltung der Bürger innehatte.
Ich machte die direkte Bekanntschaft mit diesem Amt erst in den späten siebziger Jahren. Persönlich aber erst 1979, als ich die Druckerlaubnis für einige interne Formulare in der betriebseigenen Druckerei erledigen mußte. In Gleiwitz hatte die Delegatur dieses wichtigen Amtes ihren Sitz auf der Niederwallstraße, gegenüber dem Museum, welches in der Villa Caro untergebracht war.
Die durch dieses Amt ausgeübte Zensur wirkte sich in ungeahntem Ausmaß über alle Bereiche des öffentlichen Lebens aus. Bis ins Jahr 1975 waren ihr alle Druckerzeugnisse unterworfen, so Bedienungsanleitungen, Visitenkarten und sogar Etiketten. Mehr noch, denn auch die Vorträge einzelner Parlamentarier mußten vor deren Auftritt vom Amt abgesegnet sein. Direkt habe ich die Zensur 1977 wahrgenommen. Nämlich bei dem Versuch der Veröffentlichung eines Fachartikels in den Monatsheften des Gesundheitsministeriums. ("Problemy Techniki w Medycynie"). Er betraf die Situation der Dialysetherapie in Polen. Von der Redaktion sehr positiv begrüßt, wurde er jedoch nicht veröffentlicht, weil ich da den "Fehler" begangen hatte, statistisches Vergleichsmaterial über die Situation in Deutschland einzuflechten.
Die wirklichen Ursachen für die Nichtveröffentlichung meines Artikels erkannte ich aber erst später, als mir weitere Informationen über die Kriterien der Zensur bekannt wurden. So überging man in den Medien jegliche Informationen über den Westen - im besonderen Deutschland. Es sei denn, es waren negative Schlagzeilen.
Hier noch ein Auszug aus den internen Richtlinien des GUKPPiW aus den Jahren 1974-1977, welche durch den "Republikflüchtling" Tomasz Strzyzewski nach Schweden gebracht wurden:
- Alle Nachrichten über westliche, durch Polen gekaufte Lizenzen, sind zu unterbinden.
- Irgendwelche Informationen über den Fleischexport in die Sowjetunion sind unzulässig.
- Fotografien des I. Sekretärs des Zentralkomitees, wie auch anderer Mitglieder der Parteileitung, müssen vor ihrer Veröffentlichung durch die Abteilung Propaganda des Zentralkomitees gebilligt werden.
- Alle statistischen Daten über die Anzahl der Verkehrsunfälle, Brände, Ertrinkungen dürfen nicht publiziert werden, Publikationen über Einzelfälle nur in abgeklärter Form.
- Keinerlei Informationen über den Unfall auf der "Katowice"-Grube, bei der 4 Bergleute ums Leben kamen.
- Nicht zulässig sind Publikationen in den Medien, welche Zahlen über den Alkoholismus und seine Steigerungsraten im Landesdurchschnitt enthalten.
- Im Kernforschungsinstitut in Swierk wurde das Rechnersystem "Cyfronet" in Betrieb genommen. Nicht veröffentlicht werden darf, das es in den USA gekauft worden ist.
- Nicht zulässig ist die Preisgabe jeglicher Informationen, welche Rückschlüsse auf die Finanzierung der ORMO (Ochotnicza Rezerwa Milicji Obywatelskiej) - (Freiwillige Reserve der Bürgermiliz) zulassen.
- Jegliche Polemik mit dem in der "Trybuna Ludu" und "Nowe Drogi" (Zeitschriften des Zentralkomitees) muß unterbunden werden.


Diese Maßnahmen der Zensur führten im Endeffekt zu einer Verstümmlung des Wahrnehmungsvermögens von Millionen Polen. Etwas, was man noch bis heute beobachten kann.

Die "sozialistische Arbeitsdisziplin" war eine weitere Maßnahme, welche neben dem Arbeitswettbewerb die Menschen zu mehr und besserer Arbeit veranlassen sollte. Wahrscheinlich reichten hierfür die administrativen Möglichkeiten der Betriebe und des Staates nicht mehr aus. So wurde am  19.April 1950  das "Gesetz für eine sozialistische Arbeitsdisziplin" verabschiedet. Es war ein ziemlich umfangreiches Werk, welches sich mit allen Aspekten der Arbeitsmoral befaßte: Von Stunden bis zu Tagen unentschuldigtem Fernbleiben vom Arbeitsplatz, und den dafür zu erwartenden Sanktionen. Von Verwarnungen, Gehaltseinbußen, bishin zu Verhandlungen vor ordentlichen Gerichten. Von Meldepflichten des Arbeitsgebers bis zur Überwachung der Vorschriften durch den Staatsanwalt.
20 Artikel mit vielen Unterpunkten  -  alles unterschrieben durch den Präsidenten, B. Bierut, den Ministerpräsidenten und 25 weitere Minister.
Dies alles auf dem Hintergrund der Parolen zum Thema: "Soziale Errungenschaften", "Achtung des arbeitenden Menschen" u.ä.  -  aber auch solchen, welche von unten kamen und die Parole vom "gesicherten Morgen" und "Arbeit für jedermann" verkörperten: "Czy sie stoi czy sie lezy, 2 tysiace sie nalezy" - was man als "Ob man steht, ob man liegt, 2000 sind dir sicher" übersetzen könnte. Dieser, mit der Zeit modifizierte Ausspruch, immer im Zusammenhang mit dem damals festgelegten Mindestlohn.

Aber auch um die Ideologie des zukünftigen, sozialistischen Menschen war man besorgt. Deswegen wurden alle Hochschulen in Polen, am 1.Oktober 1950 mit einer Verordnung beglückt. Ihr Name: "Sozialistische Studiendisziplin". Von diesem Zeitpunkt an gab es dann das Pflichtfach: "Marxismus und Leninismus".

Die Verwaltung der geregelten Erholung wurde durch eine Organisation "Fundusz Wczasów Pracowniczych" der Gewerkschaften im großen Stil erledigt. Wirksam und gut kann man ruhig sagen. Wenn nicht das kleine "aber". Der gewöhnliche, durchschnittliche Arbeiter oder Angestellte, bekam seinen Ferienplatz in einem gewöhnlichen, durchschnittlichen, Ferienheim, gewöhnlich auch in einem Mehrbettzimmer, und einer gewöhnlich weniger attraktiven Gegend. Obwohl das letztere nicht sein mußte. Man konnte auch in solche, renommierte Ferienorte wie Zakopane oder Krynica kommen. Der Funktionär aber, wenn er überhaupt von dieser Form, der Erholung der Massen Gebrauch machte, bekam bestimmt sein Einzelzimmer in einem speziell ausgestatteten Haus, und in bester Umgebung. Das wußten alle. Ich war wahrscheinlich niemals in einem solchen Haus, denn ich wohnte immer in Mehrbettzimmern.
Warum also schreibe ich davon? Denn es gab eine (oder mehrere Ausnahmen). Obwohl das nicht in Polen war, aber per Analogie, und dem eben angesprochenen Wissen, durchaus plausibel.

Während einer meiner Dienstreisen wohnte ich im Ferienhaus des Zentralkommitees der Kasachischen Kommunistischen Partei in Alma Ata. Hoch über der Stadt, inmitten einer großen Obstplantage, mit parkähnlichem Charakter, lag ein Gebäudekomplex, welcher mich teilweise an die Märchen aus 1001 Nacht erinnerte. Geschwungene Aleen, Rasenflächen und einige kleinere Häuser lagen wohlbehütet hinter einer soliden, (wenigstens von der Straße), Mauer mit einer ebensolchen Toreinfahrt. Dort, in einem größeren Wärterhäuschen, hatte eine militärähnliche Einheit ihren Sitz, welche für die Sicherheit der Anlage verantwortlich war.

Zum Eingang des Hauptgebäudes, in dem sich unsere Zimmer, und auch der Eßsaal befanden, führte eine geschwungene, asphaltierte, aber schmale Allee. Die Fahrer der verschiedenen Dienstlimousinen kamen rückwärtsfahrend bis vor den Eingang, um ihren Herren(?) den Fußweg zur Pforte zu ersparen.

Im Eßsaal hatte unsere Gruppe einen eigenen Tisch mit einer eigenen, netten Kellnerin, welche unsere Bestellungen schriftlich entgegennahm. Leider mußten wir dann für das Bestellte auch bezahlen - in Rubel, welche uns viel wert waren. An den Nebentischen war es unter Umständen anders: dort stapelten sich nicht nur Früchte, sondern Speis und Trank überhaupt. Fast möchte ich sagen, daß sich die Tische bogen. Aber womöglich hatten die Leute einfach nur mehr Rubel ...?

Doch nicht davon wollte ich erzählen. Die Innenausstattung des Hauses war dem äußeren Eindruck adäquat. Ich wohnte in einem großen Zimmer, mit einem großen Fenster, einem großen Bett und einem großen, einbeinigen Tisch in der Zimmermitte. Der stand auf einem dicken und großen (wie anders sollte es sein?) Teppich. Als ich mich dann im Zimmer etwas genauer umschaute, fiel mir eine Unebenheit des Fußbodens unter dem Tisch auf. Meine Wißbegierde war geweckt und ich schlug kurzerhand den Teppich zurück. Aber da war nur eine quadratische, mit vier Hutmuttern festgeschraubte Metallplatte. ...Was sollte das sein?

Auch meine nachträglichen Überlegungen, schon im Bett: Elektroinstallation? Wasserleitung? Ein Tresor? - verliefen ins Leere, denn ich schlief während meiner Überlegungen einfach ein.

Am nächsten Tag kam in unserer kleinen, polnischen Gruppe das Gespräch auf eben diese Platte. Wie es sich herausstellte, hatte auch ein anderer die Beobachtung gemacht. Und jetzt wartete der Dritte mit einer Erzählung, einer Erklärung auf. War es die Wahrheit - oder nur eine Anekdote, plausibel war sie jedenfalls.

Da war doch seinerzeits eine Gruppe polnischer Monteure in einem ähnlichen Hotel mit einer ähnlichen Unebenheit im Fußboden untergebracht. Wie es halt bei aufgeweckten Menschen vorkommt, wollten sie dieses Geheimnis, der doch etwas sagenumwobenen Sowjetunion, ergründen. Und weil sie etwas eigenes Werkzeug mit sich führten, konnten sie sich ohne Probleme an die Muttern machen. Sie schraubten die erste ab, nichts. Die zweite, die dritte, nichts. Als sie aber mit der vierten fertig waren, stürzte der Kronleuchter, ein Stock tiefer, zu Boden!

Dem sozialistischen Arbeitswettbewerb in der wichtigsten Industriebranche wollte man mit verschiedenen Maßnahmen den richtigen Auftrieb verleihen. So wurde die "Karte des Bergmanns" ins Leben gerufen. Ein Dokument, welches dem Besitzer viele Privilegien verschaffte. Da war die Urlaubszeit, der Lohn und die Bezugsscheine für viele Güter, welche dem Normalsterblichen verwehrt blieben. Es gab sogar spezielle Geschäfte, welche diese Waren führten, so in Gleiwitz auf der Bahnhofsstraße, wo man unter anderem auch Möbel kaufen konnte.

So waren die Privilegien für Bergleute (später auch die in den Hütten Beschäftigten) noch irgendwie mit der, durch sie geleisteten schweren und gefährlichen, Arbeit erklärlich. Nicht jedoch die (eher versteckten) Privilegien, welche sich die herrschende Elite verschafft hat. Welche wirklich nichts mit den verkündeten, sozialistischen Leitsätzen zu tun hatten.

An einem nur Beispiel möchte ich das illustrieren. Es gab die Jahre, in denen die Fleischerläden mit einer fast immer währenden Leere aufwarteten. Das machte sich besonders in kleineren Orten bemerkbar, so in dem einzigen Laden im peiskretschamer Bahnhofsviertel. Dort warteten, schon am früheren Morgen, die mit größerem Ehrgeiz ausgestatteten Hausfrauen in der Hoffnung, daß in den nächsten Stunden das Geschäft beliefert wird - oder eben auch nicht. Kam dann der Lkw doch, und lud ein paar Kisten mit Fleischwaren ab, fing der Verkauf an. Je nach Menge der gelieferten Ware, und Gutdünken der Verkäuferin, wurden tagesübliche Mengen festgelegt: zum Beispiel 1 Kilo Fleisch und 0,5 Kilo Wurst für jeden. Nach Qualität oder Art frug dann schon niemand, man war zufrieden, wenn das Fleisch knochenlos war und man etwas Knochen zusätzlich kaufen konnte.

Müßig zu sagen, daß die Wurstwaren immer minderer Qualität waren, manchmal fast ungenießbar. So die "Gewöhnliche Wurst", ein Konglomerat aus Sehnen, Fett, Knorpeln und etwas Fleisch, vom Geschmack her undefinierbar. Trotzdem glänzte der Laden nach zwei bist drei Stunden wieder in seinem gewöhnlichen Glanz: dem der leeren Haken.

Zur gleichen Zeit - während meiner Dienstbesuche in Kattowitz - besuchte ich gewöhnlich meinen ehemaligen Zögling, den Edek, welcher seine Laufbahn politisch ausgelegt hat und damals im Woiwodschaftskomitee der Partei beschäftigt war. Mit ihm besuchte ich die hausinterne Kantine für Mitarbeiter, um mich dort mit ausgesuchten Metzgereiprodukten zu versehen. Ohne Schlangestehen, natürlich.

Die "Gleichheit" der Bürger im Sozialismus hatte halt mehrere Ebenen.

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Gewundene Pfade.    Schon im Jahre 1950 merkte man in diesem Staat, daß zwischen der Geldmenge und den Waren auf dem Markt bestimmte Disproportionen herrschten. Man griff zu einem immer bereitstehenden Mittel, um die Geldmenge zu reduzieren. Man führte neues Geld ein und "bestrafte" gleichzeitig die "reichen" Menschen, welche das Geld doch nicht durch Arbeit erworben haben konnten. In einem sozialistischen Staat. Also änderte man die Währung. Geld, Preise, Verdienste wurden im Verhältnis 3 : 100, neue Zloty zu alten Zloty, bewertet. Nur das Geld auf Sparbüchern, oder auch aus "Sparstrümpfen", war weniger wert. Hier bekam man für jedes Hundert alter, nur einen neuen Zloty!
Bei dieser Gelegenheit etablierte sich auch die Vorschrift, welche es dem Menschen untersagte, fremde Währungen, wie auch Gold oder Platin zu besitzen. Die Strafen für das Übertreten der Devisenvorschriften wurden verschärft.

Der Markt in der Volksrepublik war, während ihrer ganzen Geschichte, von einer grundsätzlichen Eigenschaft geprägt: Nämlich der mangelhaften Versorgung der Bevölkerung. Nur in manchen Fällen waren es vorübergehende Engpässe, doch die Regel waren langanhaltende Lücken. So bei Lebensmitteln, grundsätzlichen Haushaltsartikeln, oder ganz deutlich bei technischen Erzeugnissen. Für mich, den Heimwerker, waren die letzteren besonders ärgerlich, denn Schrauben, Nägel, Leim oder gar Zement gehörten doch zu Gebrauchsartikeln ersten Ranges. Die Gründe für diese Zustände lagen in der Planwirtschaft, denn die chaotische Einkaufspolitik im Ausland, sorgte für nur vorübergehende Entspannungen auf dem heimischen Markt. Ich möchte hier keine detaillierten Aufstellungen tätigen, aber behaupten, daß es wohl kein einziges Produkt des alltäglichen Gebrauchs gab, welches nicht wenigstens vorübergehend für Irritationen gesorgt hätte.
Und letztendlich weiß ich nicht, ob eben die, über Jahrzehnte andauernden Versorgungslücken, für eine spezifische Versorgungsmentaltität gesorgt haben. Nämlich der Beschaffung fehlender Kleinigkeiten am Arbeitsplatz, selbst oder über eine Vermittlung. Ohne Aufsehen, Emotionen oder moralischen Skrupeln. So wurde der Arbeitsplatz für manche Menschen zum Selbstbedienungsladen.
Z.B. für jenen Mitarbeiter des Institutes, welcher an einem regnerischen Tag in der Pforte angehalten wurde. Obwohl in einer Gruppe, welche zum Schichtsende das Werkgelände verließ, fiel dem Wachhabenden eine Beule in der Regenpelerine, unterhalb des Gesäßes auf. Als er die Pelerine hob, erblickte er einen, an einem Draht hängenen Schraubstock. Auf die Frage, was das den sollte, schaute sich der Missetäter verwundert um und erklärte, daß ihm wohl die Kollegen einen Streich gespielt hätten...

Um den Markt wenigstens etwas zu regulieren, eine gerechtere Verteilung der Güter anzustreben, griff man auf die Zeiten des Krieges zurück. Als Vorbild?
Jedenfalls wurden in den 50ger Jahren Gutscheine, welche den Kauf von Fett und Fleisch regelten, eingeführt. Denn überhaupt waren die Jahre 45 - 80 ein bunter Reigen von Karten, Gutscheinen und Bezugsscheinen. Für jeweils knappe Artikel. Danach aber wurde es noch schlechter...
Da waren sogar Karten, für welche man Seife und Waschpulver kaufen konnte. (2.Mai 1952).

Den meisten Menschen blieben die angesprochenen Versorgungsmöglichkeiten natürlich verschlossen, doch dann war noch der hilfsbereite Nachbar - oder der schwarze Markt. Es etablierte sich so eine "sozialistische Moral", welche sagte, daß doch alles unser Eigentum ist.
Aber nicht nur der individuelle Verbraucher litt unter diesen Schwierigkeiten. Auch Produktionsstätten, Schulen, wissenschaftliche Institute, hatten bei der Komplettierung von Material oder Werkzeugen ihre Schwierigkeiten. Trotzdem waren sie in der besseren Situation: die Planwirtschaft schaffte doch in einem oder zwei Jahren Abhilfe! Man mußte halt nur entsprechend zeitig bestellen. Diese Lösung hatte jedoch ihren Pferdefuß: Eine Dokumentationsänderung, eine Neuerung, machten das bestellte Material überflüssig, trotzdem wurde es geliefert. Manchmal ließ es sich zwar weiterverkaufen, des öfteren aber vergammelten diese Dinge im Lager (ich spreche hier vorrangig von kleinen Betrieben, wissenschaftlichen Produktionsstätten oder Instituten).
Die größten Versorgungsprobleme hatten kleine Betriebe mit breiter Produktpalette, so z.B. der Spielzeugherstellungsbetrieb in welchem ich 1979/1980 arbeitete. Die Anzahl der benötigten Materialien war groß und der für die Materialbeschaffung verantwortliche Herr war glücklich, wenn er 50% der Bestellungsbestätigungen im Hause hatte. Nach zusätzlichen Begründungen, Schreiben und Telefongesprächen schaffte er dann beispielsweise die nächsten 30 Prozent. Wenn dann die Angelegenheit schon total aussichtslos aussah, packte er den Kofferraum seines Wagens mit den interessantesten Produkten (Spielzeugen) voll, und unternahm eine Dienstrundreise zu den Herstellern der noch fehlenden Rohstoffe. Gewöhnlich konnte er da, bei Gesprächen von Mensch zu Mensch, fast alles erledigen. - Nun, und manche Sachen wurden im kommenden Jahr einfach nicht hergestellt.

Noch etwas anders, nämlich drastischer, verlief die Materialsuche in einem mit Forschung und Entwicklung beschäftigtem Betrieb. Hier gab es nicht nur die gerade beschriebenen Probleme, sondern zusätzlich noch das Problem der Devisen. Viele moderne Materialien oder Bauteile waren nur im Ausland - über staatliche Importzentralen - erhältlich. Also nicht nur Devisen, sondern auch zusätzliche Zeit kostete deren Beschaffung.
Doch wie sollte ein Institut bei seiner Entwicklungstätigkeit die notwendigen Materialien und Bauteile ein Jahr früher bestimmen können? Für laufende oder geplante Projekte? Da niemand mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet war, kam es auf diesem Gebiet zu Verschwendungen (Bestellung für alle Fälle, damit die "zugeteilten" Devisen nicht verfallen oder in der Zukunft gekürzt werden), im besten Fall zu schleppendem Arbeitsablauf.
Jedoch nicht nur das. Denn in dieser Gesellschaftsordnung, in welcher nicht Wirtschaftlichkeit oder der gesunde Menschenverstand, sondern politische Dogmen das Sagen hatten, wären noch einige Bemerkungen fällig. Allgemein war es die Order, daß man möglichst alle geschäftlichen Kontakte mit Deutschland meidet. Also nicht nur dessen Produkte boykottiert, sondern auch gewöhnliche Handelsbeziehungen. Ersteres ließ sich seltener vermeiden, dafür machte man vom zweiten regelmäßig Gebrauch. Alles, was man eigentlich direkt beim Hersteller hätte besorgen können, wurde über andere Länder, (gewöhnlich) Österreich entsprechend teurer, mit entsprechend längeren Wartezeiten, eingekauft.

Und noch zwei weitere Illustrationen zu diesem Themenkreis.
In seiner Entstehungsphase entschied sich das polnische Fernsehen für den französichen Standard SECAM. Man machte von dem technisch besseren, in Deutschland, verwendetem PAL keinen Gebrauch, obwohl man wußte, daß sogar die Franzosen intern das PAL-System nutzten. Bald dann auch allgemein. Aber in Polen gab es SECAM. Bis in die neunziger Jahre, in denen auch PAL eingeführt wurde.
In den siebziger Jahren kaufte Polen die Lizenz auf die Produktion eines Ackerschleppers in Großbritanien - den Massey Ferguson. Der Umstand, daß dessen gesamte Konstruktion auf dem Zollsystem gestützt war, schien niemanden zu interessieren. So wie die Schwierigkeiten, mit denen in den darauffolgenden Jahren der Produktionsbetrieb "Ursus" und die Reparaturbetriebe in ganz Polen zu tun bekamen. Denn ganz Polen, alle Werkstätten mit ihren Werkzeugen, waren doch auf das metrische System eingestellt.
Die Entscheidung für Massey Ferguson, traf man trotz einem vorliegenden, besseren Angebot der deutschen Firma Lanz, deren Produkt, den "Lanz Bulldog", man im "Ursus" mit viel Erfolg bis 1955 hergestellt hat. (Auf diesem Produkt saß ich 1956).


Jedoch zurück zu den heimischen Versorgungspfaden. Den, welchen man ging, um kleine Mengen schnell zur Verfügung zu haben. Während meiner Arbeit bei der Entwicklung und Konstruktion stand ich - oder standen wir als Mannschaft - öfters vor dem Problem der Beschaffung eines Teiles, einer Schaltung von heute auf jetzt. Vor diesem Problem standen wir bei jeder Entwicklung, vor allem aber beim Projekt der Herz-Lungenmaschine und des Dialysegerätes. Der Kauf eines Teiles, von dem man nicht einmal wußte, ob es den Erforderungen im Gerät gerecht wird, hätte im besten Fall Monate gedauert. Da es aber nicht bei einem Teile bleiben konnte, manche zusätzlich noch von anderen abhängig waren, hätte sich die Erstellung des Prototypen mit den notwendigen Untersuchungen über viele Jahre hinwegziehen können.
Nun, eine richtige "Organisation" dieses Problems erlaubte uns eine drastische Verkürzung dieser Zeit. Zwecks Beschaffung der verschiedensten benötigten Elemente begab ich mich gewöhnlich - nein, in kein Geschäft - sondern zum Produzenten oder in einen solchen Betrieb, dessen Entwicklungsabteilung oder Laboratorium das gesuchte Element bei seinen Arbeiten benutzte. Dort stellte ich unser Problem vor und bekam das benötigte in mein Köfferchen. Das funktionierte in neun von zehn Fällen. Sogar so gut, das ein dem Pförtnerpersonal gut bekannter (höherer) Mitarbeiter mich kollegial bis vor den Betrieb begleitete, um eventuellen Fragen nach dem Inhalt meines Köfferchens zuvorzukommen.
Nichtrostendes Blech wurde in der Baildon-Hütte, aber praktisch nur für den Export gefertigt. Wir brauchten dringend zwei Bogen, deren Erhalt für unser Vorhaben mit einer Frist von ungefähr zwei Jahren verbunden gewesen wäre. Einer der damaligen Direktoren war ein Zögling unseres Professors. Ein kurzes Gespräch genügte für die Erlaubnis, das Fabrikgelände mit dem Wagen zu befahren. Und ein paar Worte, damit ein Mitarbeiter diese zwei Bogen, säuberlich zusammengerollt, in den Kofferraum des Pkw verstaute. Dann verließ der Wagen, mit dem Direktor am Steuer, ohne Kontrolle das Werksgelände...
Das eben Erzählte waren nur Ausschnitte aus unserer täglichen Beschaffungspraxis. Und hier muß ich bekennen, daß ich deswegen nicht einmal Gewissensbisse hatte.

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Noch über Versorgungsmängel und den Proben ihrer Milderung.    Ungern wollte ich mich hier detailliert über auf dem Markt fehlende Waren auslassen, aber mich hat ein Bild aus den sechziger Jahren, welches ich unlängst gesehen habe, inspiriert. Es stellte einen Mann dar, welcher an einem kühlen Tag durch die Straßen der Hauptstadt (weil da noch die entsprechende Straßenbahn im Hintergrund zu sehen war) marschierte und einen Kranz aus Toilettenpapierrollen schräg über die Schulter trug. So wie auch hohe Würdenträger ihre Schärpe tragen. Diese Assoziation und ein kleines Erlebnis schon außerhalb Polens waren der Auslöser dieser paar Worte.
Baumaterial und andere bei einer Wohnungsrenovierung notwendige Teile waren entweder reglementiert, oder einfach in den Läden nicht zu bekommen. Um in der Küche eine Abwasserleitung aus PVC-Rohren zu verlegen, brauchte ich ein geschlagenes Jahr bis ich alle notwendigen Stücke (Bogen und Rohre) beisammen hatte. 10 kG weißen Zements kaufte ich auf dem Schwarzmarkt wohlwissend, daß er in den Labander Werken verloren ging. Mit Reue bekenne ich mich dazu. Aber was sollte ich machen, wenn die (für Devisen) gekauften Fliesen schon längere Zeit auf ihre Verlegung warteten. Denn für Devisen konnte man in den späteren Jahren schon viele, sonst nicht erhältliche, Produkte kaufen. Die Geschäfte der PeKaO-Firma, Pewex, sorgten für die Einfuhr von "Luxus"-Artikeln und saugten, die unter die Bevölkerung gelangten Devisen, im Namen des Staates auf. Legale oder auch illegale. Ein normaler, grauer, Bürger durfte damals schon ein Devisenkonto besitzen! Auf welchem er seine (westlichen) Versorgungen, Geschenke von der (westlichen) Verwandtschaft, erarbeitetes (natürlich im Westen)Geld ...oder auf dem schwarzen Markt erworbene DM oder USD parkte. Ich erinnere mich, daß ich im Jahre 1980 für eine DM rund 45 zl bekam. Mein damaliger Monatsverdienst als Hauptspezialist in der Genossenschaft betrug 4800 zl. - Nun, und der 1977 in Exportausführung gekaufte Fiat 125p, kostete eben 4800, aber DM.

Zur kontrastreichen Veranschaulichung der damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse noch einige Vergleiche mit der DDR. Schon in den späten sechziger Jahren, als die Grenze verhältnismäßig einfach zu passieren war, wurde die DDR für uns eine Quelle vieler Versorgungsergänzungsmöglichkeiten. Ob es nun Wurstwaren, Teile für den Trabi, Haushaltsartikel, Optik oder Unterhaltungselektronik war. Und auch an Dienstleistungen kam man da deutlich leichter heran - und sie waren durch die Bank besser. So ließ ich in Dresden meinen Trabi (natürlich nach Voranmeldung) generalüberholen und diese oder jene Reparatur ausführen. So auch meinen, ansonst intakten, guten Regenschirm neu bespannen! In Polen ein unausführbares Vorhaben.
Bloß: Wie haben die das gemacht?

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Brösel der Normalität.   Denn auch solche Erfahrungen konnte ich in Polen machen.
Peiskretscham.  -  Omas Häuschen mit dem Garten hörte 1945 auf, ihr (und mein) Zuhause zu sein. Die polnischen Staatsbahnen hatten es aufgrund irgendeines Erlasses einfach übernommen und da ihren Mitarbeiter hineingesetzt. Ich erinnere mich sehr genau an jenes Gefühl: Du stehst vor deinem Haus - aber es ist nicht mehr dein, du schaust durch den Zaun in den Garten und die Früchte auf den Bäumen - aber du darfst nicht ran. Du kannst nicht in den Hof schauen, denn der Bretterzaun ist dicht, so wie früher. Wenn Du dich zu sehr für den Garten interessierst, wirst Du mit einem Haufen unverständlicher Worte, aber eindeutigen Gesten konfrontiert.
Deswegen wohnten die Oma und Tante jetzt bei uns in Gleiwitz, acht Personen in der kleinen Wohnung, ein zwei und weitere Jahre. Bis wir irgendwann in den fünfziger Jahren erfuhren, daß es für polnische Staatsbürger die Möglichkeit der Rückgewinnung ihres Eigentums gibt. Ich war damals schon genügend mit Ämtern und der polnischen Sprache vertraut, um einen Versuch in Omas Angelegenheit zu unternehmen. Mit letztendlich positivem Ergebnis!
Schwieriger wurde es mit den Staatsbahnen, den PKP. Es dauerte, bis sie ihrem Mitarbeiter eine andere Wohnung vermittelten und ihn zum Auszug aus Omas Häuschen bewegten. Omas Umzug, in das ziemlich verkommene, heruntergewirtschaftete Haus, dessen provisorische Renovierung, waren schon die kleineren Probleme. Alles angesichts der Tatsache, daß uns zum ersten Mal nach 1945 Recht gegenüber einer staatlichen Institution zugesprochen wurde!
Geschrieben in den Jahren 2006 bis 2008



Volksrepublikanische Realitäten

Entschuldigung, ist noch nicht ganz fertig...

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