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Das Arbeitsleben



Inhaltsverzeichnis:

 0. Ein Vorgeschmack - Das "Präludium" meines zukünftigen Arbeitslebens, die Arbeit auf dem Lande
 1. Der erste Kontakt - Wie man in die normale Arbeitswelt schliddert
 2. Verantwortung - Jung, trotzdem schon ziemlich erwachsene Pflichten
 3. Schwierige Monate - Eine Feuertaufe in vieler Hinsicht   (Lugknitz, Gleiwitz)
 4. Ein Walzwerk - Von der Theorie zur Praxis
 5. Im Institut - Mein pseudowissenschaftlicher Karriereabschnitt
 6. Im Schlesischen Polytechnikum - Die endgültige Profilierung meines Berufslebens
 7. (Zu) Hohe Aspiration - Wie man in der VRP nicht Direktor wurde; der Sonderstatus
 8. Eine besondere Anstellung - Der Ausklang meiner "Karriere" in Polen

Ergänzendes:

 Auslandsaufenthalte - Einige Geschichten; Charakteristisches und Erzählenswertes aus den Zeiten der Volksrepublik


Auf dem Dorfe


Hier möchte ich noch etwas über meine ersten Erfahrungen mit der "Arbeitswelt" erzählen - denn von 1946 bis 1948 verbrachte ich zu verschiedenen Zeitpunkten einige gute Monate in der Landwirtschaft, konkreter bei entfernten Verwandten im Landkreis, welche verhältnismäßig leichter ein weiteres Maul füttern konnten, und dafür die Gegenleistung in Form einer 13 - 15-jährigen Arbeitskraft bekamen.

Denn 1946 kamen Oma, (welche zu jener Zeit noch bei uns in Gleiwitz wohnte), und meine Eltern zur Überzeugung, daß es nicht nur für mich gut wäre, wenn ich im Frühsommer aufs Dorf käme. Ich könnte mich da nützlich machen, besser essen, und dabei den Rest der Familie entlasten. Mit der Entlastung hat es wohl geklappt, schlechter mit dem besseren Essen für mich.
Nun ich möchte hier nicht kleinlich sein und darüber klagen. Lernte ich doch dafür einiges über "Ackerbau und Viehzucht", erweiterte auch meine Horizonte in Sachen Menschenkenntnis und Lebensverhältnisse in dörflicher Umgebung. Das alles anfangs bei der entfernteren Verwandtschaft der Cousine meiner Mutter in Solmsdorf/Slupsko.

Es war ein kleineres Anwesen, aber mit allen Merkmalen eines richtigen Bauernhofes. Die Stallungen waren unter einem Dach mit dem Wohnhaus: Aus der Küche kam man über einen kleinen Abstellraum direkt in den Stall. Dort standen die zwei Kühe und die Mähre - ein paar Schweine waren in einem Verschlag untergebracht, und die Hühner fanden da auch ihre Schlafstangen. Den Hof begrenzte im hinteren Teil die Scheune, hinter welcher noch ein Göpel, auch Tretmühle genannt, seinen Platz gefunden hat. Er diente zu meiner Zeit nur noch untergeordneten Zwecken, eine richtige Dreschmaschine konnte man mit ihm nimmer antreiben. Das wenige Getreide wurde mit einer ausgeliehenen Dreschmaschine mit Dieselmotor gedroschen, aber das erst in den späten Herbst- oder Wintertagen. Der Dieselmotor stand dann im Garten, fern der Scheune, und übertrug seine Kraft über einem langen Transmissionsriemen. Vor dem mußte man sich hüten und ich bekam einige Gruselgeschichten, über damit verursachte Unfälle zu hören.

Das Dreschen war für mich eigentlich nur ein kurzes Erlebnis - denn meine Hauptaufgabe während der Sommer- und Herbstmonate war das Hüten der zwei, manchmal drei Kühe. Heute scheint es verwunderlich: Kühe hüten. Man läßt sie auf die Weide und fertig ist die Angelegenheit. Doch damals hatten nur sehr reiche Bauern einen umzäunten Weideplatz, die anderen suchten das Grünfutter auf verschiedenen Brachen oder Feldrainen. So war es auch meine Aufgabe, die Kühe dahin zu führen, und besonders auf den Rainen aufzupassen, damit die Kühe nicht nach dem Grün auf den danebenliegenden Feldern griffen. Das war streng verboten: manchmal wegen der Gesundheit der Kühe (es drohten Blähungen, wurde mir eingetrichtert) aber hauptsächlich wegen der Ertragsminderung der Felder. Also mußte ich sie immer schön kurz halten und mein Freiraum war sehr begrenzt. Deswegen sehnte ich immer das Ende der jeweiligen Hütung an: vormittags wenn man die Glocken vom Nachbardorf hörte, oder andere Bauern heim zogen, und nachmittags, wenn die Sonne entsprechend tief stand.
Die Langeweile wurde im Sommer manchmal durch einen interessanten Genossen unterbrochen. Welcher so wie ich, auch zeitweilig in der "Sommerfrische" war, und die Kühe seines Onkels hütete. Wenn es sich irgendwie vereinbaren ließ, suchten wir die gleichen Weideplätze auf und konnten uns dann unterhalten. Er war einige Jahre älter, und der Sohn eines Försters aus dem Ratiborer Kreis. Wie sprachen von seinen, und nicht nur seinen, Erlebnissen im Wald. Ich war ein aufmerksamer Zuhörer, und kam erst viel später zur Überzeugung, daß er mir da des öfters auch einen Bären aufgebunden hat. Jedenfalls war ich ganz Ohr, als er von Tieren, Vögeln, der Arbeit seines Vaters im Wald, von Schießgewehren und dem Zusammentreffen mit Wilderern(!) erzählte. Wahrscheinlich war auch er ein guter Zuhörer der Älteren um ihn herum gewesen.   -   Aber er kannte viele Tiere, und wurde mein erster Lehrer in der praktischen Zoologie des Waldes und der Felder. Damals keimte in mir der Wunsch nach einem Försterdasein auf, den ich später aber nicht realisieren konnte. Im Nachhinein: Es wäre für mich, obwohl Tierliebhaber, wahrscheinlich auch der falsche Beruf gewesen.
Daß Kühe, trotz ihrer Gutmütigkeit, doch ein ziemliches Gewaltmonopol im Verhältnis zu einem 13-jährigen Burschen besitzen, mußte ich nicht einmal erfahren. Der mitgeführte Stock half mir gewöhnlich in solchen Situationen. Trotzdem mußte ich auch die Erfahrung machen, daß eine Kuh eine deutlich größere Masse besitzt ...wenn sie mir ungewollt auf den Fuß trat. Oder einmal, als ich auf dem schmalen Nachhauseweg dicht neben der Kuh ging und diese auf den Gedanken kam, sich mit einer schnellen Kopfbewegung nach hinten von lästigen Fliegen zu befreien. Aber da ich auf dem Weg des Kopfes war, bekam ich so einen Schlag mit dem, (zum Glück stumpfen), Horn und dem restlichen Kopf gegen meine Brust, daß ich in den Graben rutsche und einige Zeit nach Atem ringen mußte. Zum Glück blieb es ohne Folgen für mich, und verdarb auch nicht mein gutes Verhältnis zu den Kühen. Dieses nützte ich in den naßkalten Tagen manchmal aus, um mir etwas Wärme, und dem (wohl ewig leeren) Magen etwas Gutes zu bescheren: Ich hockte mich unter die Kuh, und molk mir das Glas Milch direkt in den Mund.

Müßig zu sagen, daß ich in diesem Hof auch andere Pflichten hatte. Es gab immer etwas zum Fegen, Tragen, Säubern... Die ganz schweren Arbeiten, das Ausmisten und der Misttransport blieben mir aber gewöhnlich erspart. Trotzdem war ich immer in Bewegung und entsprechend hungrig. Die Mahlzeiten bildeten eine gewünschte Unterbrechung, obwohl...
Wegen der vielen Fliegen in der Küche aß ich da nur ungern, und verzog mich mit meiner Portion gewöhnlich ins Freie. Dort konnte ich unter Umständen auch die Hühner füttern, wenn mir irgendwelche Zutaten des Essens absolut nicht zusagten. Meistens gab es zum Mittag einen dicken Eintopf, in dem man alles finden konnte. Nicht immer schmackhaft für ein "verwöhntes",obwohl immer hungriges Stadtkind. - So saß ich mal wieder über meinem Napf und rührte in der Suppe, als mich ein Bestandteil intrigierte: etwas ovales, halbdurchsichtiges. Ich nahm es auf den Löffel und stellte fest, daß es ein Flügel, mit einem kleinen Rest der Fliege war. Gut, daß ich noch nichts gegessen hatte, denn sonst wäre es mir hochgekommen. Ich schaute nur vorsichtig um mich herum, ob ich nicht beobachtet werde, trug meine Mahlzeit zu den Schweinen, und kippte sie in deren Trog. Sie wurde dankbar angenommen - aber mir knurrte noch längere Zeit der Magen.
Womöglich war ich nicht der einzige in dieser Eßgemeinschaft, dem die Kochkünste oder Kochmöglichkeiten der Hausfrau nicht ganz zusagten. Da war noch ein zwei- bis dreijähriges Kind, welches bei jeder Gelegenheit unter dem Küchentisch hockte, um dort den Kalkputz von der Wand zu konsumieren. Richtig kahle Stellen gab es da schon. Nur, das hatte wohl in Wirklichkeit nichts mit dem Mittagessen zu tun.

Auf diesem Hof gab es noch zwei (aus heutiger Sicht) Raritäten. Das Wasser kam aus einer richtigen gußeisernen Pumpe mit einem riesigen Schlengel, welche auf dem ummauerten Brunnen stand. Und daneben war der Backofen: ein kleines Häuschen mit Schornstein, dessen Hauptteil der eigentliche Backofen bildete. Auf Brusthöhe gab es eine eiserne Tür, deutlich größer als im Kohlenherd in der Küche, und dahinter ein niedriges, gemauertes Gewölbe mit der Schornsteinöffnung. Es erinnerte mich an die Zeichnungen zu Grimms Märchen.
Brotbacken bedeutete also nicht nur Zubereitung des Teiges und das Formen der Laibe, nein, man mußte auch einige Stunden früher im Gewölbe des Ofens ein Holzfeuer entfachen, und es über Stunden immer wieder versorgen, bis das ganze Gemäuer die richtige Temperatur hatte. Dann wurde gebacken! Mit einer eisernen Hacke wurde die Glut aus dem Ofen entfernt, und die gröbsten Aschenreste mit einem angefeuchteten Strohbesen ausgefegt. Dann kamen, so wie beim richtigen Bäcker, die geformten und gewachsenen Laibe über einen Holzschieber in den Ofen. Die Tür und der Schieber im Schornstein wurden geschlossen. Wenn die Temperatur des Ofens am Anfang richtig war, konnte man die gut gebackenen Brote nach ein paar Stunden entnehmen. Und dann die ganze Woche Brot essen...
Mein Schlafzimmer war der Boden, das Obergeschoß des Hauses. Da stand ein altes, richtiges Holzbett mit einem Strohsack, Bettlaken und Kopfkissen. Das wichtigste, die Zudecke, (heute sagt man Oberbett), war ein richtiges Monstrum. Wohl um zu beweisen, daß es auf einem Bauernhof an Federn nicht fehlt, hatte man da so viel (geschlissene) Federn reingestopft, daß es steif wie ein Brett auf einem lag, schwer und unflexibel. Die kalte Luft kam an den Seiten rein.
Das Bett war mein Heim, so hatte ich auch alle Habseligkeiten da, und einige Zeit auch einen wunderschönen Apfel. Irgendwo bekommen oder gar geklaut? Jedenfalls wollte ich ihn bei dem nächsten Heimgang meiner Mutter bringen, und ich habe es geschafft. Jeden Tag angeschaut und dann die 20 Kilometer getragen. Mutter hat sich gefreut, wohl meinen guten Vorsatz richtig erkannt, und den Apfel mit mir geteilt.

In jener Zeit gab es noch andere, ähnliche, (Arbeits-)Episoden an anderen Stellen. Die dauerten gewöhnlich kürzer, manchmal nur einen oder paar Tage, dafür waren anstrengender. Denn dann ging es um konkrete Erntehilfe. So in Grünwiese/Niewiesie. Da wohnte ein weiterer Verwandter meiner Mutter, und der hatte einen größeren Bauernhof. Mit Pferden, mehreren Kühen, größeren Feldern, und sogar eigenen Maschinen. So wurde das Getreide mit einem, dafür vorbereiteten, Grasmäher geschnitten. Das ging ziemlich flott, und deswegen waren viele Hände nötig, um die abgeworfenen Halmhäufchen zu Garben zu binden, und diese wiederum, 7 an der Zahl, zu Hügeln aufzustellen, in denen sie weiter trocknen konnten. Das Binden der Garben, mit einem aus Halmen gedrehten Strick, war die schlimmste Arbeit, vor allem, wenn das Getreide mit Disteln durchwachsen war. Aber auch das Aufstellen verlangte einige Fertigkeiten, damit die Hügel nicht schon beim ersten Windstoß durcheinander gewirbelt wurden. Gewöhnlich war es bei dieser Arbeit heiß, sie dauerte von früh bis abends, die Hände und Unterarme waren bis auf das Blut gereizt. Ich schlief dann in den primitivsten Verhältnissen wie ein Stein, und war froh, wenn ich mich nach paar Tagen auf den Weg nach Hause machen konnte.

Noch eine kleine Episode möchte ich hier anführen, sie ereignete sich bei meinem Großonkel in Stillenort/Ciochowice. Dort half ich dem Onkel beim Pflügen. Das Feld war nicht groß, deswegen konnte die Arbeit, mit einem Pferd und dem einscharigen Pflug, in einem Tag geschafft werden. Da aber das Pferd nicht besonders folgsam war, und der doch ältere Onkel mit dem Pflug genügend Arbeit hatte, war ein Helfer, welcher das Pferd schön in der Furche führte, erwünscht - wenn nicht notwendig. Nun ich machte das, und fühlte mich nach der Arbeit schon wie ein Pferdekenner. Deswegen hatte Onkel nichts dagegen, als ich mich auf des Pferdes Rücken nach Hause begeben wollte. Er half mir noch hinauf, dann klaubte ich das Zaumzeug zusammen und los ging es. Im Schritt, etwas links und wieder geradeaus. Nun, jetzt sollte es etwas schneller werden. Das Pferd wurde wirklich schneller, aber ehe ich das richtig auskosten konnte, blieb es plötzlich stehen, aber ohne mir. Ich war noch in der schnellen Bewegung nach vorn, nur jetzt schon über den Pferdekopf hinweg, und blieb etwas unsanft auf der Erde liegen. Der rechte Unterarm schmerzte und über dem Handgelenk gab es eine harte Beule.
Man tat mit mir das einzig Richtige: Ich wurde am nächsten Morgen nach Gleiwitz (nur 20 km weit) geschickt, (das natürlich zu Fuß), wo mich Mutter sofort zu den Hedwigschwestern brachte. Die fügten mir etwas Schmerzen zu, als sie die angebrochene Speiche richteten, und mir einen Verband, samt Schiene anlegten. Die Beule war danach kleiner geworden und verschwand mit der Zeit fast total. Nach zwei Wochen lief ich schon ohne Verband herum und vergaß diese unrühmliche Episode fast ganz.

Erinnert 2007

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Der erste Kontakt


    Ich hatte gerade das Zeugnis der achten Klasse in die Hand bekommen, da gab es ein für mich glückliches Zusammentreffen: Die Tante von Horst, meinem Freund, mit dem ich einiges verbrochen habe, hatte an ihrer Arbeitsstelle einen freien Platz für mich ausgemacht: als Laufbursche. Es hat geklappt, mit gerade abgeschlossenen 15 Jahren wurde ich im Verkaufsbüro für Fettprodukte, einer großen Handelszentrale auf der Coseler Straße in Gleiwitz, der persönliche Laufbursche der Direktoren Rudnicki und Dr. Romer.
    Verkaufsbüro klingt ziemlich bescheiden, doch war es im Jahre 1948 ein wichtiger Baustein der sozialistischen Planwirtschaft. Diese verlangte, daß der Verkauf aller Produkte der einschlägigen Industrie, in ganz Polen über dieses eine Verkaufsbüro abgewickelt wird. Deswegen gab es da viele Mitarbeiter für verschiedener Branchen. Als Vergangenheitsrelikt sogar noch eine Reklameabteilung...
    Meine Anstellung war auf den ersten Blick ziemlich unkompliziert: Ein Gesuch um Anstellung und der noch ziemlich bescheidene Lebenslauf genügten vorab. Aber schon in den nächsten Tagen wurden mir aus dem Personalbüro weitere Formulare zur Ausfüllung nachgereicht. Ich hätte dazu fast rechtliche Hilfe gebraucht, um den sechs- oder achtseitigen Personalfragebogen auszufüllen. Der Staat wollte seiner Leute möglichst sicher sein, und der vermutete Klassenfeind lauerte überall. In Form der ehemaligen offiziellen Feinde, aber auch der viel weiter verbreiteten, inneren Feinde. Um diese herauszufiltern, gab es jede Menge von Fragen nach Organisationszugehörigkeit vor, während, und nach dem Krieg. Fragen nach Verwandten im In- und Ausland. Nach deren Verbindungen, nach Volkslisten, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Parteienmitgliedschaft, Sprache und dem Verhältnis zur deutschen Besatzungsmacht, nach Beschäftigungen während eines Auslandsaufenthaltes, und ähnlicher Fragen mehr. Jedenfalls wurde diese Arbeit ein Drahtseilakt für mich: Nationalität, Volkszugehörigkeit, Verwandte im Ausland - was sollte ich schreiben?

    Nun, geschafft habe ich es jedenfalls. und war fortab der jüngste Mitarbeiter im Büro. Meine Arbeit wurde weitestgehend durch den Arbeits- und Lebensstil "meiner" Direktoren geprägt. Ich trug die Aktenmappen zum und vom Direktor, und hörte auf seine erzieherischen Ratschläge, wie z.B.: "... man sagt seinem Vorgesetzten nicht: "Das ist nicht wahr, sondern..." ...". Manchmal, bei Bedarf, ging ich mit mir anvertrautem Geld, in einen der damals entstandenen Tante-Emma-Läden, um Einkäufe für Direktor Rudnicki zu tätigen, z.B. ein Döschen, oder gar Büchse mit Pulverkaffee zu erstehen. Das war ein Artikel der gehobenen Preisklasse, für nur wenige zugänglich. Viele der in diesen Geschäften verkauften Waren stammten aus den Lieferungen des westlichen Hilfswerkes UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) und waren eigentlich als Hilfe für die Bevölkerung gedacht...
    Dr. Romer war der Vice, und unsere Kontakte waren mehr intellektueller Natur. Er brauchte mich weniger, dafür stiftete er mich zum Lesen und Lernen an. Seine Pflichten im Büro beschäftigen ihn wahrscheinlich nur ansatzweise, denn sein Interesse galt, so weit ich das damals beurteilen konnte, den Büchern. Er hatte immer eins in seiner Schreibtischschublade, offen. Wenn er denn Besuch bekam, schob er diese einfach zu; bei mir tat er es nicht. Ja, ich wurde sogar sein "Vertrauter". Jeden, spätestens jeden zweiten Tag hieß es: "Karlchen, hier sind die Bücher". Das war alles. Ich schob sie in meine Tragetasche, und machte mich auf den Weg, - in die städtische Bibliothek. Der Dame da war ich schnell bekannt, so wie sie schon vor mir, Dr. Romer kannte. "Na, was nehmen wir heute?" war nur eine rhetorische Frage, nachdem ich dran war. Denn drei Bücher, (Romane oder auch anspruchsvollere Literatur), lagen schon vorbereitet (trotzdem man offiziell nur ein Buch leihen konnte), und ich hatte mir während der Wartezeit auch eins ausgesucht. Dann zurück ins Büro. Der Doktor bekam seine Bücher die er las oder nur durchblätterte - ich zog mich an meinen "Arbeitsplatz" in einen Winkel der Eingangshalle zurück. Dort konnte ich mich gewöhnlich über längere Zeit mit meinem Buch befassen.
    Denn Bücher, polnische Bücher, wurden für mich in diesen Monaten eine doppelt wichtige Angelegenheit. Bis dahin hatte ich praktisch noch kein polnisches Buch selbstständig gelesen. Gut, für die Schule sollte man dies oder jenes lesen. Doch weil die Sprache einem nicht so geläufig war, beließ man es bei diesen Pflichtlektüren in Form kurzer Zusammenfassungen. Erzählungen, Novellen, Abenteuer, Zukunftsromane - also alles was wirklich Spaß machte, las ich lieber in deutscher Sprache. So weit ich mir diese Bücher beschaffen konnte ...und Zeit hatte.
    Aus diesem Grund waren die Umstände in der Arbeit sehr günstig: Bücher, Zeit und ein wohlwollender Vorgesetzter. Ich las, las und las. Erst anspruchslose Kinderbücher, dann aber, mit immer besseren Sprachkenntnissen schon normale Jugend- und auch Erwachsenenliteratur. So auch meinen ersten Karl May in polnischer Sprache: "Der Schatz im Silbersee". Die Monate in diesem Verkaufsbüro bedeuteten für mich einen Riesensprung im Wissen um die Gesellschaftsordnung, ... und in der Beherrschung der polnischen Sprache. Doch nicht nur Bücher brachten mein Allgemeinwissen voran. So hatte ich auch Gelegenheit das Maschineschreiben zu üben. Eine nicht gebrauchte Rheinmetall stand mir zur Verfügung, ein Lehrgang in Form einer Broschüre und das Wichtigste: meine Lehrerin. Eine ältere Dame, die Herrscherin über ein Einzelzimmer mit Fernschreiber, mit phänomenaler Anschlagszahl pro Minute und guten Stenographiekenntnissen, hatte mich ins Herz geschlossen, deswegen lernte ich bei ihr einiges. Und dadurch habe ich, eigentlich niemals in meinem Leben, die Ein- oder Zweifingermethode beim gelegentlichen Gebrauch einer Schreibmaschine anwenden müßen. Ich befaßte mich damals sogar mit den Anfängen der Stenographie - denn, wie sollte es anders sein, dachte ich zu jener Zeit noch an eine Bürokarriere....

    Eine Bürokarriere wie ich sie in diesem Jahr, 1948 kennenlernte. Mit Strukturen und einer Technik die aus der Vorkriegszeit übernommen wurde. Die Technik, das waren Schreibmaschinen, solide und schwer. Solche normale für ein A4 Blatt, bishin zu solchen mit überlangen Walzen, auf welchen man die in der Planwirtschaft so notwendigen, vielspaltigen, Berichte schreiben konnte. Und Rechenmaschinen, mechanische natürlich. Kleine, verhältnismäßig handliche welche noch auf dem Schreibtisch bequem Platz fanden: 9 oder zwölf Hebel auf der gewölbten Vorderfront mit denen man eine Zahl einstellte, sie dann mit einer Umdrehung der Kurbel in den Speicher beförderte, um dann die nächste Zahl einzugeben, und diese zu dem Wert im Speicher, mit einer Rechtsumdrehung, zu addieren. Oder mit einer Linksumdrehung von dem Speicherwert zu subtrahieren. Das war einfach, aber die Eingeweihten konnten mit diesen Rechengeräten auch multiplizieren, oder dividieren. Dazu war dann allerdings eine entsprechende Betätigung des verschiebbaren Speichers notwendig. Dann gab es ähnliche, schon größere, Geräte die alle Eingaben auf einem Papierstreifen dokumentierten, oder die ganz großen Rechengeräte, mit elektrischem Antrieb, auf einem speziellen Unterbau, gewöhnlich mit Rädern, so daß man sie von einem zum anderen Arbeitsplatz verschieben konnte. Allen war eins gemein: ein großes Gewicht und ein manchmal höllischer Lärm, wenn die losratterten. Ja, eins hätte ich dann noch vergessen: die aus der Schule bekannten Rechenbretter, auch Abakus genannt, mit ihren jeweils zehn Kugeln auf jedem Draht. Für unkomplizierte Rechnungen waren sie die erste Wahl.

Ein weiterer wichtiger Faktor des Bürolebens war natürlich die Telekommunikation. Hier will ich schon nicht mehr von der kleinen Glocke mit den vielen, in drei oder vier Reihen angeordneten, Fensterchen sprechen. Sie hang in der Eingangshalle, meinem gewöhnlichen Aufenthaltsort. Wenn die Glocke schrillte, fiel auch eine Klappe in einem der Fensterchen herunter, und zeigte an, daß in der Abteilung soundso Hilfe gebraucht wird. Gewöhnlich erledigte das mein "Mitarbeiter", präziser Vorgesetzter, ein älterer Mann, welcher die Funktion eines Bürodieners inne hatte. Mir blieben die Nummern für die Direktorenzimmer vorbehalten, weil diesen Herren eine immer zur Verfügung stehende Hilfe wichtig erschien. Nun müßig zu sagen, daß sich die Glocke meistens dann meldete, wenn es in meinem Buch besonders interessant wurde.
Hier, im Büro, kam ich auch zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Telephon in Berührung. Das ganze Büro, vier Stockwerke, war an eine handbetätigte Zentrale angeschlossen - mit einigen Ausnahmen: die Direktoren hatten jeweils einen Zweitapparat mit Amtsanschluß, und das Zimmer mit dem Fernschreiber hatte auch einen. Die Telephonapparate waren in der Mehrzahl noch solide Vorkriegsgeräte mit einer richtigen, beweglichen Gabel als Hörerablage. Nur ein Teil der Apparate waren schon aus der Nachkriegsproduktion, aber eben so stabil und schwer aus schwarzem Bakelit gefertigt. Nur der Amtsapparat des Direktors war ein Schmuckstück, mit Lämpchen und Schaltern für interne Verbindungen. Aber da durfte ich nicht ran.
Das Telephon war damals noch etwas weniger alltägliches, und deswegen mehr umhegt, als man es sich heute vorstellen könnte. In bestimmten Zeitabständen suchte ein Mitarbeiter der Post jeden einzelnen Apparat auf, kontrollierte den Anschluß, den Zustand der Leitungen und säuberte den Apparat. Sogar das damals übliche Kohlemikrophon wurde entnommen und zusammen mit dem ganzen Hörer desinfiziert.
Der Fernschreiber, das war schon eine Sache für sich. Intrigierend ob seiner Möglichkeiten und Geheimnissen. Wie funktioniert er? Diese Frage blieb für mich noch einige Jahre unbeantwortet. Jedenfalls saß er unter einer großen, mit Filz ausgeklebten Haube, welche man für das Einfädeln einer neuen Papierfahne abnehmen mußte und verursachte einen Heidenlärm, obwohl unter der Haube. Ich war des öfteren Gast in diesem Zimmer, dienstlich oder auch privat. Ich brachte da vom frühen Morgen die Schreiben welche noch am gleichen Tag in Warschau, im Ministerium sein sollten, und verteilte später die Warschauer Nachrichten an die Empfänger in allen drei Büros der Handelszentrale. So wartete ich auch öfters, zusammen mit "meiner" Dame, auf das Zustandekommen der Verbindung. Die Post stellte tagtäglich eine einstündige, feste, Verbindung mit dem Warschauer Fernschreiber her, und in dieser Zeit mußte die ganze Korrespondenz die Leitung durchlaufen. Gewöhnlich sah das so aus, daß meine Dame vor dem Gerät saß, und Punkt zwölf Uhr zu tippen anfing: "halo warszawa", abwartete, und den Versuch wiederholte. Dann irgendwann, fing der Fernschreiber von sich aus zu poltern an, und man las: "halo gliwice". Dann kam ein kurzer Gruß, (die Damen kannten sich schon), und eine Erklärung wie viele Schreiben ihren Empfänger auf beiden Seiten erreichen sollten. Gewöhnlich waren es viele und es ging los: Nummer des Fernschreibens, der Text, und die Empfangsbestätigung von der anderen Seite. Und das nächste, u.s.w. Irgendwann war der Stapel abgearbeitet, und jetzt kam es von der anderen Seite. Nur diesmal saß meine Dame entspannt, und betätigte nur die laufenden Empfangsbestätigungen. Wenn dann noch ein paar Minuten zur vollen Stunde fehlten, unterhielten sich die Damen manchmal miteinander, ansonsten hatte der Fernschreiber 23 Stunden Ruhe. Jetzt kam der Rest der Arbeit, manchmal half ich sogar beim Zerschneiden der Papierfahne, damit die einzelnen Nachrichten zugestellt werden konnten. Diese wurden vorher noch in ein Heft eingetragen, für alle Fälle.

    Von der Gesellschaftsordnung hatte ich gerade gesprochen: Ein wichtiges Ereignis in der polnischen Politiklandschaft stand bevor. Für die weitere Gleichschaltung aller Kräfte, zum Bau des Sozialismus, kam es zur Vereinigung der beiden größten Parteien: der PPR (Arbeiterpartei) und PPS (Sozialistische Partei). Daraus wurde im Herbst 1948 die PZPR, die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei. Schon der neue Name sagte, wer da das Sagen haben wird. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche Ahnung von der Politik. Beide Parteien bekamen für mich erst jetzt Gesichter: Intelligenz bemerkte ich eher bei Mitgliedern der PPS, Grobschlächtigkeit, Primitivität, eher bei der anderen Seite. Und meine Direktoren reihten sich in dieses Schema ein. Für mich reduzierte sich die ganze Vereinigungsveranstaltung auf die Vorbereitungen im großen Saal der Handelszentrale, (wobei ich mithelfen durfte), und in dem dann auch die internen Feierlichkeiten stattfanden: Mit Ansprachen, einer Bühnenvorstellung und dem Tanzvergnügen. Das erste interessierte mich überhaupt nicht, während ich der Vorstellung noch etwas abgewinnen konnte. Das aber war dann für mich auch der Schluß der Vereinigungsfeierlichkeiten.
    Meine Arbeit in diesem Büro fand nach nicht einmal einem Jahr ein jähes Ende: Es wurde nach Warschau verlegt. Zum Glück verlief das für mich glimpflich, denn man hatte für mich eine Arbeit in einem anderen Betrieb parat.
Und das wäre schon die nächste Geschichte.


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Verantwortung

Mit 16 Jahren hatte ich also schon meine 2. Arbeitsstelle. Die "Vereinigten Werke für technische Gase" - ein polenweiter Zusammenschluß aller Betriebe, die etwas mit der Herstellung von technischen Gasen, so z.B. Azetylen, Kohlensäure, Sauerstoff u.ä. zu tun hatten. Wieder ein Bürokomplex in dem vor allem übergeordnet verwaltet wurde. Damit die drei Direktoren dies auch gut machen konnten, hatte jeder seinen Dienstwagen. Mit Fahrer natürlich, nicht alltäglich in jenen Zeiten. Auch der Personalchef hatte einen, wenn auch nur einen Skoda Tudor; während für die Direktoren drei Opel zur Verfügung standen: Ein Admiral, ein Kapitän und ein Kadett. Diese Flotte, (immerhin schon einige gute Jahre alt), wollte auch gewartet werden. Deswegen war der Garage eine Werkstatt angeschlossen, welche für mich eine magische Anziehungskraft besaß. Viele Nachmittage, auch Wochenenden - wenn in der Werkstatt eine zusätzliche Arbeit an den Wagen fällig war - war auch ich dort ein ständiger Gast.
Aber nicht das wollte ich eigentlich erzählen. Eingestellt als Laufbursche, hatte ich schon in dieser Stellung meine ersten neuen Lebenserfahrungen. Die welche mit meiner Arbeit und den Kontakten nach außen zusammenhingen und privatere - doch von denen etwas weiter.
Zu meinem Aufgabenbereich gehörten nicht nur interne Botengänge. Nein, was deutlich anspruchsvoller war, auch die Zustellung von Post an verschiedene Adressaten in Gleiwitz, und fast noch wichtiger: Ich wurde das (bevollmächtigte) Bindeglied zwischen meinem Arbeitgeber, der Industrievereinigung und der Post. Das hieß, daß ich jeden Morgen die Post aus dem Postfach in der Hauptpost abholte und dort auch eingeschriebene Briefe quittierte! Das durfte neben mir nur der Chef der Kanzlei, mein Gönner wie es sich später noch herausstellen sollte.
Doch zwischenzeitlich einige Sätze zu meinen privaten Erfahrungen: Meine täglichen Besuche der Post waren der Grund für eine neue Erfahrung. Fand ich doch eines Morgens überraschenderweise in der Post, welche ich dem Fach meines Arbeitgebers entnahm, einen an mich gerichteten Brief! Ich beäugte in argwöhnisch, aber er war eindeutig an mich gerichtet! Der Absender nur ein Kürzel und ein Postfach. Da die Zeit drängte, steckte ich ihn in die Tasche und beeilte mich in den Betrieb zu kommen. Hier kam ich in einem freien Augenblick dazu mich mit dem Inhalt vertraut zu machen. Und was erfahre ich? Mir wurde in diesem Brief "der Hof gemacht". Mit einfachen Worten, trotzdem unmißverständlich erzählte der Brief Einzelheiten über meine Tätigkeiten, von Sympathie und Freundschaft zwischen zwei Menschen war die Rede - aber alles unverbindlich und geheimnisvoll. So kam auch mir die Sache vor, und ich stöberte in meinem Gedächtnis nach allen weiblichen Personen, welche ich kannte, und die jemals die Kanzlei betreten hatten. Denn hier mußte man mich gesehen haben! Ergebnislos. Also schwang ich mich zu einer Antwort auf, und bat um die Lüftung des Geheimnisses. Ein paar Tage später hatte ich wieder so einen Brief in der Hand - und darin war ein Photo! Natürlich schwarz-weiß, natürlich nicht besonders scharf und die Person auch nicht besonders deutlich aufgenommen. Nun, dachte ich, eine durchschnittliche Schönheit. Dann widmete ich mich dem Brief, wurde beim Lesen zunehmend mißtrauischer, bis ich die Gewißheit erlangte, daß der Brief von einem um 3 Jahre älteren Jungen war! Ein Schock! Nicht nur wegen der Konfrontation mit der für mich fast unglaubhaften Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen, sondern auch wegen der, sich plötzlich in Luft auflösenden, erwarteten Bekanntschaft mit einem mich adorierenden (jungen) Mädchen. Ich machte der Sache ein schnelles Ende: Zwei Zeilen über einen Irrtum und daß ich ein Mädchen vermutet habe. Photo und Brief in einen Umschlag, Marke drauf und in den Kasten.  -  Das Ende einer sich anfangs so romantisch-interessant darstellenden Freundschaft.

Wie ich schon sagte, sollte mir mein Gönner vieles in diesem Betrieb erleichtern. Fürs erste meinte er, daß ich bei meinen Botengängen doch unmöglich alle Strecken in der Stadt zu Fuß zurücklegen könnte. Deswegen holte er das eine oder andere Mal sein Motorrad hervor und kutschierte mich auf den weiteren Strecken: Der Chef den Laufburschen! Für mich immer ein Vergnügen, für ihn wahrscheinlich eine anstrebbare Abwechslung im Büroalltag. - Ja, so war es damals, 1949. Motorräder waren noch sehr selten zu sehen. Er - mein Chef, Herr Slowik, hatte seines als ehemaliger Angehöriger der polnischen Armee im Westen, während oder nach dem Krieg organisiert. Es war ein BMW-Krad, an dem natürlich hin und wieder etwas zu reparieren war. Dann war ich auch schon mal mit von der Partie.
Natürlich konnte er mich nicht täglich fahren und so erledigte er den Kauf eines Fahrrades. Wie und von wo weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls gab es die noch nicht im normalen Handel. Nun, und ich war überglücklich und stolz: ein nagelneues Rad nur für mich! Und H. Slowik erledigte mir sogar die Erlaubnis dieses Fahrrad nach Hause nehmen zu dürfen! Übers Wochenende auch! Ich fühlte mich wie ein König. Das Rad wurde mein zweites "Ich". Ich verwuchs mit ihm und beherrschte es bald entsprechend gut. Es war mein Ehrgeiz, der mich veranlaßte durch die halbe Stadt zu fahren ohne den Lenker zu berühren, alle Kreuzungen und Richtungswechsel zu meistern um von Punkt A nach Punkt B zu kommen.
Doch dann, nach vielleicht zwei Monaten kam das traumatische Erlebnis für mich. Ich war in der Stadtverwaltung und hatte mein Rad, natürlich mit einer Kette gesichert, im Hauseingang abgestellt. Dann lief ich die eine Treppe hoch, um den Brief abzugeben. Als ich nach einer Minute zurückkam, war das Rad weg! Die Kette auch. Ich lief auf die Straße, lief in den Hof - keine Spur. Ich war gelähmt. Der erste auf der Straße angetroffene Polizist, (Milizionär), verwies mich auf die Wache, wo man mich etwas beruhigte. Ein Protokoll wurde geschrieben, ein Durchschlag für meinen Arbeitgeber. Dort zuckte man nur mit den Schultern und ich war wieder beim Fußvolk.

Aber nicht lange, denn mein Chef hatte einen neuen Aufgabenbereich für mich: er fand, daß ich in der Kanzlei bessere Dienste leisten könnte. Ich wurde der Verantwortliche für die ein- und ausgehende Post, für Eintragungen, den Briefmarkenhaushalt, und alles andere rundherum. Es gab auch mehr Geld (jetzt schon 12.000 Zloty monatlich) - aber was noch wichtiger war: in dieser Position war ich nicht mehr Arbeiter, sondern Angestellter mit einem Monat Jahresurlaub. Denn vorher waren es nur 14 Tage.

Aber wahrscheinlich waren auch bei dieser Tätigkeit meine Fähigkeiten noch nicht voll ausgeschöpft, denn man vertraute mir die Leitung des Büromateriallagers an. Bestellen, verwalten und verteilen von Papier, Bleistiften, Tinte, Kohlepapier, Papier für die Vervielfältigungsmaschine, Matrizen, Aufkleber, Aktenordner, Radiergummis und all den Dingen, die für die ordnungsgemäße Funktion dieses Betriebes notwendig waren, gehörte von nun an zu meinem Aufgabenbereich. Das war mit dem Besitz eines eigenen Zimmers, und dem "entsprechenden" Ansehen verbunden.

Doch es gab noch eine weitere Steigerung meiner Bürokarriere im zarten Alter von knapp 17 Jahren. Im Betrieb, der in seiner Entstehungsphase wohl etwas zu großzügig mit Aufgaben, hier z.B. Materialversorgung der untergeordneten Betriebe, betraut wurde, gab es noch ein Lager mit technischem Material. Bunt zusammengewürfelt bei seiner Erstellung, kurz nach dem Krieg mit den damaligen Versorgungsschwierigkeiten, bot es zu meiner Zeit eine Ansammlung von mehr oder weniger brauchbaren Materialien, Werkzeugen und Geräten. Neben Fensterglas, Nägeln und Kitt gab es Schrauben, Chemikalien, Profileisen, Packpapier, alte handbetriebene Staubsauger(!), Putzmaterial, Kugellager, Autoteile und vieles andere mehr. Meine Vorgesetzten kamen zu der Überzeugung, daß gerade ich der richtige Lagerverwalter wäre, und ich fühlte mich wiedermal geehrt. Wenn da nicht meine Minderjährigkeit gewesen wäre...
Aber auch diese Hürde wurde überwunden. Man ließ meinen Vater kommen, und der unterschrieb prompt eine entsprechende Haftungserklärung. Trotzdem der Inventurwert des Lagers hoch war: es waren Millionen. Vater hatte doch Vertrauen zu mir.
Nun, ich habe ihn nicht enttäuscht. Weder mit dem einen, noch dem anderen Lager gab es bis zum Ende meiner Tätigkeit bei der Industrievereinigung Probleme. Und das Ende kam ziemlich unerwartet, zerschnitt meinen gerade geknüpften Schulkontakt, fast mein Privatleben, und brachte mich binnen eines Monates nach Breslau.
Dort, in einem Betrieb der Industrievereinigung, wurde ein technischer Referent erwartet....

Also hatte ich im Frühjahr 1951 schon meine dritte Arbeitsstelle.
"Mein" Betrieb war eine Produktionsstätte. Kohlensäure und Azetylen wurden hier hergestellt, Sauerstoff nur abgefüllt. Auf mich kam einiges zu. Ich wurde als rechte Hand des Betriebsleiters mit allen technisch-bürokratischen Aufgaben betraut. Fast von heute auf morgen. Für mich war zwar alles hochinteressant; doch die Technik verdrängte mein Interesse an den Büroabläufen. Ich schaute und fragte, ich saugte mich voll mit all dem Wissen um technische Gase, dessen ich dort habhaft werden konnte.
In diesem Betrieb fand ich einen Produktionsprozeß, der mich faszinierte. Damals war es für mich so etwas wie ein Perpetuum Mobile - strikt technisch gesehen natürlich nicht zutreffend, aber in der vollen Nutzung des Rohstoffes, schon einzigartig. Beim Verbrennen von Koks entsteht Wärme und Kohlendioxyd. Und hier wurde beides ausgenützt! Die Wärme erst zur Dampferzeugung für die Dampfmaschine - die Quelle aller mechanischen Energie des Betriebes - dann die Restwärme für den weiteren Produktionsablauf. Und aus den Verbrennungsgasen wurde der Hauptanteil, nämlich Kohlendioxyd, herausgefiltert und als eigentliches Produkt des Betriebes verflüssigt, und in die bekannten Stahlflaschen abgefüllt. Als Ausgangsprodukt für Limonade und Selter - oder zum Befüllen von Feuerlöschern.

Der Leiter dieses Betriebes war ein Praktiker. Zu deutschen Zeiten, vor 1945, war er als Pole in diesem Betrieb beschäftigt gewesen. Sein Können und Wissen hatte er wohl außerhalb jeder technischen Universität erlangt - aber es war für diesen Betrieb maßgeschneidert. Er konnte mir alles erklären, trotzdem es mit der Theorie etwas zu hapern schien. Jedenfalls war seine Antwort auf meine, im Zusammenhang mit der Ausfüllung eines Formulars, gestellte Frage nach dem Begriff : 'cos fi' ziemlich direkt: "Schreib einfach 0,8 - dann stimmt es schon". Also habe ich damals, an jener Stelle, mein Wissen um die Elektrizität nicht ausbauen können. Es blieb bei Spannung, Leistung und Verbrauch, also den Größen die man aus "Experimenten" zu Haus und den Belehrungen des älteren Bruders seinerzeit schon irgendwie im Kopf hatte.
Mein Leben dort war also sehr lehr- und abwechslungsreich, denn die Wochenenden: Samstagnachmittag bis Sonntagnacht waren voll privat. Vier Stunden dauerte die Fahrt für 11,20 Zloty nach Gleiwitz und vier Stunden für wieder 11,20 Zloty zurück. Den ersten Betrag konnte ich meistens noch zusammenbringen, der zweite wurde mir gewöhnlich von lieben Menschen zu Hause, oder fast zu Hause gestiftet. Denn das Monatsgehalt von unter 500 Zloty, war für einen alleinstehenden Menschen in einer fremden Stadt, nicht viel. Doch nicht davon wollte ich hier schreiben.
Ich war also zwei oder drei Monate im Betrieb, wußte vieles über die Herstellungs- und Abfüllungsprozesse der Gase, hatte Gasflaschen von innen und außen gesehen, hatte bei Druckprüfungen mitgemacht, und kannte prinzipielle Eigenschaften einiger Gase. Dieses Wissen wahrscheinlich, und die gute Meinung meines Vorgesetzten, haben mich über Nacht zum Experten gemacht!
Eine landesweite Aktion sollte die vielerorts angesiedelten Schrottsammelbetriebe von den dort nach dem Krieg, (wir schreiben 1951), angehäuften Druckbehältern befreien. Druckbehälter = Gasflaschen, betrifft also die Branche technische Gase und deren Sachverständige. Die Industrievereinigung hat es sich einfach gemacht, und die Aufgaben an ihre Betriebe weitergereicht. Und im Betrieb Breslau war ich der Sachverständige.
Ich fand mich also eines Tages im Zuge wieder. In der Tasche die Dienstreisebescheinigung für eine Woche, eine Vollmacht, einige Notizen, einen Vorschuß von einigen Hundert Zloty, Kreide und eine Drahtbürste. Im Kopf mein ganzes Wissen um verschiedene Gasbehälter, von Druckluft über Sauerstoff, Stickstoff, Azetylen, Wasserstoff bishin zu undefinierten, gewöhnlich militärischen Ursprungs. In meinem Reiseplan hatte ich zehn oder zwölf Betriebe, in eben so vielen kleinen Orten Niederschlesiens, alles nordwestlich von Breslau. Ich hatte eine Route geplant, und die größte Schwierigkeit waren die Reisen zwischen diesen Betrieben. Fast die einzige Möglichkeit blieb die Bahn, nur manchmal hatte ich Glück, und konnte nahegelegene Orte als Anhalter überbrücken. Was aber wegen der spärlichen Frequenz von P- oder LKWs schon problematisch war.
Dann für die Nacht irgendeine Herberge, Privatquartier oder sogar ein Hotel.
Dazwischen meine eigentliche Arbeit. Bei jeder Ankunft erst ungläubige Blicke der Verantwortlichen, doch etwas später lief alles schon glatt. Mir wurden die Lagerstellen der fraglichen Behälter gezeigt, und ich begutachtete die einzelnen Stücke. Gasart, Zustand des Ventils, Allgemeinzustand, waren für normale Behälter die Hauptkriterien. Den allergrößten Teil konnte ich so ihrem zukünftigen Bestimmungsort zuordnen, bei manchen half dann noch die Drahtbürste. Ich beschriftete sie mit Kreide, und sie waren für den Transport vorbereitet. Eindeutig leere Behälter gingen direkt in die Hütte, andere in unsere Betriebe, alle nichtzivilen dafür in ein Zentraldepot des Militärs. Ein kurzes Protokoll über die Anzahl und Empfänger der Behälter, ein Stempel in meine Dienstreisebescheinigung, und nach einer kurzen Auskunft über mein nächstes Ziel, hatte ich eine Aufgabe weniger. Und gute Organisation bedeutete auch damals etwas: Ich hatte mein Wochenende schon am Freitag!

Ja und diese selbständige Dienstreise machte mich nicht nur stolz, sondern sie führte mir auch die Notwendigkeit einer weiteren Bildung vor Augen. Doch diesmal war es schon die Vision einer technischen Ausbildung. ....Aber das sollte mir nicht leicht gemacht werden.



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Schwierige Monate


Das größte Hindernis auf dem Weg zu höheren, wissenschaftlichen, Weihen war bei mir die fehlende materielle Grundlage. Die wirklich minimalen Verdienste meines Vaters bei den polnischen Staatsbahnen, zusammen mit den ersten Verdiensten meines Bruders, reichten kaum für den Unterhalt der Familie, mit Oma immerhin 7 Personen. Also blieb ich auf mich gestellt, und erkannte richtig: Mein Weg zum Studium mußte vom Staat finanziert werden, und dafür gab es keine Alternative, als den Bergbau. Der in Polen mächtigste Industriezweig konnte es sich erlauben, ein eigenes Schulsystem zu finanzieren, in dem es auch Formen mit vollem Unterhalt der Zöglinge gab. Diesen Weg hatte ich beschritten (ich erinnere an anderer Stelle daran) und war zur Jahreswende 51/52 für eine neue Aufgabe bereit: die eines qualifizierten Untertagearbeiters.

Lugknitz
Während meiner vorangegangenen Schulzeit hatte ich schon die ersten Untertageerfahrungen sammeln können. In drei oder vier Steinkohlegruben, mit Flözen unterschiedlicher Mächtigkeit, von 1,5 m bis um die 30 m bei dem in mehreren Schichten abgebauten Reden, (Name des Flözes, nach dem Grafen von Reden, einem der Bergbaupioniere in Oberschlesien).
Also war ich eher neugierig, als man mich zur Arbeit in eine Braunkohlengrube (Babina hieß sie) nach Lugknitz (Łęknica) in Niederschlesien schickte. Dort gab es einen mit primitiven Mitteln betriebenen Tagebau, und meine Bestimmung: einen, durch einen Schrägstollen erschlossenen Untertagebau, ungefähr 60 m unter der Erdoberfläche. Und in diesem ging es wohl noch primitiver zu als Übertage.
Mein Arbeitsplatz war ab sofort eine Strecke, die durch das dicke Braunkohlenflöz rechtwinklig zur Hauptstrecke getrieben wurde. Zwei Meter hoch, 1,6 m breit, ging es ungefähr 50 m voran. Nur wie? Das war das hiesige Problem. Denn hier wurde nicht geschossen (gesprengt), sondern der Vortrieb beruhte auf Handarbeit. Des Hauers, meines Vorgesetzten. Mit der Keilhaue und großem körperlichen Aufwand, löste er kleine oder sehr kleine Brocken aus dem Flöz, fast acht Stunden täglich. Es war eine wirklich schweißtreibende Arbeit, denn die "Kohle" war des öfteren noch nicht mineralisiert, sondern hatte noch deutliche Holzeigenschaften. Die Keilhaue blieb dann stecken, und es bedurfte großer Anstrengung, sie wieder zu befreien. Damit war auch der Arbeitsrhythmus hin, und es gab weniger Streckenvortrieb bei größerem Kraftaufwand.
Meine Aufgaben waren da schon deutlich moderater. Ich schaufelte die Kohle in den Hunt, hier einen kleine Kastenwagen aus Holz, um ihn dann von Zeit zu Zeit die 50 - 100 m auf Schienen zum Bunker zu bringen. Dort wurde eine Seitenwand geöffnet, und er leerte sich praktisch von selbst.
Dann mußte ich das Holz für den Streckenbau heranschaffen, und da es gewöhnlich nicht allzu dicke Stempel waren - die kürzere Kappe sowieso - war auch dies kein Problem. Mit dem Hauer wurden dann die Stempel und die Kappe zugeschnitten, die richtige Verzahnung angebracht, und aufgestellt. Einige Bretter im First der Strecke vervollständigten dann den Ausbau, der uns die minimale Sicherheit schaffen sollte. Denn die Arbeitsverhältnisse, die Beschaffung der über dem Flöz liegenden Schichten, waren kaum für einen Untertageabbau geschaffen. Davon durfte ich mich selbst überzeugen.

Der eigentliche Abbau der Braunkohle geschah in Pfeilern, die sich um eine vorher getriebene Strecke, aber in entgegengesetzter Richtung, also zur Hauptstrecke zurück, hinbewegten. Der Bau, auch direkt Pfeiler genannt, war bis 3 m hoch und ungefähr 4 m breit. Um möglichst viel Kohle, auch von den Seiten des Pfeilers gewinnen zu können, wurde der First mit Kappen, Brettern und Stempeln abgestützt. Aber das war eine eher kosmetische Maßnahme, denn nachdem der Pfeiler eine Länge von einigen Metern erreicht hatte, wurde es schon gefährlich. Während zwei oder drei Schlepper die Kohle in den Hunt schaufelten, stand der verantwortliche Hauer mit einer Reflektorlampe etwas im Abseits, und beobachtete den First um so einen, noch nicht gewollten, Einsturz rechtzeitig zu bemerken. Denn ansonsten, bei einer bestimmten Länge des Baues, wurde der Einsturz provoziert, und damit der First im direkten Arbeitsbereich des Pfeilers entlastet. Das war die Theorie, in der Praxis kam es auch schon mal anders.
So bei meinem Gastauftritt im Pfeiler. Der Steiger hatte mir diese Arbeit zugewiesen, weil in "unserer" Strecke Gleisarbeiten notwendig waren. Ich schaufelte mit drei anderen Mannen die Kohle - denn schnell mußte es gehen, damit die vierzig oder fünfzig Hunts während der Schicht voll wurden - als der Hauer plötzlich rief: "raus, raus" und meine Mannen lossprangen, die paar Schritte in Richtung Strecke. Nun, auch ich hatte einen guten Selbsterhaltungstrieb, doch ich schnappte noch meine Lampe und war gleichzeitig mit den anderen in der Strecke. Aus dem Augenwinkel sah ich noch im Schein der hinten hängengebliebenen Lampen die sich krümmenden (fallenden?) Stempel, dann krachte es unheimlich und ein Wind-, Staub- und Dreckstoß ließ mich fast zu Boden stürzen. Oder waren es nur meine eigenen Beine?
Jedenfalls kamen wir einige Meter weiter zum stehen, es gab aufgeregte Stimmen, auch Schuldzuweisungen, aber dann einige Festlegungen für den Steiger. Denn eine gute Laune konnte man bei dem nicht erwarten: Vorbeigeschrammt an einem Unfall mit Menschen, Verlust von Material (der Hunt und die Werkzeuge blieben begraben) und der Produktionsausfall - das Wichtigste wohl. Für mich eine Lehrstunde im Bergbau.

Der Alltag in Lugknitz bestand natürlich nicht nur aus Arbeit. Auch die restlichen Lebensumstände: die Wohnung, das Essen, das Klima, die fehlenden Kontakte und die Freizeit prägten das Wohlbefinden. Schon diese Aufzählung suggeriert eine eher mäßige Emotion rund um meine jetzige Anstellung. So war es auch in Wirklichkeit. Manchmal trieben wir uns nachmittag in diesem verlassenem Ort herum. In manch leerem Anwesen, oder der stillgelegten Keramikfabrik. Mit einem kleinen, ungutem Gewissen, (ist es überhaupt erlaubt?), strichen wir durch die Schuppen, vorbei an teilweise eingestürzten Regalen mit Halbprodukten. Vasen, Tellern oder Töpfen.
Das Essen, das in einer "Kantine" für die jungen Menschen gekocht wurde, war unterdurchschnittlich. Man versuchte dem Abhilfe zu schaffen, indem man hin und wieder, einen kleinen Laden besuchte, und sich einen Schmelzkäse oder eine ähnliche Delikatesse kaufte. Manchmal sogar ein Bier. Die Einkäufe mußten schon deswegen spärlich bleiben, weil der Verdienst untermiserabel war. Wenn ich als angelernter Arbeiter monatlich um die 500 zł verdiente, war das nicht viel - trotzdem für mich keine Tragödie - aber auch keine zukunftsträchtige Arbeitsstelle. Dafür waren um die 600 zł, die mein Hauer als Monatslohn, (in meiner Anwesenheit), entgegennahm schon ein Hungerlohn, für ihn und seine Familie. Weinend sprach er damals zu mir: "Ja, von diesem Geld sollen wir leben?". Diese fremde Erkenntnis war für mich auch der Anlaß, mich intensiver um eine andere, (bessere und der Familie nähere), Arbeitsstelle zu bemühen. Das ging, weil ich doch als Absolvent einer "Bergbauschule" in Lugknitz war, nur über das Ministerium für Bergbau. Also nahm ich meine ganzen, damaligen Polnischkenntnisse, und auch schriftstellerische Fähigkeiten beim Schopf, und verfasste ein Bittgesuch um eine dienstliche Versetzung nach Gleiwitz, auf die dortige Steinkohlengrube.

Derweil lief der Alltag in Lugknitz weiter. Jeden Morgen, oder Mittag, (je nach Schicht), packte ich mein Pausenbrot in die Zeitung, füllte eine Bierflasche (damals noch obligatorisch mit Schnappverschluß zum beliebigen Öffnen und Schließen), mit Wasser und begab mich zu Fuß, zu der ungefähr 1 km entfernten Grube. Eigentlich war das gar keine Grube im allgemein bekannten Sinn, sondern nur ein Bretterschuppen, irgendwo in der dortigen Mondlandschaft, in dem der Schrägstollen endete und in dem es eine Befüllanlage für Waggons gab. Keine anderen Gebäude, geschweige denn Sozialeinrichtungen. (Waschen, Umziehen blieben eine Angelegenheit für "zu Hause". Dort wohnten wir zu viert oder sechst in einem Zimmer - doch die Duschen waren in einem separaten Raum). Zur Arbeit ging es gewöhnlich in Gesellschaft, man konnte sich unterhalten, Meinungen und Zukunftspläne austauschen, oder noch irgendein Experiment mit gefundener Munition machen. Knallen war halt nicht nur damals ein beliebter Zeitvertreib, und die (fast) überall vorhandene Munition erleichterte es ungemein.
Dann, schon unten ging es ernster zu, fest eingeteilte Kräfte (zu denen ich gehörte) trollten sich auf ihren Arbeitsplatz, die anderen wurden vom Steiger eingewiesen. Ich zog mein Werkzeug, die Herzschaufel, (genannt so wegen ihrer Form), aus einem Versteck, mein Hauer war mit seinem Werkzeug, (Axt, Keilhaue und Säge), gewöhnlich schon da. Und es ging auch gleich zur Sache. Die Oberbekleidung (draußen herrschten Temperaturen unter oder bei Null) kam an den Nagel und noch verhältnismäßig dick bekleidet fing die Arbeit an. Die Strecke säubern während der Hauer dies oder jenes beim Bau korrigierte oder sich nach passendem Holz für die Schicht umsah. Wenn der Hunt voll war, schob ich ihn zur Hauptstrecke, drehte in auf der Drehscheibe und weiter ging es bis zum Bunker in den ich ihn entleerte. Dann zurück, und je nach Bedarf laden, oder dem Hauer beim Bau helfen. Bis dann endlich die Zeit kam, wo der Hauer die Essenspause verkündete.
Dann ging er an seine, von zu Haus gebrachten Vorräte, während ich mich die paar Schritte zurückbegab, wo meine Jacke unter dem First hing. Ein gewohnter Griff in den Ärmel wo das Brot verstaut war, ein zweiter in die Tasche mit der Flasche. So war es eine Routine, bis zu diesem Tag, an dem ich meine Hand in den Ärmel steckte, und mir eine Ratte über die Hand, den Arm und dann die Achsel flitzte, und eben so schnell in der Finsternis der Strecke verschwunden war. Erst dann erschrack ich, aber böse wurde ich, als ich mein Frühstück inspizierte: an paar Stellen ziemlich unappetitlich angefressen, bedeutete für mich, daß es heute zum Frühstück nur Wasser gab. Die Rattenplage in diesem seichten Bergwerk war ganz ernst zu nehmen. Deswegen habe ich seit jener Zeit meine Jacke mit dem Frühstück noch kunstvoller unter dem First befestigt, um auch den Akrobaten unter den Ratten keine Erfolgschance einzuräumen.

Das Schönste an jeder Schicht war ihr Ende. Aber nicht nur deswegen, weil die Arbeit ein Ende hatte, sondern auch wegen der Ausfahrt. Im Schrägstollen gab es neben einer provisorischen Treppenleiter, auch das Förderband, welches nach der Schicht von fast allen Bergleuten, zum bequemen Verlassen der Arbeitsstelle, benutzt wurde. Halb sitzend, halb liegend, kauerte man auf diesem Band, jede drei oder vier Meter ein Mann. Die Karbidlampe in der rechten Hand ging es dann bergauf: über jede Stützrolle ein Hopser, danach ein Durchhänger zwischen den Rollen. Ein romantisch-schöner Anblick beim Zurückschauen auf die, sich wie eine Perlenschnur, nach oben bewegende Lichterkette. Aber nicht nur dieser Anblick, sondern wohl auch das im Unterbewußtsein vorhandene Gefühl einer Erlösung, hatten Einfluß auf die sich jeden Tag, zu diesem Zeitpunkt, neu einstellende gute Stimmung.

Nun die sollte an einem Tage noch besser werden, nämlich dem, der mein letzter Arbeitstag in Lugknitz war. Eine leichte Wehmut beherrschte mich in diesen Tagen, zwischen dem Erhalt meiner Dienstversetzung(!) nach Gleiwitz, und der letzten, allerschönsten Ausfahrt an die Erdoberfläche. Mir taten die Leute leid, die ich verließ, meine Kollegen, die keine andere Perspektive hatten, als diese stumpfsinnige, gefährliche und schlecht bezahlte Arbeit, in einem Nest fern der normalen Welt.

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Gleiwitz

Und da war ich wieder in Gleiwitz. Bei den Eltern, Geschwistern und der Oma, alles in der Wohnung auf der Adolfstraße. Kurz währten die angenehmen, ersten Augenblicke, dann ging es zur Grube. Mit der ministerialen Versetzung, und dem Arbeitszeugnis in der Hand, meldete ich mich im Personalbüro. Dort herrschten noch althergebrachte Sitten und Sprachgebräuche, die Personalfluktuation in Gleiwitz war gering, und Zugänge von Schulabsolventen meiner Kategorie, wohl noch seltener. So kam es, daß mein im offziellen Schul- und Ministerialjargon gebrauchter "Dienstgrad": Jungbergmann, hier traditionsgemäß mit Junghauer übersetzt wurde. Ich hielt wohlweislich Ruhe ob dieser Verwechslung, bedeutete diese Einstufung doch mehr Ansehen, und ein, um 10% im Verhältnis zum Schlepper, höheren Verdienst!
Das war es auch schon im Personalbüro: "Melden Sie sich in der Abteilung VIII, dort werden Sie mit allem versorgt". Abteilung VIII sollte heißen: in der Schreibstube der Förderabteilung VIII, im großen Zechengebäude, der Anlaufstelle für Steiger und gewöhnliche Bergleute. Für die letzteren gab es ein Schalterfenster, vor dem man, vor oder nach der Schicht, brav anstand. Nun, aber ich kam hier im Laufe des Tages, deswegen klappte alles wie am Schnürchen: Die Anweisung für die Arbeitskleidung, einen Lederhelm, die Karbidlampe, Karbid, die Marke und die Zuteilung eines Hakens für die Kleidung in der Waschkaue. Ja und dann die lapidare Endbemerkung: ...Einfahrt morgen, 22:30.

Und dabei sollte es über viele Monate bleiben. Denn an diesem Tag hat sich mein Los entschieden: Junghauer an der Seite eines schon älteren, von der Arbeit gezeichneten Bergmanns. Er war ein Repatriant, ein Heimkehrer aus Frankreich, der sich das neue Polen etwas anders vorgestellt hatte. Nun, von Politik sprach man selten. Seine Anschauungen lernte ich mit der Zeit kennen, anhand seiner kargen Äußerungen beim (nächtlichen) Frühstück. Ansonsten wurde wenig gesprochen, die Arbeit war dominierend ...und schwer.
Es fing mit dem täglichen "Zurarbeitgehen" an. Wenn andere christliche Menschen sich fürs Bett vorbereiteten, packte ich die von Mutter vorbereiteten Schnitten (Stullen) in die Tasche, und begab mich in Richtung Bahnhof. Das war der erste Kilometer. Wenn ich Glück hatte, war eine Straßenbahn, die Nr. 2 da, die mich dann über die nächsten zwei Kilometer beförderte. Das war leider der seltenere Fall, denn die Straßenbahnen kannten de facto keinen Fahrplan. Also ging es zu Fuß, quer durch die Stadt weiter, (immer schön zurückschauend, ob nicht doch noch eine Bahn in Sichtweite erscheint, welche man dann vielleicht in einem Riesensprint zur nächsten Haltestelle noch geschnappt hätte), bis zur Endhaltestelle. Von da blieb dann nur noch der vierte, womöglich fünfte Kilometer der mich von meiner Arbeit trennte.
Dann mußte es weiter schnell gehen: In die Waschkaue, Schloß auf, Haken runterlassen, Arbeitsklamotten auf den Boden, saubere Sachen aufhängen, sie vor Beschmutzung und Runterfallen sichern, Arbeitskleidung an, Haken hochziehen, abschließen, Schlüssel an der Arbeitskleidung befestigen, und hin zu den Trögen, in die man nach der Schicht die Karbidlampen entleerte. In diesem pulvrigen Abfall fand man immer noch genügend nicht zu Ende verbrauchte Karbidstücke, mit denen man seine eigene Lampe befüllen konnte. Natürlich mußte man Vorsicht walten lassen, um bei dieser Gelegenheit nicht einfach Gesteinsbrocken einzusammeln, die sich immer wieder in den Trögen fanden. Es war nämlich ziemlich bitter, gegen Ende der Schicht ohne Licht dazustehen - aus vielerlei Gründen. Warum dann das ganze Theater, könnte jemand fragen. Einfach: Mein (und vieler anderer) Sparsamkeitssinn, ließ es nicht zu, daß der unverbrauchte Karbid in den Trögen vergammeln und die Atmosphäre verpesten sollte, wenn er doch in der Lampe noch seinen Dienst tun konnte. Die Betriebszeit der Lampe war für mehr als acht Stunden ausgelegt und man befüllte die Lampe immer mit dieser Reserve; aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder Sicherheit. Ich leistete mir diesen Komfort mit Abfällen, andere mit Neukarbid.
Dafür konnte ich meine monatliche Zuteilung einfach verscherbeln. Bei den Bauern oder Handwerkern war Karbid gefragt: zur Beleuchtung oder zum Schweißen.
Jetzt noch Wasser in die Lampe und ab zum Schacht. In Zweierreihen anstellen und warten, bis der Korb vorfuhr, dann in Zweierreihen rein - bis zum Anschlag, das Gitter wurde geschlossen, zwei Gongschläge und der Korb senkte sich um eine Etage. Dann die nächsten Leute, der Gong und das Gleiche nocheinmal, und nocheinmal. Jetzt war die Ladung fertig, und nach dem endgültigen Signal ging's ab in die Tiefe, mit einigen paar Metern pro Sekunde. Es wird ganz finster, die meisten Lampen sind aus (wegen Verbrennungsgefahr), oder werden vom Fahrtwind nachträglich gelöscht, der Korb schlenkert. Hin und wieder flitzt eine im Schacht angebrachte Notlampe vorbei, in derem Lichtschein man die nassen Konstruktionselemente des Schachtes, und die massive, eichene Führungsschiene des Korbes erkennen kann. Oder es wird für einen Moment hell, wenn's an dem beleuchteten Gewölbe eines höher liegenden Stollens vorbei geht. Die Männer im Korb schweigen, man hört die dumpfen Schläge des Korbes gegen die hölzerne Führungsschiene, sogar den Fahrtwind. Irgendwann wird es langsamer, leiser und heller. Wir sind rund 500 Meter unter der Erdoberfläche.

Aussteigen. Eine Gruppe von über fünfzig Leuten (weitere folgen) bewegt sich in Richtung "Bahnhof". Dort warten ein oder zwei Züge auf die Arbeitswilligen. Bestehend leider nicht aus Salon- oder Schlafwaggons. Gewöhnliche Hunte, mit abgeschrägtem Boden sind es, dieselben, in denen die Kohle transportiert wird. Fassungsvermögen: ein Kubikmeter Gestein - oder vier Bergleute. Die sitzen dann zu zweit nebeneinander, auf einem Brettchen welches die ordentlichen, älteren Bergleute gewöhnlich mit sich trugen: zur Arbeit und zur Waschkaue. Die weniger ordentlichen, mich dabei nicht ausgenommen, blieben auf ein zufällig rumliegendes Brett angewiesen - ...oder aber auf einen gutmütigen Gastgeber, der einem einen Sitzplatz einräumte. Auf der Fahrt zur Arbeit war das nicht so selbstverständlich. Weil es doch viele Wagen gab, (alle mußten vor Ort um Kohle oder Gestein), und ein Fingerzeig auf den leeren Hunt nebenan, machte so manche Hoffnung auf einen warmen Platz zunichte. Doch wenn man schon den warmen Platz hatte, so war er doch auch für den Gastgeber warm - also eine auf Gegenseitigkeit beruhende Gastfreundschaft. Schon mal sitzend hatte man fast eine Stunde Muße, weil die Fahrt vor Ort so lange dauerte. Es war wohl ein Ritual, daß man da sein Butterbrot, Teil eins, auspackte und sich für die kommende Arbeit stärkte. Das danach übrigbleibende Papier hatte eine wichtige Rolle zu erfüllen, zwischen Knie und Wagenwand gesteckt minimierte es den Kontakt zur kalten Wagenwand. So diente auch das zweite, in der Jackentasche nach dem restlichen "Frühstück" aufgehobene Papier auf dem "Zumschachtweg" dem gleichen Zweck.
Das alles hat man recht schnell gelernt, auch das, daß auf der Rückfahrt zum Schacht andere Regeln herrschten. Denn jetzt sorgte der Steiger dafür, daß nur so viel leere Hunte, wie unbedingt notwendig, für die Rückfahrt bereit standen. Dafür kam man vor Ort wiederum leichter an ein trockenes Brett, welches man dann beim Schacht irgendwo verstauen konnte, um es womöglich am nächsten Tag noch wiederzufinden. Gewöhnlich fand man es zwar nicht - mit etwas Glück aber ein fremdes.
Ganz schlimm war es, wenn man als ziemlich letzter zum Zug kam und dann nur noch einen, einen einzigen leeren Hunt vorfand, dieser aber durch einen Haufen aus menschlichem und stinkendem Nachlaß gekennzeichnet war...
Na ja, hier noch eine kleine Zusammefassung über das Leben im und um den Hunt:

Der Förderwagen oder auch der Hunt. (Hier ein, im Ruhrgebiet ausgemusterter)  -    Eine zentrale Bedeutung im Bergbau - und in meinem bergmännischen Berufsleben natürlich auch - muß man dem Hunt zuschreiben. In allen fast Querschlägen und Strecken nimmt er die Beförderung der Berge, Kohle oder anderer Mineralien wahr.
Der Hunt des XIX Jahrhunderts war in den meisten Fällen aus Stahl und bewegte sich auf Schienen. Die bis heute meistverbreitete Bauart hat ein Fassungsvermögen von wohl 1000 Litern, einen abgerundeten Boden und läuft auf Schienen. Stirnseitig hat er je einen Puffer und das Kupplungsgestänge, bestehend aus Haken und Öse. Die vier Räder sind zweckmäßig nahe der Mitte (also des Schwerpunktes) angeordnet. So kann man bei Bedarf, den von den Schienen gesprungenen Hunt, (mit Kohle beladen gut über 1000 KG), meistens auch allein wieder auf die Schienen stellen. Zu was ich nicht einmal gezwungen war. Denn die Schienen vor Ort waren gewöhnlich in einem schlechten Zustand, und bei unsachgemäßer Behandlung, z.B. abrupten Bewegungsabläufen oder Hindernissen auf den Schienen, kam es schon öfter zu solchen Situationen. Wollte man sich keine Schimpftirade des Steigers einhandeln, oder war man auch selbst an einem möglichst reibungslosem Ablauf der Arbeit interessiert, so versuchte man der Situation Herr zu werden. Wie? - Man ging in die Hocke, lehnte sich mit dem Rücken an den (zuvor vor dem Wegrollen gesicherten Wagen) und legte seine ganze Kraft in beide, die Kupplung haltenden Hände, um den Wagen wieder auf die Schienen zu stellen. Erst eine, dann die andere Seite.
Wohl bis in die fünfziger Jahren diente der Hunt auch zur Personenbeförderung. Zwei kurze, zwischen die Seitenwände geklemmte Brettchen, dienten als Sitzfläche für vier Bergleute. So kam die Belegschaft, eine Stunde nach der Einfahrt, zu ihrem Arbeitsplatz, der in Gleiwitz gegen 5 km vom Schacht entfernt war. Bequem war es nicht, und ich mußte mich erst an die Gegebenheiten und Sitten gewöhnen, die bei dieser Bewegungsart vorherrschten. Und dann die Karbidlampen. Man löschte sie während der Fahrt gewöhnlich aus. Einmal um den Karbid zu sparen, aber anderseits auch, um niemanden in dem engen Wagen anzubrennen. Vier Mann auf diesem kleinen Raum.
Heute ist das alles schon Geschichte. Die letzten Kohlebergwerke schließen und offenes Feuer gibt es unten schon lange nicht mehr. Deswegen auch schon nicht mehr die zugedrückten Strecken, in welchen man nur noch den lichten Querschnitt für die Hunts unterhielt. Sich an ihnen vorbei durchzudrücken, mal links, mal rechts, war eine echte Zumutung - manchmal brauchte man dafür sogar Mut. Der Zug konnte sich doch in Bewegung setzen...


Aber jetzt sind wir erstmal vor Ort, d.h. wir müssen zwar noch zwei- oder dreihundert Meter zurücklegen um am eigentlichen Arbeitsplatz zu sein, unserer Stein-Kohlestrecke, welche hier unter dem Streb als Kohlenabfuhrstrecke diente. Die eigentliche Arbeitsfront war das jeweilige Ende der Strecke, wir mußten sie weitertreiben, hinein in das Gestein, und das schräg verlaufende Kohlenflöz. Dies letzte hatte in unserem Fall eine Mächtigkeit (Dicke) von durchschnittlich 60 Zentimetern, der Rest - also der First und die Sohle des Flözes - (schräg darüber und darunter) war Gestein. Der Querschnitt unserer Strecke war leicht trapezförmig gehalten. Diese Art des Ausbaus konnte die Kräfte, welche aus der Schräglage des Flözes, mit zum Verschieben tendentierenden Schichten auftraten, besser verkraften. So betrugen die lichten Weiten, die nach dem Ausbau zustande kamen ungefähr 2,5 Meter unten, oben ungefähr 1,5 Meter bei einer Höhe von zwei Metern. Der planmäßige Vortrieb, (unsere Norm), betrug um 14 Zentimeter pro Nase und Schicht.

Mit dieser Einstellung (die Norm im Hinterkopf), fing man eigentlich jeden Tag an. Meine erste Tätigkeit war das Herbeischaffen eines Hunts. Da die Strecke mit einem leichten Gefälle gebaut wurde, (für den problemloseren Abtransport der geförderten Kohle, aber auch unseres Gesteins), mußte ich, den am Seil befestigten Haken, (des in jeweiliger Abbauhöhe installierten Haspels), erst nach unten ziehen, einen Hunt befestigen, dann nach oben laufen, und den Hunt heranziehen. Mit viel Gefühl für alle Tücken der Leine, des kurvenförmigen Verlaufes der Strecke, der bestehenden Unebenheiten und des eventuell leicht devastiertem Gleises selbst. Ansonsten nämlich sprang das Ding aus den Schienen, und je nach Beschaffenheit der Umgebung gab es größere, seltener kleine Probleme. Gut, wenn ich sie allein bewältigen konnte.
Dann ging es ans Verladen des am Vortag gesprengten Gesteins oder Kohle. Die Kohle ließ sich eindeutig besser laden, denn nach der Sprengung (dem Schießen!) war sie nur noch grießförmig vorhanden. Wir freuten uns, wenn es möglichst viele Hunte waren, die wir voll bekamen. Denn erstens gab es für jeden, den wir aus der Strecke förderten, bares Geld. Und zweitens bedeutete mehr Kohle weniger zu förderndes Gestein, welches ungleich schwieriger zu schießen, zerkleinern und zu verladen war. Jedenfalls waren die "Kohlentage" die angenehmeren, ... und leichteren für uns.

Nachdem die Kohle verladen war, ich die zwei oder drei, mit unseren Marken versehenen, Wagen abgeseilt hatte wurde das zwischendurch herbeigeschaffte Holz bearbeitet, und die Löcher für die Sprengung der im Querschnitt der Strecke liegenden Gesteinsmassen gebohrt. Dies geschah abwechselnd durch mich und den Hauer. Der Pressluftbohrhammer wog einiges und so war man froh, wenn wieder ein Loch fertig war. Dabei war das Anlegen der Löcher eine Kunst für sich: von der investierten Arbeit, dem Verbrauch von Sprengstoff und dem dadurch erzielten Effekt, dem Vortrieb. Wenn alles stimmte, kam man auch einen Meter voran. Wenn es mal daneben ging, hatte man einen Fortschritt gleich Null, dafür aber einen zerklüfteten, mit Rissen versehenen Berg, in dem das Bohren und Sprengen uneffektiv, sogar problematisch wurde. Dieser Zustand war das Schreckgespenst meines Hauers; deswegen seine Devise: lieber ein Loch, eine Patrone mehr - dafür aber ein sicheres, gewolltes Ergebnis.
Also bohrten wir im Stein bis zu zwölf Löcher, kürzere zum Abdecken, tiefere zur Profilschaffung. Danach wurden die Zünder mit Verzögerungslunten so vorbereitet, (die Arbeit des Hauers), daß die einzelnen Zünder später in knappen Sekundenabständen detonieren konnten. Jetzt wurden die Löcher befüllt, je nach Länge oder Arbeit die zu leisten war mit zwei bis fünf Patronen, und mit dem Schießstock schön festgestampft. Zuletzt die Patrone mit dem Zünder nachgeschoben, eher delikat angedrückt, mit einem oder zwei Lehmklößen fixiert, und so vor dem Herausfallen gesichert. Jetzt wurden die aus den Löchern heraushängenden Enden der elektrischen Zünder schön in Reihe geschaltet, heißt von Hand verdrillt, und die zwei freigebliebenen Enden mit der Zündleitung verbunden, die zur Schießausrüstung meines Hauers gehörte. Die wickelte ich auseinander, um in eine sichere Entfernung zu kommen aus der dann die Detonation mit dem Schießdynamo ausgelöst werden konnte. Präziser die Serie von Detonationen, denn wir zählten fleißig mit: "eins, ...zwei, ...drei und am Ende die erlösende Zahl die das letzte Loch bedeutete. Das hieß, alle Löcher haben gezündet und wenn dann auch noch der Klang der Richtige gewesen war, wußten wir: Alles in Ordnung.
Das war auch das Ende unserer Schicht, denn jetzt ging es ab in Richtung Haltestelle unseres "Expresses". Nur manchmal ließ es dem Hauer keine Ruhe: Ist alles richtig gelaufen oder nicht? In diesen Fällen bekam ich seinen unhandlichen Blechbehälter, mit dem Rest des Sprengstoffes, geschultert und ging allein los. Während er noch vor Ort hastete, um sich die Bescherung anzuschauen. Zufrieden oder weniger zufrieden konnte er mich dann ohne dem sperrigen Gepäck schnell einholen.

Der nächste Tag fing dann mit dem Verladen der Gesteinsbrocken an. Die ganz großen mußten mit dem Hammer zerschlagen werden, die mittleren wurden von Hand in den Hunt geworfen, und dann der restliche Schutt mit der Schaufel verladen. Das war die schwerste Arbeit, erstens wegen der Menge (4 - 6 Hunte), zweitens aber, wegen der Schwierigkeiten beim Aufraffen der unförmigen, und ineinander verzahnten Brocken. Die Stahlbleche, die man vor dem Schießen auf dem Boden ausgebreitet hatte, halfen nur bedingt: sie lagen nur ganz vorne, doch das abgeschossene Material war auf einigen Metern, bis zwischen die Schienen verstreut.

Diese Arbeit verlangte mir vieles ab, es ging bis an den Rand meiner Kräfte. Denn mit meinen 19 Jahren war ich zwar jung, aber leider nicht athletischer Bauart. Dazu kamen die allgemeinen Arbeitsbedingungen unter Tage. Man war dort in Gesellschaft von einfachen, unkomplizierten Menschen, mit eben solchen Horizonten. Die tägliche Routine: 21:30 ab in die Grube, umziehen in die dreckigen Klamotten, unter die Erde - kilometerweit, stur schuften, ausfahren, waschen und gegen 8:30, matt im prallen Sonnenschein in Richtung Zuhause. Schlafen, ein paar Stunden freie Zeit und das Gleiche wieder, 29 oder 30 Tage, Entschuldigung: Nächte im Monat. Ja so war es im Bergbau anno domini 1952. Nur ein freier (Sonn-)Tag im Monat! Es war eine für mich erdrückende Atmosphäre, ich wollte und mußte etwas anderes - möglichst schnell - anstreben. Das tat ich dann auch intensiv, und irgendwann kannte ich das Datum, welches das Ende meiner regulären Arbeit in der Gleiwitzer Grube, und den Anfang meiner weiteren schulischen Ausbildung bedeutete. Doch bis dahin gab es noch einiges zu erleben...

Mein Hauer war, wie schon gesagt, vom Leben gezeichnet. Die vielen Jahre unter Tage, hatten an seiner Gesundheit gezehrt, und so war es nicht verwunderlich, daß er für ein, zwei oder drei Tage in der Arbeit fehlte. Aufgrund eines ärztlichen Attestes. Ja, der Arzt stellte wirklich Krankheitsbescheinigungen in diesen homöopathischen Dosen aus. Nach einem, zwei, oder drei Tagen mußte der Patient wieder gesund sein: Pläne waren zu erfüllen!
Während seiner Abwesenheit ruhte die Strecke und ich wurde der Mannschaft im Streb zugeordnet. Streb, das war die Abbaufront des Flözes, welches im Winkel von ungefähr 45°, auf einer Länge von ~65 Metern, von unserer Kohlenabfuhrstrecke zu einer 50 Meter höher liegenden Wetterstrecke verlief. Hier gab es für mich, je nach Lust und Laune, vielleicht auch Bedürfnissen des Hauers, welcher in dem Streb das Sagen hatte, zwei Aufgabengebiete: den Bunker oder Hilfsarbeiten im Streb selbst.

Das letztere war so eine Angelegenheit... Bitte sich mal vorstellen: Das Flöz im Mittel 60 Zentimeter dick, d.h. zwischen der Sohle und dem First 60, 70, 50, 40 oder an manchen Stellen auch weniger Zentimeter. Das alles um ungefähr 45° geneigt, was bei der glatten Sohle eine normale Schlittenpartie bedeutet hätte, ja hätte man sich nicht wo abzustützen. Da waren zum Glück die Stempel in fast Meterabständen, verkeilt zwischen Sohle und First die zusammen mit den Kappen ein zu frühes Einbrechen der Gesteinsschichten verhindern sollten. Also konnte man sich bergab verhältnismäßig einfach bewegen, auf dem Po oder Rücken ging es von allein. Es sei denn, daß der Berg die Stempel schon so verkürzt hatte, daß an vorher schon niedrigen Stellen die lichte Entfernung zu klein wurde, und man sich nicht mehr auf die Seite legen konnte. Oder sogar so eng, daß sich der Helm mit seinem Schild zwischen Sohle und First verkeilte, und man plötzlich mich nacktem Kopf weiterschlidderte. Doch die eigentliche Arbeit bestand im Transport von Holz, aus der oberen Strecke zu dem jeweiligen Arbeitsplatz der vier in der Mannschaft tätigen Bergleute. Die lagen nämlich in ihren Nischen und bearbeiteten die Kohle mit Presslufthämmern. Sie schälten die Kohle aus dem Flöz, und ließen sie bergab rutschen. Die Arbeitsfronten der einzelnen Männer waren versetzt, so daß die Kohle von oben kommend, an den tiefer arbeitenden, vorbeirauschen konnte.
Die Verteilung des Holzes geschah über ein ausgeklügeltes System mit ein paar Leitbrettern und Vorratsstellen. Von dort aus konnte man dann die einzelnen Bergleute, bei Bedarf, schnell mit Stempeln und Kappen versorgen. Denn schnell mußte es immer gehen! Letztendlich betrug die effektive Arbeitszeit vor Ort nur gute 5 Stunden! Also flitze ich den Streb rauf und runter, wobei raufflitzen nicht wörtlich zu nehmen ist. Beseitigte auch bei Bedarf eventuelle Staus im Kohlefluß, und saß, besser lag, pünktlich mit den anderen vor dem Bunker, wartete auf das Hinausgelassenwerden, und schimpfte mit den anderen, wenn der Schlepper, die Bedienung des Bunkers, nicht rechtzeitig mit seiner Arbeit fertig geworden war.

Denn, daß es der Mann da unten nicht zu leicht hatte, davon konnte auch ich mich überzeugen, als mir die Rolle des Bunkermanns zufiel. Also mußte man schon zum Schichtanfang wissen, wie viel Kohle heute zu erwarten ist. Dann zog man, wenn möglich, alle Hunte nach oben, hinter den Bunker. Das war der Idealfall. Denn in diesem Fall hatte man den Komfort, die Kohle welche von oben herunterrauschte, laufend in die bereitstehenden Hunte zu füllen. Also im Bunker - dem mit Brettern zur Strecke abgegrenzten Raum des Strebes - keinen großen Vorrat anwachsen zu lassen. Denn das barg Risiken. Wenn eine zu große Last im Bunker war, konnte man das Verschlußbrett schwer bewegen. Das war besonders kritisch beim Verschließen der Spalte, durch die man die Kohle in den Hunt leitete. Schnell war dann der Hunt überfüllt und die Kohle bedeckte den Boden rund um den Hunt. Wegen der engen Platzverhältnisse, war das Freischaufeln des Hunts ziemlich umständlich und zeitraubend. Und der Vorrat im Bunker wuchs zwischenzeitlich, mit ihm die Nervosität des Bunkermannes. Oder ein Stück Kohle verklemmte sich in der Öffnung, und wieder "rieselte" die Kohle fast ungehindert zu Boden. Oder, gewöhnlich noch schlimmer, ein Stück Holz hemmte erst den Lauf der Kohle um später die Öffnung so zu blockieren, daß ein Schließen unmöglich wurde.
Alles Fälle, die eintreten konnten und auch manchmal vorkamen. Zum Glück wurde es, bei meinem Praktikum am Bunker, niemals ganz kritisch, so das z.B. der ganze Hunt verschüttet wurde, oder ich die Leute zum Ende der Schicht nicht pünktlich, (durch Beseitigung einiger Bretter des Bunkerverschlusses), aus dem Streb entlassen konnte. Trotzdem blieb die Arbeit etwas aufregend, und auch schwer. Man mußte die über eine Tonne wiegenden Hunte verschieben, kuppeln und aufpassen, damit sie sich bei diesen Manövern nicht selbständig machten. Es gab, wie gesagt ein Gefälle, und ein frei gewordener Hunt hätte, bevor er entgleiste, auch einen schlimmen Unfall verursachen können. Denn im Normalfall wurden die Hunte, schon als Meute zusammengekuppelt, am Seil des Haspels heruntergelassen.
Dann war noch die Arbeit des Befüllens selbst. Man hatte also den Hunt unter der Bunkeröffnung plaziert, eine Blechmarke zur Identifizierung der Brigade im dafür bestimmten Loch des Huntes angebracht, die Karbidlampe etwas seitwärts - so daß sie die Öffnung und den Hunt beleuchtete - aufgehängt und stand selbst daneben um mit dem beweglichen Brett, welches die Bunkeröffnung verdeckte, möglichst optimal hantieren zu können. Dann öffnete ich einen Spalt um die Kohle rinnen zu lassen, wenn aber kleinere Stücke den Lauf hemmten, mußte ich den Spalt vergrößern. Durch den größeren Spalt kam auch sofort ein größerer Schwall, und mit ihm eine Staubwolke, die sich aus dem Hunt erhob, und mit der Kohle aus der Öffnung schwebte. Eine Staubwolke so dicht, daß das Licht der Lampe sogar als Punkt entschwand und man sein Gehör zu Rate ziehen mußte, ob der Hunt nun schon voll ist oder nicht. Wenn dann noch etwas fehlte, nahm ich lieber die Schaufel, und suchte den Hunt von Hand, mit der am Boden verschütteten Kohle, aufzufüllen. So brauchte ich nicht das Risiko eines nächsten, vielleicht übergroßen und nicht zu bändigenden Schwalles heraufbeschwören. Von den anderen Annehmlichkeiten des Staubes in den Augen, der Nase und überhaupt auf dem ganzen Körper spreche ich hier schon nicht.
Doch dann kam bei dieser Arbeit der angenehmste Moment, wenn ich dem Hauer die Zahl der befüllten Wagen melden konnte. Natürlich nur dann, wenn sie seinen Erwartungen entsprach oder diese überstieg. Im anderen Fall gab es Ärger, zwar nicht mit mir, aber mit seinen Leuten. Und es war ein rauhes Volk da unten...

Polen strebte eine Fördermenge von 100 Millionen Tonnen im Jahr an. Deswegen war die Wirtschaftlichkeit, die Erfolge im Streckenbau und der Förderung das Thema Nr. 1. Das seitens des Betriebes - aber wegen des damit verbundenen materiellen Aspektes, auch das der direkt vor Ort arbeitenden Bergleute. Die Norm und ihre Erfüllung, besser Überschreitung. Für unsere Strecke konnte ich auf einer Tafel an der Oberfläche, jede Woche den aktuellen Stand ablesen: Wenn es 110% waren, lief es gut und mein Hauer war zufrieden, manchmal waren es 115 oder 118%. Dann war es sehr gut und in der Lohntüte fanden sich die knapp 1000 Zloty. Fast das Doppelte des Verdienstes, welchen ich in Lugknitz erzielt habe! ...Steinkohle, Export, Sozialismus eben.
Trotzdem auch hier, in der Steinkohlegrube, die Arbeit nicht ganz ungefährlich war. Diese Erfahrung machte ich wohl im zweiten Monat meiner Arbeit in Gleiwitz. Vor dem anstehenden Ausbau der Strecke, wurden die Seitenwände von herausstehenden Brocken, mit Hilfe der Keilhaue, gesäubert. Ich kämpfte gerade mit einem sich sperrenden Brocken im unteren Bereich, als sich aus dem First eine Steinplatte löste. Und wie das Beil einer Guillotine seinen Weg nach unten nahm. Da aber war mein lederbehelmter Kopf im Weg. Er wurde zwar zur Seite geschoben, doch die messerscharfe Kante der Platte, konnte noch eine Rasur der linken Gesichtshälfte vornehmen. Zum Glück waren alle meine restlichen Körperteile außerhalb der Flugbahn dieser Steinplatte. So blieb es bei einer blutenden Backe, und der späten Erkenntnis, daß manchmal auch Hausfrauen Recht haben, wenn sie das Saubermachen oben anfangen.

Ich hatte für diese Nacht frühzeitig ausgedient, bekam vom Steiger einen entsprechenden Zettel, einen leeren Hunt direkt hinter der Elektrolok und fuhr mit einem Kohlezug zum Schacht. Hier wurde ich ziemlich selbstverständlich in die oberste Etage des Förderkorbes verfrachtet, aber nicht allein: ein Hunt fuhr mit. Die Produktion blieb halt wichtig. Daß ich etwas Bammel hatte, als die Maschine anzog, der Hunt mich in den Rücken drückte, und wir dann mit Fördergeschwindigkeit - bei offenem Korb - nach oben sausten, wird mir jeder glauben. Dazu gesellte sich jetzt noch das Bedenken, ob der Maschinist mich oben rechtzeitig erblickt, und aus dem Korb herausläßt. Oder gewohnheitsgemäß, noch während der Anfahrtsphase, den Hebel des Druckluftzylinders betätigt, der mit zwei leeren Hunts die vollen aus dem Korb herausknallt. Deswegen fuchtelte ich mit der voll aufgedrehten Lampe herum, um auf mich aufmerksam zu machen. Alles verlief glatt, er sah mich - oder hatte ihn der Maschinist von unten benachrichtigt? Wahrscheinlich ja - jedenfalls konnte ich den Korb mit heilen Gliedern, und einem mitleidigen Lächeln des Maschinisten verlassen.
Dann ging es, durch die ungewohnt leeren Gänge, in die unheimlich leere Waschkaue. Aber nein, hier kam schon der Bademeister, öffnete mir eine Dusche abseits des Gemeinschaftsraumes, und ich konnte mich vorsichtig waschen. Die Backe war verkrustet, aber frisches Blut floß nicht mehr. Dann ging es ab zur Ambulanz, wo ich ein bißchen gepiesackt wurde, ein Pflaster, und vom Arzt einen freien Tag bekam. Und das war es dann. An diesem Tag war ich schon gegen sechs Uhr morgens zu Hause.

So gehörte auch dieses Erlebnis dazu, zur Arbeit und zum Zusammenleben mit meinem Hauer. Er sah in mir bald einen guten, vertrauenswürdigen Mitarbeiter, und überließ mir des öfteren verschiedene Entscheidungen. So beim Bohren oder der Organisation unserer Arbeit. Aber auch bei den Schießarbeiten durfte ich bald aktiv mithelfen. Laden, die Löcher verkabeln, und das Kabel zum Zünden vorbereiten. Dann auch Zünden! Diese Vertrauensbeweise motivierten mich, sie halfen mir des öfteren bei der Überwindung von unvermeidlichen Krisen während der Untertagearbeit.
Ich versuchte mich dafür zu revanchieren, indem ich ihm bestimmte Handgriffe abnahm, und dafür zu kleinen Verschnaufpausen verhalf. Oder ich übernahm das Tragen des schweren und unhandlichen Munitionsbehälters. Das letztere vor allem dann, wenn er nach dem Schießen noch schnell nach vorn und dessen Ergebnisse inspizieren wollte, während es eigentlich schon höchste Zeit war um zum Zug zu kommen. Jedenfalls war er dann ohne Gepäck und es ging schneller.
Das klappte schon über Monate, bis zu dem einen, einzigen, Sonntagmorgen im Monat, an dem wir abends nicht zur Schicht mußten. Die Arbeit in dieser Nacht verlief schleppend, mit dem Schießen waren wir schon spät dran, aber mein Mann mußte noch zur Besichtigung der Sprengungsstelle. Mit dem ganzen Gepäck, (diesmal hatte ich noch zwei lange Bohrer auf der Schulter), stolperte ich schon schnell in Richtung Zug, als mich der Hauer einholte. Er war gelaufen, aber das hat nichts mehr genützt. Als wir ankamen, war der Zug schon weg. Ob er nun überpünktlich, unter dem Druck der anderen Freizeithungrigen, losgefahren war, oder ob wir echt zu spät gekommen sind, das war nicht mehr zu klären, und letztendlich auch egal. Jedenfalls standen wir etwas bedeppert da, und dachten an den Fünfkilometerfußmarsch, auf dafür nicht vorgesehenem Untergrund, mit niedrig hängender, paar Hundert Volt Fahrleitung, und den Bohrern auf der Schulter. Nein, so ging das nicht.

Mein Mann hatte eine Idee: Zum Schacht hin gibt es immer ein leichtes Gefälle, also nehmen wir einen Hunt, er steigt mit dem Gepäck ein, und ich schiebe, springe hinten auf, schiebe wieder, usw. Nun, so könnten wir bestimmt schneller ankommen, meinte auch ich. Also begab ich mich in die nächsten Strecken um einen übriggebliebenen Hunt zu suchen. Wenigstens jetzt hatten wir Glück, ganz in der Nähe fand ich einen - und er lief leicht!
Also alles rein und ab! Weil wir um dies Zeit keinen Gegenverkehr auf der eingleisigen Strecke zu befürchten hatten (höchstens einen anderen verlorenen Hunt, oder einen Gesteinsbrocken) leuchtete mein Hauer nach vorn und ich machte den Antrieb. Wenn der Hunt am Laufen war, sprang ich auf und hang, wie ein Affe zusammengekauert an der Rückwand, die Füße auf dem Puffer. Manchmal ging es mit einem Schub 30, manchmal 130 Meter. Jedenfalls kamen wir flott voran, und unversehens war die beleuchtete Hauptstrecke vor uns. Zwar schon zweigleisig, aber für unser Verkehrsmittel bestimmt nicht vorgesehen. Deswegen schoben wir den Hunt einige Meter zurück, so daß er von der abbiegenden Lok sofort gesehen werden mußte, und schubsten ihn sicherheitshalber mit einer Achse von den Schienen. Die letzten paar Hundert Meter legten wir schon auf den Füßen zurück, mußten glücklicherweise vor der Ausfahrt nicht warten, und hatten so effektiv nur eine gute halbe Stunde verloren. Uff.

Es gäbe noch viel zu erzählen, von den Erfahrungen dieser Monate auf der Gleiwitzer Grube. Ich möchte nur noch ein Erlebnis ins Gedächtnis rufen, welches mein junges Selbstverständnis dieser Welt, mit der Möglichkeit der Erklärung eines jeden Vorfalls, nachhaltig ins Wanken brachte.
Das war die Sache mit dem Schlüssel. Einem kleinen, einzigen Schlüssel, an einem farbig isolierten Schießdraht, mit dem er im Knopfloch befestigt wurde. Da war er 24 Stunden am Tag. Entweder an der Arbeitskleidung - wenn ich in der Arbeit war, oder an meiner Windjacke - wenn ich "privat" war. Es war nämlich der Schlüssel vom Vorhängeschloß, welches meinen Haken in der Waschkaue sicherte, an dem hoch oben abwechselnd meine Arbeitskleidung, oder die guten Klamotten schwebten.
So hatte ich auch an jenem Tag meine Zivilkleidung hochgezogen, abgeschlossen, und den Schlüssel doppelt gesichert: Ihn selbst in der Tasche und den Draht im Knopfloch verdrillt. Nun, spätestens in dem Moment als ich am nächsten Morgen, nach der Arbeit, schön schmutzig und müde wieder vor dem Schloß stand bemerkte ich, daß auch so eine Absicherung zu wenig gewesen war. Denn: Ein kurzes Stückchen Draht hatte ich noch im Kopfloch, den Schlüssel in der Tasche jedoch nicht mehr.
Ich war wahrscheinlich nicht der Erste, der in so einer Angelegenheit beim Bademeister vorsprach. Er nahm seinen Werkzeugkasten, und nullkommanichts hatte er den ganzen Befestigungsmechanismus von hinten abgeschraubt, so daß ich den Haken mit meinen Sachen herunterlassen konnte, während die Befestigung samt Schloß nach oben entschwand. Nach dem Bad und Umkleiden wurde die Arbeitskleidung nach oben befördert, und ich unten alles zwar provisorisch, aber schön befestigte, so daß man auf den ersten Blick garnicht den fehlenden Verschluß bemerkte. Jetzt nach Hause! Ich hatte gehofft da irgend ein Schloß zu finden oder organisieren zu können. Das aber war eine falsche Hoffnung gewesen. So verblieb mit dem Provisorium alles beim alten, als ich abends zur Arbeit einfuhr. Und kurz nachdem ich der Waschkaue den Rücken gedreht hatte, war die Sache auch schon vergessen.

Ein schwieriger Arbeitstag trug zusätzlich dazu bei, daß ich während des ganzen Tages, nicht einen Gedanken an mein Mißgeschick verschwendete. So befand ich mich am Ende des Arbeitstages schon wieder auf dem Weg zum Schacht, in einem wohl sechs Meter breiten und 100 Meter langem Stollen, der direkt am Schacht endete. Der Boden des Stollens war fast knöcheltief mit Staub bedeckt, in den man, wie im Treibsand, einsackte. Diesen Weg legten alle tagtäglich zurück: Vom Schacht zum "Bahnhof" und nach der Schicht umgekehrt. Wenn es eben, so wie jetzt umgekehrt ging, bildete sich sofort ein Rudel jüngerer Bergleute die im Laufschritt, möglichst schnell, den Schacht, möglichst den ersten Korb erreichen wollten. Das wirbelte natürlich jede Menge Staub auf, und die Älteren sparten nicht mit Schimpfworten. Was zwar nicht viel half, denn jeder der Jungen hatte da oben seine "Pflichten". So wie ich auch. Deswegen lief ich in diesem Schwarm mit, besessen von der gleichen Idee die auch die anderen beflügelte.

Bis zu diesem Moment, in dem ein Gedanke mein Gehirn durchzuckte: Dein abhanden gekommener Schlüssel! Hier hättest du ihn doch verlieren können! Der Gedanke, und die Lampe, (meine Karbidlampe hatte einen Reflektor!), nach unten richten waren eins. Und was schaute aus dem Staub heraus, direkt im Lichtkegel meiner Lampe: ein Stückchen bunten Drahtes. Ich stoppte so abrupt, daß mich jemand von hinten rammte, und einen Fluch ausstieß. Doch das hörte ich fast nicht mehr, denn als ich den Draht ergriff, erschien an seinem anderen Ende mein Schlüssel!!!

Kaum zu glauben! Es war ein bisher nichterahntes Erlebnis, ich war verwirrt und wußte nicht, wie ich mir das erklären sollte. Ich konnte es nicht fassen. Einen ganzen Tag in Bewegung: Waschkaue, der Weg zum Schacht, Karbidklauben, das Gedränge im Korb, das Getrample durch die 100 Meter Staub zum Zug, die kilometerlange Fahrt im engen Hunt, der ganze Arbeitstag mit vielem Bücken, Bewegungen und Gängen, dann wieder viele Kilometer der Rückfahrt und keinen einzigen Gedanken an den fehlenden Schlüssel verschwendet, ihn einfach vergessen.
Und weiter auf den 100 mal 6 Metern Staub vor dem Schacht, bis zu dieser eben einen Stelle, wo mitten im Lauf plötzlich der Gedankenblitz kommt, herableuchten, sich bücken und den Schlüssel finden! An einer Stelle, über welche in den letzten 24 Stunden schon Tausende Beine gelaufen sind.

Ich stand später schon unter der Dusche, war aber mit meinen Gedanken immer noch an dieser Stelle, an welcher der Schlüssel auf mich gewartet hat.
Und so blieb ich letztendlich mit der unbeantworteten Frage: Hat der Schlüssel mir da eine Nachricht "gefunkt"?

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Ein Walzwerk

Das Studium neigte sich dem Ende zu, das letzte Semester war eigentlich der Diplomarbeit vorbehalten. Ich machte mir Gedanken, wie es weiter gehen soll. Die Perspektive der Arbeit im Bergbau, als technischer Angestellter, wahrscheinlich unter Tage, hatte für mich wenig Reize. Zu gut hatte ich in den letzten Jahren, vor und während des Studiums, die mich dort erwartenden Bedingungen kennengelernt. Eine etablierte Technik auf niedrigem Niveau, dafür 95% Verwaltungsarbeit und Unannehmlichkeiten bei der Menschenführung. Dieser letzte Aspekt war für mich besonders abschreckend, damals noch im Unterbewußtsein. Später kam ich natürlich um diese Probleme nicht ganz herum, sie blieben aber, zum Glück, in meiner weiteren beruflichen Laufbahn immer moderat. Für alle Fälle jedenfalls versuchte ich damals mein Glück außerhalb der Bergbauindustrie.

Da für mich nach dem Studium sowieso nur ein zu jener Zeit vorgeschriebenes Berufspraktikum in Frage kam, bei dem das Gehalt von 1.500 Zloty festgeschrieben war, (nun, im Bergbau war es zwar mehr), war die Art des Betriebes zweitrangig. Aus meinem damaligen, oberflächlichen, besser unvollkommenem Überblick natürlich. Also überlegte ich nicht allzusehr, sondern begab mich, so zur Probe, in das in Laband gelegene Walzwerk für Nichteisenmetalle.
Personalbüro, eine stereotype Frage und die Antwort: "Einen Moment bitte, der Leiter kommt gleich". Ein paar Fragen, eine Nachfrage durch den Personalchef im Betrieb und: "Gut, bitte reichen Sie ihre Unterlagen ein:" Ich war zwar überrascht, aber vom übernächsten Tag ein Mitarbeiter des Walzwerkes. Ich kam in die Betriebsinstandhaltung, und sollte hier den Betrieb etwas kennenlernen.
Und es gab etwas zum Kennenlernen! Ich hätte mir wohl keinen besseren, (aus technischer Sicht), Betrieb wünschen können. Dazu nur einige Kilometer von Peiskretscham und auch Gleiwitz entfernt! Im früheren Nickelwerk, direkt am Klodnitzkanal gelegen, neben den ehemaligen (und auch damaligen) Rüstungswerken.

Der Anfang war ziemlich prosaisch. Meinen Arbeitsplatz hatte ich im Konstruktionsbüro, einer Abteilung im Ressort für Mechanik und Elektrotechnik. Dort lungerte ich die ersten Tage einfach herum, sprach mit den dort arbeitenden Menschen ...und lernte dabei den Betrieb kennen. Denn täglich war ich mit einem von ihnen im Betrieb, vor Ort, wenn irgend etwas nicht stimmte, Pläne aktualisiert werden mußten, und später öfters nur wegen meinem Wissensdrang.
Denn hier gab es etwas zu sehen. Walzwerke: Von den modernsten Quartowalzwerken mit komplizierter Antriebstechnik, bis hin zu einigen archaischen Triowalzwerken, die noch mechanisch von einer Dampfmaschine(!) aus dem Jahr, wohl 1912, angetrieben wurden. Elektrische Maschinen, die man nur aus der Theorie kannte, Amplidynen, dynamische Kondensatoren, Tachodynamos, Synchronmaschinen, Generatoren und Motoren jeglicher Art. Hochspannungsverteilerstationen, Meßtechniken für Temperatur und Magnetismus, induktiv und gasbetriebene Schmelzöfen, Glühanlagen mit Schutzgas, Verfahren zur Bimetallherstellung, Schneideanlagen usw., usw.
Vorrangig interessierte mich ein großes Duowalzwerk mit Gleichstromantrieb, nach dem Leonardo-Ilgner-Prinzip, es korrespondierte mit meinen Kenntnissen und Arbeiten aus dem Bergbau, wo Fördermaschinen ähnlich ausgestattet waren. Und dem Thema meiner Diplomarbeit, bei der ich gerade war.
Nun, allzubald wurden mir die Flügel gestutzt, denn schon nach kurzer Zeit war man der Meinung, daß ich auch für etwas verantwortlich sein könnte. Kurz gesagt: ich wurde zum Meister der elektrischen Instandhaltungbrigade ernannt. Nur gut, daß es da einen älteren Vorarbeiter gab, der den Großteil meiner Aufgaben bisher erledigt hatte, und es auch jetzt weiter tat. Mir blieb die "Repräsentation", die mich nicht überforderte. Der Betrieb lief über 24 Stunden, auch Samstags. Meine Anwesenheit beschränkte sich im allgemeinen auf die erste Schicht, es sei denn, für Sonntag waren Wartungsarbeiten angesagt, bei denen ich manchmal ein mulmiges Gefühl hatte. Ob auch alle Maschinen am Montag wieder planmäßig anlaufen ...?

Doch zum Glück gab es damals keine Probleme, alles verlief wunschgemäß. Deswegen wurde mir eines schönen Tages eine Spezialaufgabe zuteil. Das Brancheninstitut der Nichteisenmetallindustrie hatte eine Aufgabe bekommen. Nämlich klären, warum die auf dem neuen Quartowalzwerk Robertson gewalzten Bänder, während des Walzvorganges so häufig reißen. Der damit Beauftragte des Institutes, Ing. Czaplicki bekam mich als "Helfer" für seine Arbeit. Damit fing es an.
Wir unterhielten uns, begutachteten die Maschinen und machten uns in etwa mit den Schaltplänen vertraut. Das war eine Mammutaufgabe, denn die Anlage war wirklich kompliziert. Zwanzig bis dreißig(!) elektrische Maschinen elektrisch, elektromechanisch, oder über elektromechanische Regler miteinander gekoppelt. Hier den Grund der auftretenden Fehler zu finden, war eine schwierige Aufgabe vor allem deswegen, weil sie nicht reproduzierbar waren. Einfach zufällig.
Also messen und beobachten hieß die Devise und ich übernahm alsbald die Leitung der Messungen. Ing. Czaplicki überließ mir diese Aufgabe zu gern, schleppte dafür jede Menge von Meßapparatur an, die ich anzuschließen, beobachten und zu verwalten hatte. Er selbst blieb schon permanent im Hintergrund, heißt Institut, und wartete auf meine Berichte. Für mich waren es manchmal heikle Momente, wenn es um den Anschluß der Geräte im Inneren der vielen Schaltschränke ging. Denn die Maschinen liefen ununterbrochen. Dennoch konnte ich das "Meßlaboratorium", auf vielen Tischen rund um die Maschinen und Schaltschränke im Maschinenraum, mit dem ganzen Kabelgewirr, nach drei oder vier Wochen abbauen, ohne daß es zu einem unangenehmen Zwischenfall gekommen wäre.
Wir werteten die gewonnenen Meßergebnisse provisorisch vor Ort, also noch im Werk aus. Dann verfaßte Ing. Czaplicki, schon im Institut, einen umfangreichen Bericht, mit einer entsprechenden Würdigung meiner Arbeit. Das Ganze für mich eine interessante Episode, mit späteren, positiven Folgen für mich.

Eine andere Episode aus dieser Zeit finde ich höchst erwähnenswert: Nämlich den Ersatz des ausgefallenen Hauptgenerators des einzigen Walzwerkes für dicke Aluminiumbleche - dem einzigen nicht nur im Betrieb, sondern polenweit.
Es war im Spätherbst 1961. Da war auf einmal die Hiobsbotschaft da: Das aus der Sowjetunion stammende Walzwerk steht, weil der Generator einen inneren Kurzschluß hat. Die Hektik, schon über meinen Kopf hinweg - die Angelegenheit wurde als bedrohlich für die polnische NE-Industrie wahrgenommen - hatte ein großes Ausmaß. Da wurde erst einmal die Reparatur beim Hersteller abgeklärt, übers Außenhandelsministerium natürlich(!), von wo wir die sehr eindeutige Absage einer Reparatur bekamen. Von einem Ersatz, einer anderen, neuen, Maschine konnte schon garnicht die Rede sein. Die Planwirtschaft hatte einen solchen Fall nicht berücksichtigt.
Was dann also? Die Reparatur in Polen? Der einzige in Frage kommende Reparaturbetrieb für elektrische Großmaschinen lag in Gleiwitz. Also wurde auch dort ganz schnell angeklopft, auch verschiedene Verbindungen, sogar Druckmittel ausgenutzt - trotzdem ohne Erfolg. Der Betrieb ist überlastet, eine Reparatur konnte frühestens in ungefähr einem Jahr eingeplant werden. Die Stimmung im Betrieb war dementsprechend niedergeschlagen.
Zu diesem Zeitpunkt nahm mich mein Vorarbeiter, der schon während des Krieges im Betrieb tätig gewesen war beiseite, und sagte, er möchte mir was zeigen. Wir gingen ans andere Ende des Betriebes, in eine für die Produktion nicht genutzte Halle, in der ich bisher nicht gewesen war, und zeigte auf zwei riesige Maschinen: "Die wurden hier abgestellt, als das dazugehörige Walzwerk verschrottet wurde - und sie liefen bis zu diesem Zeitpunkt!" Eine hochinteressante Überlegung: Anstatt tatenlos zu warten, vielleicht ein Risiko eingehen und versuchen, zwei fremde Maschinen in ein bestehendes Regelsystem zu integrieren ...?
Wir besorgten uns fürs erste einen Lappen um die soliden Typenschilder zu inspizieren: Zwei Siemens-Schuckert Maschinen: ein Generator gekoppelt mit einem 6 kV Asynchronmotor, beide auf einem gemeinsamen, sehr soliden Unterbau aus Profileisen. Ich schrieb mir die Daten ab, um sie im Büro mit denen des Originalgenerators zu vergleichen, vor allem aber, um Zeit für Überlegungen zu haben. Was wäre wenn ...? Nach weiteren Gesprächen mit meinem Vorarbeiter, einer Vorabmessung der elektrischen Größen beider Maschinen kam ich zur Überzeugung, daß die Probe eines Einsatzes eventuell zum Erfolg führen könnte.
Nun, ich unterbreitete meine Vorstellungen an entsprechender Stelle, nämlich meinem Vorgesetztem, dem Chefmechaniker. Zwar erfuhr ich erst Skepsis, im Laufe meiner Darlegungen aber schwanden seine Zweifel, und da der anfängliche Aufwand verhältnismäßig niedrig war, fiel die Entscheidung: Wir probieren es! Ich war mir zwar bewußt, daß es im Falle eines Fiaskos heißen würde: Es ist ihm nicht gelungen...

Vor mir stand die bisher größte Aufgabe meines Lebens. Die größte, nicht weil die beiden Maschinen um die 10 Tonnen wogen, sondern deswegen, weil ich hier zum ersten Mal mein theoretisches Wissen, in schwierigen Industrieverhältnissen, unter dem Druck nichtalltäglicher Begleitmomente, selbst einsetzen sollte.
Auf einer Eisenbahnplattform transportierten wir die Maschineneinheit aus ihrer Lagerstätte in das große Maschinenhaus des Duo-Walzwerkes. Das war einfach, denn hier wie dort gab es genügend starke Hebebühnen, welche diese Last bewältigen konnten. Im Maschinenhaus, war es warm, hell und trocken. Die Maschinen konnten gesäubert, auf Beschädigungen geprüft, vor allem aber getrocknet werden. Mit einigen schalttechnischen Verrenkungen, und der aktiven Hilfe zweier Menschen mit Brechstangen, schafften wir es, die Maschinen mit minimaler Drehzahl in Bewegung zu setzen. So konnten sie effektiv und gleichmäßig, mit der eigenen Verlustleistung getrocknet werden. Ich ließ ein Protokoll führen, aus dem die laufenden Isolationswerte der 6 kV - Maschine hervorgingen. Nach zwei Tagen erschienen mir die Werte stabil, und der allgemeine Zustand der Maschinen weckte Vertrauen. Deswegen meinte ich, ihren Weitertransport an den Bestimmungsort verantworten zu können.
Dafür brauchten wir schon einen schweren Kran der Staatseisenbahn, welcher die Einheit von der Plattform hievte, und in die Maschinenhalle hineinreichen konnte. (Daß dabei das große Eingangstor beschädigt wurde, schien niemanden besonders zu stören - mich also auch nicht.) Denn diese Maschinenhalle verfügte nur über eine Hebebühne, die der Last der beiden Maschinen nicht gewachsen war. Deswegen fand der weitere Transport, schon in der Halle, auf Rollen statt. Die Maschinen wurden dann an einer freien Stelle der Halle, in der Nähe des Walzwerkstranges aufgestellt, wo schon eher ein alter, riesiger Flüßigkeitsanlasser hingebracht worden war. Er sollte einen langsamen, für die Anlage verkraftbaren Anlauf der schweren Maschinen gewährleisten. Doch damit gab es vorab noch einige Aufregungen. Die Flüssigkeit wurde versehentlich mit Ätznatron leitend gemacht, und das mußte schleunigst geradegebogen werden.

Dann endlich waren alle Verbindungen hergestellt, Meßgeräte eingebunden und in den Hauptkreis ein manuell zu betätigendes Gleichstromschütz eingebaut. Die Erregung des Generators, in der Konsequenz seine Spannung, wollte ich dann bei laufenden Maschinen prüfen - und einregeln.
Doch soweit kam es vorerst nicht. Der Anlauf des 6 kV Motors verlief planmäßig, seine Drehzahl stieg beständig so, daß ich den Wink zum Kurzschließen des Läufers gab. Das bedeutete einen weiteren Anstieg der Drehzahl ...und eine negative Überraschung. Denn plötzlich blies der Lüfter des Motors nicht nur den Reststaub aus seinem Inneren, sondern mit einem ganz unangenehmen, schrillen Geräusch flogen plötzlich auch Funken, solche wie man sie von Wunderkerzen kennt, gegen die Hallendecke.
Alle Anwesenden standen plötzlich ziemlich versteinert da, auch ich brauchte den Bruchteil einer Sekunde für die Entscheidung, die so, nach dem planmäßigen Hochlauf, gar nicht im Programm stand. Ein Sprint zu dem Hochspannungsverteiler, entlang an den einzelnen Kammern: Ja, hier ist die provisorische Anzapfung, und dann den roten Knopf gedrückt, das war alles ein Werk von Sekunden. Die Maschinen kamen schnell zum Stillstand, nur die Mutmaßungen fingen jetzt an. Ein Fremdkörper? Nein, aber doch war die Lösung einfach: Durch den Transport war es zu einer minimalen Bewegung der Lagerböcke gekommen, und die bei bestimmten Drehzahlen unausweichlichen Vibrationen, hatten zum Kontakt des Läufers mit dem Ständer geführt. Dieser Mißstand ließ sich jedoch durch Neujustierung in den nächsten Stunden beheben, und die zweite Probe konnte angepeilt werden.

Diesmal verlief alles nach Plan, die Maschinen erreichten ihre nominale Drehzahl, und ich beließ es voerst dabei. Ich beobachtete sie, horchte hinein und notierte mir alle aktuellen Meßwerte. Sie waren im unauffälligen Bereich, und so entschloß ich mich, den nächsten Schritt zu tun. Das sollte die Erfassung der Maschinencharakteristik werden. Ich schaltete die Erregerspannung ein und vergrößerte sie ganz vorsichtig. Leider wurde ich sofort mit der nächsten Riesenüberraschung konfrontiert: Die Maschine entwickelte ein Eigenleben, sie reagierte nicht mehr auf die durch mich angelegte Spannung! Der Strom im Hauptkreis stieg fast rasend schnell auf Werte im Kiloamperebereich, und auf dem Kommutator baute sich eine imposante Funkenstrecke auf.
Das war die Stunde des Mannes beim Gleichstromschütz: Auf meinen Zuruf entriegelte er blitzschnell den Stromkreis, und mit einem Donner unterbrach das Schütz den Strom von einigen Tausend Ampere. Das lief deswegen so glimpflich ab, weil die Dynamospannung gering war, aber ein paar weitere Sekunden hätten für die Zerstörung erst des Kommutators und dann der ganzen Maschine gereicht.
Ich atmete erst einmal durch. Ein Fiasko dieses Unternehmens? Nein, denn dafür gab es noch keine ausreichenden Ansätze. Eine Fehlbeschaltung?, Gut, das wollte geprüft werden. Zum Glück verliefen sich alsbald alle "Würdenträger", die den Moment der Inbetriebnahme miterleben wollten. Ich konnte mit meinen Leuten in Ruhe alle Einzelheiten der Beschaltung überprüfen, und selbst noch einmal mit meinen Gedanken zu Rate gehen. Ich pries im Stillen die Entscheidung für den Einbau einer Unterbrechungsmöglichkeit des Hauptstromes, wäre doch sonst alles vorschnell, und mit nicht vorhersehbaren Konsequenzen zu Ende gewesen! Aber das behielt ich natürlich für mich, dachte dafür umso intensiver über die Fehlerursache nach.
Im Laufe des Tages starteten wir nach verschiedenen Änderungen der provisorischen Generatorbeschaltung noch einige Versuche, leider immer mit dem gleichen, negativen Ergebnis. Zwar konnten wir jetzt die jeweilige Probe schneller, ohne diesem Riesendonnereffekt beenden, doch das änderte leider nichts an der Sache selbst.
Bei diesen Proben brachte mich mein damaliger Vorgesetzter auf die Palme: Selbst ohne Verständnis für die Vorgänge (er war "Mechaniker"), stand er da im Wege, um jedesmal beim ersten Funken auf dem Kommutator mit dem Finger darauf zu weisen und dabei laut zu rufen: "Es funkt, es funkt schon wieder!". Obwohl das jeder, auch ich - dessen ganze Aufmerksamkeit in dieser Phase gerade auf den Kommutator gerichtet war - selbst sehen konnte.
Am zweiten Tage waren wir immer noch in der Sackgasse, und ich hatte nichts dagegen, daß der Direktor nach einem Sachverständigen verlangte, einem Spezialisten für große Maschinen. Er kam aus dem Reparaturbetrieb, welcher in großen Maschinen spezialisiert war, begutachtete die Maschinen, schaute in seine Bücher und Notizen, überprüfte die Polaritäten der Pole, ließ sich meine Meßanordnung erklären, und startete noch einen Versuch: mit vorhersehbarem Resultat. Dann packte er seine Sachen zusammen und meinte, daß er hier leider nicht helfen könnte, es sei halt eine alte Maschine...
Für mich war die Sache damit noch nicht zu Ende, obwohl das Interesse der Würdenträger schon abgeflaut und sie selbst verschwunden waren. Ich stand mit meinem Vorarbeiter, dem eigentlichen "Erfinder" dieser Aktion, einem älteren, erfahrenen, leicht korpulentem Mann in der Halle und besprach unsere bisherigen Schritte. Auch der "Publikumszulauf" hatte ein Ende gefunden und die Atmosphäre im Betrieb schien ein Ende dieses Unternehmens anzudeuten.
Wir hatten die Maschine zwar schon sehr gründlich auf eventuelle Beschädigungen und Massenschlüsse untersucht, leider ohne weitere Anhaltspunkte. "Sollten wir nicht auch mal die Maschine von unten beschauen?" frug ich meinen Mann. "Das wurde schon gemacht" meinte er, von dem und dem da. "Vielleicht doch noch mal Sie?" frug ich ein zweites Mal. "In Ordnung" sagte der Mann und zwängte sich unter das Standgerüst, dann die Maschine. Ich reichte ihm die Lampe und er ächzte da unten rum. Dann sagte er: "Reichen sie mir bitte die kurze Brechstange", denn vom Transport der Maschinen lag noch einiges vom Werkzeug in der Halle. Und ich erfuhr auch gleich, was der gute Mann da erspäht hatte. Eine der fingerdicken Kupferschienen, welche die einzelnen Pole der Maschine miteinander verbanden, war verbogen worden und hatte mit einer anderen Schiene, obwohl isoliert, Kontakt aufgenommen, direkter gesagt den Kurzschluß eines Poles verursacht. Auf den ersten Blick, wegen der kleinen Abstände nicht sichtbar und der vorhandenen Isolierung wohl als unwahrscheinlich angenommen worden.
Ein Abstand zwischen den Schienen wurde wiederhergestellt und dann, im kleinsten Kreis ein erneuter Versuch der Inbetriebnahme unternommen. Und was sagt die Geschichte: Alles verlief normal, die Maschine zeigte keine negativen Hochlauftendenzen!
Jetzt wurde es für mich wirkliche Routine, mein Wissen aus dem Studium, meine Erfahrungen aus den Laboratorien brachten uns schnell alle Meßergebnisse, welche ich für eine Anpassung an die Regelkreise des Walzwerkes brauchte. Nach ein paar weiteren Stunden, in denen die notwendigen Verbindungen mit dem Walzwerkantrieb hergestellt wurden, war es so weit: Der Meister trommelte die jetzt andersweitig beschäftigte Brigade des Walzwerkes zusammen und ich gab die erste Probe mit dem "neuen", alten Hauptdynamo frei. Mit Herzklopfen.
Die einzelnen Antriebe des Walzwerkes wurden getestet: Ohne Walzgut liefen die Maschinen einwandfrei. Anlaufen lassen, Drehzahl varieren bis zur normalen Arbeitsdrehzahl, runterfahren und gleich noch einmal. Alles für das Walzwerk und die beiden Wickler.
Also die erste Rolle des Dickblechs einfädeln, langsam durchziehen und aufwickeln. Lief in Ordnung. Also alles in entgegengesetzter Richtung mit einer kleinen Reckung. Lief auch. Also zurück und schneller. Als 50% der normalen Betriebsbedingungen fehlerfrei erreicht wurden hatte ich ein gutes Gefühl. Doch bei ungefähr 70% kam das Ende, die Koordination zwischen dem Walzwerk und den Auf- und Abwicklern stimmte nicht mehr, das Band riß. Ende für heute. Ich verließ das Werk mit der Weisung, diese kritische Walzgeschwindigkeit während dieser und der Nachtschicht nicht zu überschreiten. Dann ging ich in den schönen Abend hinaus, müde, aber sehr zufrieden. Der Zug brachte mich zu dieser späten Stunde sogar pünktlich nach Haus, was damals gar nicht selbstverständlich war.

Ich weiß nicht mehr, ob ich diese Nacht von elektrischen Maschinen träumte, aber morgens nach dem Erwachen war mein erster Gedanke: läuft dort noch alles oder ging etwas schief? Ich fuhr zur Arbeit und die ersten Schritte führten mich natürlich direkt in die Werkhalle mit "meinem" Walzwerk. Schon von weitem sah ich die weißen Stapel der gewalzten Rollen, ein Anblick den man in den letzten Wochen schon fast vergessen hatte. Und ich sah nur freudige Gesichter, denn allen war mit dem wiederaufgenommenem Betrieb des Walzwerkes gedient. Deswegen verpuffte mein Ansinnen, einer weiteren Abstimmung der Regelkreise, für eine bessere Anpassung der einzelnen Antriebe im Keime. Keine Experimente; kein Stillstand - denn sichere 70%, über drei Schichten, sind so kurz vor dem Jahresende immer noch ein Garant für den so wichtigen Jahresplan, so die Leitung des Betriebes.
Ich gab mich damit zufrieden. Denn konnte ich die doch systemfremde Maschine in die ziemlich komplizierte Regelanlage wirklich noch besser einpassen? Die Stellungsnahme der Betriebsleitung kam da meinen unausgesprochenen Bedenken entgegen!

Nun, dann gab es noch einen Ausklang und eine Pointe. Der Direktor war so zufrieden, daß er alle Beteiligten mit einer Prämie beglücken wollte. Ob es ihm gelungen ist weiß ich nicht, obwohl ich eigentlich zufrieden sein konnte. Für mich war es nämlich ein knappes Monatsgehalt, 1700 Zloty. Für meinen Vorgesetzten, dem mit dem Zeigefinger, waren es immerhin noch 1500 Zloty, (trotzdem sein Verdienst um die Ersatzmaschinen praktisch bei Null lag), der nächsthöchste Betrag ging an meinen Vorarbeiter, und die restlichen Zuwendungen, schon Kleckerbeträge, an den Rest der mit diesem Unternehmen beschäftigten Mitarbeiter.

Ja, und die Pointe? Sie wurde für mich zur größten Genugtuung meines bisherigen Berufslebens, und zur Bestätigung meines Beitrages zum normalen Funktionieren eines großen Industriebetriebes, eines selbstständigen Beitrages, schon kurz nach dem Verlassen der Hochschule.
Wie das? Einfach: Als ich einige gute Jahre später, im Zusammenhang mit meiner nächsten Anstellung im Brancheninstitut, meinem ehemaligen Arbeitsplatz in Labend einen Besuch abstattete, fand ich dort alte Bekannte. In der Maschinenhalle des besprochenen Walzwerkes arbeitete schon wieder der originale Generator, welcher nach fast zweijähriger Reparatur an seinen Platz zurückgekehrt war. Aber daneben, unter einer Abdeckung aus Holz und Pappe, (weil es an dieser Stelle hin und wieder einregnete), standen die beiden uns schon bekannten Maschinen samt Anlasser.
"Ja, was machen die denn noch hier?" war meine impulsive Frage worauf prompt die doch so selbstverständliche Antwort folgte: "Es könnte doch sein, daß der Generator wieder ausfällt..."

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Im Institut


Vorab eine Erklärung. Ein Institut in der damaligen Volksrepublik war ein angesehenes, (natürlich staatliches), Unternehmen, welches sich wissenschaftlicher Aufgaben, die den Bedürfnissen einzelner Industriezweige entsprangen, annahm. Es waren sogenannte Brancheninstitute, deren Anzahl im damaligen Polen überschaubar blieb. Auch die Nichteisenmetallindustrie hatte ein solches Institut, mit dem ich durch meine bisherige Arbeit in Laband schon zusammengekommen war. Das Institut war in Gleiwitz beheimatet, zusammen mit einem verwandten Brancheninstitut "wohnte" es in zentraler Lage in Gleiwitz, in einem eigenen Gebäudekomplex mit Industriehallen und Werkstätten.
Durch Mitwirken des schon bekannten Ing. Czaplicki, befand ich mich 1962, mit einer dienstlichen Versetzung, in diesem Institut wieder. Im Betrieb für Automatisierungsaufgaben sollte ich jetzt mein Brot verdienen. Die ersten Monate als gewöhnlicher Angestellter, dann schon Adjunkt und später Abteilungsleiter. Aber das ist eigentlich zweitrangig, denn erzählen wollte ich über meine Arbeit.

Anfangs war ich voll Enthusiasmus - begeistert über die Möglichkeiten der Mitarbeit in einem wissenschaftlichen Institut. Ich hatte auch gleich eine Aufgabe nach Maß: Die Möglichkeit der Automatisierung eines Duo-Walzwerkes sollte untersucht, und eine Lösung vorgeschlagen werden. Ich stürzte mich in die Arbeit, suchte nach Vorbildern, (einiges hatte ich noch aus meiner Diplomarbeit), und versuchte mir vor allen Dingen einen Überblick, und die Kenntnis über die z. Zt. in Polen erhältlichen Halbleiterelemente zu verschaffen. Denn eins stand fest: Die angestrebte Lösung sollte entsprechend zeitgemäß, und aus in Polen erhältlichen Bauteilen gefertigt sein. Es war zwar die Zeit der digitalen Technik, doch diese hatte vor allem im Westen geschlagen. Dort wurden schon die ersten logischen Funktionen in einem Element integriert, während man in Polen gerade dabei war, solche Elemente aus diskreten Bauteilen polnischer Produktion in einem Gehäuse unterzubringen. Theoretisch konnte man dann beliebige Steuerungs- oder Regeleinheiten aus diesen Elementen zusammenstellen.
Dieses Ziel verfolgte ich mit viel Aufopferung, und noch mehr Ideen im Hinterkopf. Wie ich schon sagte: "...konnte man theoretisch" - denn die interessanten, theoretischen Lösungen für Steueraufgaben funktionierten zwar prinzipiell im Versuchsaufbau, doch versagten sie auf ganzer Linie bei längerer Arbeit. Unwiderruflich kam es dann zu Fehlfunktionen, so durch den Ausfall einzelner Elemente, oder durch äußere Störeinflüsse. Jedenfalls war es kein gutes Omen für eine eventuelle Einführung solch einer Lösung in Industrieverhältnisse.
So kam es zwar zu einer schönen "wissenschaftlichen" Arbeit über die Automatisierungsmöglichkeiten dieses Walzwerkes, dargestellt auf vielen gedruckten Seiten, einer ganz seriösen Abnahme der Arbeit durch eine Kommission aus Vertretern des Betriebes und des Institutes, aber gleichzeitig nur zu einem einstimmigen Beschluß dieser Kommission, daß die Perspektiven einer solchen Lösung interessant sind, aber diese praktischerweise erst irgendwann in der Zukunft realisiert werden sollte.
Im Klartext: Die Arbeit, schön abgeheftet, gelangte letztendlich auf ein Regal im Archiv und dokumentierte, wie viele andere schon vor ihr, und - wie ich es später noch erfahren sollte - fast alle nach ihr, den Arbeitswillen und die Kreativität der Institutsmitarbeiter, gleichzeitig aber den Unwillen der Betriebe, solche mit eventuellen Problemen oder Schwierigkeiten verbundene Neuerungen, in die Praxis zu überführen.

Nun, ich möchte hier nicht alle Titel der damals aktuellen Arbeiten auflisten, sondern mich auf verschiedene, andere Aspekte meiner Institutsarbeit beschränken.
Denn nicht nur Arbeiten fürs Archiv wurden gefertigt, sondern jeder der Mitarbeiter war bemüht, sein Einkommen möglichst positiv zu gestalten. Ich hatte meine "Einführungszeit" gut überstanden, die erste Treppe in der Institutshierarchie erklommen, nämlich den Titel des "wissenschaftlichen Adjunkten" erhalten, und war ein gern gesehenes Mitglied in Arbeitsgruppen die sich, (nominell) außerhalb der Dienstzeiten, mit Aufträgen der Industrie befaßten.
Zur damaligen Zeit verfügten die Betriebe über einen speziellen Fonds, aus dem auf dem Markt nicht erhältliche Leistungen direkt finanziert werden konnten. Da der Markt viele Lücken aufwies, das Institut aber über Material, Maschinen und entsprechende Menschen verfügte, war es ein gesuchter Ansprechspartner, wenn es um die Herstellung kleiner Serien von Apparaten, Meßinstrumenten oder anderen Geräten ging.
Über diesen Weg konnte ein motivierter (und geschätzter) Mitarbeiter sein Gehalt um 30, 40 oder 50% aufstocken. "Geschätzter" deswegen, weil er nur dann den richtigen Anschluß an eine Arbeitsgruppe fand - und "geschätzt" wurde, wenn er die notwendigen Kenntnisse besaß, aber auch bei anderer Gelegenheit, auch andere Mitarbeiter in seine Gruppe holte. Jedenfalls war die ganze Angelegenheit ein wichtiges Argument für die Arbeit im Institut überhaupt.
Und es gab noch die zweite Möglichkeit eines legalen Zuverdienstes. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter hatte man Anrecht auf eine Freistellung für Lehrzwecke, (wohl) bis zu 8 Stunden wöchentlich. Ich machte davon Gebrauch, und verdiente in dem unweit gelegenen Technikum weitere paar hundert Zloty monatlich.
Und dann waren noch die Nachhilfestunden, welche meine Einkünfte auch aufbesserten.
So pendelte sich mein Verdienst in den sechziger Jahren zwischen drei- und viertausend Zloty ein.

Geld war natürlich eine Sache, doch wollte ich damals gern auch noch meine Qualifikationen verbessern. Nichts lag näher, als sich um ein entsprechendes Praktikum, bei einer renommierten Firma im Ausland, zu bewerben. Ich hatte gute Aussichten auf einen Platz bei der schweizer BBC. Doch es kam anders. Nicht genug, daß mir als Einheimischem (unterschwellig: Deutschem), für die Genehmigung einer Auslandsreise schon eine bestimmte Hürde bevorstand, gelangte zu jener Zeit eine Denunziation in die obere Etage des Instituts: Meine Kinder (3 und 1 Jahr alt) werden in deutscher Sprache erzogen!
Darauf folgende Gespräche, mit dem Parteisekretär und meinem wissenschaftlichen Direktor, zerstörten meine Illusion einer Reise gen Westen endgültig. Leider.

Neben der seriösen Arbeit, dem Ärger ob solcher Rückschläge, gab es immer wieder auch Episoden an die man sich gern erinnert. So verschiedene Erlebnisse mit meinem "Zögling", Edward D., der als junger Absolvent einer DDR-Hochschule ins Institut, und unter meine Fittiche kam. Eine kleine Spracherfahrung in der DDR sorgte nicht nur bei mir für ein Schmunzeln. Deutsch hatte er erst in Karl-Marx-Stadt gelernt, und war überrascht, wie offen angeblich die DDR-Bürger über ihre, von vielen sowjetischen Einheiten bevölkerten Stadt, sprachen: Da hörte er immer wieder, daß es eine ganz verußte Stadt ist, in welcher sie leben mußten... Der Unterschied zwischen Ruß und Russe wurde ihm erst viel später bewußt.
Oder ein anderes Begebnis, welches für seine Rührigkeit und Unternehmungslust sprach. Da kam er irgendwie mit den Problemen einer Großwäscherei zusammen, (wo die verschiedenen Schritte damals noch weitestgehend durch Handarbeit erledigt wurden). Er vertrat die Meinung, man könnte die Arbeit doch deutlich mehr mechanisieren, sogar automatisieren. Und das war letztendlich doch unsere Domäne! Also überzeugte er mich, der Stadtverwaltung ein entsprechendes "Rationalisierungsprojekt" zu unterbreiten, bei dessen Annahme auch wieder Geld winken würde. Wir machten uns an die Arbeit, entwarfen, konstruierten und schrieben Texte. Der endgültige Effekt blieb trotz seines Unternehmungsgeistes leider aus...
Nicht so wie sein Einfall in Breslau. Wo wir eine Arbeit realisierten: Der bisher handgesteuerte Prozeß des Stranggießens von verschiedenen Buntmetallen in der dortigen Hütte sollte automatisiert werden. Deswegen waren wir hier des öfteren zu Gast. Erst um den Prozeß zu beobachten, später um unsere Vorstellungen zu diskutieren, und noch später um einen Prototypen zu untersuchen.
Bei diesen Gelegenheiten trieb uns unsere angeborene Neugier natürlich auch in andere Abteilungen des großen Betriebes. Da entdeckten wir das Schrottlager! Aluminium, Kupfer, Messing und ähnliches in allen vorstellbaren Formen und Größen! Bleche, Rohre, Winkel usw. Material für den Heimwerker, im Haushalt bei Reparaturen - sogar im Institut bei der Herstellung von Mustern oder Prototypen - von unmeßbarem Wert, weil im Handel nicht erhältlich.
Die richtige Idee war schnell da und bei den folgenden Besuchen hatten wir immer eine große, solide Aktentasche mit. Natürlich wurde so eine Tasche beim Verlassen des Betriebes geöffnet, um eventuellen Diebstählen vorzubeugen. Dafür waren die Pförtnerlogen ziemlich ausgebaut, und immer von ein paar Personen besetzt: Dem Pförtner, den Angehörigen des Werkschutzes (bewaffnet!) und Schreibkräften, welche unter anderem für die Passierscheine verantwortlich waren. Die räumlichen Gegebenheiten waren in einen inneren Teil (vom Werk zugängig) und den äußeren Teil, für anstehende Besucher, aufgeteilt.
So brachten wir im Laufe des Arbeitstages unsere (gewöhnlich schwere) Tasche zum Pförtner mit der Bitte, sie doch hier lassen zu dürfen, weil sie uns bei der Bewegung im Betrieb hinderlich ist. Das wurde anstandslos gewährt, und die Tasche in einem offenen Regal, für alle sichtbar, plaziert. Dann begaben wir uns zurück zur Arbeit um wenig später den Betrieb über einen anderen Ausgang zu verlassen. Noch etwas später, gewöhnlich zum Schichtwechsel - also bei größerem Betrieb - meldeten wir uns, diesmal als Besucher von außen, in der Pförtnerloge, und baten einen der gerade Anwesenden hinter dem Tresen um unsere Tasche: "Die da, die haben wir hier kurz hinterlegt". Und sie wurde uns natürlich anstandslos ausgehändigt!

Die Realitäten des Institutsalltages aber waren prosaischer. Nach den paar Jahren im Institut, und der Bewertung der geleisteten Arbeit, derer Effekte, stellte sich unausweichbar eine Ernüchterung ein. Dazu kam der Umzug nach Beuthen, die Trennung von der Basis: den Werkstätten, der Bibliothek und den anderen Abteilungen. Nämlich wegen Querelen mit anderen "Mitnutzern" der Räumlichkeiten in Gleiwitz, war das Institut gezwungen, einige Abteilungen in leer stehende Büroräume in Beuthen umzuquartieren. So auch den Automatisierungsbetrieb in dem ich inzwischen schon zum Gruppenleiter aufgestiegen war.
Die Arbeit dort wurde noch eintöniger und aussichtsloser. Um wegen dem Fehlen von fordernden Arbeiten die Zeit zwischen Frühstückstee und Mittagsbrot zu überbrücken, befaßten wir uns mit "Forschungsarbeiten". Ich persönlich suchte meine fehlenden Elektronikerfahrungen mit dem Werkeln bei grundlegenden Schaltungen, wie z.B. Spannungsreglern und Verstärkern, mit im Institut (und Polen) zugänglichen Bauteilen zu vertiefen.
Das waren natürlich nur Ersatzhandlungen ohne Perspektiven. So wie viele andere Leute auch, suchte ich nach einem neuen, besseren Wirkungsfeld. So kam mir der Vorschlag eines ehemaligen, älteren Mitarbeiters, Ing. Zembala sehr gelegen, mich doch beim Leiter eines Hochschulbetriebes vorzustellen: ich würde dort gebraucht!
So kam es dann auch zu meiner vorab Teilzeitbeschäftigung im Schlesischen Polytechnikum, später zur normalen Ganztagsanstellung im Betrieb für Elektronik und Feinmechanik eben dieser Hochschule. Doch das sind schon zwei weitere Geschichten.



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Im Schlesischen Polytechnikum


Es war ein Start auf Raten. Die Vermittlung von Ing. A. Zembala brachte mich zwar in die Versuchsanstalt für Elektronik und Feinmechanik des Schlesischen Polytechnikums, aber vorerst nur in Halbtagsanstellung, auf eine fiktive Position. Mein Hauptarbeitgeber blieb das Institut, jetzt schon in Beuthen/Bytom. So war es eigentlich auch geplant, denn das durch mich damals notgedrungen verfolgte Ziel hieß: Geld verdienen - der Trabi und auch die Familie brauchten einiges. Die genaueren Umstände meines damaligen Arbeitsplatzwechsels und die erste Arbeitsperiode an der Hochschule beschrieb ich an anderer Stelle.

Doch irgendwann, nämlich nach einigen Monaten, mußte ich mich entscheiden, meine Arbeit im Institut aufzugeben und mich jetzt wieder normalen, nämlich Ganztagsaufgaben in der Versuchsanstalt für Elektronik und Feinmechanik des Schlesischen Polytechnikums stellen. Als Leiter der Elektronikabteilung hatte ich an meiner Seite einen, in der Praxis gut bewanderten Meister, Andrzej Mehlis, welcher mir den Krimskrams um Arbeitseinteilung, Verrechnung der Arbeitszeiten und Materialbeschaffung weitestgehend abnahm. Doch dafür erwartete man von mir vieles anderes. 20 bis 30 Mitarbeiter, darunter auch immer einige Ingenieure, mußten so geführt werden, daß es letztendlich der Produktion diente aber auch der Fortschritt nicht zu kurz kam. Das bedeutete immer wieder Entwicklungsarbeiten. Entwicklung verschiedener Produkte im Haus und in Zusammenarbeit mit Personen oder Instituten der Hochschule. Und - was eigentlich fast noch wichtiger war: die Entwicklung von in der Fertigung anwendbaren Prüfmethoden für die laufende Produktion, oder auch für einmalige Projekte. Denn in diesem Betrieb, einem Hochschulbetrieb, konnte man noch nach Qualität streben. Produktionspläne wurden nur intern erstellt - die in normalen Produktionsbetrieben geltenden Planregeln, kannte man hier praktisch nur vom Hörensagen, denn bei Engpässen gab es immer Ausweichmöglichkeiten.
In der Produktpalette des Betriebes waren (meistens) kurze Serien vielseitiger Natur: Meßapparatur, Präzisionswiderstände, Normalelemente, Galvanometer, Schreiber, Analogrechner und Einzelanfertigungen für die Hochschule..
Für die allermeisten Produkte war der Betrieb der einzige Hersteller in Polen. Es war ein spezialisierter Traditionsbetrieb, obwohl in Gleiwitz erst mit der Hochschule selbst ins Leben berufen, basierte er auf der Erfahrung alter Mitarbeiter der ehemals polnischen Hochschule in Lemberg/Lwow, welche 1945 den Grundstock an Lehrkräften und Mitarbeitern, für die neue Gleiwitzer Hochschule stellte. So entstand der Betrieb anfangs nur als Reparaturbetrieb für optische und feinmechanische Geräte, entwickelte sich im Laufe der Jahre, dank seiner Führungskräfte - maßgeblich z.B. Josef Wajchenig - bis zum Ende der sechziger Jahre zu einem Vorzeigeproduktionsbetrieb für viele, in Polen einmalige Produkte. Dann kam es zwar anders, doch davon später.

Bei meinem Arbeitsanfang lief gerade das (sich später zu einem Schwerpunkt unserer Arbeit entwickelnde) Projekt für einen Analogrechner an. Ein primitiver Prototyp, eigentlich nur eine Funktionsprobe, wie auch ein weiteres Modell, standen schon in der elektrischen Fakultät der Hochschule. Wir hatten uns ein modulares, größeres und vielseitigeres Gerät zur Aufgabe gemacht. Es wurde eine interessante Arbeit mit sehr vielen Facetten - denn fast alles war Neuland. MA-48 hieß der Rechner, welcher später in kleinen Serien gefertigt wurde. 48 deswegen, weil er neben verschiedenen anderen nichtlinearen Funktionseinheiten, über eben so viele Operationsverstärker, damals ausschließlich in Röhrentechnik, verfügte. Der ganze Rechner war schon seiner Größe wegen eine imposante Erscheinung, aber sein Energieverbrauch war es auch. Sechs Lüfter an der Rückwand hatten etwas zu tun. Und die Vorderseite zierte ein großes Operationsfeld, auf dem man die notwendigen Verbindungen mit bis zu einigen hundert (bunten) Leitungen herstellte. Die Verdrahtung war immer eine aufwendige Angelegenheit, deswegen gab es auswechselbare Oberteile, die man (schon verdrahtet) ins Operationsfeld einführen konnte.
Es war eine imposante Aufgabe, welche mich vielseitig forderte: Von der Planung, über die Konstruktion einzelner Module bis zur mechanischen Koordination und dann Produktionsorganisation für die ganze Maschine. Und fast nebenbei, der Entwurf einer Serie von Apparaten und Schaltungen zur effektiven Kontrolle der hergestellten Module wie auch der ganzen Maschine. Nicht zuletzt forderten mich auch die vielen Kontakte mit Hochschulen und Instituten, welche an diesen Rechnern interessiert waren. Am Anfang waren es auch noch Einweisungen die mich absorbierten. Doch im Laufe der Zeit hatte ich schon so eingearbeitete Mitarbeiter, daß ich mich aus vielen Aufgaben zurückziehen konnte. Es sollte nicht vergessen werden, daß doch parallel auch die Arbeiten an der Herz-Lungenmaschine liefen, für welche ich über all die Jahre der Hauptansprechpartner blieb.

Eine andere Aufgabe wurde ein, auf der Basis der MA-48, gebaute Lüftungsrechner für den Bergbau. Von den Aufgaben her, sollte er schnelle Hilfe für Entscheidungen, bei unvorhergesehen Vorfällen, auf einer Grube leisten. Vorprogrammierte Operationsfelder für verschiedene Lüftungsabschnitte, oder ganze Gruben waren vorgesehen. Sie ermöglichten berechenbare Gegenmaßnahmen, z.B. bei einem Grubenbrand. Dieses Ziel war mit konventionellen Mitteln, wegen des sehr komplexen Aufbaues eines Lüftungssystems mit manchmal Hunderten von parallel und hintereinander verlaufenden Streckenabschnitten, mit unterschiedlichen Widerständen und eingebauten Regeleinrichtungen, schwierig oder überhaupt nicht erreichbar.
Obwohl er später nicht in Serie ging, und in der Bergbaufakultät der Hochschule verblieb, blieb die Entwicklung und der Bau des Prototypen ein interessantes Problemfeld jener Jahre.

Dann gab es für mich noch die gern beiseite geschobenen Probleme um meine Abstammung. Einerseits war ich eine bekannte und fachlich geschätzte Persönlichkeit, anderseits hatte ich es immer wieder mit Benachteiligungen bei den verschiedensten Gelegenheiten zu tun. Ganz krass trat dieser Umstand zu Tage, als der Leiter des Betriebes, Josef Wajchenig, seinen Abschied einreichte. Ich war zu jener Zeit mit ihm schon durch ein gutes, freundschaftliches Verhältnis verbunden, war des öfteren seine rechte Hand, und vertrat ihn regelmäßig während seiner Abwesenheit. So nahm ich es auch als ganz natürlich auf, daß wir über seine Nachfolge im Betrieb einer Meinung waren. Doch dann kam die kalte Dusche für uns von ganz oben: Der Rektor, (oder wer auch immer dahinter steckte), erteilte dem Ansinnen meines bisherigen Chefs eine Abfuhr: Ein Autochtone, dazu noch ohne Parteibuch - eine Unmöglichkeit für einen angesehenen Betrieb von dieser Wichtigkeit!

Ich habe mich schnell darüber hinweggetröstet; gedachte ich doch einfach in absehbarer Zukunft die nötigen Schlüsse zu ziehen. Umso mehr, als die Verhältnisse und das Klima im Betrieb sich, mit dem Antritt des neuen Leiters - einer technischen Null, dafür mit einem angesehenen Parteibuch - drastisch verschlechterten. Da half auch der neu geschaffene Posten eines Technischen Direktors wenig - obwohl dieser zur Abwechslung, neben dem Parteibuch, den Titel eines Doktors im technischen Bereich führte.
Falsch, etwas änderte sich: Vor unserem Gebäudekomplex wurde eine Fontäne errichtet. Und irgendwann, auf Betreiben der neuen Führung, stand auch der Besuch des zweitmächtigsten Mannes in Polen, des Parteisekretärs der Woiwodschaft Katowice, ins Haus. Jedoch das änderte nichts an der Stagnation des Fortschritts in unserem Betrieb, und hatte keine weitergehenden Folgen auf die Kreativität des bis dahin so geschätzten Betriebes. Neues kam praktisch nicht hinzu, und ich hatte fast jegliche Lust an der Arbeit verloren.

Deswegen war ich des öfteren Gast im Kardiochirurgischen Institut der Medizinischen Akademie in Hindenburg/Zabrze bei dessen Leiter, Prof. Tadeusz Paliwoda. Obwohl diese Visiten früher als ganz selbstverständlich galten, und ich praktisch jede Operation mit unserer Maschine vor Ort begleitete, (ich sah sie immer noch als verbesserungswürdig an), wurden meine diesbezüglichen Aktivitäten im Betrieb: Nachbesserungen und Ersatzteile, von unserem neuen Direktor immer argwöhnischer beobachtet. Und meine Besuche in der Klinik, zu einem Dorn in seinem Auge.
So kam es auch, daß ich über dieses - über vorherige Jahre nicht existente - Problem mit Prof. Paliwoda sprach. Er meinte darauf: "Das regeln wir schon" und dachte wahrscheinlich, daß er mit seiner Autorität und einer persönlichen Vorsprache beim Direktor, die ganze Angelegenheit unserer Zusammenarbeit wieder in die alten Bahnen lenken kann.
So besuchte er mich eines Tages im Betrieb. Er, der Leiter einer in ganz Polen bekannten Klinik, ein hochangesehener Mediziner, intelligent und ein gesellschaftliches Vorbild, (was sich u.a. in seiner Kleidung niederschlug; er trug z.B. immer eine Fliege), nahm sich die Zeit, und kam extra zu uns nach Gleiwitz gefahren. Er wollte ein Gespräch über die weitere Zusammenarbeit führen, speziell auch eine "Ausgangsgenehmigung" für mich zu einer am nächsten Tag anstehenden, wichtigeren Operation, zu erwirken.
Doch hier hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Telefonisch erfuhr ich, daß der Direktor keine Zeit für ein Gespräch hätte. Es war mir sehr peinlich, diese Nachricht dem Professor zu übermitteln - aber noch peinlicher wurde es, als ich den Professor 15 Minuten später zum Ausgang begleitete, und wir auf der Treppe unseren Direktor trafen. Gezwungenerweise stellte ich die Herren einander vor, und erlebte ein Gespräch, wie es beschämender nicht hätte sein können: Der Professor, nach den vorausgegangenen Momenten eigentlich schon über das Klima informiert, traf jetzt auf einen Menschen, dem die Primitivität ins Gesicht geschrieben, und sein Verhalten dem adäquat war. Das Gespräch, währenddessen der Direktor irgendwo in die Gegend starrte, wurde weiterhin auf der Treppe geführt. Nun, mein Begleiter hatte die Situation schnell durchschaut, und sprach kurzentschlossen die Bitte um meine Beurlaubung für den nächsten Tag aus, wobei er meine Anwesenheit mit bestimmten, bei der Operation zu erwartenden Komplikationen begründete. Worauf der Direktor etwas unzusammenhängendes über Arbeit, von einer Planerfüllung hier im Betrieb, nicht in der Klinik, sprach. Um der Peinlichkeit womöglich ein Ende zu bereiten, mischte ich mich ein und erklärte, daß ich mir meine Arbeit hier vor Ort bisher immer so organisieren konnte, daß auch keine Beanstandungen nach dem morgigen Tag zu erwarten wären, und er wohl nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn einem Menschen in der Klinik geholfen werden kann. Daraufhin gab er mürrisch seine Zustimmung, jedoch nicht ohne noch eine Warnung in meiner Richtung auszusprechen. Nach einer steifen Verabschiedung begleitete ich den Professor zum Wagen, den er kopfschüttelnd bestieg.
Die Operation am nächsten Tag verlief gut.

Die Atmosphäre im Betrieb wurde immer unerträglicher. Nicht nur die dilettantische Gesichtsweise unseres Direktors, in vielen technischen oder betrieblichen Entscheidungen, machte mir zu schaffen, sondern auch seine, fast offen demonstrierte Ablehnung meiner Person im Zusammenhang mit meiner Abstammung. Das kam bei einigen Gelegenheiten zu Tage, so z.B. bei einer Entscheidung über einen Auslandsaufenthalt.
Ich will hier den ganzen, unappetitlichen Themenkomplex übergehen, denn der Tag, an dem ich Abschied vom Schlesischen Polytechnikum nahm, sollte überraschend schnell kommen. Mir blieb in den letzten Tagen gerade Zeit für die Regelung der offenen Angelegenheiten, und ein kleines, gemütliches Abschiedstreffen bei Kaffee und Kuchen mit allen meinen Mitarbeitern. Diese sahen jetzt einer etwas düstereren Zukunft entgegen.

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(Zu) hohe Aspiration


Eine neue Arbeitsstelle, außerhalb des polytechnischen Betriebes, schien schon seit einiger Zeit der für mich einzige Ausweg. Die Arbeitsverhältnisse hatten sich so verschlechtert, daß an eine gute, fruchtbare Arbeit nicht mehr zu denken war. Trotzdem kam der Anruf, meines ehemaligen Zöglings aus dem Institut, etwas plötzlich: "Horch mal, ich bin jetzt in Hindenburg. Hier entsteht ein Zentrum für Medizintechnik. Wir brauchen einen technischen Direktor. Das wäre doch was für Dich?  -  Ja, gut. -  Ich schick Dir also einen Wagen, habe uns schon zu einem Gespräch beim Direktor angemeldet". Und: "Erschrick nicht, es ist ein Notarztwagen, die werden hier ausgestattet, du machst also gleich eine Probefahrt."
Edward hatte nämlich in der Zwischenzeit, über die offizielle Schiene, seine Karriere gemacht, und war z. Zt. Direktor für administrative Angelegenheiten in einem sich gerade etablierenden Betrieb für Medizintechnik in Hindenburg/Zabrze.

Ich war zwar doch überrascht, als nach kaum einer halben Stunde der Notarztwagen unten vorfuhr, doch zur Ausfahrt war ich bereit. Eine weitere halbe Stunde später war ich in Hindenburg und zusammen mit Edek beim Direktor Kaniut. Jetzt erfuhr ich auch die ganze Geschichte. Direktor Kaniut, als Organisator dieses neuen Betriebes wollte jetzt, nach der Überschreitung einer bestimmten Betriebsgröße, die technischen Probleme der Produktion von jemandem anderen erledigt wissen. Die Unterhaltung verlief sehr positiv, und gipfelte in der Festlegung eines Termins für meinen Besuch in Warschau, beim zuständigen Direktor der Industrievereinigung OMEL, welcher meine Kandidatur zu akzeptieren hatte. Um es kurz zu machen, auch dort verlief alles nach Plan. Mein Gehalt, meine Ablösung bei der Hochschule, wurden zu meiner Zufriedenheit geklärt und ich befand mich mit dem Status einer dienstlichen Versetzung am nächsten Monatsersten in Hindenburg.

Die ersten Tage vergingen schnell, ich hatte die Möglichkeit "Land und Leute" kennenzulernen, mich in die Gegebenheiten, des noch an verschiedenen Stellen einer stillgelegten Keramikfabrik untergebrachten Betriebes, einzuleben. Doch schon nach einigen Tagen wurde ich etwas stutzig, als meine Nominierungsurkunde noch nicht eingetroffen war. Jedoch nach drei Wochen wußte ich schon warum es so war. Direktor Kaniut hatte mich zu einem Gespräch gebeten, und wirkte ziemlich zerstreut, als er über meine Funktion zu sprechen anfing. Doch dann kam es ganz plötzlich: "Es tut mir wirklich leid, ihnen das sagen zu müssen - aber leider wurde ihre Kandidatur zum Technischen Direktor unseres Betriebes vom städtischen Parteikomitee nicht akzeptiert". (Zu jenen Zeiten mußten alle leitenden Positionen von der Partei bestätigt werden). Dann kamen noch einige Floskeln und der Vorschlag, die Sache doch so hinzunehmen, weil sich für mich wenig ändern würde. "Wir brauchen sie, und deswegen nennen wir sie einfach Hauptspezialist für Medizintechnik, wobei sie die Entwicklungsabteilung zu leiten haben, und andere spezielle Aufgaben wahrnehmen werden. Das Gehalt bliebe so wie vereinbart" erklärte der Direktor. Das Letztere war für mich wohl das gewichtigste Argument bei meiner zu treffenden Entscheidung, und ich stimmte dem Vorschlag ohne weiterem Zaudern zu. Wir einigten uns noch am gleichen Tag über die Einzelheiten meines zukünftigen Daseins im Betrieb. Meinen Ehrgeiz hatte ich also zur Seite gestellt, und war nach weiteren Überlegungen mit meinem Los garnicht so unzufrieden.
Und um ehrlich zu sein, war das alles für mich eigentlich nur von Vorteil: Weniger Verantwortung, weniger Nerven und eine, wie es sich noch herausstellen sollte, abwechslungsreiche, mit interessanten Aufgaben verbundene Arbeit.

So viel zum Iststand. Mich jedoch verfolgte in den nächsten Tagen trotzdem die Frage nach dem Warum. Was war der Grund für die negative Beurteilung meiner Kandidatur? Nun, ich sah eine Möglichkeit dies zu erfahren, nämlich über Edek. Und er konnte das wirklich aufklären. Über seine Kontakte im Woiwodschaftskomitee der Partei, konnte er etwas über den Inhalt meiner Personalakte in der Hindenburger Partei erfahren. Das Hauptstück bildete die vertrauliche Auskunft meines ehemaligen Direktors aus Gleiwitz. Stil und Inhalt des Dokumentes stimmten mit dem Bild, das ich mir von ihm während unser Zusammenarbeit gemacht habe, voll überein. Übergangslos eröffnete er sein Pamphlet mit Worten über meine deutschen Sprachkenntnisse und meine Herkunft, um dann den Rest der weiteren Verfehlungen als Autochtone zu beschreiben. Dabei brachte er auch die Erziehung unserer Kinder in deutscher Sprache - ein fast fundamentales Verbrechen in der VRP - zur Geltung.
Womöglich hatte dem damaligen Parteisekretär schon der erste Satz genügt, (er war, delikat formuliert, kein Freund des Deutschtums in Oberschlesien), um eine für mich negative Stellungsnahme zu provozieren. Nun, wie schon gesagt, es war für mich kein Beinbruch, und - seitdem ich diesen Tatbestand kannte - auch keine psychische Belastung mehr.

Bald gab es im Betrieb für mich auch eine Sonderaufgabe: Das halbautomatische Dialysegerät, unser Kind aus dem Polytechnikum hatte mich eingeholt. Die Entscheidung für die Herstellung der nächsten drei Prototypen, war gefallen. Es gab eine Menge Arbeit mit einigen Verbesserungen, der Anpassung an Produktionsmöglichkeiten, der Dokumentationserstellung, der Materialbeschaffung, und dann der Erstellung der Pilotexemplare. Denn die mußten zu Prüfungen in andere Institute und Kliniken. Für diese Arbeiten war eine junge Mannschaft zuständig - und ich mittendrin in all den Problemen. Und es blieben nicht nur Probleme technischer Natur: Einsprüche der Prototypenmitersteller aus dem Polytechnikum, gegen durch mich eingebrachte Neuerungen, Querelen mit einem Entwicklungsinstitut der Industrievereinigung, welches sich zurückgesetzt fühlte, Terminprobleme bei der Materialbeschaffung, und Querschüsse einiger Spezialisten aus der Ärzteschaft, welche die Konstruktion aus diesen oder jenen Gründen verneinten - es gab immer etwas, womit man sich sofort beschäftigen mußte.
Ich war sehr viel unterwegs um all die Angelegenheiten zu koordinieren. Dann, als die Pilotexemplare standen und alle internen Prüfungen hinter sich hatten, ging es mit meinen Dienstreisen munter weiter. Man mußte in den Kliniken, denen die Geräte übergeben wurden, schon offene Augen haben, um sich nicht durch Dummheit oder Antipathie des Personals, eine negative Beurteilung einzuheimsen. Bei solchen Gelegenheiten gab es auch schon durchwachte Nächte bei den arbeitenden Geräten.
Um es kurz zu machen: Das Dialysegerät begleitete mich bis zum Ende meiner Arbeit in Hindenburg - mehr noch, diese Problematik wurde einer der Gründe für meinen nächsten Arbeitsplatzwechsel. Mehr Einzelheiten dazu sind hier zu finden.

Das Dialysegerät war also die eine Seite meiner Aufgaben, eigentlich die arbeitsintensivere. Dafür waren die andern Pflichten gewöhnlich kurzweiliger und angenehmer. Davon werde ich jetzt einiges erzählen.
Doch vorab muß ich noch ein Ereignis erwähnen, welches im nachhinein viel dazu beitrug, daß ich das Geschilderte überhaupt erleben konnte. Es fing wieder mit einem Gespräch beim Direktor Kaniut an, und begann in einer Atmosphäre, welche mich an das Wochen früher geführte "Abstellungsgespräch" erinnerte. "Ich müßte Verständnis dafür aufbringen, daß er doch wirklich jemanden braucht, welcher den Betrieb in seinem Namen auch offiziell vertreten kann - und jetzt hat er jemanden, der alle Voraussetzungen mit sich bringt" und dann weiter, "daß ihm sehr daran gelegen wäre, wenn auch ich diesen Mann akzeptieren und mit ihm zusammen arbeiten könnte". "Denn, wissen sie - es ist jemand, den sie wahrscheinlich kennen. Ein ehemaliger Kommilitone, Wiktor Kniaziew". "Ach, ja" sagte ich, "natürlich kenne ich ihn ...und sehe keine Probleme für eine effektive Zusammenarbeit". Er war erfreut und überraschte mich jetzt wirklich, als er die Sekretärin bat, den Wiktor zu holen, welcher in einem anderen Zimmer dieses Einführungsgespräch abgewartet hat. Wiktor war ein kluger Kopf und erfüllte alle Voraussetzungen (auch die formalen), für diesen Posten.
Seit jener Zeit hatte ich einen neuen, direkten Vorgesetzten, welcher mir im Laufe der Jahre einige Überraschungen bescherte. Wir verstanden uns gut, und die Zusammenarbeit verlief in geregelten Bahnen. Daraus resultierte auch die Mehrzahl meiner dienstlichen Auslandsaufenthalte, ein bisher unbekanntes Kapitel in meiner Laufbahn. Näheres darüber kann man hier erfahren.

Bis zu jener Zeit (Anfang der 70er Jahre) beschränkten sich meine Auslandsaufenthalte auf Ferien in Ungarn und private Ausflüge in die DDR. Ach ja, zweimal war da auch ein Kurzurlaub in Westberlin drin. Das war aber schon alles. Aber jetzt sollte sich das ändern.
Da kamen fast am laufenden Band - jedenfalls könnte man es so im Verhältnis zu meinen bisherigen Auslandsaufenthalten sehen - Auslandsreisen auf mich zu, auch eine Konsequenz meines zufriedenstellenden Verhältnisses mit Wiktor, meinem Vorgesetzten. Zwei bis dreimal jährlich hieß es dann: Köfferchen packen! Und es blieben immer unterhaltsame und lehrreiche Episoden.

Meine "normalen" Pflichten beruhten jetzt praktisch nur auf der Koordination der Arbeiten bei einer Serie von Dialysegeräten und anderen, speziellen Aufgaben meiner Direktoren. Beides war zum großen Teil mit Reisen verbunden. Damals unternahm ich die gern mit dem Auto, bis 1977 mit dem Trabi (Trabant 601), später dem komfortableren Fiat (Polski Fiat 125). Nun in Wirklichkeit, vor allem im Verhältnis zu den heute üblichen Standard, war er so komfortabel nicht. Seine Störanfälligkeit war enorm, sogar im Verhältnis zum Trabant. Denn der hat mich niemals im Stich gelassen.
Der Fiat, die Errungenschaft meiner Besuchsreise in die Bundesrepublik im Jahre 1977, war ein sogenanntes Exportmodell, also per Definition die bessere Ausführung. Was ich im nachhinein leider nicht bestätigen konnte. Schon beim Empfang des Wagens, (ich durfte mir einen aussuchen!), stellte ich unter der Motorhaube rote Flecken fest, gut sichtbar auf dem weißen Untergrund. Na gut, das war ein kleiner Fehler, denn ein paar Jahre sollte der Wagen trotzdem halten. Im ersten Jahr mußte ich nur die Lichtmaschine tauschen, aber das war ein Garantiefall.
Dafür ging es im zweiten Jahr los: der Auspuff brach kurz vor dem Schalldämpfer, gerade als ich in Warschau war. Meine Gesprächspartnerin im Ministerium versprach Abhilfe: Sie kenne den Meister einer guten Werkstatt, wo man mir das auf ihr Wort bestimmt direkt repariert. Sie erledigte sich eine freie Stunde, und wir schlichen mit dem Wagen durch die Straßen, um nicht allzusehr aufzufallen. Denn er machte einen satten Lärm. Die Werkstatt erwies sich als ein Hinterhofbetrieb, und anstatt Hebebühne, gab es eine aus Eisenbahnschwellen gezimmerte Rampe, schwindelnd hoch. So hoch, daß man unter dem Wagen stehen konnte. Und der Meister machte sich wie selbstverständlich an die Arbeit: Mit dem Schweißgerät und zwei Gasflaschen kam er zum Wagen und begann die Schweißarbeit. Ich konnte ihn nur noch fragen: "Ob er weiß, daß das Ding direkt daneben der Benzintank ist?" Als er ja sagte, verschwand ich um die nächste Ecke. Aber irgendwie hat er es doch geschafft, und für ein paar hundert Kilometer war der Wagen wieder betriebsbereit.
Dann habe ich mich direkt um einen Ersatzauspuff gekümmert. Es gab natürlich fast keine Originalersatzteile, so kaufte ich einen Nachbau, welcher genau ein Jahr hielt. Nun, aber ich hatte dann schon den Dreh raus, und der zweite Austausch verlief problemlos. In der Zwischenzeit, aber schon bei 20.000 km hatte ich mit dem Motor Probleme. Einwandfrei lief er eigentlich nur in der Nähe der Leerlaufdrehzahl. Dann stotterte er und entwickelte keine Leistung. Die Diagnose war schnell gestellt: der Vergaser. Also ausgebaut und Fehlersuche. Nichts zu finden. Aber nach dem Einbau lief der Wagen wieder normal. Bis zur nächsten, nächtlichen Heimkehr. Aber am Morgen war wieder alles in Ordnung. Später wieder nicht. Ich wollte verzweifeln. So baute ich den Vergaser, der nach den vorangegangenen Untersuchungen schön sauber war, nochmals aus und nahm ihn nach Haus. Auf einem weißen Karton fing ich an den Vergaser zu zerlegen. Und siehe da, als ich die zweite Düse herausschraubte, sah ich an ihrem kalibrierten Eingang ein kleines, durchsichtiges Kügelchen - ein Sandkorn wie es sich gleich herausstellen sollte. Als Erklärung für seine Herkunft blieb nur die Montage des Vergasers im Werk, denn ein anderer Weg war durch feinmaschige Filter verstellt. Ich wiederum habe mich für den Vergaser erst nach dem Auftreten der Störungen interessiert. Dieses Körnchen wanderte also im Vergaser zwischen Filter und Düsen und nur zufälligerweise klebte es sich, hin und wieder, an dieser einen Düse fest.
Irgendwann fingen die Bremsen zu quietschen an, und ich mußte die Bremsklötze wechseln. Gut, daß ich die Ersatzteile bekam. Dann war die Kupplung fällig: Scheibe verbraucht, nach nicht mal 30.000 km. Das mußte ich in der Werkstatt machen lassen. Eine andere Macke, der hydraulisch betätigten Kupplung, war die Rückholfeder des Zylinders. Es war eine aus Runddraht gewickelte Zugfeder, direkt unter dem Kupplungspedal, aber unter dem Wagen zugänglich. Die brach in regelmäßigen Abständen, jede vier- oder fünftausend Kilometer. Nach dem zweiten Bruch kaufte ich direkt drei Stück (o Glück, es gab sie, doch sie kosteten Geld!), aber auch die gingen bald dem Ende entgegen. So "besorgte" ich mir zwei Meter Stahldraht, und bat einen befreundeten Dreher um Anfertigung von 10 Stück dieser Federn. Und komisch, diese hielten sogar länger! Das Zeremoniell des Austausches hatte ich schon so perfektioniert, daß ich mich sogar an einem neblig-feuchtem Morgen, auf dem Weg zu einer Konferenz in Lodz, im weißen Hemd unter den Wagen traute, um mit der Kombizange die neue Feder einzufädeln. Denn die Fahrt ohne Kupplung war doch zu stressig. Eine Decke für diese Zwecke führte ich schon immer griffbereit im Kofferraum mit. Nach der Operation mußte ich nur noch eine mildherzige Person finden, welche mich in ihr Haus ließ, damit ich die Hände sauber bekam, um dann pünktlich meine Sprüche auf der Konferenz hersagen zu können.
So hatte ich mit dem, im Verhältnis zum Trabi, mehr als doppelt so teurem Wagen auch doppelt so viele Ärgernisse. Deswegen erinnerte ich mich bei solchen Gelegenheiten mit Wehmut an meine Trabis, mit welchen ich niemals auf der Strecke liegen blieb. Obwohl ich mit ihnen mehr als 140.000 km gefahren bin, mehr als dreimal so viel wie mit dem Fiat. Und meine Frau bestärkte mich in dieser Auffassung: "Im Trabi konnte ich so wundervoll schlafen, aber hier gibt es keine Kopfstütze mit Ohren, und mich tut von den Sitzen der ganzer Körper weh".

Warum ich hier so viel von meinen Wagen erzähle? Das Auto wurde in Hindenburg, der vielen Reisen wegen, zu meinem unentbehrlichsten Werkzeug. Sogar die weiten Fahrten, z.B. nach Warschau, konnte ich für mich bequemer - aber vor allem mit größerer Wahrscheinlichkeit einer pünktlichen Ankunft - mit dem Wagen gestalten. Natürlich waren die Fahrten, größtenteils über Landstraßen, mit verhältnismäßig vielen "Abwechslungen" verbunden. Ich erinnere mich an eine Rutschpartie. Es war unter Null, die Straße teilweise nur mit festgefahrenem Schnee bedeckt, als ich mit mäßiger Geschwindigkeit, in ein Dorf einfuhr. Da bemerkte ich, daß die Straße nicht nur ersichtlich bergab in dieses Dorf führte, aber auch (obwohl kurvenfrei) leicht nach links geneigt war, und der Wagen auf einer Strecke von 50 - 100 Metern, anfing kontinuierlich nach links zu driften. Delikate Korrekturversuche mit dem Lenkrad beeindruckten den Wagen kaum, aber ein leichtes Tasten mit dem Bremspedal verursachte doch eine Geschwindigkeitsreduzierung so, daß der Wagen am linken Straßenrand, dort wo die Straßenoberfläche rauher wurde, jedoch noch vor dem Graben, zum Stehen kam. Mir war es während der paar Sekunden ziemlich warm geworden. Gut, daß der Verkehr jener Jahre, vor allem in der Morgenzeit, noch ziemlich dürftig war und mir niemand die linke Straßenseite streitig machte.
Gegen Ende der siebziger Jahre bestand die Straße nach Warschau schon in großen Stücken aus zwei Fahrbahnen. Dort fuhr es sich, für die damaligen Verhältnisse, ziemlich bequem. Leider gab es da viele ebenerdige Kreuzungen mit anderen Straßen, und noch schlimmer, mit fast Feldwegen. Natürlich gab es überall Stopschilder für diese Querstraßen, trotzdem mußte man nicht einmal voll auf die Bremse steigen, wenn im Scheinwerferlicht ein Fuhrwerk, mit womöglich angesäuseltem Fuhrmann, auftauchte, welches gemächlich die Straße querte. Oder eine Oma, welche etwas verspätet ihre Kuh von der Weide nach Hause zerrte. Da die Bebauungsweise in Polen vielerorts von der bei uns üblichen Konzentrierung in Dörfern abweicht, und man manchmal kilometerweit zwischen zerstreuten Gehöften fährt, blieben einem die Gefährdungen über lange Strecken erhalten.
Ich erinnere mich an eine Fahrt nach Warschau. Früh am Morgen ging es los, mit unseren Direktoren und meiner Wenigkeit, im Dienstwagen. Hinter dem Steuer, der den Wagen (einen Wolga) betreuende Fahrer. Nachdem wir aus dem Industriegebiet herausgekommen waren und uns auf einer breiten Straße befanden wurde es im Wagen ruhig, und meine Direktoren machten ein Nickerchen. Womöglich wollte der Fahrer es ihnen gleichtun, denn plötzlich bemerkte ich, daß der Wagen sich kontinuierlich nach links bewegte. Als ich mich von meinem Sitz, rechts hinten, nach vorn beugte sah ich, daß er die Augen geschlossen hatte! Wir überquerten gerade die Mittellinie, als ich ihn an der Schulter berührte und ansprach. Er war sofort da, machte aber eine etwas hektische Lenkkorrektur, welche den Direktor auf dem Vordersitz aus dem Schlummer erweckte: "Was ist los?" war seine etwas verschlafene Frage. "Nichts, ein Schlagloch" war die geistesgegenwärtige Antwort des Fahrers...

Das Ende meines Wirkens in Hindenburg kam mit unserem (Lenis und meinem) Entschluß, es noch einmal zu versuchen, all den Unerquicklichkeiten unseres Lebens in der Heimat aus dem Wege zu gehen, und einen neuen Antrag auf die Ausreise nach Deutschland zu machen. Diesen Entschluß erleichterten meine Erfahrungen aus dem vor kurzem absolvierten Besuch in Deutschland. Den direkten Grund aber bildeten die immerwährende Aufregung um die Realisierung unseres Dialyseprojektes, so die Absage eines zum Druck bestimmten Artikels über diese Probleme in Polen, und sich bemerkbar machende gesundheitliche Schwierigkeiten. So ließen wir uns von meiner Mutter, welche schon in Deutschland war, die notwendigen Unterlagen zuschicken, füllten den obligatorischen Fragebogen aus, und zusammen mit einer Begründung unseres Beschlusses hinterlegten wir das alles - mit entsprechendem Zeit- und Nervenaufwand - in der für Paßangelegenheiten zuständigen Behörde der Kattowitzer Miliz.
Dann warteten wir geduldig, denn das war eine Grundvoraussetzung bei Paßangelegenheiten, auf eine Reaktion der Behörde. Die kam vergleichsweise und überraschend schnell, doch von unerwarteter Seite. Wiktor, mein Vorgesetzter, bat mich zu einem Gespräch: "Du willst also ausreisen? Warum hast Du mir nichts gesagt?" Eine müßige Frage, denn so etwas hing man damals nicht an die große Glocke. Trotzdem blieb sein Verhältnis zu mir neutral, wir konnten uns sogar auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen. "Solange Du hier bist, sind Deine Chancen gleich Null. Du weißt, das ist ein Vorzeigebetrieb, und es gibt hier Betriebsgeheimnisse, die nicht in den Westen gelangen sollten". Hmm, dachte ich und schaute auf ihn. Er nickte, denn wir beide wußten, daß eher eine umgekehrte Prozedur in Frage kam. "Also, wenn ich diese Anfrage für Dich positiv beantworten soll, darfst Du kein Mitarbeiter dieses Betriebes mehr sein, Punkt". Da ich aber nicht entlassen werden wollte (klingt doch irgendwie ehrenrührig), vereinbarte ich mit ihm, daß der Betrieb mir den Vorwand für eine Kündigung meinerseits liefert. So bekam ich am nächsten Tag ein Schreiben, in dem mir mein Anstellungsverhältnis im bisherigen Umfang aufgekündigt wurde. Für mich ein Grund für eine Nichtannahme des neuen Arbeitsverhältnisses, und die ganzheitliche Kündigung. Die nächsten zwei oder drei Wochen regelte ich dann meine offenen Angelegenheiten so gut es ging, und verabschiedete mich von meinen Mitarbeitern bei einer kleinen Feier in einer privaten Wohnung. Einen Teil der, damals erhaltenen Geschenke, habe ich noch heute. In der Zwischenzeit mußte ich mich natürlich auch nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen - aber das ist dann schon die letzte Geschichte über mein Arbeitsleben in Polen.

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Eine besondere Anstellung


Also war ich diesmal dran, mir selbst eine neue Arbeitsstelle zu finden. Denn von irgendetwas mußte man ja leben.
In der Volksrepublik gab es so etwas, wie Arbeitslosigkeit, nicht. Trotzdem war ich in einer schwierigen Situation, denn alle Großbetriebe oder Institute, konnten sich einen Ausreisewilligen nicht leisten. Denn größtenteils deswegen doch habe ich meinen, ansonsten angenehmen, Posten in Hindenburg aufgegeben. Und auch die mühsamen 17 Jahre meines älteren Bruders Hubert, in denen er sich um die Ausreise bemüht hatte, standen vor meinen Augen. Acht- oder zehnmal war er in meiner Situation: alte Stelle nach jedem Antrag auf Ausreise futsch, eine neue war zu finden.

So gab es für mich kein Überlegen als mir Andrzej Bard, mein Freund noch aus der Studienzeit, einen Vorschlag machte. Er hätte mit seinem Bekannten, dem Präses einer Produktionsgenossenschaft für Invaliden, gesprochen. Wir könnten ihm einen Besuch abstatten ...
Es ging flott, noch war mein Angestelltenverhältnis in Hindenburg nicht zu Ende, nahm ich mir paar freie Stunden, und holte Andrzej von seiner Arbeitsstelle ab. Gemeinsam suchten wir meinen späteren Arbeitsplatz, eine im Industriegebiet an der Tosterstraße in Gleiwitz gelegene, kleine Spielzeugfabrik auf. Der gute Mann, gleichzeitig Chef der ganzen Produktionsgenossenschaft, hatte keine Bedenken ob meines Ausreisewillens. Vielmehr war ihm an frischem Gedankengut für die Fabrik gelegen. Weil doch die Verdienstmöglichkeiten in diesem Betrieb sehr moderat waren, fehlte es an qualifizierten Mitarbeitern, besonders im technischen Bereich. Und nicht nur in den oberen Etagen, denn die Verdienststruktur, der Stundenlohn, für verschiedene handwerkliche Berufe war natürlich - wie könnte es in einer Planwirtschaft anders sein - zentral geregelt und sah je nach Wichtigkeit des Betriebes fünf oder sechs Ablohnungen vor. Dieser Betrieb gehörte natürlich zu den unwichtigsten, und so wurden hier Löhne gezahlt, welche ungefähr 30 - 50% unter denen einer Hütte lagen.
So ging auch der Präses, nach einem sehr kurzen Gespräch über meine bisherigen Tätigkeiten, sofort zum Thema Verdienstmöglichkeiten in diesem Betrieb über. Es könnten nur 4500 Zloty sein, und ich wäre dann als Hauptspezialist für Technologie, (bedeutete in diesem Betrieb alles was etwas mit der Technik zu tun hatte), tätig und hätte viele Freiräume für kreatives Walten. Obwohl der Verdienst gerade mal 35% meines bisherigen erreichte, nahm ich dieses Angebot dankend an. Es sollte ja nur eine vorübergehende Lösung sein, von dieser, doch so wackeligen, Hypothese ging ich in jenem Moment aus.
Damals wußte ich nicht, daß es trotzdem Wirklichkeit werden sollte, aber der Glaube war halt stark genug um dieses Experiment zu wagen. Auch wußte ich nicht, daß die ersten Monate meiner Anstellung in der Bundesrepublik komischerweise wieder genau mit diesem Gehalt beginnen sollten, aber diesmal in DM. (Der D-Mark, welche damals in Polen 45 Zloty kostete).
Der Präses selbst hat wohl seine Entscheidung niemals bereut. Konnte ich ihm doch schon in den ersten Tagen seinen Taschenrechner, welcher damals noch viel Geld kostete, reparieren und mein Erscheinungsbild als praktischer Elektroniker festigen. Aber wahrscheinlich war er schon früher davon überzeugt gewesen, denn sonst hätte er mir das teure Ding womöglich nicht anvertraut.

So war ich im Frühjahr 1979 Mitarbeiter eines Betriebes, in welchem weder Fortschritt noch Qualität großgeschrieben wurden, Spielzeuge auf damaligem Niveau eben. Ich brauchte einige Tage um mich da einzuleben und die andern 3 Personen in meinem jetzigen Arbeitszimmer kennenzulernen. Einer davon nannte sich Technologe und war mit den Produktionsabläufen im Betrieb vertraut. Mit ihm schlenderte ich durch die Halle und Nebenräume und sah auf Schritt und Tritt Gegebenheiten, welche nach Verbesserung riefen. Sogar im Bereich der Sicherheit. Der Großteil der dort Beschäftigten waren Behinderte, davon ein Teil wohl auch geistig.
So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auch den ersten Unfall miterlebte. Eine Frau konnte die eigentlich auf zweihändige Bedienung ausgelegte Stanze so manipulieren, daß diese den Arbeitshub ausführte, während der Mittelfinger noch im Gefahrenbereich war. Ein zerschmetterter Finger war die Folge. Ein Notarzt war nicht zu erreichen, und so fuhr ich diese Frau mit einem provisorischem Verband der Hand, ziemlich aufgeregt ins Krankenhaus. Notaufnahme. Aber hier lief plötzlich alles in Zeitlupe. Wir kamen an, ich setzte die Frau ab und versuchte den Arzt zu mobilisieren. Aber davor war eine Krankenschwester: "Ist die Kranke bei Bewußtsein?" "Ja" sagte ich und bekam den prompten Bescheid: "Dann warten sie bitte". Dann gingen dort verschiedene Leute ein und aus, während wir warteten. Ich war besorgt, wegen dem Blutverlust und den Schmerzen und beschwerte mich beim erreichbaren Personal: "Das ist ein Arbeitsunfall, eine Frau!" "Wir haben es hier nicht mit solchen Unfällen zu tun" wurde mir zuteil.
Doch nach 15 oder 20 Minuten klappte es doch. Meine Patientin wurde hineingeholt und kam nach zwanzig Minuten wieder heraus, bandagiert und mit der Nachricht, daß das letzte Glied des Fingers ab ist. Ich wollte sie nach Hause fahren, aber sie wollte zurück in die Arbeit, weil doch dort ihre Sachen waren. So endete für mich der aufregendste Tag in diesem Betrieb wieder am Schreibtisch.

Denn hier versuchte ich all das zu realisieren was mir anbefohlen wurde, oder ich aus eigenem Antrieb noch machen wollte.
So bei einem Versagen der einzigen Spritzgußmaschine. Sie war natürlich ein älteres Stück und hatte ihre Macken. Der Plan war wieder einmal in Gefahr, und vom Hersteller, einer Maschinenfabrik in Zywiec war in absehbarer Zeit keine Hilfe zu erwarten. Der Präses war ratlos und in dieser Situation kam ich ihm wohl wie ein Rettungsengel vor, als ich so nebenbei sagte, daß mein Freund dort den Direktor spielt. "Versuchen sie es doch" bat er und ich tat es. Mit Tadek gesprochen, und am übernächsten Tag hatten wir den Wartungsdienst mit den notwendigen Ersatzteilen im Haus! Ein voller Erfolg also.
Dann war noch die wichtigste, langfristige Aufgabe, welche ich erledigen sollte: Eine Haussprechanlage. Der Betrieb hatte sich ein Projekt dafür erstellen lassen, auf dem damals üblichen Weg. Denn jeder Betrieb hatte einen Fonds für durch Privatpersonen zu realisierende Aufträge. Für diese Personen war es ein Zusatzverdienst (auch ich hatte in der Vergangenheit davon profitiert) und für den Betrieb die einzige gängige Methode zur Realisierung bestimmter Vorhaben. In diesem Falle hätte sich kein Institut oder Projektierungsbüro solch eines Auftrages angenommen, vielleicht im Idealfall in den Plan gestellt.
Jedenfalls war jetzt im Betrieb ein Schaltplan vorhanden, aber nur dieser. Mir fiel die vornehme Aufgabe zu, dieses Projekt produktionsreif zu machen. Da man hier im Betrieb keinerlei Erfahrung mit elektronischem Gerät hatte, durfte ich von Null anfangen. Mit Werkzeugen, Geräten, Material und der Einführung von Mitarbeitern, welche sich später damit befassen sollten. Hier möchte ich nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern zur Illustration die Beschaffungsschwierigkeiten für jegliches Material vor Augen führen. Ein normaler Einkauf der simpelsten Widerstände für dieses Projekt sollte ein Jahr dauern, denn unsere Bedürfnisse waren doch nicht eingeplant, also aus der normalen Produktion nicht zu decken...
Nun, im Betrieb hatten wir einen Einkäufer, für welchen solche Angelegenheiten zum täglichen Brot gehörten. Er hatte da schon seine Methoden erarbeitet, um die nötigen Materialien immer zu beschaffen. Jeweils, wenn es eng wurde und der Produktion der Stillstand drohte, nahm er einen Dienstreiseauftrag für eine Polenrundfahrt, und eine entsprechende Menge unserer Spielwaren in den Kofferraum. Schön verpackten Spielwaren, denn wir hatten doch unsere eigene Druckerei. So machte er auch Station bei OMIG, der einzigen in Polen Produktionsstätte für Widerstände. Und fand dort Menschen, welche in ihrer Familie Kinder hatten und Spielzeuge gebrauchen konnten. So bekam er auch, ganz inoffiziell natürlich, eine halbe Aktentasche der verschiedensten Widerstände als Schüttgut, unsortiert und teilweise noch ohne Aufdruck. Er war zufrieden, ich weniger. Was sollte ich mit ein paar tausend Widerständen, brauchte ich doch für den Prototypen gerade mal 15 Stück? Natürlich mit entsprechenden Nennwerten. Aber auch hier fand sich ein Ausweg: Waren doch im Betrieb immer einige Lehrlinge, welche hier eingespannt werden konnten und die dann in zwei Wochen alle Widerstände durchsortiert hatten!
Ähnlich schwierig, aber noch langwieriger, gestaltete sich die Sache mit den restlichen Komponenten. So auch dem Gehäuse. Wir hatten eins entworfen, nur mußte jemand die Spritzgußform dafür anfertigen. Draußen, denn uns fehlten die Maschinen. Das wurde zur unendlichen Geschichte, jedenfalls für mich. Als ich den Betrieb nach einem knappen Jahr verließ, war sie noch immer nicht fertig.

Die Produktionspalette des Betriebes war ziemlich umfangreich, leider war der größte Teil davon ziemlich primitives Spielzeug, und wegen eher minderwertigen Rohstoffen, auch qualitativ nur sehr durchschnittlich: buntes Blechspielzeug, Kreisel, Schießgewehre mit fliegendem Korken und ähnliches. Eine kleine Wende bahnte sich während meiner Anwesenheit in der Lackierung an, denn elektrostatisches Lackieren mit hochwertigeren Lacken, verbesserte die Oberflächenqualität deutlich.
Auch ich wollte zur Verbesserung der Produktpalette mein Scherflein beitragen und arbeitete an einem elektronischen Baukasten, dessen einzelne Elemente, durch bloßes Zusammenstellen, zu einer funktionierenden Schaltung führen sollten. Die für diesen Baukasten benötigten Kunststoffteile, besser die Form dafür, hatten wir im Hause mit primitiven Maschinen, und einem umsichtigen Werkzeugmacher erstellen, und danach die ersten Elemente anfertigen können. Es sah sehr gut aus, aber dann verließ ich den Betrieb zu früh ...

Noch etwas, fast Kurioses, hätte ich zu berichten. Zu dieser Produktionsgenossenschaft gehörte auch, ich sagte es schon, eine Druckerei, welche teilweise noch mit ganz archaischen Mitteln arbeitete. Also Visitenkarten, Gebrauchsanweisungen und ähnlichen Krimskrams druckte. Irgendwann sollte ich bei einem Stadtgang auch die Anfertigung von einigen paar hundert Materialausgabescheinen für unser Magazin veranlassen. Mit hatte ich ein Muster und die schriftliche Bestellung. Doch in der Druckerei erfuhr ich, daß da noch ein Stempel fehlte: die Erlaubnis des Amtes zur Kontrolle der Presse, der Druckerzeugnisse und öffentlicher Darbietungen! Da niemand in der Druckerei Zeit dafür hatte, machte ich mich noch auf den Weg zum Amt, auf der Unterwallstraße, gegenüber dem Museum. Den Stempel für dieses unverfängliche Papier bekam ich zwar anstandslos, aber diese Zeremonie erweckte in mir die Erinnerung an die vielen Maßnahmen der Volksrepublik, welche jeder Art unkontrollierter Erstellung von Druckerzeugnissen, unhold war. Deswegen die strenge Kontrolle der verbrauchten Matrizen für die altertümlichen Vervielfältigungsmaschinen in den 40ger Jahren, der reglementierte Zugang zu den Schreibmaschinen in Betrieben und deren Wegschließung für die Nacht und und ähnlichen "Sicherheitsmaßnahmen" in anderen Bereichen. - Heute hätten es die Machthaber deutlich schwieriger gehabt ...

Und dann kam der Tag, an dem ich früh morgens dem Präses die für mich größte Neuigkeit, die Ausreisegenehmigung, verkünden und ihn um meine Entlassung bitten konnte. Es gab keinerlei Probleme, ich sollte nur meine offenen Angelegenheiten weiterreichen, und dann den fälligen Urlaub nachholen. Am nächsten oder übernächsten Tag war ich frei, mein Berufsleben in Polen beendet, und ich konnte mich eigenen, neuen Problemen widmen.

Geschrieben im Jahre 2006

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