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Der Umbruch

Inhaltsverzeichnis:
 1. Die Flucht - Die Umstände, die ein anderes Leben einläuteten
 2. In einer anderen Welt - Wenigstens so kann ich das für mich beschreiben



Die Flucht

Ein kurzer Moment, ein Augenblick, und die Welt ist nicht mehr die gleiche.
Für mich war es jener, als ich in einer Januarnacht 1945 durch meine Tanten aus dem Schlaf gerissen, und mit der knappen Anweisung: "Zieh dich an, wir müssen weg", konfrontiert wurde. Weg? Wohin? Warum?  "Weil die Russen kommen, am Bahnhof wartet ein Zug".
Noch am vorangegangenen Abend schien alles, wenigstens für mich, in Ordnung. Wie immer: Waschen, Abendbrot, noch eine kurze Unterhaltung, und ab über den finsteren Flur ins Bett. Ich schlief oben, im Zimmer von Tante Trudel. Nebenan war das Zimmer von Tante Eva und Onkel Karl. Doch der war schon längere Zeit ins Innere Deutschlands versetzt worden, und so war ich neben den Tanten und der Oma, der einzige (11-jährige) Mann im Haus.
Davon machte ich nach dem Wecken sofort regen Gebrauch: "Nein, wozu? Ich bleibe hier!" Doch die Aufgeregtheit der Tanten, die ganze nächtliche Atmosphäre, auch das ferne Grollen des Geschützdonners überzeugten mich dann wohl vom Gegenteil, denn nach einer Stunde befand ich mich mit dem Schultornister auf dem Rücken, (in den die Tanten anstatt der Bücher Kleidung eingeladen hatten), schon in einem Abteil dritter Klasse auf dem mir vertrauten Peiskretschamer Bahnhof. Um mich herum im ganzen Zug Frauen, Kinder, einige ältere Männer und überall Gepäck: Koffer und Säcke. Es war eng, aber warm. Man hörte die Lokomotive schnaufen, und irgendwann setzte sich der Zug in Bewegung. Es war Nacht, draußen, des vielen Schnees wegen, aber ziemlich hell. Und bitter kalt. Wir fuhren die mir bekannte Strecke über Laband nach Gleiwitz. Aber dann war es mit meinen Kenntnissen aus, die Tanten sprachen etwas von Kattowitz oder Rybnik - aber ich schlief einfach ein. Irgendwann gab es noch eine Aufregung im Abteil, ich wurde wach und hörte Explosionen, und der Zug stand und stand. Doch auch das ging zu Ende und wir fuhren weiter. Als ich wieder wach wurde, war es hell und wir rollten durch eine friedliche, winterliche Landschaft.

So sollte es auch in den nächsten Tagen bleiben. So lange der Zug rollte, war alles in Ordnung, wenn er aber immer öfter still stand, wurde es langweilig. Am übernächsten Morgen erwachte ich in Wien, besser gesagt, unser Zug stand auf einem Rangierbahnhof, und alle sprachen von Wien, denn in der Ferne war das bekannte Riesenrad zu sehen. Aber auch von dort ging es weiter; langsam sickerten die Nachrichten der Leitung dieses Flüchtlingszuges zu allen durch: Denn Städte und Gemeinden, durch die wir kamen, hatten keinen Platz für neue Flüchtlinge, und schickten den Zug einfach weiter. Und so ging es von Wien westwärts: u.a. Regensburg, Ulm waren größere Etappenstädte. Dann kam Lindau am Bodensee, und hier platzte meinen Tanten wohl der Kragen: Sie wollten der Ungewißheit ein Ende bereiten, meldeten sich aus dem Treck ab, und zogen auf eigene Faust los: Tante Trudel nach München, (dort hatte sie eine Wiedereinstellung bei der Post in Aussicht), Tante Eva mit Oma und meiner Person fassten Hirschberg im Riesengebirge ins Auge: Dort nämlich wohnte die Tante Hilde, und die Russen werden doch sooo weit nicht kommen. Ja, an solche Strohhalme klammerte man sich...

Unterwegs noch ein Erlebnis. Irgendwo, in der Nähe von Waldenburg, warteten wir wiedermal auf die Abfahrt des Zuges. Es war Nacht, im Abteil bitter kalt, und vor dem Zug eine Elektrolok. Tante Eva hatte bei ihren Erkundigungen nach der Abfahrtzeit mitbekommen, daß es die beiden Maschinisten auf der Lok warm haben, und es kurzerhand so regeln können, daß auch ich da untergebracht werden konnte. In dem Fühererstand der Lok war es wirklich warm, halbduster, und die Zeit zog sich nicht mehr. Die Männer waren schweigsam, bestimmt mit düsteren Gedanken beschäftigt. Sie sprachen nicht mal miteinander. Ich stand da und beobachtete meine Umgebung. Vor allem aber das Signal, wohl 20 Meter vor uns. Es war ein mir bekanntes Signal mit mechanisch angetriebenen Armen. Der eine Arm stand jetzt waagerecht, das heißt Ausfahrt verboten, der zweite hatte sich senkrecht hinter dem Mast versteckt. Am Mast erkannte man zwei Petroleumfunzeln, welche jetzt hinter roten Scheiben versteckt waren.
Doch plötzlich schwenkten die Arme schräg nach oben und die Lampen erkannte man hinter grünen Gläsern. Der Weg war frei! Der eine der Männer bewegte sich, betägtite einige Schalter oder Hebel, die Lok ließ ein kurzes "Tuut" hören und setzte sich mit dem Zug und mir im Führerstand in Bewegung! Es war ein berauschendes Gefühl: Die brummenden Motoren hinter mir, die weiße, schneebedeckte Landschaft im Licht der Reflektoren und die zwei schwarzen Schienen auf welchen wir in die Ferne rollten. Von Zeit zu Zeit die Funzeln hinter grünen Scheiben, welche man erst im letzten Augenblick wahrnahm - es war eine einmalige Atmosphäre. Ich schaute fasziniert auf die unter uns verschwindenden Schienen und erblckte plötzlich, gerade vor uns die roten Schlußleuchten eines vor uns stehenden Güterzuges. Erregt schaute ich schnell auf den einen und anderen Menschen in der Kabine, aber de standen weiter bewegungslos auf ihren Plätzen und schauten in die Nacht. Da kam es mir zu Bewußtsein, daß der Zug seit kurzem doch immer langsamer fuhr und im Augenblick als mir ein Zusammenstoß schon unausweichbar schien, schwenkte unsere Lok plötzlich zur Seite, auf ein Nebengleis auf dem wir den stehenden Zug langsam überholten.    Wieder machte sich in mir die enmalige, fast geheimnisvolle Stimmung geltend, ein Konglomerat aus Nacht, Winter, dem Wissen um Krieg, Schweigen und ...der Fahrt mit einer Elektrolok.
Leider ging auch die zu Ende, als uns die Elektrolok verließ, und ein schnaubendes Dampfroß ihren Platz einnahm. Aber dieses entschädigte die ihm anvertrauten Menschen sofort mit Wärme, kaum angekoppelt, ließ der Maschinist Dampf in die Waggonheizungen, und es wurde jetzt auch im Zug mollig warm - bis wir in Hirschberg waren.

Hirschberg, die Stadt mit dem nicht allgewöhnlichen Ring und seinen überdachten Gehsteigen: für mich ein Erlebnis. Bei der Tante ging es ziemlich lebendig (und eng) zu. Zwar war der Onkel Joseph beim Militär, doch neben den vielen Kindern, gab es ebensoviele Erwachsene in der nicht zu großen Wohnung, direkt beim Ring. In Hirschberg war es schön. Mit meiner gleichaltrigen Cousine, der Fine, streiften wir durch die winterliche, durch Flüchtlinge und Militär zusätzlich bevölkerte, Stadt. Wir holten uns zwar "wegen Leichtsinnigkeit" die eine oder andere Rüge der Tanten ein, aber es blieben schöne Tage.

Die leider schnell zu Ende gingen. Die Realität des Krieges meldete sich mit der Aufforderung der Behörden, daß Frauen und Kinder die Stadt verlassen sollten. Meine Tante und die Oma entschieden sich schnell, sie hatten hier nichts zu lassen, und deswegen befanden wir uns eines Nachmittags, mit schon geschrumpften Habseligkeiten, auf dem Hirschberger Bahnhof. Auf dem Bahnsteig erwartete uns ein kaum vorstellbares Gedränge, denn ein Zug gen Westen wurde wieder bereitgestellt. Wie wir da reinkamen, wie es weiterging, daran kann ich mich kaum erinnern. Jedenfalls befanden wir uns am nächsten Morgen in Dresden, dem riesengroßen, überdachten Bahnhof. Zusammen mit Tausenden von Flüchtlingen, auf allen Bahnsteigen, Durchgängen und Hallen, wobei alle nur weiter wollten. In Dresden gab es deutliche Ansätze von Organisation, die Tante brachte Essen, und hatte Nachmittag drei Plätze in einem Flüchtlingszug erledigt, der uns weiter von der Front wegbringen sollte. Wir saßen also im, durch das viele Gepäck überladenem Zug, und warteten auf die Abfahrt. Es war schon dunkel, als es endlich los ging. Für mich eine Erlösung, denn Fahren war eine Aktivität, während Warten nur ein "gedankenloses" an "einem Ort stecken" war. Draußen konnte man wenig sehen, es herrschten doch die Zeiten der Verdunkelung. Ziemlich bald hatten wir auch die Stadt hinter uns, und womöglich deswegen auch unser Leben noch vor uns.
Denn in dieser Nacht, dem 13. Februar, kamen die Bomber über Dresden.... Es war das Lebensende von wohl 100.000 Menschen - und fast einer Stadt.

Wir waren also unterwegs, und wie es sich bald herausstellte, ging es nach Süden, in das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren, die Tschechoslovakei. Es ging wohl flott, denn der Weg bis nach Tabor, einer Stadt 80 km südlich von Prag, blieb mir kaum in Erinnerung.
Diese Stadt dafür schon sehr, denn sie sollte mich über zwei Monate beherbergen. - Alles fing in einem, in einer ehemaligen Schule eingerichteten, Flüchtlingslager an. Jedes Klassenzimmer war mit zwanzig bis dreißig Personen besetzt. Ziemlich eintöniges Essen gab es aus der Gulaschkanone, geschlafen wurde in doppelstöckigen, hölzernen, (charakteristischen für die damalige Zeit), Luftschutzbetten mit Strohmatratzen. Ich schlief natürlich oben, jedenfalls bis zu jenem Tag, an dem ich mitten in der Nacht unten auf dem Fußboden aufwachte. Dieses Erwachen war zwar schmerzlich, doch ein Mann weint ja nicht. Trotzdem sind die Leute von dem durch meine Landung verursachten Gepolter aufgewacht, ...und ich schlief ab jetzt unten.

Zum Glück blieben wir nur kurz in diesem Lager. Die Tante meldete sich zur Arbeit im Roten Kreuz, und wir bekamen ein Zimmer in einer, durch eine deutsche Familie verlassenen, Wohnung im Zentrum Tabors. Dort mußten wir zwar selbst für uns sorgen, aber es war ein deutlich angenehmerer Aufenthalt. Die Tante war gewöhnlich tagsüber aus dem Haus, und ich hatte viele Freiheiten. Ich streifte durch die Stadt, machte gute, und weniger gute Bekanntschaften mit Jungen meiner Altersklasse, Deutschen und Tschechen. Ich lernte die Stadt, und die vorherrschenden Versorgungsmöglichkeiten kennen. Denn die Versorgung über Lebensmittelkarten war dürftig, und so fühlte ich mich berufen nachzuhelfen, wie und wo es ging. So bekam man bestimmte Produkte schon mal ohne Karten, (ich schmecke noch heute den Hartkäse, welcher in Wirklichkeit überhaupt keinen Geschmack hatte), oder konnte Kartoffeln und Möhren aus den Kellern von "Freunden" bekommen. Und dann waren noch die Kasernen, deutsche Kasernen mit einer eigenen Küche natürlich. Am Posten vorbeizukommen war nicht besonders schwierig, dann mußte man nur noch den gutgesinnten Mann an den Fensterchen der Mahlzeitenausgabe treffen, und schon bekam man die Portion Deftiges in den mitgebrachten Behälter. Darüber freute sich die Oma und ich natürlich auch. Denn irgendwie war man immer hungrig....

Bei den Soldaten, die ihren wohl größtenteils langweiligen Dienst in den Flugabwehrstellungen rund um die Kaserne versahen, war ich ein geduldeter, womöglich sogar willkommener Gast. Es gab Unterhaltung, und sie konnten mich bei Gelegenheit in die Geheimnisse der Flugabwehr einweihen. Denn ich war ein aufmerksamer Zuhörer, der für alles Interesse aufbrachte. Da gab es das MG und die verschiedenen Munitionsarten, mit denen der Gurt bestückt war: Panzer-, Leuchtspur- und Brandmunition. Man konnte alles anfassen, einmal sogar eine kurze Serie Übungsmunition in den Himmel schießen. Ich fühlte mich wie ein Mann, selbständig, und für mich selbst verantwortlich. Aber das sollte sich plötzlich ändern.

An einem späten Apriltag 45 war ich mal wieder zur "Inspektion" auf dem Bahnhof. Dort war immer was los, Flüchtlinge die ankamen oder abfuhren, vor allem aber die Transporte, Lazarettzüge die hier einen Zwischenaufenthalt hatten, versorgt oder entsorgt wurden. Nun, ich hatte mich da umgeschaut, und war gerade vor dem Bahnhofsgebäude, als ich plötzlich ein Flugzeug im Tieflug vor mir sah. Und dieses Flugzeug schoß! Schon im nächsten Augenblick war es über mich hinweg, aber ehe ich mich auf etwas besinnen konnte, sah ich schon das nächste Flugzeug, in etwas größerer Entfernung auf dem gleichen Kurs. Ich weiß nicht wer schneller war, die Menschen um mich herum, die in irgendwelche Richtungen stoben, oder ich, der den nächsten Baum in der Grünanlage vor dem Bahnhof ansteuerte, und schon hinter dessen dickem Stamm lag, als das Flugzeug das Feuer eröffnete. Ich sah das Mündungsfeuer, die Nieten des Rumpfes und die roten Sterne auf den Tragflächen. Einige Sekunden später das Gleiche, in der Ausführung des dritten Flugzeuges. Trotzdem der Beschuß dem hinter mir liegendem Bahnhof, präziser, den dort stehenden Zügen galt, machte ich mich hinter dem Stamm so klein wie möglich: der Lärm der Flugzeuge, das Knattern der Bordwaffen, die über mich fegenden Geschosse, hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.

Und es kam gleich noch einmal. Wohl nach einer kleinen Schleife, ein identischer Angriff dieser drei sowjetischen Maschinen. Ich traute mich schon, ein klein wenig hinter dem Stamm hervorzuschauen, und konnte meine vormaligen Eindrücke verfestigen. Nach diesem zweiten Angriff, als der Fluglärm abebbte, hörte ich umso deutlicher den Lärm und die Schreie hinter mir, vom Bahnhof. Als ich mich umschaute, erblickte ich einige Rauchsäulen und Feuer. Als ich hinter das Gebäude kam, sah ich hektische Aktivitäten vieler Menschen: Mit Eimern rannten sie zu den brennenden Waggons um diese zu löschen; es waren einzelne in Brand geschossene Waggons des Lazarettzuges, Viehwaggons in denen die Verwundeten auf Stroh gebettet gelegen hatten. Jetzt wurden die Überlebenden und Toten weggetragen: in andere Waggons und das Gebäude. Und ich sah etwas später diese verbrannte Leichen....
Mit einem kleinen Schock kam ich nach Hause, und habe mir auch prompt ein Ausgangsverbot für die nächsten Tage eingehandelt. Aber das war eigentlich nicht so schlimm.

Denn das Ende unseres Aufenthaltes in Tabor näherte sich, so wie die Russen der Stadt. Es waren die ersten Maitage 1945. Meine, beim Roten Kreuz beschäftigte Tante, sollte mit einem, mir aus Anschauung schon bekanntem, Lazarettzug aus Tabor evakuiert werden. Ihrer Umsichtigkeit ist es zu verdanken, daß wir, die Oma und ich, halblegal mitfahren durften. Nämlich im Vorratswaggon. Dort auf den Säcken mit Mehl und Graupe, in der hintersten Ecke ganz oben, bei einem kleinen Fenster, einer Luke, konnten wir unsere Decken ausbreiten und sollten uns möglichst wenig zeigen. Solange wir noch in Tabor standen.

Irgendwann in der Nacht wurde unser Waggon hin und hergeschoben, (ich wachte davon auf), und in den Zug eingekoppelt. Das alles sah ich kaum, aber meine Phantasie arbeitete auf Hochtouren. Wollten wir doch weg, weg von den Russen, die schon wieder nahe waren. Doch diese Fortbewegung war eine zögerliche. In den nächsten zwei, drei Tagen standen wir sehr viel auf Nebengleisen, fuhren nur wenig, fast als wüßte der Zug nicht, wohin es gehen sollte. Und irgendwann standen wir wirklich: einen Tag, und noch einen Tag. Die Lokomotive war weg. Es war ein kleiner Bahnhof, doch den konnte man nicht sehen. Denn wir standen auf einem der Rangiergleise. Vor meinem "Fenster" waren noch zwei leere Gleise, dahinter ein Graben und die Böschung, welche mir jegliche weitere Aussicht nahm. Vor dem Zug, auf eben diesen Gleisen, entwickelte sich bald ein reges "Lagerleben", einzelne Waschgelegenheiten wurden geschaffen, einige Bänke aufgestellt. Davon konnten natürlich nur die gehfähigen Menschen Gebrauch machen, den ganzen großen Rest der Verwundeten bekam ich nicht zu sehen. Die Krankenschwestern und einige Soldaten bildeten die sichtbare Besatzung des Zuges, sie versorgten den Rest. Das Essen wurde im Küchenwaggon, gleich neben uns, zubereitet und davon bekam ich am meisten mit. Wörtlich. Der Graben wurde zunehmend für physiologische Zwecke mißbraucht, zum Glück gab es da ein paar Sträucher, nicht direkt bei uns.

Vor meinem Beobachtungsfenster war eine der Waschgelegenheiten: Auf einem Hocker stand eine Schüssel, daneben eine Wasserkanne (Wasser gab es in dem unweit von uns stehenden Hydranten zur Versorgung der Lokomotiven). Morgens, nach dem Aufwachen erinnerte ich mich an die Parole, die gestern für Aufregung sorgte: Der Krieg ist aus! Es war eine Nachricht, mit der ich wenig anfangen konnte. Vielleicht dachte ich im Unterbewußtsein an zu Hause - vorrangig aber an die Russen, vor denen wir die ganze Zeit abgehauen sind. Jedenfalls war ich in Gedanken versunken, als ich da vor dem Fenster lag, und auf die Krankenschwester bei ihrer morgendlichen Toilette schaute. Auf einmal änderte sich etwas an der beschaulichen Atmosphäre der letzten zwei Tage: Ein unbekannter Mann, in gelblich-schmutziger, uniformähnlicher Bekleidung, kam den Hang herunter gelaufen, schnappte die Krankenschwester beim Arm und nahm ihr, bei nur schwacher Gegenwehr, die Armbanduhr ab. Dann drehte er sich um, und weg war er. Erst jetzt gab es Lärm: die Schwester und andere Zeugen der Tat riefen: Russen, die Russen sind da! Für mich eine blitzartige Erleuchtung: So sehen also Russen aus!

Nun, die Ereignisse dieses oder des nächsten Tages leiteten unsere letzte, und schwierigste Fluchtetappe ein. Der Zug wurde von den Russen bewacht, und wenig später kam auch die Nachricht für alle nichtmilitärischen Personen des Transportes: Sie müssen ihn verlassen, und sollen sich in ihre Heimatorte begeben!
Leicht gesagt. Für uns, Oma, Tante Eva und mich (unser Gepäck nicht zu vergessen) sah es auf einmal noch weniger rosig aus: Von irgendwo, aus der westlichen Tschechoslovakei, sollten wir uns nach Oberschlesien durchschlagen. Auf Schusters Rappen natürlich - denn wir konnten uns in Kürze davon überzeugen: einen Personenzugverkehr gab es in diesen Maitagen nicht mehr.

Wir führten die nächste Abspeckungsaktion unserer Habseligkeiten durch, und begaben uns bei gutem Wetter auf die Wanderschaft. Mit uns 10 oder 12 Personen aus dem Transport, die alle die gleiche Richtung verfolgten: Nordosten.
Es wurde eine Wanderung, über die ich bis heute tausend Einzelheiten erzählen könnte. Den Ranzen auf dem Rücken, ein Gepäckstück in der Hand, immer hinter den Leuten her. Gewöhnlich langsam, denn es waren Kinder und alte Personen dabei. Ich sehe die Feld- oder Waldwege, Nebenstraßen, Brücken noch heute vor mir, manchmal passierten wir sie sogar zweimal - nämlich dann wenn die Spitze den falschen Weg eingeschlagen hatte. Die Füße und Hände schmerzten. Durst und Hunger hatte man fast immer, denn wir trafen auf sehr wenig Gebäude, (vielleicht war das auch beabsichtigt, denn die Furcht vor Russen und Tschechen, von denen man einiges gehört hat, war allgegenwärtig). Wir übernachteten an Waldrändern oder Gebüschen, doppelt und dreifach angezogen - wegen der Nachtkühle und den eventuellen Räubern.

In dieser Anfangsphase unseres Marsches hatte ich auch, das für mich einschneidenste, und endgültig klärende Erlebnis vom Ende Deutschlands, wie ich es kannte. Wir schleppten uns gerade über eine Brücke, unter der ein kleiner Fluß sein Bett hatte. Ich schaute auf das fließende Wasser, und entdeckte im seichteren Uferwasser eine angeschwemmte, militärische Hakenkreuzfahne, zusammengedrückt und vom gelblichen Wasser überflutet. Eine Fahne, das Zeichen Deutschlands schlechthin, ein in vielen Liedern besungenes Symbol: "...denn die Fahne ist mehr als der Tod....". Und diese, beschmutzt, entehrt, weggeworfen im schmutzigen Wasser. Das also ist das Ende....
Damit verbunden auch meine, mich quälenden Gedankengänge. Gibt es einen Zusammenhang mit Worten wie: "Ins Wasser gegangen", "vergewaltigt"? Denn diese, nicht nachvollziehbaren Worte Erwachsener, kamen mir auch in diesem Moment in den Sinn. Was hat es für eine Bewandtnis mit all diesen neuen Wörtern, die man während der Gespräche aufschnappte? Bald schwante mir, etwas zwar Undefinierbares, aber doch Bedrohliches vor, das bei unserer nächsten Übernachtung konkretere Gestalt annehmen sollte.

Das Wetter hatte sich verschlechtert und ein Schlafen im Freien schien den Menschen unzumutbar. So steuerten sie des Abends einen verlassenen Hof an, verlassen insofern, alls alle Wirtschaftsgebäude leer standen, und sich niemand einfand, der uns bei der Besiedlung eines ehemaligen, großen Kuhstalls hinderte. Es war dort verhältnismäßig warm, wichtiger noch, es gab dort in einem Anbau viel Stroh. Man konnte sich ein Lager bereiten, und die Gepäckstücke im Stroh tarnen. Doch als es schon dunkel war, wurden wir, (unser Treck ist in der Zwischenzeit auf dreißig bis vierzig Personen angewachsen), durch Rufe aufgestört: "Russen im Hof, Russen kommen". Die Reaktion der Menschen schien schon eingeübt: "Die Mädchen und jungen Frauen verstecken" - dieser Ruf wurde blitzschnell in die Tat umgesetzt. Ein Holzverschlag im Anbau, da wo wir unser Lager hatten, wurde mit Stroh zugeworfen, die Frauen steckten muckmäuschenstill dahinter.

Und wirklich betrat eine Gruppe, wahrscheinlich marodierender, sowjetischer Soldaten die Stallungen. Sie hatten ein oder zwei Petroleumlampen dabei, leuchteten den Menschen in die Gesichter, schauten in manche Gepäckstücke (in denen natürlich nichts für sie interessantes war), und schrien unverständliche Wörter. Auch ich hatte dann meine Schrecksekunde, nämlich, als ich durch einen der ihren unsanft in die Nähe der Lampe gebracht wurde. Zum Glück verschwand der ganze Spuk dann wieder verhältnismäßig schnell. Zwischen den Leuten flammten Gespräche auf, in denen das Wort "vergewaltigen" erneut auftauchte. Jetzt konnte ich es schon in Verbindung mit den sich versteckenden Frauen bringen, und das genügte mir wahrscheinlich, denn ich schlief sehr bald ein...

Die Menschen im Treck, mich nicht ausgenommen, waren schon sehr erschöpft, und wir kamen kaum voran. Deswegen verlegte sich unser Weg immer mehr in Richtung Eisenbahnlinien, denn wir hofften einen Zug zu finden der uns schneller weiter bringen konnte. Und wirklich hatten wir in den nächsten Tagen einige abenteuerliche Möglichkeiten, von der Bahn Gebrauch zu machen.

Die erste war ein mit Holz beladener Zug, in ihm auch einige Plattformwaggons mit Brettern, also einer verhältnismäßig großen ebenen Fläche. Jemand hatte ausgekundschaftet, daß dieser Zug in allernächster Zeit, in eine für uns günstige Richtung abfahren sollte. Die Lokomotive stand schon vorn, und so gab es auf einmal ein riesiges Durcheinander, bis sich alle Reisewilligen auf den Brettern bequem gemacht hatten. Den Kindern wurde eingetrichtert, sich unbedingt an den Ketten, die zwischen den Seitenpfosten gespannt waren, während der kommenden Fahrt festzuhalten. Aber auch Erwachsene scharten sich um diese Sicherungsmöglichkeiten. Und kein Eisenbahnpersonal machte uns die Plätze strittig - denn der Maschinist, wie auch der Heizer, blieben auf ihren Plätzen, weit vorn auf der Lokomotive. Dann ging es wirklich los, mit Ruck und Getöse. Der Zug fuhr nicht allzu schnell, das Wetter war günstig, und alles verlief glatt. Ja bis wir nach einer, oder zwei Stunden, eine etwas größere Station erreichten, wo das Bahnpersonal uns unnachgiebig unserer Salonplätze beraubte.

Wir mußten runter und versammelten uns unweit eines Hydranten. Dort gab es Wasser, welches man zwar nicht trinken durfte, aber man konnte sich waschen. Und das wurde rege in Anspruch genommen. Danach gab es Brot. Von wo es die Tante hatte, weiß ich nicht. Überhaupt war die Verpflegung, (wenn man es so nennen durfte), in diesen Wochen für mich ein Rätsel. Aber immer wieder hatte die Tante etwas zu bieten: Kartoffeln aus irgendeinem Schober, Mehl oder Graupen für eine Suppe ohne Salz, und manchmal auch Brot. Wir garten die Kartoffeln im Feuer, oder kochten sie im Topf, dem Hauptausrüstungsgegenstand jeder Familie. Ich besorgte mir Zusatznahrung aus der Natur, z.B. Sauerampfer. Einmal auch zu viel.
Auf diesem Biwak hatte ich noch ein Erlebnis. Als ich nämlich nach der Kopfwäsche meine Haare kämmte, hatte ich plötzlich ein kleines, krabbelndes Tierchen auf meinem Kamm. Keinen Käfer, keine Fliege oder ein anderes mir bekannte Lebewesen. "Tante, guck mal, was ich hier habe", waren meine Worte in Richtung Tante Eva. Der genügte ein kurzer Blick um festzustellen, was es war. "Du hast Läuse, nimm die Seife, und wasch dir den Kopf" war die nächste Anweisung. Ich wusch und spülte, wusch nocheinmal und begab mich zur Tante, die mein Haar gründlich kämmte. Ob diese Aktion von Erfolg gekrönt war, weiß ich nicht mehr.

Die Eisenbahnabenteuer unseres Trecks mehrten sich im Verlauf der nächsten Tage. Wir versuchten mit den verschiedensten Zügen weiter zu kommen. Manchmal konnten wir so einige Kilometer weiterkommen, manchmal blieb es bei dem Versuch. Nämlich dann, wenn uns Bahnbedienstete verscheuchten. Dann wurden wir auch auf andere Strecken hingewiesen, die man aber nur im Fußmarsch erreichen konnte. So schleppten wir uns das eine oder andere Mal zu einer Fata Morgana. Doch es gab auch Erfolgserlebnisse, nämlich dann, wenn wir wieder einen Zug erreichten, der uns wirklich ein Stück weiterbrachte. Das: "In den Zug rein, aus dem Zug raus", wurde zu einer rituellen Gewohnheitssache, wobei es natürlich immer um Güterzüge ging. In mir keimte der Verdacht, daß die Tschechen überhaupt keine Personenzüge besaßen...

In unserem Treck war auch eine Brieger Familie, Mutter oder Tante mit Kindern. Die Erwachsenen waren sich näher gekommen, und auch ich hatte Gesellschaft in Form eines gleichaltrigen Mädchens. Bei einem der Einsteigemanöver geschah es dann: Das Mädchen war schon mit uns im Zug, als dieser plötzlich losfuhr. Keine Chancen für den Rest der Familie, sie blieb einfach zurück. Da es eine längere Strecke wurde, war an eine Rückkehr nicht zu denken, und Tante entschied kurzerhand, daß das Mädchen mit uns nach Hause fährt. Sie ahnte schon das Ende unserer Reise herbei. Und für sie wichtigere Probleme traten in den Vordergrund, meine Gesundheit.

Den Tschechen waren die Flüchtlingsströme wahrscheinlich auch eine Last, jedenfalls wurde unsere Gruppe, als wir uns wiedermal auf einem Bahnhof nach einer Mitfahrgelegenheit umschauten, von einem Uniformierten benachrichtigt, daß die und die Waggons in der Nacht mit einem Zug in Richtung Schlesien abgehen sollten. Also nichts wie rein. Aber es waren offene Kohlewaggons und schmutzig, wie solche Waggons eben sind. Doch die Leute konnten schon organisieren. Schnell fand sich von irgendwo Stroh, und auch einige Bretter und Planen zur Abdeckung der Waggonenden. So hatten einige Familien in dem Waggon ein verhältnismäßig trockenes und ruhiges Plätzchen, als die Nacht, und mit ihr eine schlechte Witterung kam.
Für mich wurde es schon früher unangenehm. Ich hatte Bauchweh und mußte des öfteren hinter die Büsche laufen. Und es wurde schlimmer, denn als abends, noch vor der Abfahrt, die Waggontüren geschlossen wurden, war man mannshoch eingezäunt. Da gab es nur eins: sich auf den Waggonrand hocken und da seine Notdurft erledigen. Und das galt während der Fahrt für alle. Ich wurde dabei von der Oma und Tante an den Beinen festgehalten, denn irgendwie war ich sehr schwach geworden. Gut, daß diese Fahrt schon am nächsten Tage ein Ende nahm.

Denn da waren wir auf einmal auf einem gewöhnlichen Bahnhof, einem gewöhnlichen Bahnsteig, zwischen gewöhnlichen Menschen, die normal auf die schon kursierenden Personenzüge warteten: Wir waren in Oberschlesien, unweit Kattowitz! Jedoch ich saß apathisch auf einem der ganz wenigen Gepäckstücke, die wir noch hatten, und wartete, wartete auf die erlösenden Worte: "Wir steigen ein!"
Dann waren wir in einem normalen mir bekannten Eisenbahnabteil und der Zug setzte sich alsbald in Bewegung. Es ging schnell, irgendwann hörte ich im Halbschlaf: Kattowitz und dann wurde ich auch schon geweckt: Gleiwitz hieß es. Gleiwitz, warum Gleiwitz, wir wohnen doch in Peiskretscham? Ich bekam eine Antwort, die ich nicht mehr registrierte, sah mich noch unten im Bahnhofssaal in einer Ecke hocken, wurde später noch für einen kurzen Moment wach als mein Vater, (er sah so anders aus), mich aufrichtete und schulterte, aber dann war ich für die nächsten Tage schon endgültig weg.
Ohne Bewußtsein, aber nach viereinhalb Monaten wieder in der Heimat!
2002


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In einer anderen Welt

Ja, in einer anderen Welt wachte ich auf. Erst krank, und dann desorientiert, als ich wieder auf die Straße kam.
Denn hier war Polen. Vorab zwar nur ein Wort, welches aber überhaupt nicht in mein Verständnis paßte. Denn Gleiwitz, Peiskretscham, Oberschlesien: alles mein Zuhause - das waren Begriffe die natürlich noch handfest in meinem Inneren präsent waren. Obwohl jetzt draußen noch die Russen den Ton angaben, sprach man von Polen, zu welchem Oberschlesien jetzt gehörte. So sagte es Vater, und er mußte es wissen - denn er arbeitete auf der Bahn, jetzt den polnischen Staatsbahnen. Erst später, mit der immer dominiererenden polnischen Sprache um mich herum, konnte dieser neue Aspekt auch in meinem Bewußtsein Fuß fassen: doch Polen!
Und mit ihm völlig andere, ungekannte, schwierige und mein Leben neu gestaltende Verhältnisse....
Weil ich mich jetzt des öfteren zum ersten Mal in meinem Leben selbst mit verschiedenen "moralischen Problemen" auseinandersetzen mußte. Diebstahl, verniedlicht "organisieren" genannt, war wohl das Hauptproblem. Hier war ich gezwungen die Grenze zu finden, hier kam es zum Balanceakt zwischen dem eigenen Gewissen, nämlich denen durch die Erziehung erhaltenen Grundsätzen, den täglichen Anforderungen des Lebens, und ...dem Ansehen wie auch Bestehen in der Gemeinschaft der Jugendlichen. Hier wurde ich schon mit ganz anderen, als meinen, Auffassungen konfrontiert.
Aus heutiger Sicht glaube ich, daß ich das ohne Schaden für mein moralisches Rückgrat gemeistert habe - so wie auch andere Probleme jener Zeit.

Diese möchte ich hier, in kleinen thematischen Unterteilungen darstellen.

        -   Das alltägliche Brot
        -   Gefährlichere Spiele
        -   Geld
        -   Technische "Errungenschaften"
        -   Anderes




Unsere Lebensgrundlage: die Lebensmittel

Denn sogar die allgemein schwierigeren Lebensumstände, mit den im Sommer 1945 noch öfter stattfindenden Plünderungen, die durch eingereiste Elemente allgegenwärtig ausgeübte Verfolgung der (jetzt schon) deutschen Minderheit in Gleiwitz, übten einen kleineren Einfluß auf unser Leben aus, als die enorme, ständige Lebensmittelknappheit. Es gab nichts zum Essen, weil man kaum etwas kaufen konnte: aus fehlendem Warenangebot oder später auch öfters wegen Geldmangel.
Für einen Zwölfjährigen war das schon ein Grund, sich intensiv um Abhilfe zu bemühen, sich für die Familie einzusetzen. Das dies 1945, und teilweise auch noch 1946, größtenteils nicht besonders legal stattfinden konnte, ist fast müßig zu bemerken. Aber auch spätere Jahre, 1947, 1948 und 1949 waren noch durch Aktivitäten gekennzeichnet, die aus heutiger Sicht, für einen Vierzehn- oder Fünzehnjährigen nicht alltäglich, oder selbstverständlich waren. Davon möchte ich hier berichten.

Lebensmittel.   Die erste Adresse war der unweit unserer Wohnung gelegene Kohlenstrang: drei 100 bis 150 Meter lange Verladerampen der Eisenbahn. Früher war diese Einrichtung total uninteressant, jetzt mauserte sie sich zu einer Hauptattraktion der vielen deutschen Jugendlichen im Alter von 10 bis 15 Jahren. Komischerweise "deutschen" Jugendlichen, obwohl die Anzahl der Neuankömmlinge in dieser Altersstufe, vor allem 1946 schon größer war.
Wahrscheinlich aber waren deren Bedürfnisse damals schon besser gedeckt. (Es gab UNRRA, andere Verdienstmöglichkeiten und Vergünstigungen ...) Jedenfalls waren wir bei der Erkundung aktueller "Organisierungsmöglichkeiten" immer unter uns.

*    *    *    *    *

Heute wird Getreide verladen! Das war die Nachricht, die unsere Sippe elektrisierte und mit der notwendigen "Ausrüstung" zum Verladungsort brachte. Verladen wurde noch sehr herkömmlich: Mit der Schaufel auf vom Trecker, oder Pferden, gezogene Anhänger, manchmal, seltener waren es auch LKWs. Gewöhnlich standen dann Waggon und Anhänger auf ungefähr gleicher Höhe, möglichst nahe beieinander, und die Arbeiter schaufelten das Getreide aus dem Waggon durch die nicht allzu breite Tür auf den Anhänger. Dabei blieb es nicht aus, daß diese oder jene Schaufel, wenigstens teilweise, daneben ging, und die Körner auf den Boden fielen. Nun hier, unter dem Waggon, war unsere Arbeitsstelle. Man breitete dort ein mitgebrachtes Tuch aus, oder fegte, wenn etwas daneben ging, die Körner auch schon mal direkt vom mehr, oder weniger glatten Untergrund auf. Unserer Tätigkeit halfen manchmal auch bewußt die Arbeiter, indem sie etwas unbeholfen mit der Schaufel hantierten. Den Aufsehern war das natürlich ein Dorn im Auge, deswegen wurden wir systematisch gescheucht. Nun aber ein Aufseher kann nicht überall sein ...
So gab es bei solchen Gelegenheiten immer eine akzeptable Ausbeute, sprich, im mitgebrachten Leinensäckel ein, zwei oder auch drei Kilo Getreide. Dieses wurde Zuhause gespült, um es so von Steinen und Sand zu befreien, und anschließend wieder getrocknet. Mutter buk aus dem dann nur geschrotetem Korn, (denn nur so eine Möglichkeit gab es), etwas Brotähnliches. In Wahrheit blieb es gewöhnlich ein flacher, (wenn auf dem Blech gebacken), oder quadratischer Kloß, (wenn aus der Form). Trotzdem war dieses Erzeugnis, in vielen Nachkriegswochen und -monaten, ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Ernährung. Gut wenn es dazu Salz gab, sehr gut, wenn der Fettopf gerade nicht leer war. Vater, da auf der Bahn arbeitend, bekam damals schon Fleischkarten, für welche wir, ungefähr einmal pro Woche, etwas Fleisch oder eben Speck bekamen. Daß man dafür 3 Kilometer laufen und stundenlang (mit ungewissem Endergebnis) anstehen mußte, wurde von uns wie selbstverständlich in Kauf genommen.

Natürlich war ein positiver Verlauf der Organisierungsaktionen nicht immer selbstverständlich. Bei der Beschaffung von Kartoffeln, Mohrrüben, oder ähnlichem, mußte man halt hin und wieder einen Sprung auf den Anhänger wagen. Manchmal klappte das, aber manchmal gelangte man in einen Hinterhalt. Und das waren dann peinliche, (im wörtlichen Sinne des Wortes), Erfahrungen eines jungen Menschen im Alltag, außerhalb der bisher so geregelten Lebenserfahrungen.
In dieser Hinsicht gab aber auch noch schlimmere Erfahrungen. Im Bereich der Bahnverladerampen, wie beispielsweise unserem Kohlenstrang, patrollierten Mitglieder bewaffneter Milizen in Militäruniform. Vor denen nahm man sich zwar, schon der Uniform wegen, besonders in acht. Trotzdem wurde man manchmal, durch nicht vorhersehbare Reaktionen dieser Wachen, überrascht. So wie damals, als einer von denen, am hellerlichten Tag, hinter uns herballerte. Ich bekam das jedenfalls während der Flucht, entlang der meterhohen Rampenmauer, zu spüren. Ein Schlag am Ellenbogen, und fließendes Blut, überzeugten nicht nur mich vom Ernst der Lage. Es war kein Einschuß oder Durchschuß, die Verwundung konnte von einem Steinsplitter aus der Granitmauer, oder auch direkt durch Übungsmunition verursacht worden sein. Die Eltern erfuhren nichts von diesem Vorfall, und auch für uns blieb er nichts besonders Außergewöhnliches, denn Knallen, Schießen, und verschiedene diesbezügliche Experimente beherrschten unseren Alltag.

Manchmal aber ging es richtig schön zu. Da war z.B. ein gedeckter Waggon auf einem der Nebengleise abgestellt, direkt an der bewachsenen Böschung zu provisorischen Kleingärten, und Wohnblöcken dahinter: ein sehr gutes Rückzugsgebiet.
Die Waggontür war nur mit Draht oder einer Plombe gesichert - kein Hindernis für wissensdurstige Jugendliche. Bald war es klar, daß der Waggon mit Papiersäcken beladen war, in denen getrocknete Kartoffelscheibchen untergebracht waren. Leider konnten wir die Waggontür - sogar mit vereinten Kräften - nur um ungefähr 20 cm verschieben. Das genügte aber um drei übereinanderstehende Papiersäcke aufzuschneiden und den Inhalt in mitgebrachte Tüten und Taschen umfüllen zu können.
Natürlich ging das nicht so schnell wie hier beschrieben, sondern die Vorgänge waren Teil eines stabsplanmäßig ausgearbeiteten Planes: Waggon- und Bewachungserkundung gingen der endgültigen Öffnung und Umfüllung, der schnellen Gemeinschaftsarbeit, voraus.
Das Schöne an dieser Aktion war, daß wir keine "Schwierigkeiten" bekamen, und das Mittagessen der nächsten Tage üppig ausfiel: Kartoffelsuppe oder Püree bis zum Gehtnichtmehr!

*    *    *    *    *

Nun, man konnte nicht nur von Kartoffeln leben, auch wenn man jede Woche solch einen Waggon gefunden hätte. Deswegen gab es noch eine weitere, von uns genutzte, Möglichkeit an Lebensmittel zu kommen. Im Landkreis Gleiwitz-Tost gab es viele Dörfer, und in diesen weitere Verwandte, oder deren Nachkömmlinge - von Mutters Seite. Ich war dort bekannt, weil ich da meine ersten Schritte in der "Arbeitswelt" gemacht hatte. In Anlehnung daran, oder einfach so, versuchte man in den ersten zwei, drei, Nachkriegsjahren diese Chance zu nutzen, um dort Eßbares zu schnorren. Durch einfaches Anklopfen und Nachfragen, oder schon etwas professioneller, über Tauschangebote. Tauschobjekte waren Mutters verbliebene (weil im Keller versteckte) Aussteuerwäschestücke, andere Kleidungsstücke, (von welchen man meinte, auch ohne sie auszukommen), Nägel, Werkzeuge, oder z.B. ergattertes Salz. Dafür konnte man Kartoffeln (wieder!), Klacken, Obst, Getreideschrot oder Mehl, Schlicker- oder Buttermilch, manchmal sogar etwas Butter oder auch Geräuchertes bekommen.
Das größte Problem dabei war die Entfernung. Müßig zu sagen, daß von einem öffentlichen Verkehr natürlich keine Rede war, schlimmer, die Straßen waren unsicher und man versuchte sich entsprechend zu arrangieren. Also Feldwege oder direkt querfeldein. Das ging natürlich nur, wenn man ohne Wagen unterwegs war, hatte aber den Nachteil, daß man auf eine eventuelle Mitfahrgelegenheit verzichten mußte. Diese Mitfahrgelegenheiten waren 1945, und auch noch 1946, russische Fuhrwerke, mit denen auch die Armee in der ländlichen Gegend ihre Versorgung aufrecht erhielt. Die russischen Fuhrwerke waren kleiner, als die mir bisher, eher schweren bekannten Fuhren der Bauern. Außerdem war das, (gewöhnlich), eine Pferd anders aufgezäumt, deswegen ging es flott voran. Wenn man also auf der Straße von so einem Gefährt eingeholt wurde, mußte man die Entscheidung treffen: einfach weitergehen, oder mit einer Geste den Wunsch um Mitnahme äußern. Das Letztere tat man, wenn die Gesichter auf dem Wagen einen freundlichen Eindruck machten. Gewöhnlich wurde man auch mitgenommen, dh. man durfte hinten aufspringen und einige Kilometer mitfahren.
Aber da gab es auch Begegnungen der unfreundlicheren Art, wenn eine Drohung mit der Maschinenpistole, (dieser kleinen mit einem kreisrunden Magazin), zurückkam, oder man gar auf einen, oder mehrere Panzer stieß, welche die Straße für sich beanspruchten. Mit ohrenbetäubendem Lärm, und dem entsprechenden Erschütterungen, fuhren die mit Höchstgeschwindigkeit mitten auf der Straße so, daß man schon von weitem den Straßengraben überquerte, um sich in Sicherheit zu wägen. Nur war das mit dem Wagen, (wenn man mit dem unterwegs war), schon deutlich schwieriger. Oder es gab andere "Mißlichkeiten".
Aus heutiger Sicht war eigentlich jede dieser Eskapaden etwas total verrücktes. Da begab sich ein zwölfjähriger Bursche auf einen Weg, der ihm vielleicht einmal erklärt oder teilweise gezeigt wurde, in Dörfer die 18 oder 20 Kilometer von Gleiwitz entfernt waren, durch Wälder, oder über Straßen, auf denen dem Faustrecht ähnliche Verhältnisse herrschten, mit einem leeren Magen, und dem Tornister auf dem Rücken.
So blieb es auch nicht aus, daß man, (obwohl verschiedene diplomatische oder taktische Vorgehensweisen zum Geschäft gehörten), in unterschiedliche Klemmen kam, in welchen man dieses oder jenes einbüßen mußte. So erinnere ich mich an einen sehr unangenehmen Zwischenfall, der eine meiner vielen Reisen praktisch fast zunichte machte.

Ich war damals, (1946), mit Maria, meiner 10-jährigen Schwester, auf einer der zweiwöchentlichen Routinetouren, welche aus einer Rundreise: Gleiwitz über Grünwiese/Niewiesie, Slupsko, Gottschütz/Bogucice, Tost/Toszek und Peiskretscham/Pyskowice zurück nach Gleiwitz, bestand. Rund 50 Kilometer, welche wir nur deshalb an einem Tage bewältigen konnten, weil damals meine zweite technische Errungenschaft: eine Karre auf Kinderwagenrädern, zum Einsatz kam. Wir konnten uns abwechselnd schieben: auf waagerechten oder bergaufführenden Stücken schob ich Maria, bergab sie mich - alles immer schön im Laufschritt.
So hatten wir uns an jenem Tage wieder frühmorgens auf den Weg gemacht, und Niewiesie über die Autobahn angepeilt. Als Tauschgegenstand hatten wir diesmal Vaters dicke Unterhose, fast nicht getragen, schön unten im kleinen "Gepäckabteil" unserer Karre verstaut. Darüber unsere Klamotten und zwei Flaschen mit Wasser. Schon unterwegs, erlebten wir eine kleine Überraschung: Auf der Autobahnbrücke, über die Bahnlinie Gleiwitz-Oppeln, stand auf einmal ein Posten. Eisenbahnpolizei ähnlich, mit weiß-roter Armbinde und dem geschulterten Karabiner. Natürlich hielt er uns an, frug uns über verschiedene Dinge aus, welche wir kaum verstanden, und bekam natürlich ähnlich unverständliche Antworten. Meine polnischen Sprachkenntnisse waren zu jener Zeit noch sehr rudimentär. Doch dann wurde es plötzlich sehr konkret. Er untersuchte den Inhalt unserer Karre, fand prompt die Hosen, und steckte sie nach kurzer Überlegung einfach hinter seinen Wams. Wir waren geschockt, Maria weinte, ich versuchte ihm die Bedeutung dieses Artikels für uns klarzumachen, doch wir erlebten eine klare Abfuhr. Mit unmißverständlichen Gesten, so wie man ein lästiges Insekt verscheucht, deutete er uns an weiterzufahren. Als ich jedoch stur versuchte der Sache eine bessere Wendung zu geben, nahm er den Karabiner vom Rücken ...und wir fuhren weiter.
Niedergeschlagen, weil unsere Expedition der wichtigsten Grundlage beraubt war. Doch glücklicherweise kamen wir abends mit doch nicht ganz leeren Händen zurück.

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Im Sommer waren wir Jugendlichen gewöhnlich am aktivsten. Das bedeutete, auch am hungrigsten. Viele Unternehmungen waren deswegen auf die Beschaffung von etwas Eßbarem ausgerichtet: Feld-, Wald-, Wiesen- und Gartenfrüchte blieben da das Hauptthema. Vor allem die letzteren, denn Wald und Felder gab es in der näheren Umgebung kaum. Doch Gärten jede Menge. Natürlich waren alle mit Zäunen umgeben, und die Eigentümer gar nicht friedlich, besonders wenn da einige Jugendliche in deren Nähe herumlungerten ... Deswegen mußten wir die Schrebergärten, die mit den meisten Bäumen, des öfteren in strammem Laufschritt verlassen.
Ich erinnere mich an so einen verbissenen Schrebergarteneigentümer. Wir waren noch garnicht auf den Bäumen, sondern befanden uns auf so einem Rekognostizierungsspaziergang durch die Anlage. Da standen wir plötzlich einem Mann gegenüber, welcher uns mißtrauisch beäugelte. Und weil wir kein besonders reines Gewissen hatten, wollten wir die Gärten verlassen. Aber der Mann ging hinter uns her, immer schneller. Wir auch, doch dann kam die Pforte. Abgeschlossen. Aber natürlich hatten wir einen (Nach-)Schlüssel. Wir konnten ihm noch die Tür vor der Nase verschließen, um dann richtig Reisaus zu nehmen. Mit dem kleinen Vorsprung. Das erweckte seinen Jagdeifer - und so hatten wir ihn ein paar Hundert Meter auf dem Hals. über die Klodnitz, über eine Brachfläche, bis zu den Häusern im Viertel hinter der Eisenbahn. Dort wohnte einer meiner Kollegen, dort konnten wir ihn abschütteln.

Aber da war noch der Garten unserer Hedwigsschwestern auf der Toster Straße. Mit Birnen- und Pflaumenbäumen - nur mit einer niedrigen Mauer von der Straße abgegrenzt. Eigentlich hatten wir ein ungutes Gefühl bei diesen "Überfällen" auf die Bäume, welche doch den hilfreichen, und Gott nahestehenden, Schwestern gehörten. Doch bald hatten wir es raus: Die Früchte wurden uns gegönnt, denn die Schwestern schauten durch die Gardinen zu und kamen nur manchmal vor die Tür. Dann rissen wir natürlich mit schlechtem Gewissen, und dickem Bauch, (den Birnen im Hemd), aus. Für ein, zwei Tage hatten wir dann sowieso Ruhe.
Es gab natürlich auch verschiedene Früchte oder Pflanzen, welchen Eßbarkeit nachgesagt wurde. Davon wurde hin und wieder Gebrauch gemacht. Waren es nun Wildfrüchte, frei wachsende Pflanzen oder auf dem Feld angebautes, z.B. Klacken. Diese mußte man zwar wieder stehlen, und sie waren eigentlich für das Vieh bestimmt, trotzdem konnte man ihnen auch Geschmack abgewinnen.
Mehlbeeren, vielerorts in Hecken anzufinden, waren gleichfalls beliebt. Bis ich einmal zu viel davon gegessen hatte. Ein verkorkster Magen, und ein brennender Hals, veranlaßten mich darauf zu einem gemäßigteren Gebrauch dieser Art von Essen. Ebenso wie meine Rohkostversuche mit Sauerampfer. Denn der war wohl wirklich nur für den Gebrauch in gekochtem Zustand bestimmt....


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Gefährlichere und weniger gefährliche Spiele

Überall gab es Munition, Pulver, Zündhütchen und dergleichen. So z.B. die letzteren. Im Labander Hafen lag eine versenkte Barke, aber nur teilweise unter Wasser. Und wir hatten herausgefunden, daß sich in ihrem überdachten, aber schon unter Wasser liegendem Laderaum, Zündhütchen für Karabinerpatronen befanden. In flachen, quadratischen, Pappschachteln, getrennt durch Zwischenlagen aus Papier, lagen da wohl hunderttausende davon. Wir waren natürlich nicht die einzigen jungen Menschen, die sich für diese Ladung interessierten, und so herrschte dort vor Ort, während der Abwesenheit des Wachpersonals, ein reger Verkehr. Bei einem kurzen Tauchgang konnte man anfangs zwei oder drei der durchnäßten, und deswegen leicht zerfallenden, Verpackungen bergen. Doch etwas später gab es da unter Wasser nur einen wüsten Wühlhaufen aus Pappe, Papier, und eben den begehrten Zündhütchen. Weil sich jedoch die Zündhütchen, mit ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, bald zu einem guten Tauschartikel in unserer Szene gemausert haben, unternahmen wir "Eingeweihten", weitere Expeditionen in den Hafen, um dort schon mit Hilfsmitteln, wie Büchsen, Sieben und Eimern, bei der Bergung tätig zu werden. Nun, und mit einem Eimer voller Hütchen konnte man schon etwas anfangen. Zwar mußten die noch getrocknet werden, aber das war natürlich kein Problem.

Ja und was man damit machte? Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Mit dem Hammer, ein oder mehrere Hütchen, mit der entsprechenden Geräuschkulisse zur Explosion zu bringen, war natürlich sehr trivial. Besser schon, wenn man Nichtsahnenden, so beim Vorübergehen, eine Handvoll ins Kartoffelfeuer schüttete. Es knallte wunderschön und unkoordiniert. Nur wenn es sich dabei um ältere oder stärkere Partner handelte, konnte man sich schon eine kleine Abreibe einhandeln. Denn es knallte nicht nur, die Dinger wurden manchmal auch aus dem Feuer hinausbeschleunigt, und man bekam so etwas dann schmerzhaft zu spüren. Womöglich aber war gerade das der Reiz an dieser Sache.
Weniger schön auch, wenn man der eigenen Mutter, einige der Zündhütchen zwischen die Töpfe auf die Herdplatte streute...

Die beste Erinnerung an die Zündhütchen aber habe ich im Zusammenhang mit Streichen, die wir den Straßenbahnern gespielt haben. Da gab es vor dem Gleiwitzer Bahnhof die Endstation einer Straßenbahnlinie, der 2, die immer nur von einem einzelnen Triebwagen befahren wurde. Nach der letzten Haltestelle, schon ohne Fahrgäste, befuhr die Bahn das letzte, mit zwei Weichen versehene Gleisstück, um so wieder auf das richtige Gleis, für die umgekehrte Fahrtrichtung, zu kommen. Da die Straße an dieser Stelle ganz leicht bergauf ging, hatten die Wagenführer es sich zur Gewohnheit gemacht, den Wagen vor dem Ende der Strecke einfach ausrollen zu lassen, während sie sich in dieser Phase schon selbst durch den Wagen zum anderen Führerstand begaben. Dort den Schalthebel und die Kurbel zur Geschwindigkeitsregelung aufsetzen um dann direkt auf dem neuen Gleis in neuer Richtung fahren zu können, war ein Routinevorgang.
Ja und dann, während der Fahrer also schon unterwegs war, und der Wagen unkontrolliert den Rest seiner Fahrstrecke zurücklegte, kam auf einmal die lange Reihe, der von uns im Zentimeterabstand auf den Schienen ausgelegten Zündhütchen! Es gab einen Mordslärm, die Fahrgeräusche übertönendes Maschinengewehrfeuer, oder was man sich sonst noch vorstellen konnte. Das größte Gaudium für uns war das Verhalten des Fahrers mitten im Wagen: gewohnt in außergewöhnlichen Situationen sofort zur Bremse greifen zu können, blieb ihm das hier verwehrt. Gleichzeitig die Entscheidung: zurück nach vorn oder schon nach hinten - führten bei manchen Fahrern zu unkontrollierten Bewegungen, welche wir freudig, und mit Genugtuung ob des gelungenen Streiches, vom Gehsteig aus beobachteten.
Doch das konnten wir uns nur einige Male erlauben, denn unser Schabernack hatte sich wahrscheinlich herumgesprochen, und irgendwann sprang ein jüngerer Fahrer aus der Bahn und hätte fast einen von uns erwischt. Wir ließen dann von dieser Masche ab.

*    *    *    *    *

Ja, und dann waren noch die einige hundert Meter langen Wälle aus aufgeschüttetem Schrott, neben den Abstellgleisen vor dem Labander Hafen, vorwiegend Kriegsmaterial. Ob der Schrott irgendwann mal verschifft werden sollte, oder ob er auf den großen Flächen neben den Gleisen nur zwischengelagert war, wußten wir nicht. Es war uns auch egal. Uns interessierte die breite Artenpalette, der an dieser Stelle gelagerten Materialien.
Denn dort gab es neben dem überwiegenden Stahlschrott, auch viele Buntmetalle. Zwar waren diese das Ziel unserer Ausflüge, aber wer konnte schon an den verschiedenen Erzeugnissen der Waffentechnik vorbeischauen. Ich und meine Freunde nicht. Denn da gab in den Haufen leerer Munitionshülsen auch immer einen Teil solcher, welcher mit noch intakten Zündhütchen ausgestattet war, oder sogar normale Übungsmunition. Neben trivialem Stahlschrott, funktionstüchtige MG-Verschlüsse, welche man sehr gut für die Knallerei mit den ungebrauchten Munitionshülsen verwenden konnte. Oder ganze, für den Abwurf aus Flugzeugen, vorgesehene Behälter mit 50 - 100 Liter Fassungsvermögen. Das Interessante an diesen Behältern war ein kleiner Fallschirm, mit kurzen, weißen Seideseilen - alles in jener Zeit von handwerklich begabten Frauen sehr begehrt. Leider kam man an die Innereien des Behälters erst nach der Detonation einer kleinen Ladung im Öffnungsmechanismus des Fallschirmbehältnisses.
Dies tat man auch, trotzdem sich einige Minuten später die Bewachung an dieser Stelle einfand. Dann mußten wir natürlich schon weg sein, gewöhnlich aber mit den gesuchten Teilen dieser Abwurfbehälter...

Wenn wir also nichts Verwertbares (nämlich neutrales Buntmetall - denn Munitionshülsen waren unverkäuflich) fanden, blieb es gewöhnlich beim Stöbern in den riesigen Mengen von Karabinerpatronenhülsen. Denn da gab es, wie schon gesagt, auch für uns interessante Teile: komplette Übungsmunition, oder wenigstens Hülsen mit Zündhütchen. Beides war interessant, denn die Zündhütchen konnte man in ebenfalls dort gefundenen, handlichen MG-Verschlüsse zur Explosion bringen, während das Pulver aus der Übungsmunition für andere, mannigfaltige Experimente geeignet war.
So zogen wir gewöhnlich gegen Abend heim, und veranstalteten unterwegs noch ein kleines "Knallkonzert auf 3-5 MG-Verschlüsse". Bis zu jenem Abend, an dem ich noch mit Horst plaudernd vor unserem Haus stand, und er sich dann von mir verabschiedete. Ehe ich dann noch die Haustür schließen konnte, hörte ich einen außergewöhnlich lauten Knall, und dachte mir dabei: "Dem ist es jetzt gelungen!" Doch da war auch schon Horst neben mir im Treppenhaus, und hielt mir seine blutende Hand hin. Ein Unfall. Ich war ebenso geschockt wie er selbst, doch konnte ich ihn schnell überzeugen, sich sofort nach Hause, zu seiner zwar strengen, aber doch erwachsenen Tante, zu begeben. Die sollte ihm dann die Blutung stillen, und sich mit ihm zu den "Schwestern", unseren allgebrauchten Hedwigsschwestern, im Stift bei der alten Kirche, Toster Straße, begeben. Die haben ihm dann eine lange Schnittwunde am Mittelfinger verarztet, wovon ich erst am nächsten Tag erfuhr. Auf Geheiß meiner Mutter "durfte" ich dafür noch an diesem Abend das Treppenhaus säubern, denn die dort durch Horst hinterlassenen Blutspuren, sahen zu makaber aus.
Am nächsten Tag wußte ich dann auch, daß Horst sich in den Taschen vergriffen, und anstatt einer leeren Hülse, eine komplette Übungspatrone in den Verschluß eingesetzt hatte....
Wir fanden dann auch derer Reste: sie war länglich aufgerissen und die messerscharfe Schnittstelle hatte auf dem Finger ihre Spuren hinterlassen. Gut, daß wenigstens die Stichflamme nur dies, und nichts anderes getan hatte.

*    *    *    *    *

Knallen lassen war eine schöne Beschäftigung. So waren wir äußerst gespannt, wie sich wohl die Detonation eines Signalknallkörpers der Eisenbahn anhören würde. Solche Knallkörper gehörten damals zur Grundausstattung des aktiven Bahnpersonals. Sie waren als Hilfsmittel zum unplanmäßigen, sofortigen Anhalten von Zügen, in außergewöhnlichen Situationen gedacht. Der Knallkörper bestand aus einem ovalen, flachem Blechgehäuse mit zwei biegsamen Flachbändern an den länglichen Seiten, mit welchen man ihn auf der Schiene befestigen konnte. Die auffahrende Lokomotive löste dann den Knall, das Haltesignal für den Lokführer, aus.
Jedenfalls war uns, Eisenbahnerkindern, ein solches Schächtelchen in die Hände gefallen, und sollte natürlich ausprobiert werden. Angesichts der schon vielseitigen Erfahrungen mit explosivem Material, kam eine direkte Zündung nicht in Frage, und irgendeine Eisenbahn wollten wir auch nicht bemühen. Das Bewußtsein von Unrechttaten war schon ( oder noch?) vorhanden. So hatte ich die geniale Idee einer Fernzündung, nämlich mit einem Pflasterstein - wobei die Höhe von zwei Stockwerken für den richtigen Schlag, vor allem aber auch für die notwendige Entfernung sorgen sollte.
Hier wäre anzumerken, daß gegenüber von unserern Häusern auf der Adolfstraße, eine gleiche Zeile von Wohnhäusern an der Tosterstraße, stand. Gestanden hatte. Nur diese war in jener Zeit eine Ruine, 1945 von den Russen angezündet. Zwischen den beiden Häuserzeilen gab es provisorische Kleingärten, und etwas Rasen - auf dem sogenannten Trockenplatz. Die Ruinen bestanden praktisch nur aus Außenmauern, aber mit einem intakten Treppenhaus aus Stein. Denn alle Zwischendecken (Holzkonstruktionen) waren zusammengestürzt, und füllten jetzt die Mauern bis zu einer Höhe der Parterrefenster mit Schutt.
Also konnte man die Treppen hinaufsteigen um dann, durch die jetzt leeren Türöffnungen, einen Blick auf die schon durch "Besucher" festgetretene Schuttoberfläche auf Parterreniveau werfen. Mit Probewürfen kleinerer Steine machten wir einen guten Platz für den Abwurf ausfindig, und stellten an dieser Stelle einen großen Pflasterstein hin, auf dem wir unser Stück plazierten. Dann stiegen wir alle gemeinsam, wie sollte es anders sein, hinauf. Das Gegenstück des unteren Pflastersteines schleppten wir mit nach oben, es wog gute 10 Kilo. Der Stärkste unter uns, nahm den Stein, stellte sich in Position und während wir alle warteten, zielte er lange. Dann ließ er den Stein los. Wir, der Rest, standen angespannt da, hielten uns teilweise die Ohren zu aber nur, um ein wenig später den dumpfen Aufschlag des Steines zu hören. Jetzt schauten wir runter und sahen, daß der Knallkörper unbeschädigt auf seinem Stein lag.
Der Schütze wurde gezwungen, den Stein ein zweites Mal hochzuschleppen, und ich übernahm jetzt die Regie: "Vorsicht, zurücktreten" zu rufen, die richtige Position einzunehmen, und den Stein fallen zu lassen, waren fast eine Tätigkeit. Ein Knall, nein, ein grollender, die Ruinen erschütternder Donner, war die Antwort. Wir waren überrascht, direkt erschrocken, und bekamen es mit der Angst, ob eventueller Folgen zu tun. Eine kleine Massenflucht die Treppen hinab, und Sprünge aus den Parterrefenstern - immerhin ungefähr 2 Meter über dem Boden - waren die Folge. Klaus hatte jedoch das falsche Fenster gewählt, denn da stand gerade die vom Trockenplatz aufgescheuchte, und schwer erschrockene Frau Czembor, griff sich den Burschen, und knallte ihm eine schallende Ohrfeige. Wir kamen in diesem Augenblick mit dem Schrecken davon, doch die aufgebrachte Frau Czembor ließ alle Eltern von unserer Tat wissen. Was natürlich auch Konsequenzen hatte...
Für mich dieses Mal nicht allzu strenge, denn Mutter behielt die Sache für sich.

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Eine weiterhin praktizierte Prozedur war das schon zu Kriegszeiten bekannte Schlüsselknallen. Also ein kleinerer Schlüssel (so einer, mit einem Loch) und ein Nagel, welcher möglichst genau in dieses Loch paßte, wurden mit einem kurzen Bindfaden verbunden. Diese Konstruktion erlaubte es, den im Schlüssel steckenden Nagel mit Schwung gegen eine Wand prallen zu lassen. Wenn man vorher noch ein oder zwei zerkleinerte Streichholzköpfchen in das Loch des Schlüssels gestopft hatte, gab es einen schönen, scharfen Knall. Besonders wirkungsvoll in geschlossenen Räumen, z.B. in einem fremden Treppenhaus. Dann mußte man natürlich, gewöhnlich schnell das Weite suchen.
Findige Mitmenschen hatten, wegen fehlender Schlüssel, eine neue Konstruktion für diese Knallmethode entworfen. Da gab es nämlich in den Kellern der Blöcke elektrischen Leitungsrohre, und diese waren mit Schellen an die Wand geschraubt. Das war auf den ersten Blick weniger interessant, doch die Schrauben steckten in metallenen, in die Wand geschlagenen Dübeln. Nun, die Schraube entfernen, und den Dübel mit einer Zange aus der Wand ziehen, war für fast jeden eine leichte Übung. Diesen Dübel jetzt stirnseitig in ein Stück Holz, einen Griff zu schlagen, eigentlich auch. So geschehen, hatte man einen handlichen Ersatz für den Schlüssel, und konnte so diesem "Sport" frönen. Jedoch gleichzeitig mit dieser Erfindung, stellte sich bald heraus, das die elektrischen Leitungen, in den allgemein zugänglichen Kellern, gefährlich durchhingen, was wiederum zur Folge hatte, daß sich die Erwachsenen dieser Angelegenheit annahmen, und die "Schießer" mit verschiedenen Repressionen konfrontiert wurden. Ob das, oder das Entwachsen der Akteure aus dem "Schießalter" der Grund für ein Abklingen dieser Mode war, kann ich nicht entscheiden. Wahrscheinlich beides und auch ein dritter Grund ist nicht von der Hand zu weisen: Für Streichhölzer mußte man bezahlen...
Für mich persönlich endete diese Periode, mit einem kleinen Paukenschlag, schon etwas früher, wohl 1947. Ich hatte Mutter geholfen die Wäsche auf den Boden zu tragen, wo sie zum Trocknen aufgehangen wurde. Der Boden war sehr geräumig, weil die ehemaligen individuellen Abteile der einzelnen Mieter noch während des Krieges liquidiert worden waren. Für eine bessere Brandbekämpfung im Falle eines Falles.
So gab es viel Platz für die Leinen, auf denen Mutter die Wäschestücke aufhing. Ich beschäftigte mich derweil mit Knallexperimenten. Hängt die Lautstärke von der Anzahl der Streichholzköpfe ab? Wahrscheinlich ja, denn auf einmal rief Mutter: "Das war ein Knall". Ich äußerte mich nicht dazu, sondern rief zurück: "Ich komme gleich" und verzog mich vom Boden.
Bei diesem Knall hatte ich nämlich einen Schlag ins Gesicht bekommen, spürte etwas Feuchtes auf den Lippen und hatte Blut auf den Fingern mit denen ich das kontrollierte. Schon iIn der Wohnung, vor dem Spiegel stellte ich eine Wunde über der Oberlippe fest, welche zum Glück nicht allzu lange blutete. Ich konnte zur Mutter zurückkehren, und sogar diese Verwundung vor ihr verheimlichen. Irgendwann später sah sie das natürlich, aber führte die Wunde auf irgendeine meiner gewöhnlichen Aktivitäten zurück. Nur ich wußte, daß es ein Splitter war, denn von dem Schlüssel fehlte der Kopf samt dem Bart. Meine Knallgarnitur war also dahin und ich gab leichten Herzens die Beschäftigung mit dem Schlüsselknallen auf. Ich sagte mir damals: "Das hätte auch ins Auge gehen können" - sogar wörtlich. Heute, fast sechzig Jahre später, sagte mir der Arzt bei der Beurteilung eines Röntgenbildes der Nase: "Alles in Ordnung, nur ein kleines Metallteilchen, in der linken Oberlippe, wohl von einer Zahnbehandlung?" - "Nee, eine Nachkriegserinnerung, ein Splitter" sagte ich ihm.

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1945, auch noch 1946 gab es verschiedene, vor- und nachher unbekannte, Artikel, welche zu jenen Zeiten ihren nicht bestimmungsgemäßen Gebrauchswert beweisen konnten.
So als Beispiel das "Pulver", also alle Arten von explosivem Material, welches zur Füllung von Geschossen oder Ladekammern der Geschütze verwendet wurden. In vielen Formen und Farben, als Plätzchen, kurzen, zylinderförmigen Stücken oder langen Stäben anzufinden. Manchmal im Schrott, aber vorrangig in verwaisten Flakstellungen, welche rund um Gleiwitz verstreut waren. Vor allem die langen, braunen, oder schwärzlichen Stäbe mauserten sich zu einem beliebten Tausch- oder Geschenkartikel. Praktisch eigneten sie sich anstelle von nicht immer vorhandenem Holz, zum Anzünden der Kohlen im Herd. Sie brannten nämlich verhältnismäßig langsam mit einer kleinen Stichflamme ab, fast wie die bekannten Wunderkerzen.
Natürlich waren die verschiedenen "Pulversorten" auch die Grundlage für unsere Experimente. Denn "Pulver" sollte doch eigentlich explodieren und knallen! Wirklich stellte es sich heraus, daß man einzelne (kleinere) Stücke durch einen Hammerschlag zur Explosion bringen konnte. Aber der Knall war eigentlich nicht so toll, schlimmer, die unter dem Hammer herausgeschleuderten Reste, machten sich gewöhnlich schmerzlich an den nackten Beinen, oder auch anderen Körperteilen bemerkbar. Weil man damals auch schon wußte, daß so etwas auch das Auge treffen konnte, mag das alles schon ein plausibler Grund für die Einstellung dieser Experimente gewesen sein.

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Wie ich schon betonte, war ich von frühester Jugend technikorientiert. So hatte ich, wohl 1947 oder 1948, meine Chemiephase. Warum gerade die? Weil doch Gleiwitz, nach dem Krieg, sich plötzlich zur Hauptstadt der polnischen Chemie gemausert hat. Praktisch waren das einige Betriebe, so die Fabrik für chemische Reagenzen in den ehemaligen Kasernen, fast hinter der Stadt. Sie blieb für uns der Lieferant für das ganze Zubehör. Natürlich unfreiwillig, aber in deren Müll konnte man für uns wertvolle Sachen finden. Außerdem wurden 1945 die Schullaboratorien geplündert, die Sachen von dort konnte man in den nächsten Jahren erstehen, tschuppeln oder einfach bekommen, wenn sie dem jetzigen Eigentümer lästig wurden. Da waren Mineralien und verschiedene Substanzen, manchmal direkt professionell verpackt und beschriftet. Es war schon schön eine solche Sammlung zu haben, aber noch schöner verschiedene Experimente anzustellen. Destillieren, ätzen, mischen oder sogar eine Bestimmung durchführen. Leider brauchte man dafür Platz, den ich nicht hatte. Doch trotzdem hatte ich Glück, ich fand so einen Jungen mit ähnlichen Neigungen, der jedoch über den nötigen Platz verfügte. Null Komma nichts hatten wir in seinem ehemaligen Stall, den hinteren Teil, ganze zwei Quadratmeter, mit der Erlaubnis seiner Eltern, in ein Labor verwandelt: Ein Eckregal, ein Tisch und zwei Sitzgelegenheiten. über dem Tisch eine Hängelampe mit einem blechernen Schirm, welcher unser Labor, bei geschlossener Tür, gut beleuchtete.
So werkelten wir dort öfters, hantierten mit unseren Schätzen. Wir hatten gerade Glasröhren, brauchten aber gebogene. So hatte ich die glorreiche Idee, Wasserstoff herzustellen. Denn Wasserstoff gibt eine sehr heiße Flamme... In einem großen Glaskolben, verschließbar mit einem Gummikorken und durchgestecktem, rechtwinkligen Glasrohr, hatten wir Säure und Metallspäne geschüttet, und dann das austretende Gas angezündet. Das gab eine kleine, (denn das Rohr war zugespitzt), aber sehr heiße Flamme. Natürlich wußten wir etwas über den eventuellen Rückschlag der Flamme, dem man durch eine Filter aus Metallwolle vorbeugen konnte.
Da wir aber keine hatten, meinten wir ein Filter aus Holzspänen würde doch die Flamme auch entsprechend abkühlen. So fingen wir gerade an das zu biegende Glasrohr zu erwärmen, als ich das glimmende Holz im Rohr bemerkte. Ich blies sofort die Flamme aus, aber das Holz glimmte weiter, in Richtung Flascheninneres. "Raus, raus" waren meine einzigen Worte und ...Taten. Mein Kollege war schon draußen, ich hinter ihm - die Tür war noch nicht richtig geschlossen, als ein riesiger Knall die Luft erschütterte. Der Kolben war wohl zu groß gewesen, die Explosion hatte den Tisch und die Regale leer gefegt. Etwas Säure, paar Glassplitter auf dem Tisch und eine pendelnde Lampe, schon ohne Birne, zeigten uns bei der Rückkehr das Ausmaß der Katastrophe an. Wir konnten keine Bilanz ziehen, denn schon waren Leute um uns, und der Vater meines Kollegen war in sehr schlechter Laune. Ich zog es vor, mich zu verkrümeln, besser gesagt abzuhauen.
Das war auch das Ende unserer Zusammenarbeit, ... und meiner Chemiephase.

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Geld verdienen

Ab ungefähr 1946 herrschten in Gleiwitz, was die Einkaufsmöglichkeiten betrifft, schon geregeltere Verhältnisse. Man war zwar ziemlich weit von den gewohnten, oder heute bekannten, Versorgungsmöglichkeiten entfernt, aber es gab Bäcker, gewöhnliche Lebensmittelläden und einige Fleischer. Nur Geld mußte man haben ...und Lebensmittelkarten. Anfangs nur für Fleisch; später, je nach Wirtschaftslage auch für andere Lebensmittel. Regulär wohl bis 1950, (denn dann wurde es bunt).
Mein Vater, praktisch Alleinverdiener der Familie, brachte wenig Geld nach Hause, sehr wenig sogar. Nachdem die Tante Eva schon von uns weg war, (Lager --> Deutschland), waren wir immerhin noch 7 Personen, die versorgt werden mußten. Hubert als der älteste (damals 16 Jahre) fand 1946 schon seine ersten Kurzanstellungen, und ich wollte ihm nicht nachstehen. Also neben den schon beschriebenen "Lebensmittelbeschaffungsmaßnahmen", sah ich mich auch nach Verdienstmöglichkeiten um. Wo konnte man damals bares Geld bekommen? In der Schrottsammelstelle auf der Toster Straße zum Beispiel. Aber Eisen war nicht gefragt, Buntmetalle jedoch schon. Praktisch waren es Zink, Blei, Messing und Kupfer. Leider nahm der Händler keinen Schrott militärischer Herkunft an, schlimmer: er drohte uns mit der Miliz, wenn wir ihm so etwas anschleppten. Also sammelten wir Regenrinnen, Bleirohre, Kabel und andere elektrische Drähte. Wo? Natürlich vorrangig in den Ruinen. Die Rote Armee hatte hier vorgesorgt, und knapp 30% der Stadt Gleiwitz in Schutt und Asche verwandelt. Schon nach den Kriegshandlungen, einfach so, aus Rache oder Jux.
Jedenfalls wußten wir in welchen Ruinen man die besten Chancen hatte um Buntmetalle zu finden. In älteren Häusern gab es noch Bleirohre, in reicheren Zink oder gar Kupferrinnen. Alles mußte unter dem Schutt hervorgescharrt, im besten Fall mit primitiven Werkzeugen aus den Befestigungen gerissen werden. Gut, daß wir die vielen Stunden in den Ruinen ohne größere Verletzungen überstanden haben. Allzu leicht hätte man auch etwas auf den Kopf bekommen können ...
Diese Beschaffungsmöglichkeiten zählten wir zu den legalen Methoden, denn wem schon gehörten die Ruinen?
Aber es gab noch die riesigen Schrotthalden vor dem Gleiwitzer Hafen, wo kunterbunt alles auf dem Haufen lag, was in ganzen Zügen angekarrt wurde. Wahrscheinlich sollten diese Haufen mal sortiert werden. Was wir, wenn kein Wachposten in der Nähe war, schon mal vorweg taten. Also kletterte man auf den Haufen herum, warf kleinere Teile beiseite um vielleicht in der Tiefe ein Stück Kupfer oder Messing zu erspähen. Mit vereinten Kräften wurden die Stücke beiseite geschafft, eventuell im Gestrüpp versteckt und später mit Karre oder Wagen abgeholt. Ich schreibe hier immer "wir", weil man praktisch all diese Aktivitäten am besten in der Gruppe meisterte. Man fühlte sich so einfach sicherer - und eigentlich war es auch so.
Die Krönung einzelner Aktionen war dann natürlich der Besuch des Händlers. Gut wenn alles angenommen wurde und wir dann Bares in den Händen hatten!

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Briefmarken.  Noch 1945 entdeckte ich meine Sammlerleidenschaft. Irgendwo davon gehört, dann die ersten Marken in die Hände bekommen, und ich war ein Briefmarkensammler! Da wurden alte Briefe aufgestöbert und ihrer Marken beraubt. Leider waren es fast immer die gleichen, wenn es um deutsche Marken ging: Das Portrait eines Mannes mit Seitenscheitel und Schnurrbart. Leider konnte man mit diesen Marken nicht viel Staat machen, man konnte sich sogar nicht mit ihnen loben. Ebenso waren die Marken der aktuellen, polnischen Serien ziemlich grau und unansehlich, fast auf Packpapier gedruckt, teilweise sogar ohne Perforation. Deswegen wurden auch Bekannte und Verwandte belästigt, und nach alten Briefen ausgefragt. Und es wurde getauscht: alles Entbehrliche gegen Briefmarken! Ja sogar kleinere, schwer erarbeitete Geldsummen, wurden gegen verlockend verpackte, exotische Briefmarken ausgegeben. Denn diese Kaufmöglichkeiten gab es 1946 schon.
So bekam meine erste Sammlung ihren Platz in einem, zum Briefmarkenalbum umfunktionierten, Notizbuch meines Vaters. In mühevoller Kleinarbeit hatte ich dort jede Menge Streifen aus Cellophan eingeklebt, unter welche dann die Briefmarken gesteckt wurden. Die Beschaffung des Klebers, wie auch des Cellophans, (das damals zum Abdecken von Gläsern mit selbstgemachter Marmelade diente), war damals eine enorme Leistung.
Leider konnte ich mich meiner Sammlung nicht zu lange erfreuen. Im Herbst hatte Mutter einen jungen, auf der Grube arbeitenden, Mann ausgemacht, welcher bereit war, für meine Sammlung ein Paar neuer Lederschuhe zu geben. Weil der Winter 1947/48 vor der Tür stand, sah ich Mutters Vorschlag im richtigen Licht, und trennte mich schweren Herzens von meiner Sammlung. Dafür ging ich diesen, und auch den (oder die) nächsten Winter, in soliden Grubenarbeitsschuhen!

Trotzdem war das nicht das Ende meines Interesses an Briefmarken. Ich sammelte wieder! Dabei kam mir meine, 1948 begonnene, Berufstätigkeit entgegen. Als Laufbursche konnte ich mir, durch meinen Kontakt zur Poststelle des Büros, problemlos alle ankommenden, interessanten Briefmarken sichern. Später, als Angestellter in der Kanzlei war es noch einfacher. Hier auch (es war im Jahre 1949) machte ich die Bekanntschaft eines professionellen Briefmarkensammlers mit internationalen Kontakten, damals einem ziemlich außergewöhnlichem Ereignis. Vor allem für uns, die "Autochthonen", für welche die Volksrepublik eine Insel mit Mauern war.
Also jener Bekannte kaufte gestempelte Marken, ausgeschnitten aus alten Briefumschlägen. Abgerechnet wurde nach Gewicht, was natürlich dazu verleitete, das Ausschneiden ziemlich großzügig vorzunehmen. Verständlicherweise machte der gute Mann da nicht mit, sondern rechnete einfach 10 oder 20 Prozent vom Gewicht ab. Ich mußte das hinnehmen, genau wie auch Abzüge bei der Warenqualität - hier der Markenvielfalt. Die sich hundertfach wiederholenden Alltagsmarken, mit den gleichen Nominalen, drückten den erzielten Preis. Deswegen versuchte ich mein Rohmaterial (die alten Umschläge) nicht nur auf meinem Arbeitsplatz zu gewinnen, sondern sie auch in anderen Firmen, und bei Bekannten zu sammeln. Alles in allem ein arbeitsintensives "Steckenpferd". Aber bei dieser Gelegenheit bereicherte ich auch meine, jetzt schon zweite, Sammlung. Für mich interessante Marken kamen nämlich dahin, und nicht in den Sack der zum Verkauf bestimmten. Sogar der Händler bereicherte meine Sammlung hin und wieder gönnerhaft, indem er mir einige seltenere Marken aus seinen Vorräten zukommen ließ.
Und bei meinem "Geschäftspartner" in Klüschau/Kleszczow weilte ich jede paar Wochen, gewöhnlich am Samstag nach der Arbeit. Es waren ungefähr 12 Kilometer, welche zu Fuß bewältigt werden wollten. Im Handgepäck ein oder zwei Kilo Marken. Vor Ort dann die Formalitäten, das Wiegen und Feilschen, um etwas später meinen jeweiligen, dürftigen Verdienst in der Tasche zu haben. Den Rückweg hätte ich des öfteren schon mit dem Linienbus zurücklegen können, aber dafür war mir das schwer erarbeitete Geld zu schade...

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Technische Errungenschaften


Etwas Fahrbares zu besitzen war der Traum jedes Jugendlichen. Wenigstens damals. Gelegentliche Fahrten mit dem Fuhrwerk, (natürlich als Passagier), waren in der Nachkriegszeit die einzige Möglichkeit, sich nicht zu Fuß fortzubewegen. Die Eisenbahnerfahrungen aus der Zeit vor 1945 waren schon Geschichte, trotzdem stachelten sie meine Phantasie weiterhin an.

Die einfachste Möglichkeit einer Ersatztätigkeit für eigene Fahrten war das Schieben von Reifen. Natürlich nicht solch bekannten Spielreifen aus Holz, welche man mit einem Stock zu mäßigen Geschwindigkeiten beschleunigen konnte. Nein, richtig schnelles Fahren war angesagt. Und das ging mit alten, abgehalfterten Fahrradfelgen. Diese konnte man verhältnismäßig leicht beschaffen, dazu ein aus dickem Draht geformter Griff welcher die Felge umgriff, und fertig war das Gefährt, das man dann mit viel Lärm und einer Geschwindigkeit, welche nur durch die eigenen Beine begrenzt wurde, vor sich hertreiben konnte. In der Gesellschaft von, mit der gleichen Leidenschaft befallenen, Kameraden konnte man dann sogar verschiedene Wettbewerbe veranstalten: Rennfahrten mit einer hohen Geräuschkulisse, Geschicklichkeitsfahrten im Gelände, oder Slalomfahrten auf Zeit, waren beliebte Spielarten. Doch das alles waren nur ein Ersatz für "richtiges" Fahren.

So liebäugelte ich von Anfang mit einem Fahrrad, natürlich Marke Selbstbau und voraussichtlich ziemlich primitiv. Dieser Traum verfolgte mich seit 1945, wo es noch ein Traum blieb. Aber dann hatte ich auf einmal Glück. Bei Verwandten von Onkel Karl in Öhringen/Sosnica, welche man hin und wieder besuchte, (womöglich gibt es da was interessantes), entdeckte ich im Schuppen einen (verrosteten) Damenradrahmen. Meine Bitten, etwas Überzeugungsarbeit, brachten mich dann in den Besitz des Rahmens. Ich war zwar hochmotiviert, trotzdem kostete es mich einige Schwierigkeiten, diesen Rahmen bis nach Hause zu schleppen, immerhin gegen 7 km.
Ja und dann war er da, und ich konnte ganz konkret über mein "neues" Fahrrad nachdenken. Zwei Räder waren notwendig ...und eine Kette. Die (geflickte) Kette hatte ich zuerst, schwieriger wurde es mit den Rädern. Trotzdem vergingen wohl keine zwei Monate, so hatte ich auch diese. Eingetauscht (getschuppelt, wie es damals hieß), gekauft(?), erbettelt - ich weiß schon nicht mehr, auf welchem Wege ich in den Besitz dieser Teile kam. Jedenfalls hatte ich das eines schönen Tages, schon nach Erlangung verschiedener handwerklicher Fähigkeiten zusammengebaut, und konnte das Rad durch die Gegend schieben. Denn ans Fahren konnte ich eigentlich noch nicht denken: die Bereifung fehlte! Trotzdem bin ich damals schon einige -zig Meter "probegefahren", einfach so auf den Felgen. Davon ließ ich aber schnell ab, weil ich mir die Felgen nicht allzusehr beschädigen wollte.
Fahrradreifen oder Schläuche zu bekommen, war 1946 für mich von vornherein eine aussichtslose Angelegenheit. Deswegen hatte ich vorgesorgt: Im Keller lagen einige Bremsschläuche von Eisenbahnwaggons, aus Gewebegummi, mit ungefähr 40 mm Durchmesser. Nicht besonders elastisch, aber Gummi! Mit Draht und viel Erfindungsgeist konnte ich die einzelnen Schlauchstücke miteinander straff verbinden, und dieses Gebilde dann zusätzlich noch an zwei oder drei Stellen mit Draht auf der Felge fixieren. Das Ganze sah richtig professionell aus!
Aber für das Vorderrad hat mein Vorrat schon nicht mehr gereicht. Kurzerhand entschloß ich mich für ein gummiummanteltes Kupferkabel, erobert auf einer ehemaligen Flak- und Scheinwerferstellung, unweit Grünwiese/Niewiesie. In dem Kabel war zwar mehr Kupfer als Gummi, aber es paßte genau in die Felge und überragte diese um gut einen Zentimeter. Anders gesagt, man konnte darauf fahren, ohne daß die Felge mit der Straße in Berührung kam. Es gab zwar Probleme mit der Verbindung der beiden Kabelenden, aber auch das konnte ich meistern. Natürlich spürte man jede Radumdrehung im Lenker, und das Vorderrad hatte wegen seines größeren Gewichtes ein bestimmtes Eigenleben, aber man konnte sich daran gewöhnen. Und fahren !!!
Heute ist es für mich kaum vorstellbar, daß ich mit diesem Monster auch weitere Strecken gefahren bin, viele Kilometer auf eher schlechten Straßen, auf Pflaster oder unbefestigten Wegen.
Natürlich blieben unterwegs auch Reparaturen oder andere Erlebnisse nicht aus. So ein Riesenschrecken, als ich während der Fahrt plötzlich einen Schlag auf den Rücken erhielt, und gleich einen zweiten, und weitere. Bis ich instinktiv das Rad anhalten, und feststellen konnte, daß es die Bremsschläuche waren, welche meinen Rücken mißhandelten. Wie? Das Fahrrad hatte sinnigerweise keine Schutzbleche, und als die Verbindung der Schläuche, wie auch deren Befestigung an der Felge an einer Stelle riß, konnte das freie Schlauchende, hochgewirbelt durch die Zentrifugalkraft, mir eins über den Rücken ziehen, sich wieder zwischen der Gabel auf die Felge einfädeln und bei der nächsten Radumdrehung den Schlag wiederholen. Schön könnte man heute sagen - damals mußte ich mich erst von meinem Schrecken erholen.
Nun, und irgendwann, vielleicht war es schon 1947, hatte mein Rad doch eine zwar schon strapazierte aber immerhin reguläre Bereifung. Zwei Mäntel, einige Schläuche. Mit den letzteren gab es viele Experimente und Arbeit. Natürlich waren sie undicht, natürlich mußten sie repariert werden. Flicken natürlich, aber mit was? Gummilösung oder richtige Flicken waren eigentlich nicht auftreibbar oder kamen aus Kostengründen nicht in Frage. So versuchte ich es mit den verschiedensten Mitteln, bishin zu geschmolzenem Gummi, (man hatte doch gesehen wie bei der Vulkanisierung von Autoschläuchen mit Feuer hantiert wurde). Natürlich aber blieben das, wegen fehlender theoretischer Kenntnisse, nur ergebnislose Bemühungen. Bis ich wirklich brauchbares Flickmaterial auftreiben konnte.
Bei den Mänteln oder wie man heute sagt: Decken, gab es auch Arbeit. Die ersten, welche ich hatte, wurden mit Ahle und Schustergarn entlang der Bruchstellen zusammengenäht oder verstärkt. Es war eine mühselige Arbeit und sie hielt nicht lange. Außerdem hatte ich mit dieser Bereifung einen unangenehmen Abflug in einer Kurve, als der Mantel platzte, und der herausquellende Schlauch das Vorderrad blockierte.
Naja, auch diese Ära meiner Fahrradaufrüstung ging vorbei. Dann hatte ich eine fast vollwertige Bereifung, mit welcher mir das Fahrrad bis ins Jahr 1949 diente: zu vielen Fahrten in Sachen Verpflegung, und auch Ausflügen ins Gleiwitzer Umland bis hin zum St. Annaberg.

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Da das Fahrrad, vor allem in der Anfangszeit nur bedingt einsatzfähig war, kam es in der Zwischenzeit zu einer anderen Konstruktion, gezielt auf unsere Bedürfnisse ausgerichtet:
Zu unserem ersten, "fahrbaren, Untersatz".   -  Ja, "unserem" - denn er wurde es erst bei zwei Personen: Eine, welche steuerte und die andere welche schob.
Aber der Reihe nach. 1946/1947 waren die wohl intensivsten Jahre in denen wir uns einen Teil der Lebensmittel direkt "vom Land" besorgten. Das größte Problem nach der Beschaffung selbst, war natürlich der Transport. Auf dem Rücken ziemlich mühselig, und auch nicht viel leichter, wenn man einen Handwagen ausgeliehen bekam. So um die zwanzig Kilometer (in einer Richtung) damit durch die Gegend ziehen, war schon eine echte Herausforderung.
Deswegen lag die Idee des Selbstbaues eines damals schon bekannten Gefährtes, (heute nennt man es Seifenkiste), nicht fern. Natürlich sollte es nicht nur dem Vergnügen dienen. In erster Linie dachte ich an unsere Fahrten auf die Dörfer. So sollte die Karre auch ein Gepäckabteil, eine Kiste haben.
Der Bau des Gefährtes wurde ein steiniger Weg. Die Materialbeschaffung, vor allem die der Räder, war das Schwierigste. Hier wollte ich nicht den Weg mancher Jugendlicher gehen: nämlich den Diebstahl von Rädern eines abgestellten Kinderwagens. Obwohl das Risiko des Ertapptwerdens in einem anderen Stadtviertel eher gering war, konnte ich so eine Tat nicht mit meinen Überzeugungen in Einklang bringen. So blieb mir das Suchen und Nachfragen nach einem ausgemusterten Kinderwagen nicht erspart, und es dauerte eine geraume Zeit, bis ich 4 Räder beisammen hatte. Und das gleich mit den zugehörigen Achsen! Zwar waren es zwei unterschiedliche Sorten von Rädern, aber im Endeffekt sah es sogar rassig aus: zwei massivere, dicke Räder hinten, und die mehr filigranen vorn.
Und wie war das Gefährt konstruiert? Nun hier durfte ich meine Konstruktionstalente beweisen. Der "Rahmen" war ein massives, ungefähr 40 cm breites Brett, welches im vorderen, etwas schmäleren Teil ein Loch hatte. Dort kam die Schraube, welche die bewegliche Vorderachse hielt. Die Vorderachse war ein Verbund der eigentlichen Metallachse, mit einem mit Blech beschlagenem Brett, welches mit den Füßen bewegt, die Lenkung des Gefährtes ermöglichte. Mit Blech war auch die Unterseite des Rahmens beschlagen, so daß sich die Vorderachse leicht bewegen ließ. Dann gab es noch eine Begrenzung für den Drehwinkel der Vorderachse - eine Sicherheitsvorkehrung - und die niedrige Kiste im hinteren Bereich des Rahmens - ein Bequemlichkeit - weil Rückenlehne für den Fahrer und Gepäckabteil zugleich. Ja, und ihre Rückseite diente noch dem das Gefährt Antreibenden als Stützpunkt für den Stock, mit dem er die Leistung einer Mannesstärke auf das Gefährt übertrug.
Und das war schon was! Eigentlich war die Geschwindigkeit nur durch die Beine des Antreibenden begrenzt.

Mit diesem Gefährt haben wir dann die eine oder andere Versorgungsfahrt durchgeführt: bis zu 50 Kilometer an einem Tag!

*    *    *    *    *


Ich bastelte gern und hatte immer welche Einfälle. So war ich auch um den Inhalt unseres Kellers (u.a. einige "Krausen" mit Eingemachtem!) besorgt, denn 1946, auch 1947, häuften sich die schon ganz gewöhnlichen Diebstähle und Einbrüche in Keller, Boden und Wohnungen. Die Schwachstelle in unserem Haus mit 9 Mietparteien war der Keller, in welchen man mit einfachen Mitteln, vor allem von hinten, hineinkommen konnte. Die Vorhängeschlösser vor den einzelnen Kellern blieben dann für eventuelle Einbrecher nur ein kleines Hindernis. So dachte ich mir, daß man mit entsprechendem Lärm, (einem erprobten Mittel der Nachkriegsmonate), die Einbrecher verjagen könnte.
Technische elektrische oder elektronische Hilfsmittel hatte ich wegen fehlender Verfügbarkeit (1946!) erst gar nicht in Betracht gezogen. Doch es gab etwas wunderbar für diesen Zweck geeignetes, nämlich große, leere Granathülsen aus Buntmetall. Wenn eine solche Hülse aufgehängt frei schwingen konnte, gab sie bei jeder Berührung einen glockenähnlichen Ton von sich, bei stärkeren Schlägen einen ohrenbetäubenden Lärm. Also blieb mir nur die Aufhängung übrig so, daß die Hülse, mit einer kleineren als Klöppel im Inneren, bei der Öffnung der Tür durch jemanden Uneingeweihten in Bewegung geriet. Das ließ sich leicht durch eine Wartestellung der Hülse bewerkstelligen, welche außerhalb ihrer Ruhestellung lag. Wenn jetzt der dünne Faden, durch welchen die Hülse ausgeschwenkt blieb, beim Öffnen der Tür riß, dann knallte sie gegen die Wand, schwenkte zurück um danach sofort noch einmal die Wand zu berühren. Das, und der "Klöppel" im Inneren, verursachten einen Höllenlärm, der sogar am Tage durchs ganze Haus schallte - in der Nacht sollte es entsprechend effektiver sein.
Nur mußte man diese Alarmanlage vor jedem Kellerbesuch "entschärfen", und danach wieder "schärfen", damit sie im Ernstfall ihren Zweck erfüllen konnte. Und das tat man, angesichts der bei einem ungebetenen Besuch zu erwartenden Verluste, auch über Monate hinweg.
Bis zu dem einem Tag, wo es vergessen wurde, und an welchem die Einbrecher kamen...

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Radio.   Der Hauch der Technik, das während des Krieges für uns noch Unerschwingliche, das Fenster in die "Welt", die hinter Gleiwitz, rückte nach dem Krieg in eine greifbarere Nähe. Man war schon etwas älter, hatte einen noch älteren Bruder - und, ja gerade davon wollte ich erzählen.
Da war zuerst das Detektorradio mit dem Bleierzkristall. Alle Bestandteile waren durch Tausch oder Pump erhältlich. Wenn man schon einen Kopfhörer hatte, ging es verhältnismäßig einfach. Es gab die verschiedensten Rezepte um mit Antenne, Spule, Kondensator und eben dem Bleierzkristall einen Empfänger zu basteln, der den Empfang der Lokalstation für Sekunden, oder sogar einige Minuten ermöglichte. Es war ein piepsender Empfang für scharfe Ohren, trotzdem ein Genuß, und eine riesige Genugtuung etwas aus dem Nichts zu hören. Da gab es damals sogar Rezepte, nach denen man den Ton im Kopfhörer so verstärken konnte, daß mehrere Personen gleichzeitig in den Hörgenuß kamen. Das Rezept? Nun, man legte den (einzelnen) Kopfhörer, schräg an Boden und Wand, in einen emaillierten Nachttopf!
Trotzdem wollte man dann gern schon mehr, ein Radio mit Lautsprecher - das wäre was.
So kam denn dann der kalte Tag des Jahres 1946, in welchem Hubert, mein älterer Bruder, eine kurze, aber interessante Anstellung fand. Und uns die elektrisierende Nachricht erreichte: Das Lager mit Radioempfängern, welches im Gebäude des ehemaligen Rechenzentrums der E-Werke, gegenüber der Bahnhofspost, noch von den Russen angelegt worden war, (es ging dabei um die im Februar und März 1945 konfiszierten Geräte der Zivilbevölkerung), sollte aus irgendwelchen Gründen in Räume auf der Markgrafenstraße "umziehen". Der Zustand der Geräte war adäquat ihren bisherigen Lagerbedingungen: Fast wie auf einem Kartoffelhaufen. Und ihr Transport auf der Ladefläche eines Lkws sollte ihren Zustand nicht verbessern. Außerdem waren da noch die Transportarbeiter, wie z.B. Hubert, welche die Auffassungen der damaligen Eigentümer über die Besitzverhältnisse des Schrotthaufens nicht teilten. Also wurden verschiedene Techniken erarbeitet, um leicht zu entfernenden Teilen der Geräte, während der einzelnen Fahrten neue Besitzer zuzuweisen. Diese waren dann wir, die Meute der Jugendlichen für welche die Radiotechnik eine magische Anziehungskraft besaß. Wir bildeten die, nur mühsam zu verscheuchende, Eskorte des Transport-LKWs.
So kam es, daß auch wir am Ende der Umzugsaktionaktion über einen schönen Vorrat von Röhren, Kondensatoren, Widerständen und Spulen verfügten. Ein richtiger Schatz, welcher uns die Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten, zwecks Tauschgeschäften und Wissenstransfer, ermöglichte. Natürlich war ich nur der "kleine" Bruder, mit Nullkenntnissen, und ebensolchen Erfahrungen, dafür aber mit einem Riesendrang zur Verwirklichung eines eigenen Empfängers. Und der stand dann auch, etwas später, auf dem Schrank unseres Zimmers: Drei Röhren auf einem Aluminiumchassis, und daneben ein Magnetlautsprecher, alles schön nebeneinander - natürlich ohne Gehäuse. Aber es spielte!!!

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Wasser,  auch meine damalige Leidenschaft - und das aus einigen Gründen. Wohl 1947 "entdeckten" wir Jugendlichen Sandwiesen/Przezchlebie, das Gebiet der ehemaligen Sandgruben, wo vor, womöglich auch noch während des Krieges, Sand für die Verfüllung von Leerräumen im Steinkohlenbergbau gewonnen wurde. Das geschah mit noch verhältnismäßig altmodischem, sprich kleinem Gerät. Damit wurden Lehm- oder Toneinlagerungen, auch Steinfindlinge, umgangen, und in dessen Folge, mitten im Wald, ein abenteuerliches Gelände geschaffen. Das Grundwasser ließ nicht lange auf sich warten, die Natur hatte mannigfaltige Möglichkeiten für Pflanzenansiedlungen, und so entstand ein vielleicht einen Quadratkilometer großes, abwechslungsreiches Badegebiet mit Tümpeln, aber auch größeren und tieferen Wasserflächen. Ein Paradies für Jugendliche aus der Stadt!
Das einzige Hindernis war die Entfernung, schätzungsweise 5 km vielleicht 6 km in der Luftlinie. Dafür mit einem abwechslungsreichem Weg. Erst 2, 3 km durch die Gleiwitzer Vororte und die Waldsiedlung, dann schon Waldwege.
Nun, das eigentliche Thema über welches ich berichten wollte muß, ob der schönen Erinnerungen, die mich in diesem Augenblick befallen, noch etwas warten. Ich erzähle weiter über Sandwiesen.
Der Weg war zwar weit, aber bald hatten wir deswegen einen neuen Sport entdeckt: Jeder Rückweg, ein anderer Weg! Das war eine Herausforderung für unsere Rotte, und bald kannten wir den zu durchquerenden Waldgürtel wie die Straßen in Petersdorf. Mehr noch, alle durch uns benutzte Wege und Schneisen bekamen ihren Namen, und einige von uns hatten dann den "Waldplan" ziemlich gut im Kopf. Daß wir bei der Benutzung, nur uns bekannter "Abkürzungen", nicht immer den kürzesten Weg nahmen, stellte sich meistens erst später heraus. Aber das war eigentlich auch egal. Wir genossen den Gang über bekannte, oder weniger bekannte Wege, bekamen neben schönen Ansichten, auch manchmal Wild zu Gesicht, oder fanden Pilze für eine gern gesehene Bereicherung der Speisekarte. Das war immer auf dem Rückweg, kurz vor der Dämmerung. Denn der Hinweg wurde fast immer im Laufschritt absolviert: Es war meistens schon Nachmittag, und wir wollten doch noch unseren Spaß im Wasser haben.
Es war die Zeit, in der ich schwimmen lernte - ohne Lehrer, nur im Kreis von Schicksalsgenossen, die das gleiche Problem meistern wollten. Jeder belehrte jeden, und wohl alle erreichten ihr Ziel. Es waren die Jahre 1947 bis 1949, was aber nicht heißen soll, daß ich für die Lehre so viele Jahre brauchte!

Nein, man konnte da draußen vieles tun: Mit dem dort vorgefundenen, vielfarbigen Ton die schönsten Indianerbemalungen hervorzaubern, oder sich in der Kunst der Töpferei, oder gar schier der Bildhauerei versuchen, man konnte Steinchen sammeln und Burgen bauen, und man konnte die Natur beobachten. Sogar Eidechsen oder Schlangen fangen, um sie etwas später natürlich wieder freizulassen.
Man konnte auch andere Menschen beobachten! In den späteren Jahren, als immer mehr Leute die Vorzüge dieser Idylle im Walde kennenlernten, aber es dort trotzdem noch viele stille, abgelegene Winkel gab, machten wir eine interessante Entdeckung. Hinter einem Schilfgürtel, an dem etwas höher gelegenen Waldrand, hatte eine Gruppe junger Frauen ihr Lager aufgeschlagen. An sich nichts außergewöhnliches, aber diese Frauen sonnten sich "oben ohne" - eine damals absolut nicht alltägliche Angelegenheit, und deswegen für die 15- bis 16-jährigen jungen Leute ein ganz willkommener Anblick, und eine Bereicherung ihres Wissens um das andere Geschlecht. Dafür aber mußten wir uns bis an die Waldeskante vorpirschen, um dann von oben den schönen Ausblick zu genießen. Es war auch eine nützliche Ergänzung unserer damals öfteren Gesprächsthemen.

Die Atmosphäre dieser Landschaft, die Wasserflächen und schemenhafte Erinnerungen an "Bootsfahrten" auf dem (winzigen) Peiskretschamer Gondelteich, weckten in mir die Sehnsucht nach der Möglichkeit, sich auf dem Wasser bewegen zu können. Das Gondeln, auf ein Floß imitierenden Holzschwellen der abgewrackten Sandeisenbahn, war natürlich nur ein Ersatz. Aber er stachelte die Phantasie an.
Ein eigenes Boot zu besitzen, womöglich sogar ein spritziges Paddelboot - das war damals das höchste der Gefühle. Da keimten so verschiedene Ideen im Kopf, welche aber erst eine reale Gestalt annehmen konnten, als in meinem Aktionsbereich - sprich meinem Arbeitsplatz - Sperrholzplatten auftauchten. Natürlich kamen nicht ganze Sperrholzplatten in Betracht (denn die gehörten der Firma), aber es gab Reste. Die Platten gebrauchte man damals für die aufwendige Anfertigung jeglicher Art von Propagandaartikeln. So für tragbare Tafeln, mit entsprechend, für diese Epoche, erbauenden Aufrufen zum Tag der Arbeit, (diese wurden dann im Demonstrationszug mitgetragen). Oder für am Gebäude anzubringende Embleme, als Verstärkung der Porträts der Revolutionsführer. Da ich im Rahmen der Vorbereitungen diverser Staatsfeste, auch mit dem Zuschnitt der Platten konfrontiert wurde, war es für mich verhältnismäßig leicht, entsprechend große "Plattenreste" zu erzeugen. Und nach dem Fest, wenn diese Reste sowieso nur im Wege standen, konnte der Verantwortliche ohne größere Schwierigkeiten für eine Entsorgung, in meinem Sinne, gewonnen werden.
So hatte ich bald das für die Beplankung meines Bootes notwendige Material im Keller, und konnte meinen Gedanken spielen lassen. Da das Werkzeug, welches mir zu Verfügung stand sehr karg und primitiv war (ebenso wie meine Herstellungsmöglichkeiten überhaupt), mußte ich mich für eine entsprechend unkomplizierte Form entscheiden. Das Skelett konnte ich nur aus Latten erstellen, aus geraden Latten. Also war die (schnittige) Form, der Grundriss, schon vorgegeben: zwei ungleichmäßig hohe Dreiecke. Das spitzere bildete den Bug, das zweite das Heck meines Traumes. Die Sperrholzteile wurden mit Pappnägeln aufgenagelt; als Dichtmasse kam Dachdeckerteer dazwischen. Überhaupt gedachte ich später das ganze Boot, getreu den großen Vorbildern der Vergangenheit, großzügig mit Teer und Farbe abzudichten.
Nun und so nahm das Boot Gestalt an, man konnte sich sogar schon reinsetzen. Aber dann kam der Herbst, der Winter 1950/51, und ich mußte das halbfertige Boot unters Dach bringen. Reichte bisher noch der Keller oder die Waschküche, um mich für ein paar Tage von der Arbeit zurückziehen zu können, mußte ich jetzt an eine wirkliche Arbeitspause, und die Unterbringung meiner sperrigen Konstruktion denken. Da kam nur der Dachboden in Frage. Er war groß und gewöhnlich leer, nur ab und zu als Trocknungsraum für die Wäsche gebraucht. Um möglichst vielen, eventuellen Beanstandungen der anderen 8 Mietparteien aus dem Wege zu gehen, beschloß ich das Boot, drei Meter über dem Boden, in der hölzernen Dachkonstruktion unterzubringen. Gedacht, getan. Mit Hilfe meiner Freunde wurde es in der äußersten Ecke, unzugänglich für gewöhnliche Sterbliche, festgezurrt. Im Frühjahr sollte es dann weitergehen.
Da es aber in vielerlei Hinsicht bewegte Zeiten waren, kam es anders als gedacht. Im Spätherbst lernte ich Helene kennen, was natürlich schon einen Einschnitt in meine freie Zeit bedeutete. Aber es kam schlimmer: Ich wurde dienstlich nach Breslau versetzt, und meine Gleiwitzperiode wurde für viele Jahre unterbrochen. Andere, wichtige Sachen traten in den Vordergrund, und mein Projekt: "das Boot" verblaßte langsam. Dann kam meine Hochzeit, das Studium und die Arbeit danach.
Unser Zuhause war schon Peiskretscham, während meine Mutter weiterhin in Gleiwitz, auf der Adolfstraße, wohnte. Bei einem meiner Besuche, schon in den sechziger Jahren, half ich wiedermal bei der Wäsche. Und was sehe ich da am Boden, hoch oben zwischen dem Gebälk? Das "Unvollendete"! Niemand hat sich seiner während der vielen Jahre angenommen.
Im Jahre 1976 durfte meine Mutter nach Deutschland ausreisen. In die Wohnung zogen neue Mieter. Das Boot blieb an seinem Platz. Ob es auch heute noch dort oben hängt ...?

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Anderes

Im Laufe der Zeit erinnert sich der Mensch an Einzelheiten seines Lebens, an welche er schon nicht mehr gedacht hatte. So ein Erlebnis, daß ich als "älterer" Junge mit den Freunden meines um 8 Jahre jüngeren Bruders hatte. Unter ihnen war Jurek Gałuszka, welcher mit seinen Eltern aus Ostpolen, der heutigen Ukraine, angereist war. Obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen der neuen Bevölkerung und den Autochtonen anfangs eher angespannt waren, so hatten sich die Angelegenheiten im Laufe der Jahre, mit der besseren Möglichkeit einer sprachlichen Verständigung, deutlich verkleinert. Besonders unter Jugendlichen waren die Barrieren wohl ganz weg.
So erinnerte mich Jurek unlängst an meine Lesepassion. Ich las damals viele Bücher, so wie sie mir in die Hände fielen, polnische oder deutsche. Man darf nicht vergessen, daß es damals (in den vierziger Jahren) viel, viel weniger Bücher gab als heute. Umso wertvoller waren die eigenen, oder auch ausgeborgten. Ich hatte damals gerade den Winnetou von Karl May, welcher mich stark beschäftigte. So lag es nahe, daß ich versuchte, mich interessierende Abschnitte der "jüngeren" Jugend zu vermitteln. Und ihnen, die die Kunst des Lesens noch nicht so perfektioniert hatten, aus dem Buche vorzulesen. Wobei sie fasziniert mitfieberten. Der Clou dabei war nur, daß ich aus dem deutschen Buch polnisch las. Womit ich den Zuhörern deutlich imponierte.

Diese Begebenheit schrieb ich deutlich später, erst im Jahre 2011
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