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Privates, Geschichten, Erinnerungen




Inhaltsverzeichnis:

   1.  Die Geisterstunde - Eine wahre Begebenheit
   2.  Die Geburtstagsfeier - Eine heitere Erinnerung an das Jahr 1944
   3.  Meine Berufspalette - Was man schon nicht alles gemacht hat....
   4.  Arm oder reich - Die Rolle des Geldes in meinem Leben
   5.  Die Hochzeitsreise - Etwas verspätet, dafür nicht alltäglich
   6.  Finsternis - Die Erfahrung mit dem Sehen
   7.  Noch eine Grubenerfahrung - Gas kann wirklich fließen
   8.  Ein Praktikum - Oder: Ein touristisch geprägter Urlaub?
   9.  Thema: Familienleben - Denn so etwas gab es auch
 10.  Kartoffeln und Rüben - Studenten arbeiten
 11.  Rund um Polen - . . . aber mit dem Rad, im Jahre 1957
 12.  Tadeusz - Von meinem besten Freund, ...und zwischenmenschlichen Beziehungen
 13.  Touristik in den Bieszczaden - Per pedes und mit dem Rad durch die jungfräuliche Landschaft der Bieszczady - 1958




  


Die Geisterstunde



Diese Geschichte ereignete sich in den Nachkriegsjahren, wohl 1946. Trotzdem ich schon 13 Jahre alt war, war die polnische Sprache für mich noch ein Buch mit sieben Siegeln. Die deutsche Sprache war verboten - und weil die Deutschen zu jener Zeit in Gleiwitz schon in der Minderheit waren - auch rar. Um so wertvoller waren für mich die deutschen Bücher, welche unter den Einheimischen kreisten.

Dann war es wieder einmal so weit: Ich hatte ein Buch und brannte darauf es zu lesen. Der Tag war viel zu kurz um neben den Pflichten noch richtig lesen zu können, deswegen versuchte ich immer wieder - gegen den Willen der Eltern - der Nachtruhe etwas Zeit abzuzwacken. Als die Zeit zum Schlafengehen da war, verstand ich es mich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer zu entfernen und eine längst erprobte Position in der Küche einzunehmen. Die Küche war klein. In die Ecke gezwängt stand der mit einer massiven Holzplatte versehene Tisch und daneben, zwischen Tisch und Küchenschrank, mein Stuhl. Der leere Raum unter dem Tisch hatte eine zusätzliche Abstellfläche für Küchenutensilien und war mit einem Vorhang abgeschirmt. Ich saß also am Tisch, hatte die Ellenbogen aufgestützt, das Buch vor mir und war natürlich in einer anderen Welt. Einer Welt die viel reicher an übersinnlichen, unerklärlichen und geheimnisvollen Phänomenen war als es heute der Fall ist. Das, die Atmosphäre des Buches, die Stille der Nachtstunde, und das im Unterbewußtsein vorhandene Wissen um eine verbotene Tat, trugen zu einer entsprechenden Stimmung bei.

Und dann geschah es: Bumm, ...und den Bruchteil einer Sekunde später ein zweites Mal: Bumm, ... der Tisch erbebte. Ich wurde steif und starr, konnte kein Glied bewegen - doch langsam erhob ich den Blick vom Buch, und sah den leeren Tisch vor mir. Nur in der Ecke stand ein Papierbeutel. Mein Blick wanderte ungewollt noch etwas höher, dort hang die Uhr. Und die Zeiger, wie sollte es anders sein, standen beide auf der Zwölf!
Ich wurde, wenn es überhaupt ging, noch steifer. Ich spürte jedes Haar einzeln stehen, auf dem Kopf, den Armen und dem Körper. Es dauerte lange Sekunden bis ich mich bewegen, nach vorn beugen konnte, um unter den Tisch zu schauen. Der Vorhang verdeckte mir den Blick. Ich nahm mir ein Herz, mobilisierte die ganze Kraft in meinem rechten Arm und riß den Vorhang mit einem Ruck beiseite: ...nichts als das Gewöhnliche!
Mir wurde es jetzt heiß, ich klebte auf dem Stuhl und fieberhaft jagten die Gedanken durch meinen Kopf. War es eine Halluzination? Habe ich mir etwas eingebildet? Nein, denn ich hatte die Schläge nicht nur gehört, ich habe sie auch in meinen Ellenbogen gespürt als der Tisch erbebte. Zwei Schläge mit der Faust auf den Tisch hätten es sein können.

Etwas Unmögliches einfach. Ich lauschte und dachte nach. Nach Minuten wohl konnte ich mich endlich aufraffen und vom Stuhl erheben. Ich machte einen Schritt vorwärts und dann sah ich es: Hinter dem hohen, jetzt aufgeplatztem, Papierbeutel lagen zwei Äpfel. Das war die Sache.
Trotzdem habe ich dieses Buch in jener Nacht nicht mehr zu Ende gelesen.


2001

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Die Geburtstagsfeier

-   Eine eher heitere Erinnerung an das Jahr 1944   -


Die letzten drei Kriegsjahre verbrachte ich bei meiner Oma in Peiskretscham, auf dem Lande, während meine Eltern und Geschwister weiterhin in Gleiwitz, auf der Adolfstraße wohnten.

In Peiskretscham ging ich also auch zur Schule (unweit der damaligen Dampfmühle an der Straße vom Bahnhof zum Ring), und durfte all die Höhen und Tiefen dieser Tatsache voll ausleben. Doch nicht davon wollte ich hier erzählen. Also meine Klasse, die 4a, wahr wohl eine ganz typische: man ging zwar zur Schule, war aber froh wenn man diese wieder verlassen konnte.Um dann all den viel interessanteren Dingen des Alltags seine Zeit widmen zu können.
Dieser Tatsache entsprang wohl die Idee, sich entgegen der Schulordnung, einen außerplanmäßigen Tag ohne Unterricht, vielleicht sogar einen freien Tag, verschaffen zu können. Denn irgendjemand brachte die Nachricht von dem anstehenden Geburtstag unseres Klassenlehrers, Herrn Kopietz.

Es war ein Lehrer jener Zeit, streng, autoritär und eher unnahbar.
Also dieser Geburtstag sollte den Anlaß für eine taktische Veranstaltung werden, die vordergründig unseren Klassenlehrer ehren, aber in Wirklichkeit uns - entgegen allen bekannten disziplinären Gepflogenheiten des Schulalltags - einen unterrichtsfreien Tag verschaffen sollte. Dafür nahm die Klasse, meine Kameraden und ich, viele Anstrengungen in Kauf. Eine vorbereitende Versammlung der Klasse fand in den Feldern vor der Schule statt. Dabei wurden die abenteuerlichsten Ideen zur Gestaltung des Tages aufgeworfen, diskutiert und wieder verworfen. Am Ende aber stand ein real auszuführender Plan fest.

Das wichtigste waren die Geschenke; es war das 5. Kriegsjahr. Die Lebensmittel-, die Kleider-, und die Raucherkarten bestimmten den Verbrauch. Geschenke, die hier ansetzten, waren sicher nicht fehl am Platz. Außerdem beschlossen wir eine Geldsammlung für den Klassenschmuck (die Klasse sollte eine feierliche Stimmung vermitteln) und ein zu kaufendes Hauptgeschenk.

Und hier fing es an. Da ich in Gleiwitz (denn nur die Stadt kam dafür in Frage) zu Hause war, wurde mir die Rolle des Geschenkbeschaffers zugeteilt. - Dann war es so weit. Einige Tage vor dem "Fest" fuhr ich nach dem Unterricht mit dem Pendel(dampf)zug, und einem Assistenten-Klassenkameraden, nach Gleiwitz. Einige -zig RM in der Tasche und die verantwortungsvolle Aufgabe der Klasse ("bestimmt findest du was Gutes"), im Hinterkopf.

Aber es wurde schwierig. Eventuell Interessantes nur gegen Karten, ansonsten Wilhelmstraße rauf, Wilhelmstraße runter: nichts. Bei Rebensdorf nichts, auch das DeFaKa bot uns in seinem großen Verkaufssaal nur hunderte (tausende?) von Ansichts- oder Grußkarten, fein ausgelegt in den vielen gläsernen Verkaufstischen. Dann waren noch ein paar anderen Utensilien, die für uns nicht in Frage kamen. Von einer schönen Pfeife, an die ich gedacht habe, keine Spur. Also blieben wir, nach den vergeblichen Anstrengungen der letzten Stunden, vor einem Geschäft mit Geschenk- und Propagandaartikeln (es lag hinter dem Stadttheater, kurz vor der Klodnitz) stehen und schauten uns die im Fenster ausgelegte Ware an. Abzeichen, Fahnen, Bilder, all solche Sachen, die in einem, durch die Ideologie des dritten Reiches schwach geprägten Jugendlichen, keine Emotionen weckten. Aber die Zeit der Rückfahrt war nahe und der Magen knurrte. So entschlossen wir uns in dieses nicht viel verheißende Geschäft einzutreten, um zu versuchen, vielleicht hier unsere Mission zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Kurzum, nach einem Gespräch, in dem wir unser Anliegen und unsere Mittel offengelegt hatten, konnte uns der ältere Verkäufer ohne größere Mühe ("Das ist das Richtige für euren Lehrer") zu einer wohl 30 cm hohen, bronzefarbenen Führerbüste überzeugen. Trotzdem die Büste einen guten, soliden Eindruck machte, mich an Museen und ähnlich hehre Dinge erinnerte, tätigte ich diesen Einkauf eher halbherzig, und dieses Gefühl blieb mir auch zu Hause erhalten. Nämlich dann, als meine Tanten unsere Einkäufe (wir hatten auch buntes Krepp- und Seidenpapier gekauft) begutachteten.

Nun aber nahm alles seinen Lauf. Am Vortag nach dem Unterricht, die Schule war schon leer, ließ uns der Hausmeister - den wir natürlich ins Vertrauen ziehen mußten - in die Klasse. Diese sollte ihr alltägliches, graues Aussehen verlieren; es gab viel Arbeit mit den gefertigten Girlanden, Papierblumen und bunten Ausschnitten an den Wänden. Der Tafel kam eine Hauptrolle zu. Unter Zuhilfenahme aller bunten Kreiden (die wir vormittags vorsorglich aus dem gewöhnlich verschlossenen Klassenschrank "organisiert" hatten), wurde sie mit Glückwünschen und Verzierungen verschönt, um sie so von vornherein ihrem gewöhnlichen Zweck, dem piesacken der Schüler, zu entziehen. Was uns auch, wie wir gleich sehen werden, gelingen sollte.

Am Geburtstag selbst kamen alle schon möglichst früh mit den verabredeten Geschenken. Jetzt sollte die Klasse den letzten, festlichen Anstrich bekommen. Also auf dem mit buntem Papier ausgelegtem Katheder wurden die Naturalien malerisch ausgebreitet: Eier in der Tüte, einige Krausen mit Gurken, Marmelade, Eingemachtem, zwei Flaschen Wein, Marke Eigenproduktion, drei Zigarren mit Bauchbinde, ein Päckchen Tabak und weiß ich noch, was da alles war. Aber in der Mitte thronte die Hitlerbüste!

Wir waren mit unserem Werk zufrieden und nahmen nach der Glocke vorbildlich in unseren Zweierbänken Platz. Einer stand in der angelehnten Tür, um das Kommen des Lehrers zu signalisieren, und im entsprechenden Augenblick die Tür aufzureißen. Das war auch das Signal für die Klasse: Aufspringen und ein "Hoch soll er leben..." mehr laut als schön und richtig, (wir waren ja eine reine "Männer"- Klasse), anzustimmen. Der Lehrer trat ein paar Schritte in den Raum und blieb verblüfft stehen. Der Klassenraum, die Tafel und diese brüllenden Jungen haben ihn wirklich überrascht. Er musterte das Kunstwerk auf der Tafel, ... und war wohl zufrieden. Wir alle aber waren trotzdem noch verunsichert, denn diese vielen, gehäuften Insubordinationen, ...ob das richtig aufgenommen wird? Es wurde. Denn als er an das Katheder trat, stockte er, wirkte überrascht, aber freundlich. "Da habt ihr euch was einfallen lassen. Es war doch nicht nötig." Und es wurde noch besser.

Leutselig, so wie wir ihn nicht kannten, würdigte er jedes Geschenk, erkundigte er sich über uns, sprach von unseren Tugenden, unserem Organisationsgeist und nicht nur, redete vom Wetter und ließ auch uns mit unseren "wichtigen" Angelegenheiten zu Worte kommen. Er plauderte aus seiner Jugendzeit, bot Süßes vom Katheder an und rauchte eine der ihm geschenkten Zigarren. Einen Schüler, dessen Vater Lokführer war, bat er, daß er doch seinen Vater fragen sollte, ob er ihm wieder die Pfeifenrohre durchpustet. Dann erklärte er der Klasse, wie gründlich so eine Reinigung ist, wie sie den Rohren, aber auch dem Rauchenden, zugute kommt.
Es war angenehm, fast gemütlich, familiär und so dauerte es nicht lange, bis das Gespräch auf die damals populäre, aber unerlaubte, Knallerei mit Schlüssel, Nagel und Streichholzköpfen kam. Er wollte wissen, wie das funktioniert. Ob der entspannten Atmosphäre in dieser sonst so strengen Umgebung, hatte niemand Bedenken, die entsprechenden Utensilien aus der Tasche zu ziehen. Als der Lehrer jetzt noch seine Zweifel an der Funktionstüchtigkeit dieser Dinge anmeldete, waren wir in unserer Ehre gekränkt. Nach einer Zustimmung des Lehrers versuchte einer über den anderen ihn eines Besseren zu belehren. Der Klassenraum war mannshoch mit einem soliden Ölsockel versehen. Daß darunter ein wenig strapazierbarer Gipsputz war, merkten wir erst später, der Lehrer am allerspätesten. Nämlich dann, als schon zwanzig bis dreißig weiße Löcher in dem Ölsockel prangten. Hervorgerufen durch die meist vergeblichen Knallversuche. Die Wand war halt zu weich, der Nagel - wenigstens für diese Wand - zu hart. Uns allen wurde es etwas peinlich, dem Lehrer wohl am allermeisten, auch, weil er doch einen Teil der Streichhölzer beigesteuert hatte...

Die Erlösung kam mit der Pausenglocke. Der Lehrer entließ uns großzügig nach Hause: unser ehemaliges, im Nachhinein eigentlich schon nicht mehr so wichtiges Ziel, war erreicht.
Daß wir auf diese Art und Weise den Menschen im Lehrer kennengelernt haben, wurde von mir erst später verstanden. Genau, wie auch sein kurzzeitig, leidiger Gesichtsausdruck in dem Moment, als er hinter das Katheder trat und sein Blick auf das Hauptgeschenk fiel. Darüber wurde ich von meinen Tanten erst nach 1945 aufgeklärt: Nach heutigen Maßstäben würde man Herrn Kopietz tiefschwarz genannt haben...

Im Mai 2003

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Funktionen - Tätigkeiten - Berufe (?)



Rückblickend auf mein ziemlich langes, aktives Arbeitsleben stellte ich fest, daß sich da einiges an sehr unterschiedlichen Tätigkeiten und Funktionen angesammelt hat. Um den Überblick nicht zu verlieren, versuche ich hier mal dieses Sammelsurium darzustellen, wobei die Reihenfolge der einzelnen Einträge nicht unbedingt chronologisch erfolgt ist, und außerdem sich nur auf solche Episoden in meinem Leben beschränkt, die durch eine feste Anstellung zustande kamen, und wenigstens einen Monat gedauert haben. Und zu dem Fragezeichen im Titel: Ich frage mich selbst, welchen Beruf ich eigentlich habe, oder hatte? Jedenfalls ist es nicht der, welcher meinem akademischen Grad, den ich seinerzeit erworben habe, entsprochen hätte!



Und so sieht sich das an ...

Laufbursche

     _      

 Damit fing alles eigentlich an     

Angestellter in der Kanzlei

     _      

 Die ersten Büroerfahrungen

Lagerleiter         

     _      

 Erst für Büromaterial, dann im Industrielager

Technischer Referent

     _      

 Industriebetrieb, Herstellung technischer Gase

Arbeiter

     _      

 Kanalbau

Arbeiter unter Tage

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 Steinkohlenbergbau

Schlepper

     _      

 Braunkohlenbergbau

Junghauer

     _      

 Steinkohlenbergbau

Arbeiter

     _      

 Zement-Holzisolierplattenherstellung

Transportarbeiter

     _      

 Im Baugewerbe

Elektromeister

     _      

 Instandhaltungsbrigade im Walzwerk

Lehrer

     _      

 Elektromechanisches Technikum

Adjunkt

     _      

 Industrieinstitut

Gruppenleiter

     _      

 Anstalt für Automatik

Dozent

     _      

 Polytechnikum

Abteilungsleiter

     _      

 Anstalt für Elektrotechnik und Feinmechanik

Operationsassistent

     _      

 Herzchirurgiezentrum

Hauptspezialist für Elektronik

     _      

 Entwicklungs- und Produktionszentrum

Gruppenleiter

     _      

 Zentrum für Medizintechnik

Technologe

     _      

 Behindertenproduktionsbetrieb, Spielzeuge

Einkaufs- und Produktionsleiter

     _      

 Medizintechnischer Betrieb

Entwicklungsingenieur

     _      

 Medizintechnik

Elektriker im Bereitschaftsdienst

     _      

 Verpackungsindustrie

Berufsschullehrer

     _      

 fast wie schon mal vor 30 Jahren

Technischer Leiter

     _      

 Medizintechnischer Produktionsbetrieb

Küster

     _      

 Katholische Kirche


 Sommer 2003

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Arm oder reich?

Gehört diese Frage in den Bereich der Philosophie oder ist es eine Angelegenheit der Lebensanschauung?


Für den einzelnen Menschen bleibt es gewöhnlich eine persönliche Entscheidung. Das Kriterium 'reich' wird sehr subjektiv gesehen. Viele Menschen fühlen sich arm, trotzdem sie von der Mehrheit als wenigstens 'wohlhabend' eingestuft werden.
Nun, ich will das hier nicht weiter diskutieren. Zu bemerken bleibt, daß  es im Leben noch andere 'Reichtümer' gibt, nämlich Reichtümer nicht materieller Art. Und diese letztendlich sind das ausschlaggebende für jeden Menschen, sie können Glücksgefühle und Zufriedenheit vermitteln. Eine Anekdote die ich in meiner frühen Erwachsenenzeit hörte, brachte Licht und Verständnis für diese, bisher nur in meinem Unterbewußtsein vorhandene Wahrheit:

Ein sehr reicher Herrscher war todunglücklich, trotz des ihn umgebenden Luxus, trotz der Erfüllbarkeit aller seiner ausgefallensten Wünsche und der Zuneigung aller seiner Untertanen. Er ließ die Weisen seines Landes zusammenkommen und befrug sie nach dem Weg zum Glück. Er bekam viele Ratschläge - aber da war nichts, was er nicht schon versucht hätte.
Doch dann fand sich plötzlich ein sehr alter und erfahrener Mann, welcher ihm einen nicht alltäglichen Ratschlag unterbreitete: "Ihr müßt hoher Herr, unter die Menschen gehen, und einen finden, der wirklich mit allem zufrieden ist was ihn umgibt, kurzum einen, der rundum glücklich ist. Dessen Hemd solltet Ihr dann anziehen und sein Glück wird auch Euch zuteil".
Der Herrscher sah keinen anderen Ausweg aus der ihn umfangenden Melancholie, als dem Rat des alten Mannes zu folgen. Er begab sich auf eine Reise, quer durch sein großes Land, und befrug viele Menschen nach Zufriedenheit und Glück. Allen ging es gut, alle waren zufrieden - nur als es zu der letzten, ganz entscheidenen, Frage nach der vollen Glücklichkeit kam, hatte jeder ein kleines "aber". Der eine brauchte für sein volles Glück noch "dieses", der andere wäre vollkommen glücklich "wenn" ihm noch "jenes" zuteil würde.. Letztendlich fand der Herrscher unter seinen wohlhabenden Untertanen niemanden, der ihm helfen konnte.
Tief enttäuscht und niedergeschlagen wanderte unser Herrscher in einsamer Gegend am Meeresufer entlang. Stieß dort plötzlich auf einen alten Menschen, der mit einem primitiven Netz, gerade einen Fisch aus dem Wasser geholt hatte. Er begrüßte ihn, und jener lud ihn zum Mahl in seine unweit gelegene Behausung ein. Diese war sehr ärmlich, gerade das notwendigste für die Zubereitung des Mahles war vorhanden. Schon mehr aus Gewohnheit, als Überzeugung, wurde dem alten Mann die Frage nach dem Glück gestellt. Umso überraschter war unser Herrscher, als er eine bejahende Antwort erhielt. Er vertiefte seine Frage und der alte Mann reagierte mit Verwunderung: "Ihr seht doch, hoher Herr, daß ich alles habe was man braucht - ich bin vollkommen glücklich in meinem Leben!"
"Nun, dann habe ich eine Bitte an dich", sprach der Herrscher erfreut, "verkaufe mir dein Hemd".
"Gern täte ich das, o Herr, aber ich kann es nicht. Denn ich habe kein Hemd."
...Daß aber der Herrscher den Rat seines Weisen zu wörtlich genommen und deswegen keinen Erfolg hatte, ist natürlich eine andere Sache.



So sagt diese Geschichte etwas über eine grundlegende Weisheit, welche leider nicht von allen Menschen verstanden wird. Mit Verwunderung beobachte ich heute Menschen, welche noch im reifen Alter Geld anzuhäufen versuchen, gleichzeitig aber eigenen Bedürfnissen und Annehmlichkeiten entsagen - weil sie sich zu arm fühlen! Oder meinten, ihren Nachkommen ein materiell abgesichertes Leben hinterlassen zu müssen. Oder ...

Für meine Vorfahren, meine Eltern, für die älteren Generationen überhaupt, war das wohl kein Thema. Denn das Leben der meisten Menschen vor dem Krieg war ein bescheidenes. So wuchs auch ich in Verhältnissen auf, die wirklich niemand als materiell wohlhabend hätte einstufen können. Die Familie mit erst drei, dann vier Kindern wurde von dem Verdienst meines Vaters, um die 50 RM wöchentlich, erhalten. (In den späteren Jahren fand ich Eintragungen meines Vaters, in denen er die Ausgaben für Schuhe und Kleidung der Familie festgehalten hatte).
So war für uns, die Kinder, Geld etwas fast abstraktes. Die Pfennige, welche man schon mal von der Tante oder einem Bekannten der Familie bekam, wanderten unwiderruflich in die Sparbüchse.
Deswegen waren schon meine erste Reaktion im Vorschulalter auf "eigenes" Geld wohl symptomatisch für mein späteres Verhältnis zum Materiellen im Bankformat. Als ich zusammen mit meiner Schwester ein 2-Pfennigstück im Sandkasten fand, gab es überhaupt kein Überlegen - das Geld sollte in Waren umgesetzt werden. Daß wir dabei eine riesige Enttäuschung erlebten - der Kaufmann gab uns gerade zwei Bonbons dafür - ist schon eine andere Sache. (Ob er sich dabei an uns bereichert hat, weiß ich nicht.)
Sparsamkeit war das Leitmotiv meiner Erziehung. Trotzdem fand ich das garnicht beschwerlich und fühlte mich auch nicht benachteiligt, wenn ich meine (eventuell angesammelten) Zehnpfennigstücke in einen großen Koffer steckte (den man aus der Sparkasse in die Schule gebracht hatte) - um dafür eben so viele Abbilder dieser Münze auf der eigenen Sparkarte zu bekommen. Hatten sich zehn angesammelt, konnte man die Karte in der Sparkasse abgeben und bekam von dem dortigen Beamten einen höchstpersönlichen, schriftlichen Eintrag über eine RM ins Sparbuch. Über die Jahre der Schulzeit in Gleiwitz und Peiskretscham hatten sich in dieser Weise zwanzig bis dreißig RM angesammelt, dazu kam der einmalige Eintrag von 100 RM, dem Erbe von Onkel Willi, der 1942 in Rußland gefallen war.
Natürlich sollte hier nicht verschwiegen werden, daß diese Sparbuchaktion (wenn es um materielle Effekte geht), für die Katz war. Der Krieg, und die Umstände in Oberschlesien danach, führten dazu, daß ich von diesem Geld niemals mehr einen Pfennig gesehen habe.
Dafür habe ich heute ein schönes, altes Sparbuch, Erinnerungen und eine gesunde Einstellung zu Sparkonten und Sparen für mein ganzes Leben.

Dann hatten wir das Jahr 1945. Ich wurde "erwachsen", d.h. die Lebensumstände verlangten es immer öfter von mir. Geldverdienen wurde zur Maxime, die Lebensgrundlage wollte gesichert werden. Mein Vater arbeitete bei der Bahn, praktisch ununterbrochen über die Wende im Januar 1945. Erst für die Russen, dann schon für die polnischen Staatsbahnen durch die der Betrieb übernommen wurde. Doch Geld für seine Arbeit sah er erstmalig im Juni/Juli jenes Jahres, wobei der Wert des Geldes ziemlich unbeständig war. Es waren die ersten Nachkriegszloty und Mutter versuchte sie so schnell wie möglich in Viktualien umzusetzen. Was ihr auch bei einer einmaligen Aktion in einem, damals schon offenen Lebensmittelgeschäft, in den Räumen der ehemaligen Ilka-Kneipe, an der Ecke Toster- und Stefanstraße, gelang: Für das ganze Geld kaufte sie Salz, Zucker, Brot und ähnliches. Es war so viel Ware, daß wir sie zu zweit mit Mutter mühelos nach Haus bringen konnten...
Diese Begebenheit nur zur Illustration des Geldwertes, damals. Denn der Alltag wollte praktisch, tagtäglich gemeistert werden und jedes Familienmitglied, (wir waren zeitweise bis zu neun Personen im Haushalt), versuchte nach seinen Möglichkeiten zum Familienunterhalt beizutragen. Ich war 12 oder 13 Jahre alt und befaßte mich mit dem Sammeln von Schrott, Flaschen, Lumpen und Papier. Dafür bekam man Groschen, manchmal Złoty. Aber ein kleiner Beitrag war es schon, wobei die Hauptsache das Wissen war, etwas zum "Wohlstand" der Familie beigetragen zu haben. Darüber wäre viel zu erzählen, doch wollte ich hier eigentlich nur sagen, daß in mir auch in jener Zeit niemals das Gefühl von Armut aufgekommen ist!

Als dann 1947 das Leben langsam in normalere Bahnen kam (womit ich nur sagen will, daß man im Hause immer etwas zum Essen hatte), wurde erarbeitetes Geld auch schon mal (ohne Wissen der Eltern) in Briefmarken, oder ähnlich "unnützem" Zeug, angelegt - ganz ohne Hemmungen und Visionen von einem Millionärsdasein. Schon im Herbst 1948 fing meine berufliche Laufbahn an, und ich verfügte über eigenes Geld. Das floß zwar zum größten Teil in die Haushaltskasse, aber den kleinen Rest legte ich jeden Monat auf die hohe Kante, denn ich hatte eine Idee, die ich unbedingt realisieren wollte. Und 1949 war es so weit: Gegen die Stimmen meiner Lieben nahm ich einen Kredit auf, und mit den wenigen ersparten Tausendern, kaufte ich einen Photoapparat, meine Baldina für ganze 36.000 Zloty! Hirnverbrannt sagten viele, denn der Preis betrug fast genau meinen viermonatigen Verdienst. Trotzdem war ich glücklich, hatte über viele Jahre eine Unmenge Freude an dem Apparat, und finde auch heute noch meine damalige Vorgehensweise als die einzig richtige. Trotzdem ich arm war, fühlte ich mich reich.

Die nächste Operation in dieser Manier war die "Wohnungs"-ausstattung unseres neuen Zuhause in das ich mit Leni im Jahre 1954 einzog. Es war zwar nur ein Zimmer, besser Zimmerchen, aber außer einem Schränkchen hatten wir da wohl nichts. Für mich war die Sache ziemlich eindeutig: Wir möblieren das Zimmer auf Kredit! Unsere Finanzen waren bescheiden: monatlich einige dicke hundert Złoty von Leni, mein kleines Taschengeld aus der Schule und im Schnitt vielleicht zweihundert Złoty aus Gelegenheitsarbeiten. Dem gegenüber der Möbelpreis von einigen Tausendern. Und wir mußten noch leben. Trotz aller Kopfschmerzen meiner Leni, später schon Frau, schafften wir diese Hürde in nicht einmal zwei Jahren problemlos - und wir lebten dabei sogar. Glücklich.

Dann kam die nächste Feuerprobe. 1960 hatte ich mein Studium fast beendet, arbeitete aber schon. Für 1.500 Złoty monatlich. Leni verdiente etwas mehr - da brachte sie eine Nachricht aus der Arbeit: sie könnte einen Bezugsschein für ein Motorrad besorgen. Ich war Feuer und Flamme - aber meine Frau bekam jetzt die Bedenken: 24.000 Złoty - wie sollen wir das bezahlen? "Mit einem Kredit natürlich!", war meine sofortige Antwort. Ich durfte sie letztendlich von der Richtigkeit meiner Ansicht überzeugen und bald hatten wir ein wunderschönes Motorrad, ein Jawa 250 ccm. Wir konnten unsere Fahrräder des öfteren abgestellt lassen und mit unserem motorisierten Verkehrsmittel die Welt erkunden. Die Nähere und auch weitere, denn zur damaligen Zeit brachte es uns nicht nur nach Berlin, sondern zweimal sogar nach Westberlin - in eine für uns unbekannte Welt. Zwar war das alles auf Pump, aber das schmälerte unsere Eindrücke, Treffen und Erlebnisse überhaupt nicht. Das Beste aber, daß auch meine liebe, vorsichtige Frau, die immer voller Bedenken war, mir nach diesen Jahren der Erlebnisse gestand, daß meine Vorgehensweise wohl die richtige gewesen war. Also wieder: arm (trotz Motorrad) - aber glücklich!

Später war es der Trabi, der uns viel abverlangte, denn wir waren schon zu dritt. Also arbeiten, zusätzlich lehren, Nachhilfeunterricht erteilen - alles gleichzeitig und dabei keine 35-Stundenwoche! Doch klappte es auch diesmal, wie auch sechs Jahre später beim zweiten Trabi. Zwar wurde alles mit viel Arbeit und wenig Zeit für die Familie erkauft, aber weder ich, noch Leni haderten ernsthaft mit dem Schicksal, jedenfalls was das Materielle anbetrifft.
Denn Leni hatte, durch ihre Besuche in Westdeutschland, einen anderen Blickwinkel auf die Realitäten unseres Alltags - und ich machte es ihr auch nicht leichter. Deswegen versuchte ich wenigstens ihren Standpunkt zu verstehen, und so entschlossen wir uns, es noch einmal zu wagen und unseren damals schon erarbeiteten kleinen materiellen Wohlstand, unser bisheriges Zuhause, in die Waagschale zu werfen. Mit anderen Worten, unserem damaligen Leben in Polen ein Ende zu machen und einen neuen Anfang in der Bundesrepublik zu versuchen.

Vorab gab es natürlich nur Hürden, welche das eigentliche Wagnis verblassen ließen, und so kam dieses uns erst richtig zu Bewußtsein, als es so weit war. Ausreisen mit dem sprichwörtlichen Koffer, alles Erarbeitete, unsere ganze bisherige Existenz, sogar Omas Häuschen, einfach hinter uns lassen, denn auch Geld durften wir nicht ausführen.
Also zu viert in die Bundesrepublik kommen, und praktisch ein neues Leben von Null anzufangen.
Es hat (natürlich) geklappt und nach sechs Jahren dachten wir an ein eigenes Häuschen. Leni war die treibende Kraft, hatte aber die meisten - wie sollte es anders sein - Bedenken. Wir kamen überein, daß weitestgehender Selbstbau die billigste Lösung ist, und veranschlagten die Baukosten mit rund 200.000 DM. Daraus wurden natürlich über 300.000 DM, die gerade steigenden Zinsen nicht mitgerechnet. Aber wir hatten "A" gesagt, ...und gaben unser Vorhaben, auch wegen meiner sich damals einstellenden Krankheit und dem Arbeitsplatzverlust, nicht auf. Wir machten eine schwierige Zeit durch, konnten uns aber über Wasser halten. Roland fing an zu arbeiten, ein Teil der Kredite war abgezahlt, und es ging mit allem bergauf.
Mit anderen Worten: Auch dieses Wagnis haben wir gemeistert. Es hat zwar etwas Kraft gekostet, aber auf der Plusseite hat sich sehr viel angesammelt: eigene Erfahrungen in allen Sparten der Hausbautechnik, ein solides Haus, keine Mieten und unangemessene Abgaben, ein Wohnen ohne Rücksicht auf die Nachbarn, und endlich ein bleibender Wert, welcher uns das Leben im Alter jetzt ungemein bequem macht.

Hier in diesem Haus, in dieser durch uns geschaffenen Umgebung, liegen auch die Grundvoraussetzungen für meine "Lebensphilosophie" zum Thema: Geld und das Leben. Erst hier kristallisierten sich meine Gedanken, sammelte ich Fakten und Anschauungen. Jeder Mensch lebt sein Leben nur einmal. Und man kann die, (heute schon eher verkommene), Tugend "Sparsamkeit" natürlich grundfalsch interpretieren. So wie ich anfangs sagte: vom Munde absparen - aber auf die hohe Kante legen. Trotzdem habe ich nichts gegen eine andere Sparsamkeit, ein aus dem Wissen um den Wert des Geldes entspringender Umgang damit. So wie ich es in der Kindheit erlebt habe. Also Sparen? Ja!

Nur zur gegebenen Zeit es auch wieder ausgeben können. Träume, Wünsche realisieren können. Nach einer gesunden, überdachten Hierarchie der Bedürfnisse. Um dann, trotz materieller "Armut" in Wirklichkeit reich zu sein. Wobei dieser "Reichtum" dann eigentlich nur die Summe von Zufriedenheit und Glücksgefühlen ist, welche dem Menschen zugänglich werden, ihn bewegen, den Grundstock seines emotionalen Daseins bestimmen.



Irgendwann um 2000

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Die Hochzeitsreise


Der Plan dieser Reise keimte in mir schon lange und sollte jetzt, nach dem ersten Studienjahr (1956), in die Tat umgesetzt werden. Die Voraussetzungen schienen erfüllt, seit kurzem hatten wir, dank der sich in unserer Ehe normalisierenden materiellen Verhältnisse, ein zweites Fahrrad. Praktischerweise war es auch ein Herrenrad - weil stabiler - und auch der Marke Simson/Suhl - Import aus der DDR. Also das Beste auf dem Markt erhältliche. Für heutige Verhältnisse war es eher schwer, archaisch und natürlich ohne Gangschaltung. Es gab eine Rücktrittbremse und etwas, was eine Vorderradbremse vortäuschen sollte. Nämlich einen Gummiklotz, welcher gegen den Reifen gedrückt wurde. Sehr uneffektiv und kurzlebig war so eine Bremse...
Nun man kannte es nicht anders, und hatte immer einen Ersatzbremsklotz bei den Werkzeugen. Die heute als normal betrachteten Felgenbremsen, waren damals den "Rennrädern" vorbehalten, und kamen für uns nicht in Frage. Wir jedenfalls, waren mit dem was wir hatten, sehr zufrieden. Für die Fahrt auch ausgiebig vorbereitet. Leni hatte schon einige hundert Kilometer Training hinter sich - an den Wochenenden, und auch des öfteren im Laufe der Woche. Sie wußte auch schon, wie gefährlich es in einer Kurve werden kann, wenn Sand auf dem Asphalt liegt ...
Ich hatte eigenhändig einen Rucksack genäht, geeignet für den Rücken - aber hauptsächlich für den Gepäckträger meines Fahrrads gedacht. Wir hatten uns Dosen für Lebensmittel und zwei Alutrinkflaschen (Feldflaschen) beschafft, damals - in der Vorplastikära - keine ganz einfache Angelegenheit. Und wir hatten einen Aluminiumtopf, mitteltief mit zwei Henkeln und einer Stürze. Der sollte zur Herstellung von Schnellgerichten dienen. Zu jener Zeit waren es praktisch nur Suppen. Unsere Ausstattung wurde durch möglichst wenige, möglichst vielseitige Kleidungsstücke vervollständigt. Das Hauptaugenmerk hatten wir auf je einen warmen Trainingsanzug und eine, (leider sehr primitive, wie es sich herausstellen sollte), Regenbekleidung gerichtet. Und ganz wichtig: Jeder hatte auf der Stange des Fahrrads eine Wolldecke, die vor Regen mit einem Bogen Ölgewebe geschützt war. Alles zusammengehalten durch zwei Schnallen aus einem alten Autoschlauch, Marke Selbstbau.
Von einer wichtigen Formalität wäre noch zu berichten. Da unsere Reise in grenznahe Gebiete führte, brauchte man eine Bescheinigung des Arbeitgebers über den Aufenthaltsort während des Urlaubs. Leni hatte eine solche Bescheinigung für mich, als Familienmitglied, bei ihrem Arbeitsgeber erledigt. Dabei auch eine ganze Latte von angepeilten Aufenthaltsorten in den Sudeten eingetragen: Ziegenhals/Glucholazy, Patschkau/Paczkow, Reichenstein/Zloty Stok, Bad Landeck/Ladek Zdroj, Wilhelmsthal/Boleslawów, Mittelwalde/Miedzylesie, Bad Reinerz/Duszniki Zdroj, Karlsberg/Karlow, Königswalde/Swierki, Brückenberg/Bierutowice, Oberschreiberhau/Szklarska Poreba, Bad Flinsberg/Swieradow Zdroj.

Und so konnte es Mitte August, nach Beendigung meiner "Zwischenarbeit", (der zwischen dem Studium und wirklichen Ferien), endlich losgehen. An einem frühen Morgen wurden die Räder gesattelt, (denn gepackt hatten wir schon am Vortag), und nach dem Abschied von unserer Wirtin, Fr. Macha, ging es bei schönem Sonnenschein quer durch Gleiwitz über Kieferstädtel in Richtung Westen. Die erste Etappe brachte uns am späten Nachmittag in die Nähe von Ziegenhals, rund 100 km hatten wir geschafft, im Spaziertempo. Aber für Leni war es mehr als genug; wir schauten uns in einem kleinen Dorf nach einem Nachtlager um. Das klappte sogar verhältnismäßig schnell, nach einigen Mißverständnissen bekamen unsere Räder einen Platz im verschlossenen Schuppen, wir in einem weniger genutzten Zimmer auf einem Sofa.
Zu dem Mißverständnis gibt es folgendes zu sagen: Im Dorf wohnten keine Einheimischen mehr, es waren Menschen aus dem ehemaligen Osten Polens, welche sich auch einer etwas anderen Sprache bedienten. So war der älteren Frau, die auf dem Gehöft antrafen, das Wort "nocleg" (Nachtlager) wahrscheinlich nicht geläufig. Jedenfalls nahm sie es als "nocnik" (Nachttopf) wahr und führte uns prompt zu einem Plumpsklo. Nun, nachdem sich auf dem Hof noch andere Mitglieder der Familie eingefunden hatten, konnten wir ihnen jedoch unseren Wunsch plausibel machen, wurden, wie schon gesagt, aufgenommen und verblieben dort auch noch den nächsten Tag. Leni hatte sich eine kleine Pause verdient.
Unser erster, richtiger Ferientag, brach am nächsten Morgen an. Das Wetter war sehr günstig, und wir zogen nach einem kleinen Imbiß, mit etwas Handgepäck in die schöne Landschaft. Eine Decke hatten wir mitgenommen, so auch die nötige Verpflegung und Wasser. Zu einem ausgiebigen Fußmarsch hatte keiner von uns die richtige Lust. Wir genossen den Anblick der hügeligen und teilweise bewaldeten - und ganz wichtig: menschenleeren - Umgebung und machten von dem ersten, geeigneten Platz Gebrauch, um die Decke auszubreiten und uns auszuruhen. Nun, vielleicht nicht ganz wörtlich...
Die Umgebung, das Wetter, die Atmosphäre und unsere Gefühle verhalfen uns zu einem wundervollen Tag, den wir so, fern von Zuhause, ohne Pflichten oder Zeitbeschränkungen, noch niemals verlebt hatten. Wir lernten uns von einer neuen Seite kennen und ...wir sprachen miteinander. Wir hatten einfach für alles Zeit - wir kamen sogar zum Essen. Erst die tiefer stehende Sonne erinnerte daran, daß wir uns noch Lebensmittel besorgen mußten, für den nächsten Reisetag.

Für den nächsten, übernächsten und so weiter. Denn so oder ähnlich ging es weiter. Die Tage reihten sich einer an den anderen, jeder wie der vorherige, aber doch mit immer neuen Momenten. Alles stand unter der Prämisse unseres Zusammenseins: Nur wir beide, körperlich und geistig in guten oder anstrengenden Stunden. Immer aufeinander angewiesen, voneinander erfahren oder miteinander erleben. Für all diese Momente gab es Beispiele.
Bei Paczkau überraschte uns eine Regenfront. Schnell konnten wir feststellen, daß unsere Kleidung für die Fahrt im Regen nicht taugte. Glücklicherweise erreichten wir, noch vor einer richtigen Durchnässung, ein offenes Bahngebäude, wo wir mit den Rädern Unterschlupf fanden. Es dauerte etwas, bis wir unsere Reise fortsetzen konnten, um dann die nächste Gelegenheit für ein Nachtlager wahrzunehmen. Weil das Wetter auch am nächsten Tag ziemlich unbeständig blieb, machten wir von der Gastfreundschaft unserer aktuellen Wirte Gebrauch, und blieben an Ort und Stelle. Am nächsten Tag also, als das Wetter nachmittags schon wieder freundlich wurde, entschlossen wir uns für eine kleine Fußwanderung im hügeligen Waldgelände. Wir plauderten, scherzten und machten all das, was zwei Verliebte in solchen Verhältnissen tun. Irgendwann, es war schon gegen 18:00 Uhr, (ja, ich hatte eine Uhr!), frug ich Leni: "Zeit zur Rückkehr - in welcher Richtung geht's denn?". Sie zeigte mir prompt eine Richtung. Aber glaubte mir auch, als ich die entgegengesetzte vorschlug, die uns dann wirklich nach einer knappen Stunde zu unserer Unterkunft brachte. Seit jener Zeit bin ich für sie eine Autorität in Sachen Orientierung.

Unsere Quartiere, manchmal nur Nachtlager, waren sehr unterschiedlicher Natur. Im allgemeinen konnten wir den Menschen eine ausgesprochen gute Gastfreundschaft nachsagen. Es waren immer Polen, ein Großteil aus der ehemals polnischen Ukraine. Die Häuser oder Gehöfte, (wir nächtigten ausschließlich in kleineren Ortschaften), waren gewöhnlich schon sehr reparaturbedürftig. Aber da fehlten einerseits die Mittel oder Material, anderseits hatten die Leute (wohl) noch kein richtiges Eigentumsgefühl für ihr jetziges Zuhause entwickelt. (Dieser Zustand blieb auch in weitem Ausmaß bis zum Ende der Volksrepublik erhalten.)
So hatten wir mal ein Nachtlager in einer Wohnung, in der für Gäste nur ein einziges altes Omasofa zur Verfügung stand. Zum Sitzen ganz gut, sogar für mehr Personen. Zum Schlafen womöglich für eine. Nun, wir schliefen zu zweit. Weil es aber aufeinander nicht über die ganze Nacht ging, haben wir dann beide schön auf der Seite geschlafen, einmal auf der linken, dann auf der Rechten. Und Leni hat nicht geklagt.
Ein anderes Mal wollten wir (wie gewöhnlich) nur in der Scheune eine Unterkunft erlangen, aber die gastfreundlichen Leute zwangen uns in die gute Stube und ihr eigenes Bett! Es war sauber und wir verlebten (wiedermal) eine richtige Hochzeitsnacht. Geschlafen haben wir aber auch.
Dann gab es noch die Nächte in denen wir wirklich auf Stroh in der Scheune oder Heu auf dem Heuboden schliefen. Auch ganz romantisch zum Kuscheln und Beieinanderschlafen. Das Heu bildet automatisch eine Kuhle, in der man versackt, und die dann auch für die nötige Wärme sorgt. Natürlich gibt es in einer solchen Umgebung auch Nachteile: Einzelne Teile des Lagers schlichen sich dort ein, wo man sie nicht haben möchte, oder man findet im Heu auch diese oder jene Krabbeltiere. Gut, daß wir eine Taschenlampe dabei hatten. Mit ihrer Hilfe konnte ich Leni oft aus (vermeintlichen) Notlagen helfen. (Oder taten wir nur so?)

In Wilhelmsthal/Bolesławów waren einige Tage eingeplant, weil dort eine, Lenis Mutter bekannte, Dame wohnte. Sie hatte in Wirklichkeit verhältnismäßig viel Platz in dem Haus, einer ehemaligen Herberge oder etwas ähnlichem. Wir bekamen da einen eigenen Raum und unten sogar eine zwar primitive, aber immerhin Duschgelegenheit mit warmem Wasser! Nun direkt nach unserer Ankunft machten wir ausgiebigen Gebrauch davon und konnten hier zum ersten Mal die Vorzüge eines gemeinsamen Duschens auskosten. Danach gab es noch eine Schokoschlemmerei und einen Abend ganz nach unserem Geschmack.
Wilhelmsthal sollte auch der Ausgangspunkt für zwei Tagesausflüge auf dem Rad werden. Der Glatzer Schneeberg (1425 Meter) war unser erstes, ehrgeiziges Ziel.  -  Es war ein bewölkter Tag, als wir uns frühmorgens, nur mit etwas Proviant versorgt, auf den Weg machten. Erst ging es noch über eine normale Straße mit verkraftbarer Steigung. Dann wurde es aber doch steiler, Leni wollte kapitulieren. (Zur Erinnerung: Wir hatten nur normale, eher schwere, Straßenräder ohne Gangschaltung). Doch hier kam meine Erfindung zum Tragen. Unter meinem Sattel hatte ich ungefähr 5 Meter fester Angelschnur verstaut. Jetzt holte ich sie heraus - das eine Ende blieb unter meinem Sattel befestigt während das zweite Ende nach einigen Umschlingungen der Mitte von Lenis Lenker von ihr leicht mit der Hand festgehalten wurde. Dann stiegen wir auf und ich trat richtig in die Pedale. So schafften wir ein schönes Stück bergauf, legten kurze Ruhepausen ein, oder schoben, wenn es schon zu steil wurde, die Räder einträchtig bergauf. Es dauerte etwas, aber dann hatten wir es bis zur Baude, unter dem Gipfel geschafft! Hier saßen wir dann auf einer - ach so bequemen, im Verhältnis zum Sattel - Holzbank. Es gab etwas zum Trinken, und wir überlegten unser weiteres Tun. Bis zum Gipfel waren es vielleicht noch hundert Höhenmeter, und wir machten probeweise vielleicht noch 10 bis 20 (aber ohne Räder), aber dann siegte unserer gesunder Menschenverstand. Hier, in Baudennähe war die Sicht schon schlecht, oben wahrscheinlich noch schlechter, ...und außerdem verspürten wir die bisherigen 20 oder 25 Kilometer in den Beinen. Es könnte doch regnen und eigentlich sollten wir noch bei Tageslicht in unserem Quartier sein. Also Rückkehr!
Wegen der schon angesprochenen Umstände gedachte ich den Rückweg möglichst kurz zu halten, und nicht mehr den Hinweg zu nehmen. Nicht bedacht hatte ich, daß es auf dem kürzeren Abstieg eher steiler zugehen muß. Und, daß dort womöglich ein schlechterer Weg ist.
Beides traf dann zu. Solange man fahren konnte, saßen wir im Sattel und bremsten, mit dem Rücktritt natürlich. Aber bald wurde die Nabe so heiß, daß das Fett herausgeschleudert wurde. Als erste Hilfe legte ich die Räder mit dem Hinterrad in den Bach nebenan. Dann konnte man die Nabe schon anfassen. Im Endeffekt durften wir die Bremse nicht mehr so intensiv beanspruchen, und führten die Räder auf steileren Abschnitten. Hier kam die Vorderradbremse gerade recht - man hatte das Fahrrad im Griff. Damit wir wegen diesem unproduktiven nur Radhalten und Zufußgehen nicht zu traurig wurden, verschlechterte sich der Weg so sehr, daß an eine Bergabfahrt sowieso nicht zu denken gewesen wäre. Also ging es weiter auf Schusters Rappen. Zum Glück hat jeder Weg ein Ende. So kamen auch wir an einen Steinbruch, von dem schon eine fast normale Straße, mit normalem Gefälle, zur "Hauptstraße" hinab führte. Wir waren pünktlich daheim, ich sogar etwas stolz ob der bestandenen Strapazen.

Und noch einen Tag widmeten wir einem Ausflug auf dem Rad. Schon auf normalen Straßen ohne gravierende Höhenunterschiede, obwohl im Glatzer Schneegebirge. Auf diesem Ausflug wollten wir, zum ersten Mal, den Topf für die Zubereitung unseres "Mittagsessens", in freier Natur, am Lagerfeuer verwenden. Bisher hatten wir unsere Suppen, wenn überhaupt, auf den Herden unserer Gastgeber gekocht.
Wir radelten also ganz entspannt durch die schöne Gegend, bis wir eine passende Stelle für unseren Biwak entdeckten. Es war eine längere Hecke an einem winzigen Wasserlauf mit dem Rest eines gemauerten Fundamentes, weit weg von der Straße. Obwohl die sowieso fast leer blieb. Die Decke ausbreiten und einfach faulenzen - das war der Anfang. Dann begab ich mich auf die Suche nach Brennmaterial, (trockene Äste gab es genug), für unser Lagerfeuer. Das Feuer wurde zwischen drei, in die Erde gesteckten und speziell geformten Drähten entfacht .Diese dienten der Aufnahme unseres Topfes. Wasser hatten wir dabei, sogar ein paar Kartoffeln und Leni begab sich an die Arbeit.
Jetzt erst stellte sich heraus, daß ein romantisches Lagerfeuer mit vielen Tücken behaftet ist. Zuerst war die Idee mit den Kartoffeln nicht besonders gut. Ein aufkommender Wind trieb die Flammen immer wieder vom Topf weg, der Rauch wehte einem gewöhnlich genau ins Gesicht, und ein absehbares Ende: weiche Kartoffeln, rückte in die Ferne. So gaben wir hier auf und beschränkten uns auf eine Erbsensuppe. Diese bekamen wir wirklich fertig, sogar mit etwas Flugasche garniert, und dem richtigen Aroma eines Lagerfeuers. Sie schmeckte erstklassig, und zusammen mit den mitgebrachten Schnitten, war es eine gute Mahlzeit. Wir hatten den Tag in bester Verfassung überstanden, unserer Topf weniger. Abgesehen von der Schwärzung, ist er irgendwie weich geworden, und bestand bald nur noch aus Dellen.

Nun, und in den nächsten Tagen waren wir wieder auf Achse. Über Glatz ging es gegen Norden. Fast allen bekannten Kurorten wurde ein Besuch gewidmet. Wir genossen die schöne Landschaft, immer wieder von Neuem. Die Straßen waren damals wenig befahren, gewöhnlich gehörten sie uns. Das Schlimmste für uns war es immer, wenn wir nach einer langen asphaltierten Bergauffahrt auf eine gleich komfortable Abfahrt, in dieser hügeligen Landschaft hofften. Aber die Straßenbauer jener Zeiten haben es fast immer geschafft, "unsere" Talfahrten reparaturbedürftig, mit Löchern oder Schotter zu belassen. Dann, statt einer bequemen Abfahrt, stand man auf der Bremse, und war sauer. Na ja, aber halt nur bis zum Ende der schlechten Straße.
Einen Tag hatten wir dem Tafelgebirge gewidmet. Die abenteuerlichen Formen der Felsformationen am Großen Heuscheuer animierten zu Vergleichen, und die Atmosphäre des Alleinseins in den Labyrinthen der Felsbrocken, gab uns wieder ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Niemand störte uns beim Entdecken immer anderer Perspektiven, aus denen man diese, durch die Natur geschaffenen, Gestalten bewundern konnte. Es war einer jener Tage, die man wohl bis ans Lebensende immer wieder vor das geistige Auge holen kann.

Dann war noch die Sache mit der Schokolade. Denn die war damals eine exklusive Süßigkeit, vor allem vom Preis her. Wir hatten noch eine Tafel im Gepäck aufbewahrt, als Notnahrung sozusagen. Und an diesem Tag war es sehr heiß, die Straße schattenlos und anstrengend. Wir entschlossen uns, zur Mittagszeit, für eine Ruhepause am Straßenrand, und eine körperliche Stärkung. Die Schokolade mußte her.
Ja, aber was war denn das, was ich aus dem Rucksack kramte? Etwas Weiches in Papier verpackt? Nein, es war doch unsere Schokolade, der Hitze nicht gewachsen - wir nahmen sie dann kurzerhand per Zunge ein...
Die Tage unterwegs reihten sich aneinander, die täglichen Tätigkeiten: Packen, Fahren, die Welt bewundern und nach einer Übernachtungsmöglichkeit Ausschau halten, wurden zur Routine. So vergingen über drei Wochen unterwegs wie im Fluge, und eines Tages standen wir in Greifenberg/Gryfowo, vor der Wohnung von Lenis Verwandten. Greifenberg sollte dann auch praktisch den Endpunkt unserer Reise markieren. Von dort aus machten wir noch einen Abstecher nach Bad Flinsberg/Swieradow Zdroj, um dann endgültig in Hirschberg/Jelenia Gora unsere Fahrradtour zu beenden. Wir packten die Räder in den Zug, und ab ging es nach Zuhause, dem schönsten aller Urlaubsorte.
Erinnert um das Jahr 2000

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Finsternis


Es ist eine Erfahrung aus der Zeit meiner Lehre, Anfang der 50-er Jahre. Zu verschiedenen Zeitpunkten des Schuljahres, immer dann, wenn eine Grube Produktionsengpässe hatte, besann sich diese unserer Schule. Alle Schüler waren volljährig, hatten schon Berufserfahrung und kamen zum größten Teil aus dem Bergbau. Gewöhnlich genügte ein Anruf der Grube beim Schuldirektor, mit dem diskreten Hinweis auf die Empfehlung des städtischen Parteikomitees, um 100 bis 150 Paar Hände, für einen Tag, oder auch eine Woche - verteilt über die drei Schichten - zur Verfügung zu haben. Der Unterricht fiel dann zwar aus, (ich glaube, das war auch dem Lehrkörper recht), aber wir, die Schüler, bekamen für jede Schicht den Mindestlohn - eine willkommene Bereicherung unseres monatlichen "Nettoeinkommens", (dieses waren nämlich nur die rund 30 zl, welche wir monatlich als Taschengeld ausgezahlt bekamen).
Also war ich an irgendeinem schmuddeligen und naßkalten Herbsttag, mit einem vollen LKW anderer Mitschüler, zu einer Grube, (es war wohl die ehemalige Barbara-Grube), gekarrt worden. Wir hatten Arbeitskleidung, Helm und Karbidlampe von der Grube gestellt bekommen, uns umgezogen, und warteten vor dem Schacht auf unsere Betreuer. Die schnappten sich jeweils einige aus der Gruppe, nur ich blieb solo mit einem der Betreuer. Natürlich ging es dann auch gleich bergab, d.h. "wir fuhren ein". Mein Mann war eher wortkarg und so erfuhr ich erst nach 15 oder 20 Minuten, als wir schon bei zwei anderen Bergleuten waren, um was es heute geht. Es waren Reparaturarbeiten an einem eingedrückten Streckenabschnitt: Altes Holz raus, eventuell zerkleinern und mit losem Gestein verladen. Neues Holz heranschaffen, zuschneiden und verbauen. So sah die Arbeit aus, bei welcher ich mithelfen durfte.
Dann kam der Moment, wo der Vorarbeiter seine Taschenuhr aus den Lappen wickelte, darauf schaute, und zu mir sagte: "Na, für dich ist die Arbeit zu Ende, wir aber fahren noch eine zweite Schicht. Mach, daß Du zum Schacht kommst". Und ein guter Ratschlag, als ich ihm sagte, daß ich hier zum ersten Mal bin: "Du gehst zum Blindschacht, dorthin wo wir das Holz geholt haben, steigst hoch, und dann kannst du geradeaus zum Schacht laufen, das ist der kürzeste Weg".

Na gut, ich wollte unbedingt pünktlich oben sein, den LKW, und damit auch das fällige Essen im Internat, nicht verpassen. Ich machte mich auf den Weg. Da ich allein war, konnte ich von dem Aufzug keinen, (sowieso verbotenen), Gebrauch machen. Also auf die Leitern! Es waren ihrer 12 oder 15, jede stand auf einem Zwischendeck mit einem Loch zum Durchsteigen. Es ging flott aufwärts. Als ich meinte, schon auf der letzten Leiter zu sein, und im fahlen Licht meiner Karbidfunzel nach oben blickte, gab es den, unter Tage so bekannten dumpfen Knall, dann noch weitere: Die Kumpel hatten irgendwo in der Nähe, wie gewöhnlich zum Schichtende, geschossen und so die Arbeit für die nächste Schicht vorbereitet. So spürte ich die Druckwelle, aber was schlimmer war, meine Lampe auch - sie ging bei der ersten Explosion aus.

Finsternis war jetzt nicht das richtige Wort für das, was mich umgab. Ich stand auf der Leiter, vor meinem inneren Auge hatte ich jetzt das Leiterende und womöglich auch die Tür, welche ein Teil des Ventilationsabschlusses des Schachtes war. Ich überlegte fieberhaft: Kommt hier noch jemand vorbei? Nein, konnte ich mir sofort antworten. Es war Samstag, und da unten waren wir allein gewesen. Streichhölzer! Warum hast du keine Streichhölzer bei dir, haderte ich mit mir selbst. Zwölf Leitern hinuntersteigen und mich zu den Leuten zurück tasten? Zu gefährlich!
Außerdem der LKW und das Essen! Also vorwärts! Ich stieg höher, bis ich die Bohlen des Bodens fühlen konnte. Langsam stieg ich rüber, das Leiterende fest in der Hand. Bloß nicht in das oder ein anderes, mir unbekanntes Loch reinfallen! Mit der anderen Hand, und der jetzt unnützen Lampe herumtasten: Ist das eine Wand? Nein, sie gibt nach. Also doch die Tür, das Schachtende! Ich drücke mich durch die Tür und an der umbauten Wand langsam entlang. In direkter Nähe müßten ja die Schienen verlaufen, auf denen Material zum Blindschacht transportiert wird. Behutsam weiter, während sich einiges im Kopf abspielt.
Kindheitserinnerungen werden wach. Neben der realen Gefahr eines Sturzes oder Verletzung durch unbekannte Gegenstände geistern auch irrationale Gedanken durch den Kopf. Weniger direkt Gespenster als irgendwelche Personen, irgendein näher nicht zu präzisierendes, aber unheimliches Geschehen ist doch allgegenwärtig; bei diesem Vorwärtstasten ins unbekannte Nichts. Das alles in den paar Minuten von der Leiter bis zur Strecke, denn da sollten schon die Schienen sein. Und ich stieß auf sie! Aber die Schienen gehen ja nach links und rechts. Wo aber geht es zum Schacht? Hier half mir mein theoretisches Wissen um die Lüftungsabläufe: Mitten zwischen den Schienen stehend hielt ich den befeuchteten Finger über den Kopf. Und ich konnte die Windrichtung fühlen, der Wind kam von rechts. Dort also sollte der Hauptschacht liegen.
Na dann, sagte ich mir und marschierte, nein, tastete mich weiter voraus. Jetzt aber deutlich schneller, denn ohne Wandkontakt. Einen Fuß schob ich auf der Schiene vorwärts, und zog den anderen nach. So humpelte ich voran und die Augen fielen mir vor Anstrengung fast aus den Höhlen. Hundert oder zweihundert Meter, ich konnte es nicht sagen, da sah ich etwas wie einen Lichtschimmer, einen schmalen senkrechten Streifen in der Ferne. Ich verbiß mich in diese "Lichtquelle", sie wurde breiter, ich erkannte eine Biegung der Strecke, und konnte jetzt schon weit vorn, ihren Umriß erkennen. Er war schwach, ganz schwach beleuchtet, aber zeigte mir, daß ich mich der Hauptstrecke näherte. Gleichzeitig spürte ich auch den schmerzenden Rücken und mir wurde plötzlich bewußt, daß ich den bisherigen Weg in immer gebückterer Haltung durchwandert hatte. Das wegen einer Grubenangewohnheit, denn sogar bei "normalen" Lichtverhältnissen konnte man ungewollterweise gegen eine herabgedrückte Kappe, oder ein herausstehendes Brett rennen und man nahm deswegen auch im Grubenalltag des öfteren automatisch eine gebückte Haltung ein.

Ich kam zur Hauptstrecke und sah zur rechten Seite zwei Männer auf einem Stapel Holz sitzen, ihre Lampen hingen an den Stempeln über ihnen. Bei dem durch mich verursachten Geräusch sprang der eine auf und beide starrten in meine Richtung. War es der Steiger, der sie in dieser Ruhephase überrascht hat? Nee, nur irgend eine zerlumpte Gestalt, ohne Licht, kam da aus der Finsternis. Also saßen die Beiden schon wieder als ich bei ihnen war. Ich nahm mir Feuer von der Lampe, und mit einer entsprechenden Handbewegung, (mit der jetzt schon brennenden Lampe), frug ich nur: "Zum Schacht"? Die Antwort war ein gleichermaßen lakonisches Nicken: "Ja". Also marschierte ich diesmal schon wirklich los, hatte den Schacht verhältnismäßig schnell, noch zur rechten Zeit, erreicht und war ebenso schnell über Tage, in der Waschkaue, im LKW und dann beim Essen.
Obwohl ich später fast überhaupt nicht über mein Erlebnis gesprochen habe, blieb es für mich eine unvergessene Erfahrung: 10 oder 15 Minuten ohne Augenlicht, in fremder (und gefährlicher) Umgebung, aktiv sein zu müssen!

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CO2   -   Kohlendioxid


In den frühen 50ger Jahren, gab es wieder mal eine Periode meiner schulischen Ausbildung, in der ich nicht die Schulbank drücken brauchte, sondern zur Hilfe bei der Erfüllung des Produktionsplanes einer Hindenburger Grube herangezogen wurde. Natürlich nicht nur ich allein, sondern alle Schüler unserer Schule.

So wurde ich für eine oder zwei Wochen Mitglied einer kleinen Brigade, welche die Erschließung eines vor Jahren - noch vor oder während des Krieges - verlassenen Abbaufeldes zur Aufgabe hatte. Unser Arbeitsplatz lag auf der tiefsten Sohle dieser Grube. Wohl 700 oder 800 Meter unter der Erdoberfläche. Diese große Tiefe, im Zusammenspiel mit einer stark reduzierten Geschwindigkeit der Seilfahrt (2 - 3 m/s), ergab eine außergewöhnliche Dauer der Ein- oder Ausfahrt, nämlich gute 4 oder sogar 5 Minuten. Und ein weiteres Merkmal dieses Arbeitseinsatzes war die Temperatur da unten. War diese im Schachtbereich und Querschlag noch verkraftbar, wurde sie vor Ort, dort wo man arbeitete, fast unerträglich.
Aus Sicherheitsgründen (?) hatte der Häuer, sozusagen unser Chef da unten, ein, auf einem Brettchen befestigtes, Thermometer dabei. Während der Arbeit hing es unweit der Ortsbrust an einem Stempel. Für mich war es eher uninteressant, auch wenn der Häuer sagte: "Schon wieder fast 35 Grad". Wahrscheinlich war es für ihn eine Kontrolle der Belüftung, ich dachte dabei nur an den Badesee.
Denn diese Belüftung war für die hier arbeitenden Menschen eine Angelegenheit der Gesundheit und sogar des Lebens. Wie es sich später herausstellen sollte.

Die Arbeit vor Ort fand nämlich in einer "Sackgasse" statt, 80 bis 100 Meter (oder mehr?) von der Strecke entfernt, welche "normal", nämlich durch den allgemeinen Luftstrom der Grube - zwischen zwei Schächten - belüftet wurde. Der Luftaustausch an unserem Arbeitsplatz wurde durch eine Lutte, nämlich eine Blechrohrleitung von ungefähr 40 Zentimeter Durchmesser bewerkstelligt. Ein in diese Leitung eingebauter, elektrischer Axiallüfter, preßte die Luft aus der Strecke an die Ortsbrust. Aber bei dieser großen Entfernung war seine Leistung eher mangelhaft. Denn er sollte nicht nur Atemluft heranschaffen, sondern auch für die Luftkühlung vor Ort sorgen.
Und um diese war es im Durchschnitt der Tage, an denen ich dort arbeitete, schlecht bestellt. Da half auch die zusätzliche Entnahme der Preßluft, aus dem Rohrsystem für pneumatische Werkzeuge, eher wenig. Außerdem verursachte die ausströmende Preßluft einen ziemlich unangenehmen Lärm, so daß man von dieser Hilfsmaßnahme weniger Gebrauch machte. - Es blieb also heiß.
Dies, die gewöhnlich anstrengende Arbeit, und die womöglich nicht beste Atemluft, sorgten für eine satte Schweißproduktion. Das wiederum machte Durst. So hatte jeder seine Flasche(n), mit möglichst viel Trinkbaren bei sich. Nur ich, am ersten Tag nicht. So war ich gezwungen, von der mir eher unappetitlichen, von der Grube angebotenen, Trinkgelegenheit Gebrauch zu machen. Das war eine 6 - 8 Liter irgend eines Tees fassende Blechkanne, mit daran hängenden Tippeln, aus denen man das Getränk konsumieren konnte. Diese damals übliche Kanne, ein sich konisch nach oben verjüngendes Gefäß mit einem, von einem Grubenmechaniker angepaßtem Klappdeckel, wurde ungefähr zur Halbzeit vor Ort gebracht.

Wie ich schon sagte, schwitzen alle. Deswegen arbeiteten alle Kumpel nicht nur "oben ohne" sondern auch "unten ohne". Ihre Bekleidung bestand in diesem Fall nur aus den üblichen Gummistiefeln, und dem Helm. In Angesicht dieser baumelnden Tatsachen, konnte ich mich nicht für so eine Radikalmaßnahme entscheiden. Ich behielt auch dort immer mein züchtiges "Turnhöschen" an. Zwar war dieses sehr schnell klitschenaß, aber ich beließ es bei dessen einmaligem Auswringen zum Schichtende. Bevor ich wieder die restliche Arbeitskleidung anzog. Ja, und fast hätte ich es vergessen: Während der Schicht entleerte ich hin und wieder meine Gummistiefel - natürlich nur von dem sich dort sammelnden Schweiß. Der Schweiß war so allgegenwärtig, daß ich zum Schichtende total verschrumpelte Handinnenflächen hatte, so wie nach einem Wäschetag in Mutters Waschküche.
Und das Unwahrscheinlichste an dieser ganzen Geschichte: Trotz der widerlichen Arbeitsbedingungen mit Nässe und Hitze, mit Durchzug im Querschlag, Förderkorb und auf dem Weg zur Waschkaue, habe ich mir damals keine Krankheit eingehandelt.

Aber jetzt zum eigentlichen Thema dieser Geschichte. Wie gesagt, sollte ein altes Abbaufeld erschlossen werden, und unsere Brigade hatte die Aufgabe dieses mit einem verhältnismäßig breitem Gang in einem Kohleflöz zu erreichen. Also fielen hier die üblichen, bergmännischen Arbeiten an. Bohren, schießen, Kohle laden und die Strecke mit einem Holzbau absichern. Den zwei jüngsten Mitgliedern der Brigade blieb das Beladen, und der Transport der Hunte zur Hauptstrecke vorbehalten. Und so war die Schaufel das Werkzeug, welches ich fast den ganzen Tag in den Händen hatte.
Einmal war es wieder so weit. Nach dem Schießen dauerte es einige Minuten, bis der Rauch durch die Luft aus der Lutte ziemlich verdünnt war und sich dann auch teilweise verzogen hatte. Dann begaben sich alle aus der sicheren Entfernung, in der sie die Explosionen abgewartet hatten, wieder nach vorn, zur Arbeitsstelle. Ich war gern vorn dabei, um zu sehen, wie viel Kohle es zum Verladen gibt.
Verwundert schaute ich auf den diesmal ungewohnt ansehlichen Haufen, welcher sich im vorderen Bereich bis zur halben Höhe unserer Strecke türmte. Aber darüber gab es noch etwas schwärzeres als die Kohle, beim Näherkommen erkannte man es als ein Loch! So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Aber ehe ich auf den Kohleberg klettern konnte, rief der Häuer: "Halt, Vorsicht - dort gibt es bestimmt Gas!". Im ersten Moment war ich tief erschrocken, denn aus der Theorie kannte man die Gefahren rund ums Methangas - die verheerenden Folgen einer Methangasexplosion.
Doch einen Augenblick später war ich wieder in der Realität: Die Grube war als nicht explosionsgefährdet eingestuft, sämtliche Bergleute waren mit Karbidlampen, also offenem Feuer, ausgestattet. So konnte er nur Kohlendioxyd meinen! Und wirklich, als er den Berg erkletterte und mit seiner Lampe in die Nähe des Loches kam, erlosch diese sofort. So meinte er dann stoisch: "Nicht sitzen, sondern arbeiten und die Lampen hoch hängen". So geschah es auch, daß wir unserer Arbeit, dem Verladen der Kohle nachgingen. Nur mich zog dieses Loch da oben magisch an.
So benutzte ich die erste Gelegenheit, (als kein Wagen da war), um das Unbekannte zu ergründen. Zuerst konnte ich feststellen, daß die Lampe weiter brannte, wenn ich sie in Firstnähe an das Loch heranbrachte. Erst beim Absenken erlosch sie. Einige weitere Proben in Lochnähe und dann schon auf der Sohle unserer Strecke, zeigte mir den unsichtbaren Fluß dieses Gases. Aus dem Loch hinaus floß es wie Wasser über die Kohlenhalde um sich dann in der Strecke, schon mit der Abluft vermischt, unerkennbar zu machen.

Als ich diesen Tatbestand begriffen hatte, zog es mich in das Loch. Doch der Häuer hatte eine andere Meinung. "Du bleibst schön hier". Wahrscheinlich hatte er auch Recht. Dafür konnte ich aus der relativ sicheren Umgebung der Ortsbrust die Gegebenheiten des "entdeckten" Neulandes mit meiner Reflektorlampe erkunden.
Es war ein Teilstück, einer mit Holz ausgebauten Strecke, dessen Sohle etwas höher lag, als die unseres Arbeitsplatzes. Der Boden war mit Kohle- oder Steinbruchstücken übersät. Das Holz teilweise eingedrückt oder zerbrochen, und mit grellweißen Schimmelpilzen übersät. So wenigstens nahm ich das in dieser schwarzen Umgebung wahr. Die Pilze wucherten in Form von Halbkugeln auf den Holzoberflächen oder hingen als Kugeln bis zur Kinderkopfgröße an dünnen Strängen - wie Beleuchtungskörper in einer modernen Kunstausstellung. Diese vielen weißen Flächen reflektierten das eher schwache Licht der Karbidlampe, und erlaubten so einen ungewohnt weiten Einblick in die unberührte Welt von vor 10 oder 20 Jahren.
Und interessant: In dieser hermetisch abgeschlossenen, dunklen Umgebung, in welcher der Sauerstoff über die Jahre wohl vollständig aufgebraucht war, in der warmen CO2-Umgebung, hatten die Schimmelpilze ihr Zuhause gefunden.
Diese Erfahrung, der Kontakt mit einem, von Menschen geschaffenen, aber über fast Jahrzehnte verwaistem Hohlraum, sollte für mich ein weiteres, prägendes Erlebnis aus der Unterwelt bleiben.


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Waldenburg


Das dritte Studienjahr im Polytechnikum neigt sich dem Ende zu. Hinter mir schon die Erfahrungen aus den untertage verbrachten Arbeitstagen der Vorjahre, wie auch solche touristischer Natur. Was lag da näher, als beim jetzt fälligen Praktikum beide zu nutzen? Also auf meinen unternehmungslustigen Kommilitonen und Freund Tadek zu hören und für diese Zeit das schwarze Oberschlesien zu verlassen? Und da war auch gleich ein konkreter Vorschlag: eine Grube im Grünen, unweit Berge, Wälder und Seen. Er dachte dabei an Waldenburg, mit der Grube Mieszko, weil die ein eigenes E-Werk hatte, und somit etwaigen Forderungen unseres Studienplanes entgegenkam.
Jetzt brauchten wir eigentlich nur die Einwilligung der Grubendirektion für die Aufnahme einiger "in statu nascendi" - Wissenschaftler des Gleiwitzer Polytechnikums. Ich wurde mit der Aufgabe betraut, und durfte den Direktor von der Bedeutung dieser Einwilligung für die Grube überzeugen. Es hat geklappt, die positive Antwort kam schnell. Für alle Fälle aber wollte die Grube nicht für unsere Unterkunft und Verpflegung aufkommen (!).
Dies hat uns natürlich nicht abgeschreckt, und am 1. Juli. 1958 meldeten wir uns zu dritt, (Kazik hatte sich uns angeschlossen), vorschriftsmäßig in Waldenburg. Ohne besondere Schwierigkeiten konnten wir uns eine Unterkunft, in dem zur Ferienzeit leerstehenden Internat einer Bergschule, erledigen, aber gleichzeitig auch den Beauftragten der Grube für Pratikantenangelegenheiten davon überzeugen, daß wir wohl einige Tage für die Erledigung unserer hiesigen Existenzgrundlagen und die Eingewöhnung an das neue Klima brauchen werden. (Spaß beiseite, das Letztere haben wir natürlich nicht gesagt.) Er war wohl ein einfühlsamer Mensch, denn unsere Worte haben ihn überhaupt nicht unangenehm überrascht. Wir interpretierten deswegen seine Einstellung als quasi Freibrief für eine Gestaltung des Praktikums nach unseren Vorstellungen. Und konnten dadurch in vielen Ausflügen die nähere und weitere Umgebung der Stadt kennenlernen.

Eine interessante Stelle befand sich unweit des Internates: Die Einfahrt in einen Eisenbahntunnel. Wir umstiegen die nähere Umgebung, verglichen die Bauweise mit uns schon bekannten Grubenbauwerken und schauten in den pechfinsteren Schlund, welcher auf der anderen Seite in Bad Charlottenbrunn/Jedlina Zdrój enden sollte. Später bin ich diese Strecke sogar zweimal mit dem Personenzug gefahren, in einem heute schon nicht mehr bekannten, vieltürigen und massiv gebautem Waggon mit Trittbrettern, welche seine ganze Länge überbrückten. Es waren die Rückfahrten von netten Treffen mit einer jungen Dame, wohnhaft in eben diesem Ort.

Wir lernten sie bei unserem ersten Bummelausflug in diese Richtung kennen. An einem Nachmittag begaben wir uns zu zweit mit Tadek auf eine Entdeckungsreise durch den Wald über dem Tunnel. Und wirklich fanden wir uns, nach einem oder zwei Kilometern eines Trampelpfades, in einem Ort, dem erwarteten Charlottenbrunn. Wir schlenderten durch die menschenleere und spärliche Bebauung am Ortsende und waren praktisch schon wieder auf dem Rückweg, als uns eine junge Frau - aus der Ferne anmutig anzuschauen - entgegenkam. In einem weiten Faltenrock, mit nicht unrechtem weiteren Äußeren, ließ sie sich durch unsere Bemerkungen zum Stehenbleiben verleiten. Ich schreibe zwar unsere, aber da war es doch hauptsächlich der Tadek, welcher sich über detailliertere topographische Gegebenheiten unseres weiteren Rückweges, informieren wollte - denn gewöhnlich war er für die Navigation verantwortlich. Die junge Frau, das Mädchen, stellte sich als angenehmer Gesprächspartner dar, und ehe wir uns versahen, erkannte man die nahende Dunkelheit deutlich. Auch unsere Mägen erinnerten uns an die Realität. Weil es aber so nett war, kam uns die Idee zu einem weiteren Besuch dieses ehemaligen Kurortes schon gelegen, umso mehr, als unsere Bekannte den Führer machen wollte.

Zu jenem Zeitpunkt kündigte sich eine richtig dunkle, sternenlose Nacht an, und wir beschlossen, für den Rückweg die normale Straße nach Waldenburg zu nehmen. Obwohl es ein paar Kilometer weiter war, befanden wir es als kleineres Übel und Risiko, als den unbekannten, kaum erkennbaren Pfad durch den gebirgigen Wald. Und Tadek hatte doch letztendlich den Straßenverlauf im Kopf!
Wir haben uns gut entschieden, denn die ägyptische Finsternis veranlaßte uns sogar bei diesem Weg die Straßenmitte zu benutzen - weiter weg von vorhandenen Unebenheiten am Rande, und dem dortigen Strauchbewuchs mit eventuellen Überraschungen. Wirklich trafen wir dann, schon unweit der Stadt, eine motorisierte Patrouille der Miliz, welche sich erst von unserer Identität überzeugte und dann vor eventuellen, unliebsamen Begegnungen in dieser Gegend warnte. Nun, glücklicherweise befanden wir uns alsbald in bebautem, und sogar beleuchtetem Gelände. So vergaßen wir die gut gemeinten Warnungen wieder schnell. Ich verließ mich auf den Orientierungssinn meines Freundes und wir wanderten durch die schlafende Stadt.

Nun, durch die nicht ganz schlafende Stadt, wie wir uns alsbald überzeugen konnten. Neben unserem Weg erblickten wir einige hell erleuchtete und offenstehende, tief gelegende, Fenster. Zugleich schlug uns ein appetitlicher Geruch in die Nase: eine Bäckerei? Wir hatten noch genügend Unternehmungsgeist, um von unserem Weg abzuweichen, und einen Blick in die Fenster zu werfen: Wirklich eine Bäckerei! Aber da wurden "nur" Waffeln gebacken. Unser artiges "Guten Abend" und der wohl hungrige Blick, veranlaßte einen der Bäcker zu einer mildtätigen Geste, welche wir sofort dankbar annahmen: er reichte uns einen Haufen von eben gebackenen, aber zerbrochenen Waffeln!
Verproviantiert marschierten wir weiter. Dann passierten wir eine Stelle der Stadt, an welcher noch reges Treiben herrschte, ich glaube ein Kino und eine Kneipe waren es. Ich hatte mich in die Plakate oder auch Menschen verguckt, und war etwas hinter Tadek zurückgeblieben. Da näherte sich mir eine Frau, ging paar Schritte neben mir, und sagte verheißungsvoll: "Komm!" Ich wurde aus meinen Gedanken herausgerissen, und starrte sie wohl etwas verständnislos an. Deswegen wiederholte sie während der nächsten Schritte: "Komm mit mir!". Ich war so überrascht, besser verwirrt, daß ich nur verneinend den Kopf bewegen konnte um dann mit schnelleren Schritten meinen Freund einzuholen.
Der hatte von meinem Erlebnis nichts mitbekommen und ich sagte ihm was für ein Angebot ich gerade erhalten habe. Aber: Waren wir beide schon zu müde oder zu unsicher in dieser Thematik - denn der Vorfall blieb ohne Erörterung. Schweigend erreichten wir unser Quartier.

Da wir uns schon für den nächsten Tag - mit unser neuen Bekannten als Führerin - zu einem Bummel durch den Ort verabredet hatten, trafen wir da auch pünktlich ein, und schlenderten zu dritt durch Gassen und eine verwilderte Parkanlage mit Denkmalresten. Die Denkmäler selbst hatten die Nachkriegszeit nicht überstanden, und so konnten wir sie zu neuem Leben erwecken, Tadek und ich. Wir alberten, erzählten, lachten - es wurde ein angenehmer Nachmittag. So war es auch nicht verwunderlich, daß wir uns wiederum für einen weiteren gemeinsamen Tagesausflug entschlossen. Da wir gerade eine schöne Wetterperiode hatten, sollte es der dritte oder vierte Tag werden.

Doch als es dann an diesem Tage, nach unserem frugalem Frühstück, zum Aufbruch kam, war Tadeks Enthusiasmus verflogen. Er hatte keine Lust, weder zum Weg, noch zum ganzen Ausflug. Er versuchte den Dritten in unserem Bunde, den Kazik zu delegieren, um damit die Ehre der Studenten zu retten. Aber der war noch fauler. Ich konnte mich nicht für so einem Bruch unserer Verabredung entscheiden, und marschierte allein in Richtung Charlottenbrunn. Unser Treffen kam zustande, doch fehlten diesmal die unterhaltsamen Akzente unseres letzten Treffens. Womöglich deswegen, weil wir nur zu zweit waren? Ich erinnere mich nur, daß die Mutter unserer Bekanntschaft eine Menge Proviant für die hungrigen Studenten vorbereitet hatte. Deswegen nahmen wir dann auch Abstand von einer weiten Wanderung, suchten uns ein nicht allzu fernes, schattiges Plätzchen auf einem grasigen Hang mit einem guten Ausblick auf den Ort samt Umgebung und befaßten uns hauptsächlich mit der Vertilgung der mitgebrachten Vorräte. Natürlich unterhielten wir uns auch - aber es waren wahrscheinlich keine weltumwerfende Themen, welche sich im Gedächtnis verfestigt hätten. Und dann hatte ich schon für den späten Nachmittag meinen Zug ausgeschaut, der mich zurück nach Waldenburg brachte.  -  Das war es dann auch schon.

Alle anderen Unternehmungen und Ausflüge dieses Praktikums, die einer Erinnerung wert sind, haben wir dann schon zusammen mit Leni, (meiner Frau, welche von ihrem Urlaub aus Steinau/Scinawa direkt nach Waldenburg kam), absolviert. Wie wir damals ihre Unterkunft im Internat erledigt haben, weiß ich nimmer. Jedenfalls haben wir das, und alle anderen Hürden, (z.B in der Grube), rund um diesen "blinden Passagier", mit Bravour und einer Findigkeit gemeistert, auf die ich mich heute nicht mehr einlassen würde. Denn im Gedächtnis haftet doch bis heute der bürokratische Staatsapparat mit seinen Vorschriften, Meldepflichten, Anmeldungen, Verboten, Bescheinigungen und Ausweisen. Anderseits darf man aber auch die Menschen von damals nicht vergessen, welche des öfteren anderen Menschen in Bedrängnis (hier den armen Studenten) entgegenkamen und für diesen Zweck die Bürokratie in die Schublade ablegt hatten.  -  Einfach Polen.

Der längste Tag in meinem Leben, so habe ich das damals gespürt, war ein Tag, an dem wir einen Ausflug ins Riesengebirge realisiert haben. Schon zu einer sehr frühen Morgenstunde saßen wir zu viert im Zug, welcher uns in Richtung der schon "wirklichen Berge", dem Riesengebirge, brachte. Als wir aus dem Zug ausstiegen, schien schon die Sonne, aber alle Außeneinrichtungen einer noch geschlossenen Gastwirtschaft waren mit dickem Tau bedeckt. Trotzdem hockten wir uns da irgendwie hin, um das mitgebrachte Frühstück zu verdrücken und uns für den, vor uns liegenden, langen Weg vorzubereiten. Der führte uns auf einem gekennzeichneten Pfad in Richtung Schneekoppe, 1602 m ü.M.   -  Das letzte Stück des Weges war der von vielen Bildern bekannte Zickzackaufstieg, auf dem es uns richtig warm wurde. Doch kaum auf der ziemlich flachen Kuppe angekommen, wurde es kühl. Ein unangenehmer Wind strich über den Gipfel, und die Sonne war hinter Wolken verschwunden. Im ersten Augenblick verwundert über die verhältnismäßig vielen Menschen, welche wir plötzlich vor uns sahen, (wo wir doch den Berg im Alleingang erklommen hatten!), kam uns erst jetzt zum Bewußtsein, daß hier die Staatsgrenze zur Tschechoslowakei verläuft! Und die, von drüben, hatten eine Seilbahn nach oben. Zum Glück gab es hier keine Mauer, keinen Zaun und man konnte ungehindert die "Grenze", wenigstens hier auf dem Gipfel, überschreiten. Ein etwas komisches Gefühl für uns.
Auf der polnischen Seite gab es keine öffentlichen Gebäude, nur das (geschlossene) der Wetterbeobachtungsstation. Während wir auf der tschechischen Seite, neben der Seilbahnstation, noch eine Gaststätte entdeckten. Das war doch etwas für uns, oder? Zwar hatten wir kein (tschechisches) Geld, aber sich etwas erwärmen, wäre doch auch nicht schlecht. So dachten wir und marschierten rein. Leni voran, direkt hinter ihr Kazik und ich. Und so wie Leni dem im Vorraum sitzenden Menschen ein freundliches: "Dobri den" zukommen ließ, taten wir es auch. Nur der hinter uns eintretende Tadek wollte wohl zu seiner Nationalität stehen, und begrüßte ihn mit dem polnischen: "Dzień dobry". Da sprang der Mensch - der sich jetzt als Türsteher offenbarte - auch schon auf: "Polaki ne" und schubste ihn ganz unkonventionell zur Tür heraus.
Nun, wir waren drinnen, machten eine kleine Runde durch das Lokal und verließen es auch gleich wieder: Die Luft war zwar warm, aber dick, und außerdem wollten wir uns Tadek gegenüber doch nicht unsolidarisch zeigen. Wir verließen den ungastlichen Boden der Tschechoslowakei, und nach kurzer Beratung auch den Gipfel. Vorher machen wir noch ein paar Bilder, dem Tadek und auch von uns.
Auf einem anderen Wege kehrten wir in die wärmeren Regionen des Riesengebirges zurück, um etwas später in Brückenberg/Bierutowice bei Krummhübel/Karpacz die Touristenattraktion, das aus dem XII Jahrhundert stammende Kirchlein Wang zu besuchen. Dieses Bauwerk kam, auf Betreiben der Gräfin von Reden, im XIX Jahrhundert über Berlin nach Brückenberg. Es wurde hier neu errichtet und eingeweiht, und wird bis heute als protestantisches Gotteshaus genutzt. Für mich damals auch eine neue Erfahrung: Eine nichtkatholische Kirche in Polen!

Am späten Abend saßen wir schon wieder im Zug, zwar richtig erschöpft, doch der Kopf war voller Gedanken. Ein Film über diesen Tag spulte sich da ab: Das frühe Wecken, der Marsch zum Bahnhof, die Bilder der erwachenden Berglandschaft, das Frühstück in freier Natur, die vielen Ortschaften erkundet aus dem Zug und mit den Beinen, die langen Stunden auf den Pfaden durch eine abwechslungsreiche und schöne Berglandschaft, ein neuer Gipfel, ein "Auslandsaufenthalt", etwas Kunstgeschichte und jetzt die Rückfahrt mit den Impressionen des Tages. Eines wirklich langen und ereignisreichen Tages!

Noch ein unterhaltsamer und und angenehmer Ausflugstag blieb in meinem Gedächtnis. Ein Ganztagsausflug auf Schusters Rappen mit Leni, Tadek und Kazik an den Schlesiersee, welcher Schwimmöglichkeiten in und auf dem Wasser bot. Es gab dort nämlich mietbare Paddelboote und so konnte ich meinen jugendlichen Sehnsüchten nach Mobilität auf dem Wasser frönen.
Aber nicht das hinterließ die Spuren in meinen Erinnerungen, sondern die über dem Wasser auf dem angrenzenden Bergrücken thronende Burgruine. Grodno/Kynsburg wie ich von meinem besser informierten Kollegen erfuhr. Wir begaben uns natürlich dahin, da sich meine bisherigen Burgruinenkenntnisse auf die Toster Burg beschränkten. Hier war ich überrascht, weil sie in einem besseren Zustand war und wir im Burghof eine bewohnte Wohnung, wohl die des Hausmeisters, entdeckten. Da uns aber kein Mensch an weiteren Erkundigungen hinderte, begaben wir uns in die eigentliche Ruine. Dort die nächste Überraschung: ein Teil der Gemächer hatte noch Decken, so der Eingangssaal. Und dort hang ein großes, gerahmtes Ölgemälde, auf dem eine Szene abgebildet war, die mich sofort an eine Geschichte aus meinem Schulbuch von vor 17 Jahren erinnerte. Es war auf einem schmalen Bergpfad, da stand ein Roß, aber der Reiter - ein Knabe - hing mit einem Fuß im Steigbügel, direkt über dem Abgrund. Die Geschichte erzählte von einem Adelsknaben, welcher durch eine Ohnmacht in diese mißliche Lage kam, aber das kluge Pferd ihm das Leben dadurch rettete, indem es bewegungslos bis zur Ankunft einer Hilfe wartete.
Aber mehr noch: Im unteren Teil des Bildes entdeckte ich eine mehrere Zeilen lange, in Fraktur und altem Deutsch geschriebene Information, welche genau die mir bekannte Geschichte wiedergab. Ich war paff. Denn diese Geschichte schien ihren Ursprung in dieser Burg gehabt zu haben. Noch unter diesem Eindruck übersetzte ich die Zeilen meinen Begleitern. Wir diskutierten über die unterschiedlichen Mechanismen der damaligen Politik, welche es zuließen, daß an einem "öffentlichen" Platz, ein Zeuge der deutschen Vergangenheit dieses Landes, überlebt hat. Für Gleiwitz praktisch undenkbar.
Dann schauten wir uns noch das Skelett in einem Verlies an, welches hinter einem Gitter, angekettet war. Erst später erfuhren wir, daß es mal die Tochter des Burggrafen gewesen sein soll, welche sich dem Willen des Vaters - einen ungeliebten Mann zu ehelichen - widersetzt hatte. Und deswegen von ihm dort lebendig eingemauert worden ist. Legende oder Wahrheit, darüber streiten wohl auch noch heute die Geister.
Dann ging es hinauf auf den Burgturm, von dem es eine gute Aussicht auf die Umgebung und den malerischen See zu Füßen des Berges gab.

Später waren da noch viele kleine und größere Ausflüge in die Umgebung, aber auch in die Stadt. Interessant, die damals dort kursierenden Oberleitungsbusse, Obusse oder auch Trolleybusse genannt. Da gab es für die technikbesessenen, jungen Leute einiges zu beobachten So intrigierte uns der, die Geschwindigkeit aufzeichnende Fahrtenschreiber, eine geraume Zeit. Wie funktioniert er eigentlich - daß man immer nur die Kurve für die letzten 5 oder 10 Minuten sah? Wir kamen dahinter, so auch wie wir uns die Funktionen der Stromabnehmer bei Störfällen erklären konnten.
Auch ein Ausflug zum Massiv der Großen Eule sei hier noch erwähnt, wir machten ihn nicht ganz zu Fuß, sondern ließen uns von der "Eulebahnle" der großen Eule ein gutes Stück näher bringen. Dort konnten wir den ziemlich verkommenen, gemauerten Turm kennenlernen und stiegen auch auf den unweit aufgebauten, hölzernen Triangulationsturm.

Doch Waldenburg, das waren auch Pflichten(!).   Nicht umsonst hatten wir doch hier unser Praktikum. Und da mußten wir uns darum kümmern, daß unsere Gesichter auch im Betrieb bekannt blieben. Sonst könnte es am Ende Schwierigkeiten mit der entsprechenden Bescheinigung geben!!!
Deswegen zeigten wir uns schon nach einer Woche im Betrieb um einen Besichtigungstermin für das Betriebskraftwerk zu vereinbaren. Weil das aber eine komplizierte Angelegenheit war, konnte die erst nach ein paar guten Tagen realisiert werden. Gut, wir hatten ja Zeit.
Die Besichtigung fiel auf einen normalen Betriebstag. Es gab an jenem Tag keine Instandsetzungen oder andere Probleme, so konnte der Kraftwerksleiter sich für die eifrigen Studenten Zeit nehmen. Wir lernten das erste reale Kraftwerk kennen, denn bis zu diesem Tag hatte nur die Theorie und unsere Vorstellungskraft das Sagen in unseren Köpfen. Hier, im Werk, war es laut und warm, vor allem um den Kessel und die Kohlemühlen, welche den Kohlestaub erzeugten und ihn auch gleich in den Kessel bliesen. Weiter den Turbinen- und Dynamokomplex mit einer Unzahl von verschiedenen Leitungen und Rohren. Dabei auch die zwei Speisepumpen, zur Wasserversorgung des Kessels, und deren Antrieb, welcher mit unserem bisherigem Wissen schlecht vereinbar war: Asynchronmotoren mit einer Leistung von 2 Megawatt, aber ohne jegliche Anfahrhilfe!
Wir bekamen die Erklärung für diese in unseren Augen "Anormalität" auch gleich nachgeliefert. Der Chef erklärte uns, daß die äußerst seltene Inbetriebnahme der jeweils anderen Pumpe zwar mit einigem Aufwand, dem Abschalten aller anderen Lasten im Netz, und mit einem deutlichen Spannungsabfall verbunden ist, trotzdem vom System reibungslos verkraftet wird.

Dann gab es bei dieser Besichtigung noch einen Moment, welcher mir lebhaft im Gedächtnis blieb. Der erste, durch mich ausgeführte, manuelle Schaltvorgang in einer Hochspannungszelle. Wir standen davor, unser Begleiter erklärte den eigentlich bekannten Ablauf der Tätigkeiten. Ich bekam die Stange (welche mich mit der Öse am Ende an eine ähnliche, die auch im Fleischergeschäft zum Herunternehmen der Würste von den oberen Hakenreihen - heute schon seltener anzutreffen - erinnerte) und sollte das Messer des Trenners in seinen Sitz drücken. Auf einer Gummimatte stehend, suchte ich die sich am Messer befindende Öse zu erreichen, um dann das Messer zu bewegen. Bevor es jedoch noch zu einer Berührung kam, sprang mit entsprechendem Geräusch ein elektrischer Bogen zu meiner Stange über. Ich erschrak kurz, aber die ruhige Stimme unseres Begleiters half mir hier weiter, ich schloß den Strompfad und verinnerte mir, daß diese Erscheinung nur der statische Ladestrom der Stange und meines Körpers war. Verwundert blieb ich aber wegen der Entfernung, bei der der Übersprung stattgefunden hatte, waren es doch nur 10 oder 15 kV ...
Noch eine kleine technische Einzelheit erweckte unser Interesse: Der Begleiter zeigte auf eine große Neonlampe über der Verteilerstation, welche die Anwesenheit von Spannung signalisierte. "Und diese eine Lampe leuchtete ununterbrochen seit der Erstellung des Kraftwerkes vor dem Krieg!" Insofern nicht alltäglich, weil doch alle damals alle, mir bekannten, Leuchtkörper eine verhältnismäßig kurze Lebensdauer hatten.

Eine weitere wichtige Visite statteten wir der Grube schon in Anwesenheit von Helene ab. Meinen beiden Kollegen war der Bergbau ein Buch mit sieben Siegeln, sie waren noch niemals unter Tage gewesen. So hatten wir den Termin für die Einfahrt in die Grube schon verabredet, und überraschten an jenem Tage den Steiger mit einem weiblichen Teilnehmer. Wahrscheinlich hat man ihm nicht gesagt, mit wie vielen Personen und welchem Geschlecht er rechnen muß: wir stellten ihm Helene einfach als Kommilitonin vor. Nun, der gute Mann machte alles, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Die Arbeitskleidung samt dem Helm für die Männer war kein Problem, für die Frau gab es gleich mehrere. Erst mußte er den Zugang zur Kaue für Frauen erledigen (damals arbeiteten noch Frauen unter Tage), dann entsprechend kleine Kleidungsstücke und Stiefel auftreiben. Mit diesen hat es nicht ganz geklappt, sie waren um ein paar Nummern zu groß. Nun, Helene hat da einen oder zwei zusätzliche Fußlappen reingesteckt, um uns dann in ihrer abenteuerlichen Ausrüstung, freudestrahlend entgegenzutreten. Wir sahen auch nicht viel besser aus, und es gab ein allgemeines, gegenseitiges Belächeln. Der Steiger machte dem einen Schluß, noch die Lampen abgeholt und zum Schacht. Ihn riefen seine Pflichten nach unten, und auch die Schale wartete dort schon auf die außerplanmäßige Fahrt - 600 m unter die Erdoberfläche.
Für meine Begleiter fing ein Abenteuer an, für mich war es fast der Alltag. Der Steiger zog uns erst zu ein paar Stellen, an denen er etwas zu erledigen hatte: die Elektrowerkstatt, die Pumpenstation und noch die eine oder andere Stelle, wo eine Betriebsstörung gemeldet war. Und hier hatten meine Begleiter gleich ein kleines Erlebnis, mit einem tragbaren Klo. Da stand in einer Ecke so ein runder, vielleicht 50 cm hoher, Metallbehälter aus verzinktem Blech, mit einem fast künstlerisch geprägtem Deckel und imitierte irgend ein elektrisches Gerät. Mein, immer wissensbegieriger und schneller Kollege war sofort dabei, hob den Deckel, um da ein randvoll gefülltes Gefäß, mit einer undefinierbaren, weil schon gegorenen, Oberfläche zu entdecken. "Was ist das" war die tiefschürfende Frage an den Steiger, noch ehe der zu einer Reaktion fähig gewesen war. Ich weiß nicht, ob die Antwort des Steigers, mein verzerrtes Lächeln oder der Geruch zuerst in sein Bewußtsein gelangte, jedenfalls ließ er den Deckel - und das Thema - sofort fallen.
So wanderten wir weiter durch die Dunkelheit der verschiedenen Strecken, um dann auch noch den Geschmack der wirklichen Arbeit eines Kumpels kennen zu lernen. Der Steiger zeigte uns die Arbeit eines stählernen Kettentransporters, welcher in einem wohl 50 m langen, 1,20 m hohen Streb mit einem Höllenlärm seinen Dienst tat. Wir stolperten oder krochen an dem Ungetüm entlang, und störten (oder belustigten?) die paar dort Kohle schaufelnden Kumpel mit unserer kurzen Anwesenheit. Für meine Begleiter war dieser Gang ein beeindruckendes Lehrstück über die schwere Arbeit eines Bergmanns. Welche sogar Angstgefühle auslösen konnte, wie mir später im Vertrauen mitgeteilt worden ist.
Dann, nach 3 oder 4 Stunden, führte uns der Steiger wieder zum Schacht, und entließ uns an die Oberwelt. Hier, schon selbständig, gaben wir die Lampen ab, entledigten uns in der Kaue unserer Kleidung und des Schmutzes (Helene kam auch irgendwie zurecht) und waren am frühen Nachmittag wieder freie Studenten.

Die offizielle Geschichte unseres Praktikums endete mit dem vierten oder fünften Besuch der Grube, und dem Erhalt der wichtigen Bescheinigung, über die erfolgreiche Teilnahme an einem sechswöchigem Bergbaupraktikum mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik.

Im Herbst 2006

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Familienleben in den Jahren der Volksrepublik (...aber auch etwas davor)




Ja, so etwas gab es natürlich auch. Aber es sah diametral anders aus, als man es heute als gängig betrachtet: Angefangen von den direkten Nachkriegsjahren mit seinem allgegenwärtigen Nahrungsmangel - bishin in die späteren Jahre des "normalen" Lebens mit den "normalen" Mängeln in einem sozialistischen Staat. Hier also diese 35 Jahre in einigen Unterabschnitten dargestellt:


   -  Die Jahre daheim
   -  Erste Ehejahre
   -  In Omas Haus
   -  Der Drang in die "weite Welt"



Daheim

Als Kind war einem das Zuhause etwas so selbstverständliches, wie Tag und Nacht, Sommer oder Winter. Und die Familie um mich herum fast genau so. Mutter war immer da, Vater seltener, aber beide bestimmten den Rhythmus meines Lebens. Die Geschwister blieben Randfiguren, welche ich zwar wahrnahm, aber sie hatten wenig, oder gar keinen Einfluß auf meinen Lebensablauf.
Es war die Wohnung, das Haus mit dem Hof und die Straße, welche den Rahmen meines frühen, vorschulischen Lebens prägten.  (Diese Gegebenheiten kommen ausführlicher in der Kindheit  zur Geltung). Es waren zwei Zimmer, also Küche und Stube, in der sich mein damaliges Leben abspielte. Aus heutiger Sicht primitive, sehr primitive Verhältnisse in denen das Leben unserer damals fünfköpfigen Familie stattfand. Die Küche war zwar verhältnismäßig groß, dafür aber mußte sie viele Funktionen übernehmen. Da war natürlich erst mal das Kochen, die Nahrungszubereitung. Dann hatte sie ein Nische mit Regalen, für die Lagerung aller Küchenutensilien. Fast daneben schon der Wasserhahn mit dem Ausguß, welcher direkt an den großen Kohlenherd grenzte. In Fensternähe stand der Küchentisch, an welchem, neben dem Essen, auch alle anderen Arbeiten ausgeführt wurden.
Hygiene und natürliche Bedürfnisse waren am schwierigsten zu realisieren. Fürs erste gab es zur täglichen Reinigung eine Waschschüssel auf einem Hocker, noch zwischen Ausguß und Nische. Darunter war ein Eimer, auch für die kleinen Bedürfnisse der Kinder. Denn das Klosett war im Treppenhaus - für beide, im Obergeschoss wohnenden Parteien. Deswegen hatten wir, die Kleinen, auch in der Küche ein Utensil, den Nachttopf - gewöhnlich durch den Vorhang der Nische verborgen.
Für das Großreinemachen der Kinder mußte eine verzinkte Badewanne, auf geschwungenem Untergestell, herhalten. Sie wurde allwöchentlich, wohl aus dem Keller, hervorgezogen und mitten in der Küche aufgestellt, und wir darin einzeln oder zu zweit geschrubbt. Das Wasser dafür kam aus dem großen, auch verzinkten, Topf in welchem es auf dem Herd erwärmt wurde. Der Topf, wie auch die Wanne, dienten an den Waschtagen bei der großen Wäsche. Im Topf wurde die weiße Wäsche mit Persil gekocht, um später auf dem Waschbrett in einer flachen Holzwanne gerubbelt zu werden. Noch später wurde sie gewrungen, gespült, wieder gewrungen und wieder gespült. Womöglich noch ein drittes mal, wenn die Zwischenbäder schon nicht mehr klar waren. Man war auch schon damals versucht Wasser zu sparen. Die schlimmste Arbeit war das Wringen - ich weiß das aus späterer, eigener Erfahrung.

Diese Probleme sollten sich bald diametral ändern - nämlich in dem Moment, wo unsere Familie eine Blockwohnung, neu erbaut - mit Küche, zwei Zimmern, Bad und Entree bekam. Im Keller einen eigenen Verschlag, und unterm Dach einen ebensolchen Raum. Ganz wichtig dabei: Im Keller gab es noch eine gemeinsame Waschküche, welche man ungefähr jede zwei Wochen nutzen konnte. Die hatte einen richtigen Kessel für die Kochwäsche und das Wasser aus den verschiedenen Wannen konnte man direkt auf den Fußboden auskippen.
Jetzt blieb der Wäschetag zwar noch anstrengend, aber im Vergleich zum Waschen in der alten Wohnung, war es eine riesige Erleichterung. Mutter hatte zwar noch bis zum Nachmittag damit zu tun, aber dann war die Wäsche am Boden (so nannte man den Raum unter dem Dach) zum Trocknen auf den Leinen. Die große Plackerei fiel weg. Dann gab es noch das leicht verspätete Mittagessen, welches immer hervorragend schmeckte.

Überhaupt war das Leben in der neuen Wohnung viel einfacher, fast komfortabel. Da gab es zum ersten, in der viel kleineren Küche, neben der Speisekammer, einen kombinierten Kohle-Elektroherd. Gewöhnlich wurde der Kohleherd gebraucht, besonders in den kühleren Jahreszeiten. Denn dann war er auch für die Wohnungswärme zuständig, weil in den Kachelöfen der zwei Zimmer, der so genannten kleinen und großen Stube, nur ausnahmsweise (Kohle auf Bezugsschein!) geheizt wurde. Dafür gab es unter den Kachelöfen einen Stauraum! Wir nutzten ihn für die Werkzeugkiste, kleinere Schachteln mit Nägeln und Schrauben und die Milchschippe mit dem Handfeger. Das WC war in einem extra Raum, dem Badezimmer! Und in alle Räume kam man aus dem Vorzimmer, dem sogenannten Entree.
Ja, und der kombinierte Kohle-Elektroherd hatte einen elektrischen Backofen! Das Kuchenbacken war hier viel unkomplizierter und schneller. Man mußte den Kuchen nicht mehr zum Bäcker tragen, welcher sonst die Aufträge der Menschen ohne Backofen für ein paar Pfennig erledigte. Das Backen wurde jetzt von Mutter sogar zur Wissenschaft hochstilisiert: Oberhitze, Unterhitze und Wrasenschieber wollten in richtiger Reihenfolge und richtiger Einstellung, zeitabhängig - je nach Backgut - entsprechend betätigt werden. Na gut, ich hatte wenig Verständnis dafür - war aber in den späteren, Nachkriegsjahren erstaunt, über welche Technik, der Herd von Siemens aus den 30ger Jahren, wirklich verfügte. Er war nämlich schon mit einem lokalen Schutzleiter und einem Fehlerstromschutzschalter (FI) ausgestattet.
(Dazu: Dieser FI-Schalter wurde erst in den späten Nachkriegsjahren in Deutschland und anderen Ländern für Wohnungsanlagen eingeführt, und dann auch vorgeschrieben. Die heutige Wikipedia, amerikaorientiert, berichtet darüber leider unvollkommen.)

Das Leben in der neuen Wohnung war nun viel einfacher zu gestalten. Da gab es auch eine neue Deckenlampe, mit einem Milchglasschirm, welche man herabziehen konnte. Die Rollen und das Gegengewicht (in einer eiförmigen Porzellanhülle) haben mich lange Zeit fasziniert. Aber ich durfte da nicht ran.
Dann waren die Möbel in der kleinen, auch für Gäste, konzipierten Stube. Vater ging dem Zeitgeist nach, und ließ das reich verschnörkelte, mit buntem Glas und Blei ausgestattete Oberteil des Schrankes, durch ein schlichtes, auf das Unterteil abgestimmte und mit großen Scheiben versehenes, neue Oberteil ersetzen. Außerdem stand in diesem Zimmer der gute Ausziehtisch und ein paar, mit Leder bezogene Stühle. - alles in Eiche dunkel. Als Ergänzung ein Sofa, in der Nacht Huberts und teilweise meine Schlafstätte.
Das alte Oberteil fand seinen Platz im Entree. Unter dem Zähler- und Sicherungskasten störte es wenig. Es konnte nämlich als Ablagestelle benutzt werden. Die Hauptatraktion dieses Möbelstückes blieb für lange Zeit sein Inhalt. Hatte doch Vater dort seine Kästchen mit Raucherutensilien, Hefte, einige Bücher, Ersatzsaiten für die Geige und vieles andere. Mir war der Zugang zu diesem Schrank eigentlich verboten. Deswegen machte ich nur langsam Fortschritte bei dessen Erkundung - denn die Zeit dafür war nicht immer gegeben. Immer jemand zu Hause. Dabei aber machte ich eine für mich wertvolle Entdeckung: ein Geheimfach!  -  Eigentlich war es kein echtes Geheimfach, aber hatte für mich diesen Wert, wenn ich etwas vor den Geschwistern verstecken wollte. Die Erwachsenen und auch Hubert wußten nicht davon. Denn über den beiden Türen war innen ein Brett, das man nicht sah, sondern nur fühlen konnte. Man mußte die Hand nach oben und rückwärts reinstecken, um das Fach zu fühlen. Ich war sehr stolz darauf, ... und hatte Platz für meine "Schätze".
Bei all dem Neuen war es nicht verwunderlich, daß der Anfang des zweiten Weltkrieges, der Polenfeldzug, mir gar nicht richtig zu Bewußtsein kam. Auch die Sorgen der Erwachsenen, die noch einen anderen Krieg in lebhafter Erinnerung hatten. Für mich blieb die Schule die Hauptsorge, die brachte mich dann später auch nach Peiskretscham.

In letzter Zeit kam es immer häufiger vor, daß ich mit Hubert schlief. Dann ging 's am Abend rund. "Erzähl mir eine Geschichte" bat ich Hubert. "Gut, wenn du mir den Rücken kraulst" war gewöhnlich die Antwort. Ich tat es dann. Aber irgendwann wurde Huberts Redefluß langsamer und langsamer. Er war am Einschlafen. Das ungeduldige: "Erzähle", half dann nur manchmal. Meistens war die Situation unumkehrbar.
Aus dieser Zeit stammt die Geschichte, welche zu meinem Leidwesen immer wieder aufgefrischt wurde. Nämlich dann, wenn er, Hubert, mir zusetzen wollte. Denn zwischen den Brüdern gab es noch einen anderen Zeitvertreib vor dem Einschlafen: Ratespiele. Einer mußte raten, der andere konnte sich in seinem Wissen sonnen. "Sag mir eine Stadt mit  >P< ", lautete die Aufgabe. Für Hubert war es immer etwas leichter Städte und Flüsse zu erraten. "Peiskretscham" war deswegen auch schnell die Antwort. Dann war ich dran und versuchte mir die Aufgabe zu erleichtern: "Und der zweite Buchstabe?". Manchmal ging Hubert darauf ein, was sollte er sonst mit dem Zweitklässler anfangen? Deswegen war das Tierraten am beliebtesten, denn davon kannte ich eine Menge. So kam der Moment, wo ich ihm die folgenschwere Aufgabe stellte: "Sag mir ein Tier auf  >R<. " Hubert dachte nach. "Ratte", "falsch", kam es prompt zurück. Reh, Raupe, Rabe wurden nach längerem Nachdenken noch bemüht. Immer kam die triumphierende Antwort: "Falsch". Hubert zerbrach sich den Kopf und ich hänselte ihn in der Zwischenzeit. Endlich sprach Hubert seine schwarze Vermutung aus: "Du kennst überhaupt kein Tier auf  >R<,   du willst mich nur anschmieren." Pause. "Aber dann bekommst du Schnicke!" - wurde nachgeschickt. "Doch, es gibt so ein Tier, ich kenne es", behauptete ich. Wieder Nachdenken.
Dann nach längerem, fruchtlosem Bemühen: "Sag mir wenigstens wie es aussieht. Ist es groß? Oder ein Fisch? Welche Farbe hat es?". Das alles waren Fragen, welche mir etwas ungelegen kamen, wußte ich es doch selbst nicht so genau. Deswegen erfüllte ich anstandslos die nächste Bitte. Der zweite Buchstabe ist ein  >i<   sagte ich. "Ri, Ri..."kombinierte Hubert. Da auch diese Anstrengungen fruchtlos blieben, der Schlaf aber beide zu übermannen drohte, kam die endgültige Aufforderung Hubert's: "Sag es mir, ich ergebe mich." Da sagte ich stolz: "Riese". Eine kurze Stille, dann fing Hubert zu lästern und spotten an: "Ha, ha, ha..., ein Riese..., Ein Riese ist doch kein Tier. Der denkt, daß ein Riese ein Tier ist!!! Ha, ha, ha...! Du bist schön dumm, richtig dumm!" Die und ähnliche Beschimpfungen versetzten mich in eine wehmütige Stimmung. Immer habe ich doch den Riesen als großes zotteliges Tier gesehen! Was anderes konnte man schon annehmen, wenn in den verschieden Märchen Riesen auftauchten, die die Menschen bedrohten, oder vor denen alle Angst hatten? "Es gibt keine Riesen" kam endlich die autoritäre Antwort auf meine Ungewißheit, mit der ich aber nicht so richtig leben konnte. In meinem Unterbewußtsein blieb die Überzeugung, daß auch Hubert es nicht so genau wußte, was es mit den Riesen für eine Bewandtnis hatte. Daher ließ ich Mutters Worte am nächsten Tage gelten: Riesen sind einfach sehr große Menschen! Leider blieb Hubert davon unbeeindruckt. Er wußte, daß es keine Tiere waren, hatte sein Thema und konnte bei jeder, ihm passenden Gelegenheit, über mich herziehen.

In den nächsten Monaten änderte sich so manches, aber ich bekam es nicht mit. Meine täglichen Probleme füllten mich voll aus, und so registrierte ich kaum die Änderungen im häuslichen Tagesablauf. Ich schlief jetzt regelmäßig mit Hubert in der kleinen Stube, und Maria durfte ein paar Nächte bei Familie Wilkens, im gegenüberliegenden Haus, übernachten.
Bei Wilkens war ein etwas älteres Mädchen, doch das interessante, war ihre Sammlung aller Abzeichen, die man bei Spenden für soziale Zwecke bekam. Am Samstag oder Sonntag liefen viele Hitlerjungen oder auch ältere Funktionäre, mit roten Sammelbüchsen herum, klapperten mit den schon in der Büchse befindlichen Münzen und ließen niemanden, ohne angestecktem aktuellen Abzeichen, ungeschoren davonkommen. Diese Abzeichen waren sehr verschieden, im Material und den Motiven. Da waren nämlich die weniger interessanten, metallenen Abzeichen mit politischen Themen, emaillierte runde, z.B. mit Blumenmotiven, dann wunderschöne, bunte Schmetterlinge, eine (ganze Serie) aus Porzellan, volkstümliche Motive aus Holz, Stroh oder Papier, solche blitzende aus der Technik, Autos, Vögel und vieles andere mehr. Alle Abzeichen hingen fein säuberlich aufgesteckt auf samtenen, schwarzen Kissen, an der Wand. Man durfte sie nicht abnehmen, aber konnte sie sich lange anschauen.
Aber da kam ich etwas vom Thema ab. Ich erwachte eines frühen Morgens und konnte mir nicht erklären, was eigentlich los ist. Zu viel Bewegung in der Wohnung, unbekannte Stimmen und dann ein total unverständliches Geräusch: Ein Kind, wohl ein sehr kleines Kind, plärrt. Dann kommt jemand in das Zimmer der Buben und erklärt: "Ihr habt ein Brüderchen bekommen." Hubert nahm das gelassen auf, vielleicht war er darauf vorbereitet? Ich aber war aufgeregt, wollte direkt hinaus, wollte der Sache auf den Grund gehen. Aber ich mußte im Zimmer bleiben.
Dann wurde es langsam stiller in der Wohnung, die fremden Stimmen verstummten und ich durfte ins Schlafzimmer. Da war noch eine fremde Frau, die Hebamme, wie man mir später erklärte - die sich eben mit kleinen Kindern befaßt. Da war auch Mutter, wohl nicht ganz gesund, denn sie lag im Bett. Und neben ihr: "Hier schau, ist dein neues Brüderlein." Da lag in den Kissen etwas rotes, verschrumpeltes, daß einem kleinen Kind nicht besonders ähnelte. Ich blieb schweigsam. Ich schaute, schaute und dachte nach. Ja, und dann kam die wichtige Frage: "Von wo ist es?". Die Erwachsenen schauten einander an, dann kam die Antwort: "Der Storch hat das Kind gebracht." Nun, wenn es so ist...Damit erlosch auch mein Interesse an dem Familienzuwachs und ich ging zum Alltag über. Bedeutet Schule und die etwas größere Freiheit danach, denn Mutter war ja zusätzlich beschäftigt. Es war der 3. Februar 1941 als das alles passierte.

In den nächsten Tagen wurde im Familienkreis der Name für das Kind diskutiert. Ich hatte direkt einen Vorschlag: Engelbert, das klang nämlich gut, und rief solche Assoziationen wach. Außerdem hieß so mein Freund, sagen wir Schulkamerad. Sein Vater war auch bei der Reichsbahn tätig, nur hatte er einen besseren Posten als mein Vater. Deswegen kam er sich auch besser vor, und eine richtige Freundschaft konnte nicht entstehen. Außerdem beteiligte sich dieser Engelbert, wenn wir gerade auf dem Kriegsfuß waren, an den Schimpfrufen anderer Buben: "Semmel, Semmel, semmelblond", und zielte damit auf meinen weißen Schopf. Das gefiel mir überhaupt nicht. - Aber davon nur nebenbei. Vater und Hubert hatten auch Vorschläge, aber durchgesetzt hat sich Mama mit "Harald". Harald hieß nämlich der Pfarrer von St. Bartholomäus, Harald Weinert. Er war ein guter und gebildeter Mann. So kam es, daß sich auf der Geburts- und Taufurkunde die Namen "Harald, Engelbert" wiederfanden.
Die größere Freiheit nach der Schule war für mich leider nur vorübergehend. Die Realität bürdete mir neue Pflichten auf: "Jetzt fährst du deinen Bruder spazieren". Dieser Satz sollte bald zur alltäglichen Floskel werden, welche einen stetigen Einschnitt in meine Freiheit bedeutete. Mit viel Überredungskunst versuchte ich diese Pflicht an Hubert zu delegieren, mit sehr mäßigem Erfolg. Mutter verteilte die Aufgabe zwischen uns beiden, Maria konnte uns bei den Spazierfahrten begleiten, aber sie wollte es selten. So sann ich immer nach, wie ich mir diese Fahrten abwechslungsreicher gestalten konnte. Allein mit dem Kinderwagen hin und her, das war sehr langweilig. Obwohl er "aufgerüstet" war - denn Vater hatte die metallenen Bänder (eine Kriegsfolge?), an denen er aufgehängt war, durch lederne, nicht quietschende, ersetzt. (Da hat wohl einer seiner Hosengurte daran glauben müssen.) Dann hatte er noch eine aufklappbare Haube und eine Zelluloidscheibe, die man bei schlechtem Wetter vor die Öffnung spannen konnte.

Also war ich wieder einmal unterwegs, schob den Wagen vor mir her, schubste ihn und wenn er stehen blieb, bekam er wieder einen Schubs. Dann hatte ich eine Idee. Da hatte ich doch einen langen Gummi in der Tasche, lauter zusammengeknotete Gummibänderreste, die zu irgendwas dienen sollten. Ich befestigte das eine Ende am Griff und schubste den Wagen. Der rollte vor, kam dann brav wieder ein Stück zurück. Es wurde unterhaltsamer. So ging das eine Weile, bis der Gummi plötzlich riss. Ehe ich zugreifen konnte, rollte der Wagen mit einem Rad über die Bordsteinkante, wurde abrupt abgebremst und stand sofort auf dem Kopf. Die Räder drehten sich in der Luft, und aus dem Inneren erscholl das, was man erwarten konnte. Ich war nur einen Moment gelähmt, dann riß ich den Wagen herum, konnte ihn sogar auf die Räder stellen und einen Blick ins Innere werfen. Wo war das Kind? Ein buntes Durcheinander von Matratze, Kissen und Decke. Die Flasche war auf die Straße gerollt. Schnell die Schutzscheibe ab, die Haube runter und den kleinen Bruder herausangeln. Dann die Matratze zurecht schieben, die Unterlage, Kissen und den Bruder wieder rein - und schaukeln und schaukeln. Beruhigt er sich? Ja, er wurde ruhig und ich konnte den Rest des Wagens in Ordnung bringen, sogar versuchen einige Schmutz- und Kratzspuren weniger sichtbar zu machen. Dann machte ich mich mit ziemlich unreinem Gewissen auf den Nachhauseweg. Zum Glück war alles in Ordnung, Mutter wußte nichts von dem Vorfall. Ich war gerettet.
Eine andere Begebenheit während einer späteren Spazierfahrt machte mir längere Zeit zu schaffen. Hatte ich mir doch einen Schulfreund gekapert, welcher mir beim Wagenschieben Gesellschaft leistete. Man redete über dies und jenes, und ich sagte während unseres Gespräches etwas über die Herkunft meines Bruders: "Der Storch hat ihn gebracht". Da fing der schon aufgeklärte an zu lachen, machte sich über mich lustig und meinte: "Der ist doch von deiner Mutter! Sie hat ihn geboren". Näheres kam nicht zur Sprache, wahrscheinlich war das auch alles, was er zu sagen hatte. Für mich blieb das Dilemma bestehen. Was soll es eigentlich, daß, man solche Sachen erzählt? Wie ist es wirklich? Versuche, diese Angelegenheit mit Erwachsenen zu klären, verliefen höchst unzufriedenstellend: "Später". Es war keine Antwort und etwas Unausgesprochenes blieb hängen.

Trotz pädagogischer Rückschläge, trotz der noch allgemeinen Unerfahrenheit, wurde ich doch stetig erwachsener. Da Vater Eisenbahner war und auch Freifahrtscheine bekam, spielte die Reichsbahn in meiner Edukation eine besondere Rolle. Ich durfte die Bahn bald selbständig benutzen. Da waren nämlich in Schoppinitz der Onkel und die Tanten väterlichseits. Die Volksabstimmung, oder waren es auch die internationalen Bestimmungen, hatten Schoppinitz nach Polen verlagert. Jetzt, nach Polens Kapitulation, gehörten Kattowitz und Schoppinitz wieder zu Deutschland. Man brauchte keinen Paß mehr, und die Grenze mußte auch nicht überschritten werden. Also durfte ich schon 1941 (oder war es noch 1940?) die Tanten besuchen. In Gleiwitz zum Bahnhof: kein Problem. Dann der erste Bahnsteig: auch kein Problem. Dann für alle Fälle den Schaffner fragen: "Fährt dieser Zug nach Schoppinitz über Kattowitz?" Und einsteigen, in den Waggon mit den vielen Abteilen, die Welt aus dem fahrenden Zug betrachten, das war schon angenehm. Auf die Leute und Fahrzeuge von oben schauen, die Straßen und Brücken aus einer ganz anderen Perspektive - das alles war schon was. Und die schwer zu erklärenden Beobachtungen: Da fährt und fährt man, die Sonne aber scheint immer von derselben Stelle. Sie bewegt sich nicht oder doch? Einen Augenblick später ist sie schon hinter dem Zug, man muß sich schon aus dem Fenster beugen, um sie überhaupt zu sehen. Dann ist sie auf einmal wieder da, dafür bewegen sich manche Häuser sehr langsam, andere aber, die näher an den Gleisen gebaut sind, verschwinden viel schneller. Es mutet so an, als würde man vor einem riesigen Karussell stehen, der sich immerfort dreht.
Also von langer Weile kann man da nicht reden. Sogar dann nicht, wenn der Schaffner bei seiner Visite das Fenster mit dem Gurt hochzieht, den Gurt auf den Bolzen drückt, und ein Öffnungsverbot ausspricht. Ist das nur das mangelnde Vertrauen wegen meines geringen Alters? Der Schaffner konnte nämlich außen, auf dem langen Trittbrett von Abteil zu Abteil gehen, ja sogar von Waggon zu Waggon. Und während der Fahrt die Abteiltüren öffnen! Naja, ich beobachtete die Stationsschilder, denn nach Kattowitz ist nur noch eine Haltestelle, dann kommt Schoppinitz. Man sieht schon den Bahnsteig und das Ortsschild. Jetzt ist eigentlich der heikelste Moment der Reise erreicht. Gut, wenn der Schaffner oder ein Erwachsener im Abteil ist, denn sonst bleibt die nagende Ungewißheit. Geht die schwere, nach innen gekrümmte Tür, die man mit so viel Schwung zuschlägt, auch auf? Das heißt, schaffe ich es den gekrümmten Hebel runterzudrücken und gleichzeitig die Tür aufzustoßen? Zum Glück hat es, manchmal zwar erst nach gewaltigen Anstrengungen, immer geklappt. Denn was wäre, wenn die Tür nicht auf ginge? Das wollte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Irgendwo weiter ins Unbekannte zu fahren? Ohne Fahrkarte? Die Vorstellung war mit einer undefinierbaren Angst vor dem Unbekannten verbunden  -   wo ich doch eigentlich immer auf Sicherheit und Geborgenheit bedacht war.
Aber da bin ich schon in Schoppinitz, bin jetzt wirklich mein eigener Herr. Ich kann mich umschauen, gehen wohin ich will, beobachten was andere Leute tun, auf der linken oder rechten Straßenseite gehen. Letztendlich geht es unter der Brücke hindurch und dann die Straße entlang. Meiner Straße, denn hier wohnt die Tante Maria, meine Anlaufstelle. Da ist auch schon die große Halde  -  ein riesiger Berg  -   und davor die Häuser, klobige, große fabrikeigene Mietshäuser mit Wohnungen, die aus einer Küche und einem Zimmer bestanden. Sanitäre Anlagen waren draußen, hinter dem Hof. Da gab es auch für jeden Mieter eine Kammer mit Dachboden. Hier konnte man sich Kaninchen oder eine Ziege halten. Das war ganz anders als in Gleiwitz, in der neuen Wohnung, wo man an Kaninchen nicht mehr denken konnte, wo auch für mich die Sachen rund ums Vieh total fremd waren.
Dem entsprechend, waren die mir sich hier bietenden Gelegenheiten richtig exotisch. Der Onkel konnte einen Hahn hypnotisieren, so das er ganz regungslos auf dem Rücken lag. Man konnte Kaninchen streicheln, ja sogar in die Hand nehmen - wenn sie noch klein waren. Dann gab es noch Tauben, und viele Mauersegler unter dem Dach. Die machten einen schönen Lärm, aber konnten wundervoll fliegen. Man erzählte mir, daß sie nur fliegen und von Fliegen leben, die sie im Fluge schnappen. Das fand ich sehr interessant, aber auch etwas unglaubwürdig!
Leider ging die Zeit dort immer schnell vorbei, nur manchmal durfte ich über Nacht bleiben. Dann kam so ein Tag, wo mir die Rückreise sehr schnell verflog. Ehe ich mich umsah, war der Zug schon in Hindenburg und ich bereitete mich zum aussteigen vor, d.h. ich stellte mich bei der Tür auf und wartete auf die ersten bekannten Häuserzeilen, Straßen und den Bahnhof, Bahnsteig drei. Dann geschah etwas außergewöhnliches: Der Zug fuhr gerade über die vielen Weichen kurz vor dem Bahnhof, da sah ich die Schamottefabrik, sie brannte! (Das es eine Schamottefabrik war, erfuhr ich erst später). Aus dem Waggonfenster konnte man hineinschauen, trotzdem sah man nur Flammen und schwarze Rauchwolken hoch über der Fabrik. Leute liefen da irgendwo und auch die Feuerwehr war da. Aber dann war der Zug schon vorbei und hielt im Bahnhof. Aufgeregt rannte ich nach Haus um zu erzählen. Doch Mutter wußte schon davon, denn man konnte die Rauchschwaden sogar von der Adolfstraße sehen. Sie sagte, daß Hubert schon dahin gelaufen war. "Aber ich habe ihn nicht getroffen", behauptete ich. "Ja, denn du kamst vom Bahnhof, aber er lief die Adolfstraße entlang und an der Blechfabrik vorbei" erklärte Mutter. Das kann doch nicht stimmen, meditierte ich längere Zeit, das war doch auf der anderen Gleisseite. Es dauerte, bis ich die topographischen Besonderheiten diese Viertels, mithin auch Huberts Weg, voll verstanden hatte.

Jetzt kam auch die Zeit, wo ich die erste hl. Kommunion empfangen sollte. Das bedeutete schon vorab eine Menge neuer Pflichten. Beicht- und Kommunionsunterricht zusätzlich, zu den schon auf mir lastenden täglichen Aufgaben. Irgendwie habe ich es doch geschafft. Offen gesagt, war es nicht ganz so anstrengend. Manchmal sogar unterhaltsam. Man kam mit anderen Jungen zusammen, hörte neue Geschichten, und die Schwestern, die den Unterricht größtenteils leiteten, waren auch nicht sehr streng. Zum Schluß des Unterrichts lernte man all die Rituale, die mit dem Beichtgang verbunden waren.
Dann kam der Tag der ersten hl. Beichte und das Gelernte wurde wie im Traum erlebt: Die große Kirche, die diesmal so streng anmutete, der Gang zum Beichtstuhl, die vor und nach der Beichte auszusprechenden Sätze, und das mit einem Kuß, der aus dem Beichtstuhl heraushängenden Stola, beenden der Beichte. Davor noch das wesentlichste: die Vorbereitung, die Besinnung. Dann aber das Schwierigste: die Bekennung aller Sünden, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Nur nichts vergessen und schnell darüber hinweg: Über das Gedenken an die schlechten Taten, das unandächtige Verhalten in der Kirche, die Schimpf- oder gar schon Fluchworte, die Brause des H. Tomczyk, die Beeren aus dem fremden Garten, das piesacken der Maria, die Schummeleien bei Spielen mit Hubert und den zeitweiligen Ungehorsam gegenüber Mutter. Endlich war es draußen! Ich hörte die Schlußworte des Priesters und den Umfang der zu leistenden Buße. Es war nicht schwer sie zu erfüllen. Dann mit den anderen hinaus aus der Kirche und Richtung Zuhause. ...Uff, es war getan! Eine Last war mir vom Herzen gefallen. Dieses unbekannte Gefühl der Erleichterung, die ich damals verspürte war so intensiv, daß ich sie noch heute - im Jahre 2011 - zu verspüren glaube. Die Welt war mit einem mal heller - trotzdem es gerade zu regnen anfing. Ähnlich, so hörte ich das aus ihren Worten, erging es meinen Freunden.
Am Sonntag war es soweit, die Feier der ersten hl. Kommunion stand an. Doch vorher gab es viel mehr Vorbereitungen, vor allem zu Hause. Da war die Sache mit dem Anzug. Kaufen? Nähen? Es war schon Krieg, und die Versorgung, auch mit Kleidung, wurde reglementiert. Auch mit der Kerze gab es noch Aufregung, aber dann konnte man sie über die Kirche kaufen. Schuhe. Und die Feier. Wer kommt, wie viel Kuchen ist zu backen, was gibt's zum Trinken? Usw. Viele dieser Angelegenheit gingen natürlich an mir vorbei. Trotzdem blieb ich die Hauptperson.
Aber dann wurde es 9:00 Uhr. Ich und meine Kameraden versammelten uns in der Kirche. Im dunkelblauen Anzug, weißen Kniestrümpfen, mit der Kerze und leerem Magen. Dann fing die feierliche Messe an, in der die Erstkommunionskinder ihre eigenen Bänke hatten. Es dauerte lange bis ich mich kniend vor dem Altar wiederfand. Dort bekam ich vom Priester, der einige lateinische Worte murmelte, die Hostie auf die ausgestreckte Zunge - während ein Ministrant ein goldenes Tablett darunter hielt. Das war es schon. Der Geschmack der Hostie war neutral und sie blieb am Gaumen kleben. Ich kehrte in meine Bank zurück und dachte jetzt schon an Zuhause. Dort wartete das verspätete Frühstück, die Gäste und - man sollte davon nicht reden - die erhofften Geschenke.
Es waren ihrer nicht viele - nur Kleinigkeiten und Geldspenden - trotzdem wurde es ein schöner Tag. Die Gäste kamen aus Peiskretscham und Schoppinitz. Von Tante Maria aus Schoppinitz bekam ich eine, mit Konfekt gefüllte und mit roter Schleife umbundene, Porzellandose. Sie überdauerte (natürlich ohne Konfekt) das nächste halbe Jahrhundert und ist heute für mich das einzige, materielle Andenken an diesen Tag. Die wertvolleren Geldgeschenke wurden "gewinnträchtig" auf dem Sparkonto deponiert. (Die Geschichte hat gezeigt, daß diese Gewinnträchtigkeit leider nur bis 1945 dauerte, dann war überhaupt nichts mehr da.) Doch für diesen Tag blieb ich die Hauptperson, auch wenn aus Ermangelung eines Photoapparates, der Tag nicht verewigt wurde.

Daß der Krieg in vollem Gange war, spürte man immer mehr. Gasmasken für die Bevölkerung, Verdunklung aller Lichtquellen, Einrichtung von Schutzräumen, Lebensmittel- und Kleiderkarten, keine Südfrüchte, die Aufrufe zum Energiesparen (der Kohlenklau), zur Verschwiegenheit (Feind hört mit), zur aktiven Mithilfe (Räder müssen rollen für den Sieg) und die allgegenwärtige Propaganda ließen es sogar mich merken.
Da waren überall Plakate mit der Silhouette eines Diebes in Jokeymütze mit Sack und blinzelndem Auge: der Kohlenklau in vielen Situationen, die durch zusätzliche Aufrufe verdeutlicht wurden. Da waren Plakate mit Eisenbahnwaggons auf denen Rüstungsmaterial transportiert wurde und Plakate auf denen eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger: "Pssst - der Feind hört mit" andeutete. Die wenigen Autos die man auf den Straßen sah, waren meistens Militärfahrzeuge. Sie hatten ihre Scheinwerfer mit schwarzem Blech abgedeckt, nur in der Mitte war ein schmaler, offener Streifen, der aber nach oben mit einem kleinen Dach abgeschirmt war.
Mit der Verdunklung der Wohnungsfenster gab es viel Zirkus. Man konnte schwarzes Papier oder fertige Rollos kaufen. Sie kamen zwischen oder von innen vor das Fenster. Die besseren hatten innen eine lange Spiralfeder, so daß sie sich selbständig aufrollten, wenn man sie unten losmachte. Jedoch konnte man sie auch selbst aus einem alten Besenstiel basteln. Aber Ärger mit der Verdunklung gab es oft. Manchmal machte man abends das Licht an und vergaß die Rollos. Oder sie standen vom Fenster ab, und das Licht kam seitlich durch. Der Blockwart, zuständig für den Luftschutz, kontrollierte die richtige Verdunklung. Viele hatten Angst vor Luftangriffen und deswegen reagierten manche Menschen auf unverdunkelte Fenster mit offener Aggression. Für mich blieb die ganze Geschichte rund um die Verdunklung eine immerwährende Anregung zu Überlegungen und Spekulationen. Kommen die Flugzeuge in der Nacht, sehen ein helles Fenster und werfen eine Bombe? Wie hoch, besser wie tief müssen sie eigentlich fliegen um den Lichtspalt im Fenster zu sehen? Wenn man etwas weiter vom Hause weg war, sah man doch das Licht nicht mehr. Sogar ein ganzes Fenster wird ganz klein! Und wenn vor dem Fenster Bäume sind? Außerdem gab es doch die Flak und Scheinwerfer, mit denen man so ein Flugzeug am Himmel finden konnte? Nun, vorläufig blieb das für mich nur Theorie - schlimm, daß es später anders sein sollte.
Auch die Einrichtung der Luftschutzräume sorgte für viel Aufregung unter den Hausbewohnern und viel Unterhaltung für mich. Da mußten erst die Keller umgeräumt und neu aufgeteilt werden. Auch unser Keller wurde mit einer Bretterwand halbiert und das Fenster gehörte dann nur zur Hälfte zu unserem neuen Keller. Gut, daß es zwei Flügel hatte. Wie hätte man sonst die Kohle in den Keller bekommen? Die zweite Kellerhälfte bekam Familie Henschel. So geschah es auch mit den anderen Kellern, neun Mieter der Adolfstraße 8 hatten bald wieder selbständige, aber kleinere Keller. Die Waschküche blieb erhalten, während die ganze linke Kellerseite für den Schutzraum bestimmt wurde. Zwei starke, eiserne Türen mit jeweils zwei Verschlußhebeln wurden eingebaut. Eine Stelle in der Wand wurde für einen eventuell notwendigen Durchbruch ins Nachbarhaus, für Fluchtzwecke markiert. Doppelstöckige Holzpritschen wurden angeliefert und von den Männern und Jugendlichen des Hauses aufgebaut. Die Strohsäcke wurden gefüllt, und die Betten unter den Familien aufgeteilt. Draußen auf der Wand zeigten phosphorisierende Pfeile auf die Fenster des Luftschutzkellers. Jetzt gab es natürlich noch einen, (oder waren es mehrere?) Probealarm. Die Sirenen heulten, und alle Leute liefen in den Keller. Für mich und die anderen Kinder ein willkommener Anlaß zum probeliegen und rumklettern. Bis zur Entwarnung. Sonst war der Luftschutzraum (LSR) für Spiele gesperrt, leider. Aber diese drei, überall in der Stadt, allgegenwärtigen Buchstaben sollten auch für mich immer mehr für Krieg und Bedrohung stehen.

Denn auch andere Anzeichen deuteten Unheil an. In der Zeitung, im "Der Wanderer" tauchten die Annoncen mit dem Eisernen Kreuz, mit den Worten "Für Volk und Vaterland" immer öfter auf. Die tiefe Sorge um Verwandte, um die Brüder meiner Eltern, war allanwesend. Man wartete auf Briefe, auf Nachrichten. Man hörte die Verlautbarungen des Oberkommandos der Wehrmacht. Es waren vorläufig fast nur Siegesmeldungen. Und hoffte auf ein baldiges Kriegsende.. Doch diese Hoffnung ging bald selbst zu Ende. Die Versorgungslage verschlechterte sich.

(So lag für meine Eltern die Überlegung nahe, eins ihrer Kinder "auszulagern". Natürlich klingt das tragischer, als es war. Denn die Wahl fiel auf mich und ich sollte nicht zu fremden Menschen, sondern zu meiner Oma, mütterlichseits. Im selben Haus wohnten noch meine beiden Tanten und Onkel Karl, mein Namensvetter. Das alles in Peiskretscham, ganze 12 km von Gleiwitz entfernt, aber trotzdem auf dem Land. Man versprach sich Entlastung der Familie und Stabilisierung meiner Gesundheit.)


In dieser Wohnung, hier in Gleiwitz, verlebte ich wieder (nach dem Leben in Peiskretscham und der Flucht) die nächsten fünf Nachkriegsjahre. Anfangs mit Tante Eva, einem aufgelesenen Mädchen, Oma, Eltern und Geschwistern. Für 9 Personen war die Wohnung wirklich eng, doch es dauerte nur Monate. Dann fanden sich die Eltern des Mädchens, und Tante Eva kam übers Lager nach Deutschland.
So bekam ich das, durch die Nachkriegsumstände, erzwungene Leben mit meinen damals 12 bis 17 Jahren hautnah mit. Fehlende oder knappe Lebensmittel, Schikanen, Geldmangel, auch meine polnischen Schulerfahrungen - all das habe ich schon an anderer Stelle beschrieben.

Hier vielleicht noch kurz zu den 1945er Erinnerungen. - Die vor dem Kriegsende (Januar bis Mai 1945) marodierenden sowjetischen Soldaten kenne ich nur aus den Erzählungen meines Vaters und Bruders. Und es hätte wohl gereicht, denn unsere Wohnung war schon fast aller Sachen entblößt, welche für solche Menschen interessant waren. Doch dann ging es noch einige gute Monate munter weiter, diesmal mit polnischen (Pseudo-) Milizen. Da alle, in dieser Übergangszeit leerstehenden, Wohnungen schon wirklich leer waren, blieben nur die Wohnungen der "Autochtonen", sprich Deutschen, in denen für die Plünderer noch eventuell etwas zu holen war. Eine weiß-rote Armbinde, eine nicht zu definierende Uniform, ein Karabiner - all das waren Attribute, welche bei verängstigten Menschen, deren Kenntnisse der polnischen Sprache höchstens rudimentär waren, eine "amtliche Wohnungsdurchsuchung" zu begründen.
Um also nicht aufzufallen, versuchte man jegliche Hinweise auf eine deutsche Wohnung von der Wohnungstür zu verbannen. Da war zu erst das Namensschild, in Vorkriegsqualität mit einem deutschen Namen. Es wurde abgenommen. Die Briefkastenklappe mit der deutschen Inschrift wurde mit schwarzem Stoff maskiert und hinter dem verglasten Teil konnte man anstatt der dekorativen Gardine nur Teile eines ordinären Pappkartons erblicken. Mit anderen Worten: man war bemüht der Tür, ein Aussehen einer durch Zuwanderer besetzten Wohnung, zu geben.
Doch das half wahrscheinlich nur manchmal. Ich erinnere mich an einige solche Auftritte, wo der bewaffnete Teil einer solchen Kontrolle, mit eindeutigen Gesten, jegliches Auflehnen der Mutter unterdrückte, während wir verängstigt dem zweiten Mann zusahen, wie er den Schrank öffnete, die Klamotten aus dem unteren Teil auf den Boden warf und den Rest der Kleidung durchwühlte. In ähnlicher Manier wurden die Betten nach versteckten Gütern durchsucht - sogar in den (kalten) Kachelofen wurde geschaut. Da uns damals, wie gesagt, schon wenig zu nehmen war, mußten sich diese Banditen mit keinen oder sehr zufälligen Beutestücken zufrieden geben.

Jedenfalls war das Leben in den direkten Nachkriegsjahren meilenweit von dem entfernt, was man bisher als "normales" Leben betrachtet hatte. Denn auch, als schon die Ära der brutalen Gewalt vorbei war, blieben die Versorgungsschwierigkeiten und das fehlende Geld. Vaters Verdienst war eigentlich ein Hohn, er reichte kaum für die damals erhältlichen Lebensmittel. Für andere notwendige Ausgaben blieb da nichts übrig.
So kam es auch - kurz nachdem polnische Behörden sich auch bei der Energieversorgung etabliert hatten - zu einer Stromsperre, uns wurde "der Zähler abmontiert". Es war in der kalten Jahreszeit, als wir plötzlich ohne Licht und Wärme dastanden. Nicht nur wir allein, denn diese Maßnahme betraf viele Menschen, welche die durch den Kohlenherd erzeugte Wärme, durch Elektrowärme zu ersetzen versuchten. Denn auch die Kohle war natürlich Mangelware.
So hatten wir plötzlich im Entree einen Zählerkasten ohne Zähler. Die Zuleitungen, Kupfer in Gummi und teergetränkter Gewebeummantelung, ragten in den Raum. Ihre Enden waren dick abisoliert und das Ganze verplombt. Nur der Nullrückleiter blieb offen, nicht isoliert und nicht verplombt. Diese Konstellation verleitete findige Menschen zu einem Trick, welcher es erlaubte, den Strom auch ohne Zähler aus dem Netz zu entnehmen. So hatte mein älterer Bruder, der Hubert, auch bald den Dreh raus: Mit einer Stecknadel durchbohrte man die Isolierung der Phasenzu- und Ableitung und klemmte das Ende des Nulleiters in eine Ritze des geerdeten Zählerkastens. Und hatte auf einmal wieder Strom!
Die Geschichte hatte nur einen Haken: Das Wissen um eine Gesetzesübertretung mit eventuellen Konsequenzen.
Nun, es blieb für uns ohne Folgen. Nach einigen Monaten hatten wir wieder einen Zähler - und der ihn anbringende E-Mann wollte die doch erkennbaren Spuren unseres Waltens nicht sehen? Es waren halt die Nachkriegsjahre....

Zum Untertitel   

Die Ehe


Am Anfang war die Tarnowitzer Landstraße Nr. 30, präziser die Tür davor. Dort standen wir, Helene und ich, wohl stundenlang, bis ich in den Genuß des Eintritts in die Wohnung bekam. Drinnen war es schon warm und wir kamen uns entschieden näher. Und so ein Leben führten wir neben den obligaten Pflichten fast vier Jahre, ohne Meinungsverschiedenheiten. Deswegen ist es nicht verwunderlich, daß ich, als "gestandener Mann" mit 21 Jahren, mich nach einem wirklichen, meinem, Zuhause sehnte. Ich hatte das Technikum schon fast hinter mir, die höhere Schule winkte, und die Hauptsache, meine Partnerin, die Helene, schien meiner Meinung zu sein. Ich hatte das Leben in der engen Wohnung daheim, und später im Internat schon deutlich satt.
So reifte in mir der Entschluß, eine Entscheidung zu treffen. Im Frühling 1954 war ich so weit, die entscheidene Frage zu stellen. Einerseits fühlte ich eine gewisse Verantwortung für das Mädchen und ihr zukünftiges Leben, anderseits sah ich so die Möglichkeit, an ein richtiges, eigenes Zuhause zu denken. Ich zog meine augenblickliche Situation in Betracht, dachte daran, daß ich ihr wenig zu bieten habe  -  außer eben den Zukunftsperspektiven. Und die sollten keine stumpfsinnige Arbeit unter Tage sein. Ich schaute womöglich zu optimistich in die Zukunft, aber mein guter Auftritt in dem doch eigentlich so schwachen Technikum (wovon ich wegen fehlender Vergleichsmöglichkeiten, zum Glück, nicht wußte), ließen mich diese Zukunft durch eine rosarote Brille betrachten.
Es war auf dem Nachhauseweg von einem schönen Spaziergang, noch inmitten der Felder, als ich meine Helene ganz unkonventionell mit diesen Fakten um unser zukünftiges Leben konfrontierte, nachdem die nüchterne Frage: "Hör mal, wir sind jetzt 4 Jahre zusammen, wir kennen uns - und wir lieben uns. Sollten wir nicht heiraten?" gefallen war. Und ich ihre Antwort inoffiziell als "ja" interpretieren konnte. Sie wollte noch mit Mutter sprechen, obwohl sie wußte, daß ich bei Mutter eigentlich gut angeschrieben war. Es war halt noch eine kleine, endgültige Bedenkzeit - denn in den nächsten Tagen sprachen wir dann schon offiziell von unserer Verbindung.

Zwei Angelegenheiten wollten jetzt erledigt werden: Nämlich die formellen, und, woran wir vordergründig dachten, unsere eigene Wohnung, unsere eigene Ecke in der wir nach unseren Vorstellungen walten konnten.
Da kam uns der Vorschlag meiner zukünftigen Schwiegermutter, ein kleines Zimmer bei Ihrer Bekannten, der Frau Macha, als Untermieter zu nehmen, wirklich recht. Noch vor unserer Hochzeit konnten wir dieses Zimmer "möblieren", nämlich die wichtigsten Utensilien auf Raten kaufen. Dazu kam der ehemalige Oberschrank von Daheim - jetzt unser Essensschrank und zugleich Anrichte. Wir hatten also unsere eigene "Wohnung"!
Es wurde also Zeit unsere Verbindung nun auch offiziell festzuhalten, das heißt sie auf dem Standesamt zu legalisieren. Ich, der Mann, aber zugleich Schüler, begab mich also eines schönen Tages, mit den notwendigen Dokumenten, zum Standesamt auf der Oberwallstraße. Der Beamte schaute mich, als ich ihm mein Verlangen darlegte, etwas skeptisch an, dann frug er: "Ist ihre zukünftige Frau schwanger?" was ich entrüstet verneinte. Dann nickte er so mit dem Kopf und meinte: "Na ja, dann hat es also keine Eile" und nach einer Inspektion seines Kalenders und dem Anhören meines Vorschlags, einigten wir uns auf den 23. Dezember. Denn ich hatte dann schon Ferien.
Er erledigte also den Papierkram, blieb aber bei meinem Beruf hängen: "Schüler paßt doch nicht" und schaute mich kritisch an. Doch dann hatte er eine Erleuchtung: "Ich schreib einfach 'Bergmann', der wollen sie doch werden?" Ich klärte den guten Mann nicht auf. Daß ich schon Bergmann war und in der Zukunft keiner mehr sein möchte. Ich nickte mit dem Kopf, bezahlte die 28 Zloty für die Ausstellung der Dokumente und verließ das Büro.
(Diese 28 Zloty blieben bis heute ein willkommener Anlaß zum Piesacken meiner ansonst lieben Frau. Immer dann, wenn ich von ihr etwas verlange, oder sie sich wegen ihrer "Bedienung" meiner Person auflehnt, rufe ich diese 28 Zloty in Erinnerung, welche ich seinerzeits "für sie" bezahlt habe.")
Dann kam der 23. Dezember und wir fanden uns in dem ziemlich nüchternen Zimmer des Standesamtes wieder. So nüchtern wie das Zimmer blieb auch die Zeremonie, von der ich nur die tiefen und weichen Sessel, für uns und die Trauzeugen in Erinnerung habe. Es blieb auch eine reine Formalität, ohne Gäste und ohne Musik. Es war halt nur die "zivile" Trauung. Angenehmer ging es dann zu Hause, in ganz kleinem Kreise zu.  -  Denn die "Hochzeit", mit der kirchlichen Trauung, sollte erst im nächsten Jahr stattfinden.
Es waren einer der schönsten Momente in meinem Leben, als wir im dann, nach unserer Trauung und dem frugalen Abendbrot, alles noch  "Zuhause"  auf der Tarnowitzer Landstraße, in diese durch Frau Macha schon vorgeheizte, Wohnung kamen. Wir waren auf einmal bei uns, und das breite Sofa wartete, daß wir es jetzt ganz legal, frei und ohne Hemmungen benutzen konnten.

Dann hatten wir einige Monate Zeit, um uns auf die richtige Trauung vorzubereiten. Leni wollte unbedingt in Weiß gehen und das war unser Dilemma. Ein weißes Kleid, Stoff dafür, das waren damals Probleme, die man schwer überwinden konnte. Wir jedenfalls nicht. - So entschied sich Leni letztendlich für ein graues, schickes Kostüm, welches jemand aus dem Westen bekommen und in einem sogenannten "Komis"-Laden zum Verkauf angeboten hatte. Auf dem Kopf hatte sie einen, in Heimarbeit, hergestellten Myrthenkranz.
In die Kirche ging es natürlich zu Fuß, wir und unsere Hochzeitsgäste. Herr Gruchot, der Küster bereitete uns noch vor unserer Trauung eine kleine, eher unangenehme Überraschung. Als es zur Unterschrift der Heiratsdokumente kam, und wir ihn fragten, wie viel wir zu berappen hätten, sagte er: "Wie es ihnen gefällt."  Als ich dann mit einer, unseren Verhältnissen angepaßten Summe herausrückte, war er enttäuscht und meinte prompt: "Das ist zu wenig!"  Wir schauten uns mit Leni an, und ich stockte die Summe auf. Wahrscheinlich blieb auch das unzureichend, denn unsere Trauung wurde entsprechend kurz und bündig erledigt. Jedenfalls sagten wir beide in deren Verlauf: "JA".   Dann war es vorbei, und man gönnte uns nicht einmal eine ruhigen Auszug aus der Kirche. Bevor wir vom Altar gingen, wurde schon der Katafalk für die danach stattfindene Begräbnismesse hereingetragen...
Wir waren jung und uns berührte das wenig - es gab wichtigere Sachen. So machten wir vor der Kirche noch einige Photos, von uns und unseren Trauungsgästen. Es wurden nicht die besten Bilder und wir ließen uns deswegen noch ein richtiges Hochzeitsphoto bei einem professionellen Photographen machen.
Die meiste Arbeit, oder den meisten Kummer, hatte Lenis Mutter. Sie mußte den Hochzeitsschmaus für die paar Gäste erledigen. Das war, bei der damaligen Versorgungslage, eine schwierige Aufgabe. Ich erinnere mich an ihre Bemühungen, acht Koteletts auf einmal zu bekommen. Damit jeder Gast eins auf dem Teller hatte. Damals gab es sie noch mit dem Knochen...
Oder die Zeichen unserer Verbundenheit: die Eheringe. Von Gold konnten wir natürlich nur träumen, also mußte das "zweite Edelmetall" her, Messing. Auch das erledigte meine Schwiegermutter. Zwei 10-Pfennig Messingmünzen aufzutreiben, war 10 Jahre nach dem Krieg, nicht allzu schwierig. Schlimmer schon mit dem Mann, der aus diesen Münzen unsere Eheringe machen sollte. Ich habe ihn niemals gesehen, aber er machte sie fachgerecht, sogar in den richtigen Größen. - So konnten wir uns zur Trauung die Ringe anstecken.

Ja, aber ein Ereignis fand noch vor unserem Einzug, in der "Möblierungsphase" statt, nämlich die fast vollständige Sonnenfinsternis am 30. Juni 1954. Wir kamen am frühen Nachmittag in unser Zimmer, um sie zu beobachten, was uns bei schönem Wetter vollkommen gelang. Am Fenster stehend machten wir diesen, nur kurz dauernden, "Sonnenuntergang" lebhaft mit, es wurde dunkel wie am Abend. Wir nutzten auch das aus.

Dann kamen die Tage und Monate, wo wir eigentlich nur wohnten.
So stellte ich meine Beobachtungen über einen Blitzeinschlag an, der noch vor unserem Einzug stattfand. Der Blitz schlug in den gemauerten Giebel des Hauses ein und sprengte eine unregelmäßige Fuge in das Mauerwerk bis zur Höhe unserer Zimmerdecke. Dort drang er schon ins Innere des Hauses, denn in unserem Zimmer, unter der Decke, verlief er durch die elektrische Leitung auf dem Putz, im damals üblichen Metallrohr. In diesem ging es dann wahrscheinlich weiter, denn, gemäß der physikalischen Regeln, sah man später an einem 90° Bogen eine ausgebrannte Öffnung in der Wandung des Rohres. Unten, im Erdgeschoß, wurde ein junges Mädchen vom Sofa "geschleudert" - wahrscheinlich durch eine unwilllkürliche Muskelkontraktion.
Und ein Tag, der sich nicht mehr wiederholen sollte. Der Tag, eigentlich der darauf folgende Morgen, an dem Helene ihren Angetrauten, total beschwipst, nach Hause begleiten konnte. Es war irgendwo im März oder April 1955, wo unsere Klasse den traditionellen Abschied von der Schule feierte. Es war noch im Schulinternat, wohin jeder der Schüler seine Liebste, manchmal auch seine Eltern, eingeladen hatte. Wo man tanzte und den Alkohol fließen ließ. Eben dieses Faktum ging auch an mir nicht spurlos vorbei. Denn fast jeder der damaligen Mitschüler fühlte sich verpflichtet, mit mir anzustoßen. Und meine abwehrende Haltung mit den Worten: "Und mit mir trinkst du nicht ?" ins Abseits zu befördern.
Oder eine fast humoristische Begebenheit. Ich bastelte viel, und so hatte ich von jemandem eine alte, große Wanduhr bekommen. Eine elektrische, welche nicht ging. Der Rotor war aus einem gezahnten Stück Eisen gefertigt, das ganze ein Synchronmotor, vielleicht ein Reluktanzmotor. Jedenfalls brachte ich die Uhr zum Laufen und hängte sie an der Wand auf. Leider erzeugte diese Uhr bei jeder Umdrehung des Rotors, wohl im Zweisekundentakt, ein leises Geräusch. Bei uns im Zimmer kaum hörbar - doch wie es sich später herausstellte - bei Frau Macha, durch die Wand, deutlicher. So kam ich am nächsten oder übernächsten Tag von den Vorlesungen und fand eine verängstigte Frau Macha vor. "Herr Mosler, ich werde wohl schon nicht mehr lange leben, der Todesengel gibt mir schon ein Zeichen, daß mein Leben abläuft". Auf mein ungläubiges Staunen rief sie mich in ihr Schlafzimmer, damit ich es vielleicht selbst höre. Schon nach einem kurzen Moment erkannte ich die Ursache. Jetzt nahm ich Frau Macha in unser Zimmer und nahm die Uhr von der Wand, damit sie sich das Geräusch anhören konnte.  -  Die Erleichterung konnte man auf ihrem Gesicht ablesen. Ich hang diese Uhr nicht wieder auf.
Eine weitere Begebenheit ist unser "Kampf" mit den Wanzen, den echten, den lebendigen. Es stellte sich heraus, daß wohl aus den unteren Etagen diese Insekten versuchten, in unseren neuen Möbeln, Fuß zu fassen. Da ich vermutete, daß sie durch das Fenster einwanderten, baute ich im Fensterzwischenraum (es waren Kastenfenster) einen "elektrischen Stuhl" für sie. Natürlich ohne Erfolg. Weil das aber auch für uns gefährlich wurde, kam das nach einigen Tagen weg. Die Wanzen fanden ihren Weg wohl durch das Treppenhaus und weil wir uns kein Insektentötungsmittlel verschaffen konnten, blieb uns nur die regelmäßige Kontrolle.
Wegen dieser und anderen Unannehmlichkeiten, wegen der Größe der Wohnung und noch anderen Macken, sahen wir uns veranlaßt, etwas größeres zu suchen. Und wirklich, wir fanden zwei Straßen weiter eine Wohnung in einer Villa. Wieder unter dem Dach, aber zwei (größere) Zimmer und eine Kammer. Wir zogen um und Frau Macha hatte wieder ihre alte Wohnung,
Dort wohnte es sich uns gut, wir konnten sogar Gäste empfangen. Doch nach ungefähr zwei Jahren tauchte das Problem mit meiner Schwester auf. Sie wohnten bei Oma in Peiskretscham, aber konnte sich mit ihr nicht so richtig anfreunden. Oma machte uns allen die Hölle heiß, damit wir nach Peiskretscham zogen, während sie, meine Schwester Maria mit Anhängsel, unsere Wohnung in Gleiwitz nahmen. Es hat zwar gut geklappt, aber die Gleiwitzer Meldebehörde hatte was gegen den Umzug. Denn die Wohnung - zwar im privaten Haus - wurde von der Wohnungsbehörde vergeben. Es gab viel Ärger damit - ja, bis meine Schwester mit Familie eine Wohnung in Peiskretscham, in den neuen Siedlungen bekam. Dort auch wohnte, um später, nämlich 1972, in ihr Eigenheim in Laband zu ziehen.

Nun, als wir unter diesen Umständen, schon einige Jahre in Peiskretscham wohnten, näherten wir uns dem Alter von dreißig Jahren. In unseren Gesprächen tauchte das Kinderkriegen auf. Wir waren so ziemlich der gleichen Meinung, und kümmerten uns somit nicht mehr um den "Kalender". Doch Monat um Monat vergingen ohne das sich was in unserem Leben änderte. Ich fing an mir Sorgen zu machen. Ist bei mir etwas nicht in Ordnung? Aber ehe ich mir, nach ein paar Monaten, so wirkliche Sorgen machen konnte, sagte mir Leni, daß ihre Zeit schon um zwei Wochen überschritten ist, sie also höchstwahrscheinlich schwanger ist.
Ich war erleichtert ...und zufrieden. Sollten wir doch eine richtige Familie werden! Deswegen "verordnete" ich Leni in den ersten Wochen Schonung. Ich sprang etwas um sie herum - so weit ich das konnte - und entlastete sie von den schwereren Arbeiten. Sogar das Motorradfahren wollte ich abstellen, aber nahm das dann, nach ihrem Protest, wieder zurück. Vorsichtig fuhren wir die notwendigen Strecken.
Dann, noch während der Schwangerschaft, gab es noch eine Aufregung. Als Leni gerade die eher steile Treppe hinunterkommen wollte geschah es: sie trat schlecht auf und kullerte die Treppen runter. Mir zu Füßen. Wir waren erschrocken, denn es sah sehr gefährlich aus. Aber zum Glück sollte es sich herausstellen, daß außer den blauen Flecken, sie sich nichts Schlimmeres zugezogen hatte. Und das auch dem Kind nichts passiert ist.
Die Schwangerschaft verlief ansonsten also problemlos, nur am Ende wollte Roland nicht kommen. Leni wurde nach Beuthen in die Klinik verlegt, wo Roland mit etwas Verspätung zur Welt kam. Dann gab es noch Probleme beim Standesamt: Roland ist doch kein polnischer Vorname! Erst beim zweiten Anlauf, schon ziemlich aufgebracht, konnte ich den Beamten überzeugen. Daß Roland kein typisch deutscher Name ist. Ähnlich hatte sich die Sache bei der Taufe. Roland, Harald? Keine Heiligen! - Harald, sein Patenonkel wollte wütend werden, doch Leni schrieb in die Urkunde einen dritten Namen, Josef, hinzu.
Jetzt waren wir schon zu dritt, einiges änderte sich im Haus und zwei Jahre später kam auch Monika, fast routinemäßig, zur Welt. Roland hatte bald eine Spielgefährtin mit welcher er sich deutsch unterhalten konnte. So lief das über die nächsten Jahre, ja, bis ihnen auf der Straße die polnische Sprache nähergebracht wurde.
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Bei Oma in Peiskretscham


Es sollte eine lange Episode werden, 20 Jahre, bis 1980 waren wir also Einwohner von Peiskretscham. Fast unser ganzes, aktives Leben, d.h. ich, mit meiner Arbeit, Leni mit ihrer. Dann kamen die Kinder und später gab es die, im Endeffekt wohl kleineren, Reibereien mit Oma. Denn sie wurde wirklich schon alt, ihre Gesichtspunkte deckten sich nicht immer mit den unsrigen. Aber schön der Reihe nach.
Wir zogen in das, 1960 schon "alte", Haus und nannten die zwei Stübchen, unter dem Dach, unser eigen. Es war etwas spärlich, doch gedachten wir in baldiger Zukunft, die früher so genannte "gute Stube" im Erdgeschoß, für unsere Zwecke zu adaptieren. Es wurde schwierig, weil Oma eher konservativ war, und obwohl das Zimmer leer stand, jegliche Arbeiten dort verweigerte. Aber wir brachten sie, Schritt um Schritt, in die richtige Richtung. So wurde anfangs die Elektroinstallation, und dann das neue Fenster realisiert. Noch später kamen die Möbel und somit wieder etwas wohnliche Atmosphäre in diesen Raum.
Doch zum Wohnen blieben uns die zwei Zimmer, welche bald zu klein wurden. 1964 stellte sich Roland, dann zwei Jahre später Monika ein. Das jetzt benötigte Wasser, besser das Abwasser wurden zum Problem. Es gab zwar einen Ausguß, aber der Abwasserbehälter war zu klein, und man konnte ihn nicht überlasten. Leni mußte viel Wasser die Treppen runterschleppen, um es draußen auszugießen. Nun, irgendwie meisterte sie das alles - aber wir redeten gleichzeitig auf Oma ein, erklärten ihr, was alles gemacht werden muß. Auch die bei uns, zu Besuch weilenden Tanten, überzeugten Oma von der Notwendigkeit verschiedener Renovierungstätigkeiten. So gab Oma langsam nach...

Jetzt, und später nach Omas Tod im Januar 1974, gingen viele Arbeiten im Haus voran. Die Wohnküche wurde zum Wohnzimmer umfunktioniert, die Küche in die ehemalige Waschküche verlegt. In das Wohnzimmer kamen die Möbel aus der guten Stube und diese wurde durch neue Möbel aufgewertet. Der ehemalige Stall wurde ein Badezimmer, und ins ehemalige Plumpsklo kam der Warmwasserbehälter. Die Abwässer wurden in eine neue Sickergrube im Garten geleitet, und bei Bedarf vom Fuhrpark der Stadtverwaltung abgeholt. Die ganze Elektroinstallation des Hauses wurde überarbeitet, und im Wohnzimmer eine Elektrospeicherheizung unter dem Fußboden eingebaut.
So hatten wir um 1975 ein fast runderneuertes Haus, mit vielen Zusatzfunktionen. Es war warm, und wir konnten normal wohnen. Wir konnten baden, und uns bequem waschen. Gäste brachten wir jetzt in der ehemaligen "guten Stube" unter, alle zusammen lebten wir im großen Wohnzimmer des Hauses.

Natürlich gibt es eine Menge Erinnerungen an die Zeiten der Renovierung. So die Beschaffung aller Materialien, von Rohren über Zement bis zu den Ausstattungsgegenständen. Von einigen Gegebenheiten möchte ich hier erzählen.
Für die Fliesen in der Küche, (nebenbei für Devisen umständlich gekauft), brauchten wir weißen Zement. Auf dem Markt nicht erhältlich - man fragte mich sogar ob es so etwas gibt - wandte ich mich mit dieser Angelegenheit an einen windigen Bekannten. Der sagte mir, daß es kein Problem sei, denn in der Labander Hütte wird so etwas gebraucht. Ein guter Mann besorgte einen halben Sack, warf ihn über den Zaun (durch die Pförtnerei ging es natürlich nicht) und holte ihn nach der Schicht einfach ab. Und ich hatte meinen Zement...
Oder den Herd. Wir brauchten einen Elektro-Kohleherd, in Polen war so eine Kombination unbekannt. Dafür konnte man einen solchen in der DDR kaufen. In Dresden. Wir kauften in kurzerhand, aber es blieb das Problem des Transports. Der Günter, unser rühriger Freund aus Dresden, übernahm mit seinem Bekannten, dem Besitzer eines Anhängers, den Transport. Bis zur Grenze in Görlitz, und auf die polnische Seite schafften sie es wirklich. Ich weiß nicht was sie dem Zöllner gesagt haben, jedenfalls kamen sie mit dem Ding durch. Wir waren überglücklich, daß es geklappt hat, denn die Grenze blieb damals eine sehr ernst zu nehmende Angelegenheit. Jedenfalls standen wir dann auf dem Platz vor der Bahnspedition, und versuchten den Herd in den Trabi zu packen. Wir bekamen ihn rein, aber die Bewegungsfreiheit für den Fahrer war fast Null. So entschlossen wir uns, wie für alle Fälle vorausgesehen, ihn doch mit der Bahn zu verschicken. Wir verabschiedeten uns von unseren Helfern aus Dresden, und bereiteten uns auf die Nacht neben dem Herd vor, denn die Bahnspedition war natürlich nur vormittags geöffnet. Schlafen konnten wir beide schon im Trabi, aber wir mußten gleichzeitig aufpassen, daß uns der Herd nicht gestohlen wurde. In der Nacht dann hatten wir noch Besuch von einer Milizpatrouille, welcher das merkwürdige Gespann verdächtig vorkam. Wir konnten sie jedoch überzeugen, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Schlimmer wurde es am Morgen. Es wurden nur verpackte Gepäckstücke angenommen! Von wo hier, fast im Feld, eine Verpackung herzaubern? Doch dann hatte ich endlich den guten Mann so weit, daß er mir paar alte Kisten und das notwendige Werkzeug anschleppte, ich bastelte eine Verpackung!. So wurde das teure Stück angenommen, in paar Tagen sollte es in Peiskretscham sein. Es wurden einige gute paar Tage daraus. Dann durfte ich das Gut in Empfang nehmen. Leider war die Emaille gerade dort beschädigt, wo ich kein Brett angebracht hatte....   -   Wir mußten damit leben.
Für die neue Küche und das WC brauchte ich eine Menge Rohre, aber noch wichtiger, Bogen und Abzweigungen. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich das Zeug zusammen hatte. So ging es mir mit fast allen Materialien: Entweder Devisen haben, Klauen oder Kombinieren - dabei aber immer lange warten.
Die Elektroinstallation war ein Problem für sich. Hätte ich nicht einen Bekannten bei der Hand gehabt, der für die nötigen Kabel und anderen Utensilien sorgte, so wäre die Erlaubnis für einen Zweitarifzähler nichts wert gewesen. Aber mit seiner Hilfe hatte ich bald eine neue Schalttafel mit dem Zähler und einer plombierten Uhr, welche in der Nacht die Heizung und Warmwasser freigab. Nur hatte die Sache mit der Uhr einen Haken, da sie elektrisch gesteuert wurde. Da die Netzfrequenz alles andere als stabil war, schaltete sie bald die Heizung, und den zweiten Tarif, zu eigentlich nicht vorgesehenen Zeiten ein.
Das Netz hatte nicht nur Frequenzprobleme, aber auch haperte es mit der Spannung. Die ging, je nach Belastung, in den Keller, dh. 170 - 200 Volt waren die Regel. Man war zwar daran gewöhnt, aber der russische Fernseher, den wir damals hatten, mochte das nicht. So hatte er seinen eigenen, separaten Spannungsverstärker.   -   Und noch eine Eigenschaft hatte unser Netz: Je nach allgemeiner Belastung, hatte der Nulleiter eine Spannung bis zu 50 Volt gegen die Erde. Ich nutzte das für eine konstante Heizung des Badezimmers aus. Unter der Badewanne hatte ich einen, auf 40 Volt ausgelegten, Heizkörper montiert, der halt 24 Stunden am Tag, weniger oder mehr intensiv, heizte. Umsonst.
Das Beheizen des Wohnzimmers wurde zum Problem, seitdem der "Küchenherd" aus der ehemaligen Wohnküche verschwand und in die neue Küche kam. Also das Wohnzimmer ohne Herd dastand. Natürlich war das geplant, (deswegen die neue Elektroinstallation), und ich hatte schon viele Wochen vorher Material für einen Speicherofen eigener Konstruktion gesammelt. Das waren, neben dem Gestell, viele Schamottesteine aus meinem damaligen Betrieb. Wie auch die Widerstände, deren Herkunft ich heute eigentlich vergessen habe.. Der Speicherofen kam unter den Fußboden, in Fensternähe des Wohnzimmers, in eine mit Metallgitter abgedeckte Grube. Ich konnte das so einrichten, denn das Haus war in diesem Bereich nicht unterkellert.
Fürs warme Wasser hatten wir jetzt, einen mit Mühe, nach paarmaligen Fahrten in die Fabrik, erworbenen Behälter. Er war ziemlich groß, ich glaube 300 Liter, und wurde im ehemaligen Plumpsklo, welches wir schon zugeschüttet hatten, aufgehangen. Natürlich war der Behälter unisoliert (wen kümmerte das schon damals) und so heizte er letztendlich zusätzlich auch unser Badezimmer.
2010

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Die weite Welt


Vorab, in den direkten Nachkriegsjahren, bedeutete die "weite Welt" jede Stelle außerhalb von Gleiwitz, später von Peiskretscham. Alles was man zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen konnte, um dann, noch am gleichen Tag, wieder zu Hause zu sein. Weil es die, in den Nachkriegsjahren bedeutsamste, finanzielle Barriere gab. Bedeutsamste, weil doch die anderen, wirklichen Barrieren außerhalb meines Wahrnehmungsvermögen blieben. Ausland, Devisen, Entfernungen wirkten wohl noch aus der Zeit meiner Kindheit, wo man Beschreibungen ferner Länder und Reiseerzählungen zwar verschlang, aber sie im Unterbewußtsein wie Märchen behandelte. Erst im reiferen Alter, während des Studiums, versuchte man sich in diese Situationen hineinzudenken. Nicht nur das, man versuchte sie sogar zu realisieren. Und über diese Proben oder später gelungene Reisen möchte ich hier berichten. Aber auch über die ersten, selbständigen Reisen in Polen.

In Polen gab es schon in den frühen Jahren die organisierte Erholung, eine Obliegenheit des FWP (Fundusz Wczasow Pracowniczych - Fonds für Arbeitererholung). Für einen noch erschwingbaren Preis erledigte ich mir im Winter 1949 einen Erholungsurlaub in Zakopane, dem renommiertesten Erholungsort Polens. (Schon damals lernte ich das "Erledigen" in Polen. Denn eigentlich sollte ich noch keinen Erholungsurlaub bekommen, weil ich doch noch zu kurz im Betrieb war). Vielleicht gelang es mir, weil zur gleichen Zeit eine Angestellte aus dem Personalwesen dorthin fuhr? Sie war schon über zwanzig, damals eine alte Frau für mich, heute würde ich Mädchen sagen. Warum ich das erwähne? Sie, eigentlich Ihr Kavalier, ermöglichten mir einen gelungenen Auftritt in Zakopane. Ich, mit meinen 16 Jahren, fuhr nämlich als arme Maus dahin. Mein Bares betrug, ich erinnere mich bis heute, genau 500 Zloty, ein Zwanzigstel meines Monatsverdienstes. Der Eintritt auf die große Sprungschanze, zu einem Wettbewerb, kostete damals genau so viel. Für mich natürlich unerschwinglich, wäre da nicht der Verlobte meiner Mitarbeiterin gewesen. Dank ihm war ich auch bei einem Auftritt von Eislaufkünstlern mit vielen Tänzen und bunten Kostümen.
Ich unternahm dort auch meine ersten Proben in der Skilaufkunst. Die Ski konnte man für Kleingeld ausleihen, schlimmer war es mit den Schuhen. Ich hatte ein einziges Paar, nämlich die ledernen Arbeitsschuhe, welche Mutter für meine Briefmarkensammlung bekommen hatte. Sie dienten zum Gehen und jetzt auch Skifahren. Denn die Ski hatten eine damals übliche, einfache Bindung, welche mit den Schuhen schlecht in Einklang zu bringen war. Trotzdem fuhr ich damit auf kleinen Bergchen für Anfänger und einmal sogar den großen Berg, Gubałowka, hinunter. Natürlich auf einer Trasse für mein Können, abseits der allgemeinen Piste. Die Schuhe standen dann jede Nacht vor dem Kachelofen im Zimmer, denn ich brauchte sie am nächsten Tag wieder trocken! Das Haus in dem ich und drei fremde Männer im Vierbettzimmer wohnten, hieß Krywań, und war ein großes, hölzernes Gebäude im dortigen Goralenstil erbaut. Jeder Schritt wurde von einem Knarren der Konstruktion begleitet.
Eines Tages unternahm ich einem Ausflug in das Kościeliskotal. Ohne jemandem etwas zu sagen, in meiner dürftigen Alltagskleidung und den Arbeitsschuhen. Eigentlich ziemlich abenteuerlich, denn um nur ins Tal zu kommen, mußte ich einige Kilometer hinter mich bringen. So marschierte ich früh mutterseelenallein los, und war an diesem Tag der einzige Besucher des Tales. Ich begab mich sogar in eine Seitenschlucht, später in eine etwas über dem Tal gelegene Höhle - ohne Licht. Es war schön und ein bisschen gruselig, keine Fußstapfen und von den Morgenstunden immer nur allein. Ich kam bis zu einer, im Winter verlassenen, Baude und meinte es wäre Zeit zur Rückkehr. Und da erschienen plötzlich zwei Grenzsoldaten und erleichterten mir den Entschluß. Erstens, weil sie mich streng nach dem Wohin und Woher ausfragten, und zweitens, mir sagen konnten, wie spät es ist.
Und es war schon später Nachmittag, ich ohne Essen von früh auf den Beinen! Als ich den Ausgang des Tales erreichte wurde es schon finster und auch kalt. Sogar zu kalt für meine Kleidung. Vor mir noch die Kilometer auf der Straße nach Zakopane - eine unangenehme Perspektive. Doch da auf einmal eine Bushaltestelle! Und ein Bus nach Zakopane. Ich hatte nur ein paar Zloty bei mir, aber stieg todesmutig ein. Die Schaffnerin sah den mißlungenen Ausflügler und ich durfte fast bis nach Haus fahren. Dort war es Abendbrotzeit, und eine kleinere Aufregung ob meiner Abwesenheit   -   und dann ein Kopfschütteln über meine unüberlegte Unternehmungslust.

Ein anderer Urlaub führte mich im Sommer an die Ostsee. Wie gewöhnlich, würde ich sagen, war es wieder die Organisation FWP, die es mir sehr preisgünstig ermöglichte. Es war ein kleines Haus, direkt hinter einer kleinen Düne, in dem wir (mehrere junge Leute), im Mehrbettzimmer schliefen. Keine 30 Meter vom Meer, das uns also regelmäßig "in den Schlaf wiegte". Der Aufenthalt am Strand war nach Einbruch der Dunkelheit verboten (Grenze!). Da wir, die jungen Leute, aber wußten, wo sich die Grenzer aufhielten, machten wir uns wenig daraus. Und gingen öfters im Dunkeln baden. Es war ein Gefühl der Stärke und Unerschrockenheit, daß sich unser bemannte, wenn wir dann im Wasser waren. Ich vergesse bis heute nicht das rabenschwarze Wasser, welches ganz anders als am Tage aussah und beim Schwimmen so etwas vermittelte, wie die ägyptischen Fluten, welche sich vor Moses und seinen Scharen teilte.
Außer der Primitivität des Aufenthaltes blieb mir außerdem nicht viel in Erinnerung. Zum Essen begab man sich in eine zentral gelegene Kantine, welche auch den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens darstellte. Aha, da war noch eine junge Frau, welche mein Interesse erweckte. Leider konnte ich keine Bekanntschaft mit ihrem riesengroßen Busen machen. Ich war halt noch zu jung, und am 2. Tag schnappte sie mir ein älterer Bursche weg.

Dann war noch so ein Urlaub, im Jahre 1951. In einem gestandenen Schloß im Grünberger Land. Mit einer noch ertastbaren deutschen Herkunft. Möbel und Bücher sprachen davon. Es stand direkt an einem größeren See innerhalb einer Waldlandschaft.
Das Schlafzimmer teilte ich mit drei anderen jungen Leuten, wie es damals so üblich war. Während der Mahlzeiten wurde unser Tisch von einer jungen Kellnerin betreut, und die brachte des öfteren den ewig hungrigen Leuten auch einen Nachschlag. Dafür ging man mit den Kellnerinnen auch manchmal spazieren, oder Kajak fahren. Waren wir doch die einzigen jungen Leute in diesem Turnus.
Kajak, da erinnere ich mich an einen, mir damals, peinlichen Zwischenfall. Da war so ein junges Mädchen, eine Spinnerin aus Bielitz, welches ich zu so einer Kajakfahrt einlud. Ich saß hinten und paddelte, während sie vorn saß, aber mit dem Gesicht zu mir gewendet. So konnte man sich bequemer unterhalten. Als wir so über das Wasser glitten, fing ich an mich zu wundern, daß ihr Blick immer öfter im Kajak verweilte, während draußen die schöne Landschaft wohl interessanter war. Dann plötzlich wußte ich es. Aus meiner ziemlich unkomfortablen Badehose war der Kleine an die Außenwelt gelangt, und baumelte da so vor sich hin. Ich änderte sofort meine Sitzposition und beseitigte das Unheil. Ich war halt damals, wie andere junge Menschen wohl auch, ziemlich schüchtern und gar nicht draufgängerisch.
Außer eben manchen. In unserem Zimmer wohnte ein junger Mann aus Posen, welcher abends fast regelmäßig seine Genitalien zur Schau stellte. Manchmal lief er direkt durch das Zimmer, mit dem Ding in der Hand, um zu zeigen, wie lang es war. Und es hatte wirklich imposante Abmessungen. So war es nicht verwunderlich, daß "meine" Bekannte nach paar Tagen an ihm hängen blieb. Was ich ihr nicht übel nehmen konnte.
In diesem Schloß sah ich auch zum ersten, hoffentlich auch letzten, mal einen direkten Blitzeinschlag aus nächster Nähe. Bei einem sich entwickelnden Unwetter stand ich am Fenster und schaute gerade auf die um 10 oder 15 Meter entfernte Ecke eines Gebäudeflügels, als dort synchron mit dem Donner ein gewaltiger Blitz einschlug. Ich glaube, dort war ein Blitzableiter.

Eine weitere, wirkliche Reise führte mich noch nicht ins Ausland, sondern nach Warschau - auf die internationalen Tage der Jugend im Jahre 1955. Es war eine verhältnismäßig kurze Reise, aber wegen der internationalen Mitglieder hatte sie doch den Hauch einer Weltreise. Außerdem wurde sie vom Staat bezahlt, kostete mich also nichts!
Ich erlebte dort vieles, denn schon die Anfahrt in meinem Abteil wurde interessant. Aber jedoch nicht so viel, wie mein späterer Kommilitone. Dessen Geschichte gehört zwar nicht direkt hierher, aber ich möchte ihn, der Atmosphäre wegen, hier zu Wort kommen lassen:

"Eigentlich gab es dort keine großen Ereignisse für die Menschen - wie eben im Kommunismus. Etwas Sport: so lief Chromik auf dem großen Sportstadion immer in der Runde rum und irgendwelche Russen und ein Engländer haben ihn gejagt, aber kaum geschnappt, weil er eben zu schnell lief. Auf dem Platz des Josef Wissarionowitsch, vor dem Kulturpalast sang das Ensemble "Mazowsze" abwechselnd mit Bernhard Ładysz der z.B. Miasto Pokoju (Stadt des Friedens) zum besten gab; ich erinnere mich noch heute daran. Überall waren "Tanzflächen" vorhanden, ein paar Bretter auf denen man tanzte. Nun, eines Abends, nach einem ganzen Tag ziellosens Rumlaufens ging auch ich zum Tanzvergnügen. Was man damals tanzte? Tango, sicherlich, den Walzer auch, denn er galt als modern. Ob auch Foxtrott, weiß ich nimmer. Aber es geht ja hier nicht ums Tanzen. Jedenfalls hüpfte ich eine Zeit lang auf diesen Brettern mit einem gut gebauten Fräulein herum. Einer Ungarin, wie es sich später herausstellte. Wir sprachen nicht viel, ehrlich gesagt überhaupt nicht miteinander, denn meine einzige Fremdsprache war die russische, welche ihr aber fremd war. Nun so kam es, daß wir dann etwas ...ausruhen gingen. An die Weichsel, am Prager Ufer, in der Nähe des Zoo. Der Zoo ist eigentlich bedeutungslos, bloß er blieb in meinem Gedächtnis wegen der weiteren Geschichte. Die Ungarin zog plötzlich mein Vögelchen aus der Hose und spielte etwas mit ihm. Dann zog sie ihre Schlüpfer aus und gab mir zu verstehen, daß sie nichts gegen eine Vertiefung der polnisch-ungarischen Freundschaft hätte.
Die Geschichte kam mir in Erinnerung, als ich ein altes Photo in die Hände bekam. Dieser Fall wäre nicht der Rede wert gewesen, wenn mir diese "Vertiefung" besser gelungen wäre. Das heißt, ich war sogar zufrieden. Sie, so sollte es sich zeigen, deutlich weniger. Denn als ich ihr durch Gebärden und auf meiner russischen Uhr "Pabieda" ein Treffen am nächsten Tag vorschlug, lachte sie nur spöttisch und verschwand ohne mir auch noch einen Kuß zu geben."


So war die Zeit meines Studiums, 1955 - 1960, den ersten Proben einer Auslandsreise und der ersten wirklichen Reise nach Ungarn gewidmet. Meine Bemühungen um Fahrten nach Frankreich, später Belgien (ich schrieb davon) waren unfruchtbar, so daß ich zugriff, als mir Ungarn vorgeschlagen wurde. Das auch des moderaten Preises wegen. Es wurde dann ein schöner Studentenaufenthalt, zwei Wochen lebte ich erstmalig in einer anderen Welt.
Dann, als wir schon das Motorrad hatten, wurde uns die "weite" Welt geöffnet. Nicht ganz so einfach, wie es sich hier liest, aber immerhin bekam uns nach einigen Bemühungen auch die DDR zu sehen. Das wollte damals, im Jahre 1961, viel heißen. Als wir schon den Paß und die DDR-Mark in den Händen hatten, kamen wir mit dem Rucksack über zwei kleine Häuschen, an jeder Seite der Neiße eins, nach Görlitz! Wir waren in der DDR! Eingeladen von Lenis Cousin in Graupa, bei Dresden. Wir kamen dort auch an, und mußten uns polizeilich melden.
Im kleinen Häuschen, und eben so einem Garten, lebte Jorg mit seiner Familie. Die wenigste Zeit verbrachten wir im Haus, der unweite Wald und die abwechslungsreiche Landschaft luden zu Spaziergängen ein. Die meisten Spaziergänge, auch eine Motorradfahrt nach Dresden, machte ich mit Gudrun, der 17-jährigen Tochter. Wir mochten uns vom ersten Augenblick, weil wir viele gemeinsame Interessen hatten. Trotzdem wurde uns dieses Verhältnis später angekreidet, ihre Mutter vermutete etwas anderes als es in Wirklichkeit war.
Wir waren fast jeden Tag in Dresden, so kannte ich die Uferstraße, die durch ein paar Orte führte, bald auswendig. In Dresden konnte man vieles kaufen, was in Polen nicht erhältlich war. So statteten wir uns mit weißen Motorradhelmen aus, in Polen für Privatpersonen fast unbekannt. Damit hatte ich dann auch in Polen mein Vergnügen - weil weiße Helme nur durch die Verkehrspolizei getragen wurden - und ich dadurch öfters ungewollt regelnd in den Verkehr eingriff. Natürlich nur von weitem...

Natürlich hatten wir auch noch etwas anderes im Sinn: DDR ist doch gleichbedeutend mit Berlin, obwohl für DDR-ler nicht gleichbedeutend mit Westberlin. Wir hatten gehört, daß diese Vorschrift nicht für polnische Staatsbürger gelte. Wir wollten es gleich zum Anfang ausprobieren und hatten für Quartier bei einer Freundin von Lucie gesorgt. In den nächsten Tagen waren wir in Berlin und richteten uns gen Westen. Wir wussten nicht wo wir waren, denn Karten, oder Stadtpläne waren zu jener Zeit eher rar. Trotzdem sahen wir plötzlich ein Schild: "Achtung! Zonengrenze". Hoch gespannt näherten wir uns einem Häuschen und dem auf der Straße warteten Grenzpolizisten. Wir hatten mit Leni besprochen, daß sie die Konversation führte, ich aber den nur polnisch Sprechenden mime. So frug auch der Beamte streng: "Ausweise bitte". Er sah die polnischen Pässe, und sagte nur: "Ich muß sie warnen, sie verlassen das Territorium der DDR". Die Leni sagte ihm noch was von einem kleinen Ausflug - waren wir doch von dem ganzen Grenzgeschehen so ziemlich beeindruckt. Zu mir aber sagte sie polnisch, daß ich fahren sollte.
Und ich fuhr langsam auf den anderen, aber diesmal schon Westposten zu. Ich meinte, daß es zu einer weiteren Kontrolle kommt, aber ich irrte mich gewaltig. Der Mann nahm keine Notiz von uns, drehte sich sogar um, und so fuhren wir einfach weiter. Wir waren im Westen!
Zur Thea Kraik fanden wir schnell. Ebenso schnell hatten wir Lucie benachrichtigt, daß einem Treffen in Westberlin nichts mehr im Wege steht. So verabredeten wir uns für einen späteren Termin. Im Berliner Rathaus Schöneberg bekamen wir noch das sogenannte "Begrüßungsgeld", jeder 30 oder 50 DM. Ein Batzen Geld für uns. Ja, und den Empfang betätigte nur ich, als Ehemann. Leni fühlte sich sehr zurückgesetzt. Wir bummelten durch Berlin, staunten über Geschäfte und Automaten auf den Straßen. Es war eine andere Welt. Aber irgendwie auch wieder bekannt. Im "Kaufhaus des Westens" beobachtete ich einen Mann, der an einem Wühltisch einfach ein Paar Socken in seiner Tasche verschwinden ließ. Ich war so paff, daß ich garnicht reagieren konnte, bevor der Mann in der Menschenmenge verschwunden war,
Vor diesem Kaufhaus machten wir auch die ersten, blauäugigen Einkäufe. Der Verkäufer pries seine Ware (Damenstrumpfhosen) sehr gekonnt an. Sie waren sehr strapazierfähig, er fuhr mit einem metallenem Topfreiniger in sie hinein, zog sie über scharfe Kanten und vollzog noch ähnliche Martyriumsvorgänge an den Strumpfhosen. Sie blieben ganz, ohne Laufmaschen. Wir waren beeindruckt und kauften wohl zwei Paar. Nicht teuer, für 50 Pfennig oder eine DM. Ich frug ihn danach, ob die Demonstrationsobjekte wirklich die gleichen Strumpfhosen sind, welche wir gekauft haben. "Aber natürlich" antwortete er. Meiner ungläubigen Mine begegnete er mit dem Angebot einer sofortigen erneuten Demonstration, an den schon gekauften, unseren,Strumpfhosen. Ich lehnte das damals ab, aber unnötig. Denn vielleicht hätte ich seinen nächsten Kniff kennen gelernt? Weil es ganz gewöhnliche Strumpfhosen waren, welche dann schon zu Hause, nach ein- oder zweimaligem Tragen kaputt gingen.
Ja und dann waren wir noch im Auffanglager für alle Flüchtlinge welche in den Westen wollten. Leni wollte es auch. Dort angekommen, sahen wir die chaotischen Verhältnisse, viel zu viele Leute für die Kapazität des Lagers. Es war abschreckend und Leni folgte meinen Argumenten: Mutter in Polen, unser ganzes Haus, Diplom noch nicht abgeholt und der Ärger für Jorg, welcher uns die Einladung geschickt hat. Denn damals kam es sogar vor, daß man solche, jemanden einladende Leute, wegen Erleichterung der Flucht in den Westen, einsperrte. So verließ ich dieses Lager mit einer gewissen, moralischen Erleichterung. Ich mußte diese Strapazen und Ungewißheit nicht auf mich nehmen.
Wir blieben nur 2, 3 Tage in Berlin und machten unsere weiteren Touren durch die DDR. Die Tante Eva in Halle und der Onkel in Querfurt waren noch vor unserem erneuten Aufenthalt in Graupa zu besuchen. Von dort machten wir noch Ausflüge nach Pirna und in die sächsische Schweiz. Wir fuhren mit Gudrun und dem Bus, weil wir noch eine Elbschiffahrt planten. Dort sahen wir den Wasserfall, von dem böse Zungen behaupten, daß er nur in Betrieb geht, wenn er gerade von Touristen bewundert wird. Es war damals ein schöner Schiffsausflug gewesen, von dem ich eigentlich noch mehr erzählen könnte. Aber für uns wurde wieder Berlin aktuell.

Diesmal wollte ich mir den langen Weg durch Ostberlin ersparen und steuerte einen Übergang direkt von der DDR-Autobahn an. Doch es wurde ein Reinfall, fast Fiasko. Denn der Übergang war nur für Fußgänger, aus der DDR, reserviert. Meine Bitten und Vorstellungen prallten von diesen Beamten wie vom Beton ab. Wir nahmen den nächsten Weg über eine Neubaustrecke nach Ostberlin, die aber noch gar nicht fertig war. Streckenweise war sie noch Natur, an anderen Stellen nur Sand. Leni mußte stellenweise absteigen und schieben. Es war eine Katastrophe, und es wurde finster. Doch endlich kamen Bebauungen und das große Glück: eine offene Tankstelle. Denn die waren in der DDR selten. Ich fuhr dort ran, aber weiter wollte der Motor dann nimmer, ich hatte den Treibstoff samt Reserve aufgebraucht!
Zu unserem Glück bekamen wir noch Benzin und eine Beschreibung des Weges zur nächsten Übergangsstelle. Doch unterwegs hatten wir noch einen kleinen Ärger mit der Polizei. Ich fuhr, wie in Polen in der Stadt üblich, mit dem kleinen Parklicht. Da baute sich vor uns ein Polizist auf, der etwas Geld von uns wollte. Doch im weiteren Gespräch über Polen, von der Forderung zurücktrat. Der Grenzübergang war ein kleines Gebäude mitten in einer Mondlandschaft, kurz davor und weiter danach war alles total leer. Mich erinnerte das, jetzt, fast in der Nacht, an das Nachkriegsbreslau, lauter Schutt und Ruinen. Doch hier mußten wir erst mal anhalten. Wohin wir denn wollten, war die erste mißtrauische Frage. - Nun, natürlich in den Westen. Ja, dann Motor aus und absteigen. Wir wurden in ein kleines Zimmer verfrachtet, unsere Pässe nahm man irgendwo mit. Dann warten. Wir hörten dumpf, daß man unsere Daten buchstabierte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, bis ein Beamter mit den Päßen zurückkam und mit einem fragenden Blick auf Lenis Hände sagte, daß wir fahren können. Lenis Hände waren nämlich knallrot, die Farbe ihrer Lederhandschuhe hatte dem Regen an diesem Tage nicht standgehalten.
Wir fuhren erleichtert los, hundert Meter durchs Nichts, dann eine Brücke über einen Kanal und plötzlich eine belebte und beleuchtete Straße! Eine andere Welt, besonders nach den tristen, letzten paar hundert Metern der DDR. Ich wußte natürlich nicht wo ich war und blieb einfach stehen, um die Orientierung in dem doch etwas schon bekannten Westberlin wieder zu gewinnen. Aber da blieb hinter mir ein PKW stehen, der Fahrer kam heraus und fragte, ob er denn helfen könnte? Er hatte halt unser polnisches Kennzeichen und meinen suchenden Blick richtig gedeutet! Nun, ich brauchte den Kurfürstendamm, denn in der dortigen Umgebung kannte ich mich doch aus. Das war für den Mann ganz einfach, ich sollte hinter ihm herfahren, weil er in dieser Richtung unterwegs war. Auf sein Handzeichen bog ich ab und war auf dem Kurfürstendamm. Und etwas später konnten wir uns bei Thea entschuldigen, daß es so spät geworden ist.

Diesmal Westberlin mit Lucie! Denn am übernächsten Tag holten wir sie morgens vom Flughafen Tempelhof ab. Zu Fuß natürlich, denn es war nicht sehr weit. Unterwegs hatte ich noch einen Beweis, wie wenig der Westen damals prüde war. In der morgendlichen Sonne, an einer überdachten Bushaltestelle, schlief sitzend ein Pärchen, wohl nach einer anstrengenden Nacht. Nichts Aufregendes eigentlich, nur er hatte seine Hand ganz tief unter ihrem Rock.
Mit Lucie, die uns auch ein Geschenk von Tante Trudel mitbrachte, ging es dann durch Westberlin. Ich erinnere mich an eine Spazierfahrt mit dem VW und Theas Freund. Er wollte uns alles zeigen, aber mir wurde es auf dem Hintersitz mordsübel. Gut, daß wir öfters stehen blieben. Ach, dann war noch eine Visite im Cafe Kranzler, auf dem Kurfürstendamm. Pieknobel, auf den ersten Stock neben der breiten Treppe noch ein Aufzug. Ja, und wir wurden ausgeführt, denn wir versuchten unsere Geld (jetzt noch das Geschenk von Tante Trudel, 100 Westmark) zusammen zu halten. Letztendlich waren die im Osten viel wert.
Was haben wir neben dem familären Zusammensein noch unternommen - ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war Lucies Urlaub nach paar Tagen zu Ende. Sie flog wieder in den Westen. Wir mußten auch heim, nach Graupa. Doch wollte ich dieses mal nicht über einen Hinterhofübergang nach Ostberlin kommen, sondern suchte mir den standesgemäßen Übergang am Brandenburger Tor aus. Einmal durch das bekannte Tor fahren!   -   Es war auch ganz einfach, nur verwunderten mich die DDR-Beamten. Als sie unser Motorrad mit den polnischen Kennzeichen sahen, winkten sie uns einfach durch. Ich konnte nicht einmal richtig stehen bleiben. Erst in Graupa, wo wir unseres teures Westgeld gut anlegen wollten, erfuhr ich den Grund: Es war der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus!
In Graupa, besser Dresden, tauschten wir die Westmark (wohl 1 : 4) in Ostmark und kauften dafür ein schönes Akordeon. Jetzt hatten wir viel Gepäck, und alles sollte auf's Motorrad. Ich habe es dann gepackt  -  und es klappte. Auch die Fahrt mit dem so beladenen Motorrad und Leni als Packesel blieb problemlos. Bis zur Grenze, besser dem kleinen Häuschen, welches als Abfertigungsstation diente. Die Zollbeamten hatten, oh Verwunderung, keine Vorbehalte ob unseres Gepäcks  -  oder war es nur Mitleid? Doch uns erwartete ein größeres Übel. Wir hatten die Paßformalitäten nicht richtig erledigt, nämlich keine Abmeldung aus Graupa. Das sollten wir jetzt nachholen! Also zurück nach Graupa, dort zur Polizei, und wieder zur Grenze? Daß war an diesem Tage nicht zu schaffen.
Aber dann meinte der eine Beamte, wir könnten es ja auch in Bautzen versuchen, vielleicht gibt es da einen Weg? Und es ist nicht so weit. Die großen Gepäckstücke nahm man uns großzügig ab, zur Aufbewahrung in dieser kleinen Bude. Ja, dann verlief es in Bautzen noch positiv für uns - man rief in Graupa an, und erledigte die für uns nötigen Formalitäten. An der Grenze ging es dann schon reibungslos, wir bekamen unser Gepäck, und mit guten Wünschen begaben wir uns über die Neiße. Zum Glück ging es auf polnischer Seite auch ohne Beanstandungen, nur mit Verwunderung, ob dieser Last auf dem Motorrad. Aber das waren ja Güter für Polen! Mit paarstündiger Verspätung, also erst in der Nacht, waren wir wieder in Peiskretscham.

In den nächsten Jahren wurden schrittweise Erleichterungen bei Reisen in die "Bruderländer" eingeführt. Zuerst wurden die Einladungen abgeschafft. Deswegen waren wir jetzt öfters Gäste der DDR. Später, als wir einen Anlaufspunkt in Dresden bei Günter, und auch schon den Trabi hatten, sehr oft.
In Polen waren die Versorgungsmängel bekannt. Bestimmte Geschäfte gab es überhaupt nicht, dafür aber immer - ich meine die sechziger oder siebziger Jahre, welche ich kannte - fehlende Waren. Mal waren es Lebensmittel, mal andere Sachen. So hatten unsere DDR-Reisen immer ein Ziel.
Zum Beispiel, den großen Laden in Dresden, in dem Autoteile und Zubehör angeboten wurde. Natürlich die ersteren nur für den Trabant oder Wartburg. Dafür das Zubehör! Ich ging da jedes Mal artig mit dem obligatorischen Körbchen rein, und schwelgte in der Möglichkeit, jedes Teil in die Hand nehmen zu können. Nur leider nicht kaufen, das Bare setzte öfters Grenzen. Einer der ersten Einkäufe war eine an der Lehne zu befestigende Kopfstütze, weich und paßgenau, gerade für Lenis Kopf. Sie lobt diese Stütze noch heute.
Eben so eine Anziehungskraft hatten die Selbstbedienungsläden, mit hunderten von Kleinigkeiten, fürs Haus und den Alltag. Manchmal rätselte man über die Bestimmung einer Kleinigkeit. In diesen Läden konnte man auch Schrauben und Nägel kaufen. In Polen etwas Unmögliches. Selbstbedienungsläden in Polen waren eine Erfindung der 70-ger Jahre, und sehr rar. Einen Großteil meiner Heimwerkerbedürfnisse stillte ich da drüben. Und dann noch die Fleischerläden! In Polen leer, in der DDR hinter modernen Verkaufstheken, eine Auswahl von - zwar nicht immer den besten - aber einer Menge von Wurstsorten. Für uns waren die haltbaren interessant, mit Salami war ich lange Jahre abgefüttert.
Wegen meiner guten(?) DDR-Kenntnisse kam es sogar dazu, daß ich meiner Bekannten aus der Arbeit, als Führer und Fahrer ihres Trabi, in die DDR diente. Auf einer kleinen Rundreise machten wir die nötigen Einkäufe. Und Besichtigungen. Mit ihrem 13-jährigen Sohn als Anstandswauwau,
Auch drüben bekamen wir den Elektro-Kohlenherd für unser neue Küche. Ich schrieb über die komplizierte Art des Rüberbringens. Weitere Anschaffungen in der DDR waren unser qualitativ gutes, aber schweres Fernrohr, und die zwei Lautsprecherboxen. Die waren sehr teuer, und an der Grenze drohte uns ein Ausfuhrzoll in gleicher Höhe! Aber wir haben die Boxen einzeln über die Grenze gebracht, und Leni konnte den Zollbeamten so vollquatschen, von wegen alter Box und einem Geschenk des Cousins. Oder beim anderen Mal, als wir sogar einen Teil des Gepäcks in den Zollabfertigungsraum tragen mußten, trafen wir auf einen Beamten, der sich uns gegenüber sehr positiv verhielt, beeindruckten ihn doch die mitgeführten deutschen Schulbücher, für die Kinder. Es war ein älterer Mensch, welcher die polnisch-deutschen Verhältnisse, und dabei den Hintergrund unserer deutschen Sprachkenntnisse, richtig beurteilen konnte.
Andere Pluspunkte bei mir, sammelte die DDR mit ihren Kundendiensten. Da konnte man z.B. den Regenschirm neu bespannen lassen. Das dauerte zwar, aber war für uns erträglich. Ebenfalls mußte ich auf die Generalüberholung meines zweiten Trabis warten. Aber ich meldete den Wagen an, und nach paar Wochen brachte ich ihn. Mit dem Zug fuhr ich nach Haus - nach Polen - um den Wagen eine Woche später wieder abholen zu können. Komplett mit neuen Teilen, welche in Polen nicht erreichbar waren. Überhaupt die Werkstätten hier und da! In Polen verschwanden während einer Reparatur vergessene Kleinigkeiten aus den Seitentaschen, in der DDR hinterließ ich, ohne Gewissensbisse, den bepackten Wagen in der Werkstatt, als einmal etwas kaputt ging.
So wurden die Fahrten nach Dresden zu unserem beliebten Ritual. Wahrscheinlich nicht immer für unseren Gastgeber, den Günter und seine Frau. Noch heute habe ich ein schlechtes Gewissen wegen der ihnen bereiteten Unannehmlichkeiten. Einmal im Sommer brachten wir ihnen Läuse, welche wir unwissend, mit den aus dem Ferienlager abgeholten Kindern, angeschleppt hatten. Ein anders Mal machten wir ihnen das Waschbecken kaputt, es war geplatzt und mußte ausgetauscht werden. Dann überhaupt die "Gastfreundschaft"   -   gut daß wir uns manchmal revanchieren konnten...

Wie gestalteten wir uns überhaupt die Ferien? Die freie Zeit. Nun, wir verlebten sie einfach in Polen, denn es waren ihrer nicht zu viele. Für lange Zeit blieben uns nämlich Fahrten gen Westen, (Ausnahme DDR), verwehrt. So wollen wir mal die Polenurlaube, das, was wirklich Urlaub war, Revue passieren lassen.
Denn in der Zeit als wir nur Räder, später das Motorrad hatten, gab es fast keinen Urlaub. Nun, Leni erledigte sich das eine oder andere Mal so etwas wie Sanatorium oder FWP. Ich arbeitete oder studierte. Einmal, als ich zum Praktikum in Waldenburg war, kam sie uns auch besuchen. Aber öfters, im Laufe des Jahres oder zu Wochenenden, waren wir beide mit den Rädern unterwegs. Unser beliebtes Ziel war Sandwiesen, wo man frei von allen Zwängen, baden konnte. Wenn die Witterung unfreundlich war, konnte man sich noch den Wald oder einfach die grenzenlosen Felder aussuchen. In jedem Fall waren wir viel draußen, immer "auf Achse".
Das sollte sich ändern, als die Kinder kamen. Da war Roland gerade mal zwei Jahre und vier Monate als mich Leni mit ihm in einen Ferienort (wieder FWP) am Meer schickte. Sie blieb mit der ein Monat alten Monika zu Hause. Es war etwas langweilig, weil zu dieser Vorferienzeit, fast nur Mütter mit kleinen Kindern dort waren. Aber ich habe es ziemlich gut überstanden, weil Roland schon lange stubenrein war. Deswegen gab es für mich, wohl im August, einen zweiten Urlaub - diesmal unter dem Zelt, an einem riesengroßen, aber menschenleeren See. Es war der See Chłop in der Nähe von Meseritz (Miedzyrzecz). Dort waren wir, ich, das zweieinhalb Jahre alte Kind und ein befreundetes Ehepaar mit einem etwas älteren Burschen. Wir verbrachten dort erholsame Tage, ...und deswegen sollte dann dieser See für lange Zeit unser Urlaubsziel Nr.1 bleiben.
In den späteren Jahren waren wir noch dort mit Harald, dann mit Leni und Monika. Dabei alles, die ganze Ausrüstung, mit dem Trabi transportiert. Ich möchte das mal aufzählen:
Zwei Erwachsene, zwei Kinder, zwei Zelte, vier Luftmatratzen, ein schweres Faltboot mit Mast und zwei Segeln und Paddeln, Decken und Ersatzkleidung für alle, Tisch und zwei Stühle, zwei Hocker, Küchenutensilien, Lebensmittel und unsere Dohle im Pappkarton.
Es war imposant die ganzen Gepäckstücke vor dem Verladen zu sehen. Aber dann lebten wir dort, zwei oder drei Wochen, hatten jeden Tag Fische zur Wahl, und geräucherte Aale nach Hause. Denn mein Kompagnon war Angler und Taucher. Ja und die Dohle? Wir konnten sie nicht zu Hause lassen, sie lebte in Freiheit aber mit uns. Am See war sie den ganzen Tag draußen, auch bei unseren Wanderungen. Wenn es ihr zu langweilig wurde, flog sie einfach auf unseren Zeltplatz zurück. Sogar weite Strecken. Nur für die Nacht sperrten wir sie in den Karton, weil sie ein Frühaufsteher war, und uns auf dem Zelt erwartete, dabei aber keine Rücksicht auf Kleckse nahm, vor allem auf dem Nachbarzelt.

Wir erlebten beim zelten verschiedenes. Man konnte Pilze sammeln, manchmal direkt hinter dem Zelt. Man konnte in der Nacht mit dem Schlauchboot (des Anglers) hinausfahren, sich einfach treiben lassen und die Sterne bewundern. Es waren ihrer viel, viel mehrere als im schmutzigen und beleuchteten Oberschlesien. Manchmal sah man die Satelliten vorbei wandern. In manchen Nächten fuhr man mit beiden Booten hinaus, das Schlauchboot im Schlepptau. Dann war Fischen angesagt, und ich assistierte dem Fischer, für seine Sicherheit.    -    Einmal hat uns ein ordentliches Gewitter, mit Sturm erwischt - ein seltenes dort Ereignis, ein Tornado zog unweit von uns vorbei. Es gab etliches Wirrwarr, Küchenutensilien und Tische mußten wir später zusammensuchen. Gut, daß wir alles Wasserempfindliche vorher im Trabi verstauen konnten, denn die Zelte lagen flach. Aber die Nachmittagssonne brachte dann wieder etwas Ordnung in unsere nasse Ausrüstung.
Jeder Zelturlaub war für uns auch eine Versorgungsabwechslung in dem sonst so tristen Essensallltag. Nicht genug, daß wir dort täglich frischen Fisch hatten, so konnte ich zum Abschluß des Aufenthalts gewöhnlich noch ein größeres Exemplar nach Hause mitnehmen. Und natürlich etwas Geräuchertes. Denn zur Grundausstattung unseres Ferienaufenthalts dort, gehörte eine selbst gebaute Räucherkammer.

In den Anfangsjahren war es vor allem die Arbeit, welche meine Ferien ausfüllte. Denn Ferien bedeutete immer Arbeit, während der Schulzeit und während des Studiums. Ein kleines Fenster ließ man sich aber offen. So unsere gemeinsame schon Hochzeitsreise , meine Ausflüge mit dem Rad, auch Lenis Ausflüge oder Sanatorien.
Dann Motorradausflüge in Polen. Als Leni 1962 oder 1963 im Krankenhaus lag und mich nicht brauchte, veranstalten wir mit Harald und seinem Junak, eine Zeltrundreise durch Polen. Wir haben viel gesehen und erlebt. Paar Tage wohnten wir im Lärchenwald, in den Dünen direkt an der Küste. Ich konnte die Terraintauglichkeit des schweren Motorrads testen, es lief fast von allein durch die Sandberge. Die erste Nacht dort froren wir erbärmlich, weil nach dem heißen Tag eine sehr kalte Nacht folgte. Darum zogen wir uns für die nächste Nacht richtig warm an. (Wir hatten keine Schlafsäcke). Aber diese Nacht blieb so lau, daß wir ein Kleidungsstück nach dem anderen ablegten, um nicht zu schwitzen und schlafen zu können.
Während unserer Fahrt trafen wir auf eine Windmühle - in Betrieb! Der Müller war so freundlich und zeigte sie uns - von unten bis oben. Für ihn war es eine angenehme Unterbrechung seines eintönigen Daseins, da draußen im Feld. Für uns Anschauungsunterricht: eine altertümliche, aber funktionierende Maschine aus Holz und Stein. Und wie die sich, im Zeitalter des Stromes, noch behaupten konnte.   -   Ich hatte noch zwei unangenehme Überraschungen auf dieser Fahrt. Als ich mit 70 km/h unterwegs war, fiel mir eine Biene hinter den Kragen. Ich dachte an irgendein anderes Insekt, drückte zu und hatte einen Stachel im Hals. Gut, daß ihn Harald entfernen konnte.  -   Oder die Sache mit dem Wasser. Am Ende unserer Fahrt wurde es mit der Zeit eng. Zusätzlich hatte uns ein Gewitter aufgehalten. So fuhren wir in der Nacht, schon wieder auf trockener Straße, als ich plötzlich unter einer Brücke Wasser stehen sah. Ich bremste nur halbherzig, weil ich annahm, daß es sich um ein paar Zentimeter handelt. Doch ich irrte mich, es war so tief, daß die Fontäne über meinen Kopf reichte. Gut, daß ich das Gleichgewicht halten konnte. Harald, der hinter mir fuhr, sah das Übel und fuhr recht langsam durch den See, ich aber war naß! Gesicht und Oberteil war schnell erledigt, ich hatte meine enganliegende Lederjacke an. Aber unten... Es fügte sich gut, daß ich noch trockene Kleidung im Rucksack hatte, und so konnte ich nach einem Streptease weiter fahren. Wir kamen glücklich zu Hause an und auch Leni am nächsten Tag aus dem Krankenhaus.

Unsere letzte Urlaubsreise machten wir 1978 nach Ungarn. Auch mit dem Zelt, aber das Packen wurde schwieriger. Zwar hatten wir schon den Polski Fiat, dafür aber zwei, fast große Kinder. Um dem Warten am Grenzübergang zu entgehen, suchte ich mir einen kleinen, in die Tschechoslowakei führenden, aus. Aber da hatte ich die Rechnung ohne dem Wirt, sprich Zollbeamten gemacht. Obwohl nur zwei Fahrzeuge vor uns waren, dauerte die Abfertigung zwei Stunden. Dort wurde eine Frau tätig, und die machte uns Ärger. Der Leni zerlegte sie den Taschenspiegel, aber bei mir wurde sie fündig. Hatte ich doch vergessen, eine kleine Summe DDR-Mark, von meiner letzten Dienstreise, zu Hause zu lassen. Es gab eine lange Diskussion, aber dann war sie gnädig: ich konnte in die CSSR einreisen. Die Durchfahrt ging zügig, ehe ich mich versah, waren wir an der ungarischen Grenze. Dort gab es nur eine kleine Paßkontrolle und wir waren in Ungarn. Dann, am späten Nachmittag in Budapest.

Der Campingplatz in einem Vorort von Budapest, den ich angepeilt hatte, war überbelegt, und nahm keine Fahrzeuge mehr an. Was jetzt? Es wurde Abend und in der Stadt konnten wir doch nicht zelten. Aber noch waren wir in einer Kleingartenkolonie, und sahen dort eine Rasenfläche, in einem kleinen Garten, denn das Haus stand im Hintergrund. Leni erbot sich, dort mal nachzufragen. Und man glaubt es nicht, wir durften dort zelten! Wie sie sich verständigt hat, weiß ich nicht. Die Leute sprachen ungarisch, dann kam ein Nachbarin, die etwas deutsch konnte. Wir saßen abends noch lange in ihrer winzigen Behausung, um uns gegenseitig kennen zu lernen. Den Kindern haben wir die Schlafplätze im Auto bereitet, (das gab es damals noch), wir schliefen im Zelt. Früh wurden wir mit einer Tasse frisch zubereitetem Kaffee geweckt.
Es waren sehr gastfreundliche Leute, und sie hatten es nicht schwer uns zu überreden, ein paar Tage zu bleiben. Zum Wochenende sollte ihr Mann kommen, der in Deutschland arbeitete. Es paßte gut in unsere Pläne, denn wir hatten plötzlich eine Bleibe, wo wir das Zelt und andere Sachen lassen konnten. Während wir halt das abspulten, was wir uns vorgenommen hatten.
Zu erst war die große Badeanstalt, mit einer großen Liegewiese. Wir spielten dort auch Boccia. Als einer der schweren Bälle zu weit flog, wollte ihn ein junger Mann mit dem nackten Fuß zurück treten. Ehe wir ihm etwas zurufen konnten, war es passiert. Mit schmerzverzogenem Gesicht, humpelte er auf seine Decke.   -  Wir waren auch die Schloßanlage auf den Hügeln von Buda besuchen und schaute auf die Stadt herab.  -  Müßig zu sagen, daß wir die teuren Restaurants der Gegend mieden. Denn trotz unseres Zeltes, war diese Reise eine teure Angelegenheit

Da waren Besuche. Während meiner Dienstreisen hatte ich ein junges Paar kennen gelernt. Wir schrieben uns. So besuchten wir sie in ihrer Wohnung, die sie mit der Familie teilten. Es waren nette Stunden. Oder auch der Besuch bei "meiner" Wirtin, einer älteren, deutsch sprechenden Dame. Ich kannte sie von meinen Dienstreisen. Sie verfügte über eine große Wohnung mit Bad, welches sie uns zur Verfügung stellte. Das hatten wir schon nach den paar Tagen in Budapest nötig.
Wir machten auch einen Ausflug in die Puszta, vorher stärkten wir uns in einer der dortigen Kneipen. Dann fuhren wir kilometerweit in dieses Steppengebiet hinein, sahen Pferde- und Schafherden, irgendwo Hirten und die typischen Brunnen mit der langen Stange. Aber hatten auch ein humoristisches Erlebnis. Wir fuhren durch die trockene Gegend auf keiner Straße, sondern auf solchen ausgefahrenen Fährten. Da war plötzlich vor uns eine ganz flache Kuhle, welche ein morastigen Untergrund zeigte. Ich blieb stehen, um mir das genauer anzusehen, denn durch diese Kuhle gab es mehrere ausgefahrene Gleise. Da kam hinter uns ein flotter Wagen angefahren, aus Deutschland, wie es sich später zeigte, umfuhr unseren Wagen und blieb 30 Meter weiter stecken. Er hatte eine falsche Route gewählt! Wir schauten zu, als aus dem Wagen wohl Mutter und Tochter ausstiegen, um ihn durch anschieben wieder flott zu kriegen. Sie legten sich mächtig ins Zeug und schafften es mit dem nun leichteren Wagen wirklich. Nur der Fahrer hatte zu viel Gas gegeben, die Hinterräder drehten durch und bedeckten die stehengebliebenen Frauen mit einer Fontäne aus schwarzem, nassem Dreck. - Wir bekamen das Ende der Geschichte nicht mehr mit, denn ich hatte den richtigen Weg erblickt und fuhr mit meinen drei Passagieren weiter in die Puszta.
Nach erlebnisreichen Stunden ging es wieder heim, zu unserem Zelt im Garten. Vor mir die kilometerweite, platte Puszta, und die durch andere Wagen ausgefahrene Fährte. Wir waren allein, nur hinter uns erhob sich eine Staubfahne der schon, wie gesagt,, trockenen Puszta. Da gib mal Gas, sagte ich mir und tat es. Die Staubfahne wurde imponierend riesig, als ich mit 60 der 80 Sachen die Strecke meisterte. Aber nur kurz, dann fuhr ich wieder normal. Denn den Wagen bedeckte hinten eine Staubschicht von wenigsten 2 Millimetern...
Dann kam das Wochenende, und mit ihm der Mann unser Gastgeberin. Es war auch ein netter Mensch und wir verabredeten uns für eine Rundfahrt durch Ungarn. Er mit seinem, ich mit unserem Wagen. Er kannte natürlich seine Heimat besser, und so sahen wir einiges. Wir waren sogar an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei in Visegrad. Von der Burg blickten wir auf die Donau.
Wir kamen noch in eine kleinere Stadt, mit Schwimmbecken und Heilquellen. Leider waren auch hier alle Campinghäuschen belegt. Wir, einige andere Leute auch, stellten das Zelt hinter der Anstalt, auf dem "Niemandsland". Und dort war ein Loch im Zaun, unser Eingang in die Badeanstalt. Für mich war es in den Thermalbecken zu eng - ich war niemals drin. Wir lernten dort ein Lehrerehepaar aus der DDR kennen, welche besser ausgerüstet war. Von ihnen bekamen wir unseren Kaffee, und führten tiefgründige Diskussionen, schon am Rande der Legalität, über den Sozialismus. Wir blieben dort zwei oder drei Tage.
Dann mußten wir unseren Urlaub vorzeitig abbrechen, denn Monika fühlte sich unwohl. Deswegen nahmen wir, nach einem Nachtlager in irgend einem Dorf, Kurs in Richtung Heimat. Es wurde eine Querfahrt durch unbekanntes Land und bergige Waldwege. Und dauerte wohl länger, als wenn ich weiter, aber auf normalen Straßen gefahren wäre. Dann ging es schnell durch die CSSR, wo wir schon in der Nacht die Grenze nach Polen, über die Olsa in Teschen überquerten.

Zum Untertitel   



Kartoffeln und Rüben

Aktion! - Wer kannte dieses Wort nicht? - Eine Aktion, oder auch einen freiwilligen Arbeitseinsatz? Vom Anfang meiner beruflichen Tätigkeiten im Jahre 1948, über die Zeiten der schulischen Ausbildung, des Studiums und auch weiterhin begleitete mich dieses Wort ganz selbstverständlich. Fast schien es so, daß es einfach ins Repertoire eines funktionierenden Staatapparates gehört, daß es ein unabdingbarer Teil der gesellschaftlichen Ordnung ist.
Obwohl diese letzten Überlegungen, mit dem Wachstum der kritischen Beobachtungsgabe meiner Umgebung, langsam an Wert verloren, nein, mir sogar irrational erschienen...

Deswegen möchte ich über so eine Aktion erzählen, oder manchen nur ins Gedächtnis rufen? - Mehr noch, ich zeige auch paar Bilder, welche diese Geschichte womöglich besser darstellen, als es meine Worte vermögen. Und dabei auch meinen besten Freund, zugegebener Weise, den Helden dieser Erzählung.


Es war im Spätherbst 1956. Die Hochschule legte eine Pause ein, denn die staatlichen, landwirtschaftlichen Betriebe (PGR - Państwowe Gospodarstwa Rolne) hatten Schwierigkeiten mit der Einfuhr der Ernte. Es wurde agiert und geworben, auch mit einem Verdienst. Für mich, für viele meiner Kommilitonen ein schlagendes Argument. Arbeitskleidung, hier alte Uniformen, stellte die Fakultät für militärische Ausbildung. Nun, wir Einheimischen, hatten teilweise auch eine Zivilkleidung parat und so waren wir, bei manchen Gelegenheiten, eine ziemlich "bunte" Gesellschaft.

Und kurz danach fanden wir uns auf dem Gleiwitzer Bahnhof wieder, wurden in die altertümlichen Waggons mit den vielen Türen verfrachtet, und fuhren in die anbrechende Nacht hinaus. Wohl niemand wußte genau wohin - es gab nur eine allgemeine Richtung: Niederschlesien. Letztendlich hatte das ja auch keine Bedeutung.
Es war fast noch dunkel, als es an irgend einer kleinen Station für einen großen Teil unserer Expedition hieß: aussteigen! Wir wurden in weitere Gruppen, je 15 - 30 Mann, aufgeteilt und dann ging es schon auf Lkws weiter. Zehn oder zwanzig Kilometer, dann waren wir an unserem Bestimmungsort: PGR Grabno!

Es war ein typischer, landwirtschaftlicher, niederschlesischer Herrensitz. Der rechteckige Innenhof war von Gebäuden umgeben, wobei die kürzere Seite das "Schloß" bildete, die Wohnung des ehemaligen Eigentümers. Zu jener Zeit kaum genutzt, dafür aber sehr heruntergekommen und vernachlässigt. Eine breite, geschwungene Treppe führte in die Eingangshalle. Kunstvoll verglaste Innen- und Außentüren, verkleidete Wände und Parkettfußböden zeugten von seiner ehemaligen Herrlichkeit. Denn zu unseren Zeiten war ein Großteil des Glases durch Sperrholz oder Bretter ersetzt, die Fußböden und Wände in einem erbärmlichen Zustand. - Nur, was war das schon für unsere arbeitswillige Truppe?
Wir wurden in einem Saal, mit entsprechend vielen eisernen Pritschen, und einem Kachelofen einquartiert. Die grundlegenden Wohnbedingungen waren also gegeben, umso mehr, als wir auch einen dienstbaren Geist hatten, welcher sich um uns kümmerte. Es war ein älteres Mütterchen, hier von uns "Babulenka" genannt, welches den Kachelofen versorgte, wohl auch unseren Saal säuberte, das Verbindungselement zu der unsichtbaren Betriebsleitung darstellte ...und unsere leiblichen Bedürfnisse, als Köchin, stillen sollte. Obwohl ich ihr diesen letzteren Titel nur mit viel Selbstverleugnung bescheinigen könnte.
Ich erinnere mich an ihren, (wohl ersten im Leben?), Pudding, mit dem sie uns den Aufenthalt versüßen wollte: Bevor sie den, natürlich schon erkalteten, Pudding auf den Tisch brachte, hatte sie in vorher schön verrührt - die härtere Oberschicht mit dem weichen Inneren...
Und außerdem war das Mütterchen unser Wecker, und auch unsere medizinische Anlaufstelle, was wir erst später erfuhren.

Wir kamen in diesen landwirtschaftlichen Betrieb zur Arbeit, in der Masse eher unqualifiziert. Deswegen hatte die Leitung wohl einiges Kopfzerbrechen mit dieser Überdosis an Arbeitswilligen. Kurzerhand wurden einige der einheimischen Arbeiter zu Gruppenleitern umfunktioniert, welche jeweils einer Gruppe die Arbeit zuweisen und kontrollieren sollte. Wir nannten sie verniedlicht "unsere Sklaventreiber". Denn es war kein leichtes Brot für sie, eine Bande von übermütigen, oder zu Scherzen bereiten Studenten zu bändigen.
So war die erste (und hauptsächliche) Arbeit die Kartoffelernte . Dafür mußten sich jeweils zwei zusammentun, um mit einem, aus Weidegeflecht bestehenden, zweihenkeligen Korb eine Arbeitseinheit zu bilden. In meinem Fall war es Tadek (Tadeusz / Thaddäus), mein bester Freund.
Unsere Arbeit bestand im Zusammenklauben der Kartoffeln, welche etwas früher, von einer durch einen Trecker gezogenen Maschine, aus der Erde geholt, und auf einem ungefähr zwei Meter breitem Streifen verstreut worden waren. Wenn dann der Korb voll war, trugen wir ihn zu einem, am Rand des Feldes abgestellten Fuhrwerk und bekamen von unserem Aufseher ein kleines, grünes Zettelchen. Und für zehn grüne bekam man ein rotes - eine Methode zur Erfassung der geleisteten Arbeit.
Eine einfache Methode, welche aber ihre Tücken hatte. Wenn nämlich einer gerade seine Grünen eintauschen wollte, während mehrere andere ihre Körbe leerten und die Hände nach einem Grünen ausstreckten - dann kam der Mann ins Schwitzen, weil er nicht gleichzeitig zählen, herausgeben und den Inhalt der Körbe kontrollieren konnte.
Ganz schlimm kam es für ihn einige Male, als ein plötzlicher Windstoß zwischen seine Zettelchen fuhr und sie über das Feld trieb. Die Studenten halfen ihm natürlich fleißig beim einsammeln - nur dürfte der Buchhalter später einige Schwierigkeiten bei der Bilanzierung der eingefahrenen Kartoffeln und der gesammelten Körbe gehabt haben...

So verliefen uns die Tage. Morgens war es des öfteren schon bitter kalt, und entsprechend taten wir uns beim Aufstehen schwer, ebenso, wie dem etwas späteren Marsch aufs Feld. Doch man gewöhnte sich auch daran, denn unserer Unternehmungsgeist war weiterhin ungebrochen. So erkundeten wir in den wenigen freien Stunden auch die nähere, abwechslungsreiche Umgebung. Wir trafen auf schöne Waldstücke, und hier auf ...Pilze! Nicht irgendwelche, sondern Steinpilze! Diese Entdeckung veranlaßte uns, über eine organisierte Pilzsuche nachzudenken. Nicht am Vorabend, 15 Minuten vor der Finsternis jedenfalls. Die einzige Möglichkeit war also der Morgen, vor der Arbeit auf dem Feld. Das bedeutete ein noch früheres Aufstehen - und deswegen konnte ich nur den Kazik für dieses Unternehmen begeistern. Früher aufstehen, bedeutete geweckt zu werden, und wer konnte uns also wecken? Natürlich nur unser Mütterchen, welches doch für das Frühstückszubereiten eher auf den Beinen war. Sie war dazu bereit, und so sollten wir am nächsten Morgen, schon um sechs Uhr, geweckt werden, um mit der Morgendämmerung gegen sieben schon im Wald sein zu können. Hier muß noch gesagt werden, daß niemand unter uns eine Uhr hatte, wir also sowieso auf andere, hier unser Mütterchen, welches die Uhr zu Hause hatte, angewiesen blieben.

Tapfer fanden wir uns also kurz nach sechs in der Küche ein, aßen unser Marmeladenbrot und tranken etwas Heißes dazu, um dann in den finsteren Wald zu marschieren. Jeder von uns hatte noch unter der Kleidung eine großflächige "Trybuna Ludu", die Staatszeitung, stecken, denn sie sollte als Transportbehälter für die erwartete Pilzernte dienen. Nach fünfzehn oder zwanzig Minuten waren wir dann auch dort, wo wir die Pilze gesehen hatten - nur konnten wir nichts anfangen, denn es war weiterhin stockfinster. Wir hockten also stillschweigend zwischen den Sträuchern nebeneinander - es war kalt und eher ungemütlich - um die letzten Minuten der Nacht abzuwarten. In diesem dunklen Wald, welcher verschiedenen Gedanken Platz bot, Erinnerungen an alte Erzählungen, oder auch ganz reelle Ängste wecken konnte. Und die Zeit verlief, wohl 15, dann 30 Minuten - und es war immer noch finster.

Doch dann geschah etwas. In das monotone, flüsternde Rauschen des Waldes, mischten sich andere Geräusche. Erst einzelne, undefinierbare - welche dann in regelmäßiges Stapfen übergingen: Schritte. Und dann sahen wir auf dem schon helleren Hintergrund des Himmels eine dunkle Gestalt, wohl mit einem geschulterten Gewehr. Uns wurde es etwas mulmig, und wie auf Verabredung verhielten wir uns - wenn es denn überhaupt ginge - noch unsichtbarer und schweigsamer. Dafür beobachteten wir die Gestalt, welche in einer Entfernung von ungefähr 15 Metern an uns vorbeizog. Und erst nach längerer Zeit, als die Schritte schon längst verklungen waren, kam uns der Mut zurück, wir wagten einen flüsternden Gedankenaustausch: Ein Förster? Ein Wilderer? Oder gar ein gewöhnlicher Bandit?

Jetzt wurde es auch heller und schon nach wenigen Minuten konnten wir unser Werk beginnen. Es verlief wie geplant. Der Wald wollte uns die ausgestandenen Entbehrungen und Unannehmlichkeiten vergüten: Binnen kürzester Zeit hatten wir unsere Zeitungen mit wunderschönen Exemplaren der Steinpilze gefüllt, und konnten uns auf den Heimweg, nein, direkt auf das Feld zur Arbeit machen. Die Kollegen waren über die reichliche Ausbeute des Ausfluges überrascht, und zollten uns die entsprechende Achtung.
Während der Mittagspause hatten wir natürlich "etwas" Arbeit: Die Pilze wollten gesäubert, geschnitten und zum Trocknen aufgehangen werden. Zum Glück bot uns die große Küche und der Herd den entsprechenden Platz.
Und jetzt, bei der Arbeit in der Küche, konnten wir auch das Rätsel der langen Finsternis lösen: Unser Mütterchen hatte sich auf ihrer Uhr verschaut, und ihr Tageswerk ungewollt eine Stunde zu früh begonnen. Und wir mit ihr...

Dann ein schöner, warmer und sonniger Morgen. Wir stehen oder sitzen auf einem, an den Wald grenzenden Feld und warten auf den Trecker. Dieser, oder auch die Maschine, hatte einen Fehler, welcher erst behoben werden sollte. Die Atmosphäre der Faulenzerei war wohl an der aufgekommenen Meinungsverschiedenheit und der sich daraus entwickelnden verrückten Idee schuld: Welcher der beiden vor unseren Augen stehenden Bäume besser zu ersteigen wäre? Es ging um eine Birke und eine Kiefer, beide jeweils fünf bis sechs Meter hoch.
Mein Freund, gleichzeitig Partner unserer Arbeitsgemeinschaft, war überzeugt, daß die Kiefer leichter zu besteigen sei. Dafür behauptete Wlodek gerade das Gegenteil, so wie übrigens auch der Rest der Gruppe. Zwangsläufig kam da die Überzeugung auf, daß nur ein Experiment eindeutig zur Lösung dieser Frage beitragen könnte. Und austragen sollten es natürlich die beiden Antagonisten.
Mein allerbester Freund übernahm also die schwierigere Aufgabe: er stellte sich neben die Kiefer, während Wlodek bei der Birke Stellung bezog. Dann kam auch schon der Startbefehl aus der Gruppe: eins, zwei, drei - und die Beiden sprangen auf die Bäume. Mein Freund, körperlich sehr leistungsstark, umfing den Stamm und schwang sich wie ein Eichhörnchen blitzschnell von Ast zu Ast und war wirklich als erster ganz oben. Sich mit der rechten Hand in der Baumkrone festhaltend, lehnte er sich etwas nach außen, um die andere Hand für die Siegesgebärde und die Brust für den Triumphruf frei zu haben. Aber das war sein Fehler. Der Ruf verstummte in dem Moment, in welchem das, da oben schon dünne, Stämmchen direkt unter seiner Hand wegbrach und er, jetzt schon ohne richtigem Kontakt zum Baum, in Richtung Erde schwebte. Die Arme ausgebreitet und die Baumspitze weiterhin haltend - ein Anblick, welcher lebhaft an bekannte Skulpturen mit wehender Flagge erinnerte. Aber das dauerte nur einen Moment, denn dann schlug er dumpf auf dem Acker auf. Wir erstarrten nur kurz, dann standen wir schon etwas hilflos neben dem, um Atem ringenden, Sieger. Aus dem Augenwinkel sah ich noch Wlodek, welcher sich deutlich schneller als beim Aufstieg, die Birke herabhangelte.
Zum Glück kam das Unfallopfer schnell zu sich, er konnte atmen und sich aufsetzen. Doch der linke Arm war nicht in Ordnung, das Handgelenk oder der Unterarm hatten beim Sturz gelitten. Etwas sollte also geschehen. Wir kamen zum Entschluß, er muß zurück in den Betrieb, vielleicht gibt es dort etwas Arztähnliches? Obwohl ich ihn begleiten wollte, widersprach er dem energisch, weil er es auch allein kann. Ich fand mich mit seinem Entschluß ab, denn in diesem Moment rollte der Trecker auf den Acker, die Arbeit begann. Und ich mußte für uns beide schuften.
Aber schon nach einer guten Stunde kam unser Invalide zurück. Den Arm verbunden und in einer Schlinge. Unser universelles Koch-arzt-putz-mütterchen, die "Babulenka" hatte ihm einen Umschlag mit diesem Verband verpaßt und erklärt, daß nichts gebrochen ist. Er bekam jetzt auch ein Erinnerungsphoto mit seiner Trophäe.
Wir waren jetzt eine Dreihand-Arbeitsgemeinschaft, haben uns jedoch auch in dieser Situation gut geschlagen.

Bis zu jenem Tag, an dem die Kartoffeln alle waren, und wir zu den Rüben abkommandiert wurden. Eine Rübe hat, wie jeder weiß, einen oberirdischen Teil woran die eigentliche Rübe schon in der Erde steckt. Wir waren dazu berufen, sie da herauszuziehen und dann diese beiden Teile zu trennen. Dafür wurden wir mit Sicheln ausgerüstet, genau den gleichen, welche man aus dem Emblem des sowjetischen Staates kannte.
Die Rüben saßen gewöhnlich so fest in der Erde, daß man zwei Hände brauchte, um sie herauszukriegen. Das waren also meine, die dann gefragt waren. Ebenso beim "Köpfen", also Trennen der Rübe vom Grünzeug. Mein Mitstreiter kam sich da ziemlich unnütz vor, weil er nur die nebensächlichen Arbeiten leisten konnte.
So war es nicht verwunderlich, daß er meine Trennarbeit kritisch betrachtete um sie letztendlich als unproduktiv abzutun. "Ich werde dir zeigen, wie man das richtig macht", sagte er, und nahm mir die Sichel aus der Hand. Er trug zwar seinen linken Arm noch in der Schlinge, konnte aber mit der Hand schon greifen. So nahm er die Rübe in eben diese Hand, stellte sich mit ihr neben den Haufen schon enthaupteter Rüben und zeigte mir, wie die Rübe an dem Grünen zu halten sei. Dabei spreizte er unbewußt den kleinen Finger von der haltenden Hand - fast so wie es feine Fräuleins beim Teetrinken aus einer kleinen Porzellantasse tun - dann holte er mit der Rechten aus, und "tschiach" war zwar die Rübe fachmännisch vom Grünzeug getrennt - aber auch die Fingerkuppe des kleinen Fingers, zusammen mit einem Stück des Nagels, hatte das gleiche Los erlitten!
Wir konnten ihm jetzt nur den Finger provisorisch verbinden um den Blutverlust zu minimieren und dann begab er sich, wieder aus freien Stücken, zu unserem vielseitigen Mütterchen. Dieses behandelte ihn mit einer Jodtinktur, legte ihm einen festen Verband an - und damit kam er zu uns zurück. Wir waren jetzt eine endgültig dreiarmige Brigade.

Gut, daß die Zeit unseres Aufenthalts in Grabno sich dem Ende zuneigte. Trotz allem hat uns der Aufenthalt in den spartanischen Verhältnissen mit der monotonen Arbeit schon zugesetzt, denn er kam dem erträumten Leben eines Studenten kaum nahe.
Daran änderten die kurzweiligen, neuen oder Erkenntnisse bringenden Momente unseres Aufenthaltes wenig. Wir diskutierten zwar oft über all das Neue, ob Maschine oder Natur, aber das war schnell abgehakt. Machten auch Dummheiten oder versuchten es mit der Technik. Oder versuchten uns, den dortigen Gegebenheiten entsprechend, mit der Kommunikation vertraut zu machen. Der Verwalter(?) hatte einen mobilen Untersatz mit einer PS..
Etwas Unterhaltung boten uns auch die mit uns gekommenen koreanischen Kommilitonen, ein seltneres Ereignis im damaligen Polen - und für die Dorfbewohner schon Exotik pur.
Summa summarum blieb die dort verbrachte Zeit, vor allem die freie Zeit als ein ziemlich farbloses Bild in meinem Gedächtnis. An den langen Abenden einige Spaziergänge, aber keine Kontakte zu den Dorfbewohnern. Und das war es schon.

Am letzten Tag unseres dortigen Aufenthaltes bekamen wir unseren (ziemlich moderaten) Verdienst, etwas Proviant auf den Weg und dann warteten wir auf den LKW, welcher uns zum Bahnhof brachte. Einige gute Stunden später waren wir in Gleiwitz - ich zu Hause, meine Kommilitonen in der Studentenunterkunft.

Ja, und bei den später anstehenden Kolloquien und Prüfungen hatten wir, bei Bedarf, eine gute Ausrede: Kartoffelernte!

Erinnerungen an das Jahr 1956,
niedergeschrieben im Jahr 2004

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Einmal rund um Polen

Anstatt eines Prologs   -    Wir sind in den fünfziger Jahren - den Krieg haben wir zwar zehn Jahre hinter uns, aber seine Spuren sind allgegenwärtig. Überall kann man sie sehen, schlimmer, man fühlt sie auch. Wir lebten in einer Gesellschaftsordnung, deren Aspirationen groß waren - wenigstens auf dem Papier. Die Wirklichkeit sah deutlich grauer aus, aber sie wurde zu unserem Alltag. In Sparten der Ideologie und des Konsums. Mit der zweiten konnte man irgendwie leben, doch mit der Ideologie war es unterschiedlich. Bloß nicht davon wollte ich hier erzählen.
In dieser damaligen Gegenwart planten wir ein Unternehmen, welches mit seinem individuellen Charakter, den grauen Alltag weit hinter sich ließ, und welches die allgegenwärtige Organisation des Lebens ignorierte. Wir entledigten uns der Haube gewachsener Gebräuche, und organisierten mit den beschränkten Mitteln jener Zeit, eine Expedition sozusagen in die Zukunft.
Erst heute können wir die Unruhe unserer Mütter verstehen, die uns notgedrungen in dieses Abenteuer verabschiedeten. Zu nahe waren ihre Erfahrungen des Krieges, und die damit verbundenen Bedenken um unser Wohlergehen. Welche wohl aber für uns schon nicht mehr so bindend waren. Eigentlich nur deswegen, ohne den Belastungen der vergangenen (Kriegs-)Jahre, konnten wir die Entscheidung für diese Fahrt, rund um Polen treffen.

Noch eine technische Bemerkung: Die Erinnerungen an die Zeit vor 50 Jahren haben wir, Tadeusz Rodzoń und ich - total unabhängig voneinander, und ohne Erörterung von Einzelheiten - niedergeschrieben. Es ergaben sich Unterschiede auf die Sicht der Vergangenheit, welche ich in der polnischen Version hervorhob. Außerdem ist dort auch die ganze Geschichte von Tadeusz zu lesen. Ich belasse es hier bei meinen Worten, ärmer um verschiedene historische Fakten, aber so, wie die Fahrt sich damals, aus meiner Sicht, zugetragen hat.

.   .   .   .   .   .   .


Man sollte vielleicht einige Gegebenheiten jener Zeit schon am Anfang hervorheben. Nur dann kann man die Geschichte richtig verstehen. Die fünfziger Jahre kannten viele Sachen und Gegenstände der heutigen Zeit nicht - unsere Ausrüstung z.B. spricht für sich.

Und ich möchte hier nicht vom Geld sprechen, denn das ist auch heute für viele ein defizitäres Gut. Das betraf uns damals natürlich auch, aber auf unsere Entscheidung hatte es praktisch keinen Einfluß. Mit einer Ausnahme. Als wir unsere Fahrt planten, haben wir auch gleich von dem Gedanken Abschied genommen, in hotelähnlichen Unterkünften zu nächtigen. Da wir aber ohne Zelt unterwegs waren, (wer hatte es schon damals), dachten wir an sehr warme Nächte oder gastfreundliche Leute und ihre Scheunen.
Mit anderen Worten, das Geld welches wir hatten, war eigentlich nur für Lebensmittel oder andere unvorhersehbare Ausgaben bestimmt.

Noch etwas über unsere "Ausrüstung". Wenn ich die 50 Jahre (genau so viele sind es inzwischen geworden) zurück schaue, bemerke ich erst heute, wie spartanisch sie war.
Ich fange mal von den Fahrrädern an. Ich hatte ein verhältnismäßig solides, (sprich schweres), der Marke Simson Suhl. Zwar ohne jegliche Schikanen wie Gangschaltung oder Backenbremsen, dafür aber robust. Grundsätzlich nur eine Bremse in der Hinterradnabe, denn die vordere Bremse, (ein gegen den Reifen gepreßter Gummiklotz), verdiente nicht ihren Namen. Über dem Hinterrad ein gewöhnlicher Gepäckträger. Auf ihm war der nicht allzu große Rucksack, der Marke "Mach dir selbst", befestigt, welcher ein Jahr früher, auf unserer Hochzeitsreise, seine Feuertaufe bestanden hatte.
Der Tadeusz hatte ein leichteres Fahrrad, der tschechischen Marke "SPORT". Mit Freilauf und Backenbremsen, nein, mit einer Backenbremse, und ohne Schutzbleche. Hinten hatte er einen, dem meinigen ähnlichen, Rucksack, und auf der Stange die,mit wasserabweisendem Gewebe umhüllte, Decke. Die auch ich hatte.
Summarisch gesehen, eine Ausrüstung, die heute als unzureichend, schon für einen 2-tägigen Ausflug hinter die Stadt, angesehen würde. Uns mußte sie für die nötige Hygiene, den Schutz vor Kälte und andere klimatische Fälle ausreichen. Zusätzlich auch mußte die "eiserne Portion" an Essen und Trinken dabei sein, und letztendlich auch die Kochutensilien. Denn das letztere war an erster Stelle lebensnotwendig.

Die letzten Wochen vor den Ferien dienten der Besprechung der notwendigen Einzelheiten unserer Reise - die Pausen zwischen den Vorlesungen eigneten sich gut dazu. Doch mehr noch zum Schwelgen, über unsere, sich so abenteuerlich ansagende, interessante Reise. Denn diese zog uns...
Ich weiß nicht, wer den Gedanken hatte - ....wohl Tadeusz? Vielleicht schöpfte er aus meinen Erzählungen über unsere Hochzeitsreise des vorigen Jahres? Oder erinnerte sich an den eigenen Fahrradausflug? Es ist ein Faktum, daß wir beide heiß waren. Wir wollten das Land und die Menschen kennen lernen. Denn im damaligen Polen waren nur Massenausflüge, am Sonntag mit einem Lkw, seltener mit dem Bus - oder zentral organisierter Urlaub üblich. Damals arbeitete man noch 6 Tage in der Woche, nur der Sonntag blieb für eintägige Ausflüge übrig. Natürlich waren auch Wanderungen üblich und propagiert. Nur wie weit konnte man zu Fuß gehen? Und ins Ausland? Das blieb für den gewöhnliche Bürger nur ein Traum.
Deswegen waren wir davon überzeugt, daß unsere Idee eines selbst organisierten "Urlaubs", nicht nur billig, sondern auch ein Abenteuer sein würde. Wir mußten also alle Einzelheiten unserer Reise besprechen und festlegen, wenn wir uns Mitte Juni, schon ohne jegliche weitere Absprachen, auf den Weg machen sollten. Denn ein Telefon gab es für uns nicht, telegrafieren war zu teuer, Briefe gingen damals lange, und ob sie ankamen, blieb ungewiß.
Jedenfalls packte ich an einem Junimorgen meine Klamotten, verabschiedete mich von Leni in unserem kleinen Zimmer auf der Michałowskiegostraße in Gleiwitz, und begann mein Abenteuer. Dieses Erlebnis begann schon mit dem Kauf der Fahrkarte. Dann deutlicher mit dem Kauf der Gepäckkarte für mein Rad, denn diese Formalität habe ich hier, auf dem doch so bekannten Gleiwitzer Bahnhof, noch niemals erledigt. Dann das Rad, schnell beim Schaffner des Gepäckwaggons - welcher ganz vorn direkt hinter der Lok war - abgeben, um noch mein Abteil, mitten im Zug erreichen. War es die zweite oder noch dritte Klasse? Ich weiß es nicht mehr. Doch dann fuhr der Zug schon an, ich hatte Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich so weit ostwärts, ins wirkliche Polen. Zu einer polnischen Familie, und an der Schwelle zu einem erstmaligen, über 1600 Kilometer-Erlebnis. Obwohl der Zug, als Fernreisezug zu den schnelleren gehörte, rollte er majestätisch durch die Gegend. Hinter Krakau durch für mich ganz unbekannte Gegenden und Haltestellen, mit für mich total fremden Namen. Bis ich nach vielen Stunden wußte, daß das Ziel meiner Reise direkt vor mir ist.

Rzeszow,  der Bahnhof einer Stadt, welche die Hauptstadt einer Woiwodschaft ist. Ich stellte ihn mir ähnlich zu mir bekannten Bahnhöfen in Krakau, Breslau oder Kattowitz vor, doch wenigstens so wie den Gleiwitzer Bahnhof. Doch mich erwartete ein Schock: Der Bahnhof war klein, hatte keine unterirdischen Durchgänge und die Bahnsteige waren irgendwie so provisorisch und kurz. Das Fahrrad mußten wir auf einem, schräg aufgeschüttetem, Behelfsbahnsteig entgegennehmen, und dann noch über die Schienen führen. Ich schreibe "wir", denn Tadeusz war schon zur Stelle, um mich zu empfangen.

Und wir fuhren durch die Stadt, welche bei mir keine Eindrücke hinterließ. Vielleicht deswegen, weil meine Gedanken mit etwas anderem beschäftigt waren, während diese fremde Stadt nur die Kulisse dafür war. Im Unterbewußtsein registrierte ich zwar die gewachsene, alte Stadt mit ihren Häusern und die neue, mit ihren, im sozialistischen Stil erbauten Gebäude. Aber eben nur wie durch den Nebel, denn hauptsächlich hielt ich mich hinter Tadeusz, welcher schnell in Richtung seines Heimes, das mich für ein paar Tage beherbergen sollte, radelte.
Nun, und plötzlich waren wir da. Wir fuhren auf einen Hof, wo linkerhand das Wohnhaus war, ein graues Haus mit zwei oder drei Stufen vor dem Eingang. Und dort empfing uns schon die Mutter von Tadeusz, herzlich und mit einem lächelnden Gesicht. Ich habe mich gleich sicherer gefühlt, und dieses Gefühl vertiefte sich, als ich in der gleichen Art und Weise, von der älteren Schwester, der Nuśka, begrüßt wurde. Ich hörte diese Abkürzung eines Vornamens zum ersten Mal, aber etwas später erfuhr ich, daß es der Kosename von "Anna" war. Im Haus war da noch der 7-jährige, jüngerer Bruder von Tadeusz, aber den nahm man praktisch nicht wahr. Heute für mich eine Gelegenheit, um uns unseres damaliges "Erwachsensein" vor Augen zu führen: Ein Siebenjähriger war einfach kein Objekt, an das man sich erinnert.
Im Verlauf dieser paar Tage in Rzeszow, lernte ich nicht nur sein Haus und ein wenig die Stadt kennen, aber ich wurde gut gefüttert und fühlte mich ganz heimisch. Tadeusz zeigte mir sein ganzes Haus, alle Winkel mit seinen Schätzen. Auch den Keller mit den Resten der Werkstatt seines Vaters. Dann noch die Hilfsgebäude mit einer funktionierenden, elektrisch angetriebenen Schrotmaschine. Bei der er in diesen Tagen der Hauptaufseher war. Gekonnt schüttete er das, durch die anliegenden Züchter von Kaninchen und Kleinvieh, gebrachte Getreide in die Maschine, und ließ den Asynchronmotor laufen. Nachher gab er das Mahlgut, nach Einbehaltung des gesetzlichen Teiles, aus. Kassierte das Entgelt, welches dann sein Taschengeld war, und wurde so in meinen Augen nicht nur "der Mann" im Hause, sondern auch gleich ein richtiger Unternehmer. Diese Arbeiten und die Ergebnisse meiner Gedankengänge über die "angespannte" Situation dieser Tage (wir hatten noch einiges in der Stadt zu erledigen, u.a. im PTTK, dem Tourismusbüro) führten bei mir zu der niemals ausgesprochenen Schlußfolgerung, zu einer bestimmten Enttäuschung ...und einer Lehre für mein weiteres Leben.

Es war noch in Gleiwitz, während unseres Militärstudiums. Dort wurde Tadek der Kauf einer (wohl geklauten) Radioröhre für einen Batterieempfänger angetragen. Ein gewöhnlicher (Netz-) Empfänger war damals noch eine ziemliche Seltenheit, was erst ein Batterieempfänger! Auch ihm war also die Vision eines solchen Gerätes nahe, und so kaufte er die Röhre. Wir sprachen von dem Bau des Empfängers, und ich verlegte den Zeitpunkt auf diese Tage. Ich mit meinen mageren Erfahrungen der vierziger Jahre sah in ihm den Experten. So meinte ich vor unserer Fahrt, daß es doch angenehm wäre, Musik beim Biwak, oder sogar während der Fahrt zu haben. Ich stellte mir das Radio in irgendeiner Kiste vor, angebunden an den Rahmen des Fahrrades, und meinte, daß wir hier alles Nötige für den Bau finden werden. Ich ließ das Technische, alle anderen nötigenTeile außer acht, denn ich dachte, irgendwie im Unterbewußtsein, hier bei Tadek einfach alles Nötige vorzufinden, um rund um die Röhre, einen Empfänger aufzubauen.
Nun, nach dem ersten Tag in Rzeszow, und der Begutachtung der Möglichkeiten welche Tadeusz besaß, stiegen bei mir erste Zweifel hoch. Sie wurden zur Sicherheit nach einer zaghaften (ich wollte Tadeusz nicht vor den Kopf stoßen) Frage, wie es denn um unseren Empfänger steht. Er breitete nur die Hände aus und appelierte an meinen Verstand. Und ich verstand ihn.
Aber die Enttäuschung, welche hauptsächlich meinem naiven Denken zuzuschreiben ist, welches anderen Menschen "übernatürliche" Fähigkeiten einräumt, blieb zum Glück nicht das dominierende Erlebnis in Rzeszow.
Dazu trug das allgemeine Klima des dortigen Aufenthaltes bei, die neuen Erkenntnisse, das Fieber vor unserer Fahrt, aber letztendlich auch das Essen, welches ich dort bekam. Gewöhnlich abweichend von den Speisen, welche ich aus Oberschlesien kannte. So z.B. Kuchen mit einer "Konfitüre aus Rosen". Aus Rosen ...? Ich machte große Augen, aber Nuśka hatte schon ein Weckglas und einen Löffel in der Hand. Zusammen mit einer Kostprobe bekam ich auch ein Rezept für diesen Gaumenschmaus. Nun, vielleicht habe ich mit diesem Wort übertrieben, der Geschmak war zu scharf, konzentriert. Daß ich meine Gastgeber mit dieser Feststellung leicht enttäuscht habe, ist anzunehmen. Aber ich weiß seit jener Zeit, daß für diese Konfitüre die Blütenblätter der wilden Rose mit Zucker verarbeitet werden.

Łańcut.  Am Vortag unserer großen Reise schlug Tadeusz einen halbtägigen Ausflug in diesen Ort vor, 17 Kilometer in einer Richtung. In dem dortigen Schloß war ein Museum eingerichtet, und für uns, den kulturellen Mitgliedern der Gesellschaft, wäre ein solcher Besuch obligat. Ich will nicht lügen, aber der Besuch war wirklich interessant. Mit Filzschuhen bekleidet, glitten wir durch die Säle mit Möbeln und anderen Requisiten der nichtsozialistischen Epochen. Ich erinnere mich an einen, reich ornamentierten Schrank, der in Gestalt einer großen Birne im Raum stand. Auch an andere Elemente der Möbel, welche unheimlich viel Arbeit gekostet haben mußten. Damals, als diese Möbel hergestellt wurden, dachte man wohl nicht an deren Gebrauchswert...
Dann waren da noch solche Porzellanfiguren, Götter oder einfach nur gut genährte Vertreter der gelben Rasse. Ununterbrochen haben die mit ihren Köpfen gewackelt.
Und ein Kutschenraum. Karossen, Droschken, Fiaker und Equipagen, alle sie standen dort schön geputzt und vermittelten die Art, in der sich unsere (betuchten) Vorfahren so bewegt haben. Aber diese Art von Fortbewegung war ja auch noch später üblich. Denn Hochzeitsfahrten auf dem Dorf fanden obligatorisch in Kutschen statt. Und in Gleiwitz, wo es in den Nachkriegsjahren viele Droschken - anstatt der Taxis - gab. So viele, daß die Verkehrsbetriebe sogar spezielle, 3-Mann Equipen, für die Säuberung der in die Straße eingelassen Gleise unterhielten.
Aber letztendlich brauchen wir doch garnicht von vergangenen Zeiten sprechen. In Wien sind doch heute noch nostalgische Kutschen unterwegs? Bestimmt aber sieht man sie hin und wieder in Glessen, eben mal so, oder im Zusammenhang einer feierlichen Trauung in der Kirche.

Der Anfang.  Der Ausflug nach Łańcut zeigte, daß unsere Kondition ganz zufriedenstellend war, und so beschlossen wir, uns schon am nächsten Tag auf den Weg zu machen. Es war an einem Samstag, dem 13. Juli 1957.
Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns von den Hausbewohnern, ich für längere Zeit, Tadeusz nur für gute zwei Wochen. Dann ging es endgültig los. Nach Norden. Tadeusz war in seinem Element, denn er hatte die Karte, vorab auch die Gegend gut im Kopf. So bestimmte er den Kurs. Kolbuszowa, Tarnobrzeg und Sandomierz erreichten wir strikt nach seinem Plan. Es war nicht seine Schuld, daß das Wetter nicht mitspielte und der Weg teilweise sehr miserabel war. Aber wir kamen an die Weichsel, und ich konnte den steilen Fels bewundern, auf dem die Festung stand. Eine Gegend welche diametral anders war, als die bis jetzt hinter uns gebrachten Kilometer.
Aber uns zog es weiter, noch bis in die Höhe von Opatow, einer kleinen Stadt mit einem Kloster. In dessen Nähe fanden wir unser Nachtlager, in einer Scheune, nach über 120 km. Die näheren Umstände des Nachtlagers sind zwar meinem Gedächtnis entschlüpft, dafür aber blieben die ersten Kilometer am Sonntagmorgen, bei schönem Sonnenwetter und einer guten Straße. Richtung Ostrowiec.

Unterwegs hielten wir bei einer kleinen Kirche, wo die Glocken gerade zur Messe riefen. Tadeusz war der Urheber dieses Schrittes - wir haben doch heute Sonntag! Das Kirchlein war aus Holz, rundherum lauter Bäume und irgendwelche Gebäude, Baracken oder Kioske. Es waren viele Leute da, aber die Tür zur Kirche war sperrangelweit offen. Ich nahm an der Messe teil, aber hatte unsere Fahrräder immer im Blickfeld. Als die Messe zu Ende war, setzen wir unsere Fahrt mit gutem Gewissen fort.
Doch nicht allzu weit. Wir wollten die gute, morgendliche Stimmung mit einem guten Frühstück fixieren. So hielten wir an einer sanften Kurve, einer schön asphaltierten Straße, und machten unsere Frühstückspause. Auf dem mit Gras bestandenen Rand legten wir unsere Decken und Vorräte aus. Und taten uns gütig. Gemeinsam ließen wir den Blick über die schöne Umgebung schweifen und die lange, uns erwartende Abfahrt auf dem guten Weg schon jetzt genießen. Wir sprachen miteinander, und Tadeusz skizzierte den weiteren, vor uns liegenden Weg. Es war angenehm und direkt feierlich.
Noch hatten wir den frühen Vormittag, als wir wieder auf unseren Fahrrädern saßen. Ostrowiec, Iłża, Radom. Während der Fahrt machten wir kurze Pausen, um in den am Weg liegenden Milchbars unseren Flüssigkeitsdefizit auszugleichen. Die Milchbars, eine Errungenschaft jener Zeiten, blieben unsere Haupternährungsquelle. Für einen verhältnismäßig geringen Betrag konnte man vieles trinken: Milch, Buttermilch oder Kefir. Oder einfache Mahlzeiten, wie Graupen, Nudeln oder Rührei einnehmen. Also nach einem schönen Stück Weg, für zwei junge Leute, schon ein Paradies.
So waren wir an diesem zweiten Tag in guter Form und hatten keinen Gegenwind. Während wir so nebeneinander(!) die Pedalen traten und schon hinter Radom - wohl in der Nähe von Grojec - waren, lesen wir plötzlich auf dem Straßenschild: Warschau 62 km. Wir guckten uns gegenseitig an, und wohl gleichzeitig fiel die Frage: "Vielleicht heute noch bis Warschau?" Und die Entscheidung fiel sofort: "Aber natürlich!"
Wir fingen also an unsere Pedalen wirklich zu treten und schauten nicht auf die Schönheiten der sich vorbei schiebenden Ortschaften Grojec und Tarczyn und konnten schon am frühen Abend das Ortsschild lesen: Warschau.

Warschau.  Hier hatten wir ausnahmsweise unser Nachtlager in einem Quartier des PTTK vorgesehen, unweit des Merkmales von Warschau, dem vor zwei Jahren erbauten Kulturpalast. Wir kamen zur Baracke unseres Nachtlagers, als es schon zu dunkeln anfing. Dort erledigten wir die Formalitäten (Meldeformular, Personalausweis) und bezahlten das, was man von uns verlangte. Wir durften sogar unsere Räder in den kleinen Schlafsaal mitnehmen, in dem nur wir nächtigten. Nach den immerhin nicht ganz 200 Kilometern, waren wir doch schon müde, und schliefen sofort ein.
Den nächsten Tag begannen wir, wie sollte es anders sein, mit einem reichlichen Frühstück in der unweit liegenden Milchbar. Dort besprachen wir den vor uns liegenden Tag. Eine kleine Runde durch Warschau wurde akzeptiert, doch dann weiter nach Osten. Ich "kannte" Warschau schon, denn vor zwei Jahren war ich dort zum internationalen Jugendtreffen. So frischte ich meine Erinnerungen etwas auf, doch ohne besonderem Eifer. Der Verkehr am Wochentag war schon größer, als auf unserm bisherigen Weg. Straßenbahnen, Autos, der Radau, die vielen Menschen - all das nervte uns, und so beschlossen wir, noch vormittags, die Stadt zu verlassen. Erst heute kommen mir die Gedanken, daß unser fehlender Enthusiasmus einfach auf die Anstrengung am vorherigen Tag zurückzuführen war.

Östlich von Warschau.  Wir fuhren über die Weichsel, durch Marki, und nahmen Kurs auf Wyszkow. Die Straße war fast genau schnurgerade und flach, und mit einer Betondecke versehen, welche ich vorher nur von der Autobahn in Gleiwitz kannte. Und hatte eine nordöstliche Ausrichtung. Aus der, wie zum Trotz, gerade der Wind kam. Deswegen wurde uns das Fahren doch schwieriger. Der monotone Weg, der Gegenwind und nicht zuletzt unsere schlechtere Kondition nach dem gestrigen, etwas anstrengendem, Tag machten uns eine kürzere Etappe plausibel. So tätigten wir noch die notwendigen Einkäufe, und blieben schließlich bei einer offenen Bude, bei einem Laden oder Kiosk halten, um unsere Hauptmahlzeit einzunehmen. Wir hatten so richtigen Appetit, und schauten mit begehrlichem Blick auf die gekaufte Fischkonserve, mit Heringen in Öl, welche die Krönung unseres Mahles darstellen sollte. Tadeusz war schneller mit den Vorbereitungen fertig, und ich überließ ihm, als ersten, die schon (mit einem Büchsenöffner aus dem UNRRA-Paket) geöffnete Büchse, deren Hälfte sein Eigentum werden sollte. Er fing mit dem Essen an, doch nach den ersten Bissen überließ er mir die Büchse, mit ihrem (- fast ganzem -) Inhalt. Es schmeckte ihm nicht. Doch dann hatte auch ich ähnliche Gefühle, und kam nach kurzer Überlegung zu dem Schluß, daß der Inhalt verdorben war. Ich ging mit dem Rest der Fische um die Bude, wo ich vorhin, hinter einer Umzäunung, Schweine gesehen hatte. Die kamen auf mein Rufen sofort angehoppelt und bekamen nicht nur die Fische, sondern auch mein, schon belegtes Brot. Es schmeckte ihnen wahrscheinlich vortrefflich, denn auch Tadek gab ihnen dann seinen Teil des schon mit Fisch belegten Brotes.
So wurde aus unserem üppigen Mahl ein frugales Essen: Brot mit Schmelzkäse. Aber auch das blieb nicht unser eigen, denn wir hatten an diesem Tag dann noch Probleme mit unserem Verdauungstrakt. Über Einzelheiten will ich hier nicht reden. Jedenfalls endete unsere Fahrt an diesem Tag schon nach ungefähr 60 Kilometern. Gut, daß ich noch vor der Versenkung der Büchse in den Abfallbehälter, den Papieraufkleber zu meinen Dokumenten legte. Denn so konnte ich, nach unserer Rückkehr, einen entsprechenden Brief an den Hersteller der Konserve schreiben. Und siehe da, ich bekam eine umfangreiche Antwort (die ich hier im Original zeige) mit einer frischen Konserve! Heute kaum vorstellbar. - Trotzdem blieb dieser Tag hinter Warschau ein, doch alles in allem, eher mißlungener Tag.

Jedoch unabhängig von diesen "Nebensächlichkeiten", erlebte ich den, und auch die folgenden Tage, als ein spezielles Beispiel der durch die Menschen beeinflußten Natur. Die Welt sah einfach anders aus, und ich bemerkte sie als Beispiel der östlichen Kultur, welche ich mit Rußland verband. Vielleicht war es hier der Einfluß des zaristischen Rußlands, die gegenseitige Beeinflußung der Kulturen, damals, wo die Grenzen noch nicht den trennenden Charakter der heutigen, der, des realen Sozialismus, hatten? Wo das Durchwachsen der Angewohnheiten, der Mundarten und des Daseins ähnlich waren, wie ich sie aus dem Vorkriegsschlesien kannte?
Jedenfalls bewegte ich mich in einer für mich neuen Welt, und bemerkte das mit einer bestimmten Erregung und gleichzeitig Zufriedenheit. Zeigte sich mir doch der Sinn unserer Fahrt, fast direkt zum Anfassen. Dieses "Andere" beschränkte sich nicht nur auf "tote" Sachen. Ich, wir trafen in den nächsten Tagen doch viele Menschen, welche ich bald als die richtigen, durch die Zivilisation nicht verdorbenen, Polen identifizierte. Als eine Art der früheren, Kern- oder Urpolen.
Bei nicht allzu gutem Wetter fuhren wir von unserem Nachtlager bei Wyszkow in Richtung Ostrow Mazowiecka, Zambrow und Wysokie Mazowieckie. Ein paar Gewitter machten die Fahrt kurzweilig. Doch dann, bei Zambrow, wurden wir richtig naß. Aber die nachfolgende Sonne half uns wieder trocken zu werden ...und gab uns auch den alten Appetit wieder.
Es war auf einem Abschnitt des Weges mit nur einigen Häusern. Dort vor dem Wald gab es einen Zaun und daneben eine Grasfläche, die wir für unsere Zwecke nutzen. Es hatte dort wohl schon einige Tage nicht geregnet, und so saßen wir bequem im Gras, mit unserer Mahlzeit beschäftigt. Dabei kamen auf einmal unsere Emotionen zum Ausbruch, die Emotionen, die wir wahrscheinlich schon längere Zeit mit uns schleppten, ohne es zu wissen. Eine Sache, die zwangsgedrungen auftaucht, wenn zwei Personen längere Zeit miteinander verbringen und gegenseitig voneinander abhängig sind. Unsere verdorbenen Mägen, der Gegenwind und, das schlechte Wetter, die monotone Landschaft und der gerade überstandene Regen mögen die Situation verschärft haben. Jedenfalls brach wegen irgend etwas ein Streit aus, einer hatte was gegen den anderen, und wir sprachen nicht miteinander. Irgendwann später setzen wir die Fahrt schweigend fort - in der durch Tadeusz vorgegebenen Richtung.
Wir fuhren so schweigend neben- und hintereinander, durch Zambrow und Wysokie. Doch dann kam der Abend näher, und wir mußten uns über das Nachtlager verständigen. Diese Angelegenheit machte uns gedrungener Weise wieder gesprächiger, und damit war auch unsere gewittrige Episode zu Ende.

Das Erledigen der Erlaubnis für ein Nachtlager in der Scheune schafften wir schon fast routinemäßig. Wir guckten uns ein Objekt aus, dann fanden wir den Eigentümer, welchen wir artig um die Erlaubnis zur Nächtigung auf dem Stroh baten. Und routinemäßig erhielten wir sie. Manchmal frug man uns, ob wir rauchen und verwies auf das Verbot des offenen Feuers in der Scheune. Das war natürlich schon eine Übervorsicht bei zwei, so auf die Sicherheit bedachten jungen Menschen.
Manchmal waren die Menschen so gastfreundlich, daß sie uns ein Nachtlager direkt im Haus gewähren wollten. Da haben wir aber ganz entschieden abgesagt.
So nächtigten wir dieses mal in Szepietowo, nicht ganze 100 Kilometer von unserem vorherigen Lager. Die Widrigkeiten des heutigen Tages, die des Wetters und die emotionalen, hatten uns ziemlich geschlaucht, so daß wir schnell einschliefen, dafür aber auch gut schliefen.

Białowieża.  Heute hatten wir ein bekanntes Ziel vor Augen: Białowieża, diesen Ort, durch seinen Urwald und die Bisons (Ur?) bekannt. Wir fuhren bei kühlem Wetter und verdecktem Himmel los. Den Wind hatten wir natürlich wieder in die Augen und die Wege waren größtenteils schlecht. Erst von Hajnowka, wo wir schon im richtigen Wald fuhren, wurde es besser. Der Wind verlor sich in den hohen Bäumen, es wurde grün und die Straßenoberfläche wurde ganz. Wir entspannten uns. Dann irgendein Forsthaus am Wege. Und Ruhe! Ich glaube, daß wir auf diesen 20 Kilometern kein lebendiges Wesen trafen.
Ja und dann waren wir in Białowieża, weitere 100 Kilometer hinter Szepietowo. Und wieder die schöne Ruhe hier, fast würde ich sagen, eine Friedhofsruhe. Wir begaben uns zum zweiten und letzten mal während unserer Reise in eine PTTK-Herberge, wo wir die einzige Übernachtungsmöglichkeit fanden.
Wir versuchten den Nachmittag und den frühen Vormittag des nächsten Tages auszunützen um die Atmosphäre des Urwaldes und Reservates aufzunehmen. Ich denke, daß es uns gelungen ist, wenn ich mich noch nach 50 Jahren an so viele Einzelheiten des dortigen Naturwinkels erinnere. Das meiste sind Eindrücke und Exponate des dortigen Naturmuseums. Z.B. das Wissen um die Bisons und andere Einwohner des Urwaldes, oder die ausgestopften Vögel: Einen Raben mit seinem imposanten Schnabel, den ich zwar kannte, aber zum ersten mal so anschauen konnte. Oder wohl die Ausnahme in der Vogelwelt, die Battalionsvögel, Bewohner der Sümpfe, von denen behauptet wird, daß es keine zwei identischen Männchen, mit dem gleichen, bunten Federkleid gibt.
Uns zog es auch in den Teil des Urwaldes, der als strenges Reservat nur begrenzt für Touristen da war. Der Besuch des Reservates war nur auf ausgewiesenen Wegen zulässig, und das nur in Begleitung eines Führers. So stand es nämlich auf der Tafel an der Grenze zum Reservat. Da aber weit und breit kein Mensch, geschweige denn Führer, zu sehen war, begaben wir uns auf eigene "Verantwortung" und doch mit ziemlicher Unsicherheit in diesen Dschungel. Nicht zu weit, vielleicht hundert Meter. Aber das genügte, um den Atem dieses naturbelassenen Waldes zu spüren. Die Bäume, welche vor Altersschwäche umgekippt waren, lagen so wie sie gefallen sind. Auch quer über den Pfad. Und das Grüne, Sträucher und junge Bäume, wucherte überall, vor allem dort, wo gefallene, alte Bäume Platz geschaffen hatten. Uns wurde gesagt, daß in diesem Teil des Urwaldes, die menschliche Ingerenz gleich Null ist. Der Mensch beobachtet nur. Deswegen gab es dort auch eine Abteilung der Polnischen Wissenschaftsakademie, welche diese Aufgaben wahrnahm.

Bialystok.  Uns aber zog es weiter, die Straße rief. Das nächste Ziel war Bialystok. Tadeusz war nicht mit dem Gedanken zufrieden, wieder den selben Weg über Hajnowka, und weiter in Richtung Norden auf einer Straße mit unbekanntem Belag zu fahren. Deswegen freundete er sich mit dem Gedanken an, eine Abkürzung zu nehmen, und fand auf seiner Karte einen Waldweg, welcher direkt hinter Białowieża, in Richtung Norden, über Narewka und Narew ging. Er steckte mich damit an, und so wollten wir halt diesen Weg nehmen wissens, daß ein guter Waldweg öfters besser ist als eine löchrige Chaussee.
Deswegen hielten wir gewissenhaft nach einem solchen, nach rechts abzweigenden Weg, Ausschau. Wir wußten aus der Karte wo er ungefähr sein sollte, und wirklich, wir fanden ihn. Also fuhren wir jetzt munter auf einem guten Waldweg unter hohen Bäumen in Richtung Norden. Manchmal mußten wir Pfützen umfahren aber es ging schnell voran. Doch später änderte sich der Weg und mit ihm der Wald. Es ging leicht bergauf, die Umgebung wurde sandiger, und wir befanden uns in einem Föhrenwald. Da auch der Weg sandiger wurde, fuhren wir öfters neben dem Weg, auf dem mit Kiefernnadeln bestreuten, festerem Waldboden. Aber auch das wurde langsam stellenweise unmöglich und so kam es, daß wir dann die Räder schieben mußten. Wir trösteten uns, daß das Dorf Narewka nicht mehr weit sein kann, und dann sollte es doch besser werden.
Das Dorf kam wirklich, aber besser wurde es nicht. Wir waren enttäuscht, denn das ganze Dorf schien auf einer Sanddüne gebaut worden zu sein. Sand wohin das Auge blickte. Die Dorfstraße verdiente ihren Namen nicht, sie war einfach ein knöcheltiefer Sandtrakt, vom Zäunchen der einen Seite bis zur anderen. Uns belustigte die Kinderschar, welche schreiend hinter uns herlief. Ich stellte mir das Leben dort vor: Keine normalen Wege, keine Elektrizität, und dann die Entfernungen!   -    Doch wir zogen weiter. Schrittweise änderte sich der Weg zum besseren, wir kamen der Zivilisation wieder näher, und nach ungefähr 35 Kilometern, für die wir 5 Stunden gebraucht haben, waren wir in Narew. Jetzt auf einer normalen schon Straße schnell nach Zabłudów, denn eine Milchbar, die doch dort sein mußte, zog uns magisch an!
Wir irrten nicht und konnten unsere Bedürfnisse stillen.
Bialystok haben wir im Endeffekt nur abgehakt. Trotzdem es eine größere Stadt war. Hier erlitten wir das erste Fiasko, als wir nach einem billigen Nachtlager, in einer Scheune suchten. Es stellte sich heraus, daß die Stadt- auch Vorstadtmenschen, wesentlich weniger gastfreundlich sind, als die armen Menschen in den Dörfern. Mit unserer Suche kamen wir wieder langsam aus der Stadt raus, und beschlossen, ihr endgültig den Rücken zu zeigen. Es war gut so, denn schon nach 10 Kilometern hatten wir ein Dach über dem Kopf.

Weiter in nordwestlicher Richtung.  Als wir die Gegend um Bialystok verlassen hatten, durch Knyszyn und Grajewo kamen, nahmen uns die Masuren auf. Langsam vergaßen wir die schlechten Wege, und bei anfangs diesigem Wetter, brachten wir schnell die Kilometer, auf einer abwechslungsreichen, hügelartigen und mit Wäldern bestandenen Strecke, hinter uns. Das ehemalige Ostpreußen hatte uns aufgenommen. Wir kamen durch Lyck/Ełk, und die schöne Landschaft blieb uns erhalten. Die Übernachtung fand in der Nähe von Arys/Orzysz statt, und am nächsten Tag erreichten wir Nikolaiken/Mikołajki. Der Ort ist eigentlich uninteressant, seine Bekanntheit verdankte er seiner Lage. Er liegt an einem großen See, welcher zur masurischen Seenplatte gehört. Deswegen waren auch wir auf diese Segelhauptstadt. neugierig. Trotzdem ein starker Wind wehte, hatten wir erstklassiges Wetter um das dortige Leben, die Segelboote und die Leute zu beobachten. Wir standen auf einer Brücke welche über den, schmalen an dieser Stelle, See gespannt war.
Mein Rad hatte ich ans Geländer gelehnt, und nicht an die Böe gedacht, welche es plötzlich umstürzte. Ich sprang hinzu, aber zu spät. Mein Rad, daß ich so pflegte, hatte einen der Kunststoffgriffe am Lenkrad eingebüßt. Dieser Griff, damals noch eine solide Konstruktion, war unersetzlich. Jetzt starrte mich der halbe Griff an, er sollte mir wohl auf ewige Zeiten meine Dummheit bescheinigen.
In Nikolaiken/Mikołajki blieben wir nicht lange, wir richteten uns auf Allenstein/Olsztyn über Sensburg/Mrągowo und Bischofsburg/Biskupiec. Das Wetter war schön, obwohl der Wind uns etwas zusetzte. So zogen wir verhältnismäßig schnell über die Straßen, doch deutlich langsamer durch die Ortschaften, um eventuelle Sehenswürdigkeiten oder auch Unterhaltsames nicht zu verpassen. So erinnere ich mich an eine Szene, wo eine junge(?) Dame, aus einem Paterrefenster den, nicht besonders reichen, Verkehr auf der Straße beobachtete. An sich nichts Aufregendes. Aber sie stütze sich dabei auf dem Fensterbrett und ihren Armen ab, so daß ihr Körper, besser die zwei Teile ihres Körpers, richtig zur Schau gestellt wurden. Ich war durch diese Ansicht so hypnotisiert, daß ich auf mein, eigentlich allein rollendes, Fahrrad vergaß, und gerade auf einen, auf der Straße stehenden großen Steinkegel (wozu haben sie ihn da eigentlich aufgestellt?) hinbewegte. Im letzten Augenblick, mit einer äquilibristischen Verrenkung, konnte ich das Rad rumreißen, und den Unfall verhüten. Ich habe mit diesem Zwischenfall zwar das Lachen meines Freundes - und dieser Frau wohl auch - hervorgerufen, doch ich schaute mich nicht mehr um.
An diesem heißen Tag, schon am späten Nachmittag, konnten wir die beste im Leben Buttermilch, trinken. In Allenstein/Olsztyn trafen wir nach 120 Kilometer Fahrt, in einer schmalen schattigen Straße, auf eine Milchbar. Wir waren nicht hungrig, nur Durst hatten wir. So entschlossen wir uns für die Buttermilch, jeder 0,5 Liter. Sie war erstklassig, mit dem heute, unter dem Namen Buttermilch, verkauften sauren Wasser, gar nicht zu vergleichen. Weil der Preis auch nicht hoch war, kauften wir noch die nächsten Portionen. Wieviel ich damals getrunken habe, weiß ich nimmer. In jedem Fall war der Flüssigkeitshaushalt wieder ausgeglichen. Danach, noch etwas träge, begaben wir uns auf eine kleine Stadtrundfahrt. Und noch später, schon außerhalb der Stadt, suchten wir nach einem Nachtlager und fanden es im Dorf Naglady, direkt hinter einem Wald.


Zum Ufer.  Schon früh bereiteten wir uns auf unsere nächste Etappe vor, welche in Elbing/Elbląg zu Ende sein sollte. Dort wollten wir auf unseren Freund, den Andrzej, treffen und waren deswegen etwas aufgeregt. Nach gut einer Woche unter Fremden, sollten wir in der "Fremde" einen, uns nahen Menschen, treffen. Deswegen verlief dieser Weg bei schönem Wetter und Rückenwind(!) sehr schnell. Der Mittag war kaum vorbei, so waren wir vor Elbing/Elbląg. Dort trafen wir auf ein nicht beendetes Autobahnkreuz. Es wurde heute, (damals?) nur teilweise als Weg genutzt. Oben, von der Brücke schauten wir auf das ganze, und ließen die Gedanken schweifen, wie es funktionieren sollte. Jedenfalls zum Schluß unseres Gedankenaustausches, erlaubten wir uns noch auf eine Phantasieabfahrt, auf dem Betonweg nach nirgendwo.
Später schon fuhren wir in die Stadt ein, und suchten den "Biwak" unseres Freundes, welcher hier, in den Sommerferien, als Erzieher für Jungen fungierte. Ohne Schwierigkeiten fanden wir das Schulgebäude, in welchem die Schüler- wohl einer Hindenburger Schule - einen Teil ihrer Ferien verbrachten. Ich sehe noch heute den elegant angezogenen Andrzej, der hier so etwas wie eine Cheffunktion inne hatte. Er ermöglichte uns die Übernachtungen, besorgte Platz für unsere Fahrräder ...und auch etwas zum Essen. Außerdem übernahm er die Rolle eines Fremdenführers in der Stadt. Wir hatten also komfortable Gelegenheiten zur Stadtbesichtigung, z.B. des Boulevards, und einer Schiffsreise am nächsten Tag.
Wir fuhren mit der Fähre nach Kahlberg/Krynica Morska (oder hieß das noch Łysica?), ob direkt aus Elbing/Elbląg oder Tolkemit/Tolkmicko kann ich mich nicht erinnern. Dafür an das grau-gelbe Wasser des Frischen Haffs, ganz im Gegensatz zur dunkelblauen Farbe der Ostsee. Die war nämlich dann nur einige Hundert Meter hinter der Nehrung. Im Laufe des Tages waren wir hier und da, wir ließen uns sogar das Eintauchen ins kalte Wasser der Ostsee nicht entgehen. Interessant blieb der schmale Landstreifen zwischen zwei so verschiedenen Gewässern, beides Meere.
So hatten wir wieder ein Diskussionsthema. Wie ist das mit dem Wasserpegel, hier und dort? Dabei war doch die Antwort ganz einfach.
Doch das zweite Thema, welches man nicht umgehen konnte, war ein politisches. Wir waren im Grenzgebiet, und diese Landzunge, welche in Polen anfing, wurde durch die Grenze in zwei Teile geschnitten. Und der zweite Teil, eine politische Insel, gehörte dem damaligen Bruder Polens. So wie die Meeresenge, die einzige Verbindung, welche das Haff mit der Ostsee verband. Es kam mir kompliziert und unlogisch vor  -  aber zur Sprache zwischen uns kamen diese Aspekte nicht. Wahrscheinlich waren in uns bestimmte Barrieren versteckt, die es uns nicht erlaubten, solch "peinliche" Sachen des Gesellschaftssystems zu besprechen. Ähnlich war es mit meiner Kenntnis der deutschen Sprache, bei dem vermuteten Sichverstecken. Ich denke, daß wir uns heute besser kennen, so wäre auch diese Angelegenheit kein Problem. Besonders hege ich diese Überzeugung, seit ich darüber nachgedacht habe, und alles in meiner Niederschrift ausführlicher zur Sprache kam.
Aber wir waren noch in Kahlberg/Krynica Morska, damals eigentlich nur ein unscheinbares Dorf mit Aspirationen eines Kurortes. Uns zog es in die dortige Natur, am Ufer entlang. Der Wald war nur ein karge Ansammlung von Föhren, und es war dort ziemlich einsam. Die Stunden doch sind uns schnell vergangen, und wir mußten die Abfahrtszeit der Fähre im Auge behalten. Den Tag beendeten wir in Andrzejs Gesellschaft.

Richtung Süden.  Schon früh am Morgen dachten wir daran, daß es bei unserer Reise nunmehr bergab geht. Nicht nur auf der Karte. Vor uns waren schon wenigere Tage des Radelns. Das Wetter hatte sich wieder verschlechtert, als wir Marienburg/Malbork ansteuerten. Es war die erste Stadt auf unserem Weg und wir gaben uns mit dem allgemeinen Eindruck, den die Stadt auf uns machte, zufrieden. Wir sahen auch das Schloß, aber nur von außen. Und mir verblieben die roten Backsteine der gotischen Bauten im Gedächtnis.
Weiter fuhren wir in Richtung Graudenz/Grudziądz, durch Stuhm/Sztum und Marienwerder/Kwidzyń, Dort übernachteten wir. Das Wetter an diesem Tag war durchwachsen, in der Summe aber ungnädig. Der Schlaf tat uns sehr gut, und am nächsten Tag ging es mit frischen Kräften weiter. Das Wetter blieb schlecht, denn Regenfälle und Wind setzten uns weiter zu. Bloß der Straßenzustand hielt uns aufrecht, und so konnten wir die Strecke aus Graudenz/Grudziądz über Schwetz/Swiecie, Bromberg/Bydgoszcz, Szubin, Znin, Gnesen/Gniezno bis nach Lubowo, immerhin 150 Kilometer, an diesem Tag verhältnismäßig schnell zurücklegen.
Die meteorologische Situation und die Straßenverhältnisse waren am nächsten Tag wieder ähnlich, und wir konnten sogar eine etwas größere Strecke zurücklegen. Wir kamen durch Posen/Poznan, Stęczew, Kościan und Leszno. Hat es uns schon so in den heimatlichen Stall gezogen? Wahrscheinlich. In der Ortschaft Grenzvorwerk/Przywsie wollten wir übernachten und klopften an einem großen Bauernhaus, mit entsprechenden Gebäuden, an. Doch wir wurden abgewiesen. Wir mußten noch ein oder zweimal anklopfen, um für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Wir haben uns das nicht allzusehr zu Herzen genommen, denn das Ende der Fahrt kam immer näher. Doch bei dieser Gelegenheit kam es zu dem Wissen um die Gastfreundschaft armer und reicher Menschen.
Nach Breslau/Wrocław blieben uns noch 60 Kilometer und ich fühlte schon das fast wie zu Hause sein. Habe ich doch ein Jahr dort gearbeitet, und die Strecke nach Gleiwitz kannte ich auswendig. Also trafen wir schon am frühen Vormittag, nach dem wir Trebnitz/Trzebnica (wo meine Tante im Kloster zur Lehre war) hinter uns gelassen haben zum Frühstück in Breslau/Wrocław ein. Hier habe ich diesmal die Initiative übernommen, und zog Tadeusz treffsicher zu einer Milchbar. Machten vor dem Essen noch eine Bilanz der Reise. Obwohl das niemand ausgesprochen hatte, rechneten wir mit dem Ende unserer Fahrt in Gleiwitz, also noch einer Übernachtung. Aber es kam schlimmer, denn die Bilanz ergab, das sich unsere finanziellen Mittel im agonalen Zustand befanden. Statt zu einem satten Essen, reichte es gerade für ein durchschnittliches Frühstück. Deswegen beschlossen wir, die weiteren 160 Kilometer noch heute hinter uns zu bringen. Ich fühlte mich unwohl ob dieser Entscheidung, denn es war schon später Vormittag.
Wir hielten uns deswegen nicht mehr auf, sondern es ging los. Die Krakauer-Vorstadt-Straße, dann Ohlau/Olawa, Brieg/Brzeg und Oppeln/Opole. Der Wind wurde ungünstig, und das Frühstück war den "Spitzensportlern" nicht angemessen. So zog sich uns der Weg bis in die Nähe von Oppeln/Opole. Hier kam bei uns die Überzeugung auf, daß wir es rechtzeitig nicht mehr schaffen. Tadeusz zu seinem Zug und ich einfach nach Hause. So nahmen wir eine sich anbietende Gelegenheit wahr, den Fahrer eines Lkw, der nach Beuthen wollte, zu bitten, daß er uns mitnimmt. Er war freundlich und wir reduzierten die guten vier Stunden zu einer. Denn der Mann ließ uns erst in Peiskretscham vom Wagen.
Der Weg nach Gleiwitz war jetzt direkt eine Erholung. Auf dem spiegelglatten Radweg durch den kühlen Wald, liefen die Räder wie von selbst. Ehe wir uns umsahen, waren wir in Gleiwitz, wo ich Tadeusz am Bahnhof, mit reichlich Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, seinem Schicksal überließ. Er hatte noch ein paar gute Stunden Bahnfahrt vor sich, während ich nach 15 Minuten bei Leni war, wo wir ein frohes Wiedersehen feierten. Meine Ankunft war eine Überraschung, denn die Zeit meiner Rückkehr war, wegen fehlender Kommunikationsmöglichkeiten, unbestimmt. Doch davon schrieb ich schon.

Etwas wie ein Epilog.  Ich war wieder zu Hause, über 1600 Kilometer in 14(?) Tagen hinter mir. Die Genugtuung über eine sportliche Leistung, und über die gelungene Probe des Kennenlernens anderer Menschen, anderer Landschaften, stellte sich so langsam bei mir ein. Die Zeit der Reise war gleichzeitig eine Zeit mit vielen lehrreichen Momenten, von meiner Abfahrt bis zur glücklichen Rückkehr. Ich habe an vielen Stellen von der Gastfreundschaft erzählt, vor allen der, der einfachen Menschen. Sie blieb ein dominantes Thema. Ich habe unbekannte Landschaften, Tiere ... und die Geographie Polens besser kennen gelernt.
Noch eine Überzeugung hat sich in mir verfestigt: Die Landschaft, die Wege und die Erlebnisse einer Radreise, bleiben eindrucksvoller und länger im Gedächtnis, als es bei jeder anderen Reise der Fall ist. Über Jahre hinweg, hatte ich in meinem Kopf einen Film unserer Fahrt, ich sah die Straße, die Kurven, die Ortschaften und das Land. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich den Weg abspulen, so wie damals auf dem Rad.
Noch Anfangs der siebziger Jahre, als ich mit dem Auto nach Białystok fuhr, erkannte ich die Straße wieder, und erwartete die Stelle unseres damaligen Tiefs unweit Zambrow.  -   Doch heute sind die Einzelheiten des Weges schon verschwommen. Vielleicht auch dadurch, daß sich vieles geändert hat: Die Bäume sind gewachsen, Häuser wurden gebaut und neue Straßen entstanden.
Mal alles zusammen: Unser Unternehmen blieb für mich ein Meilenstein im Erwachsenwerden und der Gestaltung meiner Persönlichkeit.

Erinnerungen an das Jahr 1957,
niedergeschrieben im Jahr 2007
übersetzt im Jahr 2011

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Thaddäus

(Polnisch wäre das Tadeusz, denn so ist der Name meines Freundes. Gerufen wurde er einfach Tadek, und diese Form werde ich im weiteren Verlauf der Geschichte gebrauchen.)

Dieses Kapitel widme ich also meinem besten Kollegen und allernächstem Freund - es sollte den Hintergrund für seine Erinnerungen an die Heimat, seine Familie, und die vergangenen Zeiten dienen. So, wie er das alles empfunden, und in sich aufbewahrt hat.
Wir finden hier also meine Gedanken und Erinnerungen zu diesen Themen - aber auch Seine Geschichten und Rückblicke auf die letzte Jahrhunderthälfte.
(Diese letzten sind noch unkomplett, ich werde sie demnächst übersetzen)


Fast eine Einleitung.    Wenn ich an die vergangenen Zeiten denke, erkenne ich, daß sie hauptsächlich von Erinnerungen an Menschen beherrscht werden. Denn eigentlich ist die ganze Vergangenheit eine Geschichte mit, und um Menschen. Fast jeder Mensch, welchen ich näher kennen lernte, hinterließ eine Spur in meiner Persönlichkeit. Diese Spuren sind die Summe des aus der Schule herausgetragenen Wissens, sind Verhaltensregeln, und die Kenntnis über Gegenseitigkeit in der Gemeinschaft. Es sind der Glaube, und auch andere Bestandteile des moralischen Rückgrats, welche man von Zuhause mitgenommen hat. Aber es sind auch Lehren, welche man mit einem konkreten Menschen verbindet.

Aus meiner frühesten Arbeitszeit blieb mir diese Verhaltensregel: "Karlchen, zu einer älteren Person sagt man nicht: 'Nein, das ist nicht wahr'..."  -   Für manche Menschen heute eine nicht zeitgemäße Regel, ein anachronisches Andenken, an die, älteren Menschen oder Vorgesetzten, gebührende Achtung. Ein womöglich diskussionsbedürftiges Detail. Für mich jedenfalls blieb es eine Grundlage, ein Teil der "guten Sitten".
Oder der Ratschlag einer anderen, älteren Person: "Karlchen, du mußt lernen, lesen, und immer wieder lesen. Du wirst es nie bereuen". Und er hatte Recht, dieser Mensch (Dr. Romer).  Das konnte ich schon vor über fünfzig Jahren behaupten - genau so, wie auch heute.

Es sind nur zwei von vielen positiven Beispielen, welche mir mein Leben gestalten halfen.   -   Später war es auch schon mal weniger positiv. Ich lernte schlechte, hinterhältige, oder skrupellose Menschen kennen. Glücklicherweise waren sie in der Minderzahl. Doch auch von ihnen konnte ich lernen - indem sie mir, laut dem geflügelten Wort, als "schlechtes Beispiel" dienten.
Ich hatte auch den einen oder anderen "guten älteren Freund", welcher mir ein Beispiel in vielen Nuancen des beruflichen und moralischen "Ich" wurde. Doch nicht von ihnen will ich hier schreiben.
Dieses Kapitel möchte ich also meiner langen, bis heute dauernden Bekanntschaft, meiner Freundschaft mit Tadek widmen.


Pi, pi, pi - Erinnerungen
Geschichtsnachhilfe (Von Tadek)

Ein Praktikum? -  Oder ein Erholungsurlaub?
Die Geschichte eines nicht alltäglichen Praktikums

Das Fahrrad und ich
Der Anfang meines Fahrradtourismus und ein nicht alltäglicher, spartanischer "Ausflug"
(Ein Beitrag von Tadek, wobei der zweite Teil hier später zu lesen sein wird)

Eine Expedition
Mit dem Rad und zu Fuß durch die jungfräuliche Landschaft der Bieszczady

Tadek und ich
Ein Rückblick

Unsere Professoren
Erinnerungen an die Hochschuljahre (Von Tadek)

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Pi,   pi,   pi

Unlängst verbreiteten die Medien die Nachricht über das 50-jährige Jubiläum des ersten Fluges eines von Menschenhand geschaffenen Körpers im All, dem Sputnik.  Aus diesem Anlaß erinnerte ich mich an das leise "pi, pi, pi" welches aus den Lautsprechern im Studentenwohnheim auf der Heinitzstraße (ul. Luzycka) in Gleiwitz ertönte.
Doch durch diese Sputnik-Erinnerungen kam es zu weiteren. Ein Jahr früher, im Oktober 1956 wurde auf der Hochschule eine Aktion ins Leben gerufen: Erntehilfe für die staatlichen landwirtschaftlichen Betriebe )PGR), welche mit Problemen kämpften. Der Hochschulbetrieb wurde für diese Zeit eingefroren und so sah ich die Teilnahme, wie viele andere auch, als ein attraktives Abenteuer an. Aus unserem Wohnheim waren wohl alle dabei, auch "unsere" Koreaner. Alle, außer dem großen Kazik.
Nach zwei Wochen unseres Aufenthalts in einer anderen, von jeglicher Zivilisation abgeschnittenen Welt, kehrten wir in eine politisch aufgeschaukelte Hochschule zurück. Es war zum Monatsende und der wieder zu Ehren gekommene Gomułka versprach große Veränderungen in Polen. Gleichzeitig dauerte die Revolution in Ungarn. Die Studenten standen Schlange, um Blut für die dortigen Menschen zu spenden. Die Wohnheime waren zu jener Zeit sehr aktiv, es summte in ihnen wie im Bienenstock. Zwischen den Heimen A und B wurden Bücher und Propagandamaterialien verbrannt, u.a. der "Kurze Kursus der Geschichte der WKP(b). Die Studenten lebten die Rückbenennung der Stalinstraße (ul. Stalina) in Bahnhofstraße (ul. Dworcowa). Auf dem ehemaligen Reichspräsidentenplatz (zu jener Zeit plac Wolnosci, später plac Pilsudskiego) wurde das Dankdenkmal mit dem roten Stern beinahe geschliffen. Auf all die Ereignisse legte sich alsbald noch die Atmosphäre der Kür eines Kandidaten zum neuen Sejm (Parlament).
Die Auftritte der Kandidaten, wie Prof. Fryzy, Prof. Lawina oder unseres Prof. Plamitzer, gehörten für uns Studenten zu den größten Attraktionen. In meiner Erinnerung sind sie bis heute lebendig. Dabei dachte ich das gleiche von meinen Kommilitonen, daß sie jene Zeit so intensiv erlebt haben, daß sie ihnen einfach unter die Haut ging - bis heute, ein halbes Jahrhundert später. Doch damit erlebte ich vor 3 oder 5 Jahren eine herbe Enttäuschung. Während eines Treffens mit Kommilitonen sprach ich mit einem von diesem oder jenem, so auch über unser Gleiwitzer Leben. So kamen wir auch auf unsere "Kartoffelernte" zu sprechen, und natürlicherweise auf die darauf folgenden politischen Oktoberereignisse. Hier gab es Verständigungsschwierigkeiten, welche in der Frage nach den damaligen Ereignissen gipfelten. Ich war vor Verwunderung paff.
Vielleicht sollte ich hier die Frage stellen, warum ich eigentlich davon spreche. Nun wohl, um festzustellen wie unterschiedlich die Empfindlichkeiten des Menschens sind, wie gezielt bestimmte Ereignisse im Gedächtnis verbleiben, oder vergessen werden. In diesem Falle ging es nicht um ein Vergessen, denn er hatte nichts zu vergessen Weil er damals das, was um ihn stattfand, gar nicht registrierte. Also in einer Gesellschaft leben, aber geistig in ihr nicht vorhanden sein. Für mich bleibt es unverständlich, daß ein Mensch, welcher neben mir zu jener Zeit in der gleichen Stadt gelebt hat, dieses allgemeine politische Wirrwar nicht bemerkt hat. Umso mehr, als jene Zeit später, als "polnischer Oktober", in die Geschichte einging, als eine Zeit nicht erfüllter politischer Versprechen und Hoffnungen.
Um diese Geschichte mit dem Thema "Sputnik" zu beenden: Ich habe mir vorgenommen, diesen meinen Kommilitonen nach dem kosmischen Ereignis jener Jahre zu befragen.

TR

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Ein Praktikum? - Oder ein Erholungsurlaub?


Hier kann ich im Augenblick nur auf die durch mich festgehaltene Geschichte dieses Ereignisses verweisen:
Waldenburg

Tadek hat eine etwas andere Sicht der Dinge festgehalten, aber die gibt es im Augenblick nur in Polnisch, unter:
Praktyka w Walbrzychu


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Das Rad und ich

(Der Originalaufsatz von Tadek liegt jetzt nur in Polnisch vor, ich verweise auf: ROWER i JA)


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Die Expedition in die Bieszczady, 1957

(Der Originalaufsatz von Tadek liegt jetzt nur in Polnisch vor, ich verweise auf: Wyprawa w Bieszczady w 1958 roku)

Ersatzweise kann man sich in die durch mich erstellte Beschreibung dieser Wanderung hineinlesen:
Touristik in den Bieszczaden


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Tadek und ich


Der Anfang unserer Bekanntschaft reicht über 50 Jahre zurück. Wir, er aus Rzeszow, ich ein Gleiwitzer, trafen uns vor dem schwarzen Brett des Polytechnikums, auf welchem die Namen der kommenden Studenten, für das Jahr 1955/1956, publik gemacht wurden. Die entspannte Atmosphäre jenes Augenblicks (unsere Namen waren auf der Liste) brachte uns näher und ließ uns die ersten Sätze miteinander wechseln. Derer sollten es in den nächsten Jahren viel mehrere werden.
Es stellte sich bald heraus, daß uns das Interesse an allem Neuen verbindet, eine Eigenschaft, welche bei allen anderen Mitgliedern unserer Gruppe, nur schwach ausgeprägt war. Und diese Charakterprägung sollte uns zusammenschweißen.
Es war nicht so, daß wir nur miteinander kommunizierten, aber ich versuchte doch Kapital aus der besseren theoretischen Vorbereitung Tadek's zu schlagen. Denn im anfänglichen Stadium unseres Studiums, hatte ich deutliche Schwierigkeiten mit der Mathematik, welche ich mit Tadek's Hilfe zu beheben versuchte. Mit mäßigem Erfolg, denn ich hechelte weiter hinter dem aktuellen Material des Studiums. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch Tadek besser kennen. Er war das absolute Gegenteil eines Strebers - er arbeitete genau nur so viel, wie er zum Examen brauchte - ...und überhaupt zählte er auf seinen Verstand.
So mußte halt zwangsläufig der Moment kommen, in dem er eines Besseren belehrt wurde. Es war die Prüfung im Fach Mechanik, im zweiten Semester. Beide fühlten wir uns gut vorbereitet, dachten nicht an eventuell uns erwartende Probleme. Doch gerade so kam es. Bei der Prüfung gab es Aufgaben, aus uns unbekannten Bereichen, mit anderen als erwartet, Fragestellungen. Ich geriet in Panik, und im Glauben an die bessere theoretische Vorbereitung meines Kumpels, schickte ich ihm, der schräg hinter mir saß, einen hilfeheischenden Blick. Etwas später erhielt ich den Spickzettel, den ich zwar mit sehr kritischem Blick betrachtete, aber wegen Torschlußpanik, brav abschrieb. Und hier erhielt dann mein Glaube an Tadek seinen ersten Sprung, denn es zeigte sich, daß auch sein Nervenkostüm Grenzen besaß. Wahrscheinlich hat er daraus seine Lehren gezogen, denn ich erinnere mich an viele spätere Prüfungen, wo wir gemeinsam, auch in größeren Gruppen, die notwendigen Themen büffelten. Wobei ich aber sagen muß, daß Tadek nur bei ihn interessierenden Fächern dabei war.

Denn mit diesem Interesse war es sehr unterschiedlich. Tadek wollte seinerseits auf die elektrische Fakultät der Hochschule, aber da stand ihm seine Herkunft im Wege. Deswegen wurde ihm die elektrische Abteilung der Bergbaufakultät angeboten, wo man wegen größerem Bedarf, nicht so genau auf die Herkunft achtete. Aus meiner Sicht ein glücklicher Umstand, denn nur so konnten wir uns auf der Bergbaufakultät kennen lernen. Diese gab im ersten und zweiten Semester ihre Studenten in die Obhut der elektrischen Fakultät, der wir so ein wenig näher kamen. Deswegen brauchte es keiner besonderen Überzeugungskünste seitens Tadek, daß wir uns zu unserem Dekan begaben und ihn um die Versetzung dahin baten. Leider war es ein müßiges Unterfangen, außer einer gepfefferten Abfuhr, wurde uns klar gemacht, daß gerade der Bergbau viele Arbeitskräfte benötigt. Wir lebten im elften Jahr der Volksrepublik und Kohle war fast das einzige Produkt, welches richtig Devisen einbrachte.

In den weiteren Studienjahren kam es zwangsläufig zu einem besseren Kontakt mit Tadek, Das gemeinsame Essen in der Kantine, die Lehre, und Besuche bei ihm zu Haus, waren nur ein Teil der uns verbindenden Brücken. Ich erinnere mich an seine Rolle als Zeuge, bei der Zivilhochzeit meiner Schwester, wo wir ihn gerade so zwischen den Vorlesungen herausholten.
Er wohnte zu jener Zeit im Studentenwohnheim, vom zweiten Jahr an in den ewig unvollendeten Gebäuden auf der ul. Łużycka. Sein Zimmer, das er gemeinsam mit dem Kazik und Tian Dok Jun bewohnte, wurde bald zu meinem ständigen Aufenthaltsort. So zwischen den Vorlesungen, oder auch den späteren "wissenschaftlichen Sitzungen", vor den einzelnen Prüfungen. Dort, in diesem Studentenwohnheim, fand er bald eine, für einen Radioliebhaber geeignete Tätigkeit. Er wurde Mitglied der technischen Brigade, welche die Radiofonisierung des Heimes betrieb. Für die damaligen Zeiten war es ein großes Unterfangen, denn jedes Zimmer des großen Hauskomplexes verfügte über einen eigenen Lautsprecher, zeremonielos durch uns einfach Kolchoznik genannt. Tadek imponierte mir mit seinem Wissen, mehr noch, mit seinen Befugnissen. Er bekam von der Frau in der Portierloge, ganz selbstverständlich, die Schlüssel zu all den technischen Errungenschaften ausgehändigt, welche er mir dann im Detail zeigte und erläuterte - so die Sprecherkabine hinter Glas und den technischen Krimskrams im anderen Raum.
Nun, und die besten Möglichkeiten des gegenseitigen Kennenlernens blieben unsere gemeinsamen touristischen Ausflüge 1, 2,  das Praktikum und die "Aktion".

Gegen Ende des letzten Semesters, mit den immer weniger werdenden Pflichten, wurden unsere Kontakte loser. Wir sahen uns seltener, denn jeder hatte seine Prioritäten anders geordnet. Ob es nun die Diplomarbeit, oder eine reguläre Arbeitsstelle waren. Denn damals mußte jeder, nach dem Studium, seine Pflichtjahre mit geregeltem (durch den Staat festgelegten) Verdienst ableisten.
In jener Zeit erfuhr ich durch Tadek die größte Überraschung. Wir trafen uns in der leicht überfüllten Mensa auf der ul. Luzycka und Tadek sagte gleich am Anfang zu mir: "Warte mal hier, ich stell Dir meine Freundin vor", und verschwand im Gedränge. ??? - Was sollte das heißen? Tadek, eine Freundin? Denn bisher zeigte er kein Interesse für das schöne Geschlecht. Doch ich hatte keine Zeit, um meine Gedanken fortzusetzen. Da erschien doch Tadek wieder auf der Bildfläche, in Begleitung - und hier wurde ich sprachlos - des einzigen Mädchens, dem ich in den vergangenen Jahren, bei zufälligen Treffen in der Mensa oder auf dem Gebiet des Polytechnikums, meine Aufmerksamkeit gewidmet hatte! - "Das ist Karl, von dem du schon gehört hast", stellte er mich vor. Wen er mir vorgestellt hat, hörte ich schon nimmer, denn ich war zu überrascht. Krystyna, denn so war ihr Name, begrüßte mich ziemlich steif. Und ich war zu emotionsgeladen, um die Situation zu entschärfen.
Aber von dieser Zeit an wußte ich, daß Tadek schon nicht mehr allein durch das Leben geht, sondern in absehbarer Zeit mir, dem schon alten Ehemann, folgen wird.
Um die ganze Geschichte noch etwas bunter zu machen, erzähle ich hier noch eine kleine Geschichte, welche sich ein paar Monate danach ereignete. Es war Sommer, und Sonntag, ich machte mit meinem Jawa 250, welches ich seit einiger Zeit hatte, mit Leni eine Spazierfahrt durch Gleiwitz. Und wen sehen wir auf der ul. Studzienna spazieren: Krysia, und Tadek mit seinem Bruder Józek. Während des sich entwickelnden Gespräches, umarmte Józek die Krystyna und präsentierte sie uns mit der Frage: "Habe ich eine schöne Schwägerin?" und diese machte dazu einen Knicks, mit einem gleichzeitigem Ausbreiten ihres Faltenrocks.
Und wir konnten ihm nur Recht geben.

Das war auch die Zeit, in welcher bei Tadek der Gedanke reifte, das in Rzeszów nicht gebrauchte Motorrad Junak, nach Gleiwitz zu holen. So z.B. für sonntägliche Ausflüge. Er arbeitete zu jener Zeit in Laband, während die Krystyna uns mit ihrer Assistentur auf der Baufakultät imponierte.
So verabredeten wir uns eines schönen Tages, und fuhren mit meinem Jawa nach Rzeszów. Tadeks Mutter, nach den traurigen Erfahrungen der Vergangenheit, war die Angelegenheit, daß jetzt Tadek mit dem Motorrad fahren wird, gar nicht geheuer. Aber letztendlich glaubte sie doch an ihren Sohn und wir kehrten mit zwei Motorrädern nach Gleiwitz zurück.
Seit dieser Zeit sahen wir Tadek mit Krystyna öfters in Peiskretscham, von wo auch wir unsere Ausflüge gestalten konnten. So z.B. auf den Annaberg. Wir waren jetzt öfter mit den Motorrädern unterwegs, doch die Ausflüge starteten jetzt in Żywiec. Weil Tadek dort seine Familie gründete, im Sägewerk seiner Schwiegereltern. Es war eine kurzfristige Wohnung, denn alle waren schon auf das Neue vorbereitet, weil das Sägewerk, und die ganze Siedlung, bald auf dem Grunde eines zukünftigen Stausees liegen sollten. Als ich dort auf dem Motorrad mit Leni war, sprachen wir von dem zukünftigen Haus, oben auf dem Berg, wo die Schwiegereltern ihre Parzelle hatten. Die Stelle war wunderschön, hoch über dem zukünftigen Stausee, mit einem Blick auf die gegenüberliegenden Berge. Dafür war es umso schlimmer mit der Zufahrt bestellt!!!  -  Der einige hundert Meter lange, sehr schlechte Weg war die Zufahrt zur Baustelle. Und entsprechend teuer war es, das Material dorthin zu bringen. Wir machten es uns einfacher, indem wir querfeldein den Berg bezwangen um die Baustelle besichtigen zu können. Und den vergeblichen Versuch der "Bauherren" an Wasser zu gelangen. Ein trockener Brunnen, probeweise getieft, mußte zugeschüttet werden...
Als der Bau des Hauses begann, arbeitete Tadek schon in Żywiec, und half beim Bau fleißig mit. Seine Arbeitsamkeit und Kenntnisse imponierten dem Meister, denn er wollte ihn in seiner Brigade einstellen, und versprach ihm einen guten Verdienst.
Der Bau eines eigenen Heimes war im damaligen Polen absolut nicht alltäglich. Denn für den allergrößten Teil der Menschen total unerschwinglich. Trotzdem hat sich der Staat um die Bauwilligen gekümmert: Er stellte ihnen eine Anzahl genehmigter Projekte zur Verfügung, nach denen sie, bitte sehr, zu bauen hatten. Daß es in den wenigsten Fällen eine optimale Lösung war, wen kümmerte es. So war es auch bei Tadek. Nur hatte er insofern Glück, als das Krysia aus der Branche kam. Sie führten kleine (unerlaubte) Veränderungen in das Projekt ein, um es ihren Bedürfnissen besser anzupassen. - Nun, und dann gab es noch die Materialbeschränkungen auf dem Markt, welche auf den Bau Einfluß hatten...
Zu jener Zeit übernahm Tadek, der Kenner der Wege und Berge im Raum Żywiec, die Führung unser sonntäglichen Ausflüge. Mit den Motorrädern kamen wir einmal, auf einem Waldweg, direkt an die slowakische, nee, damals noch tschechoslowakische Grenze. Wir schauten in ein fremdes Land, fremde Sträucher und Bäume, doch weit und breit kein polnischer Grenzschutz!  Ein komisches Gefühl zu jener Zeit.

1963 wohl hatten unsere Motorradausflüge ein Ende, der Tadek kaufte sich ein Auto!  Ein schon gebrauchtes, ein Dauphine, der Firma Renault. Jetzt konnte er jetzt seinem Interesse freien Lauf lassen, und öfters basteln, nämlich dieses Auto in Schuß zu halten. Es war ein 4-türiger Wagen, westlicher Produktion, etwas schneller, und mit mehr Pferdestärken ausgestattet als mein, 1964 angeschaffter Trabant. Ich bin neugierig, ob Tadek die Parameter des Wagens heute noch kennt?
Das so nebenbei. Ich erinnere mich an einen Besuch von Tadek und Krystyna mit dem neuen(?) Wagen an meinem damaligen Arbeitsplatz, im Institut. Sie kamen, um mir den Wagen zu zeigen, aber auch ihren Sohn. Sie scheuten also keine Mühe, um ihren, schon alten, Kollegen in Gleiwitz zu besuchen,

Dann stand das Haus hoch oben auf dem Berg, und Krystyna mit dem Tadek fühlten sich wieder zu Hause. Das Sägewerk war schon weg, die Fluten der Soła hatten es bedeckt. Ich erinnere mich an die letzten 150 Meter des Weges, die ich bei Besuchen zurücklegen mußte: ein Slalom zwischen Löchern und Steinen, welche den Weg auszeichneten. Wir haben sie trotzdem von Zeit zu Zeit besucht, gewöhnlich unangemeldet. Denn ein Telefon gab es noch nicht. Man konnte sich nur mit einem Brief anmelden, aber das war auch eine ungewisse Sache.
So fanden wir uns eines Sonntags in Żywiec ein, aber unsere Wirte waren ausgeflogen. Wir trafen nur die Schwiegereltern an, wurden aber herzlichst empfangen, und das Wichtigste: unsere Gäste aus der DDR, welche wir mithatten, konnten sich deutsch unterhalten.

Tadek arbeitete jetzt in Żywiec, in einer Maschinenfabrik. Dort erkannten sie schnell seine universellen, elektromechanischen Talente. Er gab den Ton nicht nur im Konstruktionsbüro an, sondern die Direktion schickte ihn an verschiedene Baustellen im Ausland, wo er die Inbetriebnahme der Maschinen leitete. Diese Spritzgußmaschinen, oder auch Pressen brachten ihn so in die gesamte arabische Welt, und auch den Nahen Osten, wo es Abnehmer für diese Maschinen gab. Deswegen konnte mein Freund in jenen Zeiten, mit seinem dienstlichen Paß, viel reisen    ...und Devisen sammeln. Es war damals so üblich, auf dienstlichen Auslandsreisen möglichst wenig Geld auszugeben, um dann als Privatmann, schon touristische Ziele ansteuern zu können. Mit einem normalen, touristischen Paß, welchen man nur aufgrund von besessenen Devisen bekam. In Polen wohlgemerkt, nicht in Oberschlesien, wo wir wohnten. Manchmal wurde ich ein bißchen neidisch ob dieser Freiheiten. Aber anderseits habe ich mich damit abgefunden, daß ich ein Autochthone bin - der halt vom Leben anders behandelt wird. Wohl so wie ein Behinderter, der mit seiner Behinderung geboren wird.
Gegen Ende der siebziger Jahre wurde Tadek mit dem Direktortitel in seinem Betrieb geehrt. Ich war stolz, einen Kollegen-Direktor zu haben, nutzte das aber, bei Bedarf, schamlos aus. Als in der Produktionsgenossenschaft, in der ich damals arbeitete, die einzige (alte) Spritzgußmaschine ausfiel, bat ich ihn um Rettung, außerhalb jeglicher Reihenfolge, direkt morgen.
Und Tadek machte das.

Noch ein kleines Erlebnis verbindet mich mit dem (Vorkriegs- wollte ich fast sagen) Żywiec, der Zeit vor dem großen Umbruch. Es wurde real, daß wir Polen verlassen und unsere neue Heimat hinter der Elbe suchen werden. Wir kamen an einem schönen Frühlingstag nach Żywiec, um uns ein letztes (?) mal zu sehen, miteinander zu reden und uns zu verabschieden. Wir saßen auf einem Mauerstück der Nachbarsparzelle und erzählten unsere Geschichten. So auch von den verschiedenen Hemmschuhen, welche uns die Volksrepublik, nicht besonders menschenfreundlich, vor die Füße legte. So mußten wir viel Steuern für das Haus bezahlen, das wir dann sowieso einer fremden Person überlassen mußten. Dann kamen noch verschiedene finanzielle Pflichten auf uns zu, gar nicht zu reden von dem Fiasko beim Autoverkauf. So erlebten wir zu jener Zeit einen großen Engpaß im Bereich der finanziellen Angelegenheiten, von dem wir dann auch sprachen. Einem Engpaß der uns sogar die Ausreise kosten konnte.
Da schaltete sich plötzlich Krystyna in unser Gespräch ein, um den Tadek zu fragen: "Könnten wir ihnen nicht das Geld borgen, welches wir für die Möbel zurückgelegt haben? Denn Möbel gibt es in allernächster Zeit sowieso nicht." Ich war total überrascht, denn diese Eventualität hatte ich gar nicht einkalkuliert. Tadek sah natürlich keine Schwierigkeiten bei dieser Lösung - aber ich frug für alle Fälle, was sie denn machen, wenn ich das Geld nicht zurück zahlen kann? Oder werde? Dann hörte ich eigentlich nur angenehme, für mein Ohr, Worte. Und Krystyna ließ sich dabei von einer spezifischen Seite erkennen, vom Glauben an das Gute im Menschen.
Jedenfalls waren wir bei der Verabschiedung im Besitz von etlichen zehntausend Zloty und einem deutlich besseren Humor. Schon in Peiskretscham konnten wir verschiedene dringende Sachen erledigen. Tadek weiß bestimmt, daß ich noch vor unserer Abreise die Schulden begleichen konnte.

Wir waren schon über ein Jahr in Deutschland, als die Familie Rodzoń, während eines weiteren Auslandsaufenthalts, bei uns in Glessen zu Besuch weilte. Sie besuchten mich einmal in meinem Büro, und wir fuhren gemeinsam nach Hause. Tadek meinte, ich könnte doch mal seinen Fiat kutschieren, den auch ich in Polen über drei Jahre hatte. Doch nach ein paar Kreuzungen hatte ich genug. Ich habe mich in dem einen Jahr von den eckigen Eigenschaften des Fiat schon abgewöhnt. Tadek fuhr weiter.
Aus Glessen haben wir gemeinsam die Gretel in Hagen besucht, alle zusammen im BMW 520. Es war etwas eng, aber der Ausflug war gelungen. So wie unserer Besuch im Phantasialand, von dem ich schon nicht mehr weiß, ob wir mit einem oder zwei PKWs gefahren sind. Mit einem oder vier Kindern? Denn Roland und Monika waren wohl schon aus ihren Ferien zurück? Ich erinnere mich an die Fahrten der Jungen über Berge und durch Tunnels, kaum war eine Fahrt zu Ende, standen sie schon in der Schlange zur nächsten. Leni arbeitete damals noch im Büro, Krystyna übernahm die Rolle der Hausfrau. Es war noch in der alten Wohnung, und Krystyna, zur Verwunderung von Leni. gab sehr wenig Geld für den Haushalt aus. Tadek und Piotr wollten etwas Geld verdienen, und malten Fenster in einem Haus, unweit unserer Wohnung. Aber sie taten es wohl zu genau - dh. zu langsam - denn sie bekamen keinen weiteren Auftrag.
Es wäre interessant zu wissen, ob Piotr sich noch an die erste Fahrt mit dem BMW von der Garage zum Haus erinnert. Ich betone das, weil ich selbst verwundert bin, daß ich ihm, dem sehr jungen Fahrer die Schlüssel so anstandslos gab, wo ich doch so ein Pedant war, wenn es ums Auto ging. Die Leni klagt mich bis heute an, daß sie mit dem Trabant so kurz gehalten wurde: erst war er neu und man mußte aufpassen, dann sollte er verkauft werden - und man mußte wieder aufpassen. Ich spreche davon weil ich glaube, daß man ähnliche Diskussionen im Hause meines Freundes führte.
In Erinnerung habe ich verschiedene dienstliche oder private Fahrten mit Tadek in Deutschland. So war ich mit ihm einmal bei Siemens im Süden, wo er anstandslos als mein Begleiter fungierte. Oder mit Krystyna zu Robbe, an die Grenze mit der damaligen DDR. Dem Betrieb, der Flugzeug- und Schiffsmodelle herstellte. Dabei waren dann unsere kilometerlangen Gespräche....  
Oder bei einer andern Gelegenheit mit Tadek nach Bonn um irgendwelche Teile für Piotrek. Diese Fahrt machten wir mit einem neuen BMW, der schon ein Navigationsgerät hatte - alles im Rahmen einer Probefahrt. Es war schon in den neunziger Jahren.
Denn aus dem Jahre 1981 habe ich noch den Abschied von ihnen in Erinnerung. Wir brachten sie zu einer provisorischen Auffahrt der Autobahn. Ich glaube, sie fuhren damals noch nach Holland.

Über die ganzen achtziger Jahre haben wir einen ziemlich regen Briefkontakt gehabt, heute ein interessantes "Geschichtsmaterial". Damals gab es noch den "Paketekontakt". Weil doch der Kriegszustand in Polen, die schon so angespannte Versorgungslage, noch verschlechterte. Dann, im Jahre 1987 fing die ganze Serie persönlicher Kontakte an, der Tadek kam nach Glessen, um bei dem Hausbau zu helfen.
Für mich - den damals noch geschwächten, besser noch kranken Häuslebauer - ungemein wichtige Wochen, nein, sogar Monate. Das Haus war außen fertig: die Mauern, das Dach, der Klinker. Aber alle Türen, die Elektro- und Wasserinstallation, die Fenster und Rolläden, die südliche Hauswand und die Gaube - alles wartete auf eine Lösung in eigener Regie. Deswegen war es fast eine Himmelsfügung, daß ich jemanden zur Hand hatte, mit Kopf und Gedankengängen, die sich mit meinen deckten. Und der seine Arbeitskraft einbrachte.
Wir haben wohl beide bei diesen Arbeiten viel gelernt. Fast bei jedem Schritt gab es ein zu lösendes Problem, mit Ingenieurwissen oder Handwerksgeschick. Das letztere mußten wir uns öfters erst aneignen, weil wir es nicht, oder in ungenügendem Maße besaßen. Bei diesen Situationen kam es öfters zu Meinungsverschiedenheiten, welche Tadek gewöhnlich mit dem lapidaren Satz beendete: "Du bist hier der Chef...". Was aber nicht heißt, daß nur ich immer Recht hatte. Wenn ich so die Monate gemeinsamer Arbeit aus der Perspektive betrachte, muß ich feststellen, daß wir eine gute Arbeit geleistet haben. Die Anzahl der Fehler oder schlechter Ausführungen blieb eigentlich bei Null.
Das ist, wenigstens teilweise, ein Verdienst von Tadek. Er zelebrierte seine Arbeiten über Maße, sogar über mein Verstehen ordentlicher Arbeit. Ich erinnere mich an seine Arbeit bei der Erstellung der zusätzlichen Ziegelwand in unserem zukünftigen Schlafzimmer. Er vermaß und glich jeden Stein aus, sogar dort, wo später keine Elektroinstallation kam.
Tadek opferte nicht nur seinen Urlaub für diese Arbeiten bei uns, er machte noch verschiedene Klimmzüge, um einen zusätzlichen, unbezahlten Urlaub, heraus zu schinden. Er versuchte auch unsere Arbeitsmöglichkeiten zu verbessern. So bekam ich einen Schraubstock, mit typischen Merkmalen der sozialistischen Wirtschaft, für unsere Werkstatt. Nach Beseitigung dieser Minusmerkmale, bemalt mit blauer Farbe (so eine hatten wir gerade parat), dient uns dieser Schraubstock noch heute....
Es gibt viele Erinnerungen an die Etappen unserer Arbeit. Angenehme und Unangenehmere. Die letzteren waren das tägliche Anziehen der Arbeitskleidung: kalt und feucht war es - weil sie doch auf dem Bau blieb. Dann war noch der kalte und unangenehme Wind, der sich seinen Weg durch alle Öffnungen bahnte. Ich erinnere mich an unser Glücksgefühl, wenn wir ihm durch das Einhängen eines Fensters den Weg abschneiden konnten. Dann wurde es uns direkt warm!   - Besonders stark war dieses Gefühl, als wir die ungefähr 10 Quadratmeter der Gaube verschließen konnten,
Beide erinnern wir uns an die Plaudereien mit Herrn Bilk, unserem Putzmeister, welcher gemeinsam mit uns arbeitete, und manchmal auf die Fertigstellung des laufenden Rolladenkastens warten mußte. Er brachte genügend Verständnis dafür auf, und erzählte etwas von seinen Reisen. Er kam viel durch die Welt und hatte etwas zu erzählen: über Tibet, Afrika, und das Amazonasgebiet. Von dort kam er mit dem Sanitätsflugzeug zurück, nach einem Sturz vom Baum.

Wir wohnten noch nicht richtig in unserem Haus, als die Welt Kopf stand. Die Berliner Mauer wurde geöffnet, die DDR war kein Staat des realen Sozialismuses mehr, und in Polen geschah ähnliches. Auf einmal war die Sache um Devisen ausgestanden, und ich war nach 11 Jahren plötzlich wieder in Polen. In verschiedenen alten Ecken und in Żywiec. Ich kam aus meiner Verwunderung nicht raus, als ich das bunte Polen erblickte, als ich die Kritik an dem bisherigen System las. Ich sagte mir, daß es gut war hier noch einmal sein zu können. Ich stellte mir damals nicht vor, daß ich Polen noch so oft besuchen würde. Ich beobachtete seine Entwicklung und die immer besseren Wege.
Żywiec wurde unsere zentrale Anlaufstelle. Tadek organisierte jetzt immer etwas Neues. Fahrten nach Krakau, der Kauf von verschiedenem Baumaterial und Möbeln, fesselte uns die nächsten Jahre. So lange, wie der Wechselkurs günstig blieb.
Wir waren mit Leni in Krakau, auch mit Monika. Mit ihr hatten wir ein kleines Erlebnis. Tadek führte uns immer über neue Wege, durch das bergische Gelände. Nur einmal wurde es etwas kritisch. In den höheren Partien der Berge lag noch Schnee, und beide mußten helfen, damit wir voran kamen. Nur bei der Abfahrt wurde es dann, mit den Sommerreifen, kritischer. Der schmale, gewundene Weg, Schnee und kein Bremseffekt. Ich fuhr Schrittempo, sogar links, um immer möglichst weit vom Abhang zu sein.

Dann waren noch zwei wichtige Angelegenheiten. Die erste war der mit Hilfe von Krystyna organisierte Schüleraustausch zwischen ihrer Berufsschule in Żywiec und meiner in Köln. Ein Austausch, der mir viele neue Eindrücke und Erkenntnisse gebracht hat. Hüben und drüben. Ich fuhr sogar wieder mal mit der Eisenbahn, auch durch Gleiwitz. Der Tadek diente dort öfters als Chauffeur, danke.
Die zweite, besondere Angelegenheit, welche mir mein Freund vermittelte, war das Finden eines jungen Menschen, welcher seine Ferien in Glessen verleben wollt,e und mir bei meinen Arbeiten helfen konnte. Er traf mit seiner Auswahl ins Schwarze. Denn er hatte den Einfall, seinen Neffen, 17-jährig, den Sohn von Zygmunt vorzuschlagen. Diesen kannte ich aus Rzeszow, als ich dort 1957 war. Doch Zygmunt war so mißtrauisch, daß er mich vor der Zustimmung, jetzt schon als erwachsenen Menschen, sehen wollte. Er scheute keine Mühe, und kam extra nach Żywiec. Dann erlaubte er seinem Sohn ins Ausland, zu quasi fremden Leuten, zu fahren. Aus diesem ersten Ferienaufenthalt des jungen Menschen, Paweł, wurden viele weitere, und er entpuppte sich als ideale Zugabe zu unserem Haus. Pawel und seine Familie wurden zu weiteren, nahen Bekannten in Polen.
So komme ich zum Ende meiner Erinnerungen an das, was mich mit Tadek der früheren Jahre, verband. Viele Details habe ich ausgelassen, es wäre zu langatmig.
Heute können wir uns mit Tadek auf viel Art verständigen, während seiner oder unserer Besuche, oder über das Netz. Hier können wir auch unsere Meinungsverschiedenheiten austauschen, solche welche auch in jeder guten Ehe auftauchen. So versuche ich ihn, mit nur kleinen Erfolgen, für Linux zu begeistern. Vielleicht entscheidet er sich sogar für eine eigene Vitrine, mit seinen eigenen Erinnerungen und Bildern der früheren Jahre.

Diese Erinnerungen wurden im Jahre 2008 in Glessen niedergeschrieben
Aber erst 2011 ins Deutsche übersetzt.
KM

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Unsere Professoren   -   Verschiedene Blickwinkel


    Ein halbes Jahrhundert ist es fast her, seitdem wir unsere Hochschulbildung beendet haben. In dieser Zeit habe ich viele Einzelheiten, welche etwas mit unserer Edukation zu tun hatten schon vergessen. Ich habe sogar eine private Theorie über den Vorgang des "Verdampfens" solcher Geschehnisse: Er ist nämlich proportional zu der Anzahl der Haare auf dem Kopf - je weniger Haare, an desto weniger erinnert man sich. Man könnte sagen, daß mit den Haaren auch das Gedächtnis verschwindet. Aber nicht von der Theorie des menschlichen "Gedankenspeichers" wollte ich hier sprechen.

    Gegen Ende des Studiums lockerten sich unsere Kontakte. Gemeinsame Veranstaltungen gab es nicht mehr und ein jeder fing an seine eigenen Wege zu gehen. Solide "Arbeitstiere", dh. solche ohne Rückstände, waren in unserem Jahrgang rar gesät, so das jetzt eigentlich jeder nur daran dachte sein Studienbuch in Ordnung zu bringen, um an das Diplomexamen zu kommen. So wußten wir schon nimmer genau, wer aus unserer kleinen Gruppe bis ans Ende kam, wer sein Diplom gemacht hat und ins reale Leben abgetaucht ist.
Wir kamen in verschiedene berufliche Umgebungen, in solche die man sich erträumt hat oder in solche, in welchen man eine Anstellung fand. Viele hatten jetzt ihre Familie und die Zeit verlief gemütlich.

    In dieser Vereinsamung, in der wir nicht viel voneinander wußten, verflossen fast 40 Jahre. Irgendwann, in der Hälfte der neunziger Jahre, eben vor der ersten Zusammenkunft in Rychwałd, nahm ich den Kontakt zu einem Kommilitonen auf, den die Zeit und auch die Umwälzungen ins Ausland gebracht haben. Nach dieser langen Zeit ohne Meinungsaustausch hatten wir viele Gesprächsthemen. Praktisch alle hatten mit dem Polytechnikum zu tun. Damals erfuhr ich, daß er ohne Zulassung zum Diplomexamen blieb, weil er das Fach Elektrische Maschinen nicht abgeschlossen hatte. Es war für ihn - und man kann es ihm glauben - eine sehr schmerzliche Erfahrung. Da er sehr beredsam ist und außerdem über eine "leichte Hand" verfügt, beschrieb er mir seine damalige Situation mit allen Einzelheiten. Er hatte gerade geheiratet und die junge Familie erwartete Nachwuchs. Und hier, auf dem Weg zu einem selbständigen Leben als Ingenieur, stand auf einmal der Professor, welcher der Meinung war, daß das Wissen meines Kommilitonen über elektrische Maschinen ungenügend ist und er deswegen die Prüfung nicht bestanden hat. In den Augen meines Kommilitonen trug der Professor die alleinige Schuld für diese unglücklichen Zusammenhänge. Er beschrieb das mit voller Verbitterung und setzte hinzu, daß er, dieser Professor eigentlich ein Sonderling ist, welcher sein Mütchen an den armen Studenten kühlt. An dieser Stelle spürte ich einen Stich im Herzen, denn so ein Urteil fand ich sehr ungerecht. In meinen Augen, und wohl nicht nur, verdiente Prof. Plamitzer unter all den anderen Personen eine besondere Auszeichnung und Anerkennung. Daß er zu seinen Vorlesungen mit dem Fahrrad kam, war in den damaligen Zeiten nichts außergewöhnliches, viele gesetzte Pädagogen taten das gleiche.

Immer wurden wir in einen heitere Stimmung versetzt, wenn wir den Adjunkten Bory auf seinem Fahrrad mit einem über einen Meter langen Rechenschieber sahen, den er bei seinen Vorträgen als Hilfsmittel benutzte.
Dieser Adjunkt blieb bei dem Anblick einer bestimmten Studentin der Baufakultät immer stehen und stieg von seinem Fahrrad um sie zu begrüßen. Obwohl ihn nichts mit ihr verband. Solche Ereignisse machten unser Studentendasein immer etwas bunter.

Zurück zu unserem Professor Antoni Marian Plamitzer. Er hatte die Vorlesungen zum Thema "Elektrische Maschinen" und konnte sie sehr aktiv gestalten, uns sozusagen mitreißen. Die verwirrenden Zusammenhänge wurden so lebendig wiedergegeben, daß der gewöhnliche Student keine Zeit fand, seinen Gedanken nachzuhängen. Er lehrte das logische Denken einfach hervorragend, so wie es nur wenige Pädagogen konnten. In seiner Darlegung waren alle schwierigen Regelmäßigkeiten der elektrischen Maschinen klar und eindeutig. Die Amplidyne und auch andere Spezialmaschinen blieben ohne Geheimnisse. Für mich jedenfalls war die Teilnahme an seinen Vorlesungen ein Vergnügen und gern schaltete ich mich in die Diskussionen ein. Deswegen bin ich dem Professor wohl auch positiv "aufgefallen".
Doch hatte ich während des Studiums auch eine Menge anderer Interessen, war also kein Vorbild für einen arbeitsamen Studenten. In dieser Zeit erlag ich noch zusätzlich dem Reiz eines Pferdeschwanzes, genauer gesagt dem seiner Trägerin, denn manchmal war es nur ein Zopf, der den Kopf einer Góralin aus Zywiec, zierte. Um sie herum fing sich meine Welt an zu drehen, ...und sie tut es heute noch.
Da also mein Kopf mit etwas anderem beschäftigt war, startete ich zu den anfallenden Prüfungen so aus dem Laufe. Dachte ich doch immer, daß mein, aus den Vorlesungen herausgetragenes Wissen, auch für diese ausreichend ist. Gewöhnlich war es so, denn ich hatte sehr gute Noten, sogar ein für die damaligen Zeiten seltenes "wissenschaftliches" Stipendium. Und so ging es gewöhnlich gut, ja, bis zu dieser einen Prüfung. Wohl überheblich selbstsicher begab ich mich zur Endprüfung des Faches "Elektrische Maschinen". Den ersten Teil hatte ich nämlich schon mit einem "sehr gut" abgeschlossen. Doch hier wurde es anders. Nach einigen allgemeinen Fragen kamen langsam meine fehlenden Kenntnisse von Einzelheiten zum Tragen. Mein "Talent" half mir nicht, als der Professor die weißen Flecken meines Wissens zu Tage förderte. Mitleidig schaute er durch seine Minusbrille auf mich, als er zum x-ten Male die Worte wiederholte: "Und das wissen sie auch nicht?" - wo das Fragezeichen eigentlich ein Ausrufezeichen war. Ich fühlte mich saumäßig, ich schämte mich - nicht der schiefgelaufenen Prüfung wegen - sondern weil ich "meinem" Professor eine solche Unannehmlichkeit bereitet hatte.
Bis heute erinnere ich mich an dieses Gefühl, gern hätte ich mich damals in ein Mauseloch verkrochen. Er hat mich zwar nicht rausgeschmissen (ich legte diese Prüfung in seiner privaten Wohnung auf der Orlickistraße ab) und obwohl er in jener Zeit deutlich jünger (1916 - 2001) war als wir es heute sind, stand er, wie belastet, von seinem Schreibtisch auf, um zu einem Regal zu gehen. Er entnahm ihm einen dicken Schnellhefter und legte ihn vor mich hin. "Das ist die Urschrift meines Buches, bitte lesen sie sie durch und kommen dann wieder." Wenn ich es gekonnt hätte, wäre ich damals in die Erde versunken.
Wohl wie noch niemals in meinem Leben, verbrachte ich die nächsten Tage mit dem Studium der mir anvertrauten Arbeit. Ich las sie Seite für Seite und saugte deren Inhalt ein. Dann, nach vielen Tagen, begab ich mich mit schlotternden Knien und ziemlich verstört zu dem erneuten Examen. Der Professor durchbohrte mich mit seinem Blick und frug, ob ich das alles gelesen hätte. Und was ich davon halte. Was sollte ich dazu sagen? Mit brechender Stimme brachte ich hervor, daß es die uns bekannten Vorlesungen sind, und daß ich mich freue, sie bald in Form eines Buches lesen zu können. Dann wartete ich auf seine Reaktion. Längere Zeit war er still und ich meinte, jetzt seine Fragen zu hören. Derweil verlangte er nur mein Studienbuch, in welches er eine "gute" Note schrieb. Obwohl ich das mit innerer Erleichterung zur Kenntnis nahm, fühlte ich mich beschämt. Niemals vorher, aber auch später, hat mir jemand in so deutlicher Weise einen schmerzlichen Nasenstüber gegeben. Denn in keinem Fach fühlte ich mich so sicher, wie in den "Elektrischen Maschinen", wo ich also eine bessere Note verdient hätte. Heute kann ich das pädagogische Talent des Professors richtig einschätzen und bin ihm für die mir erteilte Lehre dankbar.

Das Leben und die Ereignisse der nächsten Jahre ließen dieses Prüfungsergebnis in Vergessenheit geraten. Irgendwann in den sechziger Jahren, schon als gestandener Elektroingenieur, "entdeckte" ich in einer Buchhandlung das Buch, dessen Rohschrift ich damals so intensiv studierte. Ich kaufte es direkt. Auf dem Umschlag war (ist) die Photographie unseres gutmütig lächelnden Professors und eine Kurzbeschreibung des Buches.
Ich nahm mir vor, daß ich irgendwann speziell nach Gleiwitz fahre, um den durch mich so verehrten Autor des Buches um ein Autogramm zu bitten. Doch dann erfuhr ich, daß er nach Oppeln ausgewandert ist, um dort seine Vorlesungen zu halten. Die Zeit verrann und aus meinem Vorsatz wurde nichts. Das Buch stand immer an einer "würdigen" Stelle, denn von Zeit zu Zeit nahm ich es zur Hand um mit Vergnügen die bunten Diagramme anzusehen. Und mich an unsere Hochschulausbildung zu erinnern. Der Kopf besaß damals noch Haare und das Gedächtnis war deutlich besser als es heute ist. Aber diese Prüfung, jetzt schon ohne Haare, habe ich nicht vergessen.
Ich würde heute nicht davon sprechen, wenn da nicht mein Kommilitone wäre, welcher die Bemühungen unseres Professors, uns beizubringen wie die elektrischen Maschinen funktionieren, diametral anders verstanden hat. Wenn ihm dieser Text einmal in die Hände fallen sollte, bitte ich ihn, sich nicht zu beleidigen, daß gerade er der Grund für meine Erzählung wurde. Und daß doch diese, nicht geschaffte, Prüfung überhaupt sein Leben nicht gebrochen hat. Denn auch er, obwohl etwas später, wurde ein Ingenieur. Und wie uns die Zeit lehrt, lagen seine Talente auf einem ganz anderen Gebiet, er entwickelte sie nicht als Technik, sondern wurde ein bekannter Journalist, Radiomoderator und Korrespondent. Und vielleicht war es gerade der "Finger" unseres ehrbaren Lehrers, welcher diese interessante, andere Karriere einleitete.

Es würde mich interessieren, wie meine Kollegen auf den Professor schauen.

Erinnert an einem wolkigen Sonntag in Żywiec im Januar 2008.
TR

Und beinahe hätte ich es vergessen: Zwei Andenken an das Laboratorium der elektrischen Maschinen blieben.
1. Unsere Gruppe: Kazik R.,moja osoba, Kazik P., Tian Dok Jun
2. Kim Syn Kab als Lehrer?

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Touristik in den Bieszczaden

Bieszczady - eine Berggruppe der Karpaten im äußersten Südosten Polens. Eine Region reich an traurigen Ereignissen zum Ende des zweiten Weltkrieges, ein für Polen und die Ukraine schicksalbehaftetes Gebiet. Jetzt, im Jahre 1958, überwiegend noch menschenleer, dafür von der Natur zurückerobert.

Der Sommer dieses Jahres sollte für unsere kleine Gruppe, den Tadek, den Kazik und mich, sehr erlebnisreich werden. Vor den Augen das uns erwartende Praktikum auf der Waldenburger Grube, wollten wir vorher noch unseren Bedarf an Erlebnissen und Wanderungen in dieser weltabgeschiedenen Gegend decken. Deswegen wurde unser Vorhaben schon während des laufenden Semesters das Gesprächsthema Nummer Eins.
Weil wir schon in den Vorjahren entsprechende Erfahrungen mit Radreisen gemacht haben, sollten auch diesmal das Rad unser Fortbewegungsmittel werden. Nur, ...Kazik hatte kein Rad!
Den Rettungsengel spielte Andrzej, unser Kommilitone. Er war während der Ferien beschäftigt, brauchte also sein Rad nicht. Ohne viele Überredung versprach er, es auszuleihen. Es war zwar ein alter Bock, doch hatte im Andrzej einen damals modernen Rennlenker verpaßt und deswegen sah es ziemlich rassig aus. -  So waren wir dieses Problem los.
Dank Tadek's Kenntnissen wußten wir schon einiges über dieses besondere Land, seine Topographie, seine Geschichte und die rudimentäre Besiedlung. Dieser letzte Umstand veranlaßte uns, an Übernachtungsmöglichkeiten eigentlich nur in einem Zelt zu denken. Das jedoch war zu jener Zeit keine einfache Angelegenheit. Glücklicherweise konnte Tadek's älterer Bruder, den wir schon als richtig Erwachsenen betrachteten, diese technische Errungenschaft sein eigen nennen. Und er war sogar gewillt, es den mittellosen Studenten für zwei Wochen auszuleihen. Es hat uns nicht angefochten, daß es nur eine traditionelle, primitive Ausführung war: Zwei Stöcke über welche man die Leinwand stülpte, einige Heringe welche diese mit dem Boden verbanden und paar Spannseile, welche die ganze Konstruktion aufrecht hielten. Alles zusammen ein ziemlich schweres und umfangreiches Paket, denn heutige, für den Zeltbau benutzte Materialien, waren eher unbekannt. Jedenfalls in unserer Umgebung.

Gegen Ende des 6. Semesters hatte wir es dann sehr eilig. Direkt nach den fälligen Prüfungen und der letzten Vorlesung, waren Tadek und Kazik in die Heimat abgerauscht. Kazik nach Trzciana bei Rzeszow, wo er sich vor allem an das Radfahren gewöhnen sollte. Für alle jedoch hieß es: die Ausrüstung komplettieren. Von der Kleidung bishin zu den Küchenutensilien, zu welchen jeder etwas beisteuern zu hatte.  -  Für mich war es auch das erste Jahr, in welchem ich für die Ferien keine Arbeit eingeplant hatte...
So konnte ich Mitte Juni, frei von allen Sorgen, schon routinemäßig meine Siebensachen zusammenpacken, mit dem Rad zum Bahnhof fahren, um dann mit dem Zug meine Basisstation in Rzeszów, im Haus von Tadek, zu erreichen. Dort hatte wir noch einige Tage Muße. Während dieser Zeit besuchten wir auch Kazik zu Hause, um zu sehen, wie weit seine Vorbereitungen gediehen waren. - Er kam dann erst am Vorabend unserer Reise nach Rzeszów.

Jetzt schon im Komplett, ging es am frühen Morgen, dem 17. Juni los. Unser Weg führte nach Süden, Richtung Bieszczady. Durch Boguchwała leiteten uns gut befahrbare Straßen nach Sanok, weiter wollten wir noch Lesko erreichen. Jedoch hatten wir unsere Kondition schlecht eingeschätzt. Bevor wir da noch ankamen, wurde beschlossen, uns doch früher nach einem Nachtlager umzusehen. So mochte es der hundertste Kilometer sein, als wir in der Nähe von dem Dorf Postołów, auf einer kleinen Anhöhe, einen geeigneten Platz für unseren ersten Biwak fanden. Hier entzündeten wir auch unser erstes Lagerfeuer. Dieses nicht nur für eine romantische Stimmung, sondern ganz konkret für die Zubereitung einer Suppe und später eines Tees. Das Wasser hatten wir uns aus einem, etwas tiefer fließendem, Rinnsal besorgt. Weil das Wetter schön war, verlief diese erste Nacht ohne jegliche Sensationen.

Am nächsten Tag wurden wir durch die Gestaltung des Terrains schon an das Ziel unserer Reise erinnert: es ging bergauf und bergab. Die letzten 10 oder 20 Kilometer der Straße, schon hinter Baligród, waren fatal. Sie war mit Löchern, teilweise auch über 10 Zentimeter tiefen, und bis zu 1,5 Meter großen, übersät. Wir fuhren da Slalom und versuchten diesen Fallen auszuweichen, was manchmal leider nicht gelang...
Eine kleine Pause, zur Erholung und geschichtlicher Kontemplation, legten wir in Jabłonki ein. Obwohl die letztere eher unvollständig blieb, und das wohl wegen dem irgendwie gequältem Meinungsaustausch mit meinen Gefährten. Wir hielten vor dem Denkmal von General Karol Swierczewski, "Walter", welcher "sich nicht den Kugeln beugte". Zu jener Zeit, durch die Propaganda, zu einem kristallklaren Helden und Märtyrer hochstilisiert, war er in Wirklichkeit eher das Gegenteil einer solchen Persönlichkeit. Doch darüber sprach man damals nicht - und ich, der Außenseiter in polnischer Geschichte, konnte das nur spüren.
Die Gegend war schon deutlich bergig. So boten sich auch schön abschüssige Streckenabschnitte zur freien, etwas flotteren Fahrt an. Leider zwangen uns die auch hier vorhandenen Schlaglöcher zu einer kurvenreichen Fahrt, wobei wir ohne Skrupel, (wegen fehlendem Verkehr), die ganze Fahrbahnbreite nutzen konnten. Tadek fuhr voran und schien das Bremsen ganz vergessen zu haben, er ließ das Rad einfach laufen. Kazik fuhr hinter ihm und ließ sich anstecken, während ich als letzter doch der vorsichtigste blieb. - Und dann geschah es: In einer langgezogenen Rechtskurve, nach einem verpatzten Ausweichmanöver, wurde Kazik auf den linken, unbefestigten Fahrbahnrand hinausgetragen, und konnte da nur mit viel Mühe das Rad wieder in seine Gewalt bringen. Mir, dem Zuschauer, wurde es heiß, ich bremste mein Rad instinktiv noch weiter ab, um dann beim Vorbeifahren den schmalen Seitenstreifen und die paar Meter tiefer liegenden Felsbrocken zu sehen!
Weiter ging es dann wirklich langsamer. Am frühen Nachmittag erreichten wir Cisna, den geplanten Ausfallspunkt für den zweiten Abschnitt unseres Ausflugs. Es war ein winziger Ort, einige einfache Häuser und eben so viele ärmliche, bäuerliche Anwesen. Doch es gab da einen Laden, besser einen Lebensmittelkiosk mit einer Miniauswahl an grundlegenden Nahrungsmitteln. So konnten wir uns dort noch mit Brot und einigen Konserven versorgen.
Doch die Hauptsache, die Unterbringung der Fahrräder gestaltete sich schwieriger. Wir hatten an einen abschließbaren Raum gedacht, aber eine Abschätzung der vorhandenen Gebäude fiel ernüchternd aus. So blieben uns die paar Gehöfte mit Scheunen übrig, wo wir auch unser Glück versuchten. Um es kurz zu machen, einer der Bauern wollte es nicht verantworten, die Räder irgendwo im Nebengebäude aufzubewahren. Dafür machte er uns den Vorschlag, diese in seinen Keller zu bringen, dessen einziger Zugang im Fußboden der Wohnküche, durch eine Falltür gesichert war. Wir fanden das ideal, sogar dann noch, als wir feststellten, daß es da unten sehr feucht war und wir die Räder durch die etwas klein geratene Falltür zwängen mußten. Natürlich verließen wir den Bauern mit einer, aus dem Herzen kommenden Danksagung, und verabschiedeten uns für eine unbekannte Zeit.

Unbekannt für uns auch deswegen, weil wir außer einigen Eckpunkten aus einem alten Atlas, und dem Kompass, nichts über das Gebiet und die zu erwartenden Schwierigkeiten wußten. Jedenfalls ging es jetzt munter weiter, nur diesmal zu Fuß. Wobei munter nur bedingt zutraf. Denn plötzlich spürten wir all unser Gepäck auf dem Rücken, und jeweils einer von uns, zusätzlich das Zelt auf der Brust. Wobei wir uns dabei in den nächsten Tagen regelmäßig abwechselten. Und das klappte sogar wirklich gut. Der Ehrgeiz eines jeden von uns war ausreichend, um nicht als Drückeberger zu gelten.
Die Richtung unseres Marsches gab Tadek an. Nach einer oder zwei Stunden hatten wir die "zivilisierten" Gegenden endgültig hinter uns gelassen, und befanden uns in der seit 12 Jahren durch die Natur geschaffenen Wildnis. Keine Merkmale menschlicher Tätigkeit, wie Wege, Häuser, Masten oder dergleichen, störten unser diesbezügliches Befinden. Da wir den Tag aber doch schon in den Knochen spürten, machten wir auf einer kleinen Lichtung Halt und beschlossen, die zweite Nacht unser Wanderung hier zu verbringen. Es war ein ebener, von Sträuchern umgebener, Platz in dessen Nähe es wieder einen kleinen Wasserlauf gab.
Auch hier war Tadek wieder der Tonangebende. Er kommandierte das Aufstellen des Zeltes, und konnte dabei den Beweis erbringen, daß die kleine Axt, welche er mitgeschleppt hat, unentbehrlich ist. Ich beschäftigte mich mit dem Kochgerät um einen Tee für unser Abendbrot zu kochen. Denn es sollte umfangreich werden. Damit wir am nächsten Tag weniger zum Schleppen haben sollten. Und wirklich verschwand da fast ein ganzes Brot, dazu noch zwei der gerade gekauften Konserven. Dann waren wir satt, und müde. Kaum fing es an zu dunkeln, da lagen wir schon im Zelt, ziemlich eng nebeneinander, fast wie die Sprotten in den eben vertilgten Dosen. Kazik lag wohl in der Mitte - alle aber waren wir solidarisch mit vorhandenen Decken und jeglichen Kleidungsstücken zugedeckt. Denn eine kühle Nacht schien sich anzusagen.
Persönlich hatte ich eine vorzügliche Nacht. Weder der harte und kalte Untergrund, die sich bewegenden Mitschläfer, oder der gegen Morgen einsetzende Regen, konnten mich dabei länger als für paar Minuten stören. Endgültig erwachte ich, als es draußen schon richtig hell war, und die letzten Tropfen, wohl von dem nahestehenden Baum, auf das Zelt fielen.
Jemand aus unserer Mitte bemerkte nicht besonders geistreich, daß es wohl geregnet hat und zog mit dem Finger über die deutlich tiefer hängende Zeltplane. Womit er nicht nur ein stetiges Tropfen durch diese Spur, sondern auch eine heftige Reprimande der restlichen Zeltbewohner erreichte. Dann war es an der Zeit, die Vorhänge zu lüften und in die Welt zu schauen. Der Regen war vorbei, auch der Himmel zeigte sich schon von der besseren Seite - doch es war empfindlich kühl. Wir schauten bedenklich gegen den Himmel und auf unseres nasses Zelt und hofften, daß es bis zum Aufbruch etwas abtrocknet. Das kleine Rinnsal bot uns nicht nur die Möglichkeit zu einer Wachwerden-Katzenwäsche, sondern auch das Wasser für den Tee. Das Frühstück mit dem heißen Tee stärkte unser Selbstbewußtsein so sehr, daß wir das nasse, deutlich schwerere Zelt einfach einpackten und uns auf den Weg machten. Mit einer etwas kleineren Euphorie als gestern, muß man schon bekennen

Aus dem weiten Tal ging es hinauf zum Rücken eines ausgedehnten Bergzuges, flach und fast gänzlich mit (z.Z. leider noch weißen) Preiselbeeren bewachsen. Als wir die Höhe von ungefähr 1000 Metern überschritten hatten, wurden wir mit einem unangenehmen Phänomen konfrontiert: erst leichter Dunst, dann sich verdichtender Nebel welcher uns die Fernsicht schon im Anfangsstadium genommen hatte. Jetzt aber die Orientierung so weit beschränkte, daß wir nur mit großer Mühe, und einigen Fehlwegen, dem nicht besonders ausgeprägten Bergrücken folgen konnten.
Doch die Situation verbesserte sich nach zwei oder drei Stunden. Wir konnten die Umgebung, bis hinab ins Tal, wahrnehmen. Und da sahen wir von Zeit zu Zeit Reste menschlicher Anwesenheit. Von oben konnte man rechteckige Flächen erkennen, welche ehemals Felder, Gärten oder Anwesen gewesen waren. Natürlich wurden diese Beobachtungen ein Gesprächsthema. Leider konnte ich von Tadek nur so viel erfahren, daß es hier einmal wirklich viele Dörfer oder Gehöfte gab, welche im(?) oder nach(?) dem Krieg zerstört wurden. Ein heikles Thema also, lebten wir doch im 13. Jahr nach dem Krieg, und waren von lauter uns brüderlich gesinnten Staaten umgeben. Hier der Ukraine, einem Teil des besten Freundes Polens, der Sowjetunion. Wie und warum es zu den Zerstörungen kam, wurde nur undeutlich durch "Banden" erklärt. Womit Tadek aber wahrscheinlich nur einen Teil seines Wissens preisgab - die damalige politische Korrektheit war auch unter uns zu allgegenwärtig. Dieser Wissensdefizit beschäftigte mich so ausführlich, daß ich sogar meine Umgebung nicht mehr richtig wahrnahm, sondern stumpfsinnig hinter meinen Genossen hertrottete. Meine Gedankengänge, der Umstand seit gestern Nachmittag keine fremde Menschenseele auch nur gesehen zu haben, vertieften den Eindruck einer Ausnahmesituation, in welcher ich mich befand.

Plötzlich wurde ich dieser Atmosphäre entzogen und war sofort hellwach. Man hatte seitlich von uns, in einer Entfernung von einigen hundert Metern etwas Lebendiges entdeckt. Neben einem alleinstehenden Telegraphenmast(?) bewegte sich eine Gestalt, mal aufrecht stehend, dann wieder zusammengeduckt. Wegen der Entfernung konnten wir ihre Größe, ja sogar Farbe nicht richtig einschätzen und waren auf Vermutungen angewiesen: Ein Mensch? Ein Tier? Gar ein Bär? Als dieses Wort ausgesprochen war, wurde es uns mulmig. Wir standen und beobachteten die Erscheinung noch einige Minuten - mit dem gleichen ungewissen Ergebnis. Dann setzte sich die Erkenntnis durch, daß es wohl am klügsten wäre, sich einfach zu entfernen und dieses Rätsel unentschlüsselt zu lassen. Gesagt, getan. Langsam (man sollte wilde Tiere nicht durch eine Flucht zum Angriff ermuntern...) marschierten wir weiter und entfernten uns damit von der eventuell bedrohlichen Gestalt. Aber immer war es einer, welcher den Kopf rückwärts wandte, bis, ja bis diese Erscheinung den Blicken endgültig entschwand.
Langsam kehrten jetzt auch die wirklichen Probleme in unser Bewußtsein zurück. Die Sonne zeigte sich zeitweise, aber schon in Westnähe. Unser nasses Zelt trug dabei nicht zu einer gelösten Stimmung bei. Doch da gab es plötzlich einen Lichtschimmer. In einem vor uns liegenden Tal entdeckten wir eine Hütte, und über ihr hin und wieder ein Rauchwölkchen: Menschen! Als wir uns ihr näherten konnten wir unsere erste Beobachtung präzisieren: Es war eine Schäferhütte, eine solche wie wir sie schon aus der Tatra kannten. Und dann sahen wir auch die Schafherde.

Es brauchte fast keiner Absprache: Fast automatisch trennten wir uns von unserem "Gipfelpfad" und schritten hinab in Richtung Hütte. Im Hinterkopf der Gedanke einer Übernachtung, unter einem Dach, trocken. Schon in ihrer Nähe kam uns ein riesiger, weißgefleckter Schäferhund entgegen. Solch einer, welcher mich an Bernhardiner, mit einem Fäßchen unter dem Hals, von Illustrationen aus den Schweizer Alpen erinnerte. Wir blieben natürlich respektvoll stehen, doch hinter dem Hund zeigte sich sein Eigentümer und beruhigte uns. Im darauf folgenden Gespräch zeigte er sich sehr gastfreundlich, und lud uns für die Nacht in die Hütte ein. Drinnen fanden wir unseren Schlafplatz: ein drei Meter breites Holzgestell, die Bretter 30 Zentimeter über dem Boden. Darauf eine Schicht Stroh: "Hier hätten wir auch zu sechs Platz, aber einer ist immer draußen, wegen der Wölfe" sagte uns der Senner, hier Baca genannt.
Also legten wir unsere Klamotten ab und bar jeglichen Kummers um ein trockenes Nachtlager (das Zelt hatte schon ausgebreitet unter dem Dachüberhang seinen Platz gefunden), konnten wir uns mit dieser Schäferniederlassung befassen. So erfuhren wir, daß sie hier mit ihrer Herde die warmen Monate verbringen - denn ihre angestammte Heimat lag in dem Tatragebirge, welches unlängst den Status eines Naturschutzgebietes bekommen hatte, und von den Herden nicht mehr abgeweidet werden durfte. So verfrachteten sie die Herden ihres Dorfes mit einem Zug in diese Gegend und nahmen alles für den Aufenthalt notwendige, als fast Selbstversorger, einfach mit. Da waren ein paar Schweine, Hühner, eine Kuh und ein Pferd, welches wohl einmal wöchentlich den Wagen in eine zivilisierte Gegend zog, wo sie ihre Produkte verkaufen, sich selbst aber mit Brot und anderem notwendigen versorgen konnten. Das erfuhren wir alles im Laufe der Zeit.
Jetzt hatte uns das vorhin gefallenen Wort: "Wölfe" elektrisiert. Also waren unsere ersten Fragen danach. Denn Wölfe, diese "blutrünstigen" Bestien, wie man sie von Gemälden oder Geschichten aus Rußland oder Sibirien kannte, waren etwas absolut interessantes. Das wäre ein Abenteuer! Vom Baca erfuhren wir, daß der Wächter sein Lager inmitten der Herde, auf einer 1,5 Meter hohen und überdachten Liege aufschlug. Und einfach schlief. Das war schon weniger romantisch. Falls sich dann Wölfe der Herde näherten, schlugen die Hunde an, und der Wächter wurde aktiv. Das genügte gewöhnlich, um diese Tiere fern zu halten. Und das war schon ganz unromantisch, paßte überhaupt nicht zu dem Bild, welches wir von diesen Tieren hatten. Trotzdem baten wir, uns zu wecken, wenn sich in der Nacht Wölfe zeigen sollten. Aber die kamen weder in dieser noch der nächsten Nacht...
Als es dämmerte, erfuhren wir vom Baca, daß seine Gehilfen gerade jetzt, da draußen, beim Melken der Schafe sind. Schafe melken war für uns genügend exotisch, um dieser Prozedur einmal zuzuschauen. "Ja, da geht doch da raus" - war die kurze Bemerkung des Hausherren. Wir sahen die Schafherde 70 oder 80 Meter hinter der Hütte, dazwischen nur eine jetzt leere Koppel. Als wir gerade in der Mitte waren kam, so aus dem Nichts, ein junger Bulle in unserer Richtung herangetrottet, baute sich einige Meter vor uns auf, und stierte uns mit gesenktem Kopf an. Ob er uns besser sehen wollte, ob er sich zum Angriff vorbereitete  -  oder ob es vielleicht überhaupt nur eine junge Kuh war, das konnten wir nicht entscheiden. Ich meinte, in jedermanns Kopf spielten sich die, in ungefähr gleichen, Szenen von Stierkämpfen ab. Es waren jedoch nur wenige Sekunden die unsere Schritte hemmten, dann sagte ich leise: "Vorwärts, keine Notiz nehmen!" und schritt voran. Ich bekenne, nicht in Richtung des Tieres, sondern in einer Richtung, welche möglichst weit an ihm vorüber führte. Meine Kommilitonen folgten mir, doch alle drei Köpfe drehten sich synchron, wie ferngesteuert, immer in Richtung Gefahr. In der Nähe des Koppelzaunes beschleunigten wir unsere Schritte, um dann elegant, unter den Balken, in Richtung Sicherheit wegzutauchen. Dieses Manöver wurde schon von den Männern beobachtet, und ich glaube ein anzügliches Lächeln, in wenigstem einen der Gesichter, gesehen zu haben.
Nun zurück zum Melkvorgang. Zwischen der Herde und der Nachtkoppel gab es zwei schmale, durch Längstlatten gebildete Korridore. An deren Enden, saßen auf Schemeln zwei der Schäfer, und ließen die sich drängenden Tiere einzeln passieren. Wenn es kein Bock war, schnappten sie es blitzschnell am Hinterbein und zogen es über den Eimer, um dann die paar Tropfen (so kam es mir vor) in den Eimer zu melken. Mich, uns, wunderte es jedesmal, daß sie wahrscheinlich keinen Fehlgriff taten, und sich nicht am männlichen Tier versuchten. Denn die äußeren Merkmale der beiden Organe schienen uns gleich.

Die Gastfreundlichkeit der Hirten, die Möglichkeit sich mit frischer Milch zu versorgen, und das weiterhin unbeständige Wetter, erleichterten uns die Entscheidung, hier einen weiteren Tag zu verbringen. Wir kochten unsere Mahlzeiten, schlenderten durch die nähere Umgebung und beobachteten die Arbeit der Schäfer. Denn hier bahnte sich, eine im Leben wohl einmalige Chance an, die Herstellung von Schafskäse zu beobachten.
Die Hütte hatte im Dach eine Öffnung. Unter dieser wurde jetzt ein kleines Holzfeuer entzündet. Dann brachten die Leute einen metallenen Kessel, eine Halbkugel von ungefähr 80 Zentimeter Durchmesser. Der Kessel wurde an ein paar Ketten über dem Feuer befestigt, und mit dem Inhalt einiger Milchkannen befüllt. Dann kam das Warten. Nichts tat sich, nur einer der Leute saß beim Feuerchen und paßte auf, damit es gleichmäßig groß blieb. Der Baca kontrollierte hin und wieder die Kesseltemperatur. Auf unsere Neugier wurde uns immer die gleiche Antwort zuteil: "Warten".
Dann endlich tat sich doch etwas. Der Baca murrte einige Worte in Richtung seines Helfers, und krempelte die Ärmel des Hemdes ganz hoch. Das Feuer wurde beiseite geschoben und die Arme des Bacas verschwanden in der milchigen Brühe. Dort vollzog sich etwas, was wir uns erst später erklären konnten. Nach einigen guten Minuten verlangte der Baca "das Tuch". Ein im Quadrat über ein Meter großes Flannel- oder Leinwandstück wurde seitlich in die Flüssigkeit geschoben und der Baca arbeitete weiter. Doch endlich bahnte sich das Ende auch dieser Arbeit an. Die vier Ecken des Tuches wurden zusammengefaßt, verknotet, und an einem Seil mit Haken aus dem Kessel gezogen. Eine ziemlich große Kugel, aus welcher die Flüssigkeit tropfte, nämlich der Käse, erschien vor unseren Augen. Jetzt wußten wir auch, was der Baca da vorhin in der Brühe tat: In der gerinnenden Milch hatte er die kleinen Käseteilchen zu einer großen Kugel verklebt. Diese hing jetzt am Haken und tropfte vor sich hin.
Plötzlich hatte auch das "Wasser" im Kessel seinen Namen: Zentyca, oder etwas verständlicher Schafsmolke, auch Schotte genannt. Und der Baca, wohl in guter Laune, nahm einen kleineren Topf, schöpfte diese Flüssigkeit aus dem Kessel, und bot mir das Getränk an. Ich war fast erschrocken, aber geistesgegenwärtig erklärte ich meine Appetitlosigkeit und trat schnell zurück. In gleicher Art und Weise reagierte Tadek dem jetzt der Trank angeboten wurde und der Baca, wahrscheinlich verwundert über unsere Absage, trat kopfschüttelnd an Kazik heran. In dem Moment muß ihm wohl der Gedanke gekommen sein, daß wir aus finanziellen Gründen so zurückhaltend sind, denn sein Gesicht erhellte sich merklich, und als er Kazik den Topf reichte, sprach er die vielsagenden Worte aus: "Trinkt doch junge Herren, trinkt, es kostet nichts" und ergänzte diese Aussage mit: "Die Zentyca bekommen sowieso nur die Schweine!" ...
Jedoch ließ ihm unsere Absage wohl keine Ruhe, hatte er uns vorher doch nur etwas Gutes tun wollen. Dabei aber auch seine Fähigkeiten, oder die Qualität der Ingredienzien, unter Beweis stellen. So ging er einen Augenblick später zu der tropfenden Kugel, und schnitt mit dem Messer ein Scheibchen von der Oberfläche, zerteilte es auf der Hand und bot jedem von uns ein Stück an. Nun, auch ich sah mich gezwungen, mein Stück entgegen zu nehmen und es vorsichtig an den Mund zu führen. Dann konnte ich schon überzeugend nicken, während meine Genossen ihr Gefallen an dem Produkt lauter und deutlicher artikulieren konnten. Ich spazierte zu dieser Zeit schon vor die Hütte und atmete tief durch. Der Konsum dieses Stückes Käse, nachdem ich dessen Herstellung hautnah miterlebt habe, war mir unmöglich. Ich blickte mich nach einem Ort um, wo ich das Stück verschwinden lassen konnte - da kam mir der große, neben der Wand liegende, Schäferhund gerade recht. "Dem wird es schmecken", meinte ich und warf ihm den Käse vor die Schnauze. Aber jetzt erlebte ich eine negative Überraschung. Dieses undankbare Tier neigte zwar den Kopf in Richtung meines Geschenkes, roch daran, legte dann aber wieder den Kopf auf seine Pfoten und döste weiter. Der weiße Käse blieb, weithin sichtbar, liegen und mir wurde es sehr unangenehm. Was wird sich der Baca denken, wenn er jetzt herauskommt? - Peinlich!
Deswegen bückte ich mich, um den Käse wieder vorsichtig an mich zu nehmen. Mein Vorsicht war nicht unangemessen, denn kaum war meine Hand in dessen Nähe, so hob dieses Ungeheuer den Kopf, knurrte und zeigte mir sein überzeugendes Gebiss. Ich gab mein Vorhaben sofort auf, und trat ein paar Schritte zurück, um zu überlegen. Doch in dem Moment änderte dieser weiße Bär seine Meinung, neigte den Kopf in Richtung Käse und ließ ihn mit einem Zungenschlag verschwinden.   Uff, ein Stein fiel mir vom Herzen!

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von den gastfreundlichen Hirten und zogen, mit dem schon trockenen Zelt, unseres Weges. Am Horizont - im Augenblick zwar noch nicht wörtlich - der höchste Berg der Bieszczady in Polen, der Tarnica. Oder wollten wir nur bis zu dem etwas niedrigeren Halicz??? Ich glaube, keiner von uns wußte es so genau. Jedenfalls wollten wir den südöstlichen Zipfel Polens unter die Füße bekommen, erfahren wie dort eine Grenze aussieht. Denn Grenzen waren damals etwas wenig alltägliches, im Kopf so etwas wie eine hohe Mauer. Und dort gab es sogar ein Dreiländereck: Polen, UdSSR und die Tschechoslowakei. Also marschierten wir, Kompass, eine alte Karte und unseren Verstand zu Rate nehmend, in Richtung des nächsten angepeilten Zieles: Ustrzyki Górne.
Wir mußten da einige Wasserläufe queren. Manchmal gelang das mit Sprüngen von Stein zu Stein, aber manchmal mußten wir die Schuhe ausziehen und durch das eiskalte Wasser des Flusses - nun ich will ehrlich bleiben - des breiteren Baches waten. Es war schon der späte Nachmittag, als wir uns der Ortschaft näherten. - Ortschaft? Zu jener Zeit wohl eine nur geschichtliche Bezeichnung. Denn die Anzahl der Einwohner war gleich 1 - wörtlich eine Person. Die Gebäude? Einige Baracken - oder habe ich hier übertrieben und die stallungsähnlichen Wirtschaftsgebäude mitgezählt? Und es war nur die Baracke, in welcher uns Asyl geboten wurde? Jedenfalls war sie für Touristen vorbereitet: Innen einige Räume mit knarrenden Fußböden, alle frisch mit Kreidefarbe gestrichen und mit Metallpritschen ausgestattet. Der Mann, der Bewohner dieses Ortes, war auch Verwalter der Unterkünfte, aber außer Stroh und Decken hatte er nichts zu bieten. Wir blieben also Selbstversorger, kochten unseren Tee, aßen und gingen schlafen. Vorher machten wir uns noch Gedanken über ein geheimnisvolles Tierfell, welches wir hinter der Wohnstätte des Mannes entdeckt hatten. Es war zum Trocknen auf einem großen Brett aufgespannt, und unsere Meinungen: Wolf, Wildschwein oder Bär, gingen auseinander. Jedenfalls waren wir so diskret, (oder gar ängstlich?), und frugen den Eigentümer nicht nach dessen Herkunft. Denn einiges deutete darauf hin, daß sie nicht rechtkonform war...
Jedenfalls hatte Ustrzyki Górne diese Nacht 4 Einwohner.

Am nächsten Tag ging es erst munter weiter, doch die Sonne und die hier ziemlich öde, steinige Umgebung, taten ihres. Während der Mittagspause kamen wir zu der Überzeugung, daß eine Kurskorrektur unserer Pläne wohl der klügere Ausweg wäre. Denn wenigsten zwei weitere Tage in dieser, hier absolut menschenleeren Einöde, ohne Versorgungsmöglichkeiten, schien uns zu risikoreich. Endgültig überzeugte uns die Bilanz der mitgeführten Lebensmittel, und dann fiel auch die männliche Entscheidung: Pa, pa, Halicz, wir ziehen in Richtung Norden!

Mit dieser Entscheidung ging es wieder leichter vorwärts. Denn auch die Umgebung wurde freundlicher, wir wanderten durch grüne Landschaften, und hatten bald die Gras- und Steinlandschaft des Vormittags vergessen. Die nächsten zwei Tage - bis hin nach Ustrzyki Dolne - blieben in angenehmer Erinnerung.
So kamen wir an den Fluß San, noch an dessen oberem Verlauf. Obwohl es etwas weiter schon eine Straße gab, meinte ich hier einen guten Platz für unser Nachtlager gefunden zu haben - und dieser Vorschlag wurde angenommen. Denn, so sagte ich, wir könnten versuchen, unten im Fluß ein paar Forellen zu fangen. Meine Genossen waren interessiert, aber hatten auch Vorbehalte. Darf man das überhaupt? Und wir haben doch keine Angel! Ich zerstreute diese Gedanken indem ich erklärte, daß wir doch gar nicht angeln wollen, sondern die Fische mit der Hand fangen möchten. Und das wäre bei diesem, nicht kristallklaren, Wasser gerade die richtige Methode. So ging es ab in den Fluß, wo ich die Technik erklärte: "Schön langsam gegen den Strom angehen und dann plötzlich mit beiden Händen unter einen, der im Wasser liegenden Steine greifen". So weit die Theorie - aber nach einigen Minuten, in denen wir zwar schon kalte Füße, aber keinen Fisch gespürt hatten, wollte ich gerade die Aktion abblasen. Ich dachte an einen warmen Tee beim Zelt - da schrie Tadek plötzlich auf - vor Schreck oder Emotion. Da hatte er doch wirklich einen Fisch geschnappt, war aber auf dessen Reaktion, und seine Glätte, nicht vorbereitet - und deswegen hatte der Fluß seinen Fisch sofort wieder.
Darauf haben wir uns dann doch aus diesem, uns so unfreundlichen, San zurückgezogen. So hatten wir bald einen heißen Tee, ein kleines Feuer, ... und ein Gesprächsthema.

Am nächsten Tag unserer Wanderung waren wir in Ustrzyki Dolne, einer damals kleinen, aber echten Ansiedlung. Dort konnten wir wirklich satt werden, und uns etwas umschauen. Den Abend und einen Teil der Nacht verbrachten wir in einem "Warteraum", um dann, am frühen Morgen, mit einem Bummelzug in Richtung Lesko zu fahren. Mit einem kurzen Marsch erreichten wir den Ort selbst, wo sich auch die Schleife unserer bisherigen Wanderung schloß.
So schauten wir uns nächsten Tag nach einer Mitfahrgelegenheit um. Wir wollten jetzt nach Cisna, dem Aufbewahrungsort unserer Räder. Aber nicht zu Fuß, auf der uns schon bekannten, löchrigen Straße, mit verhältnismäßig wenig landschaftlichen Reizen. Und bei diesem sehr, sehr, mäßigen Verkehr in Richtung Süden, waren wir glücklich, als wir von einem kleinen Lkw mitgenommen wurden. Es war wohl ein ZIL oder GAZ mit Plane, ein Eineinhalbtonner, welcher für die Post unterwegs war. Der Fahrer mit seinem Beifahrer saßen in der Kabine, wir und unser Gepäck, mit den Postsäcken hinten auf der Ladefläche.
Am Anfang der Fahrt nahmen wir artig unsere Plätze auf der klappbaren Seitenbank ein,und eine Weile ging es gut. Doch trotz der gekonnten Kurvenfahrt über die ganze Straßenbreite, fiel der Wagen doch wiederholt in eins der vielen Schlaglöcher. Das wurde für mein Rückgrat doch zu viel, ich stand also auf und hielt mich an der Rahmenkonstruktion für die Abdeckung. Bald standen wir dann schon zu dritt, mit gespreizten Beinen und Händen auf der Ladefläche - wie der vitruvianische Mensch des Leonardo da Vinci.
Doch etwas später wurde dem Fahrer die Kurvenfahrt wohl zu bunt, oder vielleicht wollte er uns nur imponieren - jedenfalls gab er Vollgas und fuhr stur geradeaus. Der Wagen sprang von Loch zu Loch, die Säcke wanderten über die Ladefläche und uns wollte es die Arme ausreißen. Es wurde eine Höllenfahrt, und mir kam der unlängst gesehene, französische Film mit Yves Montand in den Sinn, in dem er einen Tankwagen mit Nitroglyzerin über Südamerikas unwegsames Gelände, nur mit einer solchen Fahrt ins Ziel bringen konnte. Aber dabei hat der Regisseur wohl mächtig geflunkert - denn hier wäre er auf den ersten hundert Metern in die Luft geflogen.
Unser Kamikaze hatte zwar eine andere Ladung, aber unsere Befürchtung, daß wir von der Straße abkommen, bescherte uns eine ähnliche Angst. Im Gedächtnis hatte ich nämlich noch die Straße von unserer Hinfahrt: Kaziks Husarenritt und die felsigen Böschungen. - Erfreulicherweise hat das Auto ...und wir, diese Fahrt gut überstanden. Wir waren wieder in Cisna.

Unsere Räder waren noch da, und unser Dank gehörte dem Wirt. Als wir unser Gepäck verstaut hatten, waren wir wieder richtig mobil und konnten so Tadeks Vorschlag: unsere letzte Etappe mit einer exotischen Eisenbahnfahrt einzuleiten, auch folgen. Unser Weg führte uns gegen Westen, zu der Station einer Waldschmalspurbahn, welche die in dem hier eher unwegsamen Gelände, das Holz zur nächsten Normalspurbahn beförderte.
Diese Station war ein kleiner Verladeplatz mit einer Baracke, in der es auch ein Kassenfensterchen gab, wo wir uns pflichtgemäß anmeldeten, um drei Fahrscheine für uns und unsere Räder zu erwerben. Dann hatten wir noch einige Muße. Ein Zug wurde zusammengestellt, an dessen Ende eine leere Plattform und ein Personenwaggon - die wohl noch aus den K&K-Zeiten stammten - angehängt wurden. Für uns. Denn wir blieben die einzigen Passagiere. Wir versuchten, uns in diesem Waggon heimisch zu fühlen. Bretter zum Sitzen an den Längstseiten, Fenster imitierende kleine Löcher in der Wand, ein Dach über dem Kopf, das waren die Merkmale des Komforts, den wir frei genießen konnten.
Doch es hielt uns nur kurz in diesem Waggon. Schnell kamen wir zur Überzeugung, daß es auf der Plattform mit ihren niedrigen Wandungen bestimmt angenehmer ist. Man konnte die frische Luft Luft genießen, und hatte eine ungehinderte Aussicht auf die abwechslungsreiche, jungfräuliche Landschaft. So standen wir da, ließen uns den Wind durch die Haare blasen, und genossen das wohl im Leben einmalige Abenteuer einer solchen Fahrt. Weit vor uns schnaufte die Lokomotive, und zog ihre Last dem uns unbekannten Ziel entgegen. Wobei die Geschwindigkeit des Zuges im Prinzip nur ein wenig größer war als die, bei welcher man, neben dem Zuge gehend, hätte Pilze sammeln können.
Nach einer, oder zwei Stunden durch die (damals noch) weglose Gegend, war unsere Fahrt zu Ende. Wir befanden uns auf der Endstation, irgendwo in der Nähe von Łupkow oder Komańcza. Zwar mit mehreren Gleisen und vielem Holz, trotzdem menschenleer, ohne einem Laden, oder ähnlichen Anzeichen einer menschlichen Siedlung. Die Lösung unserer Probleme sahen wir nur in dem Weg vor uns, welcher in bewohntere Gegenden führen sollte. Ich sprach gerade vom Weg, sollte aber bald meine Meinung ändern. Vom Fahren war keine Rede mehr, auch das Schieben der Räder fiel immer schwerer. An meinem, mit Schutzblechen versehenem Fahrrad, blockierten die mit Lehm bekleisterten Räder, ich mußte ihn mit einem Stock entfernen. Doch auch der schlechteste Weg hat ein Ende - unserer mündete nach einigen Kilometern in eine normale, befestigte Straße.

Während ich das jetzt so schreibe, erinnere ich mich an des öfteren unbefriedigende Beendigungen verschiedener Erzählungen oder Kriminalromane, bei denen dem Schriftsteller womöglich schon die Ideen abhanden gekommen sind, um alle Fäden oder Konflikte des Buches, für den Leser zufriedenstellend zu lösen. Und er dann sein Werk etwas abrupt beendet.
In so einer Situation befinde ich mich jetzt plötzlich selbst. Aber nicht wegen meiner fehlenden Phantasie, sondern weil mir die letzten Etappen unseres Abenteuers schon ganz verschwommen in Erinnerung geblieben sind. Vielleicht deswegen, weil sie schon eintöniger waren?
Und so komme ich mit dem schnellen Abschluß meiner Geschichte womöglich jenen Lesern entgegen, welche ich mit der bisherigen Erzählung schon über Gebühr strapaziert habe? Dann hätte ich jedenfalls keine Gewissensbisse.
Denn ab jetzt fuhren wir, aßen, schliefen, fuhren weiter um dann irgendwann einfach zu Hause zu sein.



Und noch für all die, welche weitere Bilder aus jener Zeit sehen möchten:
- Erfolgslose Fischer.
- Suppenzubereitung.
- Ein schwieriger Weg. Kazik als Zeltträger.
- Andenken an Dabrowa
- Die Helden sind erschöpft - beobachtet vom Kazik
- Eine Aufnahme, welche an die traurigen Zeiten dieser Gegend erinnert
- Das "Haupt" unseres Abenteuers, Tadek.
- Entlang des Bergrückens, Kazik und Tadek.
- Ein abendlicher Spaziergang - nur wo war das?
- Nach dem Erwachen in der Hütte. - Kazik versucht das Problem seiner Schnürsenkel zu lösen.

Erinnerungen, welche ich im Frühjahr 2008 "zu Papier brachte".

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