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Kindheit



Inhaltsverzeichnis:

 Frühes - Es war noch vor dem Krieg
 Peiskretscham - Meine Schritte in die Selbstständigkeit
 Selbstverständliches - Die Eigenständigkeit von Kindern der 40er Jahre




Frühes

Einige Worte vorab.   -    Diese Geschichte ist alt. Nicht nur, daß sie von Zeiten spricht, die für den kleinen Menschen in Ordnung schienen, aber sie wurde auch schon Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, auf dem Atari geschrieben. Heute, im Jahr 2011, schreibe ich sie ab - mit kleinen kosmetischen, stilistischen oder grammatischen Änderungen. Alles, die Fakten, bleiben unverändert. Trotzdem mag diese Geschichte für viele, die hier hereinschauen, uninteressant sein. Dann mögen sie es lassen.
Es ist halt nur die Geschichte eines kleinen Kindes.
Jedoch sind diese Erinnerungen ein Bild der damaligen, noch Vorkriegszeiten. Ein Vergleich der Lebensweisen damals und heute.


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So begann alles im Jahre 1933. Doch nicht vom Nationalsozialismus soll hier die Rede sein, denn zum Glück gab und gibt es auf der Welt noch schönere oder fröhlichere Ereignisse. Ich hoffe, daß meine Geburt ein solches war. - Aber anderseits kann ich nicht verschweigen, daß diese "nur" 12 Jahre mein Leben entscheidend geprägt haben.
Viele Städte der Welt sind schön, viele haben eine ehrwürdige Geschichte aufzuweisen, viele andere sind berühmt ihrer prominenten Kinder wegen, Gleiwitz hat von allem etwas. "Ob aber die Hauptperson dieser Geschichte ihr zu mehr Ruhm verhelfen wird, kann man heute noch nicht sagen", schrieb ich damals in einem humoristischen Anflug. Heute weiß ich es natürlich sicher, daß es so nicht sein wird. Aber, daß ich dafür ein grauer Mensch sein werde, welcher viel über diese Stadt geschrieben hat.

Wie an anderer Stelle schon gesagt, es war der schöne Monat Mai, als ich in dem nicht großen, alltäglichen Mietshaus - es lag an der Schmiedestraße (Bild aus dem Jahre 2009) - das Licht der Welt erblickte. Karl schrieb man in seine Geburtsurkunde, Karlchen riefen ihn alle. Bald sollte er nicht nur seine Eltern beschäftigen, er (also ich) war halt ein lebendiges Kind. Über die Jahre meiner eindeutigen Unmündigkeit ist nicht viel zu erzählen. Denn da hatte mein älterer Bruder das Sagen, und natürlich die Eltern.

Von ihnen war Hans, so wurde mein Vater von den Erwachsenen genannt, die stärkste Persönlichkeit. Etwas autoritär, maßvoll ehrgeizig, hatte ihm das Leben wohl auch nicht das gebracht, was er sich versprochen und angestrebt hat. Sein aktives, mittezwanziger Leben wurde durch den Militärdienst und den Ersten Weltkrieg geprägt. Neben einiger kleiner Medaillen und dem Grad eines, nein, nicht Generals sondern etwas niedriger, brachte ihm diese Lebensperiode nur eine Verwundung und spätere Gefangenschaft ein. Wieder im Zivil, versuchte er sein Berufsglück bei der Deutschen Reichsbahn, die ihm aber nur zu einer festen Anstellung verhalf. Denn die aufregende Stellung eines Vorstandsmitglieds blieb ihm leider versagt. Somit waren auch seine materiellen Möglichkeiten streng begrenzt. Das war damals etwas total alltägliches, nur wenige Menschen konnten sich eines besseren Daseins freuen. Trotzdem hat er damals geheiratet, doch seine Frau, die Marta, verstarb nach kurzer Zeit. Im Jahre 1928 heiratete er dann doch noch seine zweite Liebe, die Viktoria, und verhalf uns zu dieser Geschichte.
Sie war ein Mädchen, fast "vom Lande", aus Peiskretscham. Ein wenig schüchtern, wohl anmutig und des Lebens neugierig. In ihrem Elternhaus ging es streng zu, etwa nach dem Motto: Kirche, Kind und Küche - und in Ermangelung dessen, Hand- und Gartenarbeiten. In diesem Zusammenhang war ihr die Möglichkeit eines neuen, anderen Lebens, schon etwas wert. Die im Elternhaus erworbenen Kenntnisse, die Lehre als Dienstmädchen in der Küche, später Kleiderkammer, eines herrschaftlichen Hauses ließen sie sich auch in der neuen Umgebung zurecht finden und der Familie ein Heim schaffen. Dabei war es gar nicht so leicht. Der etwas über 50 RM wegen, die mein Vater (schon zu meinen aktiveren Zeiten) in einer Woche verdiente, und wegen der sich daraus ergebenen Wohnmöglichkeiten.
Die zwei gemieteten Zimmer, eigentlich Wohnküche mit einem, eine Kammer vortäuschendem Regal in der kühlsten Ecke, zwei Fenstern schon unter dem Dachüberhang, (trotzdem die Wohnung eigentlich hoch war), und das Schlafzimmer, gleichzeitig die "gute Stube" auch mit zwei, nach Südwesten ausgerichteten Fenstern, waren ein Kompromiss zwischen einer Traumwohnung und einer Behausung - oder dem Wohnen bei den Eltern. So auch die Ausstattung. Die Möbel waren der guten Stube adäquat: Ein schwerer Kleiderschrank, dazu passend ein zweiteiliges, mit reichen Holzschnitzereien versehenes Komplett, unten Kommode, oben die ornamentverglaste Vitrine, ein kleiner Tisch, und einige, an verschiedenen Stellen des Zimmers stehende Stühle. Aus allen Fenstern der Wohnung schaute man nur auf ein kleines Stückchen Hof, einen Schuppen und den spärlichen Nachbargarten, der wiederum durch eine triste Häuserfront oder Mauer begrenzt war.

So gesehen, waren das Voraussetzungen für ein eintöniges Leben. Doch ich machte mir nichts daraus. In Erinnerung blieben mir nur gesunde Tage, also war ich wohl niemals krank? Doch, Mumps und Masern waren da, außerdem die damals vorgeschriebene Schutzimpfung gegen Pocken. All das konnte meine Lebensfreude nicht trüben und auch mein Unternehmungsgeist erlitt keine Einbußen. Doch darüber kommt noch einiges.

Für mich änderte sich etwas, als Maria, die 2 Jahre jünger war, ins Alter von 3 oder 4 Jahren kam. Sie wurde jetzt öfters meiner Obhut überlassen, weil ich doch schon auf sie aufpassen konnte. Denn Hubert, um 3 Jahre älter, ging schon zur Schule und hatte seine Freunde. Für die ich absolut nicht gesellschaftsfähig war. "Du bist zu klein, verschwinde", oder noch deutlicher: "Hau ab!", das waren die Floskeln, mit denen man sich den Kleinen vom Leibe hielt. Für mich waren das bittere Erfahrungen, wenn ich einen Bummel mit den Größeren, bis zum Kino "Gloria" nicht mitmachen und anhören durfte, von was da so geredet wird. Oder gar in die Stadt! Wo ich doch so die weite Welt kennen lernen wollte. Die Spaziergänge mit Mutter zum einkaufen, oder am Sonntag zur Kirche, waren kein Ersatz für die durch eigene Initiative angestrebte Wanderungen. Man wurde halt damals durch die elterlichen Maßregeln: "...und dann bleibst du auf dem Hof" im Zaume gehalten. Deswegen blieben einsame Eskapaden, wie z.B. die Begutachtung der kleinen Räucherei auf derselben Straße, der Vorstoß bis zum allerletzten Ende der Straße oder gar der Besuch des Kolonialwarengeschäftes in der Hegenscheidtstraße die Ausnahmen. Alles im Bereich von 100 - 150 Metern.
Besonders nach dem zweiten, und vorab letzten Besuches dieses Ladens: Ein kleines, rundes Pappschächtlein mit Brausepulver, für ganze 5 Pfennig, das mit vielen anderen Schachteln, Beuteln und ähnlichen Kostbarkeiten auf dem Ladentisch ausgelegt war, erregte meinen Appetit so stark, daß ich es in die Tasche steckte. Es blieb natürlich nicht unbemerkt, und Herr Tomczyk, der Eigentümer des Ladens, machte viel Aufheben um diese Bagatelle. Während Mutter die Sache, mit einem kurzen Verweis auf Vaters Zuständigkeit, auf sich beruhen ließ. Dafür fiel Vaters Reaktion, nach seiner Rückkehr aus der Arbeit, deutlicher aus.
"Diese Schande", "wer hat dich so etwas gelehrt?" und ähnliche, rhetorische Fragen begleiteten die Exekution mit dem guten Lederriemen, der eigentlich für das Festhalten der Hose gedacht war. Und obwohl Vater wohl nicht allzu heftig seines Amtes gewaltet hat, blieb diese Episode die erste, hautnahe Lebenserfahrung. Für Herrn Tomczyk aber der Verlust eines potentiellen Kunden.
Das war nach dem zweiten selbständigen Besuch in diesem Laden. Der erste endete weniger schmerzvoll, doch auch er blieb für mich kein Erfolgserlebnis. Es begann alles so: Ich spielte mit Maria im Sand. Aber weit gefehlt, wenn jemand denken würde, es war im Sandkasten. Denn so etwas gab es in unserer Nähe nicht. Aber dafür war es frischer, für einen Bau oder Umbau angelieferter Sand, den ein Fuhrwerk eben für den Hauswirt gebracht hatte. Jedenfalls eine prima Gelegenheit im noch feuchten Sand zu buddeln, seine Oberfläche immer neu zu gestalten. Und ich fand etwas Hartes im Sand, das wohl nicht da sein sollte. Nämlich eine Kupfermünze, Geld! Wir waren elektrisiert. Wir hatten keine Ahnung, wie viel es wert ist, aber das war im Augenblick zweitrangig.
Komischerweise stand nur eins fest: es ausgeben, wie doch die Erwachsenen es auch tun. Das sollte der erste, selbständige Einkauf werden! Irgendwelche moralische Bedenken hatten wir nicht. Kein Gedanke das Geld jemandem zurück zugeben, es bei den Eltern abzuliefern. Das war alles so weit entfernt. Außerdem war es doch unser Geld, das erste und fast erarbeitete. Also was kaufen? "Einen Puppenwagen" schlug Maria vor. Aber das war sogar für mich verständlich: "Der kostet mehr, das müßte schon ein Schein sein". Aus diesen Gründen fiel auch der Vorschlag eines Dreirades, eines solchen wie es die Kinder im nächsten Haus hatten, ins Wasser. "Also kaufen wir uns dafür viel Kuchen". Das klang schon besser und stracks wurde der Versuch unternommen, das Geld in der, an der Ecke gelegenen Konditorei, in Tortenstückchen umzusetzen. Aber hier wurden wir tief enttäuscht: "Aber Kinder, für zwei Pfennig bekommt man doch keine Torte". So enttäuscht, das wir wortlos den Laden verließen, und uns zur Beratung wieder in den Hof zurückzogen.
Was tun? Der Gedanke etwas für dieses Geld zu kaufen, hatte sich so in unseren Köpfen verfestigt, daß man über andere Möglichkeiten schon nicht mehr sprach. "Komm, wir kaufen uns Brause"; Brause in Pulverform war ein schmackhaftes Erlebnis. Vorschriftsmäßig in Wasser aufgelöst, schmeckte sie fade, es war kein richtiger Genuß. Aber auf die Hand schütten und dann lecken, das war etwas! Das prickelte und schäumte: im Mund und auf der Hand! Wasser konnte man nachher noch immer nachtrinken.
Also gesagt und getan. Mit frischem Mut in den Laden. "Wir möchten zwei Brausen" erklang es fast gleichzeitig und ich schob das Geld über den Ladentisch. Die Reaktion des Kaufmanns war unangenehm: "Hahaha", lachte er ziemlich grundlos, "dafür gibt es höchstens zwei Bonbons", und ohne unsere Entscheidungsfreiheit zu respektieren, griff er in ein prall gefülltes Glas, und überreichte uns zwei, in Papier gewickelte Bonbons.
Uns verschlug es den Atem, wir wurden von dem Ereignis so überrollt, daß wir kein Wort sagten, sondern einfach die Bonbons annahmen, und aus dem Laden verschwanden. Auf dem Nachhauseweg gab es noch einen bitteren Meinungsaustausch, zu dessen Versüßung wir einfach die Bonbons aufaßen.

So also reicher um diese negativen Gelderfahrungen, konnte ich mich weiter intensiv mit der Einführung meiner Schwester in das Leben widmen. Ich hatte dazu die nötige Autorität und Erfahrung, (so meinte ich es wenigstens), vorgegeben durch mein männliches "Ego". Mein "reiferes" Alter, die zugewiesene Obhutspflicht, verhalfen mir die "richtigen" Entscheidungen zu treffen. Und Maria, ganz wichtig, respektierte sie. Das wirkte sich natürlich, weil ich es so eigentlich wollte, in erster Linie in Mobilität aus. So waren Erkundungsreisen angesagt.
Da war z.B. der Zaun auf der anderen Straßenseite, der sich über die halbe Straße hinweg zog. "Was ist denn hinter diesem Zaun?" - eine Frage, die nicht nur von meiner Schwester gestellt wurde, sondern die mich auch beschäftigte. Weil die erste Hälfte des Zauns aus übermannshohen Brettern bestand - und immer eins ans andere stieß - konnte man nicht hindurch blicken. Aber die zweite Hälfte des Zauns war aus Maschendraht, und gewährte den Einblick in einen interessanten Garten mit Obstbäumen und Sträuchern. Diese suggerierten noch interessanteres hinter diesen, durch die Bretter verborgenen, Teil des Gartens. Wenn man schon aus dem hinteren Teil, mit Hilfe eines Stocks, eine herabgefallene Birne oder Apfel durch die Maschen befördern konnte; wäre es da nicht denkbar, noch etwas Besseres hinter den Brettern zu entdecken?
Die in dieser Sache an die Eltern gerichtete Fragen blieben nicht zufriedenstellend beantwortet. "Was soll denn dort schon sein? Ein paar Blumen, Gras, vielleicht eine Bank". "Und was machen die Leute dort? Man hört und sieht sie so wenig". Und diese Frage wurde noch unpräziser beantwortet: "Das sind andere Menschen, laß sie in Ruhe". Dieser Ratschlag verursachte eher das Gegenteil. Das hinter dem Zaun liegende wurde noch interessanter, die Tür im Bretterzaun noch ungeduldiger beobachtet. Gemeinsam mit Maria machte ich unzählige Versuche, mit auf der Straße zu habenden Werkzeugen, Nägeln, Aststückchen oder Draht die Ritzen oder zukünftige Astlöcher im Zaun für zukünftige Beobachtungszwecke tauglich zu machen. Leider waren die Ergebnisse mangelhaft. Auch die Erdarbeiten am unteren Zaunrand änderten an dieser Tatsache nichts. Nicht genug, daß man sich dabei ziemlich schmutzig machte, (die Mutter hatte kein richtiges Verständnis für so einen Zustand), konnte man den Kopf nicht so weit unter den Zaun schieben, um den Augen die für Beobachtungen notwendige Sichtfreiheit zu geben. Also außer ein paar nichts sagenden Details - ein paar weiteren Brettern, einem Teil eines Tisches und der Bank - war nichts zu erkunden.
Dabei war die ganze Angelegenheit doch ziemlich rätselhaft. Das Haus, an das der Zaun grenzte, beherbergte einen kleinen Bäckerladen, eher Konditorei. (Wir kennen sie schon!). Dort konnte man süße Brötchen, Kuchenstücke, Negerküsse und sogar Torten kaufen. also mußte in diesem Haus auch ein Backofen sein, denn wo sollte man diese Torten backen? Und wie sieht so ein Backofen für diese leckere Sachen eigentlich aus? Denn einen Brotofen, in dem man auch Semmeln bäckt, hatte ich schon gesehen. Nämliche beim Bäcker Rösner, zu dem der festliche Kuchen, schön säuberlich mit einem Leinentuch bedeckt, getragen wurde. Gewöhnlich tat das die Mama, später auch Hubert. Ich durfte assistieren. Der Rücktransport des gebackenen Kuchens war dann noch interessanter. Manchmal fehlten beim Nachhausekommen ein paar der dickeren Streusel ...
Aber zurück zum Zaun, hinter dem so viele Süßigkeiten verborgen schienen. Die Erfahrungen von vorn, die süßen Inhalte des Schaufensters und der Fächer im Laden, bestätigten diese Schlußfolgerung. Da waren auch diese kurzen Episoden, in denen ich den Begleiter und Gentleman gegenüber meiner Schwester dokumentieren zu müssen, glaubte. Dabei aber womöglich nicht ganz uneigennützig handelte. Und dafür war dieser Laden gerade richtig: "Einen Ettekuchen möchte ich. Mama bezahlt ihn." Wobei ich natürlich einen Eckekuchen meinte, ein Dreieck aus Hefeteig mit Marmelade. Die gutmütige Frau tat's dann auch gewöhnlich; nur Mutter war mit der Selbständigkeit ihrer Kinder nicht ganz einverstanden. Abgesehen davon, daß dieses Unverständnis der Mutter mir schon mal einen Klaps einbrachte, sprach alles für weitere Bemühungen, zur Klärung der Fragen nach der Möglichkeit an die Quelle der guten Sachen zu kommen.
Doch irgendwann begann ich zu verstehen, daß die unvollkommenen Auskünfte, die Ausflüchte bei Fragen nach den Leuten hinter dem Zaun, einen bestimmten Grund hatte. Sie waren anders als die anderen, als die Nachbarn von nebenan, anders als die Wirtsleute und die Bekannten der Eltern. Man sprach von ihnen selten - wenigstens in Gegenwart der Kinder - wie über ein nicht faßbares Phänomen, verbunden mit Unsicherheit und Mitleid. Erst später, es war im Herbst 1938, konnte ich alles in ein aufklärendes Wort fassen: Es waren Juden! Andere Menschen! Denn zu dieser Zeit, eines Morgens verbreitete sich eine aufregende Nachricht, Bruder Hubert brachte sie ins Haus: In der Stadt hat es gebrannt, die Synagoge am Wilhelmsplatz wurde angezündet und ist ausgebrannt! Die Feuerwehr hat die anliegenden Häuser geschützt! Ich überschüttete die Eltern mit Fragen: "Was ist eine Synagoge?", "Wer hat sie angezündet?", "Warum hat die Feuerwehr den Brand nicht gelöscht?"
Huberts Antworten blieben wenig aufschlußreich, und ich bekam das zu hören: "Du bist dumm, in die Synagoge gehen die Juden". Die Antworten auf die Fragen "wer" und "warum" blieben aus. Wahrscheinlich wußte er auch nicht mehr. Die Eltern blieben stumm.

Für mich begann mit dem Winter wieder der Alltag. Die Winterfreuden im Freien waren begrenzt. Zu schnell wurde die Kleidung naß und die Finger klamm. Die Winterausrüstung, so muß ich das heute sagen, war eindeutig zu dürftig und dem strengen Winter gewöhnlich nicht gewachsen. So blieb uns das Spielen im Hause, in der Küche, oder was viel interessanter war, im Treppenhaus. Da am liebsten mit gleichaltrigen aus der Nachbarschaft. Der Gang im Obergeschoß war durch ein Geländer mit gedrechselten Stäben abgesichert, trotzdem konnte man den Kopf durchstecken und die heruntergefallenen oder an einem Faden baumelnde Teile beobachten. Man konnte die Treppen in Sprüngen (dabei war das Geländer eine notwendige Hilfe), oder auch möglichst leise - damit keine der Stufen knarrte - bewältigen. Man konnte, was noch viel angenehmer war, die teilweise losen Geländerstäbe zur Erzeugung verschiedener Geräusche - vom quietschen, knarren bishin zum trommeln verwenden, also ein ganzes Orchester bilden. Leider waren die Darbietungen in diesen Fällen schnell zu Ende. Sie scheiterten an der uneinsichtigen Haltung der Wirtsfrau. Zur Rechenschaft gezogen wurde natürlich ich, weil doch ich die "fremden Kinder" ins Haus geschleppt habe. Und war manchmal noch der Älteste!
Also zurück in die Wohnung und die Verantwortung für die Schwester, und deren Unterhaltung zu tragen. Was kann man schon an einem langen, winterlichen Vormittag in der Wohnung tun? Der Vater in der Arbeit, die Mutter hat irgendetwas außer dem Haus zu erledigen, der ältere Bruder in der Schule, da wird Malen auf verschiedenen Papierresten oder Fetzen, vor allem für die weniger Beteiligte - und zum Zuschauen gezwungene - Maria schnell eintönig. Also muß ich wieder meinen Erfindungsgeist mobilisieren.
"Weißt du was, Maria?" fragte ich rhetorisch, "wir schneiden Tiere aus und machen einen Zoo". Denn davon hatte ich schon gehört, daß dort viele Tiere nebeneinander leben. Maria war natürlich einverstanden, denn was blieb ihr anderes übrig? Die Schere war in der Küchentischschublade, zwar nicht für den Gebrauch durch Kinder bestimmt, aber für mich erreichbar. Gesagt, getan. All die Tiere, auf den Papierresten ins Leben berufen, wurden jetzt mit Mühe und Schweiß ausgeschnitten. Manche hatten sogar eine ansehnliche Form. Jetzt aber stellte es sich heraus, daß sie viel zu wabbelig waren. Man konnte sie weder richtig bewegen noch aufstellen. Es ergab keinen richtigen Spaß. Was tun? Es war für mich eigentlich klar, daß etwas steiferes her mußte. Doch wo in der Wohnung so etwas finden? Geeignete Papiererzeugnisse waren hier nicht vertreten, schon garnicht so ein schöner, flacher Pappendeckel. Aber halt, da war doch das unnütze Spiel, welches das Christkind dem Hubert gebracht hat: Mühle und Halma, wer spielt schon so etwas? Die dazu gehörigen Steine und Figuren wären doch auch für etwas anderes zu gebrauchen - aber der bunte Karton? Also beschloß ich - immer mit Zustimmung meiner Schwester - diesen Karton für die Schaffung neuer Tiere, eines neuen Zoos zu verwenden. Da von den verschiedenen Tieren die Mäuse die meiste Ähnlichkeit zu den schon bekannten Tieren aufwiesen, konzentrierte ich mich auf diese. Außerdem konnte man sie am leichtesten aus dem schon stärkeren Material ausschneiden: Eine spitze Schnauze, 4 kleine Beine und - wegen technischer Schwierigkeiten - einen Stummelschwanz. Große und kleine, fast so wie ich mir Mäuse vorstellte. Manche der Mäuse konnte man aufstellen, sie verschieben und so einen fast lebendigen Zoo darstellen. Es wurde ein schönes Spiel  -  bis Mutter heim kam. Dann wurde es für mich schmerzlich, für das zerschnittene Spiel und den Gebrauch der Schere. Nicht genug damit, die Mäuse gefielen niemandem, und der um sein Spiel beraubte Hubert kam noch nach Jahren auf die Mäuse zurück - immer wenn er mich piesacken wollte, erinnerte er mich an die bezogene Prügel, und den artistischen Wert der mit so viel Schweiß entstandenen Figuren.
Dann kamen wieder wärmere Tage, und man konnte öfters draußen sein. Die alten Fragen um den Zaun tauchten von neuem auf. Doch da hatte sich etwas verändert: Der Laden sah anders aus und andere Menschen waren im Laden und im Haus. Was war geschehen? Irgend etwas über wegziehen wurde gesagt - es klang fast wie "mußten wegziehen". Doch gesagt hat es mir niemand. Andere Ereignisse, mit dem Wort "Jude" verbunden, wurden diskutiert. Ich konnte es nur indirekt, hin und wieder mitbekommen. In der Stadt, die ich nur sehr wenig kannte, änderten Geschäfte ihren Namen, andere waren nimmer da. Aus dem großen Warenhaus Barasch, dem mit der geschwungenen Treppe, wurde plötzlich Rebensdorf. Die Bedeutung dieser Ereignisse wurde mir erst viel später klar, und das eigentlich in kleinen Schritten. Vorläufig blieb dieses Thema einfach unverständlich und für mich eine Randerscheinung.

Zu jener Zeit, an einem schönen Frühlingsmorgen, war ich als Betreuer, mit meiner Schwester draußen. Das Spielen in Hausnähe war schon nicht mehr das interessanteste. Der Hof war leer, die dem Wirt gehörenden Kammern abgeschlossen, im Flur und Treppenhaus war es eher finster, und die Treppe vor dem Haus schon ganz langweilig. Also lockte die weite Welt. Natürlich im entsprechenden Maßstab. Für mich, mit dem ausgeprägten Sicherheitsgefühl, war es nur ein Straßenrechteck: der Schmiedestraße, der sie begrenzende Schlosserstraße, auf der man zur Petersdorfer Straße, und dann schon zur Hegenscheidtstraße mit dem Milchgeschäft, dem Kolonialwarengeschäft von Herrn Tomczyk, und den anderen bekannten Stellen kam. Und dann war man praktisch schon wieder zu Hause. Einen Ausflug auf der quasi Verlängerung der Schmiedestraße, auf der es nur zwei oder drei Häuser, dafür mehrere kleine, mit Behelfszäunen umrandete Gärtchen gab, ließ ich mich ungern ein. Am Ende dieses Weges gab es nämlich eine hohe, rote Mauer, dahinter ebensolche Gebäude mit viel Lärm und Geklirr. Außerdem zischte es dort manchmal unerklärlich, Wasser floß an senkrechten Blechwänden herab, und zuallerletzt kamen da manchmal riesenbreite, mit dicken, schnaufenden Pferden bespannte Fuhrwerke zum Tor heraus. Später erfuhr ich, daß es eine Brauerei und Selterwasserfabrik war, damals aber war der ganze Weg für mich etwas unheimlich. Einmal wohl wegen der beschriebenen, unbekannten Sachen, und dann auch wegen dem Mann, der mich ausgeschimpft hatte, als ich eine Schote durch den Zaun angelte. Aber nicht zuletzt wegen des Verbotes der Eltern diesen Weg zu beschreiten. Er war wohl der Fuhrwerke wegen zu gefährlich, und man erzählte uns da auch von einem schwarzen Mann.
So gingen die Kinder halt folgsam auf nicht verbotenen Wegen. Nicht verboten, weil die Eltern einfach meinen Entdeckungsdrang unterschätzt haben. So kam es, daß wir beide uns eines schönen Tages auf einen weiteren Weg machten. Bei diesem Entschluß sollte man mein "Größersein", mein "Erfahrenersein" richtig einschätzen, obwohl ich diesen Weg noch niemals gegangen bin. Da ich ziemlich vorsorglich war - oder war es nur Zufall - hatte Maria ihre Sparbüchse mit den paar Pfennig mit sich. Man konnte ja niemals wissen, ob man nicht etwas zum Essen braucht. Das natürlich war meine offizielle Version. Im Stillen habe ich damit gerechnet, daß Maria unter dem Eindruck der weiten Wanderung nichts dagegen haben würde, wenn wir eine Brause oder zwei Lutscher kaufen würden. (Hier muß angemerkt werden, daß ich zu jener Zeit keine Sparbüchse besaß. Ob das mit der mangelnden Opferbereitschaft aller Erwachsenen rundherum, oder mein sofortiges Ausgeben etwaigen Geldes zu tun hatte, muß hier leider offen bleiben.) Jedenfalls waren wir schon etwas erschöpft, als wir die Gegend von Kino "Gloria" erreichten, und vor dem Schaufenster mit lauter guten Sachen halt machten. Unsere Diskussion über die Entnahme einiger Münzen aus der Sparbüchse für den Kauf von Süßigkeiten, (die im Schaufenster so überzeugend plaziert waren), lockte zwei ältere Buben an, welche sich sofort bereit erklärten, uns bei der Entnahme des Geldes aus der Sparbüchse zu helfen. Doch mein gesundes Mißtrauen verhinderte eine direkte Übergabe der Büchse. Also suchten die beiden fremden Buben nach Argumenten, die ihnen die Hilfestellung ermöglichen sollte. Der eine überzeugte mit vielen Worten, während der andere sachlich blieb. Er kramte aus seiner Hosentasche ein kaputtes Blechspielzeug und bot es als Pfand an. "Das könnt ihr haben wenn ihr Angst habt". Ich und Angst? Da wäre ich ja aus meiner Rolle als Führer und Beschützer gefallen! Also bekamen die Buben die Sparbüchse in die Hand. Ein abwägendes Schütteln der Büchse, ein gegenseitiger Blick der Verständigung und die beiden sausten davon. Ich konnte es nicht fassen und mußte meine weinende Schwester - und auch mich - beruhigen. Viele Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Aber es gab nur einen Ausweg: den Weg nach Haus.
Hier mußte ich mir das Erwartete anhören. Das meiste hatte Hubert zu sagen. Die Eltern blieben verständnisvoller, trotzdem der Tausch,von wohl einer Mark gegen ein Stück wertlosen Bleches, kein gutes Geschäft war. Zu meinen Gunsten sprach der Umstand, daß die beiden Buben deutlich älter und sogar einschlägig bekannt waren. So nahmen auch die Eltern Abstand von einer Rückforderung oder Anzeige der beiden. Zu meinem Leidwesen aber blieb auch diese Geschichte für Hubert, über Jahre hinweg ein beliebter Grund, um mich zu hänseln.

Dann hatte ich mal meinen Geburtstag. Sechs Jahre! Natürlich wurde mir gratuliert, Mama buk speziell einen Käsekuchen mit Streusel. Und es gab sogar Geschenke: Einen Satz Buntstifte vom Vater, ein Paar Hosen von der Mutter, (welche sie genäht hat), und von Hubert eine bunte Blechdose auf der ein im Schreien befindlicher Esel abgebildet war. Dieses letzte Geschenk wurde natürlich mit einem anzüglichen Kommentar überreicht, den ich aber gern überhörte, weil die Büchse etwas konnte: Sie machte ganz deutlich den Schrei eines Esels nach. Iii-aaa erklang es, wenn man sie kurz auf den Kopf stellte. Das war enorm! Wie konnte das funktionieren? Es war für mich eine fundamentale Frage, und die Antwort darauf mußte nahe sein. Weil aber weder der großzügige Spender (er hatte die Dose vor ein paar Monaten auf dem Rummelplatz gekauft, und sie solange vor mir verbergen können!) noch meine Eltern eine zufriedenstellende Erklärung parat hatten, war wohl die Lebenserwartung der Dose gering.
Doch vorab war etwas anderes noch aufregender und wichtiger: Das Geschenk vom Nachbarn! Er war Bastler und hatte für meinen Geburtstag ein Flugzeug gebaut! Es war ein Doppeldecker aus Sperrholz, Leisten und ein wenig Blech. Das Flugzeug war ziemlich groß, hatte richtige, sich drehende Holzräder, und einen beweglichen Propeller. Wenn man ihn mit dem Finger in schnelle Umdrehungen brachte, brummte er richtig. Außerdem konnte man das Flugzeug auf dem Boden hin und her schieben, und sich dabei wie ein richtiger Pilot fühlen. Doch dann entwickelte sich die Angelegenheit um das Flugzeug rabenschwarz. Ob Hubert die Geschichte mit dem Mühlespiel noch nicht verkraftet hatte, oder ob er sich einen weiteren Jux versprach, weiß man nicht.
Jedenfalls dachte ich an keine dieser Möglichkeiten, als mich Hubert in ein anregendes Gespräch über das Flugzeug verwickelte. "Du, das Ding ist Klasse!" behauptete er als ich so meine Fährten zog. "Mhmm" war meine etwas einsilbige Antwort, aber im Inneren schwoll mir der Kamm. "Laß es doch mal zu mir fahren", und dann "noch einmal", und "schneller", brachten auch mir Genugtuung, und meinen Besitzerstolz zum Blühen.
"Du, es hat doch zwei Tragflächen ...und noch einen Propeller, es müßte doch eigentlich fliegen". Und nach meinem, das Flugzeug abwägenden Blick sagte er so nebenbei: "In der Schule hatte ein Junge ein ähnliches Flugzeug, es war nicht mal ganz aus Holz - nicht so fest wie deines - es war nur mit Papier beklebt - aber man konnte es aus der Hand gleiten lassen, und es flog dann langsam zur Erde.
Nach einer Weile meinte ich. "Komm, wir gehen in den Gang, da kann man es weiter rollen lassen."  -   "Gut, komm!" Und dann nach einer Weile: "Wenn man es von oben fliegen lassen würde, dann käme es ziemlich weit." Und weil ich weiterhin stumm blieb meinte er: "Du, wir könnten es von hier oben fliegen lassen:" Damit meinte er den überdachten Eingangsbereich, ungefähr 2 Meter über dem Erdboden, der zum Hof hin mit einem gemauerten Geländer versehen war. "Da kann das Flugzeug durch den ganzen Hof fliegen bis auf die andere Seite! Und weißt du was? Ich hole Maria, da kann sie auch sehen, wie dein Flugzeug fliegt." Das waren schon Argumente, die nicht direkt widerlegt werden konnten - und vielleicht auch nicht widerlegt werden wollten? Jedenfalls meinte ich nur noch sicherheitshalber: "Ob es auch richtig landet?"
"Klar, ich zeig dir noch wie du es abstoßen mußt: so hier unten halten und dann möglichst stark werfen, hier in dieser Richtung, da ist der meiste Platz." Und weg war er, um die Schwester zu holen. In der Zwischenzeit hatten sich einige Zuschauer eingefunden und ich übte wie man es am besten hält, sich an der Brüstung aufstellt und dann noch simulierte ich das abstoßen des Flugzeuges in der vorgegebenen Richtung. Dann waren Hubert und Maria auch schon da, und er überzeugte einige wankelmütige Zuschauer von den Vorteilen des Flugzeuges. Für mich wurde es langsam immer aufregender, und irgendwie wuchs ich im Wissen um die Verantwortung für diesen Flug, und den großen Schatz, den ich in diesem Flugzeug besaß. Niemand der Anwesenden konnte sich mit mir gleichen.

"Also ich gehe runter und bringe das Flugzeug gleich wieder rauf", das waren die Worte Huberts, als er die Stufen zum Hof hinunter rannte. Ich stellte mich in Position, und schubste das Flugzeug mit aller Kraft in die Atmosphäre. Genau wie Hubert es mich gelehrt hatte: Richtung und Haltung stimmten.
Aber ...das Flugzeug beschrieb einen lahmen Bogen und ehe ich die Hand wieder unten hatte, gab es einen, fast ohrenbetäubenden Lärm  -  der Zuschauer, des zersplitternden Flugzeuges und die vorwurfsvolle Stimme Huberts: "Du hast es zu schwach abgestoßen. Das ist deine Schuld." Ich war gelähmt, und erst als ich die durch Hubert raufgebrachten Trümmer des Flugzeuges sah, fing ich zu weinen an. Jetzt konnte ich das ganze Ausmaß der Katastrophe erkennen. Die Zuschauer verflüchtigten sich schnell, während die Geschwister die Stufen zur Wohnung erklommen, mir kam die traurigste Rolle zu. Es war an einem Dienstag, und Vater war glücklicherweise in der Arbeit. Ob es im nachhinein noch körperliche Schmerzen gab, weiß ich nimmer so genau.
Doch schlimm genug war die Geschichte so wie so. Die Stimmung war auch noch am nächsten Tag gedrückt. Der Versuch, den liebenswerten Nachbarn zu einer Wiederherstellung des Flugzeuges zu bewegen, war leider erfolglos. Sein trauriger Blick auf die teilweise noch zusammenhängenden Wrackteile des Flugzeuges, sein Kopfschütteln über den undankbaren Empfänger, und einige nicht sehr erbauliche Worte stürzten mich fast in eine Depression. Ich hatte niemanden, der mir in meiner Situation eventuell helfen konnte. Ich wanderte ziellos von einer Ecke zur anderen, von unten im Hof hinauf in die Wohnung. Aber da, auf dem Fensterbrett, lag das kaputte Flugzeug! Vielleicht könnte man selbst etwas daraus machen? Die Tragflächen waren zerbrochen, das eine Rad auch. Also nichts zu machen. Doch der Propeller? Den könnte man, da er doch so wichtig ist, für ein anderes Flugzeug gebrauchen? Nur wie kriegt man den ab? Er dreht sich, aber läßt sich nicht abziehen. Auch wenn man das Flugzeug mit beiden Füßen festhält. Aber halt, wenn man ihn biegt, zur Seite drückt, lockert sich nicht die Befestigung? Er läßt sich hin und her schieben. Also noch einmal: mit beiden Händen, und den Rumpf zwischen den Knien festhalten. Es geht ..., es ge ... - es ging leider nicht. Denn in diesem Augenblick hatte ich zwar den Propeller in den Händen, aber in jeder Hand eine Hälfte. Es war entsetzlich, meine Stimmung hatte sich dadurch überhaupt nicht gebessert. Der Tag war verloren. Erst als der Vater beim abendlichen Feuermachen, es sollte warm gegessen werden, kurzerhand die traurigen Überreste des stolzen Flugzeuges in den Ofen steckte, schien der Grundstein für eine bessere Zukunft gelegt zu sein. Im ersten Moment schmerzte es ja, als die Flammen aufloderten und die einzelnen Teile immer unkenntlicher wurden, aber dann verschwand auch langsam das dumpfe Gefühl im Bauch, und das Schuldbewußtsein kam im Laufe des Abends total abhanden.

So wurde auch der nächste Tag unbeschwert und ich konnte meiner Unternehmungslust freien Lauf lassen. Dabei spielten meine Geburtstagsgeschenke eine wichtige Rolle. Hubert war in der Schule, Vater in der Arbeit und auch Mutter mit ihren Sachen beschäftigt. Die Schwester wollte unterhalten werden und so suchte ich nach dieser Unterhaltung. Ich hatte alte Zeitungen, eigentlich deren Ränder, Papierreste und eine Schuhschachtel zur Verfügung um den Zeichenunterricht zu starten. Die Buntstifte halfen verschiedene Dinge oder Tiere herzuzaubern, welche Maria dann erraten mußte. Wieder Mäuse, aber auch Bäume, Häuser, den Mond und vor allem Sterne waren beliebte Zeichnungsobjekte. Leider wollte Maria auch selbst etwas zeichnen, und da wurde dann der Stuhl oder auch Tisch bemalt. Zum Glück für uns beide, konnte man die Zeichnerei nicht unendlich lange fortführen, denn die Stifte nutzten sich ab, das Bebeißen des Holzes rund um die Mine war zeitraubend und eher uneffektiv, so daß das Spiel seine Attraktion verlor. Dafür aber stieg die Lebenserwartung der geschändeten Möbel, und die Wahrscheinlichkeit der Bestrafung der Maler wurde unwahrscheinlicher. Doch der Tag war sehr lang und das ewige iii-aaa der, mit dem Esel bemalten Dose, konnte ihn kaum verkürzen.

Deswegen, vielleicht auch wegen der im Unterbewußtsein schlummernden Erinnerungen um die kurz zuvor erlebte Niederlage mit dem Doppeldeckerflugzeug, reifte in mir der Entschluß, mir doch noch ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. Ich wollte einfach die Herkunft der Töne aus der Dose erkunden um zu wissen, woran ich bin. Vielleicht saß dort wirklich ein kleines Tier? So wie Maria es meinte? Und ich wollte diese Eventualität nicht ganz ausschließen. So oder so, man muß in diese Dose reinschauen können um dem Druck der Ungewißheit ein Schnippchen zu schlagen.
Also wurde die Dose erst einmal gründlich untersucht. Eins stand bald fest: Der Ton kam nicht von dem aufgemalten Esel, er kam aus dem Inneren und war durch das mit Stoff bespannte Loch auf der Oberseite deutlich zu hören. Man brauchte dieses Loch nur an das Ohr zu legen, dann den Kopf ganz weit nach links, dann nach rechts neigen, um ein klappernd-schleifendes Geräusch, und dann den bekannten Schrei zu vernehmen. Einfach faszinierend, doch dieses Experiment brachte den Forscher in mir nicht weiter. Ich verlor höchstens das Gleichgewicht und rannte gegen die Möbel. Der Deckel der Dose war aus Pappe, und widerstand den bohrenden und suchenden Fingern sehr gut. Gleichfalls ähnlich verhielt sich die Stoffabdeckung, sie gab zwar nach, aber versperrte doch den Zugang ins Innere. Also mußte ein Werkzeug her. Ich wußte, daß die verbotene Schere wieder in der Schublade war und konnte sie - weil die Mama gerade nicht da war - zweckentfremden und als Brechstange benutzen. Ich steckte sie in das mit Stoff bespannte Loch, durchbrach diesen (hurra!), und hebelte dann langsam den ganzen Deckel hoch. Endlich war es so weit, der mißhandelte Deckel lag neben der Dose, die Dose war offen. Nichts rührte sich in ihr! Vorsichtig wurde sie bewegt, eine runde Pappscheibe war zu erkennen. Doch was war hinter ihr? Also die Dose umstülpen: nichts! Sie schütteln: nichts! Nur die Pappscheibe kam ganz nach vorn. Vielleicht die Dose fest gegen den Tisch schlagen? Richtig, da kam es heraus, etwas zusammengefaltetes, fast wie bei einer Ziehharmonika, nur runder, innen etwas angerostetes Eisen und noch kleineres Zeug. Und das war alles! Nichts lebendiges, nichts interessantes im Inneren. Auch genauere Untersuchungen aller Bestandteilen der vorerst so geheimnisvollen Dose änderten nichts an dieser Tatsache. Langsan überfiel mich ein ungutes Gefühl. Kriege ich die Dose wieder zusammen? Es kam wie es kommen mußte. Als ich alle Teile wieder reingetan, den lädierten Deckel draufgedrückt hatte, tat sich nichts bei der Generalprobe. Das Drehen der Dose rief nur ein schepperndes Geräusch hervor, sogar deutlicher als zuvor, aber der Esel blieb stumm. Da halfen auch keine zusätzlichen Korrekturen beim Innenleben, keine erneuten Versuche eines besseren Zusammenbaues. Auch der Deckel wollte nicht mehr halten. Alles fiel auseinander. Es war ein Jammer! Der einzige Ausweg: Das ganze Zeug schnell wegräumen, und in die Ecke verstauen. Leider blieben dies Tätigkeiten nutzlos. Maria wartete nur darauf, um alle Familienmitglieder von meinem Fiasko zu verständigen. Erst die zurückkehrende Mutter, dann Hubert - den Spender und dann noch den Vater. Es war wirklich ein Jammer.

Jedoch mein Tatendrang blieb ungebrochen, deswegen mußte er in andere Bahnen umgeleitet werden. Das stand für die Eltern fest. Denn die hier wiedergegebenen Geschichten stehen gezwungenerweise nur für einen Teil der Aktivitäten. Viele spektakulärere Unternehmungen wurden aus naheliegenden Gründen nicht erwähnt. Für die Eltern kam ich in die Jahre, wo man von den Kindern schon mehr verlangt. Das waren vor allem intelektuelle Anforderungen, die aber blieben mir suspekt. Wozu dieser Kram? Gab es doch eine Menge interessanterer Sachen. Unweit.
Der Hauswirt und Eigentümer, Herr Rückert, betrieb einen kleinen, soweit ich das überblicken konnte, Handel mit Getreide, Sämereien und Futtermitteln. Für diesen Zweck war das kleine Wirtschaftsgebäude bestimmt, das den Hof nach der rechten Seite begrenzte. Da war unter anderem auch ein Raum, in dem eine etwas unverständlich funktionierende Waage stand: Mit kleinen, gewöhnlichen Gewichten wurden ganze Säcke abgewogen! Da konnte doch etwas nicht stimmen. Die Waagen zu Haus, die beim Gemüsehändler oder auch im Kolonialwarengeschäft, hatten zwei Schalen und zwei Vogelköpfe, die man mit den Gewichten auf eine Höhe bringen mußte. Da konnte man nur soviel abwiegen, wie man Gewichte hatte. Derweil konnte Herr Rückert sogar mich abwiegen, mit solchen kleinen Gewichten wie zu Hause.
Außerdem stand da eine Maschine zum Kornmahlen: Oben in den Trichter wurde ein Sack reingeschüttet, dann unten der leere Sack am Rohr angegurtet, und Herr Rückert schaltete die Maschine ein. Sie war elektrisch angetrieben und machte viel Krach - und das war eigentlich nicht schön. Trotzdem war es immer interessant zuzuschauen, wie der Sack unten langsam immer dicker wurde - bis man die Maschine abschaltete.
Das Interessanteste aber war das Auto. Es war eigentlich kein richtiges Auto, denn es hatte nur drei Räder. Aber ein richtiges Häuschen mit zwei Türen, und einer gepolsterten Sitzbank. Der Motor saß vorn unter der Haube, wo auch das eine Rad war. Die zwei anderen Räder waren hinten unter der Ladefläche. Wie ein richtiger Lastwagen hatte dieses Auto, es hieß "Tempo", auch ein abnehmbares Dach, eine Plane. Unter die Plane kamen die Säcke mit den gemahlenen Körnern, und Herr Rückert fuhr sie dann weg. Wohin er sie fuhr, woher auch das Korn kam blieb mir ein Rätsel.
Jedenfalls interessierte mich alles, was mit diesem Auto zu tun hatte. Ich begutachtete es, wenn es auf dem Hofe stand und beladen wurde, oder auch wenn es ruhte, und im Raum mit der Waage und Maschine stand. Immer dann, wenn es mir erlaubt wurde, und Herr Rückert in der Nähe war. Dann durfte ich mich auch reinsetzen, oder Herr Rückert hob mich auf die Ladefläche.

Bis es eines Tages so weit war. Ich durfte mitfahren! Es war wohl mit den Eltern abgesprochen, aber ich wußte nichts davon. Trotzdem zögerte ich keinen Augenblick, als ich gefragt wurde: "Kommst du mit?" Natürlich. Dann rein ins Auto, Tür zu und harren der Dinge, die da kommen sollten. Als Herr Rückert den Motor anließ wurde es laut, dann als wir durch das Tor auf die Straße kamen, und am Zaun entlang fuhren, schüttelte es ordentlich, und alles lief so nah am Auto vorbei. Man konnte richtig Bange haben, ob man nicht anstößt. Aber der Fahrer meisterte diese Schwierigkeiten gelassen - und schon waren wir auf der Hegenscheidtstraße, dann ging es über das hoppelige Pflaster in Richtung Toster Straße, bis zum Lebensmittelladen Cibis, und an der alten Kirche vorbei in Richtung Wald. Jetzt war ich schon auf einer Entdeckungsreise, denn diesen Teil von Gleiwitz-Petersdorf kannte ich noch nicht. Und dann noch eine Aufregung, Herr Rückert entdeckte weit vorn einen Polizisten. Warum, das verstand ich nicht, aber ich mußte momental runter und mich im Fußraum unsichtbar machen. Damit der Schupo diese zweite Person in der Fahrerkabine nicht sieht. Blitzschnell wurde das für mich ein gefährliches Unterfangen, mein Herz schlug schneller, denn der Schupo war für viele - für mich aber bestimmt - eine respektheischende Person. Aber ehe ich so richtig Angst bekommen konnte, waren wir schon vorbei, und ich saß wieder normal auf der Bank.
Ich konnte zwar wieder die Gegend beschauen, aber die Aufregung verging nur langsam. Wir fuhren am Friedhof vorbei, und kamen in eine Kolonie mit vielen kleinen Häusern. Alle waren von Gärten umgeben. Weiter hinten sah man schon den Wald. Das Auto hielt, Herr Rückert ging ins Haus, dann holte er einen Sack und trug in hinein. Ich schaute ihm einfach nach. So machten wir es noch ein paar mal, bis ich plötzlich einen Polizisten über den Hof schlendern sah. Hatte er uns eingeholt, mich gesehen? Die kaum vergangene Aufregung war sofort wieder da. Schon sah ich Herrn Rückert eingesperrt, und deswegen es gab für mich keine Alternative. Sich bloß nicht im Wagen erwischen lassen. Wie eine Schlange glitt ich, durch die zum Glück nur angelehnte Tür nach außen, und nahm Deckung hinter dem Wagen.
Herr Rückert wunderte sich wohl über den hinter dem Wagen kauernden Jungen, sagte aber nichts, nahm den Sack und trug ihn ins Haus. Als er zurückkam, forderte er mich einfach zum einsteigen auf, aber ich tat es nur zögernd. Dann stieg er ein und wir fuhren einfach los. Ich verstand die Welt nicht mehr und mein psychisches Gleichgewicht war für diesen Tag dahin. Trotzdem das Treffen mit dem zweiten Polizisten sicher nur ein Zufall war.

Ich wurde wirklich erwachsener. Das konnte man daraus schließen, daß man mir selbständige Kaufaufträge überließ. Da war z.B. das wöchentliche Ritual mit dem "Bierkauf". Eigentlich war das überhaupt kein Bier. Jede Woche kam der Händler mit seinem großen Faß. Es war ein richtiges, von einem Pferd gezogenes, Fuhrwerk. Neben dem Kutscherbock hing eine große, goldfarbene Glocke. Hinten am Faß war ein mächtiger, glänzender Hahn, und ein Haken, an dem zwei Maße hingen: ein größeres und ein kleineres. Wenn dann auf der Straße die Glocke erklang, bekam ich die Milchkanne und ein paar Münzen in die Hand, um zwei Liter des Malzextraktes zu kaufen. Um den Verkäufer standen dann gewöhnlich schon einige Käufer und warteten, bis er ihnen die abgemessene, dunkelbraune Flüssigkeit in die Kannen kippte. So auch mir. Nach dem ich die mir eingefüllte Menge bezahlt hatte, trug ich die Milchkanne vorsichtig nach Hause. Nur jetzt nicht hinfallen und verschütten - das Vertrauen der Eltern wäre hin!
Mutter vermischte dann Zucker, Wasser und das eben gekaufte Malzextrakt in einem großen Topf. Nachher wurde das Gemisch in die heute seltneren - wieder verschließbaren - Bierflaschen abgefüllt, und kam ins Warme, (oder Kühle? Für mich war das nicht so klar). Nach ein paar Tagen war das "Bier" fertig. Etwas kosten durfte man damals schon, aber es schmeckte bei weitem nicht so gut, wie eine prickelnde, bunte Fruchtlimonade. Eine richtige. Denn das Bier schmeckte fast so, wie die selbstgebraute, nach dem Hausrezept, hergestellte Limonade aus Zucker, Natron, Essig und manchmal etwas Fruchtsaft. Bei diesen Limonaden war das Zubereiten und Mixen interessanter als das Trinken.
Ich, als technikinteressierter junger Mensch, war immer an dem Mann interessiert, welcher öfters durch unsere Straße ging. In der Hand ein rechteckiges Stück Eisen, welches an einer Schnur hing, und an das er mit einem kleinen Hammer schlug. Die Leute wußten dann, er war da. Nämlich der Scherenschleifer. Denn auf der Schulter hatte er ein zusammengelegtes Gestell, mit einem Rad vom Fahrrad, aber ohne Bereifung. Wenn er es auseinander klappte sah man, daß über das große Rad ein Riemen lief, der oben eine Welle, mit zwei oder drei Schleifscheiben antrieb. Wenn er das große Rad mit einem Tretbrett, wie bei unserer Nähmaschine, in Bewegung setzte, drehten sich die Scheiben sehr schnell. Und er konnte alles schleifen, Scheren und Messer.
Das Leben aber ging weiter, obwohl schon im Vorschulalter war ich immer noch zu Hause. Hubert ging schon in die zweite Klasse und befaßte sich fast überhaupt nicht mehr mit seinem unmündigen Bruder. Denn er konnte schon lesen!
Deswegen entschlossen sich die Eltern, trotz der damit verbundenen Ausgaben bei ihrer knappen Kasse, mich wenigstens vorübergehend, in eine Spielschule zu schicken. Vielleicht hofften sie, mich dadurch besser für die Schule vorzubereiten? Wahrscheinlich ist ihnen nämlich meine Abneigung gegenüber Buchstaben, und das Fehlen weiterer Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Karriere, nicht verborgen geblieben?

Jedenfalls war ich einigen Tages in der Spielschule mit den zu kleinen Stühlen und Tischen der St. Hedwig Schwestern. Die Spielschule war im Hauptgebäude der Schwestern untergebracht, von der Toster Straße durch eine alte Sandsteinmauer und den Garten getrennt. Daneben war die "alte Kirche" von Petersdorf. Alt, weil seit 1911 (diese Zahl steht in der "Neuen", im Glas über dem Haupteingang), die große, aus rotem Backstein in gotischem Stil erbaute St. Bartholomäus, die Pfarrkirche von Petersdorf wurde. Die Schwestern selbst wohnten damals im neueren Hinterhaus, hatten aber ihre Arbeitsstätten im Hauptgebäude. Sie dominierten im christlichen und sozialen Leben von Petersdorf. In der Kirche hatten sie die erste Bank für sich reserviert und übernahmen da auch viele der anfälligen Ordnungsdienste. Die Ausschmückung der Altäre war ihre Domäne. Immer sah man eine der Schwestern in der Kirche. Selbstverständlich war auch die alte Kirche unter ihrer speziellen, wahrscheinlich absoluten, Obhut. Die eher seltenen Gottesdienste dort waren für sie bestimmt. Für mich war diese Kirche ein Synonym für etwas altes und ehrwürdiges, was man schonen und erhalten sollte. Das nämlich stand immer im Mittelpunkt der Kirchenbesuche durch die Spielschulkinder. Einige der Schwestern waren musikalisch geschult, sie spielten auf der Orgel.
So kam es, daß mir, einem der älteren Kinder, zusammen mit einem zweiten Buben, die Ehre zuteil wurde, auf die Orgelempore zu dürfen, um der Schwester das Orgelspiel zu ermöglichen. Die Orgel hatte einen Fußantrieb: Die Blasebälge wurden über zwei Balken betätigt, welche wechselseitig niedergetreten wurden. Da wir zu leicht waren, standen wir beide auf diesen Balken, und verlegten unser Gewicht synchron von einem Bein auf das andere. Ich hielt mich an den Griffen, der Bube hinten an mir. So klappte es: Die Blasebälge fauchten und die Orgel spielte. Wahrscheinlich aber war das doch nicht alles so ideal, denn die Schwester beendete den Ausflug zu schnell. Jedenfalls blieben in meinem Gedächtnis viele neue, unbekannte Eindrücke über die Orgel, ihr Innenleben und das Chor. Dieses kannte man bis dahin nur von unten, deswegen war es auch entsprechend geheimnisvoll. Am ausgeprägtesten aber blieb der Stolz, ob so einer Leistung und der Auszeichnung, welche mir mit der Auswahl der Schwester widerfahren war.
Ansonsten bleibt mir nicht viel über meine Aktivitäten in dieser Spielschule zu erzählen. Ich war eigentlich schon zu groß für sie, und fühlte mich, durch die für mich neuen Verhaltensvorschriften, eingeengt oder beschränkt. Wohl nur der Autorität der Schwestern, in ihren strengen Ordenskleidern, mit der dominierenden Kopfbedeckung, die nur das Gesicht mit einem Teil der Stirn freiließ, mit der blütenweißen Gesichtsumrandung, und dem Lila der restlichen Gewänder, ist es zuzuschreiben, daß ich hier nicht auffiel. Zwar machte ich mir Gedanken, warum die Schwestern sich so kleiden, und ob sie, wie alle anderen Frauen, auch Haare auf dem Kopf haben. Aber zu jener Zeit konnte mir das niemand plausibel klar machen.
So endete meine unbeschwerte Kindheit ziemlich abrupt an dem Tage, ab welchem ich gezwungen war, täglich zur Schule zu gehen, in Gleiwitz.

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Peiskretscham



Mein Peiskretschamer Aufenthalt war die Folge des Beschlusses meiner Eltern, aber mit weitreichenden Folgen - das sogar bis in den Nachkriegsjahre.

Es kam also der Tag im Jahre 1942, als ich von der Volksschule Nr. 6 abgemeldet wurde. Das war für mich eigentlich keine traurige Geschichte, denn mit dieser Schule verbanden mich keine guten Erinnerungen. Und im Unterbewußtsein hoffte ich auf ein "neues" Leben.  -  Also mit Vater und meinen Siebensachen, (jemand mußte das doch tragen), tauchte ich dann in Peiskretscham auf. Auf der Flurstraße 20, unweit des Bahnhofs. Es war ein Siedlungshaus, ganze fünf standen auf der Straße. Nee, dann war noch auf der anderen Straßenseite, ganz am Ende ein Privathaus, fast Villa. Aber das war dann schon die ganze Flurstraße. Sie fing im Feld an und endete daselbst. Jedes der Häuser war viergeteilt, und jeweils zwei Einwohnerfamilien teilten sich ein Wirtschaftsgebäude, das rechtwinklig zum Haus, auf seiner Rückseite angebaut war. Darin war das Plumpsklo, und ein Stall, darüber noch ein Boden, der Heuboden, untergebracht. Aus der Eingangstür des Hauses, die etwa 70 cm über der Straße lag, konnte man in einiger Entfernung die "Eisenbahnhäuser" mit dahinter liegenden Bahnanlagen sehen. Dazwischen und davor, Wiesen und Felder, die in größerer Entfernung durch einige Häuser unterbrochen wurden. Auf der Rückseite der Siedlungshäuser an der Flurstraße waren Gärten, dann der Mittelweg, Gärten und weitere Siedlungshäuser. Vorläufig jedoch für mich ganz unbekannt.
Wir wurden im Haus von Oma und den Tanten empfangen, ich bekam mein Bett, während meine Sachen an verschiedenen Stellen im Haus verstaut wurden. Man gab mir eine Menge Erklärungen, Ratschläge und Verhaltensmaßregeln - auch direkte Verbote waren leider schon dabei. Vater Hans, ob solch massiver Betreuung einverstanden oder verunsichert, verabschiedete sich alsbald und fuhr nach Gleiwitz zurück. Ich aber lernte das Haus und dessen Bewohner langsam wieder kennen - denn vorher kannte ich es nur von vereinzelten Kurzbesuchen. Ich lebte mich schnell ein, erinnerte ich mich doch an vergangene Episoden und Erlebnisse.
Umso mehr, als ich jetzt auf der Straße zwei Freunde, Paulchen Minkus und Rudi Kosok hatte. Außerdem gab es da noch den Achim, aber der war etwas älter. Im Haus, besser gesagt im Stall, gab es neben den Hühnern, Gänsen und einem Schwein, auch zwei Ziegen.

Darum jetzt auch gleich von den Ziegen. Es waren die einzigen Milchgeber im Haus, denn meine Milchkarte wurde anderweitig verwertet. (Ob in Gleiwitz bei meinen Geschwistern, oder in Peiskretscham für andere Milchprodukte, weiß ich nicht mehr). Die Ziegen wurden zweimal täglich durch Oma gemolken. Aber nur das abendliche Melken war für mich von Interesse. Aus heutiger Sicht ist es für mich einleuchtend, daß ich immer Appetit hatte. Damals war es für mich ein Zustand, der mich dazu verleitete, alles zu essen, was irgendwie eßbar erschien. Ob es nun unreifes Obst, Klacken auf dem Feld, die Früchte von der Linde, oder Mehlbeeren waren - alles und mehr noch, hatte seinen Wert. So auch die Milch. Oma sammelte sie in einem großen Glas, um dann die Sahne und den Rest unterschiedlich verwenden zu können.
Aber da habe ich mich für eine Zeit dazwischen schalten können. Aus dem Fenster der Wohnküche konnte ich Oma beobachten, wie sie aus dem Stall kam, den zweihenkeligen Aluminiumtopf im Vorbau abstellte, um freie Hände für die Endversorgung der Tiere und das Abschließen des Stalls zu haben.
Dann war meine Zeit gekommen: Ich schlüpfte schnell in den Vorbau, tat einige satte Schlücke, wischte mir den Schaumbart aus dem Gesicht, und kam mit möglichst unschuldigster Miene zurück in die Wohnküche. Nur Oma fing an sich zu wundern, daß die Tiere jetzt abends weniger Milch geben. Sie verlor sich in Spekulationen über Ernährungsfehler, mangelndem Wiesenaufenthalt, oder die Jahreszeit. Ich hielt still bis zu jenem Tag, an dem mich die Tante, die wohl einen anderen als Oma, Verdacht geschöpft hatte, mit dem Topf in der Hand erwischte. Zum Glück gab es keine große Schelte, aber die Erwachsenem haben wohl irgendwelche Schlüsse aus dem Vorfall gezogen.

Aber zuerst möchte ich über die ernsten Angelegenheiten sprechen, mit denen mein früher Aufenthalt in Peiskretscham verbunden ist.
Da war die Erinnerung an Opa und die Dohle Jakob. Ein eigenwilliger Vogel, der auf den Bäumen im Garten, oder vielleicht auch auf dem Heuboden, zu Hause war. Gewöhnlich war er mit Opa im Bunde, nur manchmal konnte er ihn auf das letzte reizen. Ich erinnere mich an so ein Ereignis im Garten. Opa pflanzte Oberrüben. Gebückt und breitbeinig stand er über dem Beet und steckte die Pflanzen in die Erde, eine lange Reihe. Hinter ihm hüpfte der Vogel, welcher die eben gepflanzten Stecklinge im gleichen Rhythmus aus der Erde zupfte und daneben sorgfältig ablegte. Opa bemerkte den Schaden erst, als er sich am Ende des Beetes, mit einem tiefen Atemzug aufrichtete, und sich umwendend, an dem gelungenen Werk laben wollte. Die Wirklichkeit bescherte ihm ein anderes Erlebnis.
Oder weiter Opa. Er war ein handwerklich sehr begabter Rentner, und hatte einen markanten, grauen Schnurrbart. Mit mir verstand er sich gut, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Also hatte sich Opa für die Pflege der Obstbäume eine gute Spritze zugelegt, auf die er sehr stolz war. Man konnte mit ihr einen weiten Strahl spritzen oder einen (fast) Nebel versprühen. Nur mußte die Pumpe, deren eigentlicher Pumpmechanismus direkt bei der Düse war, nach jeder Anwendung mit Pflanzenschutzmitteln gut durchspült und trocken geblasen werden. Man konnte mit ihr in den Baum steigen und direkt vor Ort arbeiten, während das Ende des langen Saugschlauches in einem Eimer war, der auf der Erde stand. So befand er sich mit mir, nach dem Einsatz der Pumpe, im Hof und erklärte mir gerade, wie wichtig es ist, die Pumpe sauber und ohne Wasserrückstände aufzubewahren. Er hatte sie gerade gespült und bewegte die Pumpe, bei gleichzeitig heftigen Pumpbewegungen, nach allen Richtungen. Mir wurde es etwas langweilig auf dieses effektlose Pumpen zu schauen, und schob das, im Hof liegende, Ende des Schlauchs in den Eimer. "Siehst du, so macht man das, so..., da kommt sogar noch Wasser raus, richtig Wasser..." Er hörte auf zu reden, zu pumpen und drehte sich um. Sah die Bescherung, und fing an zu schimpfen: "Du Lausbub, du miserabler Junge", und vielleicht noch ein paar andere Worte. Dabei hatte ich mir doch nichts Schlimmes gedacht - und die Pumpe war doch jetzt sogar noch besser ausgespült!!!
Irgendwann ging es Opa nicht gut. Er kränkelte, lebte zurückgezogen, und war nur bei schönem Wetter draußen. Er hatte seinen Liegestuhl, in dem er im Garten, oder wenn es windiger war, im Hof schlummerte. Vielleicht dachte er dann auch an sein Leben, an das was er erreicht hatte. Aus armen Verhältnissen stammend, hatte er es zu einem Beruf gebracht (er ging als Oberschaffner in die Pension), seiner zahlreichen Familie ein Zuhause gegründet, und allen Kindern eine gute Startmöglichkeit für's Leben geschaffen.
Durch seine handwerklichen Fähigkeiten und seinen Schaffensdrang, waren im Laufe der Jahre viele kleine und größere Werke im und um das Haus entstanden. Vor die hintere Hauseingangstür, hatte er geschickt eine Wärme- und Schallschleuse gesetzt: den Vorbau. Ein kleines, verglastes Vorzimmer, das zusätzlich für verschiedene Zwecke genutzt werden konnte, so z.B. für die Aufbewahrung von Schuhen.   -    Dann war die schöne Laube im Garten, genauer gesagt eine kunstvolle Überdachung der kleinen Brücke, die über einen fußtiefen Graben im Garten, aufgestellt war. Sie stand auf vier Pfeilern, hatte die Gestalt eines barocken Kirchturmdaches, und endete mit einer goldenen Kugel samt Spitze. Das Geländer war so ins Bauwerk eingearbeitet, daß das Ganze, einer Pagode ähnlich, trotzdem Laube genannt wurde.
Dann war der Schuppen. Eine Verlängerung des Wirtschaftsgebäudes. Erstellt aus ausrangiertem Eisenbahnholz, mit Pappe bedeck,t und einer ordentlichen Tür ausgestattet. Über sein Dach konnte man in den Heuboden, den oberen Teil des Wirtschaftsgebäudes, einsteigen. Das Dach diente auch zum, Heutrocknen, denn alles Grüne im, und um den Garten, wurde skrupulant gesammelt, für die Winterversorgung der Tiere. Rechts im Schuppen war eine Werkzeugbank mit dem Schraubstock, darüber und daneben ein Regal mit vielen Fächern. Links war der Hackklotz, daneben der Haufen mit dem Brennholz und im Hintergrund verschiedenes Holz, zum größten Teil zukünftiges Brennholz.
... Das Innere des Wirtschaftsgebäudes war in seinem ganzen Volumen ausgenutzt. Opa hatte sich da einiges einfallen lassen, um das lebende Inventar gut, und zugleich pflegeleicht unterzubringen. Da war rechts der Ziegenstall, links der Schweinestall. Davor das Hühnerabteil mit separatem Eingang für die Hühner über die außen stehende "Hühnerleiter". Dann war noch der bequeme Eingangsbereich, und die zweite, im Winter anzubringende innere Tür, welche die Klimaverhältnisse im Stall verbesserte. Der Boden des Ziegen- und Schweinestalls war aus Holz, denn darunter war der Abfluß für die wässrigen Ausscheidungen, der direkt in die Jauchengrube führte. Die Decke des Schweinestalls war abgesenkt, und darüber der Stroh- und Heuvorrat. Das Hühnerabteil war zweistöckig, durch den separaten Eingang konnten die Hühner nach oben, zu den Schlafstangen, oder auf den mit Asche ausgeschütteten Boden oder der kleinen Empore mit Nestern zum Eierablegen.
Dann kamen die vielen kleinen Sachen, an denen Opas Handschrift haftete: im Keller oder auf dem Boden, Im Wohnbereich oder Garten, überall hatte er vorgesorgt. So kann man wohl annehmen, daß er jetzt im Hofe liegend, mit Genugtuung an vieles denken konnte. Für mich waren es Sachen, die einfach da waren. Leider auch so selbstverständlich betrachtete ich Opas Krankheit. Nach dem Motto: Wenn man alt wird ist man auch krank. Daß die Hausbewohner es etwas anders sahen, braucht hier nicht angemerkt zu werden.
So kam der Tag, als der Arzt Opas Überweisung ins Krankenhaus veranlaßte. Ich war dann noch bei ihm zum Besuch, einmal oder zweimal. Es war so fremd: Opa in einem hohen, weißen Zimmer. Einsilbig und gar nicht mehr der Opa, den ich kannte, der mir im Gedächtnis bleiben sollte. Denn kurz danach gab es zu Hause verstörte Gesichter, Weinen. Opa ist gestorben. Es war der 24.10.1942.
Für mich war dann die ganze Periode um Opas Krankenhaus und Tod wie aus dem Kopf radiert. Ich kam wieder zu mir, als ich, als einer der Trauergäste, an Opas Grab stand. Der Priester sprach, die Leute standen und hatten rote Augen. Viele hatten Taschentücher in ihren Händen, und in mir machte sich ein bisher unbekanntes Gefühl bemerkbar. Da kam etwas von unten hoch, würgte, drückte meine Kehle zusammen. In den Augen tat sich was. Ich dachte: ein Junge weint doch nicht. Doch dann sah ich Opa im Hof, im Garten, zu mir sprechend. Ich wollte es nicht, doch es geschah: Das Würgen löste die Tränen aus. Ich drehte mich zur Seite um die Tränen mit dem Handrücken abzuwischen. Doch die nächsten kamen, auch dann noch, als der Sarg hinab gelassen wurde. Erst als ich mit Mutter und Maria zum Ausgang des Friedhofs schritt, als die Leute wieder sprachen, versiegten sie. Und dieses unmögliche, unbekannte Gefühl verschwand.

Der Alltag stellte sich wieder ein, für mich wohl schneller als für die anderen Erwachsenen. Ich ging zur Schule, hatte meine Freunde und Pflichten zu Haus. All das brachte Normalität. Ich dachte nicht an Krieg und Tod, konnte die Sorgen der Älteren nicht in vollem Ausmaß nachempfinden. Deren Sorge galt jetzt mehr als bisher dem Onkel Willi, der an der Ostfront war.
Wilhelm Langer, geboren im Jahre 1916, war für mich der Onkel Willi. Ich kannte ihn zwar nur wenig, aber es waren angenehme Erinnerungen. Sogar daran, als ich einmal von ihm und Hubert, in den Beiwagen des Motorrads gesperrt wurde, mit welchem Onkel Willi zu einem Kurzbesuch nach Peiskretscham kam, wo gerade auch ich zu Besuch weilte. Es war noch vor meiner Peiskretschamer Zeit, und Hubert hatte dort gerade seinen Gastauftritt. Ich war sechs oder sieben Jahre alt, natürlich technisch interessiert und so war es kein Wunder, daß ich mich im Beiwagen des Motorrades befand. Nur Hubert wollte seinen Spaß haben, zog die Schutzplane über den Beiwagen, und befestigte sie wohl mit Onkel Willis Hilfe so, daß ich eingesperrt war, und mich nicht befreien konnte. Es gab Gelächter, dann wurde es stiller und Onkel Willi verkündigte laut, daß er nun zurück müsse. Von mir schien er vergessen zu haben, ließ den Motor an, in dessen Lärm mein Schreien womöglich unterging. In mir brachen Panikgefühle aus, als ich das nun fahrende Motorrad spürte. Derweil drehte er eine Runde, blieb stehen, und befreite mich aus meinem Gefängnis gerade vor den lachenden Zuschauern. Es wurde mir peinlich..., ich stieg aus und verschwand beleidigt.
Dann kannte ich Onkel Willi aus vielen Erzählungen der Erwachsenen. Hauptsächlich kannte ich ihn von einem Heimaturlaub. Es war 1942, als er für ein paar Tage nach Hause kam. Er sollte an die Ostfront (oder war er schon dort?). Im Haus stand alles Kopf. Kuchen wurde gebacken, sogar Bohnenkaffee gab es - natürlich nur für die Großen. Eine Flasche Champagner fand sich ein und ich war an dem schäumenden Getränk, um das es so viel Aufsehen gab, überdurchschnittlich interessiert. So kam es, daß ich an einem Glas nippen durfte. Aber ich war enttäuscht. Viel schlechter als gewöhnliche Limonade! Fast bitter oder sauer. Jedenfalls blieb es noch eine Bestätigung für die Unberechenbarkeit der Erwachsenen: Nicht einmal auf ihren Geschmack konnte man sich verlassen!
Es gab viele Besucher und endlose Gespräche. Hauptthema war natürlich der Krieg. Man sprach über die Opfer und das Leid der Menschen. Peiskretscham war auch schon deutlich betroffen. Als man von den Gefallenen sprach, erinnerte ich mich an das Heldendenkmal in der Stadt: Es war aus Stein und hatte oben einen ehernen Adler mit einem Lorbeerkranz. Unter einem Eisernen Kreuz waren auf Metalltafeln die Namen der Peiskretschamer Gefallenen des ersten Weltkrieges aufgelistet. Und ich erinnerte mich an die weißen Holztafeln mit dem aufgemalten Eisernen Kreuz, die im Vorraum der Kirche hingen. Erst war es eine gewesen, dann reichte der Platz auf ihr nicht mehr für die im Krieg Gefallenen aus. Weitere Tafeln, mit immer neuen Namen, mit schwarzer Lackfarbe geschrieben, kamen hinzu.
Bei den Gesprächen mit der Familie blieb ich immer der aufmerksame, aber stille Zuhörer. Die Erwachsenen konnten mich, den in der Ecke des Wohnzimmers, auf der Ritsche kauernden, oder direkt auf dem blankpolierten Linoleum liegenden, jungen Menschen, total vergessen. Dann hörte ich von Onkel Willis Erlebnissen, von fremden Städten und Menschen. Und von der Angst, die unausgesprochen ein ständiger Begleiter aller Erwachsenen zu sein schien. Am stärksten kam das bei den Gesprächen über die Russen zum Ausdruck. Die Propaganda befaßte sich oft mit den Grausamkeiten der "Unmenschen", und Onkel Willi hatte in dieser Hinsicht seine eigene, vorab gefestigte Meinung: "Hier, in dieser Pistole", er zog die Pistole aus dem am Stuhle hängenden Halfter, "bleibt immer eine letzte Kugel, die für mich. Denn in Gefangenschaft bekommen sie mich nicht!" Das war eine überzeugende Demonstration.
Der Urlaub war kurz. Dann kam die Nachricht über seine Verwundung. Am 22.6.42 wurde er durch einen Granatsplitter am Oberschenkel verwundet. Er war im Feldlazarett, kam aber nicht nach Haus. Sogar der Tod seines Vaters, die Beerdigung, waren kein ausreichender Grund für einen Heimaturlaub. Die Kriegshandlungen an der Ostfront wurden intensiver, mit ihnen die Sorge der Tanten und der Oma um Onkel Willi. Die täglichen Siegesmeldungen, denn nur solche gab es zu jener Zeit vom Oberkommando der Wehrmacht, konnten die unguten Gefühle meiner Erwachsenen kaum verringern. Manchmal versprach man sich dadurch ein schnelles Ende des Krieges, ...noch. Doch schon bald sollte es anders kommen. Für mich, unsere Familie war es der Februar 1943. Die Tanten gingen mit besorgten Gesichtern ihren Pflichten nach, und zerstreuten, wohl nicht zu effektiv, Omas Sorgen. Deren Instinkt aber ließ sich nur schwer betrügen Und so war die Nachricht über die erneute, diesmal schwere, Verwundung Onkel Willis vom 25.1.1943, bald publik. Die Stimmung im Haus wurde jetzt zusätzlich durch die Sorge geprägt, daß ein neuer Brief, diesmal mit einem noch schlechteren Inhalt, kommen könnte.
Und er kam, das heißt Tante Trudel brachte ihn weinend aus der Arbeit, wo er ihr durch den Postvorsteher ausgehändigt wurde. Es waren markante Briefe mit so einer Nachricht, sie bedeuteten für den Briefträger eine schwere Mission. Der Tod von Onkel Willi, am 18.2.1943, die Trauer und Niedergeschlagenheit der Erwachsenen, machten auch mir schwer zu schaffen. Es war fast so, wie damals beim Opa.
Jetzt gab es wieder dunkle oder schwarze Kleidung. Die Umstände seines Todes, seine letzten Tage, waren die Themen der Tage. Man klammerte sich an die tröstenden und klärenden Worte des Briefes, des für ihn verantwortlichen Arztes. An die Umstände, die Onkel Willi die Tage nach seiner Verwundung leichter gemacht haben sollten. Seine Verwundung war sehr schwer gewesen, und die letzten Tage lebte er schon ohne Bewußtsein. Er wurde auf dem Ehrenfriedhof bei der Schule in Tosno, an der Rollbahn Leningrad-Moskau, 300 Meter nördlich der Brücke im Grab Nr. 1030 beigesetzt.
In Peiskretscham gab es eine Messe, die seinem Gedenken gewidmet war. Es kamen viele Leute, alle Verwandten aus Peiskretscham und Umgebung, aus Tost und Gleiwitz. Man redete von ihm. Er war allgemein beliebt gewesen, der Jüngste in der Familie. Seine Sachen, sein persönliches Eigentum war auch angekommen. Seine Briefe, Photographien, seine Uhr, Ring und Wehrpass. Dieser mit allen Daten, auch den allerletzten. Irgendwo war auch sein Testament. Ich habe es niemals gesehen, aber Tante Trudel besorgte die daraus resultierenden finanziellen Obliegenheiten. Alle seine Neffen und Nichten bekamen von seinem Konto jeweils 100 RM. Ich war mit ihnen garnicht glücklich. Es war ein sehr trauriges Geld, und ich hatte von ihm (wie auch dem vor- und nachher ersparten) keinen Nutzen. Der Krieg hatte es verhindert.

Denn schon zu jener Zeit, dem Jahre 1943, bekam das Geld mehr und mehr einen nur symbolischen Wert. Alles was man zum Leben brauchte, war reglementiert. Denn es gab Lebensmittelkarten, Raucherkarten, Kleiderkarten, und Bezugsscheine für unregelmäßig gebrauchte Güter, also Schuhe, Mantel oder dergleichen. Die Punkte der Kleiderkarten bestimmten, wann der neue Anzug fällig war, die Fleischkarten ob Wurst aufs Brot kam. Ob man dieses hatte, bestimmten die Mehlkarten. Aber dafür bekam man auch die Semmeln. So wurde das Geld nur eine reine Zugabe zu den Karten, denn nur diese bestimmten, was man überhaupt kaufen konnte. Das Warenangebot wurde immer karger, die Läden immer leerer. Für mich war es im allgemeinen nicht so sichtbar. Die Änderungen traten langsam ein - und ich war letztendlich kein Einkaufsprofi. Die wenigen flüssigen Geldmittel, über welche ich als 10- oder 11jähriger Bursche verfügte, versuchte ich sowieso immer in Lebensmittel umzuwandeln. Wahrscheinlich war das ein Anzeichen für einen größeren, als mir zugestanden, Bedarf an Nahrung  -   oder war es nur eine Modeerscheinung? Alle meine Kameraden hatten nämlich ähnliche Probleme.
So wurde jeder Gang zur Schule, in die Stadt, oder gar nach Gleiwitz, immer von Versuchen begleitet, die 20 oder 30 Pfennig die man gerade hatte, in Bäckereien oder Konditoreien in Kuchen- oder Waffelreste umzusetzen. Manchmal konnte man so sogar eine Semmel erhaschen! Ich habe diese Möglichkeit, an etwas Eßbares zu gelangen von Älteren erfahren, und nutzte sie, wann immer ich Kleingeld hatte. Und das konnte man bekommen, oder sich verdienen.
Da gab es Onkel Karl. Er steckte mir öfters etwas zu, auch gegen die Stimmen der Tanten. Dafür war ich gern bereit, auch für ihn etwas zu tun. So z.B. das Fahrrad putzen. Nicht ganz uneigennützig, muß ich sagen. Ich lernte heimlich darauf zu fahren. Es war ein großer Bock, und es ging nur unter der Stange. Unbequem und unfallträchtig. Daraus resultierende Blessuren erkannte man eher bei mir, als am Fahrrad. Denn das hielt einiges aus. Es war solide und nicht mehr ganz neu. Leider holte es Onkel Karl zu selten nach unten - aber er war ja auch ewig in der Arbeit.
Deswegen "durfte" ich auch Schuhe putzen. Das war nicht immer so angenehm und machte viel Arbeit. Die Straßen waren unbefestigt, bei nasser Witterung erkannte man das an den Schuhen. Also: erst den groben Schmutz abbürsten, mit Schuhcreme einschmieren und dann auf Hochglanz polieren. Ganz schön anstrengend und atemraubend. Dann noch die verschiedenen Farben: für jede einen extra Lappen, eine extra Bürste und noch extra Creme. Es war extrem langweilig. So kam es, daß ich irgendwie darauf kam, daß Onkels schwarze Stiefel, auch ohne Creme wieder schön schwarz werden, wenn man sie ohne Schuhpaste, aber mit dem Lappen und Spucke behandelt. Das ging deutlich schneller. Also spuckte ich und rieb. Gerade als ich damit fertig war, kam Onkel Karl in den Hof, wo ich arbeitete. Er sah das gute Werk, belobigte mich ob der effektiven und schnellen Arbeit, und gab mir paar Münzen. Doch die gute Stimmung sollte schnell umschlagen. Denn als Onkel seine Stiefel mitnehmen wollte, waren sie auf einmal grau, mit vielen Spuren. Er war im ersten Moment schockiert, wußte aber bald des Rätsels Lösung. Gut, daß er friedlich blieb und ich nur nacharbeiten mußte. Diesmal nach allen Regeln der Kunst.

Damals, als das Essen niemals im Überschuß da war, fühlte man das als Kind besonders. So war man immer, wenigstens im Unterbewußtsein, auf der Suche nach etwas Eßbarem. Im Schulhof gab es eine Menge junger Lindenbäume, und deswegen konnte man im Herbst, in den Pausen, die "Lindennüsse" zusammenklauben, sie dann knacken und den winzigen Inhalt verzehren. Dann gab es im Stadtgebiet einige Hecken mit Mehlbeeren, wenn die gut reif waren, schmeckten sie erstklassig. Nur durfte man nicht zuviel davon essen. Man bekam es mit Übelkeit oder Gaumenbrennen zu tun. Von den regulären Gartenfrüchten, welche mir zum Opfer fielen, will ich garnicht reden. Dann gab es einen Rübenart auf den (manchen) Feldern, Klacken nannte man sie. Hin und wieder bekam man so eine, sie wurde zu zweit oder dritt verspeist.
Eine gute Gelegenheit zum "sich-satt-essen" boten die Kartoffelfeuer im Herbst. Aus den auf dem Feld gebliebenen, trocknen Kartoffelpflanzenresten, wurde ein Feuer gemacht, und viele (kleine) Kartoffeln in die Asche geschmissen. Also war ich bei jedem Kartoffelfeuer dabei.
Sonst war das Essen ziemlich eintönig. Der Garten blieb die Haupternährungsstelle der Küche. Da wurde alles verwendet, gekocht, gedünstet und gebraten. Schlimm wurde es, wenn größere Mengen einer Art anfielen. Verderben durfte nichts. Also einmachen. Schlimm wurde es beim Kürbis! Man konnte garnicht so viel essen und einmachen. Kürbis als Suppe, als Kompott, als Gemüse. Es gab Kürbistorte und Kürbiskuchen, es gab gebratenen und getrockneten Kürbis. Es war ein Elend!
So vergraulte man mir den Kürbis wohl fürs ganze Leben. Sogar die unschuldige Ananasfrucht, die ich viele Jahre später kennen lernen sollte, mußte darunter leiden. Die Saison für andere Gartenfrüchte waren da schon kleinere Katastrophen. Die wurden leichter verkraftet.
Das Übergewicht der vegetarischen Kost führte bei mir wohl zu verschiedenen "Mangelerscheinungen", die ich unterbewußt wohl auszugleichen versuchte. Es kam vor, daß ich die von Oma im Schrank vorbereiteten Frühstücksbrote vertauschte, meine mit denen von Tante Trudel. Oma wunderte sich dann über die Zerstreutheit, wenn Tante vom Käse sprach, während ihr Oma doch Wurst vorbereitet hatte. Ich sagte nichts. (Diese waren durch die Praxis der Lebensmittelkarten sanktioniert: Ein Arbeitender bekam mehr Fleischwaren als ein Kind, ein Kind bekam mehr Milcherzeugnisse. Trotzdem es bei uns über längere Zeiten überhaupt keine Fleischkarten gab - denn einmal im Jahr gab es Schweineschlachten - hatte diese Verteilerpraxis offenbar auch hier Fuß gefaßt).

Das Fahrradfahren war meine Passion. Überhaupt sich mit einem Fahrzeug bewegen zu können, erzeugt schon Emotionen. Mochte es auch klein sein, wie Paulchens Roller, nein, sogar Tretroller. Paulchen bekam irgendwann so einen geschenkt, sehr schick - und das einzige Gefährt auf unserer Straße. Eine technische Errungenschaft, orangenrot, mit einem schönen Lenker, Gummigriffen und einer Klingel - er sah sehr solide aus. Denn das Tretbrett war dazu mit profiliertem Gummi belegt. Natürlich wurde es als Privileg betrachtet, wenn man auf diesem Roller fahren durfte. Ich durfte, auch dann, als er schon etwas älter war, und die "Hinterradbereifung", welche natürlich aus hartem Gummi bestand, sich abgenutzt hatte. Wir fuhren aber weiter auf dem Rad mit mangelnder Bereifung, mit zwei scharfen Rändern, welche ehemals den Gummi aufgenommen hatten, jetzt aber zwei Striche auf der Erde hinterließen. Ich hatte dann das Pech daß mein, natürlich schuhloser Fuß, mit der Ferse das Rad berührte, und das dann dort auch zwei blutige Striche hinterließ. Es war meine letzte Fahrt auf diesem Vehikel, denn ich humpelte dann noch längere Zeit.
Wesentlich bessere Erfahrungen machte ich mit Tante Trudels Fahrrad. Es war ein schönes, fast neues Damenrad. Deswegen für mich sehr bequem zu fahren, streckenweise konnte ich sogar im Sattel sitzen. Ich putzte es natürlich, aber nutzte auch jeden Augenblick, in dem ich mich unbeobachtet glaubte, zu einer kleinen Fahrt. Wenn aber die Erlaubnis, oder kein direktes Verbot vorlag, dann ging es sofort die Straße auf und wieder ab, besser rund um die Felder vor dem Haus, eine Runde von ein paar guten Hundert Metern. Es hatte sich eingebürgert, daß ich zur Mittagszeit - wenn ich zu Hause war - das Fahrrad putzte, mit dem die Tante zur Mittagspause kam. Wenn ich dann fertig war, konnte ich noch paar Runden drehen und öfters Streckenrekorde aufstellen. Dabei ist allerdings einmal etwa Unvorhergesehenes passiert. Gut nur, daß es außer einem riesigen Schreck, und einer Beule bei mir, ohne Konsequenzen blieb.
Da war das Rad wieder mal sauber, ich legte den Lappen auf der Treppe vor dem Hause ab, und schwang mich auf's Rad. Mit Tempo hinunter zum Bahnhof, dann die holprige Straße bis zum vorletzten Eisenbahnhaus, dann links auf den Feldweg, der wiederum zur Flurstraße führte. Dieser Feldweg war das angenehmste Stück der Strecke, denn auf ihm schlängelte sich ein schmaler, aber ausgefahrener Trampelpfad in sanften Bögen - vom Anfang bis zum Ende. Hier konnte man größere Geschwindigkeiten entwickeln, es holperte nicht und die sanften Kurven vermitteln dieses unbeschreiblich schöne Fahrgefühl ganz deutlich. Hier spürte ich mein immer perfekteres Können, es waren Zustände wie im Rausch.
Dann wieder am Haus vorbei: Tante Trudel wartet noch nicht. Also weiter in die nächste Runde! Hier muß noch gesagt werden, daß die Bogen des Feldweges jeweils um dort aufgestellte Telegraphenmasten führten. Einer von ihnen hatte einen schrägen Stützmast, so daß er ein verkehrtes "V" bildete. Und der Pfad führte zwischen den beiden Masten durch. Also sauste ich auf dem glatten Weg, immer am Kornfeld entlang, und spähte hin und wieder in Richtung Haus: Steht dort die Tante und wartet? Und eben in so einem Augenblick überraschte mich der schräge Mast. Er stand zu weit rechts, deswegen erwischte er die Lampe, den Lenker und meinen Kopf. Es schepperte gewaltig. Das Resultat: Ein auf dem Erdboden liegendes Fahrrad, daneben der etwas benommene Fahrer. Und ganz schlimm, die Lampe starrte mich mit einer dunklen Höhle an - so etwas hatte ich bisher nicht gesehen. Das Glas, das ganze Vorderteil ist weg!  Einen Augenblick später: Da liegt es doch zwischen den Halmen, das Glas mit dem verchromten Ring und dem Reflektor! Und es ist ganz! Nur ganz leicht verbeult. Ich schaute mich um, keine Tatzeugen. Erleichterung. Aber in dem Moment der Gedankenblitz: Tante wartet, sie will zur Arbeit! Mein Gott! - Wie kriegt man das Rad heil? Die Lampenteile zusammengepaßt, etwas drücken: sie rasten ein! Ein Stein fällt mir vom Herzen. Abwischen. Das Rad etwas fortführen. Dann merke ich es: Das Vorderrad zeigt nach rechts, während der Lenker geradeaus vorgibt! Wieder ein Stich in der Herzgegend. Aber dann erinnere ich mich, wie Onkel Karl so eine Macke behoben hat. Man klemmt das Vorderrad zwischen die Beine und richtet den Lenker mit beiden Armen. Erster Versuch, nichts rührt sich, die Beine gehen auseinander. Zweiter Versuch, schon mit der Kraft der Verzweiflung (Tante wartet). Und es klappt. Dann merke ich, daß auf der linken Kopfseite eine Beule gewachsen ist. Aber das ist jetzt eigentlich bedeutungslos. Ich steige auf, das Fahrrad fährt.
Tante Trudel wartet wirklich, ist aber noch nicht böse. Also schön geschickt von rechts heranfahren, immer nur das Profil zeigen, dann das Fahrrad in Tante Trudels Hände schieben und hoffen, daß die Beule unbemerkt bleibt. Und es klappt. Tante ist in Gedanken, ermuntert mich routinemäßig zu den Schulaufgaben und fährt los. Uff...!  Die Beule am Kopf wurde später zwar gesehen, aber nach einer enigmatischen Erklärung: Balken, Schuppen, ohne Hinterfragung ad acta gelegt. Ähnlich wurde die Delle am Lampenring totgeschwiegen; vielleicht dachte die Tante, daß es während des Parkens auf der Post geschehen war.
Wie erlösend der Gedanke, daß diese Komplikationen aus der Welt geschafft sind!!!

Die Äpfel. Damals kannte ich noch nicht dieses Sprichwort von Nachbars Äpfeln. Denn wortwörtlich betraf es mich auch nicht. Erstens hatte er schlechtere Äpfel, und zweitens war der Maschendrahtzaun ein undankbares Kletterobjekt. Es ging halt nur um verbotene Früchte.
Im Garten, wie schon früher im Paradies, gab es auch diese verbotenen Früchte. Das waren die auf noch nicht gepflückten Sträuchern, oder unreife Stachelbeeren, das waren die Bäume, deren Obst eingemacht, oder in einer anderen Art den Winter überdauern sollten. Nun gerade diese reizten mich besonders vor allem, wenn ich in irgend einer Mission von zu Hause fortgeschickt wurde, und für längere Zeit unterwegs war.
Im Garten gab es zwei Arten von Äpfeln. Die Augustäpfel, auf dem großen, tiefverzweigten Baum im Hinterteil des Gartens, und rotbäckige Winteräpfel auf einem hochstämmigen Baum, welcher aber ganz vorn im Garten stand. Seine Krone konnte man sogar über den Bretterzaun des Hofes, aus dem Küchenfenster sehen. Die Augustäpfel waren zwar schmackhaft, aber es waren ihrer viele, welche schon im Juli als Fallobst gesammelt wurden, und im Vorbau, auch für mich, zum direkten Verzehr ausgelegt waren. Deswegen waren die Winteräpfel zu jener Zeit gleich mit einem doppelten Bann belegt: Sie waren unreif, sprich ungesund, und sollten im Spätherbst, die speziell dafür angefertigten Regale für Wintervorräte, im Keller auffüllen.
Für mich waren sie deswegen doppelt begehrenswert. Sie waren schön und sehr aromatisch, daß sie dabei gleichzeitig steinhart und supersauer waren, störte mich nicht. Außerdem war die Beschaffung eines jeden Apfels ein Abenteuer, und das machte sie noch schmackhafter. Man konnte diese Äpfel nicht einfach vom Baum schütteln, dafür war er zu dick, außerdem hangen sie noch fest. Blieb nur das Heraufsteigen. Aber zu diesem Zweck konnte man nicht direkt in den Garten gehen. Die Tante im Fenster, oder Oma im Hof, hätten das zu leicht bemerken können. Da mußte der Überraschungseffekt angewandt werden. Wenn ich also irgendwo weggeschickt wurde, stieg ich hinten über den Zaun in den Garten, pirschte mich zum Baum und holte ich mir dann einen zwar sauren, aber würzigen Apfel. Und paßte auf, daß ich nicht beim "Diebstahl" erwischt wurde. Unterwegs hatte ich dann genügend Muße, den harten Apfel genüßlich klein zu kriegen.
Vielleicht schmeckte er auch gerade deswegen so gut, weil es eine verbotene Frucht war? Nur Wasser sollte man danach nicht trinken, so sagte man.

Zu jener Zeit, oder noch etwas früher, hatte ich ein naß-kaltes Erlebnis. Es war noch im Frühwinter. Sonntags ging ich immer zur Kirche, in die Jugend- und Kindermesse. Oma und die Tanten gingen zu einer der Frühmessen. An diesem Sonntag hatte schon der Frost das Sagen, trotzdem es noch keinen Schnee gab. Der Weg zur Kirche (es war die St. Nicolaus, die einzige in der Stadt), führte aus dem Siedlungsgebiet um die Flurstraße, über die Promenade am alten Friedhof, dem Platz mit dem Kriegerdenkmal vorbei, direkt in die Kirche. Der interessanteste Teil des Weges war die Promenade. Viele Bäume und Sträucher, die weite Aue der Drama, und gewöhnlich wenig Menschen. Man war da also freier, und konnte mehr unternehmen. Denn auf der Promenade gab es drei Brücken: Über die kleine Drama, die in Wirklichkeit nur ein breiterer Graben war, über die Drama und noch eine kleine Steinbrücke über einen Zufluß aus der Stadt. Eigentlich war nur die Dramabrücke - eine Holzkonstruktion belegt mit schweren Brettern - und einem massiven Holzgeländer, eine richtige Brücke, über einen richtigen Fluß. Die Bretter ragten unter dem Geländer heraus und zur Not konnte man die Brücke auch jenseits des Geländers überqueren. Natürlich mußte man sich am Geländer festhalten, aber es blieb ein kleiner Nervenkitzel. Und manchmal ein Schiefer in der Hand.
Ich war Sonntags immer besser, als alltäglich zur Schule gekleidet, d.h. ich bekam die neuen Schuhe, die neuen Strümpfe, und den grünen Lodenmantel. Darunter aber war schon die alltägliche Kleidung. Der Rückweg aus der Kirche war immer angenehmer als der Hinweg. Man mußte nicht ganz so pünktlich sein, außerdem gab es immer Weggefährten. Man konnte Meinungen austauschen, oder etwas gerade Wichtiges besprechen. An diesem Sonntag war es das Thema Eis. Also Schlittschuhe (manche hatten die), auf dem Eis schliddern, oder einfach nur fachsimpeln wo, und warum es schon trägt. Bei der Drama angekommen, bestätigte sich die morgendliche Beobachtung, daß sie noch nicht ganz zugefroren ist. Nur die Ränder, wo es fast stillstehendes Wasser gab, waren mit Eis bedeckt. Die Mitte wurde durch die kleine Strömung freigehalten. Da es flußabwärts eine Mühle gab, war die Drama im Bereich der Promenade aufgestaut, und nahm die ganze Breite ihres Bettes ein. Deswegen war sie auch tiefer als stadtaus- und flußaufwärts, wo sie nur knietief war. Und es gab hier Fische, welche man von der Brücke aus sehen, aber nicht fangen konnte. Vom Angeln habe ich schon gehört, aber eben nur gehört. Wie von vielen anderen Dingen auch.
Da das Eis nur teilweise vorhanden war, wollten wir es wenigstens auf seine Tragkraft untersuchen. Ich, meine Kollegen auch, begaben uns an das grasige Ufer des Flußes und probierten, was man mit dem Eis anstellen konnte. In den kleinen Uferbuchten, welche sich hinter den Pfählen der Uferbefestigung gebildet hatten, war das Eis fest. Man konnte sogar darauf stehen. Jemand hatte die Idee, eine größere Scholle abzubrechen und in die Mitte hinausstoßen. Es ging so einigermaßen, man leistete sich Nachbarschaftshilfe, hielt sich gegenseitig. Ich stand mit einem Bein auf so einem Pfahl, und versuchte mit dem zweiten Fuß ein Loch ins Eis zu treten. Es krachte so schön, wenn es gelang, nur mußte man aufpassen, daß der Schuh nicht naß wurde. Es klappte so hervorragend, daß ich risikofreudiger wurde. Bis es mich erwischte. Das Standbein rutschte vom Pfahl, durchbrach das Eis und landete im hier nur gut knöcheltiefen Wasser und Schlamm. Nur das andere! Es war nämlich über dem tieferen Wasser, durchbrach das Eis gerade in diesem Moment, und ich im halben Spagat, tauchte es bis zum Oberschenkel ins kühle Naß. Nur ganz kurz, denn ich warf mich zurück (oder die mich haltenden Hände taten das - weil die Nachbarschaftshilfe eben funktionierte) und stand auf der gefrorenen Wiese und schaute meine Beine etwas ratlos an. Es war kein erfreulicher Anblick. Der linke Schuh mit Schlamm und naß, während der rechte Fuß fast bis zum Körper naß war. Der Mantel war auch in Mitleidenschaft gezogen worden, denn es tropfte, aber schlimmer, es wurde empfindlich kalt. Die Ratschläge der Anwesenden, aber dominanter noch das Kältegefühl, übertönten die Gedanken ob der Schelte zu Hause, und ließen mich im Galopp, zusammen mit meinem Gefolge, den Heimweg antreten.
Es war eine lange Strecke, der Frost verursachte ein brennendes Gefühl auf der Haut und Eisansammlungen auf den Schuhen und losen Kleidungsstücken. Der Strumpf fing zu dampfen an, und in der frostigen Luft sah das direkt schaurig aus. Es befielen mich unangenehme Assoziationen; ich erinnerte mich an Geschichten von Polarforschern, über abgefrorene Nasen, Beine und Hände, über Amputationen. Ich lief noch schneller und mir wurde richtig heiß. Die Genossen verkrümelten sich im Laufe des Weges, und ich stand dann allein vor der Tür der Flurstraße 20. Die Sonne hatte ich im Rücken, während ich die Klingel drehte. Tante Eva öffnete und sah die Bescherung erst, als ich im Flur war. Dann agierte sie zum Glück richtig und schnell. Keine Schelte, sondern nasse Sachen ausziehen, im Flur lassen und ab in die Küche zum warmen Ofen. Einen Augenblick später die Schüssel mit heißem Wasser für das Fußbad und ebensolchen Tee gegen Erkältung.
Meine eben noch so manifesten Ängste wegen Amputationen und dergleichem, verflüchtigten sich ziemlich schnell, und eine halbe Stunde später saß ich schon mit den anderen beim Mittagstisch. Auch danach gab es keine nennenswerten Schwierigkeiten mit den Erwachsenen, gesundheitliche auch nicht, und so löste sich dieses Erlebnis letztendlich in Zufriedenheit auf.

Meine Phantasie, die mir bei meinem letzten Erlebnis so schlimme Sachen vorgegaukelt hatte, wurde hauptsächlich durch die Literatur genährt. Aber auch Gespräche der Erwachsenen, die ich gewöhnlich ungewollt, (aber wenn's interessant wurde schon betont desinteressiert), mitanhörte, waren dafür verantwortlich. Da hatte ich diesen Komplex über das Kinderbekommen. Nach der rüden Aufklärung meines womöglich älteren Kollegen in Gleiwitz im Zusammenhang mit dem Storch und Harald, saß etwas in mir, was mich beunruhigte. Er hatte zwar schon erfahren, daß Frauen die Mutter werden sollen, die Kinder zur Welt bringen. Daß sie sie "unter dem Herzen tragen" wie ein aufgeweckterer, und nicht so primitiver Kollege mir erklärt, und sogar die Position des jungen Lebens im Mutterleib eindrucksvoll dargestellt hatte. Aber so richtig konnte ich mir das nicht vorstellen, denn die Hauptfrage blieb offen: Wie kommt das Kind zur Welt, aus dem Bauch raus? Öffnet sich bei der Frau der Nabel? Denn von der Nabelschnur war schon mal die Rede. Und im Bauch ist das Kind auch, denn warum sollten die werdenden Mütter einen so dicken Bauch haben? Ich beteiligte mich schon mal an dem Spiel meiner Klassenkameraden, dem Zählen von Frauen mit einem dicken Bauch. "Ich habe heute drei gesehen" lautete die Meldung, "ich vier" wurde er überboten. Ob dabei geschummelt wurde, konnte man sowieso nicht nachprüfen. Jedenfalls blieb das Thema: Frau, Mutter, Kind in diesen Jahren aktuell.
So auch wurde die Beobachtung eines älteren Jungen, der eine, allen bekannte Frau während des Treppenwischens von unten beobachtete, breit kommentiert. "Ich sage euch, die hatte nichts unter dem Kleide an, und ich konnte es ganz deutlich sehen, es war ein schwarzer Urwald." Na so was! Was sollte das bedeuten? Ich kannte die Unterschiede im Körperbau von Jungen und Mädchen. Einige Male hatte ich schon beim Wickeln kleiner Mädchen zugeschaut und wußte, daß die anstatt des Pimmers einen kleinen Po vorn haben, zum pullern. Aber den Urwald konnte ich mir nicht erklären, und das betraf wohl auch meine gleichaltrigen Freunde. Jedenfalls wurden die Frauen für mich immer rätselhafter.

Das betraf auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die Erwachsenen verlieben sich ineinander, heiraten und dann kommen Kinder. Für mich schien die erste Phase in diesen Beziehungen das nächstliegende für meine Überlegungen und vielleicht Erfahrungen bei der Ergründung des Geheimnisses um die Frau zu sein. Jedenfalls hatte ich bald ein Objekt zum Sichverlieben gefunden. Niemand wußte davon, nur ich träumte vom trauten Zusammensein mit IHR. Sie wohnte unweit der Flurstraße, ging in die gleiche Schule, nur war sie dort halt in der Mädchenklasse. Aber ich konnte sie in jeder Pause sehen, konnte hinter ihr hergehen, wenn sie nach Hause ging, oder sie auch in der Kirche treffen. Und ich konnte von ihr träumen, so wie es in den Geschichten stand, die ich jetzt immer öfter las. Aber dort gab es gewöhnlich konkrete Kontakte zwischen den Verliebten... Sie sprachen miteinander, waren zusammen, und vor allem, sie wußten um ihre Liebe. Bei mir traf nichts dergleichen zu, trotzdem bereicherte mich diese Liebe.
Jedenfalls verhalf sie mir zu einem besseren Verständnis der vielen Geschichten, die mir in die Hände fielen. Manchmal waren das verschlissene Romanhefte, aber öfters sittsame Geschichten. Davon möchte ich einiges erzählen.

Denn meine Lieblingsbeschäftigung war das Lesen. Im Haus gab es praktisch keine, für mich zugänglichen Bücher, die paar Bücher meiner Tanten blieben unter Verschluß; denn überhaupt waren Bücher in durchschnittlichen Haushalten eher Mangelware. So erinnere ich mich an das Haus eines Schulkameraden, wo mir stolz ein Buch gezeigt, aber nur gezeigt wurde: Mein Kampf.
Zurück auf der Flurstraße. Die Bücher im Haus waren also nicht zugänglich. Doch hatte ich zwei andere Quellen zur Befriedigung meiner Leselust ausfindig gemacht: Da gab es im Schuppen alte Zeitungen, eine Menge alter Jahrgänge der "Stadt Gottes", einer illustrierten Monatszeitschrift der Steyler Missionare. Verstaubt und manchmal nur in Teilen, aber für mich eine Menge von interessanten Informationen aus fremden Ländern - die damals für mich fast so weit weg waren, wie heute der Mond. Vor allem aber hatte ich eine stille Ecke zum Schmökern, niemand suchte - oder "belästigte" mich dort.
Nun und die andere Quelle war die Tageszeitung "Der Oberschlesische Wanderer" mit viel Propaganda und anderem für mich uninteressantem Material. Doch da wurde auch immer ein Roman in Fortsetzungen gedruckt. Der war zwar nicht für mich bestimmt, vielleicht aber deswegen umso begehrenswerter. Also las ich die Fortsetzungen immer dann, wenn die Zeit dafür reif war, sprich wenn mich niemand sah. Warum ich davon überhaupt schreibe? Weil ich dort zum ersten Mal auf die Beschreibung einer echten und dramatischen Liebesbeziehung gestoßen bin, mit unverständlichen Momenten, und die Phantasie anregenden Begebenheiten. All das in einer Novelle von Thomas Mann. Von zwei sich Liebenden, die wegen der herrschenden Vorurteile nicht zusammen kommen konnten, dann aber die Intoleranz, ja die ganze Welt außer acht ließen, einen Tag und eine Nacht miteinander verbrachten, um dann miteinander verbunden, den Tod zu finden. Es war ein trauriges Ende, und ich war von der Geschichte sehr beeindruckt, trotzdem mir einige Momente unverständlich blieben.
Daß es eine Geschichte von Thomas Mann war, erfuhr ich erst zufällig, fast 40 Jahre später. Nämlich dann, als mir dieses Buch in die Hände fiel, und die, in meinem Kopf vorhandene Erzählung, ausführlich bestätigte. Wie es sich jetzt herausstellte, war diese Geschichte doch ein weiterer Baustein gewesen, welcher über Jahre hinweg meine Phantasie beflügelte, und die Kraft der Liebe als etwas Großes und Einmaliges darstellte. Was gleichzeitig einen dominanten Einfluß auf meine mentale Entwicklung hatte.
Liebe, Beziehungen zwischen Mann und Frau, Schwangerschaft - waren in der damaligen Zeit in den meisten Familien Tabuthemen. Davon sprach man nicht in Anwesenheit von Elfjährigen. So mußte ich erst das Kriegsende und die damit verbundenen Wirren erleben, um auch bei diesen Themen etwas klüger zu werden.

Aber es gab auch viele andere interessante Sachen im Leben. Sie entsprangen fast alle, der durch die Lektüre angereicherten Phantasie. Das Lesen war zwar meine Leidenschaft, denn erst dann kam das Basteln und das andere. Das heißt Pflichten. Denn Pflichten hatte ich in diesem Haus natürlich auch. Die Hauptpflicht war das Gänsehüten. Die Stellen, auf denen es geschehen durfte, waren strikt vorgeschrieben, und so mußte man immer auf der Hut sein um die Biester nicht in die Anpflanzungen zu lassen. Die Arbeit war zu Ende, wenn die Gänse einen vollen Kropf hatten, am besten bis unter den Kopf. Dann gab es eine Belobigung und ich hatte ein gestärktes Selbstbewußtsein.
Anders, wenn die Tante oder Oma mich in dem Augenblick erwischten, in dem ich durch eine Lektüre abgelenkt war und die Gänse Unheil angerichtet hatten. Der Ärger und die Vorwürfe waren also auch ein fast fester Bestandteil meines Daseins.
Denn nicht immer gab es so viel Muße für meine Steckenpferdchen wie im Spätherbst oder Winter. Dann wurden die Fenster schon gegen 16:00 Uhr verdunkelt, man war zu Hause, und an Pflichten gab es nur die Schularbeiten. Also machte ich es mir auf dem glatten Fußboden, unter der Lampe, unweit des Ofens, bequem und mußte nur entscheiden, was zu tun war. Also mit Papier basteln, Schiffe falten, oder Schwalben, oder Pfeile, oder noch etwas anderes. Manchmal, wenn das Material da war, baute ich gummibetriebene Phantasietrecker, Wagen aus Pappendeckel und Garnrollen oder Windräder. Oder ich klebte einen schönen Drachen. Oder "reparierte" einen kaputten Wecker.
Man konnte auch den Frauen nacheifern, und auf einem, eigens erfundenen Gerät, meterweise bunte Rundschnuren stricken. Die waren wiederum für dekorative Zwecke, oder anderweitig nützlich. Die Hauptsache blieb die Genugtuung etwas geschaffen zu haben, sie wuchs mit der Länge der hergestellten Schnur.   -   Ich glaube, das die Inspiration zu diesen Arbeiten von Frauen stammte, die in Gemeinschaftsarbeit lange Zöpfe aus Stroh herstellten, die dann zu Fußbekleidungen für die Soldaten im strengen, russischen Winter hergestellt wurden.

Schon zu damaliger Zeit interessierte ich mich für die Technik, insbesondere die Elektrik hatte einen hohen Stellenwert. Mich interessierte alles, mit Strom betriebene. Hauptsächlich blieb es da bei der Beleuchtungstechnik. Das was mir in die Hände fiel, wurde eingehend untersucht. Die durchgebrannten Glühbirnen und die Batterien. Onkel Karl hatte eine Diensttaschenlampe, die konnte man grün, rot oder normal weiß leuchten lassen. Manchmal konnte ich damit experimentieren. Bald waren die Birnen- und Batteriewechsel die reine Routine. Ich bekam die verbrauchten Batterien, und konnte mit denen und einem Birnchen verschiedenes unternehmen. So den Zustand der Batterie untersuchen - mit dem Lämpchen oder der Zunge. Da war es schon seltsam, daß der Strom einen so salzigen Geschmack verursachte. Könnte es sein, das in den verbrauchten Batterien das Salz fehlt? Es wäre doch logisch. Dann könnte man sie vielleicht wieder gut machen? Mit dem entsprechenden Salz? Den Innenaufbau der Batterien (Es waren flache 4,5 V Zink-Kohle Batterien) kannte ich genau, hatte ich doch nicht eine im Schraubstock und mit dem Hammer zerlegt. Da war Teer, etwas verottetes Blech mit Salz, ein Kohlestift und herum so ein schmieriges Zeug. In der Schule erfuhr ich, daß in den Batterien Salmiak ist. Aha, das war also das Salz! Salmiak ist doch auch in ATA, dem Putzmittel! Und Ata sieht sogar salmiak- oder salzähnlich aus? Vielleicht genügt es, die Batterie mit neuem Salmiak aufzufüllen?
Längere Zeit brauchte ich, um eine Batterie schonend zu öffnen. Dann bohrte ich mit dem Nagel einige Löcher hinein und füllte die, so gut es ging mit ATA. Doch das sah nicht überzeugend aus. Das weiße Pulver paßte nicht zu dem Gesamtbild einer guten Batterie. Dann die Idee: Wasser. Ich tröpfelte vorsichtig etwas Wasser rein. Das half das Batteriebild zu bessern. Nun der Lösung etwas Zeit zum einziehen lassen, dann die Batterie wieder verschließen. Da es mit dem herausgebrochenen Teer nicht mehr ging, nahm ich dazu eine Kerze und ließ daß Oberteil der Batterie vollaufen. Die darauf durchgeführte Probe, erst mit dem Birnchen, dann mit der Zunge, zeigten leider keine Besserung des Batteriezustandes. Das Birnchen glühte kaum, und auch auf der Zunge prickelte es nur leicht. Ich war enttäuscht, umso mehr, als auch der nächste Tag die gleichen Resultate brachte. Wo ich doch auf eine Langzeitwirkung gehofft hatte...

In diese Zeit fielen auch die ersten Experimente mit Rauch und Knall. Onkel Karl hatte ein Kleinkalibergewehr, das zuerst nur kleine, kurze Patronen verschoß. Später wurde es modifiziert und man konnte mit größeren Patronen weiter und genauer schießen. Behauptete jedenfalls Onkel Karl. Bei mir hat es niemals geklappt, wenn ich im Hof auf ein Stückchen dort aufgestelltes Holz schießen durfte. Mit dem Schießen hatte es so seine Bewandtnis... Denn das Gewehr war praktisch nur in Onkels Händen. Ich durfte "zielen" und den Hahn betätigen. Aber der Knall war schon aufregend genug.
Noch besser waren aber Schwärmer, oder Knallfrösche. Nur waren die selten zu haben, desto länger dauerte es bis zum Entschluß, sie endlich anzuzünden. Ein jeder Besitzer einer solchen Rarität fühlte sich sehr gehoben und wollte diesen Zustand möglichst lange auskosten. Denn wir liefen hinter ihm her, und versuchten ihn zu überreden. - Man konnte mit dem Schwärmer auch einen (dummen) Beweis seiner Männlichkeit erbringen, nämlich ihn in der Hand explodieren zu lassen. Denn die Papphülse des Schwärmers blieb (gewöhnlich) unbeschädigt. - Oder den angezündeten Knallfrosch, der gleich 5 oder 6 mal knallte, durch den Briefkasten in den Flur eines Hauses zu werfen. Auch eine dämliche Sache...
Deswegen machte ich regen Gebrauch von einer damals modischen Erfindung, dem Knallen mit einem Schlüssel und Nagel. Die Erwachsenen wußten nicht, wie das funktionierte, es blieb konspirativ. Nur wunderten sie sich womöglich, wo denn verschiedene Schrank- oder Kommodeschlüssel geblieben sind? Genauer habe ich das am Ende der Geschichte vom Geburtstag unseres Lehrers beschrieben.

Verboten waren natürlich auch viele andere Sachen, fast selbstverständlich das Rauchen. So mußte es auch dazu kommen, daß irgendwann in unserem Kreis der Gedanke auftauchte, es mal zu probieren. Nun ging es um die Beschaffung von Zigaretten. Ich konnte mich rausreden, denn Onkel Karl rauchte nur Pfeife, Paulchens Vater war im Krieg. So blieb es auf Rudi hängen, der seinem Vater an das Kästchen mit Raucherwaren ging.
Auf dem nächsten Nachhauseweg aus der Schule war es dann so weit. Wir hatten Streichhölzer und drei Zigaretten. Fern von allen Erwachsenen konnten wir sie ungestört verpaffen, husteten zwar hin und wieder, aber kamen uns dabei sehr erwachsen und wichtig vor. Dann gab es noch einen Fachdisput über die Technik des Rauchens, Lungenzüge u.s.w. Trotzdem es wohl keinem von uns geschmeckt hat, wollten wir diese "neue" Leidenschaft noch mehr auskosten. Wir konnten Rudi zum nächsten Diebstahl animieren. Diesmal sollte es eine Zigarre sein.
Rudi besorgte sie wirklich, und wir wollten sie nicht mehr, irgendwo im Felde versteckt, rauchen. Die Erwachsenen tun es doch auch nicht. Also brauchte es nicht viel Überredungskunst meinerseits, um meine Mitraucher davon zu überzeugen, diese Zigarre während eines Spazierganges in die Stadt, (etwa 2 km entfernt), zu verkosten. Ich sollte der Tante Trudel, welche auf der Post arbeitete und Überstunden hatte, ein Mittagessen bringen. Wir verabredeten einen gemeinsamen Gang, und schon hinter den Gärten wurde die Zigarre, mit einigen Schwierigkeiten, in Brand gesetzt. Dann wurde sie immer in der Runde rumgereicht, und jeder machte seine Züge. Nun, wir mußten aufpassen, um von keinem Erwachsenen beobachtet zu werden. Hinter der Promenade war die Zigarre dann auch zu Ende. Und ich glaube, wir waren froh darüber. Bei der Übergabe des Geschirrs am Schalterfenster hielt ich wohlweislich einen möglichst großen Abstand ein, und die Tante merkte wahrscheinlich nicht, daß mir etwas übel war. Dann ging es ab nach Hause und das Rauchen war auf einmal kein Gesprächsthema mehr. Ich glaube, die Sache wäre eingeschlafen und in Vergessenheit geraten, wenn nicht Rudis Vater. Er bemerkte nämlich den zu wertvollen Verlust, (all der Raucherkrempel war nämlich rar, denn nur auf Raucherkarten erhältlich), erzwang bei Rudi ein Geständnis ...und verprügelte ihn. Seine Mutter brachte diesen Vorgang unter die Leute, und so war es nicht verwunderlich, daß auch Tante Eva davon erfuhr. Trotzdem verlief es für mich glimpflicher, es blieb bei einer Predigt. Und das war dann auch meine Rauchererfahrung fürs Leben.

Ich glaube fast jeder unserer Jungengemeinde hatte ein Messer. Ein gewöhnlich kleines Taschenmesser, welches bei vielen Gelegenheiten gute Dienste leistete. Hatte man doch viel mit Holz zu tun. Sei es beim Schnitzen einer Klippe, beim zurechtschneiden eines Stockes, oder bei der Bearbeitung eines Holunderastes für eine Flöte. Aus der wurde selten etwas gescheites, dann blieb es bei einer Pfeife, mit der man auch Radau machen konnte. Oder die Mut- und Geschicklichkeitsprobe: Man legte die flache Hand mit gespreizten Fingern auf ein steife Unterlage und stach mit dem Messer immer schneller, in die Zwischenräume zwischen den gespreizten Fingern, und immer näher der Handmitte. Bis man sich nicht mehr traute, oder man den Zwischenraum verfehlte....
Ein andere sehr beliebte Spielart war Drachen steigen lassen. Diesem Spiel konnte man in Gleiwitz nicht frönen. Doch hier, die vielen Felder luden dazu ein.  -  Aber vorab den besten Drachen bauen!!!   Mit Material zum Bau blieb es schlecht bestellt, doch irgendwann hatte man das notwendige Zeug beisammen: Seidenpapier, Wurstspeilen, Klebstoff und wenigstens etwas Garn. Die letzten Sachen konnte man sich im Haus beschaffen, denn der Klebstoff war gewöhnlich nur aus Mehl, während das Garn aus dem Nähkorb stammte. Die Länge der Wurstspeile bestimmte leider die Größe des Drachens, so blieben meine gewöhnlich nicht besonders groß. Ich spezialisierte mich auf sechseckige mit einem, an beide hintere Ecken gebundenen, Schwanz. Und der richtigen Waage, wie wir die Zwirnbefestigung am Drachen nannten. Wenn guter und stetiger Wind wehte, war mein Drachen immer gut, nur einmal zu gut. Das war damals, als die Tante gerade bei guter Laune war, und mir eine neue Rolle ihres Zwirnes "borgte". Der Zwirn riss, als der Drachen schon ganz klein aussah, also hoch und weit war. Er verschwand mit dem fast ganzen Zwirn, und ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen - so wie die Tante ihren Zwirn.
Dem Drachen, wenn er da oben war, konnte man "Briefe" schicken. In ein kleines Stückchen Papier machte man ein Loch um es über die Garnrolle stülpen zu können. Den Rest erledigte dann der Wind. Es war schön zuzuschauen wie der "Brief", wie von Geisterhand, auf dem Zwirn zum Drachen transportiert wurde. Nur bei mehreren "Briefen" wurde der Drachen dann schon zu schwer, er wollte nicht mehr richtig fliegen.

Schon deutlich erkennbar beeinflußten mich die Ansätze für mein moralisches Beurteilungsvermögen. So die angeborene oder anerzogene positive Beurteilung des Guten, die Abneigung gegenüber Bösem oder Verbotenem. So gut ich mit dem ersten zurecht kam, so schlecht konnte ich meinen Standpunkt im zweiten Fall definieren. Um jemandem zu beweisen, daß er Schlechtes tut, bedurfte es einer größeren Eloquenz, als ich sie damals besaß. Oder anderer Argumente z.B. physischer Natur, die mir aber noch fremder waren. Also kam es des öfteren vor, daß ich mich in solchen Situationen zurückzog, um niemandem etwas beweisen zu müssen.
Ein gutes Beispiel dafür sind meine einzigen, direkten Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen System, einer seiner Basisorganisationen: dem Jungvolk. Obwohl ich keine reellen Gründe, z.B. ideologischer Natur gegen diese Organisation hatte, war ich schon nach kürzester Zeit negativ eingestellt. Dies auch ohne jedem offenen Zuspruch von den Erwachsenen daheim, und schon gar keinen von der Schule - ich versuchte so oft wie möglich die angesetzten Versammlungen zu boykottieren. Dafür sorgte, ein sich im Unterbewußtsein breitmachendes, Gefühl der Abneigung gegenüber der dort praktizierten Art von Geselligkeit, den daraus entstehenden Zwängen, und den mit diesen Mitteln transportiertem, politischem Inhalt der Zusammenkünfte. Also gab es einige Male wirklich Ärger, als ich anstatt beim Jungvolk, im Schuppen ausgemacht wurde. Dann nämlich, als ein "Abgesandter" des Jungvolks meine Abwesenheit bei Tante Eva monierte. Ich hatte es damals vorgezogen, meine Zeit in Stille mit den alten Zeitschriften zu verbringen. Aber es war mir eben nicht immer vergönnt. Ich kannte zwar nicht die Beweggründe der Erwachsenen, die diesen Zwang zur Teilnahme akzeptierten, ja sogar zur Teilnahme überzeugten.
Ich war nämlich in dem Alter, wo die Angehörigkeit zu dieser Organisation obligatorisch wurde. Dabei gab es dort nichts, was mir zugesagt hätte. Man mußte entsprechend gekleidet sein, so wie all die anderen - vor allem aber das tun, was einem vorgeschrieben wurde. Es gab Ansätze eines militärischen Drills, man wurde auf dem Schulhof herumgehetzt, oder man saß in den Klassen, und sollte sich an irgendwelchen dummen Spielen beteiligen. Die liefen im Endeffekt immer auf Mißhandlungen durch die anderen hinaus. Da wurde mir der Anfang sofort vermiest, denn schon bei einer der ersten Versammlungen, gab es eine Einführung in den Kampfsport, hier Boxen. Da hatten die Leiter meiner Gruppe Boxhandschuhe besorgt, Paare ausgelost und dann sollte es auch direkt losgehen. Ich hatte das Pech nicht nur die erste Paarung zu stellen, sondern auch einen stärkeren, wohl schon etwas erfahrernen Gegner zu bekommen.
Es gab zwar eine Einleitung, man sagte uns wo man schlagen darf - wahrscheinlich aber nicht wie man sich schützt. Denn als der "Kampf" ausgerufen wurde, und ich mir das gerade Gehörte verinnerlichen wollte, holte mein Gegner schon aus - und traf mich mit voller Wucht, mitten ins Gesicht. Ich sah Sterne auf blau-schwarzem Hintergrund, spürte einen starken Schmerz in der Nase und taumelte in die Ecke beim Kachelofen. Ich meinte, meine Nase sei platt. Weinen durfte man nicht, aber als ich wieder zu mir kam, verweigerte ich ganz entschieden den "Kampf". Und das war eigentlich die Tat, auf die ich hätte stolz sein können. Der Ausgang des "Kampfes" kam praktisch einem k.o. gleich, und auch der "Schiedsrichter" war der Meinung, daß es schon ein guter Anfang war.
Diese negative Erfahrung prägte nicht nur meine Einstellung dem Jungvolk gegenüber, nein, sie war gleichzeitig auch das Prisma, durch das ich fortan alles betrachtete, was aus dieser "Erziehungsecke" an Unterhaltung, Pflichten und Verhaltensweisen kam. Die Appelle, Versammlungen, Geländeübungen, Märsche, all das waren einfach lästige Angelegenheiten, um die ich mich immer wieder zu drücken versuchte. Manchmal ging das gut, manchmal schlechter. Nämlich dann, wenn meinen Erziehungsberechtigten Ärger bereitet wurde, wenn sie unter Druck gesetzt wurden. Dann war es für sie das kleinere Übel, mich dahin zu schicken, wo ich eigentlich nicht sein wollte.
Ich erinnere mich an eine Geländeübung, draußen vor den Toren Peiskretschams. Dort, in einem ehemaligen Sandabbaugebiet mit einer abwechslungsreichen Bodengestaltung, Sträuchern und Bäumen sollte uns die, der (Hakenkreuz-)Fahne, gebührende Ehre nahegebracht werden. Wir sollten die Fahne verteidigen - und erobern. Dafür wurde eine kleinere Gruppe mit der Fahne vorausgeschickt, damit sie sie verstecken und auch verteidigen konnte. Wir, die größere Gruppe schwärmte danach aus ,um die erste Gruppe, vor allem aber die Fahne, ausfindig zu machen. Das Schicksal wollte es, daß gerade die mich umgebenden Jungen auf die Verteidiger stießen. Es wurde laut um auch den Rest der Gruppe anzulocken. Dann begann, wie sollte es anders sein, eine großartige Keilerei, an allen Ecken und Enden sich balgende Jungen, und viel Geschrei. Irgendwann war auch die Fahne dran, da zerrten die einen und die anderen, und ehe sich der Führer einmischen konnte, war die Fahne geteilt. Es gab betretene Gesichter bei der Führungsriege, dann natürlich Zurechtweisungen, aber das Ende der Veranstaltung wurde verkündet.
Müßig zu sagen, daß ich mich bei dem vorangegangenen Handgemenge vornehm zurückgehalten habe.

Das Jahr 1944 brachte noch einiges an Erzählenswertem mit sich. Da war der Geburtstag unseres Lehres, Herrn Kopietz. Hierbei waren wir noch eine eingeschweißte Gemeinde, doch dann kam die Trennung: Denn ich war in der Zwischenzeit schon Gymnasialschüler geworden und ging in die, paar Hundert Meter weiter liegende, Schule mit demselben Gleichmut, wie vorher in die Volksschule. Die Auszeichnung, die mir und nur wenigen anderen zuteil wurde, berührte mich wenig. Denn die Perspektive einer gebildeten Zukunft, war mir ferner als jeder andere Gedanke. Ich lebte in der Gegenwart, die nicht viel an Denken über die Vergangenheit oder Zukunft zuließ.

Daß Krieg herrschte, merkte man jetzt auf Schritt und Tritt. Schon abgesehen von der Versorgung, von den Annoncen in der Zeitung, niemand kam an der täglichen Portion neuen Wissens über den Krieg vorbei. Das Oberkommando der Wehrmacht verbreitete immer weniger enthusiastische Nachrichten. Die Zeit der Siege, des Vormarsches und der deutschen Dominanz war längst vorüber. Die Niederlagen der Wehrmacht an allen Fronten, die täglichen Nachrichten über Bombenangriffe, prägten den Alltag. Mehr, auch für Peiskretscham kam der Krieg bedrohlich näher: Amerikanische Flugzeuge überflogen immer öfter Oberschlesien. Sie waren auf dem Weg nach Blechhammer, einer Industrieanlage bei Heydebreck, nur 25 km von Peiskretscham. Dort wurde synthetisches Benzin hergestellt, ein für Deutschland wichtiges Produkt, und eben so ein Ziel für die Allierten. Die Flugzeuge überquerten Deutschland in großer, also sicherer Höhe. Erst in Zielnähe waren sie gezwungen diese Höhe zu verringern. Deswegen wurden dort, auf dem Anflugweg der Flugzeuge, also auch im ganzen Gleiwitz-Toster Kreis viele Flakstellungen eingerichtet. An den Waldrändern und mitten in den Feldern. Bald sollten die charakteristischen, scharfen, aufeinander folgenden Knalle für uns etwas alltägliches werden.
Da war die Schule. Früh marschierte man dahin hoffend, daß uns der Kuckuck wieder einen freien Vormittag beschert. Der war gegeben, wenn in der ersten oder zweiten Stunde aus dem Lautsprecher im Lehrerzimmer der Kuckuck rief: Jede 3. Sekunde, oft minutenlang. Dann hieß es: Klamotten zusammenklauben und nach Haus! Denn die Schule hatte keinen Luftschutzkeller, und der Kuckuck signalisierte die sich noch über Österreich befindenden Flieger. Erst eine halbe Stunde später heulten die Sirenen ihr auf- und abschwellendes Lied. Zu dieser Zeit sollten schon alle Schüler zu Hause sein. Theoretisch. Denn praktisch, vor allem bei gutem Wetter, war es in den Feldern viel angenehmer. Außerdem sagten viele Leute, daß es hier auch sicherer ist. Da fällt keinem die Decke auf den Kopf, und warum überhaupt sollten die Flieger Peiskretschams Felder oder Wiesen bombardieren?
Also waren wir, meine Schulkameraden aus meiner Gegend, gewöhnlich in den Feldern, und schauten auf die vielen, öfters in die Hunderte gehende, Scharen von dunklen Kreuzchen am Himmel. Und hörten das Gedröhne ihrer Motoren. Manchmal fand man auch von den Flugzeugen abgeworfene Staniolbüschel, die als Gegenmaßnahme auf die eingesetzen Abhörgeräte gedacht waren. Es gab keine spektakulären Luftkämpfe auf die man insgeheim wartete, weil doch der auch jetzt noch herrschende Mythos deutscher Verteidigungsstärke tief in den jungen Gemütern steckte. Auch die vielen, rund um Peiskretscham verteilten Flakabwehrstellungen ließen nur hin und wieder von sich hören, denn die Flugzeuge flogen zu hoch. Also gehörte der Luftraum, hoch über Peiskretscham, einfach den Amerikanern. Und das wurde auch von mir bald als etwas Selbstverständliches betrachtet.
Das einzige Gute an dieser Situation war ein langsames Abflauen der Jungvolkaktivitäten, und das Problem "Hitlerjugend" rückte in eine Ferne, aus der es nicht mehr zurückkam.

Deswegen brachte ich auch irgendwann, ganz selbstverständlich, ein auf den Feldern gefundenes Flugblatt nach Haus, womit ich Tante Eva in helle Aufregung versetzte. Sie las es zwar, (wie auch ich es schon vorher getan hatte), aber schickte mich sofort zu dem in diesem Augenblick auf der Straße vorbeigehenden, bekannten Parteibonzen: Ich sollte es abgeben und sagen, daß ich es gerade jetzt auf dem Feld gefunden, und natürlich nicht gelesen habe. (Also Anstiftung zur Lüge vom Erziehungsberechtigten!). Ich tat was mir geheißen war, hörte auch prompt die Frage, ob es gelesen wurde - was ich verneinte - und verschwand in Richtung Haus. Natürlich drehte ich mich an der Ecke um, nur um zu sehen, daß dieser Mann noch am selben Fleck stand, und in der Lektüre des Blattes vertieft war...
Was da stand? Auf einem A5, einseitig bedrucktem Blatt, gab es eine Kurzbeschreibung der für die Deutschen aussichtslosen Frontlage, und dann, in größeren Buchstaben, ein Aufruf an alle Deutsche, das Hitlerregime zu boykottieren, den Anordnungen der Staatsgewalt keine Folge mehr zu leisten. Für mich klang das alles utopisch - wie Nachrichten von einem fremden Stern. Daß war im Spätherbst.
Dann kam der Winter, man saß mehr zu Haus, die Gespräche der Erwachsenen wurden immer sorgenvoller - und dann, im Januar 1945 kam das Ende.
Meiner Kindheit, für Oberschlesien, und etwas später auch für das Großdeutsche Reich.

Im Jahre 2002
   

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Andere Aspekte des Kindseins

Einige Betrachtungen und Vergleiche


Wenn ich die Selbstständigkeit heutiger Kinder mit selbiger in den Zeiten meiner Jugend vergleiche, drängen sich mir verschiedene Fragen auf. Der Bildungsstand heutiger Kinder, ihre geistigen Horizonte, und ihr Wissen um die Welt, ist theoretisch unbedingt größer. Er ist kaum mit dem vergleichbar, welcher den Kindern in den dreißiger und vierziger Jahren geboten wurde. Denn das waren in der Schule die Schiefertafel, dann einige Hefte, später noch wenige Bücher. ...Und das von den Eltern übernommene Gedankengut. Also praktisch keine Bücher, kein Radio, kein Fernsehen oder Videos und auch kein anspruchsvolles Spielzeug.
Dafür haben die Kinder heute, vom ersten Schuljahr an, eine Menge Bücher und didaktisch ausgereifte Lehrhilfen, unter deren Last sie fast zusammenbrechen. Sie haben Radio, Fernsehen, Zeitschriften, elektronisches Spielzeug, gewöhnlich einen eigenen Rechner, ein Mobiltelefon ...und dann meistens noch aufgeklärtere Eltern. Sie sind mobil, haben natürlich ein Fahrrad, machen Ausflüge, und die Bewegung mit dem Auto ist fast eine Selbstverständlichkeit. Ihre Welt endet nicht auf ihrer Straße, ihrem Dorf oder ihrer Stadt - nein, dem größeren Teil der heute acht- bis zwölfjährigen sind auch Auslandsaufenthalte nicht fremd. Mit anderen Worten: Der Raum, die Entfernung, die "fremde" Umgebung, sollte für sie kein Problem darstellen.
Wie anders damals. Die Welt endete für die allermeisten Kinder an den Grenzen ihres Wohnortes, eine Fahrt in die Ferien, in eine andere Umgebung, war schon ein Ereignis.

Deswegen finde ich die Freiheiten (hier meine ich Bewegungen im Raum), welche uns damals von den Eltern zugestanden wurden, schon bemerkenswert. Waren sie so unbedarft und sahen keine Gefahren für uns? Wußten uns irgendwo, aber hatten dafür keine Bestätigung, konnten sich nicht vergewissern, ob es uns dort gut geht. Oder, daß wir heil angekommen waren? Sorgten sie sich nicht um uns? Oder aber vertrauten sie unseren jungen Kenntnissen so sehr, daß sie von unserem Wohlergehen jederzeit überzeugt waren?
Jedenfalls möchte ich hier einige meiner persönlichen, selbständigen Eskapaden, noch im Kindesalter, beschreiben.


Meine Mutter hatte nichts dagegen, daß ich im Alter von 5 - 6 Jahren, die nähere Umgebung unserer damaligen Wohnung, allein erkundete. Später sogar die, um 2 Jahre jüngere, Schwester in diese Ausflüge miteinbezog. In die Geschäfte, Schrebergärten und angrenzende Straßen. Das war aber eigentlich nichts außergewöhnliches.
Die ersten richtigen Erlebnisse wurden für mich die Fahrten nach Schoppinitz, zu der Tante. Natürlich war ich dort schon das eine oder andere mal vorher gewesen, mit Vater oder Mutter. Aber dann, im Alter von 7 oder acht Jahren, durfte ich es schon selbstständig machen. Vater bekam Freifahrtscheine für die Familie - warum sollten diese verfallen?
So erinnere ich mich an meine allererste Fahrt: allein von zu Hause bis zur Tante. Natürlich bekam ich Belehrungen auf den Weg, aber das war auch schon alles. Aber dann schon selbst zum Bahnhof in Gleiwitz, dort an der Kasse den Freifahrtschein abstempeln lassen und hinauf zum Bahnsteig. Hier natürlich den richtigen aussuchen (es gab derer drei, also sechs Gleise von welchen Züge in fünf Richtungen abgingen), den Aufsichtsbeamten fragen, ob wirklich gerade von diesem Gleis der Zug nach Schoppinitz, über Kattowitz, abfährt. Dann warten, bis der Zug da war, einsteigen (bitte nur in die dritte Klasse), und die Ortsschilder der aufeinanderfolgenden Stationen lesen. Nach Kattowitz aufpassen, denn schon auf der übernächste Station mußte ich aussteigen. Schoppinitz, vom Bahnsteig in die Unterführung, und dann zu Fuß in Richtung der großen Familienhäuser, am Fuße der mir damals so imponierenden Halden. Denn diese waren mein erstes Gebirge. Dann hinein in das dritte Haus, (für alle Fälle noch die Hausnummer überprüft, ich glaube die Neunzehn), und auf den ersten Stock zur Tante - links von der Treppe. Dort bekam ich was zum Essen, konnte mit ihrem etwas älteren Sohn die Umgebung kennenlernen, um dann nachmittags wieder nach Hause zu fahren. Nur manchmal blieb ich da über Nacht.
Und während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit von zu Hause, wußten meine Eltern praktisch nichts über meinen Verbleib. Denn das Telefon war damals zwar schon erfunden, aber natürlich für Ottonormalverbraucher so unrealistisch wie heute eine Limousine mit Chauffeur für einen Durchschnittsbürger.
Worauf diese Einstellung der Eltern, ihr Vertrauen ins Kind beruhte, kann ich nur vermuten. Jedenfalls war es nicht die fehlende Liebe zum Kind. Wahrscheinlich aber das Bewußtsein, in einem Staat, und unter Menschen zu leben, für die das Wohl eines Kindes wirklich unantastbar war.

Bei dieser Auffassung mag sich einiges geändert haben, als sich mit dem Kriegsende und der neuen Gesellschaftsform, die Lebensumstände gravierend verschlechterten. Doch auch dann hatte ich Freiheiten, welche heute für ein Kind aus einer intakten Familie kaum vorstellbar sind. Denn es waren die Zeiten, in denen Gewalt, Gefahren und Hunger vorherrschend waren. Wahrscheinlich war dieser letzte Faktor entscheidend dafür, daß Mutter mich so selbstverantwortlich aus dem Hause ließ. Konnte ich doch nur dann aktiv werden und etwas Eßbares - für mich oder die Familie - "organisieren". (Darüber mehr an anderer Stelle)

Ich war dann schon 13 Jahre alt, als meine offiziellen Pflichten als Mitversorger der Familie deutlich anstiegen. Mein Aktionsradius wurde erweitert und ich war sehr oft auf Ein- oder Zweitagereisen in den Dörfern, 20 - 25 km von Gleiwitz entfernt. Manchmal waren es auch mehrere Tage, sogar Wochen, in denen ich aus dem Hause war. Und das unter strengeren Umständen, als meine frühkindheitlichen Ausflüge. Denn, neben fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten, kam der weite, anfangs unbekannte Weg hinzu - über Straßen, Wege oder querfeldein - und auch teilweise durch den Wald. Alles unter Bedingungen, wo draußen noch das Faustrecht herrschte, die Menschen verängstigt waren, oder wo auch schon mal geschossen wurde.
In jenen Zeiten ging ich also morgens von zu Hause in Gleiwitz weg, konnte mir einen möglichst kurzen, oder meiner Meinung nach sicheren(?) Weg ausdenken, (den Mutter schon nicht mehr kannte), und marschierte dann nach Grünwiese, oder Solmsdorf, oder Stillenort, oder ... Und von diesem Zeitpunkt wußte schon niemand zu Hause, wo ich war, wie es mir ging, und sogar, wann ich wieder zurück sein werde. Eine heute kaum vorstellbare Situation.
Zugegeben, während des Krieges und in dessen unmittelbarem Zusammenhang, gab es schlimmere, und länger andauernde, ähnlich gelagerte Situationen. Doch ich spreche hier von Gegebenheiten des Lebens eines Kindes, von dem "normalen" Leben der Zivilbevölkerung in der Nachkriegszeit. In einem nur nominal normalen Staat, von einem Kind, welches durch die Eltern jenen Gegebenheiten überlegt ausgesetzt wurde - zwar von den Lebensumständen gezwungen - aber wahrscheinlich doch im Vertrauen auf die Reife dieses (13-jährigen) Kindes.
Und eben das wollte ich hier hervorheben.


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