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Die Schulzeiten


Inhaltsverzeichnis:
 1. Die Einschulung - Der erste Schritt in den Ernst des Lebens
 2. Das Fiasko - Ja, das mußte kommen ....
 3. Bergauf - Auch für bessere Tage gibt es einen Zeit
 4. Volksschule - Diesmal zwar in Polnisch ...
 5. Episoden - Zwei Anläufe zum Reifezeugnis, leider ergebnislose
 6. Eine Sonderschule - Die Schule, welche ich als qualifizierter Arbeiter verließ
 7. Das Technikum - Weitere Erfahrungen im Bergbau
 8. Polytechnikum - Meine höheren Weihen ...

  

Die Einschulung


Es war eigentlich ein wichtiger Tag in meinem Leben. Ob es ein einschneidendes Erlebnis für mich war, möchte ich nicht mehr beurteilen. Ich kannte die Schule schon von innen und außen. Hubert, mein älterer Bruder hatte dafür gesorgt und machte viel Getöse um diese Schule Die Eltern stimmten verhalten ein - wohl um mich auf meine kommenden Pflichten vorzubereiten. Dabei war die Schule kalt und nüchtern. Ein breiter Korridor, auf der einen Seite Fenster und auf der anderen jeweils vier Klassenzimmer. Drei Stockwerke, zwei Treppenhäuser aus Stein, metallene Geländer mit hölzernen Handläufen. Aus denen ragten hinterlistig metallene, kleine Kugeln, die eine Abfahrt auf dem Geländer wirksam verhinderten. Und damit ist wohl schon alles über die Schule gesagt worden. Denn so kalt und nüchtern wie das Schulgebäude, war auch die Atmosphäre in der Schule, waren die Lehrer. Jedenfalls sind sie so im Gedächtnis des neuen Schülers, Karl Mosler, geblieben.
So hatte die die ganze Angelegenheit für mich nur zwei Aspekte: Die zu erwartende Tüte mit Süßigkeiten und den Schulranzen. Alle bekamen ihn, ich also auch. Dieser Ranzen war der eigentliche Grund, daß ich mich mit dem zur-Schule-gehen abgefunden habe. Über den Ranzen sprach man schon seit geraumer Zeit im Haus. Ich wußte, daß er da war - aber meinem Zugriff entzogen. Durch die Indiskretion meines Bruders meinte ich zu wissen, daß es ein, mit einem Pferd verzierter, echter Lederranzen war. Da es Mutter indirekt bestätigte (man hatte schon zu jener Zeit das Gefühl für solche Sachen) nahm ich es als Faktum an und schwelgte angesichts dieses meines neuen Besitzes in angenehmen Gedanken. In meiner Phantasie war er aus dickem, gefütterten Leder, mit Seitentaschen und Fächern. Und einem fast inkrustierten Schimmel auf der Rückwand. Und dazu mein Eigentum!
Denn etwas sein Eigentum nennen zu können, das war für jene Zeiten schon ein Ereignis. Und das Roß, ja, es bäumte sich auf und wurde von Tag zu Tag schöner und größer. So wie es die Ritter hatten. Eigentlich sehnte ich mir jetzt schon den Schulanfang herbei.
Er kam und mein Traum war sofort zu Ende. Denn wie es im Leben so ist, die Phantasie ist gewöhnlich schöner als die Realität. So entpuppte sich der Ranzen als ein ganz profanes Stück. Vom großen, bunten Roß keine Spur; ein braver, kleiner, ins Leder gepreßte Ackergaul schaute von der Rückwand des Tornisters aus dünnem Leder ins Leere, und gab meinen Seelenzustand genau wider. Der Ranzen enthielt zwar die damals nötigen Utensilien: Schiefertafel mit Schwamm und Lappen, und dem Federkasten mit den Griffeln. Aber das diente in der Zukunft auch so wie so nur dem piesacken durch die Umwelt.
Meine Stimmung verbesserte sich auch nicht, als ich die Schultüte in Empfang nahm. Sie war nur aus Pappe, geklebt von unserem Nachbarn, und glänzte mit den gleichen Eigenschaften wie der Gaul....
Mein erster Schultag, die Schule überhaupt ein Reinfall also? Vieles, auch die Erfahrungen der nächsten Monate schienen dafür zu sprechen.

Trotzdem marschierte ich jetzt, als Schüler der ersten Klasse, tagtäglich um acht Uhr zur Schule. Auf dem Rücken den so ersehnten Ranzen, welcher mir eine so große Enttäuschung gebracht hatte. Darin eine in Holz gerahmte Schiefertafel mit dem daran angebundenen Schwamm und Tuch. Außerdem konnte man da noch das Lesebuch für die erste Klasse, den Federkasten mit Schieferschreibstiften, und manchmal auch ein Butterbrot finden. Der Schwamm war in ständiger Gefahr abgerissen zu werden, weil er doch morgens naß sein mußte und neben dem Ranzen am Schnürchen baumelte. Die Tafel war auf einer Seite liniert, jeweils drei Linien bildeten eine Zeile. Auf der anderen Seite gab es Kästchen, für den Rechenunterricht.
Das mühevollste in dieser Schule waren die Hausaufgaben. Viel Arbeit bei den einzelnen Buchstaben (denn damals schrieb man noch die Sütterlin-Schrift), um sie zwischen die richtigen Linien zu bringen. Sie nahmen einem die Zeit weg, welche man eigentlich interessanter gestalten wollte. Dabei konnte schon am nächsten Morgen ein mißgünstiger Schüler die ganze Arbeit mit einem Wisch kaputt machen, noch ehe der Lehrer sie zu Gesicht bekommen hatte. Ich zog diese Möglichkeit in Betracht, und ließ die Tafel schon vorab rein. Wovon die Eltern natürlich nichts wissen durften.  -  Es war schon ein schweres Dasein zu jenen Zeiten...

2004

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Das Fiasko


Es ist schon komisch. Die Eltern wollten einen guten Schüler, ich wollte zwar einer sein - aber die Wirklichkeit sah etwas anders aus. Die ersten Monate, sogar die erste Klasse hatte ich irgendwie hinter mich gebracht. Auch die Sütterlinschrift, fein säuberlich zwischen den vier Linien einer Zeile - alles auf der Schiefertafel - hat mich nicht geschafft. Ich konnte mich im Klassendurchschnitt halten und gleichzeitig meinen gewohnten, umfangreichen "Freizeitaktivitäten" nachgehen. Alles schien in bester Ordnung, denn weder fühlte ich mich durch die Schule extrem gequält, noch bemerkten meine Eltern, sagen wir mein Vater, unzureichende schulische Leistungen.
Der Knüppel kam im zweiten Schuljahr aus dem Sack: Nicht genug, daß die Sütterlinschrift aufhörte Normalschrift zu sein (das wurde jetzt die lateinische Schrift), so ging man auch von der Schiefertafel weg und verlangte, daß ich im Heft, mit Federhalter und Tinte schreibe! - Und um dem ganzen Übel die Krone aufzusetzen waren ab jetzt im Lesebuch nicht mehr einzelne Wörter oder Primitivsätze (die man schön auswendig lernen konnte), sondern ganze Sätze - sogar Kurzgeschichten!    Für Karlchen eine Zumutung.
Das Unheil ließ nicht lange auf sich warten. Der Klassenlehrer, Herr Niesel, war nicht mehr der Jüngste und wahrscheinlich verfügte er über die nötige Menschenkenntnis, um einen Fall wie den meinen, richtig einzuschätzen. Da ich beim Vorlesen zwei- oder dreimal nicht die richtige Figur machte - und das trotz seiner Ermahnungen, platzte ihm wohl der Kragen. Als er mich wieder bei einer fehlerhaften Rezitation (er wollte, daß ich lese) erwischte, schickte er einen meiner Kameraden in die Klasse meines älteren Bruders und ließ Hubert zu sich, d.h. in unsere Klasse kommen.
Ich fühlte mich sehr, sehr unwohl, trotzdem nahm das Verhängnis seinen Lauf: "Richte deinen Eltern aus ... und ... und ...". Dann die historischen Worte die bis heute in meinen Ohren klingen:
"Denn wenn es so weiter geht, schlag ich den Bengel zu Dreck!" Und das sagte er vor der ganzen Klasse!
Nun, so weit (mit "dem zu Dreck schlagen") kam es nicht. Mein Vater nahm ihm die Arbeit teilweise ab, meine Freizeit wurde drastisch begrenzt und ich büffelte mit Mutter über jedem, als Hausaufgabe bestimmten Lesestück. Wahrscheinlich wurde mein Können besser, aber womöglich auch war diese Geschichte dann doch ein Zusatzargument für meine Eltern, um mich nach Peiskretscham, zu Oma, Tante Trudel, Tante Eva und Onkel Karl abzuschieben. Vordergründig sagte man zwar, es ist wegen der besseren Versorgung auf dem Land, (bei Oma gab es Ziegen, ein Schwein, Gänse und Hühner), in Wirklichkeit aber ging es höchstwahrscheinlich um die strengeren Tanten, und deren besserer Beaufsichtigungsmöglichkeiten eines etwas widerspenstigen jungen Menschens.
Und so wurde ich aus meiner gewohnten Umgebung gerissen...

Aber vorher gab es in dieser Schule noch ein spannendes Ereignis.  -  Als Kind von den Eltern, als Schüler von den Lehrern: man wurde zur Sparsamkeit angehalten. Dem Zweck diente ein für mich angelegtes Sparbuch. Schon am 5. Februar 1940 wurde dem Schüler Karl Mosler, von der Stadtsparkasse Gleiwitz, Nebenstelle Toster Straße 25, das Sparbuch Nr. 1492,  mit gesetzlicher Kündigungsfrist und 2,5 % Zinsen, ausgestellt. Für die Schüler gab es täglich eine Möglichkeit zum Sparen. Da war so eine "Schulspardose" in Form eines Koffers mit einem Schlitz für den Münzeinwurf, jeweils ein Groschen und einem Hebel - wie ihn die heutigen Geldspielautomaten haben. Aber anstatt des eventuell vielen Geldes, bekam man nach dem Einwurf und Betätigung des Hebels einen Stempel mit einer 10 Pfennig-Abbildung auf einer Karte, welche jeder Sparer hatte, und welche er vorher in die entsprechende Öffnung reingelegt hatte. Dieser blaue Stempel gaukelte vor, daß die eingeworfene Münze selbst mit dem Stempelkissen in Berührung kam und dann abgebildet wurde. Jetzt stellte ich mir vor, daß alle eingeworfenen Münzen mit der blauen Farbe beschmiert waren...
Denn dann müßten sie alle von der Stempelfarbe gesäubert werden. Wie umständlich das war, wußte ich aus eigener Erfahrung mit so einem Stempelkasten meines Bruders. Drin waren Gummibuchstaben, die man sinnvoll zusammensetzen konnte, und machmal durfte ich das tun. - Aber zurück zum Koffer. Wenn er schon richtig schwer war, wurde er von zwei älteren Schülern zur Sparkasse getragen, denn die war direkt neben der Schule. Dort wurde das Geld wahrscheinlich gezählt und der leere Koffer kam wieder zur Schule. Alle Schüler, welche auf Ihrer Karte zehn Stempel hatten, konnten ihre Karte in der Sparkasse abgeben und bekamen dafür einen Eintrag über eine Reichsmark in ihr Sparbuch.
Der Koffer stand, wenn er nicht gerade durch die Klassen wanderte, im Lehrerzimmer, das mitten im ersten Stock über dem Ausgang zum Hof war. Einmal, als ich schon ein routinierter Sparer war und draußen gerade schönes Wetter war, gab es eine Aufregung: Der volle Sparkoffer war verschwunden! Die Lehrer liefen aufgeregt herum, die Schüler mußten in den Klassen bleiben. Die Gerüchte brodelten. Sie bekamen neue Nahrung, als wenig später ein Schupo in der Schule auftauchte. Wer wird jetzt verhaftet? Wer hat den Koffer zuletzt gesehen? Die Namen der Schüler die ihn getragen hatten wurden getuschelt. Der Schupo kam in die Klasse und frug, ob jemand während der ersten Stunde in den, im Hof stehenden Toilletenanlagen, war? Nein, aber es wurde klar, daß der Koffer schon gefunden war, leicht beschädigt, aber ungeöffnet. Den Dieben, die man niemals identifizieren konnte, fehlte das professionelle Können. Trotzdem bot dieser Vorfall, in der damals doch sonst so ereignislosen Zeit, noch lange den Gesprächsstoff.

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Bergauf


Die Anmeldeformalitäten in der Peiskretschamer Volkschule waren schon erledigt, als ich am kommenden Morgen "Paulchen", Paul Minkus anvertraut wurde. Er wohnte auf der gleichen Straße, und war in meiner zukünftigen Klasse. Paulchen geleitete mich dann zuverlässig in mein neues "Wirkungsgebiet". Das war die dritte Klasse, im ersten Stock auf der östlichen Seite, mit 25 Schülern. Der Klassenlehrer, Herr Kopietz war ein nicht zu großer Mensch, etwas untersetzt, mit rötlicher Nase und sichtbaren Äderchen im Gesicht. Er hatte eine Metallbrille mit runden Gläsern und machte einen strengen Eindruck. Sein Unterricht erstreckte sich über fast alle Fächer. Die Ausnahmen waren Religion und Zeichnen. Der neue Schüler wurde ziemlich selbstverständlich in Empfang genommen, einige Fragen gestellt, und ich war einer von vielen.
So wurde ich mit einem Mal, in einer neuen Umgebung, einer neuen Schule mit einem neuen Lehrer und neuen Klassenkameraden, ein neuer Schüler. Einer Schule die durch die ländliche Umgebung und die begrenzte Einwohnerzahl des Ortes geprägt war. Was sich sofort in meinem Schicksal niederschlug.
"Ach, ...der Mosler, ...das ist ihr Neffe?" bekam Tante Trudel zu hören, als sie sich bei Herrn Kopietz nach mir erkundigte. Sie kannten sich nämlich, weil er des öfteren seine Angelegenheiten auf der Post, wo wiederum meine Tante arbeitete, zu erledigen hatte. "Also dieser Bursche ist ihr Neffe, ...na den werde ich mir vorknöpfen". Ich ahnte nichts Schlechtes, als Tante später über ihr Treffen mit meinem Lehrer berichtete. Doch Ahnungen bestätigen sich des öfteren nicht, was ich zu meinem Leidwesen schon in diesen jungen Jahren erfahren mußte. Denn sie hatten wohl ein Komplott zu meinen Ungunsten geschmiedet.

Herr Kopietz nahm sich meiner an, im wahrsten Sinne dieses Wortes. Im Geiste lebte ich noch in Gleiwitz, zweite Klasse, Volksschule 6. Doch die Realität hieß Peiskretscham, dritte Klasse und Herr Kopietz! Seine Hauptaufmerksamkeit galt meiner Schrift, nun ich bleibe ehrlich: meiner Klaue. Seine Methode: Schreiben! "Also für morgen zwanzigmal den Satz: Schönschrift ist gut". Dann am nächsten Tag: "Das soll Schönschrift sein? Für morgen dreißigmal den gleichen Satz". Und so gings weiter.
Diese "Schönschrift" verkürzte meine, mir teure Freizeit erheblich, also versuchte ich etwas Schnellschrift hineinzubringen. Leider gefiel das dem Lehrer nicht. Als ich mein Fünfzigerkomplett in bekannter Form ablieferte, wurde ich vom Lehrer, Herrn Kopietz, nach vorn genommen. Dort erklärte er mir noch einmal den Sinn der Sache, dann legte er mich über die erste Bank und ehe ich mich versah, hatte er mir mit dem Rohrstock, den er plötzlich in der Hand hatte, drei oder vier Hiebe über den Hosenboden gezogen. Gespürt habe ich das sehr, sehr deutlich, doch weiß ich heute nicht mehr, ob er mich dadurch zu Tränen gezwungen hat. Es wäre zu jener Zeit, in jener Klasse, eigentlich nichts Außergewöhnliches gewesen.
Doch das Peinlichste kam noch. Ich hatte den Vorfall schon vergessen, als ich abends, nach dem Waschen in meinen Schlafanzug schlüpfte. Es geschah wie immer, in unserer Wohnküche, wo sich zu dieser Zeit praktisch alle Hausbewohner versammelten, so auch Onkel Karl. "Komm mal her" rief er plötzlich und zog mir meine Hose runter. Und alle konnten dunkelrote Striemen auf meinem Gesäß erblicken. Ich versank vor Scham, hätte mich am liebsten unsichtbar gemacht, doch Onkel Karl erkannte den Ursprung dieser Verzierungen sofort. Die Frage: "Was hast Du angestellt?"  war natürlich die Konsequenz dieser Erkenntnis. Na und was blieb mir übrig? Ich schilderte meine Schwierigkeiten mit dem Lehrer. Mit für mich unguten Folgen. Beide Tanten nahmen sich meiner Schönschriftübungen an; ich versauerte fast zu Hause. Das Positive: Meine Schrift wurde wirklich besser, und die Freizeitbegrenzungen fielen langsam weg.

Nicht weg waren die alltäglichen Schulprobleme, wobei eins davon bis heute präsent blieb. Der Zeichenunterricht. Dafür war Fräulein Seidel verantwortlich. Nicht mehr die Jüngste, und deswegen wohl ziemlich streng. Sehr streng sogar. Während sie zu uns sprach, etwas erklärte oder an der Tafel zeichnete, mußten wir natürlich mucksmäuschenstill sitzen, beide Hände auf dem Pult, die Daumen darunter. Wehe dem, den sie bei einer anderen Haltung erwischte. Dann kam sie stillschweigend auf den "Unaufmerksamen" zu, und zog ihm mit dem Lineal eins über den oder die Handrücken. Wenn man dem Schlag ausgewichen war, wurde es noch schlimmer, man bekam es doppelt. Dann, während wir zeichneten, saß sie gewöhnlich auf dem Pult der ersten Bank, die Füße auf der Sitzfläche, und beobachtete argwöhnisch ihre Schäfchen. Jegliche Gespräche oder Fragen an den Banknachbaren waren natürlich verboten. Trotzdem habe ich einmal, zwar ungewollt, aber notgedrungen dieses Verbot überschritten. Ich brauchte dringend den Radiergummi meines Freundes, welcher hinter mir saß...
Die Strafe folgte auf dem Fuß. Frl. Seidel kam mit gekräuselter Stirn auf mich zu, und sagte, wohl gerade gnädig gestimmt: "Die Hand!" Ich streckte ihr meine linke entgegen und bekam einen nur leichten Schlag auf die Handfläche. Das war selten, so daß ich ohne Probleme weiter zeichnen konnte. Es blieb für mich das einzigste Mal. Heute glaube ich, daß sie mir allgemein gütiger, als dem Rest der Klasse, gestimmt war. So war auch ich es, den sie auswählte, um ihr die Zeichenmappen nach dem Unterricht nach Hause zu tragen. Dafür bekam ich dann sogar paar freundliche Worte und manchmal auch einen Apfel oder etwas Süßes.
Ihrer Wohnung sah man es an, daß sie ein eifriger Befürworter des Systems war. Ob in der Partei, das weiß ich nicht - jedenfalls wurde ihr diese Wohnung 1945 wahrscheinlich zum Verhängnis. Die Sowjets haben sich ihrer angenommen.

Allgemein gab es für mich in den anderen Fächern immer weniger Beanstandungen. Mehr noch, ich wurde von meinen Kameraden bald als der Klassenbeste gehandelt. Obwohl es in der Schule keine Klassensprecher gab, war die Wirklichkeit anders. Auch in meiner III a gab es einen Kameraden, der bisher dank seiner Leistungen als der, welcher das Sagen hatte, angesehen wurde. Aber jetzt gab es auf einmal eine geteilte Meinung, es bildeten sich, (ohne mein Zutun), zwei Lager. Das führte in kürzester Zeit zu Spannungen, welche abgebaut werden sollten. Beide Lager einigten sich auf folgendes: Der alte ist zwar nicht besser, aber er ist schon immer mit uns gewesen. Während der neue wohl besser, aber erst kurze Zeit in unserer Klasse ist. Deswegen sollen männliche Qualitäten entscheiden! Ich wurde von dieser Klassenmeinung überrollt: Um eine nicht angestrebte Position zu kämpfen, sich prügeln, lag mir überhaupt nicht. Aber die Klasse entschied: Zweikampf, - und versprach sich wahrscheinlich ein unterhaltsames Spektakel.
Ich habe in den sauren Apfel gebissen, und eines Tages nach Schulschluß, zog die ganze Klasse, (es war noch nicht die IVa) , über die Felder, außer Reichweite jeglicher erwachsener Personen. Die Klasse hatte sich durch die unterschiedliche Meinungen geteilt, es gab zwei Lager. Jene, welche dem alten Klassensprecher treu blieben, und jene, welche mich da sehen wollten. In "meiner" Gruppe waren natürlich die Jungs von meiner Straße, Paul Minkus, Rudi Kosok und einige andere, wie Bernhard Hassa.
Meine Gefühle waren gemischt, trotzdem war ich gewillt, mein Bestes zu geben. Also wurde ein Stück Wiese und zwei Schiedsrichter(!), je einer aus jedem Lager, ausgesucht, dann noch Kampfregeln besprochen (nicht beißen, nicht kratzen, nicht treten). Aber da kam schon der erste Einspruch der Gegenpartei, mein Gegner war kleiner, hatte also schlechtere Chancen. Also stellte man ihn am Anfang des "Kampfes" auf eine erhöhte Stelle der Grasnarbe. Dann ging's los. Erste Runde: Faustangriff der dann sofort in Gestoße, Gerangel und dann Wälzen am Boden überging. Wegen mangelnder Aussichten auf eine Entscheidung in dieser Phase, griffen die Schiedsrichter ein und es kam zur nächsten Runde: Mit ähnlichem Effekt. Auch nach der dritten Runde wäre es nicht anders gewesen, wenn die Kampfhähne, schon etwas außer Atem nicht die Lust verloren hätten. Also fingen die Schiedsrichter an den Sieger zu küren: jeder seinen! Und fanden Bestätigung bei ihren Anhängern. Die Versammlung löste sich auf und es gab rege Gespräche auf dem Nachhauseweg. Doch ich hatte noch andere Probleme. Ich mußte versuchen, diesen oder jenen Kratzer zu vertuschen und meine Kleidung optisch in Ordnung zu bringen. Ich schaffte es, die Tanten schöpften keinen Verdacht: alles normal!
Normal verlief es auch in der Klasse. Die Diskussionen ebbten schnell ab und ich übernahm das Zepter des Klassensprechers.

Von Problemen konnte also keine Rede sein. Die schulischen Leistungen, meine Schulkameraden, das Umfeld zu Hause - alles stimmte einfach. So konnte ich getrost in die Zukunft schauen, und die hieß Gymnasium. Darauf wurde ich eingestimmt und konnte mir einfach nichts anderes vorstellen. Dazwischen kam noch ein feierlicher Tag, natürlich vorrangig aus der Sicht der Klasse. Es war der Geburtstag unseres Lehrers.
Aber auch der ging schnell vorbei, halt eben nur ein Tag.

Und auf einmal war ich schon im Gymnasium: neue Gesichter, neue Räume, neue Lehrer, neue Methoden. Das Gymnasium war ein älteres Gebäude mit großen Klassenräumen, ganz von Kastanien umgeben, aber ohne Luftschutzkeller. Gelernt habe ich dort nicht viel, und im Gedächtnis blieb mir nur die Marotte des Mathematiklehrers, der auf seinen Stunden die Sitzordnung der Klasse änderte: Die am schlechtesten abschneidenden Schüler ganz vorn, die besten hinten. Und ich konnte aus der letzten Bank so schlecht die Tafel sehen.
Aber der Unterricht fiel sowieso immer öfter aus, denn wenn schon am frühen Morgen der Kuckuck im Radio zu hören war hieß es: Luftangriffsgefahr und die Schüler wurden nach Hause geschickt. Zwar ging es in meinem Fall nicht nach Hause, sondern in die Felder. Aber unter diesen Umständen wurde meine schulische Ausbildung immer löchriger - der Unterricht fand im Winter 1944/45 fast gar nicht mehr statt.
In dieser Art und Weise, umrahmt vom Kuckucksruf und den Sirenen, endete meine deutsche Schulzeit, ja, mein offizieller Kontakt mit der deutschen Sprache in der alten Heimat.

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Volksschule


1945 war also auch mein Schicksalsjahr. Das Ende der Kindheit, die Flucht und dann die neue Gesellschaftsordnung. Vieles verstand ich damals nicht, trotzdem war das Bewußtsein, wieder in die Schule gehen zu müssen, vorhanden. Doch war die Umsetzung im Jahre 1945 noch kein wirklich ernstes Thema. Damals ging es noch ums Überleben. Einzelheiten werde ich wohl an anderer Stelle schildern so, daß wir hier direkt im späten Frühjahr 1946 landen. Die polnische Administration funktionierte schon soweit, daß den Eltern unsere Schulpflicht ganz realistisch klar gemacht werden konnte.
Und so stand ich eines Tages in "meiner" ehemaligen Schule Nr. 6, Ecke Toster- und Hegenscheidtstraße (die ich während des Krieges für Peiskretscham verlassen hatte) und übte, mit meinen deutschen Schicksalsgenossen, die polnischen Termini rund um Geburtsdatum, Wohnung und Eltern. Auch nach meinen Begriffen klappte das nicht besonders gut, weil doch "unsere" Sprache immer noch einheitlich, die deutsche war.
Doch dann war ich dran, nannte meinen Namen und sagte meine Sprüchlein. Prompt kam ich auch als Karol Mozler ins Schulverzeichnis, weil der Vorname automatisch polonisiert wurde, während der Nachname phonetisch nach meiner deutschen Aussprache festgehalten wurde. Und in welche Klasse? Natürlich sollte ich jetzt weiterhin, so wie zuletzt in Deutschland, in die fünfte gehen.
So kam es auch, daß ich im Alter von 13 Jahren noch in die fünfte Klasse kam, doch das wurde verhältnismäßig schnell korrigiert und ich beendete das laufende Schuljahr schon in der sechsten Klasse. Und nach den Ferien kam die siebente, ein Alptraum wenn es um Fächer ging, in denen die (polnische) Sprache vorherrschend war,...und auch einer, wenn es um meine Klassenlehrerin ging. Ihr Können, Aussehen und ihre pädagogische Vorbereitung ließen eher eine Fleischverkäuferin vermuten, trotzdem durfte sie ihre Mütchen an den Schülern, vorrangig den einheimischen, kühlen. Außer zwangsläufigen Fortschritten in der Sprache, habe ich in der siebten Klasse wohl kaum etwas gelernt.
Es war die Zeit, wo ich gezwungen war, mich in der neuen Gemeinschaft zu behaupten. Das war nicht immer problemlos, denn wir, die Einheimischen, waren in der Minderheit, und die Schatten des Krieges lagen allgegenwärtig über uns. Schimpfwörter, Tätlichkeiten und das Verbot der deutschen Sprache wurden bald als ein Fatum abgehakt. Ich versuchte das alles mit möglichst guten Leistungen zu überbrücken und kam im Schulalltag damit gut zurecht.

Zum Glück kam dann die achte Klasse und mit ihr eine neue Klassenlehrerin, für die ihr Beruf, auch ihre Berufung war. Kamila Cioroch, ein älteres Fräulein aus Ostpolen, (welches der Sowjetunion anheim gefallen war), lernte uns Polnisch, Geschichte und Englisch(!). Sie hatte Verständnis für die Einheimischen, kannte unsere Nöte und schlichtete Mißverständnisse. Auch die deutsche Sprache war ihr nicht fremd, trotzdem gebrauchte sie sie niemals im Unterricht. Auf dem Weg zur Schule durfte ich ihre Tasche tragen, und dafür den Lehrereingang zur Schule, für den sie einen Schlüssel hatte, benutzen. So kam es auch, daß während dieser Gänge die Unterhaltung manchmal in Deutsch geführt wurde.
Meine Polnischkenntnisse waren 47/48 schon so weit fortgeschritten, daß ich in allen Fächern gut mithalten konnte. Zum Glück war die russische Sprache noch nicht eingeführt und so erwarb ich damals meine Grundkenntnisse im Englischen. Und interessant aus heutiger Sicht: der Geschichtsunterricht beschränkte sich auf die ganz alten Zeiten in denen sich das erste polnische Staatswesen etablierte, auf die Zeiten der Könige und Kreuzritter. Die neueste Geschichte Polens stand noch nicht fest. Denn die Einheitspartei und mit ihr die endgültige Staatsform mußten erst geschaffen werden.

Aus heutiger Sicht kam das Jahr 1948 sehr schnell und mit ihm das Ende meiner Volksschulzeit. Mit dem Zeugnis der achten Klasse verließ ich die Schule, gleichzeitig aber auch die Schüler der siebenten Klasse, denn von nun an gab es eine Siebenklassenvolksschule: Es war die erste Schulreform in der Volksrepublik.

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Episoden


Zu jener Zeit, es war das Jahr 1950, hatte ich meinen Kindheitswunsch, Förster zu werden, noch nicht ganz abgeschrieben. Meine Umgebung drängte mich in Richtung Schule, obwohl ich schon längst selbst zu dieser Überzeugung gekommen war. Eine Forstschule gab es weder in Gleiwitz noch in der näheren Umgebung. Und es war wahrscheinlich, daß ich in dieser auch keinen Unterhalt bekäme, und von zu Hause auf diesen nicht rechnen konnte. Letztendlich war ich doch schon seit zwei Jahren berufstätig, und sorgte für meinen, (und teilweise auch den meiner Familie), Unterhalt. Das erleichterte mir den Entschluß nach einer Abendschule in Gleiwitz Ausschau zu halten.
Ich weiß nicht, von welcher Seite der Ratschlag kam, aber ich bewarb mich im Gymnasium und fing dort auch im Herbst meine "Lehre" an. Doch hier klärte mich eine Lehrerin, ungefähr zwei Wochen später auf: Wenn Du schon (im Büro) arbeitest, solltest Du eine andere Schule besuchen. Z.B. ein Technikum, dessen Abschluß ein Reifezeugnis krönt, aber welches gleichzeitig auch theoretische Berufskenntnisse vermittelt.
Na ja, da es ein solches Technikum nur zwei Häuser weiter wirklich gab, und beide Schulen keine Probleme in der Umschreibung sahen, war ich in den nächsten Tagen, alles noch im Herbst, Schüler des Finanz- und Handelstechnikums in Gleiwitz auf der Coseler Straße.

Also ging es jetzt tagtäglich nach der Arbeit, anstatt nach Hause, in die Schule. Eine Schule für Werkstätige. Ich war, so glaube ich, der Jüngste in dieser Gesellschaft. Zum Unterrichtsanfang kam unser Klassenlehrer, das Klassenbuch unter den Arm geklemmt, (er hatte eine Unterarmprothese), stellte sich neben das Katheder, und sagte diese zwei Worte: "Zum Gebet". Stehend sprachen wir gemeinsam und laut ein kurzes Gebet. Dann kamen das Wort "setzen" und der Unterricht begann. Das war das Ritual. Dann vier Stunden täglich all das, was mehr oder weniger interessant war.
Denn da war damals, z.B. das Kopfrechnen noch eine wichtige Kunst. Die Grundsätze für das schnelle Addieren von langen Zahlenspalten, welche ich mir damals angeeignet habe, nutze ich noch heute. Außerdem der Polnischunterricht. Für mich eine ganz wichtige Angelegenheit, denn meine theoretischen, aus der Volksschule herausgetragenen, Kenntnisse waren bescheiden, sehr bescheiden. In diesem Fach hatte ich auch mein erstes "literarisches" Erfolgserlebnis.
Die Lehrerin brauchte wohl etwas freie Zeit, deswegen sollten wir einen Aufsatz verfassen, Jugenderinnerungen oder etwas in diesem Sinne. Und ich wurde für meinen Aufsatz über einen treuen Jugendfreund, der sich im Laufe der Erzählung als Schäferhund entpuppte, gelobt.
Und es gab dann noch solch uninteressante Fächer wie "politische Ökonomie", oder "russische Sprache". Warum dieses letzte Fach so empfunden wurde, weiß ich bis heute nicht genau. Es war so eine Grundstimmung in der Klasse, die auch mein Unterbewußtsein prägte. Es sollte in der Zukunft ähnlich bleiben, denn diese Sprache war halt die erste Pflichtfremdsprache in allen Schulen Polens. Das mag ein Grund gewesen sein. Der andere, daß ich noch eine weitere "Fremdsprache", aus ganz praktischen Gründen perfektionieren mußte: die polnische.
Viel Interessantes gibt es aus dieser Schule nicht mehr zu erzählen. Doch eine grundsätzliche Ausnahme wäre zu machen. Da saßen doch in der ersten Bank zwei Mädchen, junge Mädchen. Beide dunkelhaarig, beide immer fröhlich, öfters tuschelnd. Bald wußte ich, daß die eine Polin, während die andere mit lockenden Rundungen und markanter Nase eine "Hiesige" war.
Das weibliche Geschlecht interessierte mich damals schon, nur hatte ich außer der einen oder anderen platonischen Liebe überhaupt keine Erfahrungen mit Mädchen. Auch hier wurde es für mich schwierig: immer waren die Beiden zusammen. Bis dann irgendwann eines Tages nur "meine" zur Schule kam. Ich faßte die Gelegenheit beim Schopf um, mit womöglich gut unterdrückter Aufgeregtheit, ihr meine Begleitung für den Nachhauseweg - in die kühle Nacht hinein - anzubieten. Sie nahm es an und es wurden daraus noch viele dieser Wege bis, ja bis ich auch diesmal, die Schule frühzeitig beenden mußte...

Nun, und wo bleibt die Begründung für diese Ausnahme im uninteressanten Schulalltag? Also, ich begleite dieses Mädchen, diese Frau, Mutter und Großmutter noch bis heute - und das wäre eigentlich der Grund, der die ganze Erzählung rechtfertigt.



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Eine Sonderschule


Klingt der Titel nicht anrüchig? Ich weiß, heute ist die Terminologie etwas geschmeidiger. Man sagt nicht immer das, was man sagen könnte oder möchte: die politische Korrektheit fordert ihren Tribut. Als ich noch zur deutschen Volksschule ging, gab es auf dem gleichen Hof eine Hilfsschule, für geistig zurückgebliebene Kinder. Wir trafen uns nicht auf den Pausen, denn sie hatten diese zu anderen Zeiten, trotzdem schaute man auf diese Kinder mit anderen Augen. Man wußte, daß dort anders gelehrt wird, daß es weniger ist und, daß die Schule schneller aus ist.
Genau dies wollte ich mit diesem Titel umschreiben. Was? Die Schule die meine Ausbildung zum "qualifizierten" Untertagearbeiter übernommen hatte. Ich würde diese meine Erzählung niemandem glauben - wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte.
Meine fruchtbare Tätigkeit in Breslau wurde durch die Berufung zum Arbeitsdienst (der fiel unter die Wehrpflicht) wiedermal jäh unterbrochen. Ehe ich mich versah, wohnte ich in einem Mannschaftszelt, trug eine verlodderte Arbeitskleidung, und schaufelte tagtäglich an einem großen Graben: dem Kanal, der die Weichsel mit dem im Bau befindlichen, sozialistischen Hüttenkombinat "Nowa Huta" verbinden sollte. Die Arbeitsbedingungen waren schwierig, die Nächte schon sehr kalt, das Essen fatal - also alles, um sich wo anders hin zu wünschen. Diese Situation war wohl den Seelenkäufern bekannt, die sich im Lager einfanden, und, natürlich in staatlichem Auftrag, junge Leute suchten, die sich einem, im Endeffekt noch schwierigerem, Beruf widmen wollten. Für den Preis einer Unterschrift konnte man den Arbeitsdienst quittieren und von heute auf morgen in geregelten Verhältnissen wohnen und in einer Schule lernen. Einer Vorbereitungsschule für den Bergbau.

Nun, ich war nicht der Einzige, der sich für diesen Ausweg entschieden hatte. Womöglich aber der Einzige, der ganz klare Vorstellungen über den weiteren Verlauf seiner Edukation hatte, und der es im Endeffekt auch geschafft hatte, diese Vorstellungen zu realisieren. Denn ich wußte zwar, daß die Bergbauindustrie auch weiterbildende Schulen unterhält. Schulen mit vollem Unterhalt in denen man das Reifezeugnis - gleich Eintrittskarte auf ein Hochschulstudium - erlangen konnte. Aber ob es mir gelingt? Davor und dazwischen lagen noch viele Wenn und Aber...
Wir waren jedenfalls ein stattlicher Trupp, der sich - noch in der (Ausgangs-)Kleidung des Arbeitsdienstes - schon am nächsten Tag in der Schule in Dabrowa Gornicza einfand. Hinter unserem Gruppenführer - der sein Handwerk fast so beherrschte, wie der Mann aus Hameln. Hier stellte es sich als erstes heraus, daß uns die Kleidung, in der wir waren, erhalten bleibt. Für mich ein ganz positiver Moment, davon jedoch später.
Vorläufig hatten wir erst einmal frei. Man versuchte Ordnung ins Ganze zu bringen. Gut, daß es schon etwas zu essen gab. Dann konnte ich mich hier umschauen. Der "Schulgebäudekomplex" war eine Ansammlung von Baracken aus der Kriegs- oder Nachkriegszeit, die in einer Senke zwischen Industriegeröllhalden lag. Überhaupt nicht malerisch. Trotzdem sollte es mein Zuhause für die nächsten vier (Winter-)Monate werden.
Irgendwann hatte man dann etwas Ordnung in diese Jungemännerschwemme hineingebracht, ich war einer Klasse zugeteilt, hatte einen Erzieher, und einen für die ganze Klasse gemeinsamen Schlafraum. Wegen des reichlich vorhandenen Platzes waren hier die Betten, eigentlich doppelstöckige Pritschen, nicht übereinander, sondern nebeneinander aufgestellt. Und wir erfuhren das für uns Wichtigste: den Ausbildungsplan. Hier schien alles eindeutig und geregelt. Drei Tage in der Woche Unterricht, dann drei Tage Praktikum unter Tage. Ansprechspartner: der Erzieher. Wir besichtigten unseren Klassenraum, und erhielten eine höchstpersönliche Einleitung von unserem Schuldirektor. Das war unsere erste ...und für längere Zeit letzte Unterrichtsstunde: Die Einweisung für das anstehende Praktikum, die Vorsichtsmaßnahmen unter Tage und unsere Pflichten.
Der Erzieher weckt uns, dann Frühstück und um 5:15 Abfahrt, mit für den Personentransport vorbereiteten LKWs, zur Grube.

Denn die Hauptaufgabe der Schule, so konnte ich mich nach kürzester Zeit überzeugen, war das pünktliche Angebot von zwar unqualifizierten, aber pünktlichen, Hilfsarbeitern für die umliegenden Gruben. Hier also erhielt ich mit vielen anderen "Schülern" die Feuertaufe, präziser hier kam ich zum ersten Mal im Leben unter die Erde.
Es waren gemischte Gefühle die mich beschlichen als ich in den Förderkorb stieg, welcher dann wenig später in die Finsternis abtauchte. Die Leere im Bauch war nur vorübergehend, doch das Gefühl sich tief unter der Erdoberfläche zu befinden, verstärkte sich in dem Maße in dem ich aus dem lichten und weitem Querschlag in Schachtnähe, in niedrigere und schmälere Gänge kam, vorbei an Förderbändern und elektrisch beleuchteten Knotenpunkten, an denen sich Förderbänder trafen. Dann war es für einen Augenblick etwas anheimelnder. Doch nur kurz, denn irgendwann war ich an meinem Bestimmungsort, wurde eingewiesen und meine Arbeitsschicht fing an. Die Arbeiten, natürlich eher Hilfsarbeiten, waren unterschiedlichster Natur.
Des öfteren waren es Säuberungsarbeiten: ich bekam eine Schaufel in die Hand gedrückt und hatte dafür zu sorgen, daß ein bestimmter Abschnitt neben dem Transportband begehbar blieb, d.h. herabgefallene Kohle mußte zurück aufs Band. Am kritischsten war die Arbeit an den Umschüttstellen, weil dort größere Brocken nicht unbedingt sofort auf dem nächsten Band weiter transportiert werden wollten und erst einmal hinunterfielen. Trotzdem war die Arbeit gewöhnlich nicht die schwerste, eher langweiligste, weil man über Stunden allein nur mit seiner Funzel und seinen Gedanken ausharren mußte. Es war die Zeit, wo man über vieles nachdachte - in den ersten Wochen waren es vorrangig Gedanken zum Thema: Berg, Sicherheit, Gefahren und ...hoffentlich ist die Schicht bald vorbei. Während dieser "Denkpausen" hatte man es sich gewöhnlich auf einem Stück Brett bequem gemacht (der Fels war zum Sitzen zu kühl) und mußte nur aufpassen um nicht einzuschlafen...
Das war aus zwei Gründen wenig empfehlenswert. Erstens bemerkte man dann einen sich anbahnenden Kohlenstau nicht und das gab großen Ärger: die zusätzliche Arbeit und den, gelinde gesagt, Unmut der Kumpel, wenn das Band angehalten werde mußte und die Förderung stillstand. Einen nicht viel kleineren Ärger gab es auch, wenn man vom Steiger beim Schlummer - um den es doch bei der Eintönigkeit der Geräusche nicht schwierig war - überrascht wurde.

Grube, Bergbau, Förderungsmethoden, dies alles sollte uns, den angehenden Bergleuten während der Schulzeit wahrscheinlich näher gebracht werden. Die Wirklichkeit aber war eine andere. In der Grube gab es zwar persönlichen Anschauungsunterricht, jedoch Erklärungen, Zusammenhänge, Grundlagen dieser oder jener Vorgehensweise blieben Mangelware. Niemand unter Tage war daran interessiert, "wissenshungrigen" jungen Leuten, etwas zu erklären - oder erklären zu können. So wunderte ich mich in den ersten Tagen über den festen Sandboden auf dem wir uns bewegten. Darüber hing dann mal mit, mal ohne Zwischenraum die Kohle des Flözes. Ich versuchte mir zu erklären, wie es zu Urzeiten, zu dieser Konstellation gekommen war: reiner Sand und darüber die unregelmäßige Fläche des Kohlenmassivs.
Erst viel später reimte sich alles zusammen: Wir befanden uns in der obersten Kohleschicht des Flözes "Reden", dessen untere Schichten schon gefördert worden waren, und der schöne, reine und helle Sand waren der Versatz, der die dadurch entstandenen Hohlräume auffüllte! Ein schönes Märchen über den Ursand auf dem ich mich bewegt hatte, war geplatzt. Später lernte ich dann noch selbst sehr anschaulich die Methoden für den Dammbau und das Verfüllen kennen. Am anschaulichsten, wenn bei einer Panne der Sand nicht da hinkam wo er hinkommen sollte und ich gezwungen war im Eiltempo die Schienen- oder anderen Transportwege freizuschaufeln...

Aber zurück zur Theorie. Dafür waren die drei Tage in der Woche bestimmt. Es gab sogar einen Stundenplan, den wir in den ersten Tagen pflichtbewußt einzuhalten versuchten. Doch bald stellte es sich heraus, daß für dieses Fach, aber auch für jenes "vorläufig" ein Lehrer fehlte. Dann hatten wir frei und durften Schach, Halma oder Mühle spielen. Manche bevorzugten Karten oder lungerten einfach auf dem Gelände herum. Anfangs war ich manchmal dabei, doch schnell kannte man die nähere Umgebung und die Sache wurde uninteressant, vor allem der Witterung und unbefestigten Umgebung wegen.
Für mich wurde schnell klar, daß es deutlich bessere Möglichkeiten zur Verbringung der "freien Zeit" gibt - nämlich Gleiwitz. Da war meine Familie ...und nicht nur sie. Also konnte ich mir nach eingehender "Analyse" des Stundenplanes und der Anwesenheit von Lehrkräften, jede Woche neben dem Sonntag noch ein, zwei oder sogar drei freie Tage zusammenbasteln an denen ich, mit Zustimmung des Erziehers, der Schule und dem Internat fernblieb. Die einzige Auflage war dann immer die Pflichtanwesenheit beim nächsten Praktikumstag.
Die Entfernung nach Gleiwitz betrug um die 50 km und das war die Hauptschwierigkeit. Zum Glück konnte man die Strecke auch mit der Straßenbahn überwinden: Dabrowa Gornicza - Bedzin, Bedzin - Sosnowiec, Sosnowiec - Königshütte, Königshütte - Gleiwitz, eine schöne Reise. Zwar mußte ich da dreimal umsteigen und eine Summasummarumfahrzeit von rund 6 Stunden in Kauf nehmen, dafür aber gab es einen sehr günstigen Tarif für Angehörige des Arbeitsdienstes: Eine Linie, 1,5 Stunden Fahrzeit für 15 Groschen - ein symbolischer, aber deswegen erschwinglicher Preis.
Im Arbeitsdienst war ich zwar nicht mehr, aber die Uniform hatte ich noch... Und weder der Schaffner noch der Kontrolleur fragten mich jemals nach dem Ausweis!
Viele Stunden meiner Schulzeit verbrachte ich so in Gleiwitz und das mit deutlich besserem Gewinn, als wenn ich im Internat gesessen hätte. Doch dann irgendwann hatte die Schule auch einen Lehrer, für dieses oder jenes Fach, ausfindig gemacht. Und so ging es manchmal auch zum Unterricht. Doch spottete dieser eigentlich jeder Beschreibung. Ein Teil der angehenden Bergleute hatte deutliche Schwierigkeiten mit dem Schreiben, und auch die Lehrer waren eher zufällige Persönlichkeiten. So auch nicht verwunderlich, daß die Perzeption anderer, zu vermittelnder Inhalte, z.B. in "Berufsfächern", von denen es praktisch nur ein einziges gab, entsprechend niedrig war. Ich hatte da wirklich nichts zu lernen. In diesem Sinne kam mir dann auch die Schulpraxis entgegen: der Unterricht fiel nicht nur wegen mangelnder Lehrkräfte aus. Auch mit der Heizung der Klassenräume gab es Probleme und deswegen war es noch einfacher, einen Hausurlaub zu bekommen. Natürlich nur bis zum nächstfälligen Praktikum ...!
Für meine damaligen "Heimatausflüge" bekam ich u.a. wohl auch deswegen so problemlos eine Erlaubnis, weil der Erzieher, mir gegenüber, ein schlechtes Gewissen hatte. Da war nämlich die Sache mit meinem Photoapparat. Ein wertvolles Stück für mich. In den ersten Wochen meines Internataufenthaltes hatte ich den Apparat bei mir und deponierte ihn beim Erzieher, natürlich nicht ohne ihn vorher über die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen beim Hantieren mit dem Apparat zu informieren. In seinem Zimmer war ein abschließbarer Schrank für die Wertsachen der Schüler, und deswegen meinte ich den Apparat dort gut aufgehoben.
Nur nach der Entwicklung des ersten Filmes, noch mit Bildern von Zuhause, und solchen aus dem Internatleben, mußte ich leider feststellen, daß die erste Hälfte des Filmes schwarz war. Ein Schock. Ob der verlorenen Bilder und dem kaputten Film. Der kostete nämlich Geld, für mich viel Geld. Eindeutig war der Apparat aus dem Etui herausgenommen, und geöffnet worden... Der gute Mann, der wahrscheinlich noch nie einen Apparat in der Hand gehabt hatte, beteuerte seine Unschuld. Aber versuchte dafür später immer meinen Wünschen entgegen zu kommen. Gut, nur der Apparat blieb dann schon zu Hause.

Die Heimaturlaube verkürzten die Schulzeit effektiv, also kam auch das Ende der Ausbildung ziemlich schnell: Es war im Januar 1952. Das Endzeugnis verschweigt die Anzahl der Unterrichtsstunden, listet aber die einzelnen Unterrichtsfächer, und die Ergebnisse der Prüfung durch die staatliche Prüfungskommission, auf: Praktischer Unterricht - sehr gut, Produktionswissen - sehr gut, dann noch Polnisch, Mathematik und andere Fächer, die aber schon moderater beurteilt.
Das Interessanteste an dieser Angelegenheit war, daß es eine solche Prüfung niemals gegeben hat, und die Anzahl aller Unterrichtsstunden während der viermonatigen Schulzeit, ungefähr fünfzehn, maximal aber zwanzig betrug. Und daß ich nicht ein einziges Heft hatte, und während dieses Unterrichts vielleicht zwei- oder dreimal zu Worte kam. Wie dann das Prüfungsergebnis entstanden ist, bleibt wohl ein Geheimnis der Kommission. Ich kann nur vermuten, daß mein Erzieher maßgeblich daran beteiligt war - denn mit ihm hatte ich doch jede Woche mindestens ein Gespräch geführt ....

Jedenfalls war ich ab nun ein qualifizierter Untertagearbeiter!

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Das Technikum


Meine, während der Arbeit auf der Gleiwitzer Grube, unternommenen Bemühungen hatten gefruchtet, und ich wurde im Spätsommer 1952, zu der Aufnahmeprüfung im Bergbautechnikum Nr. 2, in Hindenburg, "eingeladen". Dafür bekam ich sogar einen freien Tag, und begab mich mit viel Herzklopfen zu dieser Prüfung. Glücklicherweise waren meine Bedenken total überflüssig: seitens der Schule gab es keine Bedenken gegen den angehenden Schüler Karol Mosler!
Es blieben mir noch einige Nächte in denen ich zwar unter Tage arbeitete, in Gedanken aber schon meinen neuen Lebensabschnitt auskostete. Dann kam der letzte Arbeitstag, die letzte Ausfahrt, die letzte Dusche inmitten der nackten Kumpel, und der kurze Abschied von "meinem" Häuer. Auch die Formalitäten, der Papierkram, verliefen schnell und reibungslos. So war ich plötzlich, zum ersten Mal seit meinem Volksschulabschluß, auch wieder arbeitslos. Doch die Aufnahmebescheinigung des Technikums samt Zusage eines Stipendiums hatte ich in der Tasche!

So war ich schon am nächsten Tag in Hindenburg, erledigte die Formalitäten (Fragebogen!) in der Schule, wie auch meinen Platz im dem ungefähr ein Kilometer entfernten Schulinternat. Erst jetzt erfuhr ich, daß dieses Technikum speziell für herausragende Arbeiter, ehemalige Schüler der Bergberufsschulen bestimmt war, und deswegen alle Schüler, deren Heimat über ganz Polen verstreut war, im Internat wohnten. Mehr noch, bald stellte es sich heraus, daß ich der einzige Schüler war, der aus dem deutschen Schlesien stammte. Das Interessanteste, daß hier - in Hindenburg - niemand auf den Gedanken kam, mich der deutschen Volkszugehörigkeit zu verdächtigen. Weil ich auch meine deutschen Sprachkenntnisse für mich behielt, war ich auf einmal, für mich ganz ungewohnt, ein Pole unter seinesgleichen. Deswegen auch blieben mir für die nächsten Jahre alle Unannehmlichkeiten, denen ein Hiesiger eigentlich ausgesetzt war, erspart. Natürlich wußte der Schuldirektor, der eine oder andere Lehrer, mehr über meine Herkunft, doch ich bekam das höchstens ansatzweise negativ zu spüren.

Die ersten Schultage in Hindenburg waren abwechslungsreich und teilweise emotionsgeladen. Ich wurde in die erste Klasse aufgenommen und wohnte mit den anderen Schülern der Klasse in einem Saal, mit doppelstöckigen Betten und einigen Tischen in der Zimmermitte. Die Spinde, so wie beim Militär, standen im Korridor, der Waschraum mit vielen Steingutbecken, und praktisch nur kaltem Wasser, neben den Toiletten im Tiefgeschoß. Alles zwar ziemlich spartanisch, doch dies wurde durch die komplette Versorgung aufgewogen: Kleidung aus amerikanischen Armeebeständen und Essen in der im Haus befindlichen Kantine.
Aber zurück zu diesen Tagen. Die ersten Unterrichtsstunden, verschiedene Lehrer, erste Einführungen in verschiedenen Fächern, alles kommt mir etwas primitiv vor. Doch ehe mir das so richtig zu Bewußtsein kam, wurde ich zum Direktor beordert. Nach einem kurzen Gespräch stand fest, daß ich eine Zwischenprüfung ablegen sollte, um in die zweite Klasse versetzt zu werden. Mit den naturwissenschaftlichen Fächern hatte ich keine Probleme, es war eine Formsache. Problematischer wurde es bei den Fächern Polnisch, Literatur und Geschichte. Glücklicherweise war meine Prüfungslehrerin für diese Fächer, eine gebildete und pedagogisch erfahrene Frau, die nach einem längeren Gespräch, trotz einiger grober Schnitzer meinerseits, zur Überzeugung kam, daß ich in der zweiten Klasse gut mithalten kann, und meine Lücken auch ergänzen werde. Sie erfuhr natürlich auch etwas über meine deutsche Vergangenheit, behielt es aber wahrscheinlich für sich. Womöglich war das sogar ein Pluspunkt in ihren Augen, der ihr Urteil über meine Eignung zur Umstufung beeinflußte? Schade nur, daß sie die Schule alsbald verließ; sie war wohl für diese Aufgaben überqualifiziert...
Jedenfalls war ich jetzt, schon nach einigen Tagen, in einer neuen Klasse: der 2a. Ich kam in eine schon zusammengewachsene Gemeinschaft und erfuhr eine kritische Aufnahme. Vor allem in der neuen Wohngemeinschaft im Internat. Da gab es schon die Wichtigen unter meinen jetzigen Klassenkameraden, die das Sagen hatten, oder haben wollten. Und ich war nicht nur neu, ich verhielt mich auch anders. Denn ich konnte das Internat verlassen: nach Gleiwitz war es nur eine halbe Stunde mit der Straßenbahn...
Eine Rückkehr zu späterer Stunde war dann zwar mehr den Moralwächtern unter den Schülern, als dem Portier, der mich ins Internat ließ, ein Problem. Und übers Wochenende war ich sowieso in Gleiwitz.
Das, und andere Akklimatisationsprobleme, gehörte jedoch schnell der Vergangenheit an. Nämlich dann, als es sich herausstellte, daß ich im Unterricht mitreden kann. So war wohl mein Kurzerlebnis mit dem Mathematiklehrer, entscheidend für meine neue Stellung in der Klasse, ...und später auch in der Schule. Hatte sich doch der Lehrer bei der Beschreibung von Regelmäßigkeiten in Vierecken, eine fehlerhafte Formulierung erlaubt. Da ich seine Aussagen mitverfolgte, wurde ich darauf aufmerksam, und meldete Bedenken an. Ich wurde zur Tafel gerufen und konnte meine Beanstandung beweisen - peinlich für den Lehrer, aber mit gravierenden Folgen für mich: Ich wurde im Mathematikunterricht niemals mehr aufgerufen und hatte bis zum Schulende ein "sehr gut" in allen Zeugnissen gepachtet.

Zu meinem guten Ruf als Schüler trug auch mein Interesse an der Elektrik bei: praktisch im Internat, wo ich bald als Spezialist für nicht funktionierendes Licht oder Lautsprecher gehandelt wurde - aber auch im Unterricht. Elektrotechnik wurde schnell mein Lieblingsfach, nachdem ich in der Schulbibliothek das didaktisch wunderschön anspruchsvolle Buch von E. Rhein, "Du und die Elektrizität" ausgemacht habe. Natürlich (wir sind im Jahre 1952) in Polnisch, und charakteristisch für die VRP nur mit einem lakonischen: "Übersetzt durch ...", aber ohne Originaltitel oder Hinweis auf die Originalsprache. Während der Lektüre erhärtete sich natürlich mein Verdacht auf eine deutsche Herkunft des Buches, doch konnte ich das erst viele Jahre später schwarz auf weiß erfahren, nämlich in Deutschland.
Doch zurück zur Elektrotechnik. Unserer Lehrer, eigentlich Dozent des Gleiwitzer Polytechnikums, hatte mir die Schlüssel für den Physikraum anvertraut, und mich mit den Vor- und Nachbereitungen für den jeweiligen Unterrichtstag beauftragt. Das sparte ihm Zeit, doch für mich war das eine Auszeichnung, aber auch Herausforderung. So sah ich es auch, als für die nächste Woche das Thema: Gleichrichter und ein Experiment mit einer Quecksilbergleichrichterröhre auf der Tagesordnung stand. Obwohl die Theorie zu diesem konkreten Thema noch nicht behandelt war, wußte ich aus meinen "privaten" Studien schon so viel, daß ich mir die Zusammenstellung der Versuchsanordnung zutraute. Ich kam entsprechend früher zur Schule, klaubte die Trafospulen, Stellwiderstände, Volt- und Amperemeter und die notwendigen Leitungen zusammen,, und verband das alles mit den Elektroden der großen, für Demonstrationszwecke gebauten Gleichrichterröhre. Es war ein, für unsere Verhältnisse, imposantes Leitungsgewirr und meine Mitschüler schauten entsprechend verständnislos darauf.
Etwas später kam der Lehrer. Im ersten Augenblick blickte er auf mein Werk wie die Schüler auch, doch dann kamen von ihm einige halbanerkennende Worte, er skizzierte die Sollanordnung auf der Tafel und verglich sie mit dem Aufbau. Zum Schluß schüttelte er verwundert den Kopf, bestätigte die richtige Anordnung und ging zum normalen Unterricht über. Für mich war es der zweite Freifahrtsschein in der Schule.

Ähnlich positiv verlief für mich auch der Unterricht in den restlichen Fächern, die Bestnote wurde auf meinen Zeugnissen dominant. Entsprechendes "Ansehen" genoß ich unter meinen Kameraden und den Lehrern. Mit einer Ausnahme.
Der Lehrer im Fach "militärische Erziehung" gehörte einer anderen Schule an, bei uns war er Gastlehrer. Auch von ihm bekam ich bisher, fast selbstverständlich, immer ein "sehr gut". Bis zu dem Zeugnis, welches nach einem Mannschaftsschachspiel zwischen unserer und seiner Schule fällig war.
Er spielte in deren Mannschaft, und war dort der Favorit, während ich, in unserer Mannschaft, zum Mittelfeld zählte. Das Los entschied, daß ich mit ihm spielte. Es waren, wie immer bei diesen Spielen, viele Zuschauer und ein allgemeines reges Interesse am Verlauf der einzelnen Spiele, und der Punkte die wir sammeln konnten. Neben ihm saß seine Frau, viele seiner Schüler schauten ebenfalls zu. Ich hatte mir keine allzu großen Hoffnungen gemacht, und ging deswegen ziemlich unbesorgt ins Spiel. Nach dem Eingangsgeplänkel entstand eine Situation, wo ich auf einmal meinen Vorteil roch. Ich erreichte eine, bei mir nie dagewesene, Geisteskonzentration, in der ich vier Züge im voraus das Aus für meinen Gegner erblickte. Er tat dann auch den nächsten, durch mich erhofften Zug, sah meine Antwort und wurde stutzig. Eine lange Überlegenspause fiel an. Während seine Frau ihm noch aufmunternde Worte zuflüsterte, erahnte er schon das Desaster. Und es kam, für ihn das Matt und später für mich die Note in seinem Lehrfach. Obwohl sie für mich mit "gut" immer noch im grünen Bereich blieb...

Die Schule war für mich die eine Seite des Lebens in Hindenburg. Die andere war das Internat. Und die Erinnerungen von da sind vielschichtiger und diffuser. Gleich am Anfang, in den ersten Wochen wurde in mein Spind (in andere zwar auch) eingebrochen, und neben verschiedenen Kleinigkeiten, auch mein Rasiermesser entwendet. Es war ein herber Verlust: das Erbstück von meinem, vor kurzem verstorbenen Vater, mit dem ich meinem harten Bartwuchs beikommen konnte. Und dann der fade Nachgeschmack einer solchen Erfahrung: in dieser Gesellschaft leben zu müßen.
Mit den damals im Handel erhältlichen Rasierklingen hatte ich Schwierigkeiten, die Rasur war schmerzhaft und ich war des öfteren zerschnitten. Blieben für mich also importierte, entsprechend teuerere Klingen; Rotbart war eine solche Marke.
Die Gesellschaft in der Schule unterschied sich verhältnismäßig wenig von der, welche ich aus der Grube kannte. Viele meiner Schulkameraden hatten keine besonderen Vorstellungen in Hinsicht auf die Hygiene. Entsprechend unappetitlich waren viele Situationen die aus dem Leben im Gemeinschaftssaal resultierten. Ebenso die Toiletten. Die Putzfrauen kamen da nicht nach und die Ausstattung unterlag einer ständigen Devastation.
Eine Episode blieb mir im Gedächtnis. Wegen fehlender oder schmutziger Klobrillen versuchten manche diesen Zustand zu umgehen, indem sie sich mit den Füßen auf den Rand der Kloschüssel stellten und in dieser Stellung ihre Bedürfnisse erledigten. So auch dieser Unglücksrabe, dem die Schüssel unter den Füßen wegbrach und er dann mit dem bloßen Hinterteil in die aufragenden Reste der Schüssel fiel. Der Notarztwagen brachte ihn ins Krankenhaus...

Der große Vielzwecksaal des Internats war in den Nachmittagsstunden für die Heimarbeiten und das Eigenlernen reserviert. Ruhe war angesagt und auch räumliche Trennung der einzelnen Arbeitenden war realisierbar. Ich nutzte öfters die Zeit, um meine Korrespondenz nach Deutschland, zu meinen Tanten, zu erledigen. Natürlich mußte ich das konspirativ machen, denn meine Deutschkenntnisse behielt ich während der ganzen Schulzeit, (mit angesprochenen Ausnahmen), für mich. Ich hatte also immer ein großes Heft dabei in welchem ich den Briefbogen, durch einfaches Umblättern, verstecken konnte, wenn jemand auf mich zukam. Das geschah ziemlich oft, denn meine Erklärungen waren gefragt. Das Problem für mich war die sprachliche Umstellung, um einen Bittsteller nicht ungewollt mit einem deutschen Satz zu überraschen. Nun, es hat immer geklappt und ich war für diese Menschen, wie schon angemerkt, einer von ihnen.

Deswegen war das für mich in manchen, noch zu beschreibenden Situationen, peinlich. Alle meine Schulkameraden waren älter als ich, und durch die Bank Kandidaten oder Mitglieder der Partei (PZPR). Ich ragte da wie ein Fremdkörper heraus, umso mehr, da ich als guter Schüler, ein so schlechtes Beispiel in politischer Hinsicht gab.
Da waren also die Aktionen. Viele Wochen, sogar Monate während meiner dreijährigen Schulzeit wurde in den umliegenden Gruben gearbeitet. Immer, wenn es Probleme mit der Planerfüllung gab, rief diese oder jene Grube an, und die Genossen aus dem Technikum, eine Klasse oder auch die ganze Schule, wurden täglich (oder nächtlich) zur Arbeit abgeholt. Für einige Tage, eine Woche oder sogar einen Monat.
(Daß man dabei auch nichtalltägliche Erfahrungen sammeln konnte, habe ich in zwei Geschichten beschrieben. Für 15 Minuten praktisch blind sein, oder auch in der Geschichte mit dem Gas.)
Ähnlich wurde die Aktivität der doch schon erwachsenen Schüler von städtischen und parteilichen Institutionen geschätzt. Auch da gab es öfters Bedürfnisse, und die gesellschaftlich hoch motivierte Schule half. So brachten die anfallenden Wahlen viel Arbeit für Schule und Schüler. Schon Wochen vorher wurden wir auf die bevorstehende "Agitation" der Wähler vorbereitet. Es gab zwar nur eine Liste, die "gewählt" werden konnte, trotzdem legte man viel Wert darauf, daß sie gewählt wurde. Deswegen hatten wir, zu je zwei Schülern, einen bestimmten Bereich oder Straße der Stadt, in dem wir die Bewohner von all den Vorzügen der "Volksdemokratie" überzeugen, und so zur Wahlteilnahme und dem richtigen "Wählen" überzeugen sollten. Wir, die Schüler mit elementarem Schulwissen, und absolut einseitigen politischen Kenntnissen. Wenn man dazu all die "Argumente" des durch die Volksrepublik geschaffenen sozialen Umfeldes rechnet, waren unsere Chancen für eine überzeugende Agitationsarbeit ziemlich mies. Entsprechend fühlte ich mich auch vor jedem Gespräch, und war im Inneren zufrieden, wenn uns wieder eine Tür vor der Nase zugeschlagen wurde, oder ein gewachsener Bergmann uns mit saftigen Worten in die Ferne verwies. So wußte auch mein Partner bald wo es hier langgeht und hatte keine Einwände, wenn ich unsere Besuchsgespräche zu einem informierenden Satz über den Termin der stattfindenden Wahlen reduzierte. So hakte ich auch diese Episode ab.
Gleichzeitig lief in der Schule die Arbeit an der Verwandlung, der Klassenräume im Parterre, zu Wahllokalen. Neben den obligatorischen Tischen für die Wählerlisten, den Sitzgelegenheiten und dem Platz für die Urne, gab es auch, oh Wunder, eine Wahlkabine! Weil es doch laut Grundgesetz auch "geheime" Wahlen sein sollten. Nur eine Tücke der Kabinen blieb ihren eventuellen Besuchern vorab verborgen: Sie wurden nämlich innen und außen mit gewöhnlicher Kreidefarbe angestrichen, was sich bei einer Nutzung unbedingt in verschmutzter Kleidung niedergeschlagen hätte. ...Aber wer wollte schon etwas anderes, als die eine, einzige, vorgeschlagene Liste der Nationalen Einheitsfront wählen???

Dann noch eine (für manche wohl) peinliche Angelegenheit rund um das Bespitzeln von verdächtigen Personen. Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den imperialistischen und revisionistischen Feind, wurden die ideologisch richtig stehenden Schüler in die Kirchen, (den praktisch einzigen Orten für von der Partei nicht kontrollierten Versammlungen), geschickt, um dort zu lauschen. Vorrangig aber, die Gesinnung der einzelnen Priester zu ergründen. Leider blieb auch mir, zum Glück aber nur ein einziges Mal, diese Mission nicht erspart. Gut, ich konnte also legal einem Gottesdienst beiwohnen, und in einem konspirativen, schriftlichen Bericht, ein Negativergebnis festhalten. Es war für mich damals eine ganz neue Erfahrung: die Praxis solch allgemeiner Bespitzlungen.
In einem aber wurde ich durch diese Aktion indirekt bestätigt. Ich war für die Organisatoren dieser Handlungen ein vertrauenswürdiger Bürger der Volksrepublik...

Die Schulzeit verlief also abwechslungsreich und schnell. Schon in der dritten Klasse wurde ich durch mein Engagement im Nachhilfeunterricht, und dem allgemeinen Ansehen welches ich in der Schule genoß, durch einen Wohnungswechsel ausgezeichnet. Mit einigen Kameraden konnte ich in einer unweit gelegenen, zur Schule gehörenden Villa, ein Vierbettzimmer beziehen, und so der allgemeinen Internatatmosphäre entgehen. Zu dieser Zeit bekam die Schule auch einen neuen Direktor, einen alten Pädagogen, der mich bald unter seine Fittiche nahm. Ihm hatte ich weitere Freiheiten zu verdanken, später wurde er sogar zum Vermittler bezahlten Nachhilfeunterrichtes.

Dann kam die Zeit der letzten 100 Tage vor der Reifeprüfung und ein aus diesem Anlaß organisiertes Fest. Mit Tanz, Essen und Trinken. Vor allem aber kam das letzte zur Geltung, und ich, eigentlich Antialkoholiker, mittendrin. Viele meiner Mitschüler meinten sich in meiner Schuld und kamen mit einem Gläschen: "Zur Gesundheit", oder irritiert: "und mit mir willst Du nicht trinken?" Es wurde bewegt und bunt. In den Morgenstunden verabschiedete ich mich von der Gesellschaft, und ließ mit von Helene, meiner damals schon angetrauten Frau, heimlotsen: Straßenbahn Nr.3, Straßenbahn Nr.4 und dann noch ein schönes Stückchen bis nach Haus. Zum Glück habe ich das alles gut überstanden, obwohl ich soviel Alkohol, wie in dieser Nacht, während meines ganzen bisherigen Lebens nicht getrunken hatte. Es blieb auch der größte Schwips meines Lebens.

Dann kam der Tag der Reifeprüfung. Theoretisch sollte er mir keine Überraschungen bringen, trotzdem ließ ich mich etwas, von meinen weniger überzeugten Kameraden, mit einem mulmigen Gefühl anstecken. Im Turnsaal des Internats war alles für unsere "Hinrichtung", wie von manchen befürchtet, angerichtet. Für jeden Schüler ein einzelner Tisch in gebührendem Abstand zu den anderen. Wir setzten uns, auf den für uns bestimmten Platz, und dann kam die feierliche Eröffnung der Prüfung, und des ministerialen Umschlags. Darin waren zwei Auswahlthemen aus dem Fach Polnisch. Was ich damals geschrieben habe, weiß ich nimmer. Jedenfalls war ich entsprechend früh, und mit guten Ahnungen fertig.
Ähnlich, aber deutlich weniger hektisch für mich, ging es am nächsten Tage zu - bei den Prüfungen in Mathematik und Physik. Aber dann war es auch schon.
Es gab eine Abschlußzusammenkunft der Absolventen, und nur für ganz wenige die ungute Nachricht einer zusätzlichen Prüfung. Für den großen Rest gab es das Reifezeugnis und gute Wünsche für die zukünftige Berufslaufbahn.
Für mich zusätzliches Lob für das einheitlich "sehr gut"e Zeugnis und ein amtliches Diplom eines vorbildlichen Schülers und Aktivisten. Das sollte eigentlich schon der Freibrief für die Hochschule sein ...?

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Polytechnikum


"Eigentlich", schrieb ich da gerade. Nun, es sollte sich herausstellen, daß meine Zweifel nicht grundlos gewesen waren. Bei den Dokumenten, welche mir die Hochschule, nach meiner Anmeldung, zukommen ließ, war auch die Benachrichtigung, daß in diesem Jahr, auch die Inhaber eines "Ehrendiploms", die Prüfung im Fach Mathematik ablegen müssen. Kismet, dachte ich mir. - Nun und wirklich, es erwischte mich ziemlich kalt. Die schriftliche Prüfung ging eher daneben, deswegen mußte ich mich noch einer mündlichen stellen. Hier war mir das Glück schon hold. Mein Examinator war zwar jung, aber höchstwahrscheinlich schon psychologisch erfahren: er schaute nicht aufs Detail sondern sah mich als Ganzes. (!)
Das war auch meine Chance, denn so konnte ich am nächsten Tag meinen Namen, auf der Liste der zum Studium qualifizierten Bewerber, lesen. Vor den Listen am schwarzen Brett, in der Halle des Neubaus auf dem Krakauer Platz in Gleiwitz/Gliwice, herrschte reges Treiben: man sah viele zufriedene, aber auch einige düstere Gesichter. Meins war freudig, weil ich doch gerade diesen großen Schritt in meinem Leben geschafft hatte. Zwar wohl etwas spät, denn wir schrieben schon das Jahr 1955, ich war 22 Jahre alt, und frisch verheiratet. Nun, aber dafür hatte ich schon einige gute Jahre Berufs- und wohl auch Lebenserfahrung. Deswegen auch sah ich meine Zukunft trotzdem in ziemlich rosigen Farben.
Diese gute Stimmung in jenem Augenblick ließ mich auch kontaktfreudiger sein, als ich es gewöhnlich bin. So kam ich mit einem jungen Mann ins Gespräch, der in einer ähnlich positiven Stimmung war. Wir unterhielten uns auf Anhieb sehr gut miteinander. Es stellte sich wenig später heraus, daß wir in der gleichen Studiengruppe sind, und noch etwas später, nämlich in den folgenden 50 Jahren, daß wir: er Thaddäus/Tadeusz Rodzoń aus Rzeszów, und ich aus Gleiwitz, ganz gute Freunde wurden und es auch heute noch sind. Trotzdem wir fast immer weit voneinander lebten und leben. Doch davon an anderen Stellen.

Eine Überraschung erwartete die ganze Gruppe gleich am Anfang: Obwohl der Ausländeranteil an der Bevölkerung der Volksrepublik sehr, sehr gering war, fanden sich in unserer Gruppe gleich 5 Exoten, denn so konnte man "unsere" Koreaner getrost nennen. Aus einem ganz anderen Kulturkreis kommend, zeigten sie auch ganz andere Mentalitäten. Erst sahen sie alle für uns gleich aus, doch bald stellte es sich heraus, daß jeder von ihnen eine andere Persönlichkeit ...und auch Aussehen mit sich bringt. Doch das alles kam erst mit der Zeit.

Der Ernst des Studiums fing für mich mit den Vorlesungen im Fach Mathematik an. Mathematische Induktion anhand von Beispielen an Folgen und Reihen. Alles Begriffe, die ich nicht einmal vom Hörensagen kannte, dementsprechend deprimierend wirkten die Lesungen auf mich, aber ganz konkret bekam ich es bei den Übungen zu spüren. Ich hinkte hinter dem laufenden Unterrichtsmaterial her, kaum hatte ich das eine ungefähr im Griff, wurde ich mit der nächsten Themengruppe schon wieder erschlagen. Unsere Assistentin, die kleine, schwarze Olga, stand während der Übungen nicht einmal vor mir, schaute zu mir auf und äußerte dabei ihr unenthusiastisches Urteil über mein Können. Ich mußte das hinnehmen, trotzdem es unangenehm war. Dafür aber stachelte es meinen Ehrgeiz an.  -  So konnte ich im Laufe der Wochen meine "weißen Flächen" in der Mathematik kontinuierlich verkleinern - leider reichte es noch nicht für die erste Semesterprüfung. Es war ein bitterer Schlag, dieses "Ungenügend". Aber das "befriedigende" Ergebnis im zweiten Anlauf versöhnte mich wieder mit meinem Schicksal, und ich konnte unbelastet ins zweite Semester starten.

Nun, aber nicht für alle ging es so glimpflich aus. Die damalige Studienordnung war ziemlich rigoros, eine fehlende Prüfung bedeutete im besten Fall eine Rückstufung in ein niedrigeres Jahr. So erwischte es auch knallhart unseren ersten Koreaner, Pak-San-Am. ( Hier mit dem "kleinen" Kazik) Er mußte nach dem ersten Semester heim. Ein lieber Bursche, aber den Anforderungen der Hochschule nicht gewachsen. Das hatte wahrscheinlich etwas mit dem in Nordkorea praktizierten Auswahlverfahren zu tun. In der Gruppe der Auslandsstudenten sollten doch auch Parteimitglieder und die Arbeiterklasse vertreten sein....
Seine Kollegen hielten sich wacker bis zum Studiumende, so auch der mir am nächsten stehende (und intelligenteste), Tian-Dok-Jun. Er stammte aus einer besseren Familie, deswegen hatte er sein Auslandsstudium nur seinen überdurchschnittlichen, geistigen Gaben zu verdanken. Er, aber auch die anderen äußerten sich sehr wenig zu ihren Familien und dortigen Verhältnissen - es herrschte eine von oben kontrollierte Atmosphäre gegenseitiger Bewachung. Die Gruppe in Gleiwitz war ziemlich straff organisiert und auch die Botschaft in Warschau interessierte sich für die Freizeitbeschäftigung ihrer Bürger. Für außerplanmäßige Aktivitäten mußten sich unsere Kollegen immer eine Erlaubnis holen, dafür hatten sie ihre Aufsichtsperson - einen der Studenten. Für kurze Besuche galt das wohl nicht, denn Tian Dok Jun hat mich nicht einmal zu Hause besucht.
So war es z.B. für uns kaum vorstellbar, daß die Jungs nicht Fahrrad fahren konnten. Tian hat es erst mit Lenis Rad gelernt. Auch vieles andere in unserem Alltag mag damals für die Koreaner nicht selbstverständlich gewesen sein, trotzdem sich die fünfziger Jahre in Polen noch ziemlich bescheiden darstellten.
Eine kleine Episode illustriert die damaligen Verhältnisse. Auf den Straßen zeigten sich aufgerüstete LKWs, mit je zwei konusförmigen Behältern zum Transport von Schüttgut, hier Zement. Die Behälter zierten zwei großbuchstabige Wörter, jeden eins, welche auf den Inhalt hinwiesen: "Zement ohne Verpackung", polnisch: "CEMENT LUZEM". In einer Pause zwischen Vorlesungen stehe ich also mit Tian am Fenster, 50 Meter vor uns die Breslauer Straße. Und da rollt hin und wieder einer dieser LKWs vorbei. Tian nachdenklich zu mir: "Cement, daß weiß ich, aber was transportieren die da in dem zweiten Behälter?"

Das erste Studienjahr sollte für mich ein Schicksalsjahr bleiben in dem es sich entschied, ob ich den auf mich zukommenden Aufgaben gewachsen bin. Vom Gefühl her ging es mir im zweiten Semester schon deutlich besser, ich hatte mich eingelebt und gravierende Ereignisse, sprich mich belastende Forderungen, blieben aus. So steuerte ich ziemlich entspannt den Semesterprüfungen entgegen. Nun, ich hatte es eigentlich gut vorausgesehen: es gab gute bis sehr gute Noten ...bis auf ein Fach.
Mechanik hieß es. Im Laufe des Semesters lief alles wie am Schnürchen, Übungen und Vorlesungen. Da dieses Fach auch meinen Interessen entgegenkam, dachte ich, dachte auch mein guter Freund an nichts Böses, als wir uns im Juni zur schriftlichen Prüfung meldeten. Mit uns ungefähr 100 andere Studenten. Doch dann kam die (böse) Überraschung. Nämlich Aufgaben aus anderern, als bisher behandelt, Themenkreisen. Anders formuliert, anders dargestellt, mit anderen Lösungswegen. Ich wurde sehr nervös. Machte halbherzig die eine oder andere Aufgabe. Dann suchte ich Rettung bei meinem Freund, den ich in diesem Fach doch als besser einschätzte. Hatte der doch in seiner Laufbahn schon ähnliche Aufgaben gelöst. Doch Fehlanzeige. Nach einigen Blickkontakten (er saß schräg hinter mir) mußte ich erkennen, daß er sich in einer ähnlichen, wie ich, Verfassung befand. Nach dem Motto, daß ein Ertrinkender auch nach dem Strohhalm greift, forderte ich seine Version der Lösung einer Aufgabe mit einer Malerleiter. Irgendwie konnte er mir seinen Lösungsansatz übermitteln, und ich, im Anfall einer Torschlußpanik, schrieb diesen Blödsinn auch ab.
Das Ergebnis der Prüfung war voraussehbar, und für uns beide negativ. Es war ein Durchhänger mehr für mich, als für meinen Freund. In den Ferien nämlich hatten wir mit Leni unsere "Hochzeitsreise" - ein Jahr danach - mit dem Rad durch Ober- und Niederschlesien geplant. Jetzt sollte sie ins Wasser fallen? Ich ließ Leni von meinen Skrupeln nicht allzuviel wissen, und beschloß, daß doch nach den Ferien auch noch Zeit für einen zweiten Anlauf ist! Recht hatte ich damals, denn es wurde ein erlebnisreiches und schönes Unternehmen für uns beide. Danach Semesteranfang, zweiter Anlauf und fast möchte ich sagen: "Wie anders sollte es denn sein?" gab es für mich ein "sehr gut" im Fach Mechanik, Semester Nr. 2.

Damit aber ist über dieses Semester noch nicht zu Ende berichtet. Hier möchte ich noch die Geschichte einer anderen Prüfung nachschieben, die gleich unter zwei Aspekten betrachtet werden kann. - Politische Ökonomie war ein Fach, welches bei niemandem Emotionen auslöste. Der Name war ein Kryptonym für alle politischen "Wahrheiten" des Sozialismus, welche einem Schüler oder Studenten vermittelt werden sollten. Jetzt aber waren wir im Jahr 1956 mit all seinen, teilweise außergewöhnlichen Erscheinungen im politischen Leben des Landes. Man hatte die Vorlesungen weitestgehend ignoriert, die Pflichtübungen - je nach persönlichem Rückgrat - ähnlich und stand jetzt, zum Semesterende, plötzlich vor der Notwendigkeit, einen Eintrag über eine erfolgreiche Prüfung in seinem Studienbuch vorweisen zu können. Na, "dann Feierabend" war (nicht nur) meine Stimmung. Als ein Termin für die Prüfung bekanntgegeben wurde, fand ich mich zwar vor dem Saal ein, aber dachte da eher an ein Reinfühlen, Auskundschaften, um dann bei einem zweiten Termin mit mehr Chancen dabei sein zu können. Ich kannte ja nicht einmal die auf den Vorträgen behandelten Themen, geschweige konnte ich etwas dazu referieren. Und aus den paar Übungen welche ich besucht habe, hatte ich gerade den Eintrag für die Zulassung zur Prüfung herausgetragen ...
So stand ich in der Menschentraube vor der Tür des Saales, und horchte auf das was da erzählt wurde. Meine Stimmung wurde dadurch zwar nicht besser, eher paßte sie sich der Allgemeinstimmung an. Alle standen herum, und fast niemand dachte ans Hineingehen. Ich war gerade neben der Tür als sich diese plötzlich öffnete, und der Examinator drei Delinquenten zu sich bat. Sich in diesem Augenblick zurückziehen, wäre wohl falsch gewesen. Mit Desperation, mich selbst nicht erkennend, tat ich den Schritt über die Schwelle. Vor dem Schreibtisch des Examinators standen drei Stühle, der mittlere, etwas weiter hinten, so wie in einer zweiten Reihe. Ich belegte ihn.
Dann fing es an. Die erste Frage an den Studenten vor mir rechts. Der probierte etwas zu formulieren, fand aber nicht den richtigen Faden. Die Frage an die Studentin links vor mir: eine falsche Antwort. Die Frage ging jetzt an mich. Und ich hatte schon etwas zum Verarbeiten: Einen Faden, eine falsche Antwort, eine Reihe von allgemein bekannten Weisheiten zum Thema Sozialismus im Hinterkopf, und dazu meine Kombinationsgabe. Gut, sagte der Mann nach meiner Äußerung. In mir fiel die riesengroße, innere Unsicherheit ein klein wenig. Aber da kam schon die zweite Frage: Student, Studentin, ich - genau nach dem gleichen Szenario wie die erste. Meine Antwort kam schon sicherer und selbstbewußter. Und wurde als richtig anerkannt. Dann, als die dritte fiel, und sich alles fast identisch wiederholte, wurde es mir leicht zu Gemüte. Ich dachte noch nicht an ein Ende der Prüfung, als mein Studienbuch angefordert wurde, ein Eintrag stattfand und der Examinator es mir mit den Worten: "Danke, das genügt" zurückgab. Ich bedankte mich und verließ, nein, ich schwebte aus dem Saal. Als ich dann draußen in mein Studienbuch schaute und ein "sehr gut" vorfand, schwebte ich wirklich. Ja nicht einmal den Fragern rund um mich konnte ich eine Antwort zum Verlauf der Prüfung geben. Nun, nach einer Beruhigungsphase gelang es mir doch mich auf zwei oder drei Stichworte zu den Prüfungsfragen zu besinnen. Aber dann war für mich auch endgültig Schluß mit dem Fach politische Ökonomie - ich hatte eine große Klippe umschifft!
Der Vergleich mit der Klippe behielt seine Gültigkeit, dafür bedrohte mich das Schreckgespenst der politischen Ökonomie in meinem Leben noch einmal, nämlich zur Zeit meiner späteren Doktorarbeit. Da wurde urplötzlich auch ein Jahresstudium in diesem Fach zur Bedingung für einen Titel. Ein, wenn nicht der Hauptgrund, dieses Projekt auf den Nagel zu hängen. Dann die Entscheidung meinem Doktorvater, Prof. Zarański mitzuteilen, fiel mir schon schwieriger. Denn er war ein netter Mensch, und wir hatten schon viel miteinander gesprochen.

Das erste Jahr hatte ich nach der zusätzlichen Prüfung in Mechanik endgültig hinter mir und begann mit größerem Selbstvertrauen mein zweites Studienjahr. Und mit vollem Erfolg, denn es ging ab jetzt deutlich bergauf. Natürlich will ich hier nicht alle Fächer oder Noten besprechen, sondern möchte mich auf drei oder vier Ereignisse oder Persönlichkeiten beschränken, an welche ich mich bis heute mit Sympathie ...oder Antipathie erinnere. Rückblickend sehe ich erst heute wieder ganz deutlich die vielen Facetten des Studentenlebens, die vielen interessanten Momente mit denen man konfrontiert wurde und sehe auch die Menschen-Pädagogen (oder eben keine).

Man hat im Leben manchmal echte Lichtblicke, wo sich eine Erkenntnis blitzartig einstellt und man weit über sein angelerntes Wissen zu Schlüssen oder Aussagen fähig ist, zu welchen es im Alltag niemals gereicht hätte. Ich hatte einige (leider nur einige - denn sonst wäre ich womöglich Einstein II geworden) solcher Momente in meinem Leben und von denen erzähle ich jetzt gern.
Da wurde uns überraschenderweise ein Semester moderner Physik eingeschoben. Prof. Ruczajewski, ein guter Pädagoge und Erzähler, gestaltete seine Lesungen so interessant, daß ich voll mit seinen Darlegungen mitging. Irgendwann sprach er von Teilchen, dem Ergebnis eines Experimentes und ließ sich dabei zu einem Versprechen hinreißen, wohl meinend, daß niemand aus seiner Studentenschar fähig wäre, aus dem Ergebnis des Experimentes dessen Verlauf zu rekonstruieren. Er versprach demjenigen, der das kann, ein "sehr gut" zum Semesterende. Ich hatte meinen Geistesblitz und erzählte etwas über die Wirkung eines so und so angeordneten magnetischen Feldes. Seine Überraschung war nicht gespielt, wohl auch nicht das erkennbare leichte Unwohlsein, ob solch leichtsinnigem Versprechen. Kurz und gut, ich habe ihm dann zum Semesterende keine Gewissensbisse beschert, konnte alle Fragen beantworten und hätte so mein "sehr gut" auch auf dem normalen Wege, redlich verdient.
Dann gab es noch ein interessantes, wenn auch nicht ganz leichtes Fach: Elektrische Maschinen mit Vorlesungen, Übungen und Laboratorium. Der Professor und Leiter des Lehrstuhles war ein außergewöhnlicher Pädagoge, mit einer sehr guten wissenschaftlichen Basis. Es war Prof. Plamitzer, und sein Steckenpferd waren geometrische Strukturen, anhand derer man die Vorgänge in elektrischen Maschinen veranschaulichen konnte. Bei der Semesterprüfung war Herr Professor persönlich anwesend und der Zufall entschied, daß ich diese Prüfung gerade bei ihm, dem strengsten Examinator, ablegen sollte. Ganz wohl war mir in diesem Moment nicht. Doch konnte ich seine Fragen ziemlich problemlos beantworten, und das war wohl der Auslöser für einen der angesprochenen Geistesblitze. Nämlich in Sachen einer bisher nicht besprochenen, zusätzlichen Interpretationsmöglichkeit: "Und, Herr Professor, in diesem Kreisdiagramm, bei Verlängerung dieser Geraden und Herstellung einer Verbindung mit ..." erklärte ich ihm meine spontane Entdeckung.  ..."Schaun sie mal", sagte er, "das hab ich bisher so nicht gesehen" und nach einer sehr kurzen Überlegungspause: "Ihr Studienbuch bitte". Ich konnte sehen, wie er da ein "sehr gut" reinschrieb. - "Besten Dank", "Auf Wiedersehen" und die Zeitspanne, die ich für die paar Schritte zur Tür benötigte, dauerte es bis zur Nachzündung meines Geistesblitzes. Die Türklinke in der Hand erkannte ich, daß ich dem Mann gerade eine Dummheit verzapft hatte. Doch war ich zu delikat ...oder zu feige, ihm diese gerade akzeptierte Dummheit zu offenbaren. Ich machte die Tür leise von außen zu, und beruhigte mein Gewissen mit der Erklärung, daß der Professor von dem langen Tag schon so erschöpft war, und er diese Episode sowieso bald vergessen haben wird.

In der Volksrepublik Polen herrschte natürlich die Wehrpflicht, jeder Normalsterbliche kam nicht darum herum seine zwei Jahre abzudienen. Während der Schulzeit im Technikum war dies für mich sowieso uninteressant: Menschen im Bergbausektor waren an ihrem Arbeitsplatz notwendiger, als in der Kaserne. In der Hochschule behalf man sich anders: Da gab es einmal pro Woche einen von Vorlesungen und Übungen freien Tag; dafür war Militärdienst angesagt. Das sogenannte "Studium Wojskowe" im Rang eines Lehrstuhles (oder sogar etwas mehr), war entsprechend organisiert: mit Kleider- und Waffenkammer, mit Ausbildern und der ganzen militärischen Struktur.
Die Zöglinge, hier Rekruten, wurden gedrillt und des öfteren direkt schikaniert. Das kam umso leichter zustande, weil einerseits ein Großteil der Ausbilder aus ganz einfachen, womöglich im Krieg verdienten, Soldaten bestand, welche ihre eventuellen Minderwertigkeitskomplexe an den durchschnittlich pfiffigeren Studenten ausspielen wollten, und anderseits weil der theoretische Unterricht so schablonartig abgewickelt wurde, daß er des öfteren Anlaß zu spöttischen Äußerungen, seitens der Studenten kam. So kursierte, in Anlehnung an die sturen und primitiven Unterrichtsmethoden, unter den Studenten eine Scherzfrage: "Aus was besteht eine Wehrlanze?" (ein natürlich erdachter Gegenstand). Wer es nicht wußte, dem erklärte man es folgendermaßen: "Eine Wehrlanze besteht aus dem vorderen Teil der Wehrlanze, dem mittleren Teil der Wehrlanze und dem hinteren Teil der Wehrlanze. Der vordere Teil der Wehrlanze besteht aus dem Vorderteil des vorderen Teiles der Wehrlanze, dem Mittelteil des vorderen Teiles der Wehrlanze und dem Hinterteil des vorderen Teiles der Wehrlanze. Der mittlere Teil der Wehrlanze besteht aus dem Vorderteil des mittleren Teiles der Wehrlanze, dem Mittelteil des mittleren Teiles der Wehrlanze und dem Hinterteil ....usw."
Müßig zu sagen, daß ich an dieser Umgebung überhaupt keinen Gefallen fand. Zusätzlich bedeutete der Zauber auch immer den Verlust eines ganzen Tages, und so glaubte ich vorerst nicht einem Gerücht, welches verkündete, daß Wehrpflichtige der zweiten Kategorie, vom Militärstudium entbunden werden können. Doch war mir die Sache eines Versuches wert. Ich meldete mich zu einem Gespräch, beim Leiter des Lehrstuhles, Oberst Kielar an, durfte ihn dann irgendwann mit militärischen Ehren begrüßen, mein Anliegen vortragen und meinen Wehrpaß vorlegen. Ganz wohl war mir bei der Sache nicht, denn warum sollte gerade ich, einer von sehr vielen Schicksalsgefährten, an diesem Privileg teilhaben? Oder hatte ich doch nur Respekt vor den hochuniformierten Persönlichkeiten ...?
Der Oberst schaute mich längere Zeit schweigend an, während ich in der "richtigen" Stellung vor seinem Schreibtisch stand und frug dann ziemlich streng: "Also, ihr wollt nicht die Ehre genießen, eine Uniform zu tragen und dem Vaterland dienen zu dürfen?"  -  Eigentlich eine heikle Frage zu Zeiten der Volksrepublik, trotzdem bejahte ich sie zögerlich, und versuchte diese Entscheidung mit meinen "speziellen" persönlichen Verhältnissen zu entschärfen. Das wäre wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen, denn er nahm ohne weitere Diskussion mein Studienbuch, und versah es mit dem so wunderbaren Eintrag: Vom Militärstudium freigestellt! Wunderbar wegen des zusätzlichen freien Tages und der Gewißheit, auch nach dem Studium nicht mehr mit dem Militärdienst in Berührung zu kommen. Was meinen Kommilitonen durch die Bank bevorstand.
Bemerkenswert ist aber noch meine "zweite Kategorie". Ich bekam sie während der Rekrutierung, sechs Jahre früher, wegen meines schwächeren linken Auges. Weil der Rekrutierungskommission in Hindenburg die Beurteilungsmöglichkeiten fehlten, wurden solche Zweifelsfälle wie ich, auf Staatskosten, nach Krakau in eine dortige Augenklinik transportiert. Diese war höchstwahrscheinlich mit den Massenuntersuchungen aus dem ganzen Umland überfordert, und hatte in einem großen Saal zehn oder zwanzig, durch Vorhänge getrennte Kabinen eingerichtet, und diese (jedenfalls wenigstens meine) mit den primitivsten Hilfsmitteln und einem (wohl) angehenden jungen Arzt, (also Studenten), ausgestattet. An der Wand hing die allen bekannte Tafel mit Buchstaben- oder Zahlenreihen, drei oder vier Meter davor stand ein Stuhl für den Probanden. Als ich an die Reihe kam, wurde mir eine Brille ohne Gläser aber mit einem schwarzen Plättchen vor einem Auge auf die Nase gesetzt und mein "Arzt" deutete mit einem Stock auf die verschiedenen Zeichen die ich erkennen sollte. Dann kam das zweite Auge dran und ich war entlassen. Mit Überraschung registrierte ich einige Tage später meine Einstufung in die zweite Kategorie, die mir während des Studiums zu einem leichteren Leben verhelfen sollte. Das alles könnte man als normal bezeichnen, wenn in meiner Gruppe nicht der Kazik gewesen wäre. Der konnte ohne Brille überhaupt nichts anfangen - aber er wurde normal eingestuft ...und mußte dienen.

Das Leben auf der Hochschule war vielseitig und neben den normalen, stundenplanmäßigen Pflichten, gab es auch andere Beschäftigungen. Da waren die vier- oder sechswöchigen obligatorischen Praktika, während des Studiums, drei an der Zahl, dann gab es die in Eigeninitiative organisierten Verdienstmöglichkeiten, nicht nur während der Semesterferien, weiter außergewöhnliche Aktionen wie Erntehilfen, und dann nicht zuletzt die raren, aber doch existenten Möglichkeiten zu Erholungs- oder Berufsauslandsaufenthalten.

Nun, meine ersten Erfahrungen machte ich mit meiner Bewerbung um einen Ferienaufenthalt in Frankreich. Für den Sommer 1958 waren 30 oder 40 Plätze angesagt, davon einige im westlichen Ausland, alle zu einem erschwinglichen Preis. Die Verteilung der Plätze oblag der Studentenvereinigung, bei welcher man sich bewerben mußte. Diese erstellte eine Rangliste, wofür verschiedene Eigenschaften des Bewerbers (Studienergebnisse, Fremdsprachenkenntnisse, soziales Engagement und Verhältnisse), die Grundlage bildeten. Die Anzahl der freien Plätze im Verhältnis zu den paar Tausend Studierenden war nicht groß, und ich war eigentlich richtig überrascht, mich überhaupt auf der veröffentlichten Liste der potentiellen Ausflügler wiederzufinden. Am meisten aber deswegen, weil mein Name ganz, ganz oben stand. Also hatte ich eine fast 100 prozentige Sicherheit, den von mir begehrten Platz im westlichen Ausland zu bekommen, es sollte meine erste Grenzüberschreitung aus Polen werden.
Doch am Tag der Verteilung, an dem sich alle Beteiligten, und solche die noch auf einem Restplatz hofften, im Saal des Kulturzentrums zusammenfanden, erblickte ich mit Verwunderung den Dekan unserer Fakultät, Prof. Dykacz, in der ersten Reihe zwischen den ganz wenigen Nichtstudenten. Ich dachte an nichts Schlechtes, die Verteilung hatte eben erst begonnen, als vom Podium auf dem die Verteilungskommission (Studenten und Vertreter der Verwaltung) Platz genommen hatte, mein Name und mein Wunsch: Frankreich fiel. Da erhob sich der Dekan und erklärte, daß meine Kandidatur für eine Reise gen Westen nicht in Frage kommen könnte, sei ich doch Autochtone, und es bestünde die Gefahr, daß ich im Westen bliebe. Denn solche Fälle gab es schon, wie er ausdrücklich betonte. Die Kommission äußerte sich darauf in seinem Sinne, und der Dekan verließ zufrieden den Saal.
Ich konnte es nicht glauben: Der Dekan, der Professor, er hatte es sich nicht nehmen lassen, eigens für meine Person, selbst das doch etwas entlegene Kulturzentrum aufzusuchen. Nun sein Weg war nicht umsonst gewesen. Nach den Sommerferien hatte er seinen Studenten K. Mosler weiterhin   -  und dem war es in Ungarn auch nicht schlecht gewesen.

Es blieb nicht die einzige, negative Erfahrung mit meinem Dekan. Im nächsten Jahr lockte ein Bergbaupraktikum in Belgien. Natürlich bewarb ich mich um dieses, leider erhielt ich auch hier eine Absage. Wohl wissend um die negative Einstellung meines Dekans, begab ich mich zum Rektor, um von ihm zu erfahren, warum eigentlich ich eine Absage bekommen habe. Ich kam auch verhältnismäßig schnell vor sein Angesicht - aber nur um zu erfahren, daß diese Angelegenheit ausschließlich in das Ressort meines Dekans falle.
Natürlich nahm ich diese Auskunft als Vorwand, für ein resoluteres Vorgehen, um vom Dekan eine Erklärung zu erhalten. In den nächsten Tagen versuchte ich öfters, einen Gesprächstermin mit ihm zu vereinbaren. Immer war er verhindert, oder ließ seine Anwesenheit von der Sekretärin verleugnen. Er verließ sein Arbeitszimmer durch eine zweite Tür, während ich im Vorzimmer um ein Gespräch bat.
Doch letztendlich "erwischte" ich ihn im Vorzimmer. Jetzt kam es zu dem Gespräch. In seinem Arbeitszimmer, hinter seinem riesigen Schreibtisch sitzend, sagte er auf einmal deutlich: "Ihr wisst doch schon, daß ich es nicht verantworten kann, einen Hiesigen ins westliche Ausland zu schicken, welcher dann dort bleibt. Ich hatte schon solche Fälle". Meine Einwände: Mutter, Geschwister, Frau, ließ er einfach nicht gelten. Doch dann sagte er, in versöhnlicherem Ton, daß er mir ein Praktikum in der Sowjetunion verschaffen kann.
Das jedoch lehnte ich ab, ... und verließ sein Kabinett.

Meine Bemühungen um möglichst viel Freizeit während des Studiums waren auch ausschlaggebend für die Auswahl der zweiten, wählbaren Fremdsprache. Die erste war natürlich obligatorisch Russisch - da gab es keine Abwahlmöglichkeit. Doch die zweite ..., ich entschied mich, neben dem angebotenen Englisch doch für Deutsch. Das bedeutete eine Dekonspiration meiner bisher nicht rausposaunten Sprachkenntnis, war aber in dieser intellektuelleren Umgebung und der vielen anderer Kommilitonen mit wenigstens rudimentären Deutschkenntnissen (wir sind in Oberschlesien!) schon nicht mehr so gravierend für mein "Ansehen".
Außerdem hatte doch der Dekan höchstpersönlich schon meine Abstammung offengelegt ...!
Um bei dieser Gelegenheit gleich Nägel mit Köpfen zu machen, entschied ich mich für ein Gesuch um Freistellung von den Übungen - eingereicht bei der zuständigen Lektorin für die deutsche Sprache. Und, oh Wunder: Es klappte! Natürlich mußte ich eine Prüfung ablegen: Etwas elementare Grammatik, die Übersetzung eines kurzen Artikels und ein paar Sätze reichten Frau Pająk, um mir meine Deutschkenntnisse mit einem "sehr gut" in meinem Studienbuch zu bezeugen!
Was dann für mich auch eine zusätzliche Bedeutung bekam:
Denn im im dritten Jahr schon ein richtiger Student, gut beschlagen, mit entsprechenden Kenntnissen der Hochschulgepflogenheiten und, das muß ich auch sagen: mit immer besseren Ergebnissen. Dieses Letztere war deswegen so interessant, weil ein Notendurchschnitt besser als gut, ein sogenanntes Wissenschaftsstipendium mit sich brachte, immerhin 750 zl im Monat, während ein normales Stipendium (und dies nur für Bedürftige) 360 zl betrug. Also zusammen mit zwischenzeitlichen Zuverdiensten in den Semesterferien und dem Verdienst von Helene, meiner Frau (damals wohl gegen 1000 zl), ein Betrag für den man schon leben konnte.

Elektrotechnik, eins der wichtigeren Fächer, war auch für mich interessant. Natürlich gab es da auch langweiligere Passagen, des öfteren waren es die Übungen in denen man langweilige Versuchsaufbauten machte, diese dann aber (schon zu Hause) aufwendig dokumentieren mußte.
So kam uns der Tag gelegen, an dem unser Assistent, Mgr. Zygmunt ankündigte, daß wir heute keine 4-stündige Übung, sondern einen Reinemachetag des Laboratoriums haben. Alle Schränke, Tische und Meßinstrumente sollten auf Vordermann gebracht, dh. von dem Jahresstaub, welcher in Gleiwitz satt und schwarz (Steinkohleheizungen, Industrie!) anfiel, gründlich gereinigt werden. Dafür standen Eimer, Lappen und Putzmittel zur Verfügung. Unsere Dreiertruppe bekam drei oder vier verglaste Schränke mit Meßinstrumenten zugeteilt. Jeder dieser Schränke war fast übermannshoch, ausgestattet mit vielen Böden, auf denen die Instrumente standen. Also Instrumente herausholen, mit einem feuchten Tuch und eventuell Spiritus säubern, und in den Schrank zurückstellen. Aber da waren die Böden mit ziemlich verstaubter, sprich dunkler Oberfläche. Diese höchst unangenehm und umständlich zu säubernde Fläche war nämlich rauh und offenporig. Nur die Stellen, an denen die Instrumente gestanden hatten, waren hell und fast sauber. Wir fingen mit dem Waschen der ersten Böden an, als Andrzej die geniale Idee hatte, die Böden einfach zu wenden. Das ging blitzschnell, das Einräumen der Apparatur nicht minderschnell. Nach einer Stunde war unsere Arbeit getan, wir meldeten unseren Erfolg und sahen schon den freien Nachmittag.
Mgr. Zygmunt jedoch kam unsere schnelle Arbeit wahrscheinlich nicht ganz geheuer vor. So wollte er unsere Arbeit persönlich begutachten, bevor er uns nach Hause schickte. Er entnahm dieses oder jenes Instrument aus dem Schrank, drehte, wendete es und war etwas verwundert, daß alles in Ordnung schien. Dann bückte er sich, um ein größeres Gerät aus einer der tieferen Etagen zu entnehmen. Verwundert schaute er einen Augenblick später auf seine ehemals weißen Hemdärmel: Die waren nämlich schön schwarz eingefärbt! Es dauerte einen Moment bis er schaltete, und sich die Schrankböden von unten ansah.
Dann gab es das schon im Raum stehende Donnerwetter, welches wir solidarisch mit gebeugten Häuptern über uns ergehen ließen. Daß wir dann noch zwei Stunden scheuerten und als letzte das Laboratorium verließen, ist fast müßig zu betonen.

Die Übungen im Laboratorium waren eigentlich immer interessante und gewöhnlich lehrreiche Stunden. Lästig fielen eigentlich nur die darauf folgenden Berichte, die Heimarbeit. Verschiedene Ereignisse während dieser Stunden gewährten Abwechslung und Gesprächsstoff. Ich erinnere mich an eine Übung mit elektrischen Maschinen. Für den Aufbau benötigten wir eine Versorgungsleitung, die frei im Raum hängend eine Distanz von ungefähr 4 Metern überbrückte. Das Experiment lief und Andrzej, unser Gruppensprecher, schlüpfte gerade unter dem hängenden Kabel durch, als auf der anderen Seite ein Kurzschluß fabriziert wurde. Das Kabel führte eine peitschenartige Bewegung durch, und Andrzej bekam eins über den Rücken gezogen. Aufspringen und entrüstet nach dem Schuldigen zu schauen war eins, denn er vermutete, daß ihm das jemand mutwillig angetan hatte. Erst etwas später konnte er sich von unserer Unschuld überzeugen, u.a. auch weil der Assistent angerannt kam, um die Ursache des Kurzschlusses zu ahnden.

Dann gab es noch die Ferienpraktiken auf der Grube welche man mit etwas Unternehmungsgeist in die eigenen Hände nehmen konnte, und somit nicht von irgendeinem Verteiler der Hochschule abhängig war. So arbeitete ich nach dem ersten Jahr einen Monat als Schlepper auf der mir doch so bekannten Gleiwitzer Grube und bekam neben dem Lohn auch prompt meine Praktikumsbescheinigung.
Später konnte ich das Praktikum noch perfekter organisieren. Als im 4. Studienjahr schon ein elektrisches Praktikum auf dem Programm stand, hatte ich (mit einigen Kommilitonen) vorgesorgt. Eine entsprechende Korrespondenz mit der Direktion der Waldenburger Steinkohlengrube hatte es uns ermöglicht ein sehr, sehr lockeres Praktikum in dieser touristisch attraktiven Gegend zu absolvieren.
Dann kam zwar noch ein Praktikum, bei welchem ich wieder das Nützliche mit dem Angenehmen (?), nämlich dem Geldverdienen verbinden konnte. Auf der Gleiwitzer Grube hatte ich schon meine Drähte...

Doch das geschah schon alles im letzten Jahr und ich war ganz auf mein Diplom fixiert. Ich hatte schon ein anspruchsvolles Thema aus dem Automatisierungsbereich, und lebte in einer fiktiven Welt der Kurven, Verstärker und elektrischen Maschinen.
Daran änderte sich auch wenig, als im Januar 1960 Schluß mit Übungen und Vorlesungen war und ich meine letzten Semesterprüfungen hinter mich gebracht hatte. Ich hatte mich nämlich zu jener Zeit schon erfolgreich um eine Arbeitsstelle bemüht und konnte dort praktische Erfahrungen im technischen Alltag sammeln. Hauptsächlich aber, was das Ende meines Studiums anbetrifft, konnte ich im Sekretariat des Betriebes meine Arbeit auf einer Schreibmaschine tippen, mit 3 Kopien. Es war ein fast heroisches Unterfangen, denn abgesehen von meinen Schreibfähigkeiten und der Beseitigung meiner Tippfehler (mit dem Radiergummi) auf drei Kopien, war der Zugang zu jeglichen Druckerzeugnisse erstellenden Maschinen in der Volksrepublik streng reglementiert. Ich konnte die Nachsicht des Direktors nicht hoch genug einschätzen, denn im Prinzip sollte die Schreibmaschine zu jenen Nachmittagsstunden schon unter Verschluß sein. Und schreiben konnte ich doch sowieso erst nach Dienstschluß.
Jedenfalls war die Geburt meiner Diplomarbeit eine schwierige: Tippen, Zeichnen und Binden, alles unter Umständen, welche man heute nicht mehr nachvollziehen kann. Glücklicherweise wurde es eine gute, nein, eine sehr gute Geburt, und ich bekam einen Termin zur mündlichen Prüfung an einem, astronomisch gesehen, nicht alltäglichen Tag, dem Tag einer totalen Sonnenfinsternis in Europa! Der Mond war noch nicht ganz von der Sonne verschwunden, als ich vor die Kommission beordert wurde welche dem, von allen Prüfungsdelinquenten mit Interesse verfolgtem Naturschauspiel, wohl nur eine begrenzte Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Meine etwas beschmutzten Finger (die Nase hatte ich vom Ruß der Scheibe schon sauber bekommen) blieben wohl ohne Einfluß auf das Prüfungsergebnis, weil sie sowieso bald mit Kreide kaschiert waren.
Jedenfalls hatte ich eine halbe Stunde später die Gewißheit, mein Studium mit einer guten Note abgeschlossen zu haben. Es war der Zeitpunkt der Sonnenfinsternis am 15.2.1961, seit dem ich mich als Diplomingenieur fühlen durfte.
Wahrscheinlich aber war dieser Moment für mich von nicht so epochaler Bedeutung, denn die schriftliche Bestätigung dieses Faktums habe ich erst ein gutes Jahr später abgeholt - nämlich, als es von meinem zweiten Arbeitsgeber bei der Anstellung verlangt wurde.

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Juni 2005

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