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Etwas aus meinem Leben



Es ist schon komisch, jahrzehntelang hat man gelebt und dachte kaum an seine Jugend. Über 60 Jahre ist es nun her und erst heute, wo man schon in den 80-ern angelangt ist, kommen die Gedanken an jene Zeiten verstärkt an die Oberfläche. Man erinnert sich an Gegebenheiten, schmerzhafte oder schwierige, welche nicht unbedingt weltumwerfend waren, trotzdem aber wichtige Ereignisse im Leben des Einzelnen waren. Denn Krieg ist immer was Schlimmes und Kinder haben vor allem darunter zu leiden.
Und ich war eins, dessen ganzes Leben der Krieg geprägt hat. Negativ.   -   Wie schön kann ein Leben sein, welches mit einer unbeschwerten Kindheit beginnt. Mir war es seit 1945 nicht vergönnt.



               Die Lebensabschnitte:

Eigentlich der Anfang   -   Der Fliegerangriff   -   Weiter auf der Flucht   -   Wieder in Oberschlesien, nur diesmal schon Polen   -   Spion   



Eigentlich der Anfang
Es war ein trauriger Tag für meine Mutter, der 13. Februar 1933, als sie erfuhr, daß mein Vater auf der Grube tödlich verunglückt war. Dann, fast zwei Wochen später, am 24. Februar 1933 kam ich zur Welt Zu früh, trotzdem hatte mein Vater sein "Viermädelhaus" nicht mehr erleben können. Ich wuchs behütet, geliebt und ...verwöhnt auf. Es hat mir, so glaube ich, nicht geschadet.
Von meinen älteren Schwestern lernte ich Gedichte, von meiner Mutter - einer Musikliebhaberin - viele Lieder. Ich lebte also mit Mutter und den drei Schwestern im Haus, wovon die Älteste, die Hilde, meine Stiefschwester war. Sie war aber nur in den Ferien bei uns. So kam es, das Männer für mich ein Fremdwort waren – ja, bis zu meinem 17. Lebensjahr. In der Schule war ich zwar ehrgeizig - niemand sollte besser sein als ich - doch hatte ich viele Freundinnen und Spaß, in und nach der Schule.

So wurde, sogar schon in den Vorschuljahren, die Ruth Kura meine beliebte Spielgenossin. Sie wohnte zwar in einer anderen Straße, aber den Hof hatten wir gemeinsam. Denn unsere Häuser waren Eckhäuser. Für Mutter blieb ich damals das Nesthäkchen, für welches das Erfahren der Welt und selbstständige Erkundigungen auf der Straße praktisch ausgeschlossen waren. Da blieb nur der Hof, vielleicht auch die andere, unbebaute Straßenseite. Diese Umgebung blieb mein „selbstständiges“ Refugium, das ich mit meiner Freundin, der Ruth, aus dem Haus nebenan, erkunden konnte. So waren wir zusammen, im Hof und öfters auch in der Wohnung. Bei mir. Denn Ruth hatte es enger ...und Geschwister. Wir spielten täglich miteinander. Ansonsten war ich an die Mutter gebunden, denn nur mit ihr konnte ich z.B. meine Tante, 500 Meter weiter wohnend, besuchen.
Die Spiele mit Ruth waren vielfältig, wir versuchten es sogar mit einem "Telefon", einem Faden, gespannt zwischen meinem und ihrem Fenster. Wer uns dabei geholfen hat, es war doch der 2. Stock, weiß ich nimmer! Nun jedenfalls konnten wir Signale senden, zwischen beiden Wohnungen! Wobei das Mikrophon, nach Bedarf auch gleichzeitig der Hörer war: Zwei hölzerne Streichholzschachteln, je eine am Ende des Fadens.

Ein aufregendes Erlebnis hatten wir am Küchenfenster, wo eigentlich unser beliebter Spielplatz war. Wenn man zwei Stühle vors Fenster stellte, bot sich ein schöner Platz zum Spielen an: die Fläche der Mauer, des Fensterbrettes und noch das Blumenbrett davor. Man konnte die Puppenstube aufstellen oder auch einen kleinen Verkaufsladen einrichten. Auch unsere Puppen hatten da Platz. Sie waren unsere Kinder.
Ich erinnere mich an dieses Ereignis. Ruths Puppe war ein ziemlich exponierter Platz auf dem Blumenbrett angewiesen worden, so das diese dann, bei einer etwas unachtsamen Bewegung, über die Umrandung stürtze, und zwei Stock tiefer im Hof landete. Wir erschraken, aber Ruth als Puppenmutter sprang sofort zur Tür und lief laut schreiend: "Mein Kind, mein Kind ist aus dem Fenster gefallen" die Treppen hinab. Dabei blieb es nicht aus, daß manche Leute, Erklärung suchend, aus den Wohnungen traten. Als sie dann aber Ruth sahen, welche die Puppe an sich drückend, die Treppe heraufstieg, mußte sich diese einige böse Worte anhören.

In die Schule, unweit auf der Tarnowitzer Landstraße, ging ich, weil es einfach Pflicht war. Diese, meine Schule bestand eigentlich aus zwei Gebäuden, eins für die Mädchen, eins für die Jungen. Ja, so war das damals. - Und fand das ganz natürlich.
Tagtäglich zog ich mit meinem Ranzen (anfänglich war nur die Schiefertafel und die Lesefibel drin, später schon mehr) unsere Straße hoch, um meiner "Pflicht" gerecht zu werden. Denn offen gesagt, waren mir die späteren, täglichen, ungezwungenen Beschäftungen, mit Ruth und anderen Mädchen viel lieber.
Die Kriegszeit war eine Zeit der Entbehrungen und Beschränkungen oder durch die Machthaber auferlegten "Pflichten". Diese Zeiten versuchte man möglichst gut zu überbrücken. So z.B. mit der Hilfe von Hilde, meiner Stiefschwester. Sie hatte uns zu dieser Zeit schon verlassen. Ihr Dienstverhältnis brachte sie an einen anderen Ort, denn sie war Dolmetscherin. Ihr Lebenslauf wurde früher teilweise durch ihren Vormund bestimmt, der ihr eine Ausbildung in einem Breslauer Kloster nahelegte. Dort lernte sie die französische Sprache und wurde während des Krieges von der Wehrmacht vereinnahmt. Sie kam dann, nach dem Frankreichfeldzug dahin, ich glaube auch nach Belgien. Jedenfalls war sie in der Lage, von dort aus meiner Mutter, den durch sie heißgeliebten Bohnenkaffee zukommen zu lassen, welchen es in Deutschland, so glaub ich, garnicht gab. Um das zu bewerkstelligen, schickte ihr meine Mutter Päckchen mit belanglosem Inhalt, damit sie Verpackungsmaterial für den ihrerseits verschickten Kaffee bekam.
Die Pfichten eines Mädchens in meinem Alter waren in den späteren Jahren das Muß einer Teilnahme an den Aktivitäten im Jungmädchenbund. Für mich waren sie belastend. Meine Mutter fand dafür einen Ausweg: "Mußt Dich halt noch als Kind darstellen, noch zu unerwachsen für ein Mitmachen dort - setz Dich einfach in die letzte Bank, nimm Deine Puppe mit und spiel mit ihr". Es hat so ziemlich geklappt, womöglich auch deswegen, weil das dritte Reich seinem Ende zusteuerte.

In diese Zeit fiel auch mein "mißglückter" Anfang als Schülerin im Liceum. Ich wurde im Eichendorff-Liceum angemeldet und ging da womöglich einige Tage hin. Es war ein weiter Weg, schlimmer, er führte durch belebte Straßen und das war meiner Mutter ungeheuer. Vor allem, wegen der sich damals häufenden Fliegeralarme und der Pficht, den nächstgelegenen Luftschutzraum aufzusuchen, Sie wollte ihr Kind nicht in fremden Kellern sehen, nicht zu wissen was mit ihrem Kind geschieht war für sie unvorstellbar.
Ich erinnere mich an eine, für mich peinliche, Szene in der Straßenbahn. Dort kamen wir mit meiner ehemaligen Lehrerin zusammen und die drückte ihr Unverständnis für den Schritt meiner Mutter, mich vom Liceum zu nehmen, aus
Dann war der Winter da und mit ihm fing der schlimmere Teil meines Lebens an...

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Der Fliegerangriff
1945, das Schicksalsjahr für viele Menschen. Das Jahr, in dem ich 12 Jahre alt werden sollte. Ich lebte mit Mutter und Schwestern in Gleiwitz. Lucie war gerade im Arbeitsdienst, irgendwo in Norddeutschland. Meine zweite ältere Schwester, die Gretel, wurde 1945 gerade 16 Jahre alt und war in der Lehre als Telefonistin - bei der Polizei in Gleiwitz. Sie wurde mit der Dienststelle evakuiert, aber Mutter hatte, falls wir auch fliehen sollten, einen Treffpunkt in Bayern vereinbart. So erreichte mich der Januar 1945 als unbedarftes Kind, welchem die wirklichen Kriegsgeschehnisse fremd waren. So auch die Entscheidung meiner Mutter, den Aufrufen der damaligen Machthaber zu folgen und mit Kindern die Heimat vor der näher rückenden Front zu verlassen. Die allerälteste, Hilde meine Stiefschwester, war gerade zu dieser Zeit, während ihres Urlaubs, bei uns und machte deswegen die jetzt auf uns zukommenden Tage und Wochen mit.
Am 21. Januar, es war ein bitterkalter Wintertag in Oberschlesien - mit Temperaturen dick unter -20°C - wurde ich aus meiner Kindheit herausgerissen: Die Erwachsenen packten das aus ihrer Sicht wichtige in Taschen und Koffer. Meine Gedanken waren bei meinen Schätzen, den Puppen und anderen, mein Dasein begleitenden Sachen. Aber ich sollte all das zurücklassen - in der unbewohnten Wohnung in die vielleicht die Russen kommen - irgendwelche fremde und böse Menschen? Ich war schockiert. Die Beteuerungen von Mutter und Schwester klangen nicht sehr überzeugend, als sie von einer baldigen Rückkehr und einem "es wird schon nichts passieren" sprachen. Ihr Gebaren, die Angst die aus ihnen sprach, konnte ich ganz anders deuten. So versuchte ich in meinem Schulranzen all das unterzubringen, was mir unentberlich schien. Natürlich war das ein müßiges Unterfangen: erstens war der Ranzen viel zu klein und zweitens wußten die Erwachsenen besser, was da hinein gehört. Also kamen meine Sachen raus und wesentlichere, so für die Mutter wichtige Dokumente, hinein. Und der Ranzen später und während der ganzen Flucht, fest auf meinen Rücken. Meine Puppen, wie auch die übrigen, für mich wertvollen Dinge, verstaute ich noch möglichst tief in unserem große Schrank.

Als das Gepäck vorbereitet war, stellte sich die Frage, wie das alles zum Sammelplatz in der Stadt, am Feuerwehrdepot zu bringen. Kurzerhand wurde mein Schlitten aus dem Keller geholt und der Weg konnte beginnen. Mit vielen anderen Menschen warteten wir dort und warteten auf die angesagten LKWs.
Es dauerte. Der Tag ging zur Neige und von den Wagen keine Spur. Wegen der Kälte hockten wir in irgendeinem Gebäude. Trotz vorsorglichster Kleidung fror ich erbärmlich, war wohl grün und blau. Meiner Mutter, welcher schon der Kragen platzte, sagte plötzlich "Zurück nach Hause, egal wo wir umkommen", machte schon keinen Eindruck auf mich. Denn sie entschloß sich, anstatt hier zu erfrieren, wieder nach Haus zu gehen. Doch da kam der Knall, unser Schlitten war weg – geklaut. Suchen half nicht. Das vereitelte die Aufgabe unseres Vorhabens, Gleiwitz zu verlassen und Mutter brtrachtete das als Fingerzeig des Schicksals.

Die erwarteten Lastwagen kamen erst gegen Abend. Einfache, offene Lastwagen. Frauen, Kinder - auch alte Menschen - und ihr Gepäck wurde auf die Wagen verteilt.. Es war ein großes Durcheinander, überschattet durch die Kälte und die den Erwachsenen ins Gesicht geschriebenen Sorgen oder Ängste. Dann ging es hinein in die Nacht. Wenn der Wagen stehen blieb, lauschte ich dem Gespräch der Menschen, welche eng aneinander gedrängt, zwischen den gestapelten Gepäckstücken saßen. Sie sprachen vom sicheren Westen, von der sich entfernenden Front und fühlten sich erlöst. Für mich war es zwar unheimlich, aber ich verstand das alles nicht. Dieses Gefühl der Geborgenheit überkam auch mich, die ich eingebettet zwischen den Erwachsenen und auf irgendwelchen Gepäckstücken lag. Ich starrte in den schwarzen, kalten Himmel und schlief nach den Strapazen des Tages einfach ein.
Und wußte nicht, daß es doch noch schlimmer kommen wird.

Es war schon heller Tag, als ich durch meine Mutter wach gezerrt wurde. Ein Unheil verkündendes Geräusch lag in der Luft. Die Lastwagen standen in größeren Abständen auf einer Landstraße, deren Rand mit Bäumen besetzt war. Die Leute schrien durcheinander und sprangen von den Wagen. Auch meine Mutter war einen Augenblick später schon unten und versuchte mich über den Bordrand des Wagens zu ziehen. Ob ich dann sprang, das weiß ich nimmer, aber jedenfalls landete ich im mit Schnee zugewehten Straßengraben und wurde sofort von meiner Mutter noch tiefer hineingedrückt. Obwohl meine Landung ziemlich unsanft war, spürte ich ob der um mich herrschenden Panik keinen Schmerz. Die plötzlich in mir auflodernde Angst überdeckte alles, als mir bewußt wurde, das Ziel eines Angriffes von Tieffliegern zu sein. Der Motorenlärm und das Geknattere der Bordwaffen überlagerte meine körperlichen Mißgefühle. Denn in diesem Augenblick knallten schon die Salven der Maschinengewehre: Sowjetische Flieger im Tiefflug! Zwei oder drei brausten die Straße entlang und ich meinte die feuerspeienden Maschinen greifen zu können, so nahe flogen sie über uns hinweg.
Angst- und Schmerzensschreie wurden laut um aber einen Augenblick später wieder vom Motorengeräusch und dann den Schüssen übertönt zu werden. Waren es dieselben Flieger oder andere ich weiß es nicht - jedenfalls schien eine Ewigkeit vorbei zu sein, bis das Flugzeuggeräusch endlich verklungen war und die Menschen sich aus dem Schnee wühlten. Mir kam es stundenlang vor, bis der Lärm verstummte - es waren aber doch höchstens Minuten. Die ganze Angst des letzten Tages war wieder da  -  der Krieg hatte uns eingeholt.

Ein oder zwei Wagen brannten, um die anderen scharten sich die Menschen, ihre Aufregung wuchs, es gab hektische Aktivitäten. Meine Mutter schirmte mich von den Menschen ab und ließ mich mit meiner Schwester bei einer Gruppe vor den Lastern. Mir wurde es klar, daß es jetzt im Treck tote und verwundete Menschen gab, man versuchte die letzteren auf ein heil gebliebenes Auto zu laden, das auch bald abfuhr. Meine Mutter kam mit einem Teil unseres Gepäckes und der Nachricht, daß es jetzt zu Fuß weitergeht, zurück. Denn „unser“ Laster war beschädigt, der Fahrer tröstete uns, daß es bis zum nächsten Dorf nicht mehr weit ist. Ich blieb bei dem Teil unseres Gepäckes, Mutter und Schwester holten den Rest. Dabei wurden sie wohl mit der brutalen Realität des Todes konfrontiert, denn erst später verstand ich ihren damaligen Zustand, Mienen und Gesprächsbrocken.
Ich weiß nicht, ob Mutter schon hier einen Teil unseres Gepäckes auf dem Laster ließ. Trotzdem war sie und meine Schwester schon doppelt bepackt, als es in Richtung des "nicht weit" liegenden Dorfes losging. Über die weiße Straße in der weißen Landschaft. Ich schleppte meinen Ranzen und zog den Sack mit der Bettdecke einfach hinter mir her. Es war kalt, die Landstraße wohl endlos und die Telefonleitungen summten, wie wohl immer im Winter. Sie, die ganze Welt um uns, schienen nichts von unserem Schicksal zu wissen.
Unsere Karawane wurde länger, die Menschen sprachen nicht mehr miteinander. Sie strebten nur ein Ziel an: Ankommen!  "Wir sind bald da - dort sieht man Bäume - hinter dieser Kurve wird sicher das Dorf liegen" und andere ähnliche Redewendungen waren das einzige, was man bei den immer öfter eingelegten Ruhepausen zu hören bekam. Man dachte nicht ans Essen oder Trinken, nur  "d a s"  Dorf beherrschte das Denken der Menschen, ...und meins. Alles Schlechte, alle Unangenehmlichkeiten, die Kälte - ja sogar die Angst schienen mir dort ein Ende zu haben. Als wenn wir wieder zu Hause wären.
Nur ankommen, endlich dasein!
Und irgendwann, es wurde schon duster, waren wir wirklich im Dorf - seinen Namen weiß ich schon nimmer. Es dauerte etwas, bis uns ein Quartier zugewiesen wurde. Es war kein richtiges Zuhause, sonder eine Ecke in einem großen Stall. Aber trotzdem, es war deutlich wärmer, es gab eine Menge Stroh und wir konnten das Gepäck verstauen und uns zusammen setzen. Als dann noch etwas Eßbares, ein paar Schnitten aus Gleiwitz, herausgekramt wurde und auch heiße, echte Kuhmilch dazu kam, fühlte ich mich fast so wohl, wie zu Hause. Ich hätte dort, jedenfalls in jenem Augenblick, immer bleiben können. Bis zu einem tiefen Schlaf, die ganze Nacht hindurch, war es dann nicht mehr weit. -  Aber wie gesagt, war das erst der Anfang meines Schicksaljahres 1945.
Geschrieben im Jahr 2006

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Weiter auf der Flucht
Die Realität erreichte uns - und auch mich - schon am nächsten Morgen. Die Sammelstelle für Flüchtlinge ist in Zittau. Dort mußte man sich melden, um eine Wohnungseinweisung zu erhalten.  Ordnungsgemäß!  Es lief halt auch noch damals, im Dritten Reich, fast alles "ordnungsgemäß" ab. So ging es am Morgen, mit Fuhrwerken der ansäßigen Bauern, zum nächsten Bahnhof, wo wir auf den Zug nach Zittau warten mußten. Es wurde Abend und es war wieder bitter kalt. Wohl hunderte Menschen warteten mit uns. Der Fahrdienstleiter ging tröstend durch die Menschen, blieb bei mir stehen und schaute mitleidig auf das Häufchen frierenden Elends, ...und nahm mich mit in seinen (warmen) Dienstraum.. Dort erwärmte ich mich etwas, doch als der Zug ankam, stellte es sich heraus, daß es in den Waggons so eisig war wie draußen.
Doch dann waren wir irgendwann in Zittau. Von der Stadt ist mir nichts im Gedächtnis geblieben, denn noch am gleichen Tag bekamen wir die Einweisung in eine Wohnung in Olbersdorf. Unser neues "Zuhause" gehörte Frau Exner, deren Mann an der Front war. Es war ein kleines Einfamilienhaus, in dem oben ihre Mutter wohnte, während sie das Erdgeschoß einnahm..Wir, dh. meine Mutter und ich, teilten mit ihr das Ehebett. Es war enger und auch etwas trauriger als daheim in Gleiwitz. Frau Exner war jetzt allein, die fehlenden Nachrichten vom Mann machten ihr sehr zu schaffen. Dann noch fremde Leute im Haus und die Aussicht, daß die Front auch sie nicht verschonen werde!  Ich erinnere mich, wie sehr sie mich ins Herz geschlossen hatte und ich ein paar Wochen wieder „normal“ verleben konnte, trotz der sich bei mir einstellenden Ohrenschmerzen und leichtem Fieber. Sie sagte meiner Mutter, daß sie mich sehr gern behalten würde, obwohl wissend, daß unser Aufenthalt in Olbersdorf nur eine vorübergehnde Etappe war.

Die Versorgung mit Essen verlief weitestgehend über eine zentrale, in der Schule eingerichtete Küche. Eintöpfe waren das Standardprogramm. Mir blieb eine dicke Erbsensuppe in Erinnerung...
Meine Mutter versuchte mit Gretel Kontakt aufzunehmen, doch das klappte nicht. Deswegen nutzte sie die Gelegenheit bevorstehender Evakuierungsmaßnahmen, um für uns eine Fahrkarte nach Bayern zu bekommen. So begann für uns, nach 2- oder 3-wöchigem Aufenthalt in Olbersdorf das nächste Fluchtkapitel.
Zu ihrer Entscheidung für unsere Abreise aus Olbersdorf trug auch meine Krankheit bei. Ich war erkältet und hatte Probleme mit dem linken Ohr. Mutter war überzeugt, daß in den geregelteren Verhältnissen Bayerns eine effektive, ärztliche Hilfe leichter zu haben sein werde. Als in den von Flüchtlingen überfüllten Ostgebieten und der nahenden Front.
Daß es falsche Hoffnungen waren, konnte sie nicht erahnen.

Jedenfalls saßen wir irgendwann also wieder in einem Flüchtlingszug, welcher uns in Richtung Bayern bringen sollte. Sollte.
Es ging schleppend voran, die Strecken waren überfüllt und die Militätransporte hatten absoluten Vorrang. Von einem Fahrplan konnte schon keine Rede mehr sein. Aus heutiger Sicht war jedes grüne Signal auf unser Strecke die individuelle Entscheidung eines Bahnbeamten, der diese Entscheidung treffen konnte, aber nicht mußte. Es gab immer genügend Gründe, um den Zug, manchmal stundenlang, stehen zu lassen. Die ständigen Luftangriffe, nicht nur auf größere Städte, waren auch für uns eine Bedrohnis unserer Reise. Deswegen auch, ohne daß wir es wußten, war diesem, unserem Flüchtlingszug, ein anderes Ziel vorgegeben...

Und wie es fast kommen mußte. Am nächsten Morgen erlebten wir etwas, was ich schon kannte: Tiefflieger die es auf unseren Zug oder die restlichen Bahnanlagen abgesehen hatten. Die Geräuschkulisse, der Motorenlärm und die Explosionen führten zur Panik. Die Menschen versuchten sich auf dem Boden der Waggons zu verstecken, was wegen der fast Überfüllung ein müßiges Unterfangen war. Ich jedenfalls wurde von Mutter heruntergedrückt, so daß ich im Schutze der Bank und teilweise unter ihr lag. Hier war es dunkel, eng, staubig und unheimlich. Aus manchen Waggons waren die Leute herausgesprungen um draußen ein Versteck zu finden.
Als die Aufregung zu Ende war und ich wieder durch das Fenster schauen durfte, sah ich die Menschen, die zum Zug zurückkamen, manche hatten sogar Gepäckstücke dabei. Im benachbarten Waggon war etwas passiert, es gab Aufregung und Geschrei, dann wurde ein erschossenes Mädchen in meinem Alter weggetragen. Auch andere Menschen, womöglich Familienangehörige, waren verletzt, ich sah Blut. Sie stiegen aus dem Zug und blieben dort. Andere hatten Schwierigkeiten beim Wiedereinsteigen. Die Trittbretter an den Waggons, waren hier draußen zu hoch und man konnte die Handgriffe nicht erreichen. Man half sich gegenseitig. Es dauerte lange, bis die Aufregung abflaute und der Zug sich dann wieder langsam in Bewegung setzte.

Und es ging weiter. Die Bahnfahrt, das Warten und ewige Hoffen hatten kein Ende. Es war kalt, über weite Strecken froren wir erbärmlich, die Bahn hatte wenig Kohle.  Abwechslung gab es nur selten, so z.B. in Bahnhöfen wo das Rote Kreuz warme Speisen oder Tee verteilte. Aber gewöhnlich stand der Zug irgendwo im Feld und die Leute meinten dann, hier draußen wäre es sicherer als in Bahnhöfen. Doch hier war es auch am langweiligsten. Verschneite Felder, ein paar kahle Bäume, ein andeutungsweise erkennbarer Weg vielleicht, ein Gehöft oder Häuser in der Ferne. Sonst nichts, keine Bewegung, keine Abwechslung.
Dann irgendwann ein Pfiff, das Rauschen und Poltern eines vorbeifahrenden Zuges. Ich atmete auf, eine Hoffnung entzündete sich: jetzt gehts weiter! Manchmal stimmte das: ein neuer Pfiff, ein Ruck und unserer Zug setzte sich in Bewegung. Erst zögernd und langsam, ich wartete mit den anderen darauf, daß das rhytmische Fahrgeräusch schneller würde, daß wir in Fahrt kommen und nicht etwa wieder stehen bleiben. Wenn es dann wirklich so war, wenn sich die Schienenstöße wie doppelte Herzschläge: "tak-tak" in immer schnellerer Reihenfolge bemerkbar machten, dann kehrte so etwas wie Ruhe in alle ein. Es ging voran, das Ziel kam näher. Für mich wurde es auch interessanter, denn durch das Fenster, das jetzt während der Fahrt leider wieder schneller zufror, sah man etwas. Man mußte nur mehr kratzen und hauchen. Es war fast wie im Kino. Immer ein paar neue Eindrücke, manchmal konnte man fern in die Landschaft schauen, dann wieder flog eine Böschung so nahe vorbei, daß man keine Einzelheiten mehr erfassen konnte. Oder man sah Menschen, die zu Fuß gingen und auf unseren Zug schauten - man wußte nicht wohin sie gingen oder von wo sie kamen. Manchmal sah man sogar einen Pferdeschlitten. Alles sah so anders als zu Hause aus. Es war dann nicht mehr langweilig.

Irgendwann in der Nacht kamen wir an. Aber wo? Es stellte sich heraus, daß der Zug in die Tschechslowakei geschickt wurde. Iglau war es wohl. Die vorhergegangenen Erlebnisse, mein nicht guter Gesundheitszustand hatten mich erschöpft, so daß ich unsere Ankunft im Lager Selletau nur bedingt wahrgenommen habe. Jedenfalls waren meine ersten, wahren Eindrücke von unserem jetzigen Zuhause - nachdem ich morgens aufgewacht bin - nicht euphorisch. Ich verstand die Niedergeschlagenheit meiner Mutter und der anderen Menschen, welche sich im gemeinsamen im Schlafsaal befanden. Es war eine Turnhalle, fast übervoll mit den Menschen und ihrem Gepäck. Ihre Ausstattung erinnerte mich an unsere erste Nacht in Zittau, nur hier gab es weniger Stroh und wie es sich bald herausstellte, war es noch kälter. Die Halle war unbeheizt. Alle versuchten mit Hilfe der Gepäck- und Kleidungsstücke, mit Decken und dem vorhandenen Stroh sich möglichst wohnlich einzurichten. Um der Kälte und, wie wir bald erfuhren, auch der knappen Lebensmittelversorgung die Stirn zu bieten. Und dazu kam die Langweile...

Auch für Mutter, Hilde und mich fing so der quasi normale Alltag in diesem Lager an. Mutters größte Sorge war wohl meine Gesundheit. Sie versuchte mir mit Tee und guter Ernährung(?), sogar mit "Leckerbissen", welche sie wohl von besser ausgestatteten Flüchtlingen geschnorrt hat, zu einem besseren Gesundheitszustand zu verhelfen. Ihr Bestreben, mir ärztliche Hilfe zukommen zu lassen, verlief im Endeffekt negativ. In Selletau, einem kleinen Ort nahe der österreichischen Grenze, gab es keinen deutschen Arzt. Der tschechische, an den Mutter verwiesen wurde, konnte oder wollte mir nicht helfen. Weder bei meinem Ohr noch bei meinen Erkältungssymptomen. Er verwies sie zu Hitler...
Da sie aber ohne Medikamente blieb, waren die im Lager zugänglichen Mittel der einzige Ausweg. Und wohl die Hoffnung auf bessere Umstände in der Zukunft.
Diese Zukunft war auch Mutters zweite Sorge. Sie tat alles, was unsere Lage verbessern konnte, hier waren es hauptsächlich die Bemühungen um eine neue Bleibe. Bei dieser Gelegenheit muß gesagt werden, daß die Bewegungsfreiheit der Millionen Flüchtlinge zum Ende des Dritten Reiches stark eingeschränkt war. Es waren praktische Ursachen die eine freie Reise verhinderten und verschiedene behördliche Auflagen oder direkte Verbote, was eigentlich auf das selbe herauskam. Jedenfalls waren wir jetzt in einem, sich auf die Freiheit besinnenden Lande, umgeben von im Regelfall nicht freundlich gesinnten Menschen, an dieses Lager, die deutsche Oase, gebunden. In Frage kam nur eine legale, mit entsprechenden Dokumenten bestätigte, Ausreise aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Das aber dauerte...

Unser Leben stabilisierte sich, soweit man das in diesen Verhältnissen behaupten kann. Wir fügten uns in den Rhytmus: Lebensmittelkarten  -  Ware suchen und kaufen  -  warmes Essen ergattern  -   sich vor der Kälte schützen. Wenn es um diese letzte Tätigkeit geht, kam uns die Witterung entgegen, der Frost war vorbei und ich durfte öfters ins Freie. Die Betätigung draußen, die Spiele mit anderen Kindern, waren ein wesentlicher Bestandteil meines damaligen Daseins. Meine Gesundheit war über Tage wieder besser, so daß ich auch "Erkundigungsreisen" in die nähere Umgebung des Lagers unternahm. Ich war doch schon 12 Jahre alt, also sollte ich meine Selbstständigkeit doch auch unter Beweis stellen können!!!
Wie es das Schicksal so will, bei einem dieser Ausflüge fand ich eine Lebensmittelkarte, für die man Butter bekommen konnte. Nach einem Gespräch mit Mutter bekam ich die Erlaubnis, einen in der Nähe liegenden Miniladen zu besuchen, um dort allein und selbstständig den Einkauf zu tätigen. Im Laden gab es nicht viel zu sehen, aber auf dem Ladentisch stand ein Butterklotz, ein richtiger Berg - wohl gerade der Umhüllung beraubt. So viel Butter auf einmal hatte ich noch nicht gesehen! In Gleiwitz war die Butter immer in kleinen, ½ Pfundpackungen. Und so kaufte man sie. Hier aber ging die Verkäuferin, auf meinen eher stumm geäußerten Kaufwunsch, mit einem großen Messer auf den Klotz los und schnippelte einige Ecken in ein Stück Packpapier. Es wurde noch gewogen, ich bezahlte etwas und begab mich stolz, ob des gelungenen Einkaufs auf den Weg zu Muttern. Dort wurde er begutachtet und sofort auch "gekostet". Ich bekam eine Schnitte, extra dick mit Butter beschmiert. Sie schmeckte köstlich und der Geschmack verfolgt mich bis heute.

Die Bemühungen um eine Weiterreise nahmen konkrete Formen an. Hilde, die bis jetzt, es war Anfang März, noch mit uns war, war doch eigentlich nur beurlaubt. Ihr Arbeitsplatz in Hamburg wartete auf sie. Von dort, oder auch anhand dieses Umstandes, bekamen wir die Fahrkarte und notwendige Grenzüberschreitungserlaubnis.
Fieberhaft verliefen die letzten Tage im Lager. Mutter hatte einen Schuster ausfindig gemacht, der meinem Ranzen einen zusätzlichen Tragegriff aus Leder verpasste. So sollten die Transportmöglichkeiten des jetzt noch schwereren Ranzens optimalisiert werden. Durch das Umpacken unserer Sachen und Reduzierung der Anzahl der Gepäckstücke, das auch für viel Aufregung sorgte, versprachen sich meine Erwachsenen mehr Mobilität. Und die war auf unserer Reise, diesmal mit normalen Zügen, fast fahrplanmäßig, nach Bayern gefragt. Hilde kümmerte sich um eine Mitfahrgelegenheit zum Bahnhof, denn zu dem waren es aus dem Lager einige Kilometer. Als auch das klappte - uns nahm ein lagerinterner Lkw mit - saßen wir eines Morgen auf dem Bahnsteig und warteten auf "den" Zug.

Er kam. Wir stiegen ein, der Zug fuhr ab. Ganz normal. Es war angenehm. Die Sonne schien. Der Zug war nicht überfüllt und so schien die Welt in Ordnung. Die Hoffnung auf günstigere Lebensumstände, auf einen Arzt, lebten auf. Ich konnte den Krieg vergessen. Durch das Fenster kam die Landschaft auf mich zu, es war hügelig und abwechslungsreich. Doch einmal erschrak ich sehr, als plötzlich eine steile, riesenhohe Felswand vor meinem Gesicht auftauchte und blitzschnell vorbeihuschte. Es sah aus, als wollte sie auf den Zug stürzen, doch die Leute im Abteil merkten es nicht einmal. Aber dann wurde es wieder angenehmer, Häuser und Dörfer tauchten auf. Irgendwann sagte Mutter: "Nun endlich wieder in Deutschland!" Also hatte ihr das Leben in Böhmen, wo man den Feindseligkeiten eines großen Teiles der Anwohner täglich gegenüberstand, wo man noch schlimmeres gehört hat, doch stark zugesetzt.
Also waren wir in Deutschland. Passau, umsteigen. Dann Regensburg. Warten auf die nächste Verbindung. Ein voller Wartesaal, Gepäck und Menschen. Auf einmal Fliegeralarm, die Sirenen heulen, eine kleine Panik beginnt. Rufe, Aufforderungen zum Aufsuchen des Luftschutzkellers schallen durch den Raum, auch wir verlassen ihn überstürzt. Erst im Bunker wird uns klar, daß ich den Ranzen mit unseren Dokumenten im Wartesaal liegen ließ. Inzwischen hört man draußen die Explosionen der Bomben, das peitschende Knallen der Flak. Zum Glück bleibt der Bahnhof verschont und nach "langer" Zeit gibt es Entwarnung. Wir hetzen die Treppen hoch und rennen in Richtung Wartesaal: der Ranzen ist noch da! Welch eine Erleichterung für mich, wohl nicht weniger für Mutter und Hilde.
Jetzt wird es uns auch hier ungemütlicher, möglichst schnell möchten wir zu unserem, als Treffpunkt vereinbarten, ehemaligem Feriendomizil in Wernberg. Wir kommen glücklich in den Zug - und dann sind wir da.

Aber die Genugtuung diese Ziel erreicht zu haben, währt nur kurz. Bald stellt sich heraus, daß der Ort keine Flüchtlinge mehr aufnehmen kann und auch wir ihn wieder verlassen müßen. Es gibt keine Anmeldung, keine Lebensmittelkarten ...und auch kein Quartier. Nur wohin? Mutter und Hilde sind unruhig, eher leicht verzweifelt. Mein Gesundheitszustand wird eher schlimmer, sind wir doch seit einigen Tagen in einem größeren Provisorium, als wir es im Lager hatten. Ich bekomme von diesem Ort nicht viel mit, wir hausen in der Gartenlaube der Familie Zach. Und da kommt die Erlösung!
Unverhofft kommt das Telegramm von der Lucie aus Mecklenburg: Ich habe für Euch ein kleines Zimmer besorgt, hier in Wittenburg! So stand es im Telegramm. Wir waren im siebenten Himmel. Fast der ganze Kummer war weg. Erst einmal wieder in geordneten Verhältnissen leben zu können, würde auch mir gut tun. Also wieder einmal: Auf zu dem neuen Ziel! Auf gen Norden!
Doch die Fahrt wurde zu dem für mich wohl schlimmsten Reiseerlebnis während unserer Flucht. Mein deutlich schlechterer Gesundheitszustand mit Schmerzen im Ohr veranlaßten Mutter zu einem direkten Aufbruch. Schnell wurde wieder einmal unser Gepäck umverteilt, ein teil bei Familie Zach hinterlassen und ab ging's zum Bahnhof. Viele Menschen warteten auf den Zug, so auch eine Menge junger Männer. "Von wo die in dieser Kriegszeit noch kommen?" wunderte sich meine Mutter.
Als der Zug einfuhr gab es ein rücksichtsloses Gedränge vor den Türen. Ich wurde von einem der Männer so stark gequetcht, daß ich vor Schmerzen und Atemnot laut aufschrie. Mutters Gemütszustand war wohl richtig angekratzt, ein blitzschnelle, schallende Ohrfeige dem Mann war ihre Reaktion. Der wußte garnicht was ihm geschah, aber wir, Mutter und ich, kamen deswegen ins Abteil hinein. Nicht so Hilde, die wurde abgedrängt, aber konnte doch ein wenig später, dank einiger freundlicher Menschen, samt ihrem Gepäck, den Waggon durch ein Fenster entern. Das aber erfuhren wir erst später, bei der Abfahrt dachten wir Hilde verloren zu haben.

Es ging voran. Wir fuhren durch Landschaften und Städte, an die ich mich nimmer erinnern kann. Es war auch spät geworden, die Natur verlangte ihres. Ich schlief, wachte auf, hörte aufgeregte Berichte über Bombardierungen, schlief wieder ein und wachte immer auf, wenn der Zug stehen blieb. Es gab Umleitungen, dann einen neuen Zug und ich konnte wieder schlafen. Die Reise war nicht mehr schön. Bei irgendeinem Aufenthalt gab es heißen Tee und Brote, organisiert durch das Rote Kreuz. Aber ich war schon so müde, daß ich die Zeitrechnung verlor. War es der zweite, oder gar dritte Tag unserer Reise? Egal, plötzlich waren wir in Schwerin. Im Wartesaal warteten wir auf Hilde, welche ausgezogen war, um etwas über unser weiters Fortkommen zu erfahren.
Wahrscheinlich waren es gute Informationen, denn wir waren auf einmal in Wittenburg. Wann und wie wir da ankamen, kann ich nimmer rekonstruieren. Es war für mich zu viel gewesen. Gut, daß sich Lucie einfand und uns in unser neues Heim führen konnte. denn alle brauchten wir Ruhe. Ich war wohl am meisten mitgenommen und habe unser neues Zuhause, seine Umgebung und alles was sich in den ersten Tagen abspielte, erst später mitbekommen. Ich war zufrieden, wieder in einem Bett schlafen zu können - etwas als mein betrachten zu dürfen. Eben ein Zuhause. Es war ein zwar kleines, aber angenehmes Zimmer in einem, wohl ehemals Einfamilienhaus auf der Bahnhofstraße.

Es waren die Märztage 1945. Unser Leben stabilisierte sich wieder einmal. Hilde war einen oder zwei Tage nach unserem Eintreffen in Wittenburg wieder weitergefahren, diesmal schon wirklich zu ihrem Arbeitsplatz. Wir wurden angemeldet, bekamen Lebensmittelkarten und ich lebte mit Mutter in diesem Zimmer. Lucie wohnte im Haus ihres Arbeitsgebers, dem Inhaber eines Fleischergeschäftes.
Für mich hatte alles schnell den Anschein einer Normalität. Gleiwitz, die ehemaligen dortigen Gegebenheiten, meine Puppen, waren fast vergessen. Sogar meine gesundheitlichen Beschwerden änderten nicht viel daran. Die Sorgen und Ängste der Erwachsenen, der Kummer meiner Mutter wegen der zerissenen Familie, der sich irgendwo abspielende Krieg  -  das alles wurde mir erst später bewußt. Nämlich dann, als es uns wieder direkt traf und wir vieles durchmachen mußten.
Vorläufig lief alles normal. Zwar war es oft kalt (Kohle war Mangelware), mit dem Essen und Sattsein gab es auch seine Probleme, trotzdem betrachtete ich das zu jenem Zeitpunkt als normalen Zustand. Mutter kümmerte sich um meine Gesundheit, wir waren beim Arzt und ich bekam Tropfen für mein Ohr, Tees die ich trinken mußte und Mutter applizierte mir auch die ihr bekannten Hausmittel. Wahrscheinlich wurde es besser, jedenfalls gab es für mich solche Zeiten, wo ich alle Beschwerden vergaß. Dazu half mir auch die Gesellschaft eines gleichaltrigen Mädchens, welches im Haus mit uns wohnte. Wir konnten miteinander spielen, uns unterhalten und an warmen Tagen auch die Welt draußen kennelernen.
Mutter sorgte fürs Essen, für meine Kleidung und dachte wohl oft an meine Schwestern, die alle wo anders waren. Lucie anfangs noch auf ihrem Bauernhof in der Nähe, mit ihr konnten wir uns oft sehen. Dann Hilde an ihrem Arbeitsplatz in Hamburg. Nur Gretel war irgendwo. Doch dann bekamen wir auch eine Nachricht von ihr. Sie war in Außig gelandet und wohnte dort unter uns unbekannten Umständen. Mutter schrieb ihr und wir bekamen dann auch von ihr Post.

Es war im April, als der Krieg auch unsere Stadt erreichte. Zwar fiel kein Schuß, aber es war schon ein komisches Gefühl, als fremde Soldaten - die Feinde - mit bereit gehaltenen Waffen auf ihren Panzerfahrzeugen durch die Stadt zogen. Die Gefühle der Erwachsenen, meiner Mutter, konnte ich erst viel, viel später erahnen. Da geht ein Krieg zu Ende, den wir die Deutschen angefangen und verloren haben. Ein Krieg, der unzähliges Leid über die Menschen gebracht hat. Ein Gefühl der Niedergeschlagenheit machte sich fühlbar. Aber auch der Zufriedenheit ob der Aussicht auf ein Ende des Wahnsinns, der Leiden und des Todes. Und das wir das überlebt haben.

Für mich begann eine leider nur kurze Zeit in der ich nicht mehr frieren brauchte und auch keinen Hunger hatte. Die Versorgungslage verbesserte sich kurzfristig, wohl vor allem aus meiner Sicht. Das wegen der Lebensmittel und Süßigkeiten die ich als Kind von den amerikanischen Soldaten zugesteckt bekam. Damals hatte ich auch die Gelegenheit, meine ersten Englischbrocken an den Mann zu bringen oder auch zu versuchen, die Deutschkenntnissse der Amerikaner zu verbessern. Jedenfalls habe ich diese Quasigespräche heute als etwas leichtes, müheloses und selbst verständliches im Gedächtnis.
Lucie hatte zu jener Zeit die Arbeit auf dem Bauernhof schon beendet, denn sie arbeitete bei dem Fleischer, wo sie auch wohnte. Ich betone das hier, denn es war womöglich der Grund, daß sich unsere Versorgung in jener Periode verbesserte.
Doch zu jener Zeit wurden die Amerikaner durch britische Besatzungstruppen ersetzt. Für mich war es ein negatives Ereignis, denn die menschlichen Berührungspunkte fehlten ab jetzt. Nicht nur für mich, alle haben es so wahrgenommen. Es dauerte nur eine kurze Zeit, da kamen Gerüchte auf, daß sich die Besatzungsmacht noch einmal ändern würde. Die Engländer widersprachen diesen Gerüchten, sie ahndeten sogar ihre Verbreitung. Trotzdem sollte es sich leider herausstellen, das es keine grundlosen Gerüchte waren. Viele Menschen, vor allem Flüchtlinge, äußerten ihre Ängste. Das sich konkretisierende Schreckensgespenst der sowjetischen "Unmenschen", durch die deutsche Propaganda allzu wach gehalten, wurde zur Tatsache. So gabe es Leute, Einheimische, die diesmal zur Flucht in den Westen aufbrachen.
So auch Lucies Arbeits- und "Wohnungsgeber". Sie hatten nämlich zwei Autos, einen schon in die Tage gekommen Pkw und eine kleinen Lieferwagen. Die Fleischerfamilie bereitete sich für die Flucht vor den angekündigten Russen vor und sie war sogar bereit uns drei mitzunehmen. Wie weit diese ganze Geschichte gediehen war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls erinnere ich mich an die riesige Enttäuschung, welcher die Erwachsenen ausgesetzt waren. Früh morgens stellte es sich heraus, das die Ukrainer welche als Gesellen beim Fleischer arbeiteten, die Wagen gestohlen haben und in Richtung Westen abgehauen sind. Denn sie hatten, so glaube ich heute, noch größere, als wir, Angst vor den Russen.
Andere Menschen in Wittenburg versuchten der Gefahr möglichst gewappnet zu begegnen. Symptomatisch für das Wissen über diese Menschen - welche sogar aus anderen Kulturkreisen stammten - war ihre Vorliebe für den Alkohol sowie ihr anderes Verhalten gegenüber dem privaten Eigentum. Ein sich im Keller unseres Hauses befindlicher Weinvorrat wurde, direkt vor der Ankunft der Russen von den Hausbewohnern hervorgeholt, die Flaschen reihenweise geöffnet und der Inhalt in den Ausguß gegossen. Ich erinnere mich an die wehmütigen Worte meiner Mutter: "Der viele Wein. Schade um den guten Wein." Der Zweck: Man hatte Angst vor dem vermuteten (oder bekanntem?) Treiben der Rotarmisten im Rausch. Man sprach vom verkleiden oder verstecken der jungen Frauen, von Vergewaltigungen. Ich konnte damit nicht viel anfangen, eigentlich nichts. Das aber die Vermutungen nicht grundlos waren, sollte sich bald bestätigen. Ein "erbeutetes" Motorrad und ein wahrscheinlich nicht ganz nüchterner Soldat ergaben ein schlimmes Bild, nachdem sie an einer Hauswand zerschellt waren
Aber ich konnte, trotz des sehr lückenhaften Verstandes der Geographie, meine ersten Vergleiche zwischen Menschen aus verschiedenen Nationen anstellen. Amerikanern, Engländern und Russen.

Denn diese Letzten waren jetzt da. Sie sahen nicht so ordentlich aus wie die Amerikaner oder Engländer. Auch ich hatte Angst. Nicht ganz unbegründet. Denn direkt nach ihrem Einmarsch mußten wir das Haus räumen. Die neuen Herren, die Russen, hatten es für sich auserkoren. Nach einigen Schwierigkeiten konnte Mutter für uns beide eine Dachkammer ausfindig machen. Die war so klein, daß neben dem Bett nur ein Stuhl Platz hatte. Wenn man aus dem Bett aufstand und einen Schritt machte, war man schon draußen. Für unsere Sachen war kein Platz, auch das Kochen geschah bei anderen Leuten. Zum Glück war es draußen schon so warm, daß ich verhältnismäßig selten im Zimmer war.
Die Lebensverhältnisse wurden deutlich schwieriger. Die Versorgung mit Lebensmitteln war unzureichend und ich war ewig hungrig. Gut, daß uns Lucie, im Zusammenhang mit ihrer Arbeit, immer etwas zustecken konnte, was auch meiner immer noch schlechten Gesundheit zugute kam.
Zu jener Zeit versuchte die russische Besatzungsmacht das Leben in normale Bahnen zu lenken, der versorgungskrise Herr zu werden ud wohl auch schon damals die ersten Schritte zur Einleitung einer leuchtenden, sozialistischen Zukunft zu tun. Es wurden Lebensmittelkarten eingeführt und die Schule ins Leben gerufen. Aber sie blieb ein einziges Provisorium. Nicht genug, daß es keine Bücher, keine Klassen gab, konnte auch von einem Lehrplan keine Rede sein. Praktisch alle bisherigen Lehrinhalte waren verfemt, denn deren nationalsozialistische Grundidee war nicht abzuleugnen. Und dann die mangelnde Ernährung und das ziemlich chaotische Lehrumfeld ... So blieben Fächer wie Rechnen und das Lesen alter Schriftsteller wie z.B. Goethe im Gebrauch. Und einige Verse, die wir auswendig lernten, sind mir bis heute geläufig.

Die kurze Schulzeit von damals blieb mir deswegen in angenehmer Erinnerung, weil ich dort zum ersten Mal, seit unserer Flucht aus Gleiwitz, wieder mit gleichaltrigen Mädchen, meinen damaligen Schulkameradinnen oder gar Freundinnen, zusammen kam. Eine dieser Freundschaften hat als Bekanntschaft die vielen Jahrzehnte überdauert. Hildegard Kurtz, so hieß sie damals, war meine beste Freundin.Dann war auch noch Gisela. Zusammen haben wir viel gesprochen, gespielt und die Zeit verbracht. Wenn ich nicht gerade krank war.

Da zu dieser Zeit, es war schon das Jahr 1946, die russische Verwaltung ihre Versorgungsprobleme mit der Ausweisung der Zugezogenen lösen wollte und ihnen das Recht auf Lebensmittelkarten absprach, entschied sich Mutter, mit mir und Lucie aus Wittenburg wegzuziehen. Sie hoffte auch, daß sie in einer größeren Stadt mit effektiverer Hilfe rechnen konnte. Für den Transport der Flüchtlinge mußten die Bauern Fuhrwerke bereitstellen. Wir kamen bei einer ostpreußischen Familie mit eigenem Trecker, Wohnanhänger und einem älteren Personenkraftwagen unter. Auch sie, wie viele andere, die nur Fuhrwerke hatten, hatten der Anweisung sich in die Heimat zu begeben, Folge geleistet.
Mir wurde der Abschied von schon heimischen Ecken, vom bekannten und von meinen Freundinnen schwer, doch ich half beim Verstauen unseres Gepäcks auf dem Anhänger. Dann begaben wir uns auf die nächste Reise ...
Der Trecker zog nicht nur den Anhänger - fast ein Zirkuswohnwagen - sondern auch den dahinter angehangenen Pkw. Entweder fehlte dem der Sprit, oder man war so sparsam. Entsprechend langsam ging es voran. Die Befehlsgewalt auf den Straßen hatten natürlich die Russen. So wurden wir auch nicht einmal angehalten und mußten uns ausweisen. Gleich bei der ersten "Kontrolle" wurde dem Treckerfahrer seine Taschenuhr "beschlagnahmt", deren Kette er leichtsinnigerweise sehen ließ. Auf mich machten diese Erlebnisse keinen zu großen Eindruck. Ich war wieder kränklich und nicht ganz da.
Als der Abend nahte, machten wir für die Nachtruhe halt. Weil ich schon so deutliche Anzeichen einer Krankheit mit mir trug, durfte ich mit meiner Mutter im Pkw übernachten. Die anderen bereiteten sich ihr Lager unter freiem Himmel. Leider war uns keine ruhige Nacht beschert. Denn sie war noch nicht zu Ende, da wurde ich durch laute Stimmen geweckt. Dann wurden wir aus dem Auto gezerrt. Mutter war noch so geistesgegenwärtig und schnappte sich ihr im Auto abgelegtes Gebiss und unsere Dokumente - meinen Ranzen. Dann waren wir schon draußen und das Auto fuhr im Schlepptau hinter einem russischen Militärfahrzeug davon. Die marodierenden Russen hatten es, trotz des Protestes des Eigentümers, "konfisziert". Sie hatten den Pkw schon an iher Fahrzeug angekoppelt, während wir noch schliefen. Es hat nicht viel gefehlt, da wären sie wohl mit uns losgezogen.

Da standen wir nun im Morgengrauen, ärmer um ein illusorisches Sicherheitsgefühl, mitten auf der Straße. Da es mir nicht gut ging, verließen wir den Trek in der unweit gelegenen Stadt Waren. Meine Schwester, die Lucie, hatte hier Bekannte und wir konnten kurzfristig in einem kleinen Zimmer unterkommen. Und ich wurde nach einigen Tagen wieder gesünder, aber es gab große Schwierigkeiten mit den Lebensmitteln. Man könnte sagen, es herrschte sogar Hungersnot. Das baden im Mürritzsee war wegen Seuchengefahr verboten. Dort sollten sich Leute, wegen der Hungersnot ertränkt haben. Vielleicht war es auch anders? Trotzdem blieben wir hier noch eine Zeit.
Denn wir erhielten eine Unterkunft bei anderen Leuten. Lucie ging aufs Feld arbeiten. Bei der Ernte für die Russen. Ich versuchte es in den Bäckereien der Stadt. Hier und da erbettelte ich ein Stück Brot, welches uns weiterhalf. Doch wurde es immer schlimmer. Dazu gesellte sich die Sorge um Gretel, von der wir nach dem Kriegsende nichts mehr erfahren hatten. Dann keimte bei uns die Hoffnung auf, daß Gretel sich nach Wittenburg durchgeschlagen hat. Hatte sie doch unsere dortige Adresse! Also wurde beschlossen: Zurück nach Wittenburg.
Wie wir uns, trotz unserem immer schmäleren Gepäck durchgeschlagen haben, kann ich mir nur bruchstückweise erklären. Da sind Erinnerungen an Fußmärsche, Fuhrwerke und so glaube ich, ein Stück Bahnfahrt. Jedenfalls kamen wir in dem schon vertrauten Wittenburg an und bezogen unser winziges Zimmer. Leider erfüllten sich unsere Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit Gretel an diesem Ort nicht. Trotzdem ging das Leben jetzt wieder seinen "normalen" Lauf. Lucie konnte wieder arbeiten und wohnen. Ich ging zur Schule. Diese und die Kontakte mit Freundinnen verhalfen mir zu einem relativ sorgenfreien Überleben. Wir hatten etwas zum Essen, zu welchem uns Lucie und unsere früheren Bekanntschaften verhalfen. Es blib die Sorge um Gretel.

Bis zu dem Moment, in dem wir eine Nachricht (Die Post begann schon international zu funktionieren) aus Gleiwitz bekamen. Gretel war nach Gleiwitz zurückgekehrt und wohnte im jetzigen Polen unter schwersten Bedingungen. Wir erfuhren auch, daß meine Großeltern mütterlichseits auch in Gleiwitz geblieben sind und wahrscheinlich irgendwie ihr Dasein fristeten. Das alles trug nicht zu Mutters Beruhigung bei, sie wollte etwas unternehmen, ihnen helfen. Trivial ausgedrückt, lief das alles auf den Satz hinaus, der bald einem gefügelten Wort gleichkam: "Wir holen sie da raus". Mit "da" war natürlich unsere obeschlesische Heimat gemeint, die nicht mehr ein Teil Deutschlands, sondern Polen war. Dem Polen, das meine Mutter schon kannte und wohl nicht in allerbester Erinnerung hatte. Denn woher sollten die schlechten Ahnungen stammen, die sie immer wieder, bei allen Gesprächen über ihre Eltern und Gretel, zum Ausdruck brachte. Im Brief stand zu wenig über die Lebensbedingungen, den Zustand unserer Wohnung und die sozialen Verhältnisse jener Tage. Trotzdem: Wir holen sie da raus!

So kristalisierte sich unser Streben immer deutlicher in Richtung unser ehemaligen Heimat. Die Verhältnisse in Wittenburg, der mehr oder weniger eindeutige Druck der Behörden auf die Zugezogenen, mit dem Ziel sich ihrer zu entledigen und auch die kargen Wohnverhältnisse halfen dabei.So kam es, daß wir uns im Herbst 1946, zusammen mit Lucie, die uns nicht allein lassen wollte - bestimmt aber auch etwas Heimweh verspürte, mit dem Minimum unserer Habe, auf den Weg machten. Mein Markenzeichen: Der Schulranzen mit allen unseren wichtigen Sachen war wieder auf meinem Rücken!

Zwar verlief unsere "Heimreise" nicht ganz problemlos, denn diesmal erkrankte Mutter. Wir mußten einige, oder sogar einige gute Tage, in Berlin überleben, während Mutter zu dieser Zeit im Krankenhaus war. Aber dann wurde sie entlassen und am 13.12.1946 überschritten wir die polnische Grenze. Schon in Posen, das jetzt Poznan hieß, hatte ich mein erstes , polnisches Erlebnis. Wir mußten hier umsteigen, dh. warten. "Ich mußte mal" und ging in die Toilette. Legte da, bevor ich in die Kabine ging, mein persönliches Täschchen mit meinen persönlichen Schätzen auf dem Waschtisch ab. Doch als ich etwas später wieder raus kam, war es weg! Gestohlen! Mit meinem Poesiealbum und u.a. der Adresse des amerikanischen Soldaten, welcher Sehnsucht nach seiner Tochter hatte, die in meinem Alter war. Ich sollte ihn nach dem Kriege besuchen... Doch auch diesen Rückschlag verkraftete ich, denn am nächsten Tag kamen wir in Gleiwitz, nein, leider schon Gliwice an. Unsere letzte Reise, wie es sich bald heraustellen sollte, war beendet. Eine neue Zeit fing für uns an....
Erinnert 1993

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Wieder in Oberschlesien, nur diesmal schon Polen
Anders: Meine 34 Jahre in Polen. Habe meine Erinnerungen zu verschiedener Zeit notiert, aber als Ganzes noch in Bearbeitung
Wenn das jemanden, der diese Zeiten kennt, interessieren sollte...?



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Spion
Auch heute noch versuche ich alles Schlechte, welchem ich im Krieg und auch in der Nachkriegszeit begegnet bin, zu vergessen.
Vor allem aber die schwierigen Begebenheiten während der Nachkriegszeit. So die Zeit während und nach der Flucht aus Gleiwitz, der Aufenthalt in Mecklenburg und die durch die Besatzungsmacht, die Russen, befohlene Rückkehr nach Gleiwitz – was ich aber schon in den früheren Erinnerungen niedergeschrieben habe.

Doch hier möchte ich noch einige Hintergründe meiner Aversion, dem Leben im damaligen Polen betreffend, erläutern.
Als wir, meine Mutter, die Lucie und ich, im Dezember 1946 nach Gleiwitz zurückkamen, fing es mit der Sprache an. Aus der normalen Schule wurde ich entfernt, die Dorfschule wurde zum Ausweg. Doch fand ich damals auch eine Polin, welche mir zur guten Freundin wurde. Dank ihr ging es auch mit der Sprache voran.
Doch die andauernde Kritik an allem Deutschen – also auch mir – verfolgte mich auf Schritt und Tritt. So z.B. die Schikanen um die deutschsprechenden Kinder, die Unmöglichkeit einer neuen Arbeitsstelle, oder auch die vielen Nachteile welche meinem Mann, also unserer Familie, zu teil wurden.

Deswegen kam die Zeit, welche über Jahre hinweg andauerte, der fast pausenlosen Bemühungen um eine legale Ausreise aus Polen, es waren wohl über 25 Jahre...
In dieser Zeit, nachdem die Kinder schon selbstständiger waren, versuchte ich eine Arbeitsstelle zu finden. Es waren aber vergebliche Mühen, denn mein Ausreisebegehren stand dem im Wege.

Doch jetzt komme ich zu der eigentlichen Geschichte, welche den Titel erklärt.
Ich brauchte eine Geburtsurkunde von Monika, also begab ich mich zum Standesamt im peiskretschamer Rathaus. Dort, wie man es eigentlich gewohnt war, eine Menschenschlange in welcher alle ein ähnliches Anliegen hatten. Doch hatte ich vorher, im Vorübergehen, das Schild: „Personalbüro“ gelesen. Mich durchzuckte ein Gedanke: „Warum eigentlich nicht?“ - Ich reservierte mir meinen Platz in der Schlange und ging dahin. Dummdreist wendete ich mich an die dort beschäftigte, sympathische Dame mit der Frage nach einer eventuellen Arbeitsstelle. Wohlweißlich verschweigend, später sogar lügend: „Nein, meine Kinder sind schon größer und ich habe nicht vor, Polen zu verlassen“.
Ja, erfuhr ich, eine Kraft mit meinen Qualifikationen würde gesucht! Wunderbar! Schon am nächsten Tag konnte ich meine Arbeit antreten. Meine Chefin, eine liebe Frau, war mit mir sehr zufrieden, denn ich konnte allen ihren Ansprüchen, ohne vielen Erklärungen, direkt genügen. Ich fühlte mich da einfach wohl.

Doch das Damoklesschwert hing über meinem Haupt, was ich womöglich vermutete, aber nicht wahr haben wollte.
Nach einem, oder zwei Monaten trudelte wiedermal die obligatorische Liste der Ausreisewilligen aus Peiskretscham, erstellt durch die Woiwodschaftsmiliz, ins Haus, in welcher sich auch mein Name wiederfand!
Das gab einen Aufstand! Die Sekretärin der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei in der Stadtverwaltung wollte mich, wegen versuchter Spionage, vor Gericht bringen. Doch hier kamen die gemäßigteren Ansichten meiner Chefin wie auch der Bürgermeisterin zur Geltung. Ich sollte einfach nur sofort entlassen werden, wobei aber meine Chefin, der die Arbeitsvorschriften wohl geläufiger waren, hier noch einen sanfteren Weg aufzeigte. Nämlich, wegen meines bisherigen Arbeitsverlaufes, die Entlassung erst nach dreimonatigem Termin zulässig war.

Also arbeitete ich noch weiter, beobachtet mit kritischem Auge der Partei und isoliert von allen „wichtigen“ Unterlagen. Nun, mir war es egal. Denn etwas später, im Januar 1980, bekamen wir die Ausreisebewilligung, nach Deutschland!

Den Ausklang dieser Geschichte bildet für mich die gute Meinung welche meine Chefin von mir hatte, sowie die Genugtuung über die gute Arbeit, welche ich da während des halben Jahres geleistet habe. - Daß diese Meinung kein Strohfeuer war, bezeugt das bis heute andauernde, freundschaftliche Verhältnis zu ihr.

Es gibt halt überall, hier oder in Polen, „Leute und Leutchen“.

Geschrieben im Jahre 2015

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