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Das zweite Arbeitsleben



In diesem Abschnitt möchte ich die Episoden meines anderen, zweiten (Arbeits-)Lebens niederschreiben.  -  Gewöhnlich hat jeder Mensch eine Arbeitsstelle, welche ihm die Existenz, das tägliche Brot gewährleistet. Wenn dem nicht so ist, verpflichtet er sich des öfteren einer zusätzlichen Arbeit. Das mag aus verschiedenen Gründen nicht immer einfach sein, und deswegen möchte ich auch davon teilweise erzählen.
Doch dann gibt es noch solche zusätzliche Arbeiten im Leben, welche dieses Kriterium, das des Zuverdienstes, nicht erfüllen, jedoch trotzdem dem (Arbeits)-Leben zuzurechnen sind.
Und das wäre der andere Teil meiner Geschichten ums Arbeitsleben.


Inhaltsverzeichnis:

   1.  Das leidige Geld - Meine Nebenverdienste
   2.  Die Pumpe - Jeder hat sie - aber manchmal muß sie repariert werden
   3.  Eine andere Pumpe - Die Fortsetzung der medizinischen Laufbahn


Das leidige Geld

Die Bemühungen darum begleiteten mich fast das ganze Arbeitsleben. So kam es, daß öfters auch die Nachmittage herhalten mußten.

Es fing schon im Technikum an. Von meinen Arbeiten in den verschiedenen Gruben rund um Hindenburg will ich hier garnicht reden. Aber zum Ende meiner Lehre in diesem Technikum hatte ich schon Nachhilfeunterricht in Mathematik. Es war ein Schüler, der einzige Sohn einer vermögenden Frau, welcher sich aufs Studium vorbereiten wollte. Sie waren aus der Ukraine eingereist, damals einer Sowjetrepublik. ...Leider waren das aber wohl vergebliche Mühen.

Dann, nach meinem Studium wurde der Nachhilfeunterricht schon ein fester Bestandteil meines Alltags. Töchter und Söhne, gewöhnlich vermögender Eltern, wurden ein bis zwei mal wöchentlich von mir besucht. Manche brauchten den Unterricht jahrelang, andere warfen schon nach kurzer Zeit die Flinte ins Korn. Trotzdem hatte ich immer genügend Schüler, und dann blieben doch ein paar Hundert Zloty monatlich bei mir hängen.
Um beim Lehren zu bleiben: als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, genoß ich das Privileg, während der Arbeitszeit, sechs Stunden pro Woche, in einer Schule unterrichten zu dürfen. Und es gab so eine, unweit meines Arbeitsplatzes. Das resultierte wieder mit einigen Hundert Zloty im Monat. Später noch, als ich schon Mitarbeiter des Polytechnikums war, hatte ich, zusätzlich zu meiner gewöhnlichen Arbeit, Vorlesungen und Übungen daselbst, über einige Jahre hinweg.

Alle Ferien, im Technikum wie auch auf der Hochschule, waren wenigstes teilweise, für eine zusätzliche Anstellung reserviert. Gewöhnlich war es eine schwerere Arbeit. So erinnere ich mich noch zu genau an den kleinen Betrieb zur Herstellung von Holz-Zementplatten. Holzwolle wurde da mit Lauge getränkt und mit Zement vermischt. Das Gemisch kam in schwere Holzformen, und diese wurden dann gestapelt. Dabei mußte man die Formen mit nackten Händen bewegen. Ich hatte nach einer Woche die Fingerspitzen blutig, und verband sie jeden Tag früh von neuem.
Außerdem waren noch die Lieferungen von Zement für die Produktion. Unregelmäßig, so daß man auch Sonntags den Waggon entladen mußte. Das wurde zwar extra bezahlt, war aber eine Knochenarbeit. Die 50 kg Säcke erst auf den Lkw schleppen, dann vom Lkw ins Lager. Bei dieser Arbeit hatte man zur Abwechslung die Unterarme aufgerieben - mit dem Gemisch von Schweiß und Zement.
Es gab noch viele andere Arbeiten. Am Bau beim mauern helfen, oder eine Mauer abtragen. Den Lkw, (damals keine Kippautomatik) mit Sand beladen und entladen. Überhaupt Material bewegen: Koks oder Kohle, Sand oder Steine. Und daß meistens im heißen Sommer. Da war die Arbeit unter Tage manchmal besser. Man wußte schon wo es lang geht, oder wo man sich bewirbt.

In Polen gab es zu jener Zeit einen Fonds der Spezialmittel, polnisch Fundusz Srodkow Specjalnych, also eine Geldquelle, welche für bestimmte, auf anderem Weg nicht erhältliche Dienste oder Geräte, ausgelegt war. Natürlich war auch ich mit von der Partie, und bekam da in den sechziger und siebziger Jahren einen Batzen Geld dafür. Ich baute mit, an einem Gerät zur induktiven Erwärmung von Gußstücken, und anderen Arbeiten, welche nicht so im Gedächtnis blieben. Manchmal war man auch bloß stiller Teilnehmer einer Arbeit. Weil man vorher, eine bestimmte Person, ebenso an der eigenen Arbeit teilnehmen ließ.  -   Ja doch, ich erinnere mich an eine Serie von Amperemetern, kleinen Geräten mit einer nichtlinearen Anzeige, welche berührungslos arbeiteten. Damals für eine NE-Hütte.
Ja, und die Haupteinnahmequellen blieben die zusätzlichen Teilzeitarbeiten. Manchmal kosteten sie viel Arbeit, aber gewöhnlich weniger. Nominal betrug die Arbeit vier Stunden, aber bei meinen Arbeiten brauchte ich die Zeit nicht abzusitzen. So hatte ich über die Jahre hinweg fast immer eine Teilzeitarbeit, zwar schlechter bezahlt, aber im Endeffekt immer wenigstes 25% meiner festen Anstellung.

 2010

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Die Pumpe


Das Leben schreibt Geschichten, sagt man. Manchmal sind es auch außergewöhnliche. Trotzdem behaupte ich, daß ein Großteil dieser Geschichten nur die logische Konsequenz vorhergegangener Ereignisse ist. So war es auch in meinem Fall, als ich im fünften Jahr meiner Anstellung im Institut für Nichteisenmetalle den Anruf eines ehemaligen (älteren) Mitarbeiters, der bestimmte Episoden aus meinem bisherigen Arbeitsleben kannte, nämlich den von Andrzej Zembala, bekam: "Hallo, Herr Mosler, könnten sie eine Halbtagsanstellung, nachmittags, gebrauchen?" Natürlich ja, war erwartungsgemäß meine Antwort. Wer brauchte Mitte der sechziger Jahre in Polen kein Geld?
Also fand ich mich in den nächsten Tagen beim Leiter der Versuchsanstalt für Elektronik und Feinmechanik der Politechnika Slaska zu einem Vorstellungsgespräch wieder. Herr Josef Wajchenig, ein gewiefter Fachmann in Technik und Menschenkenntnis unterhielt sich längere Zeit mit mir. Dann stellte er mir eine Aufgabe, nämlich den Entwurf und den Bau eines Prototyps einer automatischen Widerstandsmeßbrücke vor. Ich sagte zu, bekam einige Tage später eine Anstellungsurkunde, und wurde seit diesem Zeitpunkt in den Nachmittagsstunden ein (fast) ständiger Gast im Betrieb. Gewöhnlich war ich da allein, denn der Produktionsbetrieb lief nur in einer Schicht. Ich konnte also nach Bedarf werkeln und meine Vision nahm bald Gestalt an: Auf den Montageplatten bald viele Hunderte von Bauelementen und unübersehbar die vielen (damals grünen) Transistoren. Das brachte dem Projekt den Namen "Gärtchen" ein - das dann irgendwann, nach drei oder vier Monaten vorgestellt werden konnte. Einige Leute kamen zur Begutachtung dieser Arbeitsetappe: die Funktionstüchtigkeit dieses Teiles der Arbeit wurde festgestellt und alle hätten einfach zufrieden sein können. Aber ein anderer Beschluß kam zum Tragen: Wegen der ausschließlichen Verwendung von diskreten Bauelementen (damals waren in Polen nur solche allgemein zugänglich) zeichnete sich eine so große Kubatur des Gerätes ab, daß die Realisation auf Eis gelegt wurde.

Im Anschluß an diese Vorführung nahm mich Josef Wajchenig noch zu einem Gespräch zu sich. Und hier erkannte ich dann, obwohl es unausgesprochen blieb, den wahren Grund meiner Anstellung. "Und möchten Sie vielleicht nicht auch ganztags bei uns arbeiten? Als Leiter der Elektronikabteilung? Aber das sowieso eher nur nominell, wir haben da einen guten Meister. Wissen Sie, hier gibt es eine andere Arbeit. ...?
Um es kurz zu machen: Das Angebot, mit Nebenpförtchen, war verlockend. Nicht mehr Beuthen, mit mehr und mehr zur Bürokratie auswuchernder Arbeit, sondern Gleiwitz. Wieder in meiner Heimatstadt, im Betrieb einer Hochschule zu arbeiten, das war schon verlockend. Aber das Wichtigste: an einer fast konspirativen, aber sehr humanitären Sache mitwirken zu können, war das Ausschlaggebende. Hier im Betrieb hatten sich einige Leute zusammengefunden um, entgegen der Planwirtschaftslogik, etwas auf die Beine zu stellen. Unkompliziert, unabhängig von Instituten, Industrievereinigungen, Ministerien und ganz entscheidend von Parteifunktionären und dem eigenen Senat. Einfach so, nebenbei, mit den geistigen Kräften der Initiatoren und ...hier muß es gesagt werden, dem Produktions- und Materialpotential, welches die Versuchsanstalt aufzuweisen hatte. Josef Wajchenig, Andrzej Zembala, bei Bedarf auch andere Personen aus dem Betrieb, gaben sich des öfteren in den Nachmittagsstunden ein Stelldichein Dabei war manchmal auch Zygmunt Antoszewski, von der Abteilung Herzchirurgie der Medizinischen Hochschule (Akademia Medyczna) in Hindenburg (Zabrze), eine Ausnahme unter den Ärzten, weil mit gutem, technischen Verständnis ausgestattet. (Nach dem Ende der Volksrepublik holte er sich noch seinen, ihm zustehenden, Adelstitel zurück).
Also diese Menschen, ich war jetzt auch dabei, hatten es sich in den Kopf gesetzt, eine Herz-Lungen-Maschine in Polen zu bauen. Um den Ärzten ein weiteres Werkzeug für effektive Operationen am offenen Herzen in die Hand zu geben. Im Westen gab es zu jener Zeit schon verschiedene Produkte, nur waren die für die Herzchirurgiezentren in Polen unerschwinglich. Mit Ausnahmen natürlich, wie im Leben überhaupt, gab es die auch hier: In Warschau arbeitete der eine oder andere Apparat...
Nun, wir waren in Gleiwitz, in Schlesien, einer Region die von Warschau eher stiefmütterlich behandelt wurde und deswegen öfters auch gern ihre Stärken zum Ausdruck brachte. In diesem Fall sollte es die Herz-Lungen-Maschine werden. Irgendwann später, wohl über ein Jahr nach den Anfängen, wurde sie es auch.
Aber bis dahin gab es viel Arbeit. Hauptsächlich war es die Materialbeschaffung. Im Vergleich dazu erschienen Organisations- oder Konstruktionsprobleme als die kleinere Schwierigkeit. Jedenfalls wurden die Angelegenheiten so gehandhabt, daß Teile mit medizinischem Profil über die Klinik - im Rahmen ihrer Versorgungsmöglichkeiten - beschafft wurden, während Mechanik-, Elektronik- und Elektroteile in den Aufgabenbereich der Hochschule fielen. Ich sprach von den Konstruktionsproblemen als dem kleineren Übel. Das mag so nicht ganz stimmen, aber weil sich damit unser gutes Konstruktionsbüro (hier Rudolf Wojnar mit seiner rechten Hand: Günter Voelkel) befaßte, hatte ich damit keine Probleme, und konnte mich mit den anderen Dingen befassen. Also z.B. eben mit der Materialversorgung im elektrischen und elektronischen Bereich, den Anpassungsmöglichkeiten zufälliger, auf dem Markt befindlicher, Teile.
Und, es ist fast müßig zu sagen, daß ein Großteil der Besorgungen nicht ganz legal zustande kam. Denn jeder der Beteiligten hatte irgendwo, in irgendeinem Betrieb, irgendeinen Bekannten aus der Schul- oder Studienzeit, der unseren, in seinem Bereich liegenden Bedürfnissen, gern entgegenkam. Das war in Polen so üblich.

So kam auch der Sommertag, an dem nach vielen, vielen internen Proben die Maschine verladen wurde um nach Cosel geschafft zu werden. (Hier ein späteres Modell.) Da gab es eine Tierversuchsanstalt der Medizinischen Hochschule, und da sollte die Technik, aber auch die Ärzte, einer Feuertaufe unterzogen werden. Das Versuchsobjekt waren zwei Kälber, an denen Prof. Paliwoda sein Können demonstrierte. Von unserem Betrieb war J. Wajchenig und R. Wojnar dabei, und sie gewannen, ganz nebenbei gesagt, einen sehr positiven Eindruck von unserem Apparat(!) - wie auch der Fingerfertigkeit des Operateurs. Viele Einzelheiten erfuhren wir danach von ihnen und, wie sollte es anders sein, auch Verbesserungsmöglichkeiten, die die Praxis aufgezeigt hatte.

Aber noch jemand erfuhr, zwar nicht die Einzelheiten, aber von dem ganzen Projekt. Nämlich der Rektor der Hochschule. Es gab zwar keinen Krach wegen der Eigenbrödelei eines Hochschulbetriebes, aber die strikte Anweisung: "Das Gerät wird zurückgeholt, und dem Rektor der Medizinischen Hochschule feierlich überwiesen". ...Im Rahmen der Zusammenarbeit u.s.w. -  Publikumswirksam!
Damit war unsere Arbeit natürlich nicht zu Ende, nur fand sie jetzt schon im Glanz der offiziellen Zusammenarbeit statt. So dauerte es nicht mehr lange, bis ein weiterer Prototyp auf die Beine gestellt wurde um, nach internen Prüfungen, bei der ersten Operation im Klinikum Hindenburg eingesetzt zu werden. Um dabei eventuellen Problemen beim Zusammenbau, nach der Sterilisation und während des Betriebes, aus dem Weg zu gehen, wurde mein Kollege, Rudolf Wojnar (ein guter Konstrukteur) beauftragt, diesen Tag mit unserer Maschine im Klinikum zu verbringen. Die Maschine bestand ihren Test, Rudek (wie wir ihn nannten) weniger. Er kippte im Laufe der Operation einfach um.
Es ist halt nicht jedermanns Sache den Geruch und die visuellen Eindrücke des Operationssaales zu verkraften. Auch ich habe mir das nicht zugetraut...

Trotzdem: Jemand muß es doch tun - und so war ich bei der nächsten Operation als technische Assistenz dabei. Damit fing eigentlich auch meine wirkliche "medizinische Laufbahn" an. Es sollte eine längere, mein ganzes, weiteres Berufsleben bestimmende, werden. Die erste Operation, von den Vorbereitungen der Herz-Lungen-Maschine über die Operation selbst bis zu den abschließenden Besprechungen, habe ich noch heute vor Augen.
Die Vorbereitungen, zusammen mit Dr. Antoszewski, verliefen routinemäßig in einem kleinen Raum neben dem Operationssaal. Dann schoben wir die aufgerüstete, teilweise befüllte Maschine zum Operationstisch, auf dem schon die Kranke weitestgehend vorbereitet lag. Nach einigen kurzen Vereinbarungen und dem Austausch von Bemerkungen zum Operationsverlauf, gab Prof. Paliwoda das Signal zur weiteren Arbeit. Hier, beim Öffnen des Brustkorbes, hatte ich dann mein einziges, persönliches Tief: aber zum Glück dauerte es nur kurz und wurde von niemandem bemerkt. Das angelehnte Fenster und paar tiefe Atemzüge halfen mir zurück. Ich konnte aktiv beim weiteren Verlauf der Operation mitmachen, d.h. die Maschine überwachen, und nebenbei auch die Abläufe im Operationsfeld verfolgen.
Da noch nicht alle Handgriffe reibungslos abliefen, dauerte die Operation etwas länger als geplant, und alle waren glücklich, als der Professor die Vorgänge zur Abklemmung der Maschine einleiten konnte. Und irgendwann war es soweit: Die Herz-Lungen-Maschine stand still, wir machten unsere Flüssigkeitsbilanz, und als die Ärzte schon den Brustkorb schlossen, schoben wir unsere Maschine zum Abrüsten in den Nebenraum. Dann das schon routinemäßige Zerlegen aller mit dem Blut in Berührung kommenden Teile für die spätere Sterilisation, das Waschen der ganzen Maschine, (hier mußte das Personal für zukünftige Arbeiten eingewiesen werden), und dann ging es zur Besprechung zum Professor.
Diese Sitzungen nach den ersten Operationen waren immer ziemlich umfangreich, und von vielen, auch unmöglichen Ideen durchsetzt. Ich mußte dann des öfteren die Mediziner auf den Boden unserer damaligen Realität zurückholen.

Doch noch kurz zu meiner ersten Operation: Am zweiten oder dritten Tag nach der Operation, als ich einen Kurzbesuch in der Klinik absolvierte, griff mich der Professor auf und führte mich zu der Patientin: "Frau Soundso, das ist Herr Mosler, der während der Operation die Maschine bediente" übertrieb er leicht meine Verdienste. Die Patientin lag halbsitzend in ihrem Bett, und hatte ein glückliches Lächeln im Gesicht. Sie bedankte sich sofort für die Hilfe, und schilderte eifrig ihren Zustand: "Ja, ich kann jetzt schon allein aufstehen, ich kann gehen - das konnte ich vorher nicht", war ihre Hauptaussage und: "horchen sie mal wie es klick-klick macht" animierte sie mich zum Abhorchen der ihr eingepflanzten Herzklappe. Man hörte es wirklich, und diese ganze Szene wurde eins der Schlüsselerlebnisse in meiner "medizinischen Laufbahn".

Meine Kontakte mit der Klinik wurden jetzt immer enger, jedenfalls war ich bei den vielen Operationen in den nächsten Monaten und Jahren immer wieder dabei. Zwangsläufig bauten sich Bindungen auf, und ich wurde für viele Ärzte ein Anlaufspunkt für ihre technischen Probleme. Ob es nun Diagnosen bei Disfunktionen verschiedener Apparatur waren, oder sie irgendwelche Ideen realisiert wissen wollten. Das Letztere war gewöhnlich schwieriger, denn ich kam zwar aus der Technik, aus einem Betrieb mit vielen Möglichkeiten - trotzdem konnte ich nicht alles tun. Ja, und ein für mich schmeichelhafter Satz wurde zum geflügelten Wort: Ich war der beste Mediziner unter den Technikern und der beste Elektroniker unter den Ärzten.
So etwas verpflichtet und viele Anregungen, die Maschine selbst, aber auch andere Geräte betreffend, konnten umgesetzt werden. Es war ein immerwährendes Hinundher zwischen Medizin und Technik. Zu dieser Zeit enstand z.B. ein kleines batteriebetriebenes Gerät, welches ungewollte Herzaktivitäten während schwieriger Manipulationen am offenen Herzen unterband. Ich bediente es dann direkt am Operationstisch, sozusagen als Mitglied der Operationsmannschaft.
Oder ein tragbarer Defibrillator. Mit viel Aufwand (Selektion von auf dem polnischen Markt erhältlichen Bauteilen) und noch mehr positivem Denken, habe ich eine handliche und praktische Konstruktion geschaffen, die in der Klinik sehr gut beurteilt wurde. Ein für jene Zeiten, in den Verhältnissen der VR Polen fast revolutionäres Gerät, da tragbar und vor Ort nach wenigen Sekunden betriebsbereit. Damals, Ende der sechziger Jahre gab es in der Klinik nur ein einziges, fahrbares Gerät, welches wegen der mehreren Stockwerke in der Klinik nur mit Umständen und von zwei Personen, zum Einsatzort gebracht werden konnte. Mein Defibrillator, gebaut mit den Mitteln der Hochschule, (doch ohne ihr Wissen), bestand seinen Einsatz so gut, daß er nach ungefähr einem Jahr, als die Herzchirurgie aus der allgemeinen Chirurgie der Klinik ausgegliedert, und eine selbstständige Klinik in einem anderen Gebäude wurde, sich zum Stein des Anstoßes mauserte: Der Chef verweigerte dem Prof. Paliwoda die Mitnahme des Gerätes weil es doch Eigentum seiner Klinik sei. Doch dieser Zwist ließ sich dann noch klären, und das Gerät war über die Jahre, die ich überblicken konnte, im steten Einsatz.

Die Erfolge bei den jetzt schon routinemäßigen Eingriffen am offenen Herzen, welche die Maschine ermöglichte, ließen Prof. Paliwoda versuchen, eine noch andere Idee zu verwirklichen. Bei den durch die Hepatitis befallenen Kranken ist das verseuchte Blut, (welches vom Körper nicht mehr regeneriert werden kann), letztendlich für das Hinsiechen und den späteren Tod verantwortlich. Wenn man also dieses Blut mit einem Schlag austauschen könnte ...?
So kam es, daß wir den ersten Prototyp der Maschine in die Klinik für ansteckende Krankheiten in Beuthen brachten und dort die Komplettransfusion für einen, von den Ärzten schon aufgegebenen, Kranken vorbereiteten. Es mußte schnell und stabsplanmäßig gehen. Vorbereitet wurden acht oder zehn Liter Blut, und ähnlich viel physiologische Salzlösung, Behälter für die verseuchten Flüssigkeiten und die Uhr. Der Kreislauf des Patienten wurde in fast gewohnter Weise angezapft, und über einen Wärmeaustauscher wurde die Temperatur des Kranken heruntergefahren. Damit bekam man ein größeres Zeitfenster für den Bluttausch, in dem das Gehirn nicht normal mit Sauerstoff versorgt werden konnte. Dann wurde die Uhr in Gang gesetzt, und der Kreislauf durch die Maschine geöffnet: Das Blut wurde in die Abfallgefäße geleitet, in den Körper wurde die, auch vorgekühlte, Salzlösung gepumpt. Bei Halbzeit ging es mit Blut weiter; in der Endphase noch eine möglichst genaue Bilanz für entnommene und verabreichte Flüssigkeiten, eine letzte Dosierung des Restblutes, und dann: Maschine stop! Für die Bedienung der Maschine war die Operation zu Ende, der Chirurg arbeitete noch, bis auch er den Patienten dem Pflegepersonal überlassen konnte.
Der Einsatz in den Verhältnissen eines Krankenhauses für ansteckende Krankheiten brachte naturgemäß mehr Belastungen mit, als die normalen Operationen. Bei der Vorbereitung zur Operation, während und auch nach ihr, versuchte man natürlich die Sterilisationsvorschriften besonders gut zu beachten. Denn hier ging es nicht nur um den Kranken, sondern auch um die Gesunden rund herum. Und beim Hantieren im Operationsbereich oder der Pumpe, beim Öffnen des Kreislaufes und Befüllen der Meßbehälter, konnte es sehr leicht zu einem ungewollten Kontakt mit dem verseuchten Blut kommen. Deswegen gab es bei der Operationsmannschaft immer größere Vorbehalte für eine Mitarbeit bei diesen Operationen. So kam es auch bei der dritten Operation so weit, daß ich die Maschine selbst aufrüsten und während der Operation bedienen mußte; der zuständige Anästhesist hatte abgesagt. Ich fühlte mich sehr gefordert, habe aber diese Prüfung schon gut bestanden.
Eine andere Ursache gebot dann diesen Operationen den Einhalt: Die Assistentin von Prof. Paliwoda erkrankte an Hepatitis.
Für mich persönlich lieferte dieses Experiment, neben den Bedenken um die eigene Gesundheit und dem Kräfteaufwand, später aber auch ein weiteres, motivierendes Erlebnis: Ich sprach mit dem ersten der behandelten Patienten, einem Bergmann, während seines Rekonvaleszensaufenthaltes in einem normalen Krankenhaus!

Während dieser Zeit des schon routinemäßigen Gebrauchs der Herz-Lungen-Maschine in Hindenburg, lief im Betrieb die Herstellung einer kurzen Serie dieser Apparate. Auch andere Zentren der Herzchirurgie in Polen waren an diesem Gerät interessiert. Weil doch Importe von Herz-Lungenmaschinen kaum in Frage kamen. Jede Auslieferung einer Maschine bedeutete für mich auch eine Dienstreise, zur Einweisung. So lernte ich u.a. die Kliniken in Krakau, Bialystok, Warschau und Lodz kennen und konnte dort auch neue Erkenntnisse sammeln. Denn diese Zentren hatten teilweise schon importierte Apparate (für Warschau eigentlich selbstverständlich) was einen interessanten Vergleich ermöglichte.
Es waren lehrreiche Jahre, die Jahre der Entwicklung und Einführung dieses neuen Gerätes.

Und fast hätte ich es vergessen: Es gab auch eine Ehrung (aber nur eine einzige) für die Leute, die dieses Projekt durchgezogen haben! Die "Trybuna Robotnicza", die größte und (fast) einzige Zeitung, das "Amtsblatt" der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei in Oberschlesien lobte damals einen jährlichen Preis, für uneigennützig tätig gewordene Menschen aus. Wir waren die ersten "Laureaten" dieses Preises - das Ehrendiplom bewahre ich noch heute auf.

Eine kleine nachträgliche Bemerkung:
   Heute (2010), 4 Jahre nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, kam im polnischen Teil meiner Erinnerungen eine ausführliche Beschreibung der Herz-Lungenmaschine (Plucoserce) hinzu.


Und noch eine:   Heute gibt es in der Wikipedia auch weiteres über Herz-Lungenmaschinen in deutscher Sprache zu lesen.

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Noch eine, aber etwas andere Pumpe


Ja, die Arbeiten bei der Herz-Lungenmaschine, der Herstellung weiterer Exemplare lief fast schon von allein. Ich hatte zwar noch "Verpflichtungen" in der Klinik, aber das war auch schon Routine. Deswegen kam es wie von selbst: Sollten wir nicht noch etwas Ähnliches in Angriff nehmen?
Die Antwort war in der damaligen Atmosphäre, bei den schon "abhängigen" Menschen des ersten Projektes, voraussehbar: ja wir sollten! Und es gab auch eine wirklich ernste Aufgabe. Die Ausstattung der polnischen Krankenhäuser mit Dialysegeräten zur Blutwäsche bei Nierenversagen war miserabel, teilweise gab es sie überhaupt nicht. Und eine Besserung, wegen bekannter Devisenknappheit, war nicht zu erkennen. Deswegen erschien der Vorschlag, zum Bau einer polnischen "künstlichen Niere", auf der Basis von in Polen erhältlichen Rohstoffen, ein guter Ansatz. Und er wurde von Prof. Franziszek Kokot, dem Leiter der Nierenklinik in Kattowitz, sehr unterstützt.
Also kam es Anfang der siebziger Jahre zur Gründung eines ehrenamtlich arbeitenden Kollektivs, welches diesmal, schon in der Aura eines von der Hochschule geförderten Projektes, die Bearbeitung eines Dialysegerätes zur Aufgabe hatte. Die Mannschaft wurde, wie sollte es schon bei einem offiziellen Projekt der Hochschule anders sein, um zwei prestigeträchtige Mitglieder: Prof. Henryk Kowalowski und Dr. Alexander Kwiecinski, erweitert. Damit es nicht zu einseitig wurde, kam noch ein guter Mann mit vielen praktischen Erfahrungen aus dem Handwerk, Ludwig Witruk, und ein als Hilfskraft mißbrauchter Mitarbeiter des Professors, hinzu. Wir waren jetzt also eine Siebenermannschaft.
Unsere wöchentlichen, nachmittaglichen Zusammenkünfte, dienten anfänglich vor allem der Konkretisierung von Visionen und Festlegung einer Vorgehensweise. Erstrebenswertes wurde den Realitäten gegenübergestellt. So konkretisierte sich langsam die Gestalt eines halbautomatischen Dialysegerätes, bei dem die Zubereitung der Flüssigkeit vor jeder Dialyse von Hand ausgeführt werden mußte. Die im Westen schon bekannten, vollautomatischen Geräte konnten für uns, wegen fehlendem Rückhalt in der polnischen Elektronikindustrie, leider kein Vorbild sein.
Wöchentlich also gab es viele Gespräche, des öfteren Meinungsverschiedenheiten. Die Hauptsache aber blieb nicht die Realisierung dieser oder jener konkreten Idee, sondern die Beschaffung des dafür notwendigen Materials. Beschaffung in der Planwirtschaft bedeutete Bestellen, dann Zuteilung und Auslieferung abwarten. Bei der normalen Handhabung bedeutete das wenigstens ein Jahr Wartezeit - es sei denn, man bekam es überhaupt nicht. Also blieb als normale Vorgehensweise nur die Durchforstung eigener Lager, oder auch der von bekannten/verwandten Firmen. Wobei bekannt/verwandt eigentlich bedeutete, daß man unter den Verantwortlichen dieser Firma eben einen solchen hatte.
Die letzte Möglichkeit bestand im "Organisieren". Ob man nun einen Spezialkleber, einen Widerstand, oder eine Stange bestimmten Kunststoffes brauchte, war fast egal. Wenn man die Firma kannte, in der diese Sachen hergestellt oder verarbeitet wurden, war die Angelegenheit fast erledigt. Eine Dienstreise mit einem Handköfferchen, einige Gespräche, gewöhnlich in den Entwicklungsabteilungen, und man bekam das Benötigte ins Handköfferchen. Manchmal traf man noch auf Menschen, die einem geschickt durch die Pförtnerloge halfen...
So wie im Fall der zwei Bogen Nirosta-Bleche. Die wurden in der Hütte Baildon hergestellt. Aber kaufen konnte man sie nicht. Die Produktion war halt schon vergeben, vorzugsweise für den Export. Ein oder zwei Jahre konnten wir unmöglich warten, denn dann hätten wir wahrscheinlich eine Zuteilung bekommen. Aber es gab diesen speziellen Weg: Eins unserer prominenten Mannschaftsmitglieder, kannte den Direktor der Hütte: "Mit dem haben wir doch studiert!". - Also ein Telefongespräch, dann die Erlaubnis mit dem Privatwagen in die Hütte zu fahren, dort die Blechrolle diskret im Kofferraum verstauen, und mit dem Direktor zum Tor hinaus. Ganz einfach also.
Fast alles, was man für das zu entwickelnde Gerät brauchte, mußte im Betrieb angefertigt werden. Gut, daß man auf diesen oder jenen fertigen (wenn auch nicht optimalen für den Zweck) Elektromotor zugreifen konnte. Die dazugehörigen Pumpen mußten wir schon selbst konstruieren und fertigen. Da kamen viele Probleme auf uns zu. Wie beim Flüssigkeitsbehälter, dem Schlauchsystem, der Erwärmung, den Überwachungssystemen für Temperatur und Hämatokrit, den Sterilitätsmerkmalen usw. usw. Gut, daß wir für den Großteil der Probleme unseren "im Kampf erprobten" Rudek hatten, den Konstruktionschef Rudolf Wojnar mit seinem gewieften Günter Voelkel.

Doch alles war dann doch geschafft, und eines Tages befand sich der Prototyp in der Klinik in Kattowitz und mußte seine erste Probe bestehen. Er bestand sie, wenn auch im Laufe der Tage, in denen das Gerät zum Einsatz kam, dieses oder jenes als verbesserungswürdig eingestuft wurde. Trotzdem blieb das positive Gesamturteil!

Ende also? Der Arbeiten um den Prototyp: ja! Dafür aber der Anfang der Bemühungen um die Arbeit zur Serienreife. Denn das sollte (und mußte) schon in einem Produktionsbetrieb stattfinden. Hier ging es um Stückzahlen, die größer als zwei oder fünf waren.
In diese Zeit fiel meine Versetzung ins verhältnismäßig junge Zentrum für Medizintechnik in Hindenburg (Zabrze). Und gerade diesem Zentrum, (mit einer großen Entwicklungsabteilung nebst einem Produktionsbetrieb), wurde die Aufgabe zuteil, den Prototyp serienreif zu machen, und eine Probeserie von 25 Apparaten zu erstellen.

So jedenfalls sah es die Theorie der schlesischen "Mächtigen" in dieser Angelegenheit: der Politechnika Śląska, der Śląska Akademia Medyczna und des Parteikomitees in Kattowitz - nun, vielleicht in umgekehrter Reihenfolge. In der Praxis hatte dann noch die Industrievereinigung "Omel" in Warschau einiges zu sagen.
Da war an erster Stelle der Interessenkonflikt. Es stellte sich nämlich heraus, daß im industrievereinigungseigenem Entwicklungszentrum in Łódz seit Jahren eine Arbeit läuft, die das zum Ziele hatte, was in Schlesien so nebenbei erstellt, und klinisch erprobt wurde. Während die umständliche Konstruktion in Łódz noch nicht einmal für interne Proben bereitstand...
Also erst einmal alles in Schlesien bremsen, schien deren Hauptdevise zu sein. Dafür wurden alle möglichen Paragraphen und Bedingungen bemüht, schon mal abgesehen von den Schikanen rund um die minimalen Devisenbeträge, die auch wir für die Produktion brauchten. Denn in Hindenburg lief die ganze Angelegenheit von Anfang stabsplanmäßig an. Ich hatte alle Fäden in der Hand, zusammen mit einer jungen Mannschaft, aus Ingenieuren und Technikern, wurde mit Hochdruck an vielen Stellen gleichzeitig gearbeitet, technisch und organisatorisch.
Wir wollten zuerst drei seriennahe Prototypen erstellen, die unabhängig voneinander in Kliniken, und einem zentralen Zulassungslabor des Gesundheitsministeriums, geprüft werden konnten. Doch bevor dieses Ziel erreicht war, gab es jeden Tag neue Schwierigkeiten und Probleme. Für alle Materialien, die mit der Dialyseflüssigkeit in Berührung kamen, mußten Unbedenklichkeitsbescheinigungen eingeholt werden. Entsprechende Prüfinstitute sahen sich, meiner Einschätzung nach, des öfteren überfordert. Sei es nun von der technischen Seite, aber öfters noch von meinen Terminvorstellungen, die ich mit allen Mitteln durchzusetzen versuchte. Es war für mich eine Zeit der Wanderungen durch Polen. Material, Technologien, Prüfungen, all das versuchte ich direkt zu erledigen, um die gesetzten Termine einhalten zu können.
Wir versuchten z.B. den Einsatz von elektrisch leitfähig gemachtem Glas, zur Erwärmung der Dialyseflüssigkeit, produktionsreif zu machen. Wir mußten die vielen kleinen Dinge beheben, welche die Säuberung, Sterilisation und Bedienung des Gerätes schwieriger als notwendig gestalteten. Wir hatten eine Unmenge Arbeit mit den sicherheitsrelevanten, elektrischen Aspekten des Apparates: Er mußte die Bedingungen für eine Apparatur zur Arbeit am offenen Herzen erfüllen. Wir kamen gut voran und bald konnten wir den ersten Apparat im COTM, dem Zentralen Prüflabor für Medizintechnik vorstellen. Außer Kleinigkeiten, gab es keine Beanstandungen, und die Prototypen wurden offiziell zur Erprobung in Kliniken freigegeben.
Um es kurz zu sagen: Dort wo ein wirklicher Mangel an Dialyseapparatur herrschte, wurden die Geräte sehr positiv bewertet. In Warschau, wo auch schon mit vollautomatischen, importierten Geräten gearbeitet wurde, gab es mehr Beanstandungen. Sie betrafen den Mehraufwand an Arbeit, bei der Säuberung und Befüllung des Gerätes, wie auch die eingeschränkten Überwachungsfunktionen, welche dadurch eine öftere Anwesenheit des Pflegepersonals bei dem Dialysevorgang erforderten. Eigentlich kein Problem, trotzdem war es Wasser auf die Mühlen derer, die gern ein Scheitern des schlesischen Projektes gesehen hätten.
Zu jener Zeit brauchte ich, und hatte es zum Glück auch: ein motivierendes Erlebnis, welches mir weiterhin den vollen Einsatz für dieses Projekt ermöglichte. Ich hatte mit Prof. Kokot in Kattowitz ein Gespräch vereinbart, und befand mich im Vorzimmer seines Büros. Ich mußte einige Minuten warten, bis aus seinem Zimmer ein Mann kam, ein Bergmann dem Aussehen nach. Ich ging hinein, und der Professor wies mir stumm den Sessel an. So saßen wir eine kurze Zeit bis er sich aufraffte, und mit dem Kopf zur Tür zeigend sagte: "Jetzt habe ich wieder ein Todesurteil unterschrieben". Ich war geschockt und verstand nicht so richtig. Worauf der Professor sagte: "Der Mann brauchte eine regelmäßige Dialyse, aber wir sind überbelegt und können ihn nicht annehmen. Wohin soll er gehen?". Und später: "Macht was, beeilt euch".
Deswegen vertrat ich auch im Betrieb weiterhin energisch die weiteren Arbeiten an der ersten Serie, bestehend aus 25 Apparaten, die dann, fast fertig, nur der Ergänzung mit einigen importierten elektronischen Bauteilen warteten.

Um diese Bauteile, besser um die Devisen für ihren Kauf, einer Kleckersumme von wenigen Prozent der Kosten eines einzigen importierten Gerätes ging es, als ich im Jahre 1977 zum ersten Mal die Erlaubnis zu einer Besuchsreise in den Westen bekam. Ich war zerrissen: hier meine Bemühungen um den Apparat und die Devisen im Gesundheitsministerium, in unserer Industrievereinigung, dort die Möglichkeit zu meinem ersten Deutschlandsbesuch.  -  Doch dann, als ich die Devisenangelegenheit auf gutem Wege meinte, nahm ich meinen Urlaub, und ausgestattet mit den besten Wünschen meiner Mitarbeiter (wovon manche ganz wörtlich zu nehmen waren), stürzte ich mich in dieses Abenteuer.
An dieser Stelle möchte ich nur die Gegebenheiten schildern, die mit unserem Projekt in Verbindung stehen. Meine Deutschlandsreise war zwar ganz privat, trotzdem haben mich meine dienstlichen Probleme nie ganz losgelassen. Aus der Literatur (damals gab es noch keine PCs, kein Internetz und auch die gedruckten Informationsmöglichkeiten waren in Polen deutlich spärlicher) kannte ich das Nephrologische Klinikum der Technischen Hochschule in Aachen, wie auch dessen Leiter, Prof. Dr. med. Robert Heinz. Ein aus Brauweiler an ihn gerichteter Brief, verschaffte mir unverhofft schnell eine Einladung zu einem ganztägigen Besuch des Klinikums. Da gab es erst ein interessantes, längeres Gespräch mit dem Professor selbst, welcher sich bei dieser Gelegenheit auch über den Stand der Dialysetherapie in Polen informierte. Später entschuldigte er sich dafür, daß ich den Rest des Tages unter der Obhut des Ober(?)- oder Dialysearztes verbringen müsse. Aber das war mir gerade recht, konnte ich doch von ihm viele, mich interessierende, Einzelheiten erfahren. Und nebenbei eine ausgiebige Besichtigung des Dialysezentrums, und der dort vorhandenen Apparatur absolvieren. Ich machte große Augen, nicht nur der hier so alltäglichen Technik, auf einem ganz anderen Niveau wegen, sondern vor allem war für mich die fortgeschrittene Organisation der Heimdialyse eine überraschende Neuigkeit. Ich machte mir Notizen, bekam verschiedene Prospekte und befaßte mich eingehend mit diesen Sachen, die uns im Betrieb Schwierigkeiten oder Sorgen machten. Dann wurde ich noch mit einem guten Mittagessen verwöhnt und konnte mich in den Nachmittagsstunden auf den Heimweg machen.
Es blieb ein aufschlußreicher Tag für mich, der Tag in Aachen.

Dann war ich wieder in Hindenburg. Die Realität hatte mich wieder, die 25 Geräte warteten weiter... -  Mir blieb zwar der bisherige Trott erhalten, trotzdem konnte ich meine neuen Erkenntnisse in kleinen, manchmal winzigen Dosen in unsere Entwicklungsarbeit einfließen lassen. Ganz bestimmt aber konnte ich das neue Wissen meinen Mitarbeitern vermitteln, und das freute mich ungemein.
Aber ich wollte nicht darauf beharren. Deswegen schrieb ich in diesen Tagen an einem Artikel, der die Probleme der polnischen Dialysetherapie, unter meinen alten und neuen Gesichtspunkten behandelte. Da war natürlich auch die Rede von dem dornenreichen Entwicklungsweg, der Zweigleisigkeit und natürlich den aktuellen "Devisenproblemen". Alles natürlich eher moderat und konstruktiv gesehen. Die Veröffentlichung dieses Artikels, vom verantwortlichen Redakteur als sehr interessant und informativ bezeichnet, war in einer Monatszeitschrift des Gesundheitsministeriums (Problemy Techniki w Medycynie), vorgesehen.
Doch dann kam es anders. Als ich schon den Probedruck zum Korrekturlesen erwartete, erhielt ich den Anruf des etwas verstört wirkenden Redakteurs: "Es gab eine Panne. Die Industrievereinigung Omel hatte von dem Artikel Wind bekommen, und im Gesundheitsministerium ein Druckverbot erwirkt, leider kann ich da nichts machen". Ich bedankte mich bei dem Mann, und etwas später auch - unter Umständen die ich an anderer Stelle schildere - für meine Arbeitsstelle in Hindenburg.

Noch zu dem Druckverbot. Später, als ich schon meinen nächsten Arbeitsplatz hatte, kam ich zu der Überzeugung, daß da, außer der Industrievereinigung, noch jemand mitmischte: nämlich die allgegenwärtige Zensur. Es konnte doch nämlich nicht sein, daß man in der Volksrepublik offen über Mißstände in der Gesundheitspolitik spricht.

Das Positive: Irgendwann wurden die Geräte zu Ende gebaut und dienten dann den Menschen. Und, wie sollte es anders sein, auch die Autoren des ersten Prototyps wurden geehrt: in der Presse mit einem Ehrendiplom und auch durch das zuständige Ministerium.

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